Mother’s little Helper: Was bleibt

Eigentlich sollte es ein entspanntes Wochenende mit der lieben Familie werden: Zu Papas Pensionierung kommt Marko (Lars Eidinger) samt Söhnchen zu Besuch zu seinen Eltern. Nicht im Gepäck ist die Kindsmutter, denn von der lebt er getrennt – was Mama und Papa aber nicht wissen sollen. Im Zug ein netter Flirt, doch am Bahnhof im elterlichen Kaff stellt sich die Dame als Freundin seines Bruders Jakob (Sebastian Zimmler) heraus; die Laune kann das aber nicht trüben.

Spaziergang mit Papa Günter (Ernst Stötzner), der von seinen Reiseplänen im Unruhestand berichtet. Ob die Mama… ? Nein, die wird nicht mitkommen; in all den Jahren habe er sich das Recht erworben, sich jetzt mal nur um sich zu kümmern. Seine Frau Gitte (Corinna Harfouch) weiß davon freilich nichts, die freut sich nach jahrzehntelanger berufsbedingter Fernbeziehung vielmehr darauf, ihren Gatten künftig mehr um sich zu haben.

„Kannst du sicher sein?“ (Foto: Verleih)

„Kannst du sicher sein?“ (Foto: Verleih)

Beim Abendessen – Mama, Papa, die erwachsenen Söhne, einer mit Freundin, der andere mit Kind – der Donnerschlag: Mutti hat die Pillen abgesetzt. Immerhin, alles ändert sich, ihr Mann beschreitet neue Wege, da wolle auch sie einen neuen Schritt wagen. Die erhoffte Freude seitens ihrer Lieben allerdings bleibt aus, denn Mutti ist depressiv, auf ihre Pillen seit Jahren eingestellt – und wer will schon die Verantwortung dafür mittragen, dass es ihr auch ohne gutgehen wird? Eben.

Kein Verständnis demnach auch für Verständnis: Sohnemann Jakob, leidlich erfolgreicher Arzt mit eigener Praxis aus dem Portemonnaie des Vaters, herrscht den fernen Berlinbruder als naiv an, als Marko laut überlegt, ob in der Entscheidung der Mutter nicht auch eine Chance liegen könne? Kein Mut, sondern Schwachsinn und Rücksichtslosigkeit – und wieso meldet sich da überhaupt einer zu Wort, der die letzten Jahre nie da war; der die Angst nicht kennt davor, den Schlüssel ins elterliche Türschloss zu stecken und nur Schweigen zu hören.

Daneben drückt den Vater, von Stötzner leider stocksteif und leidlich glaubwürdig gespielt, ein ganz anderer Schuh: Die mit neuem Selbstbewusstsein ausgestattete Gattin will ihn auf den anstehenden Reisen begleiten. Dagegen spricht vor allem eines: Zwar ist er durch 30 Jahre Pillen und Therapie bei ihr geblieben – zumindest irgendwie ein wenig, wochenends – doch wer will dazu noch große Gefühle von ihm erwarten? Längst lebt er daneben heimlich mit einer anderen Frau…

Der Vater verschnupft, Jakob betrunken und Marko irgendwie um eine Lösung bemüht – all das geschieht in strenger Abkopplung von Gitte, die ihre Lieben umsorgen darf, aber nicht wissen soll, worüber sie miteinander reden. Ob ihnen klar sei, wie das ist, bricht es plötzlich aus ihr heraus? Immer Flüstern, stets verschlossene Türen, keine Teilhabe, nur geschont werden: zum Kotzen.

Am späten Abend ein Moment der Nähe mit Marko. Rotwein, ein bisschen davon ist jetzt, ohne die Pillen, doch erlaubt. Ein freundliches Gespräch, dann ihre Hoffnung und der alles entscheidende Satz des Sohnes, achtlos dahingeplappert die Frage: Wie kann sie sicher sein, dass Günter sie noch liebt, nachdem er jahrzehntelang mehr Pfleger als Ehemann war? Das basse Erstaunen, das durch Gittes Gesicht wandert, die offensichtliche Erkenntnis: darüber hat sie noch nie nachgedacht. Eben so klar für die Zuschauer: nun wird sie nie mehr damit aufhören können – wohl aber aus dieser neuen Ohnmacht eine Entscheidung für sich ableiten.

Hans-Christian Schmid erzählt seinen Film vor allem über die Figuren, und neben vielen anderen ist eine große Stärke der Geschichte, dass man sie alle verstehen kann: Den Sohn, der gegangen ist, weil sein Leben eben so spielte, der sich daraus keinen Vorwurf machen lassen will. Den, der bleibt, und versucht, sich selbst zu sagen, es ist aus der Verantwortung heraus – und nicht wegen der Verlockung des väterlichen Geldes. Die Mutter, die sich der Krankheit nicht beugen möchte, sondern echtes Verständnis einfordert, die sich nicht abfinden will, sondern ihren eigenen Weg gehen. Obgleich geschmälert durch die schwache darstellerische Leistung: den Vater, der wegrennt, aber nicht so ganz, der bleibt, aber nur so halb.

Die Familie als Kollektiv, die helfen will, zugleich aber hilflos ist und ja: in manchen Momenten auch zurückschreckt; aus Überforderung. Pausen für sich einfordert vom Gefühl der Verantwortung, im tiefen Wunsch, dafür nicht gleich wieder mit dem eigenen schlechten Gewissen konfrontiert zu sein. Die Ohnmacht und die Sprachlosigkeit aller Beteiligten.

Neben dem Verständnis für die Figuren steht Wut, die sich zum einen ableitet eben aus der Empathie für die jeweils anderen. Wütend macht aber auch die Starre aus Angst und Bequemlichkeit, in der die Figuren sich selbst gefangenhalten, und dass sie zu wenig mit- und zu viel übereinander reden. Denn so, wie Markos Satz im Gespräch mit der Mutter unvermeidlich die Katastrophe auslöst, in der dieser Film schließlich (vor einem versöhnlichen Nachklapp) mündet, hätten viele kleine Sätze zur rechten Zeit, so die Hoffnung, der Familie auch ein anderes Ende bescheren können. Schließlich lässt sich auf die Frage „Was bleibt?“ nur eine Antwort finden: Jeder neue Tag – und das, was wir daraus machen.

Was bleibt
Buch: Bernd Lange
Regie: Hans-Christian Schmid
Darsteller: Corinna Harfouch, Lars Eidinger
Deutschland, 85 Minuten, FSK: 12

Rum Diary: Vergnüglich fern der Vorlage

Literaturverfilmungen sind so eine Sache für sich. Einerseits ist die Feststellung richtig, dass der Vergleich mit der Vorlage selten zielführend ist – der Film muss auslassen, Schwerpunkte setzen, er darf abseits des Originals wandeln und Mut zur Lücke beweisen. Aber geht nicht andererseits der Leser mit einer gewissen Neugierde darauf ins Kino, um welche Bilder der Regisseur die eigene Vorstellung von einer Geschichte bereichern wird? Und will nicht eine Literaturverfilmung letztlich eben das – eine bekannte Story in einem zweiten Medium neu erzählen? Und beruft sich damit letztlich selbst (und durchaus bewusst) auf ihre Vorlage? Was den Vergleich doch geradezu fordert.

Die Macher von „Rum Diary“ (Original: „The Rum Diary“) widmen ihr Werk denn auch am Ende dem Autor des gleichnamigen Romans, Hunter S. Thompson – wäre interessant zu erfahren, wie ihm der Film gefallen hätte. So viel vorweg, man kann seine Zeit sicher schlechter investieren als in diesen Kinobesuch. Wie bereits in „Fear and Loathing in Las Vegas“ schlüpft Johnny Depp mühelos in die Story des Gonzo-Journalisten, wenn auch „The Rum Diary“ durch die schon legendäre Depp’sche Mimik bisweilen etwas überzogen wirkt: gerade in der Drogenszene – die so im Buch übrigens nicht vorkommt. Insgesamt aber machen die Schauspieler ihre Sache ordentlich und der zusätzliche Schuss Ironie schadet nicht.

Miss berechnend und Mister Gonzo, ins Gespräch vertieft... (Foto: Verleih)

Miss berechnend und Mister Gonzo, ins Gespräch vertieft… (Foto: Verleih)

Was der Geschichte allerdings keinesfalls gut tut, ist der Umstand, dass sich der Film von einer zentralen Figur trennt; mit weitreichenden Folgen. Die Story: Journalist Paul Kemp heuert in den späten Fünfzigerjahren bei einer kleinen Zeitung in Puerto Rico an. Die Zeiten sind unruhig, die Touristen sind es auch, und die Lektüre des Blatts soll alles, nur nicht die Laune trüben. Journalismus zur „Lage der Nation“ ist nicht gefragt – also besaufen sich Kemp und seine Kollegen allabendlich mit Rum und genießen dazu Burger um Burger: Ihr Job fordert sie nicht so sehr, als dass sie ihn nicht auch verkatert geschaukelt bekämen.

Kemp, Kollege Yeamon und Fotograf Sala pflegen in der gleißenden Hitze Puerto Ricos eine Männerfreundschaft mit Hindernissen: Mit Sala teilt sich Kemp eine Wohnung, was ihn aber zunehmend nervt; Yeamon wiederum lebt mit und liebt das Mädchen, das auch durch Kemps Träume spukt: Chenault. Dann wäre da noch Geschäftsmann Sanderson, mit dem Kemp sich gerne auf den einen oder anderen Drink trifft; positiver Nebeneffekt – dabei fällt ab und an ein Job für ihn ab. Ein Umstand, der ihm sein Auskommen auch dann sichern könnte, wenn die marode Zeitung tatsächlich den Bach hinunter gehen sollte.

Der Film nun streicht Yeamon – und dichtet dessen Mädchen Geschäftsmann Sanderson an. Aus einer eher naiven jungen Frau, die ohne Zögern ihr bisheriges Leben hinter sich gelassen hat, um bei dem Mann zu sein, der ihren Pulsschlag beschleunigt, wird so eine berechnende, kühle Blondine, die mehr Klischee ist als Charakter. Während Thompsons Chenault oft noch schier kindlich wirkt, ein Mädchen im Körper einer Frau, das sich seiner Wirkung auf Männer kaum bewusst ist, erschafft der Film eine stets kalkulierende Frauenfigur, die ihre weiblichen Reize ganz gezielt einsetzt, um genau das zu bekommen, was sie möchte.

Das aber ändert die Geschichte nicht nur im Bezug auf Chenault selbst, sondern ist auch wesentlich für die Rolle des Paul Kemp – weil unvorstellbar scheint, dass die Romanfigur Kemp sich für die Filmfigur Chenault (Amber Heard) interessiert hätte. Und während wiederum Thompson die Geschichte eines Mannes erzählt, der sich Stück für Stück seine Freiheit und Unabhängigkeit erarbeitet, begibt sich Kemp im Film in große Abhängigkeit von seinem Gönner Sanderson (Aaron Eckhart): Er ist es, der Kemp letztlich das Auskommen sichert, während der Journalist im Roman zumindest seine finanzielle Freiheit Stück für Stück selbst gestaltet.

Yeamons Unberechenbarkeit und sein Jähzorn, die das Männertrio in schwierige Situationen bringen und letztlich Chenault überhaupt erst in Kemps Arme, dichtet der Film Sala (Michael Rispoli) an – dessen Charakter so am Ende arg überfrachtet wirkt. Und weil es so schön amerikanisch ist, lässt Regisseur Bruce Robinson seinen Paul Kemp am Ende eine Revolution um die noblen Werte des Enthüllungsjournalismus anzetteln. Statt sich also, wie bei Thompson, die Sonne auf den Pelz scheinen und den Rum durch den Hals fließen zu lassen, wollen Robinsons Journalisten ihr Blatt mittels einer Story über die wahren Zustände im vermeintlichen Urlaubsparadies retten. Anstatt in der karibischen Hitze Burger zu futtern und Kette zu rauchen, wird für die hohe Moral des Berufsstandes geackert. Wenn auch leider vergeblich.

Macht aber am Ende irgendwie auch nichts. Draußen ist endlich Sommer, der Film zaubert passend zur Hitze einen wunderschönen, karibischen Bilderreigen auf die Leinwand. Das Meer war lange nicht mehr so nah, Johnny Depp interpretiert Kemp neu, aber glaubhaft – lediglich die Burger und der grenzenlos ausgeschenkte Rum fehlen der Szenerie schmerzlich. Der Film ist absolut vergnüglich; es empfiehlt sich allerdings, den Roman lediglich als lose Vorlage zu begreifen – und vor dem Kinobesuch nicht noch einmal hineinzuschauen. Danach lässt sich Thompsons Original hingegen wieder bestens genießen. Yo ho, and a bottel of rum.

Rum Diary
Buch & Regie: Bruce Robinson
Darsteller: Johnny Deep, Aaron Eckhart, Amber Heard
USA, 120 Minuten, FSK: 12

Der Bauch des Glücks: 17 Mädchen

Alles besser machen als die eigenen Eltern. Nie mehr alleine sein. Und für immer bedingungslos geliebt werden. So lauten die Gründe, die Camille (Louise Grinberg) in „17 Mädchen“ dazu bewegen, ihr Baby zu bekommen, als sie ungewollt schwanger wird. Ihren besten Freundinnen verkündet sie diesen Entschluss mit strahlenden Augen in der Schulmensa. Und die reagieren weder verwundert noch ängstlich, sondern nehmen das Strahlen der Freundin auf – künftig sind Babys, schwangere Körper und Erziehung ihre Themen. So viel ist klar, der Gedanke, ein besseres Leben führen zu wollen, kann einem schon kommen, als Teenager in einem aussterbenden französischen Kaff. Vor Wut auf die Verhältnisse, Langeweile, aus Liebeskummer, Frust mit den Eltern, Verunsicherung oder der Unzufriedenheit mit sich selbst und dem Leben, das noch so unfrei scheint. Ob dagegen ausgerechnet eine Schwangerschaft hilft, darf allerdings angezweifelt werden – so wie grundsätzliche der Mechanismus, schwanger zu werden, um die eigenen Lebenssituation magisch zu verbessern.

Mit 17 hat man noch Träume – oder? (Foto: Verleih)

Mit 17 hat man noch Träume – oder? (Foto: Verleih)

Camille aber beschwört die Chancen, die ihr das eigene Baby bieten wird, derart eindringlich, dass ihre Freundinnen sich nach und nach entscheiden, ihr Heil ebenfalls in der Schwangerschaft zu suchen. Unter den ungläubigen Augen der Schulkrankenschwester lässt sich Mädchen um Mädchen einen Schnelltest aushändigen, tanzen die Teenagerinnen beglückt singend und lachend durch die Schulflure, wenn sie die Bestätigung dafür erpieselt haben, zur Gruppe der Schwangeren zu gehören. Und anschließend wird das Leben am Strand mit Alkohol und einem Joint gefeiert – mit 17 ist man schließlich unverwundbar, schwanger hin oder her. Und über das Baby als echten Menschen wird ohnehin nicht wirklich nachgedacht, nur über seine Rolle als Schlüssel zum Glück der Mutter. Männer übrigens spielen in diesem Szenario erst recht keine Rolle: Väter sind ebenso unerwünscht wie Eltern. Sex als Mittel zum Zweck – und als die Jungs mitbekommen, dass sie den Mädchen zur Befruchtung herhalten sollen und plötzlich gar nicht mehr so scharf sind auf Beischlaf, wird ihnen von den findigen jungen Damen schon mal ein Fünfziger für den Klo-Quickie angeboten. Ist ja schließlich eine Investition in die Zukunft…

Schwangerschaft als Lifestyle, der wachsende Bauch als trotziges Accessoire und Mutterschaft als Lösung aller irdischen Probleme – je länger der Film dauert, umso verwunderter reibt der Zuschauer vor der Leinwand sich die Augen. Natürlich ist es charmant, 17 hübschen, jungen Mädchen beim Träumen zuzusehen. Selbstverständlich hat die Geschichte bezaubernde Momente, wenn sie von den innigen Freundschaften und vom Zusammenhalt der Clique erzählt. Ohne Frage beeindrucken die jungen Schauspielerinnen und verwöhnt die Kamera den Zuschauer mit traumhaften Bildern. Und natürlich warten die Regisseurinnen Delphine und Muriel Coulin mit einem starken, schönen Motto auf, wenn sie beteuern: „Nichts kann ein träumendes Mädchen aufhalten.“

Wie unkritisch der Film seine Protagonistinnen auf ihrer Reise begleitet, irritiert bei diesem Thema dennoch gewaltig. Quasi als Gegenentwurf dazu, wie die Frauenbewegung einst ihr Recht auf Abtreibung als wichtigen Teil weiblicher Selbstbestimmung einforderte, feiert „17 Mädchen“ die Schwangerschaft als ein, nein das Mittel, um dem eigenen Leben Inhalt und Perspektive zu geben. Ist diese These ohnehin schon nicht allgemeingültig, wirkt sie als Lösungsentwurf für Teenager schlicht verantwortungslos – da hilft angesichts von Thematik und Genre auch der Einwand nicht, dem Film ginge es nicht um Realitätsnähe.

17 Mädchen
Buch & Regie: Delphine & Muriel Coulin
Darsteller: Louise Grinberg, Juliette Darche, Roxane Duran
Frankreich, 86 Minuten, FSK: 12

Liebeserklärung mit Biberfellmütze: Moonrise Kingdom

Es hätte nicht viel gefehlt am Ende von „Moonrise Kingdom“, und die Zuschauer wären in Applaus ausgebrochen. Kein Wunder. So nah wirkte der Film, so lebendig – man fühlte sich eher, als falle der letzte Vorhang im Theater. Verklinge die letzte Zugabe bei einem atemberaubenden Konzert. Stattdessen – die Kinoleinwand, dunkel nun. Und noch ein Vergleich – dieses Auftauchen, wie aus einem Buch, beinahe; so weit die Rückkehr. Als habe man einen verzauberten Wald verlassen. Und trage nun etwas von diesem Zauber in sich… Ein Feuerwerk der Kreativität, die Formulierung klingt ein wenig bemüht. Und gilt für den neuen Film des Texaners Wes Anderson doch in bestem Sinne. Denn der strotzt nur so: vor Kreativität und Ideen, vor Spielfreudigkeit der Darsteller, vor Farbe, Wärme, Gefühl und Geräusch – vor Magie und entzückenden Einfällen.

Die Crew für beste Unterhaltung: Wes Anderson calling his troops. (Foto: Verleih)

Die Crew für beste Unterhaltung: Wes Anderson calling his troops. (Foto: Verleih)

Es ist nicht seine Geschichte, die ihn zu etwas so besonderem macht, sondern die leichte, verspielte Hand, mit der Anderson sie erzählt. Die sympathische Skurrilität der Darsteller, die knallbunten Bilder, der absolute Wille zum Abstrusen. All das hätte auch daneben gehen können; das tut es schließlich oft genug. In „Moonrise Kingdom“ aber fügen sich die einzelnen Teile zu einem wunderbaren und berührenden Puzzle, das man nicht mehr vergisst: Sam liebt Suzy. Suzy liebt Sam. So weit, so gut – nur, dass Sam (Jared Gilman) und Suzy (Kara Hayward) im Sommer 1965 gerade zwölf Jahre alt sind. Und sich deswegen von den Erwachsenen mit der absurden Vorstellung konfrontiert sehen, ihr gemeinsames Leben noch einige Jahre aufschieben zu müssen. Dem wollen sich die beiden nicht fügen und flüchten gemeinsam; ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wenn das eigene Zuhause Teil einer geradezu lächerlich kleinen Insel ist, der sich ein Sturm unbekannten Ausmaßes nähert. Und doch nicht hoffnungslos.

Für die Erwachsenen bedeutet die Flucht der Kinder nichts als Scherereien. Scout Master War (Edward Norton) muss ob des verlorenen Schützlings um seine Position innerhalb der Pfadfindergruppe fürchten, Inselpolizist Captain Sharp (herrlich selbstironisch: Bruce Willis), darum bangen, seine Affäre mit Suzys Mutter (Frances McDormand) könne auffliegen. Und die Mutter selbst wirkt ohnehin verbogen. Im Zweifel davon, neben ihrer Familie herzuleben, die die Anwältin im weitläufigen Anwesen schon mal per Megafon zu Tisch bittet. Derweil schlagen Sam und Suzy ihr Lager am Strand auf. Reden über Bücher und Musik. Fangen Fische und grillen. Überwinden trotz allen gebotenen Ernstes ihrer Liebe federleicht deren erste Krise (Suzy offenbart sich Sam und der lacht sie aus), tanzen – und Sam darf beim Küssen Suzys Brüste berühren. Da hat er ihr bereits Ohrringe aus Angelhaken gebastelt und ihr damit, weil Suzy gar keine Ohrlöcher hat, selbige gestochen. Und unter seiner Biberfellmütze heraus hat er dem Mädchen mit dem knalltürkisenen Lidschatten, das für ihn den magischen Feldstecher abgenommen hat, seine Liebe gestanden; sie hat das Bekenntnis erwidert.

Der Soundtrack, den Alexandre Desplat dem Film als gar nicht so heimlichen Hauptdarsteller mitgegeben hat, ist dabei regelmäßig mehr als das: Fällt mit einem Schnitt in die Szene, wenn die Musik diese plötzlich nicht mehr abstrakt umschmeichelt, sondern Hank Williams aus Captain Sharps Autoradio durch die Einsamkeit des traurigen Bullen bricht – wunderbar. Sharp ist es auch, der aus der eigenen Melancholie die Traurigkeit der beiden Ausreißer begreift. Ihr Glück darüber, in ihrem Gefühl, aus der Welt gefallen zu sein, ein Gegenüber gefunden zu haben. Der dieses Glück ernst nimmt, ohne dass Anderson ihn dafür aus der Verantwortung lässt, die Zuschauer auch zum Lachen zu bringen. Und der sich schließlich so weit auf die Seite von Sam und Suzy schlägt, dass der Rest der apathischen, desillusionierten Welt der Erwachsenen sich mitschlagen lässt, lassen muss.

Das Ende des Films gerät denn auch etwas kitschig, doch das ist verzeihlich. Schließlich haben wir es hier mit einem Märchen zu tun, irgendwie. Was aber nicht bedeutet, dass sich darin keine kleinen Weisheiten über das Leben finden ließen. Wen man sich nur traut, hinabzusteigen in die Seelenbilder des Wes Anderson. Im wahrsten Wortsinn: großes Kino.

Moonrise Kingdom
Buch: Wes Anderson, Roman Coppola
Regie: Wes Anderson
Darsteller: Bill Murray, Bruce Willis, Tilda Swinton
USA, 94 Minuten, FSK: 12

Das Mädchen und der Star: My Week with Marilyn

„Liebst du mich, Colin?“, fragt die junge blonde Frau. Aufgelöst in ihrer eigenen Verunsicherung. Betäubt von den ewigen Tabletten. Und so offensichtlich alleine, dass es einem nach dem Herzen greift. „Ja“, antwortet der, und weiter: „Du bist wie eine griechische Göttin für mich.“ Ganz so, als ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hätte. „Ich bin keine Göttin“, flüstert sie. Dann, noch leiser: „Ich will nur wie ein ganz normales Mädchen geliebt werden.“ Und damit ergibt sich das Mädchen, das für einen kurzen Moment aufgeblitzt war hinter der Fassade des Stars, wieder in ihre Rolle – die der Marilyn Monroe.

Für die Dreharbeiten zu „Der Prinz und die Tänzerin“ reist die Schauspielerin im Sommer 1956 nach England. Laurence Olivier will seiner Komödie mit der „berühmtesten Frau“ der Welt das gewisse Etwas und sich als Hauptdarsteller einen Jungbrunnen verpassen. Und Marilyn Monroe fühlt sich, trotz der eindeutigen Genrezuordnung des Films, durch Oliviers Ruf als ernsthafte Schauspielerin gefordert – ein Missverständnis. Denn Regisseur Olivier hat erst keine Ahnung, worauf er sich mit seinem kapriziösen Star einlässt, und dann keine Nerven, um auf die Schauspielerin einzugehen. Schließlich soll die nur hübsch mit dem Po wackeln und dafür sorgen, dass er daneben gut aussieht. Stattdessen verschafft sie ihm graue Haare, weil sie regelmäßig um Stunden verspätet am Set auftaucht. Und treibt ihn in den Wahnsinn, weil sie auch dann nur spielen kann, wenn sie mit Hilfe von Paula Strasberg ihre Rolle fühlt.

Armes, reiches Mädchen: Michelle Williams als Marilyn Monroe. (Foto: Verleih)

Armes, reiches Mädchen: Michelle Williams als Marilyn Monroe. (Foto: Verleih)

So wenig Marilyn die Rolle fühlt, so sehr ist sie sonst von ihren Emotionen bestimmt. Wenn sie denn ihr gehören, die Gefühle, die scheinbar unkontrolliert durch ihren begehrten Körper rauschen – immerhin, es könnten auch einfach Reaktionen ihres Nervensystems auf die vielen Tabletten sein, mit denen sich die Schauspielerin durch den Tag hilft. Denn auf diese, wie unzählige andere Formen von Unterstützung, ist der labile Star längst angewiesen. Dass ihr dritter Ehemann Arthur Miller ihr diese entzieht, indem er während der Dreharbeiten für eine Woche zurück nach New York reist, empfindet Marilyn deshalb wie einen neuen Teil in der scheinbaren Fortsetzungsgeschichte ihres Lebens: sie wird verlassen, wieder. In ihrer tief empfundenen Verunsicherung scheint sie nach dem Augenpaar Ausschau zu halten, das sie mit der größten Bewunderung anschaut – es sind die des dritten Regisseurs, Colin Clark.

Auf dessen tagebuchartigen Veröffentlichungen über seine Woche(n) an der Seite des Stars während der Dreharbeiten zu „Der Prinz und die Tänzerin“ basiert der Film „My Week with Marilyn“ von Simon Curtis – vielleicht ist es also nicht Curtis‘ Schuld, dass der inhaltlich arg belanglos daher kommt: Allein die Tatsache, dass sich ein Star darin tummelt, muss ein fremdes Tagebuch ja noch nicht interessant machen. Da ist es nur folgerichtig, dass der Regisseur sich weniger auf Clarks dünnes Geschichtchen über die angebliche Liaison verlässt als auf die Stärke der erwähnten Figuren. Die durchweg großartig besetzt sind: Julia Ormond verleiht ihrer Vivienne Leigh Würde und Kraft, Zoe Wanamaker verhindert konsequent negative Gefühle gegenüber ihrer Paula Strasberg, Kenneth Branagh als Laurence Olivier ist der personalisierte Nervenzusammenbruch auf Zeit und schließlich, zum Niederknien: Judi Dench als humorvolle, warmherzige Sybil Thorndike.

Die Stars des Films aber sind, titelgerecht, Marilyn Monroe – und die wunderbare Michelle Williams, die ihre Rolle weniger spielt als sich ihr hinzugeben. So bezaubernd der Augenaufschlag, das Lachen, der Hüftschwung. So überzeugend die Angst, das Zittern, die Verzweiflung. Ihre eigentliche Leistung aber besteht darin, in einem Film, der vermeintlich von der Fremdbestimmtheit des als Norma Jeane geborenen Stars erzählen will, diesen Trugschluss aufzulösen: Marilyn Monroe, das war nie mehr als eine Rolle. Und so unglücklich diese das Mädchen Norma Jeane auch oft gemacht haben mag, war es letztlich sie, und nur sie, die diese Rolle kontrollierte. Weil sie sich bewusst dafür entschieden hat, das Mädchen, das scheinbar niemand lieben konnte, aufzugeben für den Star, den allen bewundern. Auch wenn der Preis dafür war, selbst genau das zu tun, was sie allen anderen zum Vorwurf machte – dieses Mädchen zu verlassen.

My Week with Marilyn
Buch: Adrian Hodges
Regie: Simon Curtis
Darsteller: Michelle Williams, Julia Ormond, Eddie Redmayne
USA, 99 Minuten, FSK: 6