Odenwald-Tapete: Eine elende Jugend

Es ist ein goldener Herbsttag in den späten Neunzigern. Ich bin in meinem Auto, einem alten, blauen Einsergolf, auf der B45, Höhe Shelltankstelle/Michelstadt in Richtung Zell unterwegs: Eltern frisch getrennt, Mutter langfristig im Krankenhaus, Liebeskummer und Abiturvorbereitung – es hatte schon bessere Zeiten gegeben. Da zwitschert dieser Typ im Radio, das Wochenende werde er im Odenwald verbringen: tolle Luft, schöne Landschaft, nette Leute, genau der richtige Ort, um sich mal zu erholen. Meine ganze Teenagerwut entlädt sich und ich brülle das Radio an, dass die Menschen im Odenwald von genau den gleichen Katastrophen heimgesucht werden wie im Rest der Welt, ob ihm das nicht klar sei? Es kommt eben immer darauf an, wo man wohnt und wo Urlaub macht; auch der Pazifik vor der Haustür schützt nicht vor Schicksalsschlägen.

Wer hat da was gegen den Odenwald gesagt?

Wer hat da was gegen den Odenwald gesagt?

Obwohl mir diese Szene so intensiv in Erinnerung geblieben ist, kann ich nicht sagen, eine besondere Haltung gehabt zu haben gegenüber der Gegend, in der ich aufwuchs – außer dass ich es als Kind toll fand, immer draußen zu sein, durch die Wälder zu streifen, Baumhäuser zu bauen. Mein Vater, ein Berliner, der sich in den Odenwald zunächst verirrte und dann verliebte, der hatte eine Haltung, konnte stundenlang schwärmen über das wunderschöne Fleckchen Erde, an den es ihn verschlagen hatte. Ich fühlte mich von meiner Umgebung weder besonders bedrängt noch beflügelt, kann aber sagen, dass ich mich unterm Strich wohlgefühlt habe. Natürlich wird es einem als Teenager zwischenzeitlich immer zu eng dort, wo man lebt, aber Heidelberg war nah, Frankfurt erreichbar und außerdem konnte ich schon damals das Gefühl nicht abschütteln, man nimmt doch all die inneren Kämpfe mit, egal wohin man geht – weil sie genau da sind: innen; der Odenwald hatte damit nichts zu tun.

Im Online-Feuilleton der F.A.Z. erschien an Neujahr nun ein Wutausbruch der Autorin Antonia Baum, in dem sie sich über diesen Odenwald ereifert, auf den sie dereinst „im Alter von sechs Jahren einfach draufgeworfen worden“ ist und der sie, verkürzt gesagt, umgebracht hätte, wäre ihr Deutschlehrer nicht gewesen. Der Odenwald ist nämlich, erfährt der Leser, ein Ort, der für Heranwachsende nicht weniger als „ein Todesurteil“ bedeutet, ist „lebensgefährlich“ für den Kopf – und alles dort „eine Wand, gegen die man im Kopf den ganzen Tag dagegenrennt“.

Idylle sieht überall gleich aus. (Fotos: privat)

Idylle sieht überall gleich aus. (Fotos: privat)

Schon als Kind sei man diesem Ort „hilflos ausgeliefert“, erinnert sich Baum, selbst zeit ihrer Kindheit und Jugend „der Odenwalddurchschnittlichkeit Inhaftierte und mit (ihrer) Familie an diesem Ort total Deplazierte“, wobei jene Deplatzierung auch darin begründet zu sein scheint, dass die Menschen im Odenwald offenbar allesamt mit eher minderer Intelligenz ausgestattet sind. Besonders gilt das für die Jungs im jeweiligen Alter der Autorin, die sogar richtig dumm sind, „das konnte einem nicht entgehen, selbst wenn man darüber hinwegsehen wollte“.

Die Gegend an sich sei im Übrigen eine schöne, das Problem die hässlichen Gebäude, erdacht und erbaut von Menschen, denen die Region wohl egal sein müsse; aber auch – das wird weniger klar benannt und spricht doch mit Macht aus den Atempausen zwischen den Zeilen – die Leute, die hier leben, ohne zu begreifen, sie müssten eigentlich fort.

Heute könnte man dem Odenwald nur helfen, indem man alle Menschen und Häuser aus ihm rausnähme und ihn allein ließe. Das wäre seine einzige Chance. Die Familienoberhäupter waren Männer, die Frauen meistens zu Hause, die Männer schrien die Frauen an, wenn sie selbst versagt hatten, die Frauen ließen sich von ihren Männern anschreien, und beide, Männer wie Frauen, wollten in der Nachbarschaft einen gepflegten Eindruck machen. Es gab dekorative Vasen und Glasfiguren, modische Sitzgarnituren, Helmut-Kohl- Biographien und Mädchen, die Schlampen waren, wenn sie im Alter von fünfzehn Jahren häufiger den Freund wechselten.

Die Kindheit und Jugend der Antonia Baum scheint eine elende gewesen zu sein und so, wie andere Menschen dafür ihre Eltern verantwortlich machen, wälzt sie die Verantwortung ab auf das, was sie im Heranwachsen umgab, ohne ihr Inspiration gewesen zu sein. Dabei ist sie leider furchtbar beliebig: Mit diesem Teenagerfrust im Bauch könnte man sämtliche Vorwürfe, die sie dem Odenwald macht, einfach jeder ländlichen Region in Deutschland (und überall auf der Welt) entgegenschleudern. Der Gedanke ist der Journalistin zwar offenbar auch kurzzeitig gekommen (der Odenwald ist „an Hässlichkeit und Traurigkeit eigentlich nicht zu überbieten ist, wäre es nicht so, dass es in Deutschland viele Orte gibt, die mühelos genauso hässlich und egal sind“), allein er ändert nichts daran, dass die Mittzwanzigerin auf ihrer Teenagerwut seltsam hängengeblieben scheint.

Es macht den Artikel aber zu allem auch noch furchtbar unoriginell, weil er wiederkäut, was schon oft beschrieben wurden: Die Wut Heranwachsender auf eine sie eng umschließende Ländlichkeit, in der einfach nichts passieren will – und auf die Weite eines Landkreises, die in diesem Alter gefühlt mehr Freiheit nimmt denn gibt, weil eben nicht im Minutentakt eine U-Bahn durch sie hindurchrauscht, um uns an einen anderen, vermeintlich besseren Ort zu bringen. Ob aber das alleine gefährlich ist für den Kopf, ein Todesurteil oder auch nur ein Alleinstellungsmerkmal des Odenwaldes darf, wie gesagt, bezweifelt werden.

Daneben hadert Baum mit der Frage nach einer Heimat. Man kann nun dem Begriff an sich misstrauen, sollte es auch oft genug – denn er ist missbraucht worden für Schrecklichkeiten, von denen man sich fernhalten muss, wenn einem der Kopf und das Herz funktionieren. Es nutzt aber nichts, all seine Angst vor den Dummen, Rechten und Unverbesserlichen diesem Wort aufzuladen, und zu glauben, man habe sie ausgetrickst, indem man es nicht mehr verwendet. (Man stelle sich zum Beispiel den Versuch vor, mit Peter Kurzeck, was ja leider nicht mehr möglich ist, über sein Werk zu sprechen, ohne den Begriff Heimat zu benutzen.)

Heimat – Home – Zuhause, rein emotional betrachtet wird damit zunächst lediglich ein Ort, Mensch oder Ding beschrieben, zu dem wir eine emotionale Verbindung haben, wohin wir zurückkehren können und wissen, wir werden erkannt und erkennen wieder. Das kann, wie Baum selbst schreibt, für Bücher gelten (in ihrem Fall darüber hinaus für ihre Kleidung und besonders ihr Bett), für Menschen oder Musik und natürlich auch Orte; solche, an denen wir aufgewachsen sind oder solche, an denen wir uns niedergelassen haben. So richtig konsequent wirkt Baum aber ohnehin auch mit dieser Skepsis nicht, da sie das Wort erst dem rechten Lager zuordnet und später munter weiter verwendet; Lektorate sind heutzutage eben überflüssiger Luxus.

Warum die F.A.Z nun einen Artikel veröffentlich, der das Spießertum bejammert, dabei aber mit den ausgelutschtesten aller Klischees über den ländlichen Raum und das, was es bedeutet, darin aufzuwachsen, hantiert, die man überhaupt zusammentragen kann, bleibt allein ihr Geheimnis. Die Verfasserin ist nebenbei übrigens Buchautorin, ihren Roman rezensierte die F.A.Z. einst mit folgenden Worten:

Antonia Baums vollkommen lebloses Debüt, in dem eine junge Frau in Berlin nach der Liebe sucht, wird als neue deutsche Literatur verkauft. Was für ein Irrtum! Sapperlot! Welch eine Verzweiflung muss herrschen auf den deutschen Verlagsfluren, wo offenbar jedes noch so missglückte Debüt mit Handkuss angenommen wird.

Das war Ende 2011, seit Februar 2012 arbeitet Baum laut Autorenvita für die Zeitung. Offenbar wurde ihr dort eine zweite Chance gegeben, vielleicht sollte sie selbiges mit dem Odenwald tun – nicht etwa dieser Region, sondern sich selbst zuliebe…

Der Originalartikel in der F.A.Z. – klick.
Der Odenwald(kreis) bei Wikipedia – klick, klick.
Peter Kurzeck über Heimat als Ort und Sprache – klick, klick.

Tomorrow you’ll still be here

Es ist heiß, die Sonne scheint. Um nicht zu sagen, sie strahlt. Und ich weiß nicht, ob das Trost ist – oder Spott. In meinen Gedanken: Kälte und das Licht eines Dezembernachmittages; Väter sterben, wenn Schnee fällt. Mütter verschwinden hinter der Sonne. Meine Hand hält und wird gehalten: It’s not how (far) you fall, it’s the way you land; ich stolpere, doch mir kann nichts passieren. Damals, im Dezember, wolltest du in das offene Grab hinterher kippen. Ich konnte es in deinem Blick sehen, der mich an meinen eigenen erinnerte, zwei Winter zuvor. Dein Schmerz war so greifbar, dass er allen, die dich liebten, den Atem aus den Lungen presste; in kleinen, traurigen Wölkchen stieg er in den Himmel auf. Leere Blicke und kein Trost, kein Gott, kein Mittel gegen diesen Kummer.

„Schreibst du mir eine Geschichte, über Schorsch?“ In meiner Erinnerung wird der Schnee zu kaltem Regen. Die verdammte Grube ist irgendwo links unterhalb der Kapelle. Wir stehen in einer kleinen Gruppe, abgeschieden, unter uns, nah beieinander; ich schrieb die Geschichte in jenem Winter. Für dich, deinen Sohn und seine Frau. Als ich nun auf die Blumen starre, die dich begleiten sollen auf dem letzten Stück deines viel zu kurzen Weges, wundere ich mich, dass die Grube viel weiter in der Mitte des Friedhofes liegt, als ich es erinnere – als ob derlei Details eine Rolle spielten. Dabei fällt mir deine Bitte wieder ein und ich hoffe, ich liege richtig, wenn ich nun ganz ungebeten dir diese Zeilen widme; wo immer sie dich erreichen. I’ll hold your head my dear, make sure no one’s gonna wake you.

I hold your hand till you fall apart. (Foto: P.W. Braun)

I hold your hand till you fall apart. (Foto: P.W. Braun)

Dinge, die mir einfallen, wenn ich an dich denke: deine Küche. Der Italiener in dieser kleinen Gasse, deren Namen ich vergessen habe. Dein Kleid mit den türkisenen Karos. Die Küche und der Ofen unterm Fenster, dazu Sekt. Fasching, mit meiner Mutter als Katze – oder Maus? Nina und ich als Chinesen, aber nicht im selben Jahr. Mohrle, die wilde Katze, die sich einfangen, aber niemals zähmen ließ. Deine Küche und die vielen klugen, liebevollen Zettel. Das Buch vom Häschen, das fragt: „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ Das gelbe Bad mit der Stufe. Wiesenmarkt. Josy, die Katzendame, die sich einfangen ließ – und zähmen. Die Hollywoodschaukel im Garten deiner Mutter. „Schorsch, mach mir den Hengst!“ Der Tag, an dem Bashimba kam: Wir saßen alle mit den Hundebabys im Hof, dazu Pizza, Sonne, Sekt – und eine beschwipste Heimfahrt.

Du warst kein Mensch, der sich verstellt. Hast die Dinge offen angesprochen, keinen Konflikt gescheut – und Kompromisse nur gemacht, wenn du an sie geglaubt hast. Du hast Streit ausgetragen und damit Platz gemacht für Versöhnung. „Ich kann aus meinem Herzen keine Mördergrube machen“, hast du mir geschrieben. Du warst mutig und stark für deine Menschen. Hast Ungerechtigkeiten nicht hingekommen. Gekämpft, wenn es darauf ankam. Bei dir durfte man sich sicher sein – du hast deine Menschen an allen Tagen aus jeder Situation gerettet, aus der sie Rettung bedurften. Du hast geliebt mit dem Herzen einer Löwin.

Mehr Dinge, die mir einfallen, wenn ich an dich denke: Silvester. Idefix, der krummbeinige Dackel, den wir Kinder im Schubkarren umhergefahren haben. Rotwein und jener Abend, an dem ich in Lauerbach übernachtete, weil wir etwas zu viel davon hatten. Die Beerdigung deiner Mutter; du hast die Trauer nicht versteckt, deinen Schmerz nicht verborgen. Please don’t cry, we’re designed to die. Der Tag, an dem du mir das Buch vom Häschen geschenkt hast. Jakob und die Pferde. Die Küche und die blauen Dönig-Becher am Holzbalken. Jockel, der Minikater, der sich einfangen, aber nicht retten ließ. Deine liebevolle Ruppigkeit. Die Art, wie du deinen Körper durch diese Welt getragen hast. Der Abend, an dem mein Schoko-Nachtisch in deinem Backofen übergekocht ist. Der Dunnerschdach, das europäische Dorf, die eine Wiesenmarktszigarette. Die Hochzeit von Alex und Sarah, noch ein letzter Schnaps, das geteilte Hotelzimmer – „ach, Marjellchen“: Der Tod ist ein Arschloch mit gezinkten Karten. Tränen, Ratschläge und tröstliche Umarmungen. Telefonate. Urlaubsgrüße von der Nordsee. Geburtstagspost und Weihnachtskarten.

Und dann bist du gestorben, in einem Moment, der viel zu kurz war um zu begreifen, was passierte – die Zeit schien knapp, doch sie war bereits vorbei. Ein letztes Treffen, für das ich ewig dankbar bin. „Was machst du bloß für einen Scheiß?“ „Ich werde kämpfen.“ I hold your hand till you fall apart. Du aber hast tapfer lächelnd abgewunken – wolltest keine Hände, sondern Kummer fernhalten von denen, die du liebst; so warst du immer. In den Herzschlägen deiner Menschen aber hat dich eine Armee von Händen begleitet. Die hängen nun ratlos an Körpern, durch die ein Strom von Trauer fließt. Dein Tod war schnell, das Begreifen aber braucht Zeit – und an manchen Tagen taucht das schmerzliche Vermissen auf wie ein wilder Boxer mit Tarnkappe, gegen dessen unbarmherzige Faustschläge es keine Verteidigung gibt. Leere Blicke und kein Trost, kein Gott, kein Mittel gegen diesen Kummer.

Doch da ist die Hand, die meine hält. Ein Pfarrer, der tatsächlich die richtigen Worte findet. Da sind die stummen Gesten des Trostes zwischen deinem Sohn und deiner Schwiegertochter. Die Strahlen der Sonne in der Kapelle. All die Menschen, fremd und vertraut, vereint in ihrer Trauer um dich. Da ist das ahnungslos, glückliche Glucksen deiner Enkelin. Ein Versprechen von Zukunft aus der gemeinsamen Erinnerung. Die Nordsee, gerade jetzt, genau richtig.

Es ist eine traurige Erkenntnis im Erwachsenwerden, dass wir mit dem Tod eines geliebten Menschen zu leben lernen. Trauriger noch, wenn der unschuldige Glaube daran stirbt, in einer Welt ohne unsere Eltern nicht überleben zu können. Ich meine, natürlich kannst du versuchen, es zu verstehen. Du kannst mitfühlen. Aber – bevor du diesen Verlust nicht selbst erlebt hast… Doch daraus wächst auch ein wertvolles Verständnis. Nein, es gibt keinen Weg zurück – nur den Blick nach vorn. Auf einen Weg, bei dem ihr uns nicht begleiten könnt; und doch bleibt ihr  an unserer Seite. Erklären lässt sich das nicht; aber spüren: Wir sind sicher in eurem Schutz.

Zitate:
1 – Boy
2 – Soulsavers
3 – Boy
4 – Wilco
5 – Self
6 – Get Well Soon
7 – Grey’s Anatomy

Schwimmen in den Gezeiten

Die Nacht, in der mein Vater starb, machte den Samstag zum Sonntag. Ich wollte ihn besuchen am nächsten Tag, und bei unserem letzten Telefonat hatte er mir stolz berichtet, nun hinge auch die letzte Lampe in seinem neuen Heim. Dass er den guten Rotwein aus dem Keller geholt hatte, für unseren Abend. Mir im Gästezimmer seines Häuschens das Bett gerichtet. Eigentlich sei das ohnehin mein Zimmer, da ich von den vier Kindern am weitesten weg wohnte: Sicher würde ich deswegen häufiger über Nacht bleiben als die anderen, die bequem in ein paar Minuten daheim waren: Und keiner bleibt allein. Dann hatten wir kurz geschwiegen, gerührt davon, wie gut und schön alles war.

Als das Telefon klingelte, in dieser Nacht von Samstag auf Sonntag, war ich noch wach. Am anderen Ende der Leitung erkannte ich meinen Schwager, und weil er vom Telefon meiner Schwester anrief, um diese späte Zeit, bekam ich einen furchtbaren Schreck, ihr könnte etwas passiert sein. „Nein, alles okay. Aber dein Vater hatte einen Herzinfarkt.“ Da war ich zuerst noch erleichtert. Denn das Herz meines Vaters schlug unruhig, seit 21 Jahren. Damals hatte er den ersten Herzinfarkt gehabt und seitdem, mit der Regelmäßigkeit von Schaltjahren, muckte der lebensstiftende Muskel in seiner Brust immer wieder auf. Wir Kinder hatten uns auf seltsam unaufgeregte Art und Weise daran gewöhnt. Unser Paps strahlte einen unerschütterlichen Glauben an seine eigene Unsterblichkeit aus, und wir zweifelten diesen Glauben nicht an, sondern teilten ihn längst – und vermehrten ihn so scheinbar noch. Nur langsam, ganz langsam begriff ich, dass diesmal alles anders war. Endgültig. Weil sich das Vaterherz nicht bloß verschlagen hatte, nicht nur aus dem Takt gekommen war – sondern Stille eingekehrt in seiner Brust.

Der Moment der Stille in deiner Herzhöhle. (Foto: Aka/pixelio)

Der Moment der Stille in deiner Herzhöhle. (Foto: Aka/pixelio)

Wir vier Kinder trafen uns zuerst bei der jüngsten Schwester, am ersten Tag im Leben ohne unseren Vater. Berieten uns, trösteten. Zankten auch ein wenig, darüber, was wie zu lösen sei. Wir fuhren ins Beerdigungsinstitut, suchten einen Sarg aus. Ein Kissen, für seine letzte Ruhe. Formulierten den Text der Todesanzeige. Heulten einander gegenseitig in die Hemdsärmel. Bestimmten einen Anzug, in dem er beerdigt werden sollte. Wir fuhren zu seinem neuen Haus, das wir mit ihm gerade erst fertig eingerichtet hatten. Die Kleider, die er am Vorabend ausgezogen hatte, bevor er das Haus zum Tanzen verließ, lagen im Schlafzimmer. Alles sah aus, als wäre er nur kurz Brötchen holen; das ganze Haus roch lebendig nach ihm. Niemand konnte etwas sagen, das tröstete. Wer mir vom Tod seiner Großeltern erzählte, davon, wie einschneidend das gewesen sei, den warf ich sofort aus meiner Wohnung. Wer mir erklärte, mein Vater hätte nicht gewollt, dass ich so leide, durfte nur zwei Minuten länger bleiben. Hatte ich alle abgewiesen und rausgeworfen, fühlte ich mich verlassen. Versuchte, mich nützlich zu machen, indem ich Schreibkram erledigte, den mein Vater hinterlassen hatte. Und wollte dabei doch nicht zu schnell sein, weil es schien, als verschwände er mit jedem zugeklebten Briefkuvert ein wenig endgültiger.

Ich bekam viele traurige Geschichten zu hören in dieser Zeit. Wenn ich davon erzählte, dass mein Vater gestorben war, schien das bei Menschen, die selbst schon einen ähnlichen Verlust erlebt hatten, ein Ventil zu öffnen, und ihre Erlebnisse im Umgang mit der eigenen Trauer wurden hervorgespült. Ich war dankbar für diesen Reflex, weil die Geschichten mich ablenkten von den eigenen Tränen, und weil ich im Trost, den ich anderen spendete, auch wieder Hoffnung fand für mich selbst. Trauern ist wie Ebbe und Flut. Und ich bin es, die in den Gezeiten schwimmt und sich mit ihnen arrangieren muss, weil ich es bin, die noch am Leben ist. So lerne ich mit der Zeit, meinen Vater loszulassen, ohne dabei Angst davor zu haben, dass ich ihn damit verliere. Erfahre das Glück, wenn die Erinnerung zärtlich wird, statt immer nur schmerzhaft zu sein. Und kann mich auch wieder an Streitigkeiten mit meinem Paps erinnern, ohne in Tränen auszubrechen. Denn ich brauche mir nicht vorzumachen, alles zwischen uns sei perfekt gewesen; das ist es nie.

Etwas von mir hat aufgehört zu existieren, in der Nacht als mein Paps gestorben ist. Da ist eine Wunde zurückgeblieben, die sich niemals richtig schließen wird. Und manchmal, wenn das Wetter umschlägt, ziept sie besonders, im Vermissen. Doch gleich daneben ist auch etwas Neues entstanden. Eine Kraft, aus der Liebe, die er zurückgelassen hat. Und das Wissen darum, dass zwar nicht alles gut wird, es aber immer weiter geht, wenn man sich nur traut.

Tage wie dieser

Heute habe ich dich gesehen. Es war das erste Mal seit längerer Zeit, erkannt habe ich dich trotzdem sofort. Es muss etwas mit dieser Körperhaltung zu tun haben, die so typisch für dich ist; es scheint, als ob du immer ein wenig zu breitbeinig stehst. Darüber der Oberkörper, ein wenig zu kurz, in einem Hemd, das etwas zu locker in der Hose steckt. Leicht vorgebeugt stehst du neben dem Auto, hältst etwas dabei in der Hand – ich vermute, es sind deine Zigaretten. Und muss schmunzeln, kann mich nicht wehren gegen die Welle der Zärtlichkeit, die mich durchrollt. Ich möchte böse sein mit dir für die Unvernunft mit den verdammten Dingern, aber du verteidigst sie mit so viel Leidenschaft, dass ich den Widerstand aufgegeben habe. Dich so stehenzusehen, in deinem hellblauen Hemd, die dünner werdenden Haare leicht vom Wind angehoben, weckt Erinnerungen an ähnliche Momente, oder besser – Tage: Zufall ist es sicher nicht, gerade an einem auf dich zu treffen, der wie ein erster Vorbote des Frühlings über uns gekommen ist.

Spring is in the Air. (Foto: Marieke Stern)

Spring is in the Air. (Foto: Marieke Stern)

Du und ich, in meiner Heimatstadt, in diesem kleinen Gässchen zwischen der Hauptstraße und – wo führt es überhaupt hin? Die handvoll Spatzen am Rande einer Pfütze, die mit vorschnellenden Köpfchen über aufgeplusterten Körpern daraus trinken. Du, der im Laufen innehält, die Zigarette in der Hand. Lachst, forderst mich auf, ebenfalls stehenzubleiben, den Spatzen zuzuschauen. Bist völlig begeistert und fasziniert von ihrem alltäglichen Schauspiel. Ich, die ich mich sträube, innerlich kopfschüttelnd. Was kann einen erwachsenen Mann minutenlang an diesem Bild faszinieren? Bis ich mich ergebe, der absurden Schönheit des Moments, und – ja: dir. Dabei feststelle, wie die Sonne sich durch die Gasse stiehlt, in einem Fenster bricht und das Spatzenbild erleuchtet, als wolle sie dich dabei unterstützen, mir diesen Moment ins Bewusstsein zu tragen. Wo er geblieben ist, gemeinsam mit dem Wissen, es machte ja keinen Sinn, dich antreiben zu wollen. Du hattest es längst nicht mehr eilig.

Du, an dein Auto gelehnt, vor meiner alten Wohnung. In meiner Erinnerung spielst du an deinem Handy, zugleich weiß ich, das sicher geglaubte Bild trügt. So muss es doch wieder die Zigarette gewesen sein, die du in deinen Fingern drehst, mit beinahe gespitzten Lippen daran ziehst und sie schließlich mit deiner Hand fast aus dem Mund fallen lässt, der sich zu einem breiten Lachen öffnet, als ich aus der Tür trete. Du winkst und lachst und lachst und winkst und ich kenne niemanden, der sich so offensichtlich freut darüber, einen anderen Menschen zu sehen. Frage mich, ob das immer so war, ob du dasselbe Strahlen auch schon ausgesandt hast, als wir vor langer Zeit noch Tag für Tag am selben Tisch gesessen haben. Du, der du im Hang neben unserem Garten herumkletterst, Unkraut zupfst, Sträucher beschneidest, kurz: Dinge tust, von denen ich keine Ahnung habe – und die bei anderen Menschen Anstrengung vermuten lassen, nicht aber bei dir. Wieder dieses Strahlen und wieder die Zigarette. Wieder winkst du, bewegst dich, wie mit einem Ausfallschritt, ein Stückchen auf mich zu. Ich lache nun auch und winke zurück, bekomme Lust auf eine Zigarette, obwohl ich nicht rauche; bis heute möchte ich mir zu diesen Erinnerungen eine Zigarette anstecken – verrückt, findest du nicht?

Ich will dein Winken nicht so fern wissen, möchte dein Lachen aus der Nähe sehen. Ich wünschte, du würdest mir und meinen Teenagerfreunden mitten in der Nacht Spaghetti Bolognese kochen. Mit einem Eimer Kirschen aus dem Baum klettern, mich zu einem Eis einladen, dorthin, wo du zu den süßen Kugeln und dem Cappuccino italiano noch rauchen darfst. Du könntest es nicht glauben, wenn sie dir das heute verbieten würden – bei der Vorstellung muss ich grinsen und kann deine Entrüstung fast spüren. Da stehst du also auf diesem Parkplatz. Und ja, es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass ich dich so sehe, mitten im Tag, ohne einen bestimmten Anlass. Aber es ist das falsche Auto, an dem du lehnst. Und in der Hand ruht nicht die ewige Packung mit den Zigaretten, sondern ein Smartphone. Das Blau des Hemdes ist zu hell – oder zu dunkel, jedenfalls nicht richtig und die Haare: nein, deine sind anders. Weniger licht, dafür dünner, auch die Farbe ist falsch, alles ist falsch; ich kann es selbst auf diese Distanz erkennen. Und doch: Magst du auch nicht mehr hier sein und der Schmerz darüber nie vergehen. Bist du doch nah. Spüre ich deine Gegenwart an manchen Tagen so lebendig wie einst. Wird mein Herz dich nie loslassen und deines mich nie allein. Und werden wir uns immer wieder begegnen, an Tagen wie diesem; wenn ich dein Strahlen auch nur noch aus der Entfernung spüren kann.

Scars

Ich habe ein paar alte Narben, die nun, wo ich braungebrannt in der Flughafenhalle stehe, besonders gut zu sehen sind. Eine kleine, auch jetzt kaum sichtbar, nur ein dünner, weißer Streifen auf dem Gelenk meines Mittelfingers an der linken Hand. Eine alte, etwas größere, auf der Innenseite meines rechten Arms, die zwar noch zu sehen ist; aber nicht mehr zu spüren. Während ich sie mit dem Finger sanft berühre, fahre ich mir mit der Zunge neugierig über die Oberlippe und schiebe den feuchten, schmalen Muskel noch ein Stück weit darüber hinaus, so nah an die Nase heran, wie ich kann, denn auf dem Weg dorthin befindet sich eine weitere Narbe. Klein, kreuzförmig und verwachsen. Ein schmaler, unsauberer Kreuzstich in meinem sonnenverbrannten Gesicht.

Es war so wahnsinnig heiß und schwül in diesen Urlaubswochen, ohne das kleinste barmherzige Lüftchen, so dass ich fast den ganzen Tag auf meiner Luftmatratze auf dem Meer getrieben bin; nun spannt jeder Millimeter meiner Haut. Ich versuche mir vorzustellen, wie viel früher die Falten in meinem Gesicht zu tiefen Schluchten werden, dank dieser Zeit, dank der Hitze, der Sonne. Und muss an den vorwurfsvollen Gesichtsausdruck meiner Schwester denken, als diese mir kürzlich beinahe wütend verkündete, sie habe trotz ihrer jüngeren Jahre bereits mehr Falten als ich. Ich taste mit einer Hand vorsichtig über den Stoff meiner Jeans, vornübergebeugt, mit der zweiten Hand auf meinem Koffer aufgestützt, wobei ich bete, dass dieser kein Übergewicht hat. Dort, wo meine Hand vorsichtig und ein wenig ungelenk entlangfährt, in der Mitte des linken Knies, befindet sich noch eine Narbe. Ich kann meine umgekrempelte Jeans nicht weit genug hochschieben, um sie zu sehen, aber ich weiß, sie ist da. Eine tiefe, kraterförmige Schlucht, von fast brutaler Zerschlagenheit; und wunderschön.

Think of me and I'll be there. (Foto: M. Braun)

Think of me and I’ll be there. (Foto: M. Braun)

Ein Stück weiter das dünne, lange Bein hinunter weiß ich um eine weitere Narbe, die sogar unter der Arbeiterhose hervorblitzt, doch ich habe mich bereits wieder aufgerichtet und beachte sie nicht. Ihre Form kann ich sehen, wenn ich die Augen schließe, ihre Farbe ist weißer als weiß, und sie erscheint fast frisch. Sommer. Meer. Urlaub. Lanzerote. Riff. 1998. Ein anderes Leben. Noch ein Stück tiefer, auf dem rechten Bein aber, die nächste – doch erst noch im Werden. Wie eine rittlings umgestürzte Schweinsbohne mit 1000 dünnen Ärmchen und Beinchen. Rot und blutig, die Entzündung gerade abgeklungen, aber noch erkennbar in dem verhärteten Eiter, der gelb und ätzend durch die ansonsten dunkle Kruste hindurchschimmert. Ein aufgekratzter Mückenstich, der mir dreckige Nägel, meine Wut auf die Mücken, das Jucken, und mich selbst, irgendwie, der mir den Sand und das Meer und ständiges wieder an-ihm-herumpulen erheblich übler genommen hat, als ich es zunächst erwartet konnte.

Die Narbe am linken Knie ist von einem Sturz mit dem Fahrrad. Ich weiß, dass ich noch ein Kind war, blond, pausbäckig, mit großen, durstigen Augen. Unsere Straße, in der wir damals das Haus Nummer 4 bewohnten, später dann die Nummer 2, hatte eine Seitengasse: sehr steil und von einer scharfen Kurve in zwei ungleiche Hälften aufgeteilt. Oben wohnten nur zwei Familien. Die eine hatte zwei Söhne und viele, viele Katzen, von denen mich eine, die wildeste, als Kind angriff und mit wütenden Bissen verletzte. Ich erinnere mich daran, und auch an die Wut auf meine Mutter, weil sie mir nicht glauben wollte, dass sich das Katzengebiss so sehr in meinen Schenkel verkeilt hatte, dass es auch nichts nützte, als ich laut schreiend und wild umherhüpfend damit durch die Luft wedelte, das Tier wollte nicht von mir lassen, und irgendwann glaubte ich zu erkennen, dass es sogar das Maul geöffnet hielt, aber trotzdem nicht von meinem Bein abfiel, weil sich die Zähne so tief in mein Fleisch gebohrt hatten. Hinterher hatte ich jahrelang Angst vor Hunden, ohne dass ich dafür eine vernünftige Erklärung hätte abgeben können.

Mein Vater war damals mit mir oben bei den Nachbarn, zur Gegenüberstellung, und beim Anblick der Katze sprang ich mit einem Satz auf seinen Arm und begann laut und jämmerlich zu heulen. Die Katzenbesitzerin, eine mächtige Doppel-D, die sich Jahre später zum Entsetzen meines Vaters die Brüste chirurgisch verkleinern ließ, hörte auf, ihre Unschuld zu beteuern und schwenkte um auf Bedauern. Ich hasste sie dennoch in diesem Moment, die Katze aber tat mir leid, nun, da ich erfahren hatte, dass sie nicht im Haus schlafen durfte, sondern nachts in den Hof verbannt wurde. So wurde das Tier für mich unschuldig und es war, als hätte mich an seiner statt die Besitzerin gebissen. Die Familie gegenüber hatte ebenfalls zwei Kinder, aber viel ältere. Das Mädchen, soviel weiß ich noch, hieß Annette. Ich mochte sie, zumindest meistens. Eigentlich nur dann nicht, wenn wir fein eingeladen waren, bei Snob-Freunden meiner Mutter, denn dann musste Annette mir einen französischen Zopf flechten, was ziepte, meine Mutter nicht konnte – und ich nicht leiden.

Meine jüngere Schwester, Annette und ich haben manchmal gemeinsam mit ihrem großen Bruder süße Erbsen aus ihren Hüllen gepult und im Sichtschatten einer Hecke gegessen, während die Erwachsenen im Sommer an lauen Abenden auf der Terrasse hinter dem Haus grillten. Von Annettes Vater durfte ich die alten Goofy Comics leihen, Hefte, in denen es nur um den sympathischen, trotteligen Hund im roten Pullover ging, und die ich nicht gekannt hatte, bevor ich sie eines Tages bei ihm entdeckte. Annettes Vater ist vor ein paar Jahren an seinem Geburtstag gestorben. Beim Kaffeetrinken vom Stuhl gekippt, einfach so, den Kuchen noch auf der Gabel. Herzinfarkt. „Zu früh, der arme Kerl“, hat mein Vater damals gesagt, denn für ihn kam der Tod fast immer zu früh, und mit traurigem Gesicht und ungläubigem Kopfschütteln rechnete er an manchen Samstagen das Alter der Verstorbenen aus den Todesanzeigen aus und schien ehrlich darunter zu leiden. Und dann sagte er noch, „aber ein schöner Tod, so beim Feiern, und Kuchen zum Abschied!“ – oder zumindest wünsche ich mir das.

goodbye my friend it’s hard to die
when all the birds are singing in the sky
now that the spring is in the air
pretty girls are everywhere
think of me and i’ll be there
[Terry Jacks: Seasons in the Sun, 1973]