Kinotipp: Kedi. | Die Liebe steckt in allen Dingen

Es war der Schriftsteller Ernest Hemingway, der einst sagte: „One cat just leads to another.“ Oder genauer: schrieb, in einem Brief an seine erste Frau Hadley Richardson. Das berühmt gewordene Zitat setzte der Dichter, der zu jener Zeit mit seiner dritten Frau Martha Gellhorn und elf Katzen auf einer kubanischen Finca lebte, in den Zeilen an Hadley folgendermaßen fort: „The place is so damned big, it doesn’t really seem as though there were many cats (until you see them all moving like a mass migration at feeding time).“

Obwohl Hemingway diese Worte natürlich schrieb, lange bevor der Film „Kedi. Von Katzen und Menschen“ entstanden ist, wirken sie doch beinahe wie eine Zitat aus der wunderbaren Dokumentation, die seit dem 8. August in deutschen Kinos zu sehen ist. Schließlich gehören die streunenden Katzen Istanbuls so selbstverständlich zum Bild der Stadt, dass sie manchmal gar nicht weiter auffallen. Dann wieder machen sie mit Nachdruck auf sich aufmerksam, sei es durch ihr Verhalten oder das Auftreten im Pulk, scheinen plötzlich überall zu sein und es ist unmöglich, sich ihrem sanften Charme zu entziehen.

Insgesamt drehten die Filmemacher um die aus Istanbul stammende Regisseurin Ceyda Torun und den in der Pfalz aufgewachsenen Kameramann Charlie Wuppermann drei Monate lang, 200 Stunden Material kamen dabei am Ende zusammen. Daraus entstanden ist eine bildstarke Dokumentation, die zwar mit ihrer zärtlichen Betrachtung der Vierbeiner sicher in erster Linie Katzenliebhaber anspricht, die aber neben der Liebeserklärung an die streunenden Tiger auch eine an die großartige Stadt Istanbul und ihre stolzen Menschen ist.

Sari

Gedreht wurde mit 19 Tieren, von denen am Ende sieben als Hauptfiguren im Film zu sehen sind. Der Film folgt den Katzen auf ihren Wegen durch die verschiedenen Viertel Istanbuls und porträtiert dabei auch die Menschen, bei denen die Katzen sich niedergelassen haben. Gerade diese behutsam eingefangenen Begegnungen zwischen Zweibeiner und Vierbeiner sind es, die „Kedi“ (türkisch: Katze) so besonders machen, ihm ihren Zauber verleiht.

Da ist die junge Frau, die davon erzählt, wie die Mutterschaft ihre Katze verändert hat. Sarı liegt nun nicht mehr faul in der Sonne, sondern widmet ihre Tage der Aufgabe, Futter für den Nachwuchs zu organisieren. Zwischendurch schaut sie bei ihren Menschen herein, lässt sich streicheln und scheint schnurrend Kraft zu tanken für die nächsten Raubzüge. Und wenn die junge Türkin die Katze krault und dabei erzählt, wie wichtig Sarı ihre Freiheit sei, scheint sie damit auch ein wenig sich selbst zu meinen.

Bengü

Da ist Bengü, die getigerte Katze, die auf das Schnalzen ihres einen Menschen erst reagiert, wenn der andere sie mit der Bürste fertig verwöhnt hat. Die Katzendame Psikopat, die eifersüchtig über ihr Viertel und ihren Ehekater wacht. Der kleine Kater Deniz, der in einer Markthalle lebt und sich, trotz festem Futterplatz, dort geschickt sein Fressen räubert. Da ist der Restaurantbesitzer, der mit seinem Viereiner beim Tierarzt anschreiben lässt. Und der ältere Mann, der von seinem Nervenzusammenbruch erzählt, und wie ihm das Leben erst zurückgeschenkt wurde, als er begann, sich um die Katzen der Stadt zu kümmern.

Die Filmemacher begegnen ihren Helden, ob tierisch oder menschlich, mit Respekt, Sympathie und Wärme. So öffnen sich Katzen und Menschen gleichermaßen, erzählen mit Worten oder schnurrend ihre Lebensläufe nach und lassen die Kamera dabei ganz nah an sich heran. Die Bilder und Geschichten, die sich dabei entfalten, sind beinahe träumerisch, aufgespannt vor der wunderschönen Leinwand, die Istanbul im Hintergrund aus Farbe und Licht zeichnet.

Deniz

Die Liebe steckt in allen Dingen, das ist die Botschaft dieses Films, der seine Protagonisten und die Stätte ihrer Geschichte so zärtlich porträtiert, das man ihm daraus in einem Punkt auch einen Vorwurf machen muss: Die gezeigten Tiere mögen liebevolle Begleiter haben, aber viele Tiere, gerade in Großstädten, leben im Elend. Die Kastration von Straßenkatzen und generell Streunern ist ein enorm wichtiger Baustein zum Tierschutz und es hätte dem Film gutgetan, nicht nur auf positive Emotionen zu setzen, sondern dieses wichtige Thema anzusprechen.

Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich eine Katze zu halten. Sie kosten Geld, haaren alles voll, zerkratzen das Sofa und tun und lassen ausschließlich, was sie wollen. Es gibt aber auch keinen vernünftigen Grund, zu hoffen, zu glauben oder zu lieben. Hoffnungen zerplatzen, Glaube wird erschüttert, Liebe bricht uns das Herz. Das ist die eine Seite. Aber Hoffnung flüstert unseren Herzen Mut ein. Glaube gibt uns Kraft. Liebe bringt unser Herz zum Tanzen. Leben besteht aus so viel mehr als dem Offensichtlichen, den vermeintlich wichtigen Dingen oder dem geraden Weg. Es besteht aus Momenten, aus Begegnungen, aus kleinen Oasen des Glücks.

Katzen sind mit dem Verstand nicht zu begreifen, und genau das macht sie so wunderbar. Sie sind faszinierend, eigensinnig, liebevoll, mitfühlend, störrisch, anhänglich und großartig. Sie sind wie du und ich, haben ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Kopf sowieso und ein Leben ohne Katzen ist, frei nach Loriot, möglich, aber sinnlos. „Eine Katze, die zu deinen Füßen miaut und zu dir nach oben schaut, ist das Leben, das dich anlächelt“, heißt es in Kedi. Dieses Lächeln fängt der Film über 79 Minuten ein – und bringt damit die Leinwand zum Leuchten.

Filmplakat zu Kedi. Von Katzen und Menschen. (Fotos: Kedi)

Filmplakat zu Kedi. Von Katzen und Menschen. (Fotos: Kedi)

„Kedi. Von Katzen und Menschen“
Türkei, USA 2016, 79 Minuten
Regie: Ceyda Torun
Kamera: Charlie Wuppermann
Schnitt: Mo Stoebe
Musik: Kira Fontana

Ich habe eine Wassermelone getragen

Im Oktober des Jahres 1990 setzten meine Eltern mich in einen Zug in Richtung Osten. Die Deutsche Wiedervereinigung war gerade abgeschlossen und ich wollte meine Brieffreundin in Eisenach besuchen, mit der ich seit zwei Jahren, zuerst noch über die innerdeutsche Grenze hinweg, Nachrichten tauschte. Ihre Familie veranstaltete mit den beiden Töchtern regelmäßig Filmabende, und so kam es, dass ich mit zwölf Jahren in einem ostdeutschen Wohnzimmer zum ersten Mal in die kristallblauen Augen von Patrick Swayze sah: Ich war hingerissen. In meiner Erinnerung haben wir Mädchen Dirty Dancing in den folgenden Tagen sicher sechs, sieben Mal gesehen – für mich der Ausgangspunkt einer andauernden Faszination.

Als Dirty Dancing 1987 in die Kinos kam, senkte der Filmkritiker und Pulitzerpreisträger Roger Ebert den Daumen und vergab nur ein mageres Sternchen. Begründung: „Idiotischer Plot – vorhersehbare Liebesgeschichte zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft“. Gleichzeitig aber übte die absolute Low Budget Produktion auf viele Zuschauer eine solche Faszination aus, dass sie nach dem ersten Kinobesuch auf dem Absatz kehrt machten, um den Film direkt ein zweites Mal zu sehen. Dabei waren die Erwartungen der Produktionsfirma so gering gewesen, dass sie kurzerhand den Beschluss gefasst hatte, den Film nach nur wenigen Tagen im Kino direkt auf DVD herauszubringen. Co-Produzentin Eleanor Bergstein, die auch das Drehbuch geschrieben hat, stellte im Kinosaal fest, dass am Tag fünf etliche Leute um sie herum beim Themensong der Hotelangestellten kurz vor dem Finale mitsangen – und sich als so textsicher erwiesen, dass offensichtlich war: Sie hatten den Film bereits mehrfach gesehen. Da begann Bergstein zu ahnen, welchen Erfolg Dirty Dancing haben würde.

Ich habe eine Wassermelone getragen.

Ich habe eine Wassermelone getragen.

Oberflächlich betrachtet mag Ebert mit seiner Kritik Recht haben, tatsächlich aber beschränkt sich der Film nicht auf die klassische Geschichte (poor) Boy meets (rich) Girl, sondern spannt den Bogen weiter, wobei die Erzählung von der fabelhaften Musik angetrieben und getragen wird. Nach dem Dreh sollte diese an vielen Stellen ausgetauscht werden, da die Lizenzen für die von Bergstein geplanten Klassiker sehr teuer waren: Sie sollten lediglich der Untermalung beim Shooting dienen. Letztlich setzte Musikproduzent Jimmy Ienner sich dafür ein, die meisten Songs zu behalten und den Soundtrack durch Musik speziell für den Film nur zu ergänzen; für Bergstein ein Grund zum Jubeln, da sie sich die Szenen ohnehin nicht mit anderen Liedern vorstellen konnte als denen, die sie ihnen ursprünglich zugedacht hatte.

Was nun die Story der jungen Frances „Baby“ Houseman (Jennifer Grey) betrifft, die mit ihren Eltern (Jerry Orbach, Kelly Bishop) und der älteren Schwester Lisa (Jane Brucker) in den Sommerurlaub fährt, sich in Tänzer Johnny (Patrick Swayze) verguckt und für ihre Liebe kämpft, auch gegen die Wertvorstellung der Familie, so symbolisiert diese ein übergeordnetes Thema des Films: Das Kräftemessen zwischen dem Geldadel und dem Proletariat, in diesem Fall dargestellt durch die Tänzer – mit einem bessere Ende für die unterdrückten Künstler, die sich in der Schlussszene ihren Tanzraum zurückerobern. Wie es in Dirty Dancing überhaupt immer wieder um Räume geht, darum, wer wo hin gehört, sich wo aufhalten darf – und wie man private Bereiche schützt. Das gilt physisch für die Bungalows der Tanzcrew ebenso wie für den Bewegungsradius, den Johnny so definiert: „This is my dancespace, this is your dancespace.“ Denn der Tanz, wie eine Beziehung, kann nur funktionieren, wenn jeder den Bereich des anderen achtet, es aber andererseits Momente gibt, in denen Zwei ihre Grenzen bereitwillig aufgeben, um sich in einem neuen, gemeinsamen Bereich zu treffen.

Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich.

Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich.

Es ist dies vielleicht der perfekte erste Liebesfilm, den ein Mädchen sich anschauen kann; das liegt auch an der fast greifbaren Unschuld seiner Protagonistin. Babys Naivität offenbart sich nicht nur in der beinahe kindlichen Annäherung zu Johnny, sondern auch dem festen Glauben an das Gute in der Welt, die sie retten will, und in die Menschen, denen sie helfen möchte. Sie kennt noch keine Enttäuschung und keinen Schmerz, aber sie erkennt Ungerechtigkeiten und geht selbstverständlich und intuitiv dagegen an. So wie Johnny ihr Lehrer wird, der Baby alles über das Tanzen zeigt, bringt sie, die viel jünger und unerfahrener ist, ihm bei, sich fallen zu lassen bei einem anderen Menschen, in der Liebe füreinander da zu sein und aufzustehen. Auf der Leinwand wird jeder Tanz zum Teil dieser Geschichte, in deren Verlauf Baby zu Frances heranreift und auch Johnny sich weiterentwickelt, die beiden miteinander wachsen und sich füreinander strecken. Nebenbei behandelt der Film das Thema ungewollte Schwangerschaften und Abtreibung, wie als eindringlicher Fingerzeig an seine jungen Zuschauer(innen), dass es da ein Thema gibt, mit dem sie sich künftig noch beschäftigen müssen: Verhütung.

Zitatklassiker wie „Baby’s gonna change the world“ – „Lisa’s gonna decorate it“, „I carried a watermelon“ und „Nobody puts baby in a corner“ stehen heute für den andauernden Erfolg von Dirty Dancing und sind im Original oft treffender als in der Übersetzung. Wenn Johnny Frances da nämlich vor dem Finale mit den Worten „Mein Baby gehört zu mir“ aus der Ecke holt, wird ihr das nicht gerecht: Sie ist niemandes Baby mehr, sondern erwachsen geworden – und das Finale betont diese Entwicklung. Ursprünglich wollten die Produzenten das Paar da nämlich einen neuen Tanz aufführen lassen, schwenkten aber kurzfristig um: So ist es erneut der Mambo, den Johnny und Frances auf der Bühne vorführen. Und während sie beim ersten Auftritt noch unsicher war und sich führen ließ, ist es nun ihr gemeinsamer Tanz, sind sie einander ebenbürtig geworden und schließt diese Szene ihre Entwicklung ab. Ganz abgesehen von der inhaltlichen Bedeutung ist dieses Ende, bei dem sich die anderen Tänzer ihren Raum ebenso zurückerobern wie Johnny sich seine Liebste, einfach verdammt romantisch. Das gilt auch dann, wenn man es schon 23 Mal gesehen hat. Ich weiß, wovon ich rede…

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Life, the Movie: Leinwandherzschläge

111 Himmel

61. Grund
Weil auch das Neue irgendwann alt wird

Die Angabe, Kinder und Betrunkene sagten die Wahrheit, nimmt Take This Waltz wörtlich und legt gleich zwei seiner zentralen Aussagen Alkoholikerin Geraldine (Sarah Silverman) in den Mund – tatsächlich betrunken ist sie allerdings nur bei einer davon. Da hat sich Schwägerin Margot (Michelle Williams) bereits von Lou (Seth Rogen) getrennt, und Geraldine, eben noch trocken, jetzt aber rückfällig, erklärt der Ex ihres Bruders, im Leben existiere nun mal eine große Lücke. Doch allein die Verrückten rennen los, um sie krampfhaft zu stopfen; alle anderen versuchten, mit den Momenten zu leben, in denen die Leere aufblitzt. Margot aber ist losgerannt und hat diese Leere gefüllt, mit Daniel (Luke Kirby) – und sich mit ihm. Denn das, was da zwischen ihnen flackerte, war von Anfang an auch eine sehr sexuelle Anziehung.

Nach ihrem zufälligen Kennenlernen auf einer Dienstreise treffen sich Margot und Daniel auf dem gemeinsamen Rückflug wieder und kommen ins Gespräch. Margot gesteht Daniel, sie sei nicht gern „zwischen den Dingen“ – und ihre größte Angst ist, sich fragen zu müssen, ob sie etwas verpasst hat. Oberflächlich geht es dabei um Anschlussflüge, eigentlich aber um die großen Fragen des Lebens. Am Flughafen nehmen die beiden ein gemeinsames Taxi; erst als Margot feststellt, Daniel wohnt direkt gegenüber, gesteht sie ihm abrupt: Sie ist verheiratet. Es ist zu diesem frühen Zeitpunkt tatsächlich bereits ein Geständnis, denn die beiden flirten von der ersten Sekunde an heftig miteinander – und das ist nun auch nicht vorbei.

Margot möchte als Schriftstellerin arbeiten, verfasst stattdessen aber Werbetexte. Ihr Gatte Lou ist Koch und arbeitet an einem Buch über die Zubereitung von Hühnchen. Daniel ist bei Tag Rikschafahrer, eigentlich aber Maler, allerdings, so gesteht er, zu feige und inkonsequent, um seinen Traum voranzutreiben. Feige und inkonsequent verhält sich in der Folgezeit auch Margot, die – angestachelt von den Flirts mit Daniel – unter der Routine in ihrer Ehe zu leiden beginnt, deshalb einerseits Lou mit ihren permanenten sexuellen Avancen eher irritiert als begeistert und sich andererseits immer häufiger wegstiehlt, um heimlich Zeit mit dem Nachbarn zu verbringen. Umgekehrt taucht Daniel kaum zufällig oft da auf, wo sie unterwegs ist.

Eine wunderschöne Szene dieses klugen Films spielt sich in der Duschkabine des Hallenbades ab. Margot, Geraldine und eine Handvoll Frauen allen Alters stehen beisammen. Sie duschen, rasieren sich und philosophieren dabei über ihre Beziehungen. Erneut kommt da Geraldine ins Spiel, die sich fragt, für wen sie sich nach zig Jahren Ehe eigentlich noch die Haare von den Beinen entfernt? Gleichzeitig stellt die aktuell trockene Alkoholikerin fest, wie schrecklich gern sie ihren Mann hat: Wäre eine aufregende Affäre es tatsächlich wert, das, was sie teilen, aufzugeben? Und was, wenn sie sich mit dem Neuen nach zehn Jahren nicht halb so gut versteht? Eine Freundin Geraldines erklärt, sie hätte trotzdem gerne mal etwas Abwechslung, denn neue Dinge seien glänzend und schön. Daraufhin bemerkt eine der älteren Frauen trocken, die Krux mit allem Neuen sei, dass es mit der Zeit eben auch alt werde. Die anderen, die sich unterdessen scheinbar ungerührt weiter ihren Körpern und deren Hygiene gewidmet haben, nicken beifällig; Margot sieht ratlos von einer zur anderen.

Take This Waltz

Schließlich obsiegt aber ihre Angst davor, etwas zu verpassen. Oder die Neugierde auf etwas Neues? Oder die Langeweile mit dem Alten? So richtig weiß Margot selbst nicht, was sie am Ende weg von ihrem Mann und hin zu Daniel treibt… Sie habe, erklärt sie Daniel zu einem früheren Zeitpunkt, manchmal einfach das dringende Bedürfnis, zu weinen. Die Melancholie überkomme sie unfallartig, es kann allein die Art und Weise sein, wie das Sonnenlicht in eine Straßenflucht fällt – schon fühlt es sich an, als würde sie mit dem Rest der Welt kollidieren. Verwundbar und unsicher wie ein kleines Mädchen wirkt sie, als sie Daniel die Geschichte anvertraut, doch der lässt sich auflaufen. Denn auch er könne es nicht leiden, erklärt er später, zwischen den Dingen zu sein – und als Margot sich nicht zwischen den Männern entscheidet, weil es ihr zu einfach scheint, die Geborgenheit des einen zu behalten und den Kitzel des anderen gelegentlich zu kosten, zieht er aus dem Haus in der gemeinsamen Straße aus. Das zeigt bei ihr die letztlich wohl erhoffte Wirkung: Sie trennt sich von Lou, um mit Daniel zu leben.

Den Rausch dieser lange erwarteten Zweisamkeit, die sexuellen Erkundungen und Abenteuer, die gemeinsame neue Wohnung und schließlich den alltäglicher werdenden Trott, all das lässt Take This Waltz in warm erleuchteten Bildern zu den vertrauten Klängen von Leonard Cohens gleichnamigem Song an den Augen der Zuschauer vorbeitanzen. Am Ende der süßen Trunkenheit sitzt Margot ein wenig verloren mit Daniel auf der Couch, der in der täglichen Routine so anders auf sie reagiert als sie es von Lou kennt; als sie den schließlich wiedersieht, weil Geraldine besagten Rückfall hat, spürt Margot schmerzlich zum ersten Mal, was sie auch verloren hat. Daniel hatte ihr einst attestiert, sie wirke wie getrieben von einer ständiger Ruhelosigkeit. Die Unsicherheit darüber, ob sie die beste Entscheidung getroffen hat, der Wunsch, ihr Leben in allen denkbaren Variationen zu leben, den schon Dichterin Sylvia Plath hegte, die nagende Angst, sonst das vermeintlich Richtige zu verpassen – all das ist Margot bei der Begegnung mit Lou anzumerken. Der aber macht ihr deutlich, es gibt keinen Weg zurück – ganz ohne Groll, vielmehr aus einem Gefühl der Ruhe, das ihr fehlt.

Am Ende zeigt der Film Margot alleine, lächelnd beim heftigen Wirbel in einem Karussell. Es wirkt wie ein Kommentar darauf, wieso sie in ihren Beziehungen nicht ankommen kann: Weil sie bei sich selbst noch nicht angekommen ist, ihre Verpassensängste die einer unsicheren Teenagerin sind und sie erwartet, diese in einem gemeinsamen Akt mit dem Partner zu lösen oder gar vollständig von ihm auslöschen zu lassen. Weil sie mit ihren Beziehungen tatsächlich immerzu versucht, Lücken zu stopfen, in ihrem Leben, an sich selbst – und das eben nicht funktionieren kann. Der niemals kitschige oder platte, sondern sehr aufrichtige und wahrhaftige Take This Waltz ist deshalb keine schlichte Romanze und auch mehr als ein romantischer Liebesfilm: Es ist ein Film über die Liebe an sich; auch die zu sich selbst.

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Inside Llewyn Davis – Home Is Where The Music Is

Angelehnt ist die Geschichte des neuen Films der Coen Brüder an die posthum erschienene Autobiografie des Musikers Dave van Ronk. Eigentlich aber geht es „Inside Llewyn Davis“ nicht um die Geschichte einer einzelnen Person, das machen schon die ersten Bilder dieses Filmes klar. Ein Mikrofon ist da zu sehen, umspielt vom Bühnenlicht des „Gaslight Café“ in Greenwich Village, zart umtanzt vom Staub, der dort ansetzt, während jeden Abend mehr oder weniger erfolgreiche Künstler versuchen, bei ihren Auftritten irgendjemanden auf sich aufmerksam zu machen, der ihnen einen Vertrag geben wird, von dem sie künftig die Miete zahlen können. Um diese Musiker, mehr noch: eben ihre Musik geht es eigentlich; und auch das ist erst die halbe Wahrheit.

Music was my first love...

Music was my first love…

Besondere Glücksmomente hat das Leben für Llewyn Davis (grandios: Oscar Isaac) derzeit nicht im Programm. Der Musiker ist so abgebrannt, dass es ihm am Mindesten mangelt – einem Mantel gegen die winterliche Kälte und einem Dach über dem Kopf. Und so, wie er tagsüber zwischen Bar, Produzent und (an guten Tagen) dem Aufnahmestudio hin und her tingelt, macht er sich jeden Abend auf die Suche nach einer Couch, auf der er diese Nacht verbringen kann – und mit etwas Glück vielleicht noch eine zweite. Womit spielerisch das zweite große Thema des Films etabliert ist, denn er handelt auch davon, unterwegs zu sein, jedoch nicht freiwillig, sondern weil ein fester Ort fehlt, an den man zurückkehren kann.

Sein Partner, mit dem Llewyn einst die erste Platte einspielte, hat sich das Leben genommen, der Vater lebt im Pflegeheim und seine Schwester findet ihn und sein Künstlerdasein arrogant – spart aber ihrerseits nicht mit Arroganz gegenüber dem Bruder. Davis ist mindestens müde, eher ausgebrannt, er ist genervt und frustriert und im Leben völlig entwurzelt. All das aber gerät in Vergessenheit, wenn er zur Gitarre greift – da ist sie wieder, die Musik, die diesem Film ebenso Leben einhaucht wie seinem Hauptdarsteller. In der er von eben diesem Leben und all seinen Widrigkeiten erzählt, so berührend und intensiv, dass die Welt einen Moment lang inne hält, weil nichts anderes zählt.

Es mag sonst nichts geben, womit dieser Llewyn Davis sich im Leben sicher ist – von seiner Musik aber ist er vollkommen überzeugt. Man mag es als Kurzsichtigkeit oder gar Arroganz verurteilen, wenn er das Angebot von Musikproduzent Bud Grossmann (angelehnt an Albert Grossmann, herrlich unterkühlt gespielt von Fahrid Murray Abraham) ablehnt, als Teil eines Trios zu spielen, nachdem er diesen mit seinem Solovortrag nicht zu überzeugen vermochte. Man kann es aber auch mutig nennen und konsequent, weil er sich das, was ihm so unfassbar wichtig ist, nicht für Geld verbiegen lässt. Was ihn allerdings nicht davor schützen wird, in einer der nächsten Nächte auf fremden Sofas mit der traurigen Realität zu hadern, dass auch diese mutige Konsequenz ihm leider seine Miete nicht zahlt.

Mutig, ohne Dach überm Kopf.

Mutig, aber ohne Dach über dem Kopf.

Um vom Vorabend einer Zeit zu erzählen, in der Bob Dylan sich bald anschicken würde, die Folkmusik von eben jenem Greenwich Village aus auf ihre erfolgreiche Reise um die Welt zu schicken, picken sich Joel und Ethan Coen einen jener Musiker, die es nicht geschafft haben – und das ist ein Glück. Denn diese Zeit war voll von ihnen, so wie vermutlich jede Zeit voll ist von Künstlern, die es verdient hätten, entdeckt zu werden, aber eben nie „zur rechten Zeit am rechten Ort“ sind; was immer das auch heißen mag… Genau deren Geschichten sind es aber, die zu erzählen es wert ist, in all ihrer Menschlichkeit und Tragik, mit all dem Pech und den Schicksalsschlägen, kurzum – den Realitäten dieses Lebens. Und die Brüder tun dies mit viel Liebe zum Detail, nicht nur in Sachen Setting und Ausstattung, sondern auch bezüglich ihrer Figuren, von denen einige angelehnt sind an solche, die in dieser Zeit tatsächlich gelebt und eine Rolle gespielt haben. (Herausragend ist dabei unter anderem John Goodman in seiner Rolle als draufgeschickter Jazzsänger, mit dem sich Davis eine qualvolle Autofahrt lang den Wagen teilt und der sowohl durch Dr. John als auch Doc Pomus inspiriert wurde.)

Oberflächlich gesehen erzählt „Inside Llewyn Davis“ die Geschichte eines kontinuierlichen Scheiterns. Davis scheint bereits an einem Tiefpunkt angekommen, als der Zuschauer ihm begegnet, aber egal, wie sehr er sich im Folgenden abmüht, er scheint vom Pech verfolgt: Es läuft ihm einfach alles schief. Da ist zum einen Jean, verheiratet mit seinem Kumpel Jim und schwanger – vermutlich von Llewyn. Aus der vordergründig unangenehmen Situation, sich von ihr wüst beschimpfen zu lassen, erwächst das Problem, für den Eingriff zu bezahlen, bei dessen Vorgespräch er vom ausführenden Arzt nebenbei auch noch erfährt, er ist Vater: Die Exfreundin hat das gemeinsame Kind ohne sein Wissen in letzter Minute nicht abgetrieben, sondern zieht es bei ihren Eltern groß.

Did you bring your penis along, too?

Is the cat your act? Did you bring your penis along, too?

Dieses Wissen begleitet ihn ebenso durch den Film wie die Katze der Gorfeins, bei denen er häufig übernachtet. Weil ihm das Tier aus der Wohnung entwischt, deren Tür darauf prompt ins Schloss fällt, wird sie zu seinem Begleiter; allerdings nur, bis sie ihm erneut durchbrennt – diesmal aus dem Fenster der Wohnung von Jim und Jean. So selten der Glücksmoment, als er sie am nächsten Tag im Village entdeckt, so schnell ist der denn auch wieder entlarvt: Es ist die falsche Katze, die er den Gorfeins bringt; es folgt das hysterische Ende eines Abends, der ohnehin bereits außer Kontrolle geraten war – die „falsche Katze“ aber bleibt ihm erhalten.

Dank Jim hat Llewyn derweil einen Song mit eingespielt, der bald hohe Tantiemen verspricht – blöd nur, dass er auf diese verzichtet hatte, um sich das Geld direkt auszahlen zu lassen: für die Abtreibung. Erst scheint es wie ein richtig schlechter Tag, an dem wir Llewyn erwischen, bald wird eine ganze Woche daraus und ganz ehrlich, die Chancen, dass es für ihn demnächst tatsächlich besser wird, stehen nicht besonders: Immer dann, wenn er glaubt, nicht mehr tiefer fallen zu können, setzt es den nächsten Nackenschlag. Wie er die allesamt erträgt, mag stoisch erscheinen, es liegt aber eine große Würde darin, wie er sich auf den Beinen hält.

Liebe zum Detail. (Fotos: Verleih)

Entsättigte Farben, Liebe zum Detail. (Fotos: Verleih)

Bleibt die Frage, warum man sich einen Film anschauen sollte, in dem eine tragische Figur permanent auf die Fresse bekommt, letztlich sogar im wörtlichen Sinne, und zwischendurch zweifelnd und hadernd durch ein in entsättigten Farben eingefangenes, unfreundliches New York tapert, auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück – und nach einem Hafen, der endlich etwas wie Ankommen verspricht (es scheint kaum zufällig, dass Davis’ Brotjob einst ausgerechnet der eines Matrosen der Handelsmarine war – gleichfalls ohne feste Heimat auf dem Wasser unterwegs). Damit wären wir zurück bei der Musik, einerseits, zum anderen aber bei den Coen-Brüdern. Es ist ihr Humor und es sind die Songs dieser Zeit, die diesem Film so viel Hoffnung verleihen, dass es fast absurd anmutet; Hoffnung vor allem, die weit über seine Geschichte hinaus geht. Denn er erzählt, Absicht oder nicht, auch die Geschichte unserer Zeit, in der Menschen entwurzelt sind und auf der Flucht, in der Leute abgehängt werden von der Gesellschaft, in der sie leben und Kunst und Kultur an Stellenwert verlieren.

Das ist die eigentliche Kunst der Brüder, sich derart lakonisch und scheinbar belanglos mit den großen Themen unserer Zeit auseinanderzusetzen, dass man sich tatsächlich unterhalten fühlt dabei – und für einen Kinobesuch lang vergisst, die beiden tun beinahe nichts anderes, als Realitäten abzubilden. Das aber mit einem verdammt guten Soundtrack.

Inside Llewyn Davis
Buch & Regie: Ethan und Joel Coen
Darsteller: Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake, John Goodman
USA, 105 Minuten, FSK 6
Trailer „Inside Llewyn Davis“
The Gaslight Café on MacDougal Street
Dave van Ronk – „Hang me, oh hang me
David Haglund: The People who inspired Llewyn Davis

Top Flop: The Bling Ring

Die Geschichte
Zwischen dem Herbst 2008 und dem Sommer 2009 bricht eine Bande von Teenagern in die Villen etlicher Hollywoodstars und Celebrities ein. Obwohl die Gruppe auf ihren Beutezügen massenhaft Klamotten, Schmuck und Geld klaut, dauert es lange, bis sie tatsächlich auffliegt. Bis dahin sollen die Teenager allein in das Haus von Paris Hilton fünfmal eingestiegen sein – um in deren Kleiderschrank zu „shoppen“ und in ihrer Partylounge zu feiern. Doch es sind die freigegebenen Überwachungsvideos von Hollywoodsternchen Audrina Patridge und der sich von Entzug zu Skandal zum nächsten Entzug schleppenden Lindsay Lohan, die schließlich den Stein der Geschichte ins Rollen bringen, an deren Ende die Festnahme der Jugendlichen steht. Für ihre ausgedehnten Diebeszüge müssen diese teils für mehrere Monate oder sogar Jahre ins Gefängnis, einige von ihnen kommen allerdings lediglich mit Bewährungsstrafen

Shoppen ohne Preisschild in der schönen Glitzerwelt der Promis.

Shoppen ohne Preisschild in der schönen Glitzerwelt der Promis.

Reality bites
Basierend auf wahren Begebenheiten also ist aus der Geschichte der raubenden Jugendlichen der Film „The Bling Ring“ entstanden, angelehnt an den Namen, den die Presse der Bande einstmals verpasst hat. Während deren mutmaßliche Anführerin Rachel Lee den sensationsdurstigen Reportern bis heute keine ihrer Fragen beantworten will, haben vor allem Alexis Neiers und Nick Prugo (einziger Junge innerhalb der Clique) die Öffentlichkeit nach ihren Festnahmen fast gesucht – und, klar: gefunden. Bis heute bloggt Neiers über ihr Leben, beide haben zudem Vanity Fair-Journalistin Nancy Jo Sales Rede und Antwort gestanden für einen Artikel, über den auch der Film den Einstieg in die Geschichte findet. Bleibt die Frage offen, ob die Erzählung über den gelangweilten Nachwuchs im Windschatten der US-Glamourmetropole ein Thema ist, aus dem sich ein Film machen lässt, der etwas anderes bietet als eine schillernde Oberfläche? Mutmaßlich schon, zumindest, da Sophia Coppola ihre Finger als Regisseurin im Spiel hat, der berührende Momentaufnahmen jenseits des schönen Scheins bekannterweise beinahe mühelos von der Hand zu gehen scheinen.

Der Film
Aber manchmal irrt man sich auch einfach; oder lässt sich blenden von der Macht der Gewohnheit. Ja – Sophia Coppola hat mit Filmen wie ihrem Frühwerk „The Virgin Suicides“ oder zuletzt „Somewhere“ bewiesen, dass sie Figuren Mehrdimensionalität verleihen kann, ohne dabei moralinsauer zu werden, sie Geschichten zu Herzen gehend erzählen kann, ohne sich im Pathos zu verlieren – und dass sie auch die oberen Zehntausend zu porträtieren in der Lage ist, ohne lediglich Glitter abzubilden. Doch in „The Bling Ring“ gelingt der Regisseurin all das zuvor schon Gezeigte leider kein bisschen… Der Film ergötzt sich an seiner eigenen Optik, feiert die Lichter der nächtlichen Stadt, den Glamour und Glitzer der Villen, in denen die Jugendlichen einsteigen. Er stachelt diese Kids an in ihrer Leichtigkeit; ist es überhaupt noch Einbrechen, wenn die doofen Promis irgendwo rund um ihre Villen immer eine Balkontür offen lassen, oder – wie Paris Hilton – sogar den Schlüssel unter der Fußmatte deponieren? Er verliert sich in endlosen Wiederholungen, die reichlich nervig daher kommen. Er ergötzt sich an den perfekt gestylten jugendlichen Körpern seiner Darsteller, die abends – per Slow Motion in Szene gesetzt – ihre eigene Coolness zu wummernden Beats in den angesagten Clubs der Stadt feiern: Mein Gott, sind wir cool! Sind wir sexy! Und sind wir kaputt, aber das macht uns ja nur umso mehr sexy!

Erst, wer richtig kaputt ist, ist auch richtig sexy. (Fotos: Verleih)

Erst, wer richtig kaputt ist, ist auch richtig sexy. (Fotos: Verleih)

Die Reaktionen
Nachdem Coppolas neues Werk auf den Filmfestspielen in Cannes zunächst gemischte Reaktionen hervorgerufen hat, bemühten sich Kritiker anschließend zu beteuern, der Tiefgang, den man von der Regisseurin gewohnt sei, spreche natürlich auch aus diesem Film – man müsse sich nur ein bisschen darum bemühen, ihn zu entdecken. Bullshit: Wäre der Film nicht von Coppola, sondern von irgendeinem Erstling, niemand könnte etwas, das auch nur ganz entfernt mit Tiefgang verwandt ist, darin erkennen. Vielmehr scheint es, als ob die Damen und Herren Kritiker nicht damit klarkommen, dass die junge Dame diesmal einen derart belanglosen, oberflächlichen Glitzerstreifen abgeliefert hat – das ist in der Tat auch sehr bedauerlich.

The Bling Ring
Buch: Sophia Coppola, Nancy Jo Sales
Regie: Sophia Coppola
Darsteller: Katie Chang, Emma Watson, Israel Broussard
90 Minuten, USA/UK/Frankreich/Deutschland/Japan, FSK: 12