Saša Stanišić: Konzert der Wörter

Eigentlich sollte der Auftakt zur neuen Saison im Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine am Donnerstag mit der Neueröffnung des Cafés einhergehen. Anfang der Woche musste diese aber verschoben werden, unter anderem, weil die Küche im Keller nicht fertiggeworden war. Wein und Häppchen gab es aber trotzdem, wobei Häppchen eindeutig ein unzutreffender Begriff ist für die ausgefallenen kleinen Köstlichkeiten, die Betreiberin Lee Perron auf die Tabletts zauberte. Dem Café der Konditorin in der Langgasse, das sie auch nach der Eröffnung in der Villa weiter betreibt, werde ich demnächst definitiv einen Besuch abstatten.

Kultur gab es natürlich auch: Saša Stanišić las aus seinem neuen Erzählband „Fallensteller“, der im Mai 2016 bei Luchterhand erschienen ist, ebenso wie aus früheren Werken. Der 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren Schriftsteller erzählte von der Flucht seiner Familie 1992 nach Deutschland, vom Aufbrechen und Ankommen und davon, wie erstaunt er heute noch manchmal ist, wenn er feststellt, was ihm alles gelingt in einer Sprache, die nicht seine erste, ursprüngliche war. Während das Thema Flucht ihn häufig in die Vergangenheit führt, ist es in dem Land, in dem er lebt, Deutschland, ein sehr aktuelles und Stanišić ist einer, der Stellung bezieht, sich einbringt, wie als Deutschlehrer für Geflüchtete, denn: „Sprache ist der Schlüssel zur Integration.“ Das klingt aus dem Munde eines Mannes mit seiner Geschichte nicht nach Phrase, sondern Lebensrealität, und die freundlich, aber sehr bestimmt in den Saal geworfene Aussage „Das erwarte ich von Ihnen allen auch“ – Geflüchteten helfend zur Seite zu stehen also – war nachdrücklich als Appell gedacht.

Unbeding live erleben: Saša Stanišić.

Unbeding live erleben: Saša Stanišić.

Dann las Stanišić, und wie. Es war ein Erzählen und Ergreifen, ein Tanzen und Sehnen, es war ein Durchdringen mit Worten und Formulierungen, ein Verbinden mit dem Publikum, ein Lachen und Weinen, eine sprachliche Leichtigkeit und poetische Schwere. Es waren Momente, in denen nichts existierte als Stanišićs Texte, die durch den unfassbar heißen Saal schwebten, in dem der letzte Abend dieses Sommers zu Ende gehen sollte. Wie ein Konzert ohne Musik, aber mit unglaublichem Tempo, mit Klang und Worten, die wie Töne nachhallen. Als wären sie gerade für diesen Moment geschrieben, für uns alle, die ihn miteinander verbringen. Und am Ende war dieses Gefühl gar nicht so falsch, aber das zu erläutern, würde den Genuss bei künftigen Lesungen schmälern. Und die sind tatsächlich genau das: ein Genuss.

So klug, so witzig, so poetisch, mutig und humorvoll ist dieser Saša Stanišić, ihr sollten ihn alle unbedingt live erleben. Und natürlich seine Bücher lesen, diese wunderbaren Schätze.

Interview – Zwillinge: Einer schreit immer

Für ihren wunderbaren Familienblog Zwillinge: Einer schreit immer hat Anne mir ein paar Fragen zu meinem Buch Unzertrennlich – 20 Geschichten von Zwillingen gestellt. Da ich gerade in dessen Entstehungspase viel in ihren Texten geschmökert habe und sie zu den Zwillingsbloggern gehört, die ich im Anhang des Buches empfehle, hat mich diese Begegnung besonders gefreut.

Woher kommt dein Interesse am Thema Zwillinge?
Das ist ehrlich gesagt vielschichtig. Zum einen fasziniert mich Familie ganz allgemein, nicht nur als, nennen wir es mal Lebensmodell, sondern auch die ganzen inneren Zusammenhänge. Ich habe selbst keine Kinder, bin aber mit Leib und Seele Tante. In den Kindern meiner zwei Schwestern – jeweils ein Junge und ein Mädchen, in der Reihenfolge – sehe ich zum Beispiel viel von meinem Vater. Dann schauen sich die beiden Cousinen auf Kinderbildern so ähnlich. Meine große Schwester hat andererseits viel von unserer Tante. Das finde ich wunderbar.

Zwillinge: Einer schreit immer (Screenshot)

Zwillinge: Einer schreit immer (Screenshot)

Zwillinge wiederum haben schon eine Faszination auf mich ausgeübt, als ich noch ein Kind war. Mit mir in die Klasse gingen Zwillingsmädchen, mit denen wollte ich immer spielen – wahrscheinlich habe ich die Armen damit total genervt. Und meine Patentante, die ein ganz wichtiger Mensch für mich war, hatte einen Zwillingsbruder. Er ist im Krieg gefallen und sie hat nicht oft von ihm gesprochen, aber wenn, war diese besondere Bindung total spürbar. Vor drei Jahren schließlich ist meine beste Freundin Mama von Zwillingen geworden und in die beiden Dötze bin ich total verliebt.

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Natürlich findet ihr den Blog auch auf Facebook und Twitter. Schaut doch mal vorbei!

Nachgefragt bei… Die Liebe zu den Büchern

Was treibt Menschen eigentlich an, ihre Freizeit in Blogs, Podcasts und ähnliches mehr zu stecken, statt sie in der Hängematte zu verbringen? Oder von der anderen Seite betrachtet, wieso machen sie ihr Hobby nicht zum Beruf? Künftig kommen hier in der Rubrik Nachgefragt bei… regelmäßig Menschen zu Wort, deren Projekte mir auf der täglichen Reise durchs Netz aufgefallen sind. In Teil acht spreche ich mit Petzi von Die Liebe zu den Büchern.

Hallo Petzi! Als du angefangen hast zu bloggen, ging es dir um Die Liebe zu den Dingen, seit 2012 heißt dein Blog Die Liebe zu den Büchern. Warum hast du dich ausgerechnet darauf festgelegt?
Als ich mit dem Bloggen angefangen habe, war der Plan eigentlich, über alles zu berichten, was ich liebe. Der Blog sollte sich eher in die Lifestyle-Richtung bewegen. Ich hatte damals noch keine Ahnung vom Bloggen und der Blogwelt, und weil ich eben auch nicht auf ein Thema spezialisiert war, war es nicht so einfach, Leser zu finden. Also habe ich überlegt, was ich noch gerne mag – und musste mich letzten Endes zwischen Büchern und Kochen entscheiden. Heute verbinde ich mit „Die Liebe zu den Büchern“ auch ein bisschen meine Kochleidenschaft, was man an den Kochbüchern und meinem Instagram-Account ganz gut sehen kann. Für mich eine Herzensangelegenheit.

Eine Frau mit viel Liebe zu Büchern.

Eine Frau mit viel Liebe zu Büchern.

Hast du noch einen Überblick, wie viele Bücher du schon rezensiert hast?
Ja, ich führe eine Liste auf dem Blog, in die alle rezensierten Bücher nach Autoren sortiert eingetragen werden. Früher wollte ich immer jedes gelesene Buch rezensieren, aus Zeitgründen bin ich aber mittlerweile von diesem Kurs abgewichen. Wenn es mir gar nicht gefallen hat oder mir einfach die Worte fehlen, dann lass ich die Rezension auch gerne mal sein.

Auf welchen Wegen erreicht dich die Lektüre für den Blog? Wirst du eher von Verlagen oder den Autoren angeschrieben, und wie viele Bücher kaufst du außerdem selbst?
Nur ganz selten frage ich direkt beim Verlag ein Buch an. Vielmehr werde ich per Mail von den Verlagen oder auch Autoren angeschrieben und entdecke dadurch interessanterweise eine Menge Bücher, die ich so gar nicht auf dem Schirm hatte und die mir letzten Endes sehr gut gefallen. Die überwiegende Anzahl meiner Bücher kaufe ich aber tatsächlich selbst. Ich will mir auf jeden Fall die Freiheit erhalten, ein Buch auch einmal nicht rezensieren zu müssen.

Mein Eindruck ist, dass viele Verlage die Blogger inzwischen sehr schätzen, auch weil sie verstanden haben, welche Reichweiten sie so für ein Buch bekommen können. Wie nimmst du das wahr? Und gibt es manchmal auch Anfragen, die dich richtig ärgern?
Dein Eindruck ist sicher richtig. Als ich damals angefangen habe, waren Blogger bei vielen Verlagen nicht gerade beliebt. Das ändert sich aber mittlerweile stetig und Blogger haben von den Verlagen einen immer höheren Stellenwert eingeräumt bekommen. Ich persönlich finde die Zusammenarbeit extrem spannend, begrüße das sehr und bin auch gespannt, wie es sich in Zukunft weiterentwickeln wird. Anfragen, die mich richtig ärgern, gibt es natürlich auch immer wieder. Die kommen in der Regel aber nicht von Verlagen, sondern von Selfpublishern (und ich will damit natürlich nicht alle über einen Kamm scheren, denn es gibt auch viele positive Ausnahmen.) Die meisten Blogger haben da so ihre Erfahrungen gemacht.

Der Arbeitsplatz für die Freizeit.

Der Arbeitsplatz für die Freizeit.

Du bewertest nach einem Punktesystem. Wie funktioniert das genau? Und fällt es dir schwer, schlechte Bewertungen zu vergeben – gerade vielleicht bei Verlagen, mit denen du oft zu tun hast? Ich könnte mir vorstellen, da muss man erstmal reinwachsen, oder?
Bei jeder Rezension bewerte ich nach eigenen Maßstäben, die bei einem anderen vielleicht schon wieder ganz anders ausfallen können. Genau dies finde ich aber auch so spannend. Mein Punktesystem orientiert sich an den klassischen 5 Sternen und wird auf meiner Über mich-Seite näher erklärt. Interessanterweise fallen mir richtige Verrisse immer am leichtesten. Und weil einfach nicht alles gefallen kann, dürfen die auch sein. Was Verlage davon halten, interessiert mich weniger. Wichtig ist es für mich, dass ich meine Meinung klar vertreten kann und keinem etwas vormache. Wenn die Kritik konstruktiv ist und nicht beleidigend wird, dann ist das auch völlig okay. Was mir allerdings immer ziemlich weh tut, sind schlechte Bewertungen bei Autoren, die ich persönlich kenne. Jeder Autor steckt schließlich eine Menge Zeit und Geduld in sein Werk – und liebe Menschen möchte man einfach ungerne kritisieren.

Du interviewst auch regelmäßig Autoren, deren Bücher du rezensiert hast. Wie kommt der Kontakte zustande? Und wie offen erlebst du auch die Autoren inzwischen im Umgang mit den Bloggern?
Alle Autoren, die ich bisher kennenlernen durfte, waren ausnahmslos nett und freundlich und sind Bloggern gegenüber sehr aufgeschlossen. Wenn mir ihre Bücher sehr gut gefallen haben und ich das Gefühl habe, ich möchte noch etwas über den Autor schreiben und meine Begeisterung mit der Welt teilen, dann frage ich ganz gerne mal an, ob ein Interview möglich ist. Bisher war jeder Autor damit einverstanden und teilweise haben sich sehr interessante Gespräche ergeben, die auch für mich als Leser äußerst spannend waren. Das ist aber immer situationsabhängig und wird im Vorfeld nicht von mir geplant.

Wenn du nicht gerade deine Nase in Bücher steckst, was machst du dann eigentlich beruflich? Wie bekommst du beides unter einen Hut? Und wie viel Zeit fließt in deinen Blog?
Ich hätte am liebsten viel mehr Zeit fürs Bloggen, aber mit Vollzeitjob und sonstigen Verpflichtungen kommt der einfach oft zu kurz. Jede freie Zeit, die ich aber irgendwie abzweigen kann, wird in meinen Blog investiert. Beruflich bin ich im medizinischen Bereich tätig und habe damit das totale Kontrastprogramm zur Bücherwelt, was meist aber gar nicht so verkehrt ist. Wobei ich natürlich nicht abstreiten kann, dass ich zu gerne mal in einer Buchhandlung o.ä. arbeiten würde. Das Zauberwort, um alles unter einen Hut zu bekommen: Zeitmanagement. Wobei ich das auch mehr schlecht als recht beherrsche. Aber wenn man mit Leidenschaft dabei ist, bekommt man es immer irgendwie hin, die nötige Zeit zu finden. Würde ich die Zeit jetzt hochrechnen, dann komme ich in der Woche sicher auf zehn bis zwanzig Stunden, die ich in Blogarbeit (inkl. Mailverkehr, Social Media usw.) investiere. Auch hier gilt aber, es ist immer abhängig von der Situation, mal mehr und mal weniger.

Ein Platz für Gedanken.

Ein Platz für Gedanken.

Die Bücherblogger scheinen auf mich besonders gut vernetzt und lesen sich sehr häufig auch gegenseitig. Welche Rolle spielt die Vernetzung? Und welche anderen Blogs empfiehlst du?
Vernetzung ist in meinen Augen das A und O. Meiner Meinung nach kann man davon nur profitieren und das gilt im Prinzip für alle Bereiche, nicht nur für die Blogger. Bedingt durch den Blog habe ich in ganz Deutschland so viele wunderbare Menschen kennengelernt, dass ich es bisher noch keinen Tag bereut habe, damit angefangen zu haben. Gemeinsame Leidenschaft verbindet eben. Ich lese leidenschaftlich gerne andere Buchblogs und kann mich kaum auf bestimmte festlegen. Ein Blick in meine Blogroll lohnt sich daher auf jeden Fall. Sehr erwähnenswert sind aber Buzzaldrins Bücher, Herzpotenzial, Read Pack, Die Büchernische, Das Bücherkaffee, Primeballerina’s Books und Brösels Bücherregal. Du siehst, ich kann mich einfach nicht entscheiden.

Wie die meisten Blogger, bespielst du auch Profile bei Facebook, Twitter und Instagram. Gibt es Phasen, in denen dir all die Öffentlichkeit auch mal zu viel wird, du abtauchen magst? Und wie offensiv kommunizierst du solche Auszeiten?
Interessanterweise hatte ich diese Phase wirklich noch nie so richtig. Ich würde mich selbst als totalen Social Media Junkie bezeichnen, der mehrmals am Tag sein Handy checkt und immer versucht, über möglichst vieles Bescheid zu wissen. Auszeiten gönne ich mir bewusst, aber selten länger als zwei Tage. Und selbst dann lese ich im Hintergrund irgendwie noch mit. Blogauszeiten hatte ich schon öfter, oft auch mit entsprechender Ankündigung. Social Media geht aber irgendwie immer. Mein einziges Problem: Es ist ein ziemlicher Zeitfresser.

Dein Blog hat eine angenehm schlichte Optik, ist aber doch recht aufwändig. Programmierst du selbst oder hast du da Hilfe?
Momentan ist mein Blog noch bei Blogger zu Hause und im Prinzip will ich schon lange zu WordPress umziehen und selbst hosten. Wenn man aber erst mal eine Menge an Beiträgen angehäuft hat, dann versucht man sich doch immer wieder davor zu drücken, weil der Arbeitsaufwand einfach enorm wäre. Aus diesem Grund versuche ich mein bisheriges Blogzuhause eben so schön wie möglich zu machen und das würde mit den normalen Möglichkeiten von Blogger einfach nicht funktionieren. Ein befreundeter Buchblogger (Skys Buchrezensionen) ist das Genie an meiner Seite und hilft mir immer wieder, meinen Blog optisch so gut wie möglich an meinen Geschmack anzupassen und das Möglichste herauszuholen.

So viele Bücher, so wenig Zeit! (Fotos: Die Liebe zu den Büchern)

So viele Bücher, so wenig Zeit! (Fotos: Die Liebe zu den Büchern)

Gretchenfrage für viele Blogger ist die Finanzierung. Verdienst du mit deinem Hobby Geld? Welche Kooperationen pflegst du, was kannst du dir auf diesem Gebiet noch vorstellen – und was ist für dich überhaupt nicht denkbar?
Bisher ist mein Blog reines Hobby, mit dem ich keinerlei Geld verdiene, dafür aber immer wieder Ausgaben (Domain usw.) habe. Grundsätzlich kann ich mir Kooperationen, die zu mir und dem Blog passen und mich überzeugen, aber durchaus vorstellen. Erst kürzlich war ich auf einem Blogworkshop, in dem auch dies zur Sprache kam. Ich habe den Eindruck, als sei im Buchbloggerbereich Geld verdienen immer ein Tabuthema, an das sich keiner herantraut. In anderen Blogbereichen ist das eine Selbstverständlichkeit, die keiner hinterfragt oder gar kritisiert, und das finde ich auch richtig so. Wenn man sich etabliert hat, eine gewisse Qualität bietet und zu dem steht, was man tut, ist es in meinen Augen vollkommen legitim. Neider wird es aber leider immer geben, und damit auch die Leute, die alles von vorneherein schlecht machen. Eine positive Meinung kann man bei mir allerdings nicht erkaufen, das wäre etwas, wofür ich überhaupt nicht zu haben bin.

Welches Buch steht aktuell ganz oben auf deiner Wunschliste? Und was kannst du für die kommenden Herbstabende unbedingt empfehlen?
Auf meiner Wunschliste stehen so viele Bücher, dass ich kaum sagen kann, welches den höchsten Stellenwert hat. Ganz aktuell kann ich aber zwei Bücher empfehlen, die man in meinen Augen unbedingt lesen sollte. „Lasse“ von Verena Friederike Hasel ist ein sehr berührendes und nachdenklich stimmendes Buch und „Nachts“ von Mercedes Lauenstein ein starkes Debüt in einer wunderbaren Sprache mit Geschichten über interessante Menschen. Ansonsten wird man aber bestimmt auch auf meinem Blog fündig.

Vielen Dank für deine Zeit!
Vielen Dank für das Interview.

Über den an Terminen und Projekten prallgefüllten, bunten Herbst macht die Reihe eine Auszeit, danach ist sie (hoffentlich) zurück. Ihr habt ein großartiges Projekt, über das ihr im Winter mit mir reden wollt? Dann schreibt mir doch eine Mail.

Leseglück im LUUPS

Die Tage werden kürzer, die Nächte kühler und inzwischen lässt sich der nahende Herbst nicht mehr leugnen. Der Sommer war viel zu schnell vorbei – aber ist er das nicht immer? Doch zum Glück hat der Herbst seine wunderbaren Seiten. Dazu gehört definitiv, sich wieder häufiger mit einem Buch auf der Couch einzukuscheln und an trägen Sonntagen mit dem Autor gemeinsam zwischen den Zeilen auf Reisen zu gehen.

#lesenliebenlauschen (Fotos: Helen Reddington)

#lesenliebenlauschen (Fotos: Helen Reddington)

Auch der Literaturbetrieb erwacht so langsam aus seinem Sommerschlaf, gerade die kommende Frankfurter Buchmesse wirft bereits ihre Schatten voraus. Und natürlich locken im Herbst wieder mehr und mehr Lesungen an die unterschiedlichsten Orte. Ich hatte am vergangenen Samstag das große Vergnügen, im Mainzer LUUPS Shop aus meinen „111 Gründen, an die große Liebe zu glauben“ zu lesen. Das war auch deswegen besonders schön, weil es die erste Lesung war, die dort überhaupt stattgefunden hat.

Alles ist erleuchtet (Foto: Alexander Kather)

Alles ist erleuchtet (Foto: Alexander Kather)

Neben dem Buch hatte ich eine Handvoll Lieblingslieder mitgebracht, die darin eine Rolle spielen, die wunderbaren LUUPSer wiederum hatten für Brezeln, Spundekäs und leckere Weine aus der Weinraumwohnung gesorgt. Insgesamt war es ein supernetter Abend, und bei einem Glas Wein und netten Gesprächen wurden bereits neue Pläne ausgeheckt. To be continued.

Nachgefragt bei… Frank Nussbücker

Was treibt Menschen eigentlich an, ihre Freizeit in Blogs, Podcasts und ähnliches mehr zu stecken, statt sie in der Hängematte zu verbringen? Oder von der anderen Seite betrachtet, wieso machen sie ihr Hobby nicht zum Beruf? Künftig kommen hier in der Rubrik Nachgefragt bei… regelmäßig Menschen zu Wort, deren Projekte mir auf der täglichen Reise durchs Netz aufgefallen sind. Im fünften Teil spreche ich mit Autor und Herausgeber Frank Nussbücker.

Hallo Frank, du gibst mit deinem Kollegen Andreas B. Vornehm seit 2007 zweimal jährlich die Literaturzeitschrift STORYATELLA heraus. Wie kam es dazu?
Ich schrieb seit vielen Jahren Shortstorys, die weder in die U- noch in die E-Schiene passen wollten. Für erstere zu literarisch, für zweitere zu wenig Grass-like. Durch meinen Autoren-Freund & Kollegen Stefan Strehler geriet ich an eine Berliner Lesebühne, deren Autorinnen und Autoren um Andreas B. Vornehm es genauso ging. Ich wurde Stammleser, Mitglied – und irgendwann sagte ich mir: Ich finde es toll, was ihr so schreibt, lasst uns doch mal eine Publikation angehen.

Frank Nussbücker (Foto: privat)

Frank Nussbücker (Foto: privat)

Wie seid ihr eigentlich auf den Namen gekommen? Ein bisschen klingt der ja nach Storyteller. Oder nach Stracciatella! So oder so sind die Assoziationen positiv.
Letzteres freut mich erst mal sehr, liebe Mara! … Zusammen mit meinem Mitherausgeber & Freund Andreas B. Vornehm sowie Oliver Bauer, unserer grauen Eminenz, saßen wir zusammen, um unserem „Baby“ einen Namen zu geben. Der sollte mit dem zu tun haben, was wir machen. Die Amerikaner haben für eben das die schöne Berufsbezeichnung: Storyteller. Nun sind wir alles keine Amerikaner, und die direkte deutsche Übersetzung klingt leider zu sehr nach den Gebrüdern Grimm: Geschichtenerzähler. Genau darum geht es aber bei STORYATELLA: ums Geschichten erzählen! Und das eben nicht gemäß dem kabarettistischen 0815-Standard von „Lustig, lustig, Trallalla“, den ein jeder von den Berliner Lesebühnen kennt, die in anderen Bundesländern ihre Nachahmer gefunden haben. Ebenso wenig auf dem Niveau des elitären Olymp der literarischen Hochkultur, deren Vertreter nur zu gern das ehemalige Land der Dichter & Denker mit dem oberstädtischen Sandkasten der intelligenzgepushten Profilneurotiker verwechseln, in dem ohnehin nicht jeder mitspielen darf. Wir erzählen Geschichten, ganz im amerikanischen Sinne, deren Bandbreite von „Dick & Doof“ bis zu „Sie wissen nicht, was sie tun“ reicht. Tragödie, Komödie, Pulp, Lovestory, Satire, Science Fiction & der ganze Rest: Alles kein Problem, solange es gut geschrieben und intelligent ist und auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommt. Und so kamen wir auf den quasi Kunstnamen STORYATELLA, (der in seiner Betonung bitte italienisch auszusprechen ist, wie Mortadella oder Stracciatella), bevor wir uns womöglich Der Geschichtenerzähler oder Potsdamer Platzhirsch oder Enigma-g oder Die skandalöhsen Märchenonkelz oder Testin’ Testosteron oder VOX VULGO DEI oder Leuchtschrift, Dreckschleuder, Doppelpackschreiber oder Der schreibende Bono Bo nennen wollten!

Ihr nennt die STORYATELLA ein Berliner Kurzgeschichtenheft, der Untertitel lautet „Das Leben schreibt das Beste – aber nicht alles!“ Worauf achtet ihr bei der Auswahl der Storys und welche Geschichten passen nicht ins Heft?
Die Storys kommen aus dem prallen Leben, sind aber von diesem nicht 1:1 „abgeschrieben“, sondern eben literarisch verdichtet. Ich mag am liebsten Storys, die mich gnadenlos mitnehmen an die Orte und in die Welten, an und in denen sie spielen. Wobei ich kein Freund von Thriller & Co bin, deren tiefster Sinn darin besteht, möglichst „thrillig“ zu sein. Ich will die Liebe zum Leben darin spüren können, und sei die Welt, in der sie spielen, noch so brutal oder trostlos. Kurzum: Wir suchen Texte, bei denen wir sagen: „Whow!“

Liest eure Zeitschrift sich eigentlich tatsächlich in Berlin besonders gut? Ist sie nur für Berliner? Oder soll ihr Name eher einen Berliner Charakter ausdrücken?
Sämtliche STORYATELLA-AutorInnen der ersten Stunde lebten in Berlin, als sie zu STORYATELLA-AutorInnen wurden. Maggy Bartscher, eine unserer großartigsten Autorinnen, zog irgendwann ins Ruhrgebiet – und schrieb weiter für uns. Leider verstarb sie vor zwei Jahren, um Jahrzehnte zu früh… Im Moment lebt einer unserer Stamm-Autoren im Hohen Fläming, ein andere in meiner Geburtsstadt Jena… Es kommt so, wie es kommt. Das Wichtigste ist die Story, und die soll bitte, bitte aus dem Leben kommen. Das ist im Bauch einer Großstadt wie Berlin natürlich besonders prall, aber das ist nicht der Punkt. Sorry für die Wiederholung: Die Story muss mich umhauen. Andreas, meine Liebe, Oliver und etliche von uns leben in Berlin – der Stadt, die wir lieben. Aber das ist unsere Sache…

Wie kommen die Texte in der Regel ins Magazin: Sprecht ihr gezielt Kollegen an oder erreichen euch die Geschichten von ganz alleine?
Sofern ich irgend kann, gehe ich auch auf Lesungen, auf denen ich nicht selbst lese. Höre ich da oder auf unserer Lesebühne eine Story, die mich umhaut, gehe ich sofort hin und sage: „Whow, das hat mich umgehauen! Ich gebe eine Kurzgeschichtenzeitschrift heraus, hier ist ‘ne Karte mit unserer Webseite. Wenn Du Lust drauf hast, würde ich diese Story gern in unserer nächsten Ausgabe abdrucken!“ Mittlerweile bekomme ich viele „unverlangt eingesandte“ Beiträge, mitunter bereits gedruckte Romane oder Gedichtsammlungen… Und manchmal auch eine Story, bei der es mir so geht wie ich gerade eben erzählte…

Welche Tipps habt ihr für Autoren, die nun überlegen, mal etwas von sich zu schicken?
Besorgt Euch eine STORYATELLA – und schaut, ob ihr da drin mal zu lesen sein wollt.

Cover

Irgendwo habe ich gelesen, ihr wollt mit eurem Magazin auch anschreiben gegen das Einerlei der Berliner Lesebühnen. Seht ihr deren Entwicklung kritisch?
Nee. Es gibt in Berlin ein paar Lesebühnen, die seit vielen Jahren sehr erfolgreich sind. Die Surfpoeten, Reformbühne Heim & Welt, Liebe statt Drogen, Chaussee der Enthusiasten… Zumeist sehr starke Performance! Wir sind ein wenig literarischer und weniger Comedy, was ich keinerlei wertend meine, sondern janz sachlich. Ich war mal Schauspieler, und das lasse ich bei meinen Vorträgen gern mal kieken, aber das ist nicht das typische unserer Auftritte. Unsere jährliche Premiere im ZEBRANO-Theater, dem vielleicht steilsten kleinen Theater der Welt, ist stets – zumindest von unserem Anspruch her – eine jute Show, aber auch die ist eher literarisch, denn in Richtung Comedy. Ich war mal bei der Reformbühne Heim & Welt als Gast eingeladen. Zusammen mit Ivo Lotion, einem Barden, der regelmäßig auf den juten, alten Lesebühnen zu hören ist. Seine Songs gefielen mir derart, dass ich ihn spontan fragte, ob er nicht bei unserer nächsten Premiere auftreten will. Wollte er. Kurzum: Da gibt’s keine Kluft. Was mich eher nervt, sind die zahllosen Nachahmer jener wirklich erstklassigen Lesebühnen. Das endet dann oft in reichlich sinnloser Schenkelklopf-Dallerei, aber viel kann ich dazu nicht sagen, da ich an einem solchen Abend nicht allzu lange zu den Gästen gehöre… Ach ja, den Ahne, einen der Alt-Stars der Berliner Vorlese-Szene, hab ich sehr gern, obgleich er in Sachen Berliner Fußball die Weinroten verehrt und ich Unioner bin, aber das ist schon wieder ‘ne andere Story…

Die STORYATELLA erscheint im eigens dafür gegründeten Storyapulpa Verlag. Wie viel Pulp steckt in euren Geschichten?
Lies selbst – und sag es mir, ok? Ganz ehrlich, ich bin kein Freund von Genre-Klischees jedweder Art. Aber, liebe Mara, dein Urteil würde mich wirklich sehr interessieren.

Ein eigener Verlag bedeutet auch ein Investment. Wie finanziert ihr die STORYATELLA? Welche Rolle spielen Werbeanzeigen, und verdient ihr mit dem Magazin Geld?
Klar verdiene ich mit STORYATELLA Geld. Etwa 100 Euro im Jahr ;-) Aber darum geht’s bei diesem ehrenamtlichen Halbtag-Herzensjob auch nicht. Ich bin stolz und glücklich, dass wir in Kürze Ausgabe 14 an den Start bringen. Und das nach einmaliger Investition von 1.000 Euro aus meiner Tasche. Seitdem trägt sich unser Baby selbst, wie das so schön heißt. Diejenigen, die bei uns eine Werbung schalten, sind allesamt Leute mit halbwegs laufenden Geschäften, die uns damit unterstützen wollen – und sich zudem freuen, wenn die neue Ausgabe in ihrem Briefkasten liegt. Eigentlich sind das viel eher Sponsoren als Werbepartner.

Finanzierbarkeit ist im Literaturbetrieb ohnehin ein schwieriges Thema. An dem Heft arbeiten neben dir und deinem Mitherausgeber auch Grafiker und Lektoren. Sind das bezahlte Angestellte – oder muss ein gelegentliche Freibier reichen?
Alle, die an STORYATELLA mitarbeiten, tun dies aus ihrem Herzen heraus. So halte ich es, und genau so hält es Andreas, der die Grafik verantwortet und sich um die Bildenden KünstlerInnen kümmert. Meine Liebe, Anke Nussbücker – wir lernten uns übrigens 1999 auf einem Seminar für Prosa-Autoren kennen – ackert auch unheimlich mit, dass die jeweils neue Ausgabe erscheint. Ebenso unsere bis heute graue, aber ungemein lebenshungrige Eminenz Oliver Bauer, Katrin Schulz – und janz, janz dolle unser ebenfalls ehrenamtlich arbeitender Lektor T.A. Wegberg. Der veröffentlicht einen Roman nach dem anderen, sein neuester kommt zusammen mit meinem neuen Buch über die Fans des 1. FC Union Berlin im Herbst bei Schwarzkopf & Schwarzkopf raus. Dazu übersetzt er, arbeitet ehrenamtlich bei einem Krisendienst für Jugendliche in akuter Not – kurzum, der bräuchte seinen „Job“ hier nicht wirklich. Er ist dabei, weil er längst ein STORYATELLer ist und mit seinen Geschichten gehörig dafür sorgt, dass die Qualitätsmesslatte der von uns abgedruckten Storys recht hoch ist. Ein unglaublich feinfühliger Lektor, Kollege & Freund, einfach nicht zu bezahlen, genau wie alle, die bei uns mitmachen.

Deine Brötchen verdienst du als Autor und Biografieschreiber. Was reizt dich daran, die Lebensgeschichten anderer Menschen aufzuschreiben?
Schon immer interessierte ich mich für die Lebensgeschichten anderer Leute. Das fing an, als mir meine Oma dereinst in unseren Dämmerstündchen Geschichten aus ihrem Leben erzählte. Seit vielen Jahren ist das Aufschreiben eben solcher Geschichten einerseits Broterwerb, andererseits Erholung von meiner eigenen literarischen Arbeit. Ich muss hier keinen Stoff generieren, sondern selbigen vielmehr in die Form bringen, in der er am besten den Weg zu seinen Lesern findet. Zudem kann ich hier ein wenig meiner zweiten großen Liebe nachgehen: Ich war viele Jahre Schauspieler und liebte es, mich in die jeweilige Rolle einzufühlen, wie das dereinst der olle Stanislawski nannte. Eben das muss ich tun, um als Ghostwriter im Ton eines Anderen schreiben zu können, sprich: Das Buch schreiben, welcher es geschrieben hätte, wenn er das könnte…

Andreas B. Vornehm (Foto Paul Pape)

Andreas B. Vornehm (Foto Paul Pape)

Über Andreas B. Vornehm war mal zu lesen, er schreibe an der längsten hard-boiled Kurz-Kulturanthropologie-SMS der Welt. Ist er inzwischen fertig geworden?
Nein. Die ist derart lang, ich glaube, im Moment steckt er mitten in Band LMXII… Aber im Ernst: Kaum einer beobachtet sich selbst und seine Umwelt derart scharf und dennoch mit Liebe, wie er. Für mich ist Andreas B. Vornehm seit vielen Jahren der beste Schriftsteller dieser Welt, den ich persönlich kenne.

Gelegentlich veranstaltet ihr auch gemeinsame Lesungen. Wie ist das Feedback der Gäste?
Unsere Premieren verlassen viele Leute mit ‘nem Lächeln in den Augen. Ein steileres Feedback kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen …

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind: Wann erscheint die nächste Storyatella – und wo kann man sie kaufen?
Premiere ist am 24. Oktober. STORYATELLA bekommst Du auf unseren Lesungen und über unsere Webseite. Bis vor zwei Jahren versorgte ich noch einige Berliner Buchläden, auf Kommission, dafür fehlt mir mittlerweile – leider – die Zeit. Ich bin ja glücklich, dass ich, dass wir STORYATELLA Jahr für Jahr immer wieder an den Start und unter die Leute bringen. STORYATELLA ist unser literarisches Piratenboot, das sich einen feuchten Kehricht um gängige Konventionen, um U- E- und sonstwelche angeblichen literarischen Gattungen schert. STORYATELLA lebt von der Liebe derer, die es produzieren und unserer LeserInnengemeinde. Wir sind keine geschlossene Gesellschaft …

Vielen Dank für das Gespräch!

Im sechsten Teil von Nachgefragt bei… spreche ich mit Martin über den Wochenendrebell. Ihr habt ein großartiges Projekt, über das ihr mit mir reden wollt? Dann schreibt mir doch eine Mail.