Ich werde mein Leben lang üben…

Heute vor 13 Jahren hast du morgens zum letzten Mal die Augen aufgeschlagen. Wenn ich meine schließe, dann kann ich dich in dem lichtdurchfluteten Schlafzimmer mit der Schräge unterm Dach deines Häuschens sehen. Hier wolltest du, der so mutig war, mit 68 einen neuen Anfang zu wagen, noch einmal glücklich sein – doch das Leben hatte andere Pläne. Und statt ein paar Tage später mit dir zu feiern, dass nun endlich alles einen Platz gefunden hatte im neuen Zuhause, räumten wir Geschwister kurze Wochen nach dem Umzug deine Sachen in Kisten und teilten das, was dir am liebsten gewesen waren, als Erinnerungen unter uns auf.

Grab

In den ersten Jahren nach deinem Tod wuchs dieser Tag, an dessen Ende du neben einer Tanzfläche zusammengebrochen bist, wo die Ersthelfer dich nicht retten konnten, sich zu einer vollen Woche, manchmal dem ganzen Januar aus in seiner Bedeutung. Er schlich sich an, besprühte uns mit seinem eisigen Nebel und wickelte uns ein mit seiner Dunkelheit. Er stach Kummer wie kleine Eiszapfen in unsere Herzen, die verstummten im Angesicht deines Todes. Wir Geschwister waren füreinander da, fanden Trost in den Armen der anderen, die ohne dich nicht in der Welt wären. Doch spürten auch schmerzhaft das Fehlen der zweiten Hälfe: Von all dem Scheitern, das wir in den Beziehungen zu unseren Müttern erlebten, war keines größer in seiner Hilflosigkeit, als nicht gemeinsam um dich zu weinen.

Mit den Jahren lernen wir, diesen Tag kommen und gehen zu sehen, ohne daran immer aufs Neue zu brechen. Der laute Ton der Trauer im Verlust ist zu einer Melodie geworden, die im Hintergrund flüsternd spielt. Ein dunkler, ruhiger Ton im Klang der Tage, der nur noch selten anschwillt und alle Aufmerksamkeit fordert. Das vergangene Jahr war so voller Wunder und voller Abschiedskummer, dass mein Herz noch überquillt von seinen gewaltigen Momenten. Und vermutlich liegt es daran, dass sich die Tonfolge dieses speziellen Tages gerade heute mit solchem Fortissimo in mein Herz spielt. Ein letzter Morgen, ein letztes Frühstück. Ein letztes Lachen, ein letzter Tanz. Ein letzter Schritt, ein letzter Atemzug. Vor 13 Jahren. Eine Zahl und darin eine Ewigkeit an Momenten, die wir ohne dich erlebt haben.

Foto Paps

Deine kalte, starre Hand in der einsamen Stille der Leichenhalle. Dich zu sehen, deine Hülle, dich schon zu vermissen, dein Herz, das nicht mehr schlug unter dem Hemd, das dir fremde Hände übergestreift hatten für die letzte Reise. Die dich für immer von uns fort führte und uns doch nicht trennen kann von der Liebe, die dein Herz angetrieben hat, auch durch die langen Jahre deiner Krankheit. Der du ins Gesicht gelacht hast, als sei nichts dabei. Als sei das nicht die größtmögliche Ironie, dass dieses Organ so stark ist in seiner Liebe, aber von schwacher Konstitution. Doch eine solche Denke war dir fremd. Du hast dich nie bestimmen lassen von der Krankheit, bist ihr mutig entgegengetreten und hast uns aufgefordert, es dir gleichzutun.

Manchmal habe ich diese Kompromisslosigkeit gehasst, an der wir wachsen, die uns stark machen sollte. Ich wollte noch nicht stark sein, mich lieber hinter deinem Mut verstecken, dich die Kämpfe austragen lassen, die das Leben mir ausrichtete. Du hast mir den Rücken gestärkt und meine Hand gehalten, wenn der Moment neu und bedrohlich schien. Du hast die Hand kopfschüttelnd hinterm Rücken versteckt, mir Mut zugeflüstert und den einen Schubs gegeben, den es brauchte, damit ich Herausforderungen alleine meistere. So, wie du vor keiner Aufgabe zurückscheutest, hast du auch uns alles zugetraut. Und mal war das Fluch, aber viel öfter war es Segen, den ich noch heute spüre, wenn das Leben mich fordert.

Muemling

Beziehungen werden vom Leben geformt, nicht dem Tod. Du bist Konflikten und Streit nie aus dem Weg gegangen. Mir hat das auch Angst gemacht, in unserer Rohrspatzverwandtschaft, wenn wir miteinander in den Ring gestiegen sind. Was, wenn wir uns nach dem Kampf nie wiedersehen? Du hast das nicht gelten lassen, weil die Liebe sich doch nicht definiert über einen letzten geteilten Moment. Uns hat das Leben beschenkt mit einer liebevollen letzten Umarmung, gemurmelten Dankesworten und einem unverhofften Telefonat, nur Stunden vor deinem letzten Atemzug.

Und doch hat mein Herz diese Scheu vor Konflikten nie ganz abgelegt, den Moment der Furcht, ein gestrittenes Wort könnte den letzten Punkt setzen. Nach deinem Tod habe ich in Endlosschleife „Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst“ gehört und die Zeile ist mir geblieben mit ihrem einfachen, ernsten Wunsch, Liebe zu den Herzmenschen immer zu pflegen, wachsen zu lassen und sorgsam zu behüten.

Couchpotatoes

Ich bin gewachsen an deinen Erwartungen. Du hast mich stark gemacht mit deinem Mut. Und doch durfte ich immer schwach sein bei dir. Deine Liebe hat keine Forderung gestellt. Jede Träne hast du aufgefangen mit deinen großen, weichen Händen, von denen eine ganz besondere Wärme ausging. Jedes Glück hast du vermehrt mit deiner ganz besonderen Art, dich zu freuen, die ganz ruhig war, beinahe still, aber ein Feuer entfachte, das hell brannte.

Ich vermisse diese Hände. Ich vermisse dieses Feuer. Und ich vermisse dich. Deinen klugen Witz, deinen Rat. All die Momente, die uns nicht geblieben sind. Und weiß doch, ich kann dich niemals verlieren. Weil die Erinnerung an dich als neues Feuer in mir brennt. Und ein Echo deiner Liebe in jedem Schlag meines Herzens klingt. Ich bleibe immer deine Tochter.

Casablanca: Liebeserklärung beim Poker

Als meine jüngere Schwester und ich kleine Mädchen waren, gab es beim Sonntagsfrühstück ein Spiel, an dessen Entstehung sich niemand aus der Familie erinnern kann: Wer zuletzt an den Tisch kam, lief im Kreis von Stuhl zu Stuhl und gab den anderen einen Kuss. Wir Mädchen machten uns einen Sport daraus, dass dies unser Paps war. Unter fadenscheinigen Gründen lockten wir ihn zurück in die Küche, wenn er bereits saß, nur um dann an ihm vorbei ins Esszimmer zu stürmen, uns hinzusetzen und lautstark zu fordern, er müsse die Kussrunde abhalten.

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Natürlich war ihm klar, was wir da trieben, doch er ließ sich immer darauf ein und hatte vermutlich ebensoviel Spaß wie wir. Ich erinnere mich daran, wie er bei einer dieser Kussrunden scherzhaft nach meinem Kinn griff und mit verstellter Stimme sagte: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Was? Er wiederholte den Satz, meine Schwester und ich sahen uns über den Tisch hinweg achselzuckend an: Was meint er? Mein Paps fiel aus allen Wolken: „Was, ihr kennt Casablanca nicht? Dann müssen wir den unbedingt schauen!“

Ich mag damals zehn, elf Jahre alt gewesen sein, meine Schwester entsprechend sieben oder acht und meine Eltern entschieden, sie war noch zu klein, um den Klassiker anzusehen. Ich aber sollte ihn kennenlernen und wir schauten ihn am nächsten Wochenende. An den Film erinnere ich mich weniger als an das gemeinsame Erlebnis und daran, dass ich absolut hingerissen war, wenn Rick (Humphrey Bogart) seiner Ilsa (Ingrid Bergman) den berühmten Satz so lässig zumurmelte.

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Meine Mutter freute es jedes Mal, wenn Sam „As Time Goes By“ spielte – und mein Vater war dem Glanz seiner Augen nach zu urteilen verknallt in Ingrid Bergman. Dass die am Ende mit Victor Laszlo (Paul Henreid) in den Flieger stieg, statt bei Bogart zu bleiben, war mir allerdings absolut unverständlich – wer steigt in irgendeinen Flieger, wenn die Alternative lautetet, mit Mister Superlässig zu leben?

Es sollten viele Jahre vergehen, bis ich den Klassiker erneut sah. Dabei feststellte, das gezeigte Casablanca wurde hauptsächlich im Studio zusammengebastelt. „As Time Goes By“ ist auf Dauer nicht halb so romantisch wie nervtötend – und viele Dialoge wirken arg zusammengeschustert. Eigentlich lebt der Film tatsächlich nur von der berühmten Zeile: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Und das gilt nur für die deutsche Fassung, denn das berühmte Zitat verdankt „Casablanca“ seinen Übersetzern – und einem Zufall.

Im englischen Original spricht Rick nämlich nicht davon, Ilsa in die Augen zu sehen, sondern sagt lediglich: „Here’s looking at you, kid“, ein Satz, den Bogart häufig benutzte, als er Bergman in den Drehpausen Poker beibrachte – und der erst nach einem improvisierten Take im Film landete.

(Aus: 111 Gründe, an die große Liebe zu glauben)

Fotochallenge: Love in black and white

In den sozialen Netzwerken wird derzeit zu einer Black-And-White-Fotochallenge aufgerufen und auch ich habe die Nominierung an- und daran teilgenommen. Obwohl die Bilder meist spontan entstanden sind (oder auch einfach mal nur entfärbt wurden) steckt ganz schön viel drin.

Liebe vor allem.

Zu der Heimat, die ich verlassen habe und der, in die ich aufgebrochen und in der ich angekommen bin. Zu dem Mann, dessen Ja für immer in meinem Herzen klingen wird und dem Ort, an dem wir es uns gegeben haben. Zur weltbesten Steppy, die mein Leben bereichert und zu unseren Tigern, die ich nie mehr missen möchte. Zu meinem Job und dem kulturellen Leben um uns herum. Manchmal entstehen Liebeserklärungen ganz ohne, dass man es geplant hatte.

Vielleicht sind sie dann am schönsten.

Day 1: Christmasmarket, Mainz. This town will always be special to me.
Tag 1

Day 2: Villa Clementine, Wiesbaden. Oh happy day. Forever in my heart. Homecoming.
Tag 2

Day 3: Sweet little devil. Shared custody wih Steppy. Love everywhere.
Tag 3

Day 4: Do what you love. Love what you do. Writing. Always.
Tag 4

Day 5: Troubled little loveboy. I chose your name wisely in every way.
Tag 5

Day 6: Let there be art. Always. Also, Wiesbaden. You’re good to me. Thanks.
Tag 6

Day 7: Move your body to rest your mind. I love being here.
Tag 7

Schreiben für Kinder | Always Team Toni

Gelegentlich schreibe ich für „Kruschel – Deine Zeitung“, die Kinderzeitung der Verlagsgruppe Rhein Main. Für einen Beitrag über Blutkrebs hatte ich kürzlich mit der DKMS zu tun. Im Nachgang meldete sich Julia Runge, die mir dort meine Fragen rund um Leukämie beantwortet hatte, um zu fragen, ob ich anlässlich des Weltkindertags am 20. September einen Gastbeitrag für den DKMS-Blog schreiben könnte. Darin sollte ich meine ganz persönliche Herangehensweise beim Schreiben für Kinder darlegen. Ich schätze die Arbeit der DKMS sehr und habe das deshalb gerne getan. Mein Text findet sich hier. Im Blog veröffentliche ich ihn für Tonis Familie auf Englisch.

Toni with her mom and dad and her brother Kam. (Foto: The Marino Family)

Toni with her mom and dad and her brother Kam. (Foto: The Marino Family)

There’s this saying: Be who you needed when you were younger. Like for many quotes, the internet identifies different sources so I can’t say exactly who it is from. But to be the person you needed when you were younger seems like a good thing to do when writing for kids, too. As I think it’s generally a good idea to remind us of the times we ourselves were children with oh so many questions. Back then, nothing was more annoying than a grown up telling us we were too little to understand.

I once attended a workshop on writing for children and the teacher back then explained to us, when doing so it’s really not WHAT but HOW that matters most. Which is to say, as a journalist you can offer children pretty much every topic. The important thing is how you deal with said topic. Which pretty much matches the childhood memory of always wanting to know everything.

Of course, this also means there’s quite a margin of judgement. But this, on the other hand, is true for the profession in general: The chief editor has to decide which topics to cover, the head of local news can only make so many appointments and every journalist decides each and every time anew how to deal with a certain subject. So, the margin of judgement is not only at work when writing for kids but rather part of the job itself.

Tonis Geschichte in der Kinderzeitung Kruschel. (Quelle: VRM/Kruschel)

Tonis Geschichte in der Kinderzeitung Kruschel. (Quelle: VRM/Kruschel)

When my nephew who is now eleven years old asks me about something I will probably answer his question somewhat different from how I did a couple of years ago. If he asks me again in four years my answer will yet again differ. Of course, not in its substance but in the way I talk to him and explain things. I might be more detailed every time and with growing age tell him things I once held back to protect him. In our day-to-day routine we handle these things very intuitively and I believe we should keep this intuition at heart when writing for kids as journalists.

How did grandpa find his way to heaven? Why does war exist? Why do people detonate bombs on their body? Why do children have to die? Kids have so many questions and some of them might scare us as adults. It’s a natural reflex to want to protect them from all of this. But protecting them from these topics means protecting them from the world we – they! – live in.

We can’t find explanations for everything but we can try, open doors, talk about things and with that take some of the fears away that children experience. And it’s okay to write that there’s not an answer to everything and that sometimes when sad or stressed its best just to hug your dad or cuddle up to your little sister. War, terror, illnesses, misery – all of this is real and exists all around us. It is important, not to keep this knowledge from children. But it is just as important to handle these topics in a way that assures them rather than scares them.

Yes, there’s a deadly war going on in Syria and that’s quite scary. Families run off and leave everything behind that’s dear to them. We can’t change anything about that. But we can tell children how it’s possible to help these refugees in our countries, how they can collect toys and games for them or be extra niece to the new girl in their class. Yes, it is unsettling how Mum cries all day. But she has an illness called depression. It’s like a broken bone in her soul. She’s sick and it’s never ever the child’s fault. She still loves her kids, she just can’t show it. Yes, cancer is scary, especially if it’s a kid who fights it. But one learns to live with it because there’s no other way. And as a family it’s even possible to grow with the situation, against all odds.

The one and only Toni Macaroni. (Foto: The Marino Family)

The one and only Toni Macaroni. (Foto: The Marino Family)

Whenever I write for children I imagine a child I’m explaining something to. A lot of times it’ll be my nephew. He once asked his mom why it is that not everybody donates their organs. That way death would still be very sad but at least everyone dying would help another person to live. This show’s that sometimes children have the best explanations after all. Because of that it’s very important for a journalist to be a good listener.

This is how I stuck with Toni’s story. I met her mom Lacy when spending a year in the US in my teens. Shortly before her 9th birthday Toni was diagnosed with leukemia. In the children’s newspaper “Kruschel – Deine Zeitung” her story reads like this:

A short while before her ninth birthday, the doctors diagnosed Toni Marino with leukemia. This happened in October 2013 and was a real shock for her family. Luckily, at first the chemotherapy destroyed the cancer-cells in Toni’s body. But unfortunately, she didn’t stay in remission very long. The cancer returned in the summer of 2014. It was then that her little brother Kam did something really heroic: He became a donor for his sister! Toni was brave and a bold fighter. She did miss her friends and the school, though. And the stupid cancer kept returning… Toni died on December 26th, 2016. Her family is very sad and misses her so much! But they’re also very thankful for what Kam did. He says: “I was scared to give my bone marrow, but it didn’t hurt that bad. I was glad that we had that option to help my sister, Toni. We were able to make a lot more memories because I donated my bone marrow.” They think about Toni very often and when Kam misses her most, he cuddles with Smokey, the dog Toni rescued from a shelter.

Of course, it’s unbelievably sad that Toni had to die. But there’s also so much hope in her story because her family pulled through and grew stronger while a lot of families in similar situations fall apart under the painful pressure. To show this hope in the story is the matter of HOW I was writing about earlier. If we succeed in doing this as journalists we don’t overburden children but rather help them along their way of finding out that the world’s made up of good and bad, joy and sorrow, laughter and tears.

My favorite picture of you: Für immer Dadi

Als meine Mutter mit mir hochschwanger war, fragte eine Bekannte meiner Eltern die beiden, ob sie schon eine Babysitterin hätten? Falls nicht, die Freundin ihres Sohnes lerne Erzieherin und sei noch auf der Suche nach Jobs. So einfach bist du in unsere Leben gekommen. Als Erstes warst du tatsächlich unsere Babysitterin, oder besser, wart ihr unsere Babysitter: Du und dein Freund habt, noch unverheiratet, eure Partywochenenden damit begonnen, erst auf mich, später auf mich und meine kleine Schwester aufzupassen, bis unsere Eltern von ihren Verabredungen zurückkehrten. Du warst gerade 17, als ich auf die Welt kam, Rainer 19. So lange ich denken kann, seid ihr immer da gewesen. Und wenn der Himmel unserer Kindheit sich verdunkelte, warst du der helle Stern, an dem wir uns orientieren konnten, der uns Trost spendete.

Es kam der Punkt, an dem eure Pläne fürs Wochenende sich nicht mehr damit vereinbaren ließen, auf zwei kleine Mädchen aufzupassen. Doch du wolltest uns auch nicht abgeben und schlugst so meine Eltern vor, deine Mutter könnte als Kinderfrau ein neuer Mensch in unserem Leben werden. Unsere Eltern stimmten zu und die deinen wurden ein Teil der Familie. Ich kann nicht mehr sagen, wieso du die zwei Mutti und Vati nanntest, wohl aber weiß ich, die Begriffe waren uns fremd und wir brachten sie nicht mit Eltern in Verbindung. Deswegen sagten auch Nina und ich bald Mutti und Vati zu den beiden, was für allerhand Verwirrung sorgte, wenn sie uns beispielsweise von der Schule abholten und für unsere Eltern gehalten wurden.

Liebe auf den ersten Blick.

Liebe auf den ersten Blick.

Noch lange vor der Schulzeit zogen wir Schwestern uns am Ende der Besuche bei deinen Eltern regelmäßig splitternackt aus, wenn unsere Mutter zum Abholen kam, und versteckten unsere Klamotten in Schrankfächern und Sofaritzen. Weil wir glaubten, dann nicht mit nach Hause zu müssen, sondern bei Mutti bleiben zu können. Dort aßen wir Stachelbeeren aus den Büschen und Sauerkirschen aus den Bäumen, und wir fanden Zuflucht, wenn die Situation zuhause uns wieder mal verwirrte. Wenn wir Mädchen bei deinen Eltern übernachteten, schliefen wir im ersten Stock in deinem Kinderzimmer. Nachts fürchteten wir uns manchmal in der fremden Umgebung, dann liefen wir hinunter ins Erdgeschoss. Aber dort machte uns der schwere, rote Samtvorhang vor dem Schlafzimmer noch mehr Angst als die bösen Träume und wir schlichen zurück in dein Bett, das auch Jahre nach deinem Auszug noch roch, als hättest du gerade darin gelegen.

Als in meiner wilden Teenager-Zeit die Mode der 70er mitten in den 90er Jahren anklopfte, warst du es, die mir zu kompromissloser Stilsicherheit verhalf, in dem du tütenweise alte Schlaghosen vorbeibrachtest. Und während ich meine Beine in die Hosen deines Mannes steckte, waren es deine abgelegten BHs, die mir eine erste Ahnung davon verliehen, was mich erwartete, wenn aus dem Mädchen, das ich war, eine Frau werden würde. Sie flüsterten mir die Geheimnisse zu, die ihr miteinander erlebt hattet, und bereiteten mich vor auf das, was da kommen würde.

Im Krankenhaus hat der letzte BH, den du getragen hast, achtlos in einer Tasche neben deinem Bett gelegen. Er wartete darauf, sich wieder an dich zu schmiegen, so wie die saure Limonade den Glauben nicht aufgeben wollte, noch von dir getrunken zu werden. Doch du warst in nur wenigen Tagen so schwach geworden, dass du nur noch wenig wahrgenommen hast. „Es ist Zeit“, hatte dein Mann mir am Telefon gesagt – und verständnislos hatte ich die Worte in meinem Kopf wieder und wieder nachklingen lassen. Wie war das möglich?

Be kind to one another.

Be kind to one another.

Im letzten Winter waren wir beide zeitgleich im Krankenhaus gewesen und seither hatte sich zwischen uns ein unfassbar enger Dialog entwickelt, für den ich den beiden Krankheiten ewig dankbar sein werde. Denn im Erwachsenwerden war das Band zwischen uns zwar nie gerissen, doch es hatte Phasen erlebt, in denen wir es weniger pflegten. Du hast es nie krumm genommen, wenn wir Mädchen uns eine zeitlang wenig meldeten. Im Chor der Beziehungen meiner Kindheit singen viele Stimmen, die mich lange vor der Zeit in die Rolle der Erwachsenen drängten. Bei dir aber durfte ich immer Kind sein, sogar, als ich es längst nicht mehr war. Du hast mich geschützt und behütet; dafür kann ich dir nicht genug danken. Als die Schwester im Krankenhaus uns zusammen gesehen hat, sagte sie nickend zu mir: „Sie sind die Tochter.“ Wir widersprachen nur halbherzig.

In den großen Verwirrungen meiner Jugend, als zuhause die Unwetter ausbrachen und das kleine Boot, das ich war, zu zerbrechen drohte am Brausen und Tosen, in das es geworfen wurde, wurdest du erneut mein sicherer Hafen. Ungezählt die Abende, die ich auf eurem Sofa verbrachte, einfach nur sein durfte, Luft holen und Kraft schöpfen. Die Gespräche in der Küche über kleingehäckselte Kaninchen im Spinat, Kochtipps und unaufdringliche Lebensweisheiten. Wenige Jahre später war es meine kleine Schwester, die in eurer Küche saß, der du deine Geheimnisse über Buttercreme beibrachtest und für die du der menschliche Ort wurdest, an dem sie auftanken und Luft holen konnte. Du hast uns mehr als einmal das Leben gerettet und bleibst für immer ein Teil von uns.

Die Flüssigkeiten, die aus deinem Körper laufen, haben dieselbe Farbe wie meiner Fingernägel. Deine Nägel sind frisch manikürt und wirken wie ein höhnisches Zeichen dafür, dass plötzlich alles so schnell gegangen ist. „Wie läuft deine Chemo?“ „Was machen eure Hochzeitsplanungen?“ Diese zwei Themen bestimmten unsere Gespräche der letzten Monate. Die Chemo, zuerst erfolgreich, die Hochzeit, dein wichtigstes Etappenziel: diesen Tag wolltest du mit uns verbringen. Nach dem Besuch bei dir in der Klinik in dieser Woche werde ich nachts plötzlich wach, panisch: Habe ich all die Dankesworte tatsächlich bei dir ausgesprochen, die mein Herz nach der Feier bewegt haben?

Dein Lächeln bleibt.

Dein Lächeln bleibt.

Der WhatsApp-Verlauf funkt sanfte Beruhigung. Worte voller Dankbarkeit, voller Erinnerung, voller Freude, Hoffnung und Liebe sind es, die wir im letzten Jahr miteinander gewechselt haben. Sie klingen in mir wie ein unerwarteter Schatz, für den ich unendlich dankbar bin. An deinem Krankenbett kann ich dir noch einmal all das sagen, was mein Herz bewegt. Du flüsterst leise in mein Ohr, schwach zwar, aber mit all der Liebe und Zärtlichkeit, die dich ausmacht, bis ganz zum Schluss. Den Kummer und die Angst, die dich in diesen Tagen bewegen müssen, lässt du nur in Ansätzen spüren, auch wenn du weißt, du könntest ihn bei uns abladen. Stattdessen lächelst du, gibst Handzeichen und bleibst selbst in diesen Momenten des Abschieds die Dadi, die du immer gewesen bist, würdevoll, liebend und stark.

Ich betrachte deinen fast erwachsenen Sohn und erinnere mich warm und intensiv an deine Freude darüber, Mutter zu werden. Dabei warst du das längst – doch nun würdet ihr auch ein eigenes Kind bekommen; das wurde dein größtes Glück. Ihn und deinen Mann alleine lassen zu müssen, das ist es, was dich in deinen letzten Tagen am meisten bedrückte, weil du ihnen keinen Kummer bereiten wolltest. Aber du hast die beiden mit allem ausgestattet, was sie brauchen, um in einer Welt ohne dich zu überleben. Deine Liebe brennt wie ein ewiges Licht hell und warm in den Menschen, deren Leben du berührt hast. Dich loszulassen, tut unglaublich weh. Doch verlieren werden wir dich nie.
Danke für alles, Gabi.