Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei RB Leipzig

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet Kai Bieler, der zu Regionalligazeiten Fan des RB Leipzig wurde, meine Fragen.

Ja zu RaBa

Hallo Kai, danke, dass du dir Zeit für mich nimmst. Du bist Mitglied im Fanclub #taLEntfrei des Rasenballsport Leipzig e.V., der selbstironisch auf seiner Homepage erklärt, er sei „ein lockerer Zusammenschluss von erfolgsorientierten Fußballkonsumenten, die schon während Regionalliga-Duellen gegen Meuselwitz von der Champions League träumten. Jeder von uns ist seinen ganz eigenen Weg zum einzig wahren Rasenballsport gegangen.“ Was war deiner?
Mein Weg begann irgendwann 2011 in der zweiten Regionalliga-Saison von RB unter dem damaligen Trainer Peter Pacult. Nach einigen sporadischen Besuchen von Heimspielen und dem ersten emotionalen Highlight, dem 3:2-Sieg über den VfL Wolfsburg im DFB-Pokal, schenkte mir meine Freundin zur Rückrunde die erste Dauerkarte. Das bereut sie wahrscheinlich bis heute.

Um ehrlich zu sein, lässt sich von außen schwer nachvollziehen, wie Leute Fans von einem Verein wie Leipzig werden. Hätte Twitter mich nicht längst sozial verdorben und mit Fans sämtlicher Vereine positiv zusammengebracht, hätte ich das anstehende Spiel gegen Leipzig vermutlich ignoriert. Wie nervig ist es, sich für seinen Verein so verteidigen zu müssen?
Erklären ja, verteidigen nein. Ich erkläre gern meine Sicht auf die Dinge, aber ich habe keine persönliche Mission als Missionar in Sachen RB. Besonders in den ersten Jahren gab es viele Diskussionen, in den sozialen Medien oder im Freundeskreis und das war auch ok. Über die Jahre hat man als RB-Fan natürlich irgendwann alle Argumente ausgetauscht und die Lust, es zum 237. Mal zu tun, nimmt etwas ab. Zumal, wenn mit jedem Aufstieg neue Fanszenen anderer Vereine plötzlich das Thema für sich entdeckten und dachten, sie würden jetzt das Rad der RB-Kritik völlig neu erfinden. Da war dann wahlweise erheiternd oder ermüdend.
Ich nehme für mich selbst in Anspruch, die Entwicklung von RB leidenschaftlich aber mit einer gewissen kritischen Distanz zu begleiten. Insofern sind grundsätzliche Diskussionen mit anderen Fans über das Modell RB Leipzig selbstverständlich, wenn sie ein Mindestmaß an gegenseitigem Respekt und Höflichkeit einhalten. Dazu gehört für mich auch, das Fan-sein seines Gegenübers zu respektieren. Wenn es schon an der Bereitschaft dazu mangelt, wird ein Gespräch schwierig.

Wobei müssen natürlich eh Quatsch ist, der Verein sucht sich bekanntlich seine Fans und die Wege dahin sind unergründlich. Trotzdem. Erkläre doch Fußballromantikern wie mir, wieso Modelle wie das eure nicht den Fußball zerstören – und was du dem abgewinnst.
Dieses Bonmot von Nick Hornby ist zwar sehr schön, trifft auf die „1. Generation“ von RB-Fans aber eher nicht zu. Für sie (und für mich) war die Wahl des Vereins eher eine bewusste Entscheidung, gegen viele Widerstände und aus vielen verschiedenen, individuellen Gründen. Schon für die Kids von heute sieht die Sache ganz anders aus. Sie gehen mit ihren Eltern ins Stadion, werden mit RB sozialisiert und werden in ein, zwei Jahrzehnten die gleichen Geschichten erzählen, wie heute die Fans von „Traditionsvereinen“. Für sie ist RB einfach der Verein aus ihrer Stadt und die Diskussionen, die wir heute noch führen, werden für sie keine Rolle mehr spielen.
Dem Vereins-Modell von RB Leipzig „gewinne ich“ nichts ab in dem Sinne, dass es irgendwie besser oder moderner wäre als andere Modelle. Es war – ganz pragmatisch und unromantisch – die Bedingung dafür, dass Red Bull hier investiert. Ich kann aber auch nicht erkennen, dass es „den“ Fußball zerstört. Letzten Endes prägen weder die Rechtsform meines Vereins noch sein wirtschaftlicher Background mein persönliches Stadions-Erlebnis als Fan. Ok, letzteres in gewisser Weise schon, weil es natürlich über Dinge wie Liga-Zugehörigkeit und Kaderstärke mitbestimmt.

Stadion

Siehst du denn selbst Teile dieser Entwicklung auch kritisch? Was, wenn alle fünf Jahre ein Verein wie RB oder Hoffenheim aus der Regionalliga ins Oberhaus gefördert wird? Ist das eine Entwicklung, die du unterstützten könntest? Und würden dir Augsburg, Mainz und Frankfurt in zehn Jahren bei Spielen gegen „Coca Cola Rüsselsheim“ fehlen?
Fehlen Dir Waldhof Mannheim, Saarbrücken oder KSC Uerdingen in der Bundesliga? Die spielten nämlich noch in der Bundesliga, als ich Mitte der 1980er Jahre anfing, Fußball zu schauen. Der Fußball hat sich seitdem extrem verändert, sportlich, wirtschaftlich und auch gesellschaftlich, hin zu einem bürgerlichen Massenphänomen, das in allen Facetten einer marktwirtschaftlichen Verwertungslogik folgt. Das tat er natürlich auch schon damals, nur nicht so offensichtlich.
Ich kann mit diesem Traditionsdings grundsätzlich wenig anfangen und finde „Plastikklubs“ wie Hoffenheim und Leverkusen sportlicher spannender als Traditionsvereine wie Mainz, den HSV oder Augsburg. (Die beiden letztgenannten spielen im übrigen aktuell auch nur Bundesliga aufgrund eines spendablen Investors.) Aber das ist Geschmacksache und nichts, was mich über diese Vereine und deren Fans urteilen lässt. Im Übrigen glaube ich nicht an das oft bemühte „Coca Cola Rüsselsheim“. Auch, weil der Weg, den Red Bull in Leipzig gegangen ist, sich nicht so einfach auf andere Investoren und Standorte übertragen lässt.
Bestimmte Entwicklungen im internationalen Fußball – wie Ablösesummen im dreistelligen Millionenbereich, Trainingslager in Katar und Marketingreisen nach China – lassen mich mitunter auch kopfschüttelnd zurück. Aber in den schon oft angestimmten, kulturpessimistischen Klagegesang über den Untergang des „Fußball-Abendlandes“ mag ich trotzdem nicht einstimmen. Das setzt voraus, dass es mal den paradiesischen Zustand des „Volkssports Fußball“ jenseits aller ökonomischen Spielregeln gab, zu dem man zurückkehren könnte. Das ist Quatsch. Fußball war immer ein Spiegel seiner Zeit.

Ganz grundsätzlich: Kannst du das Bauchgrummeln derer verstehen, die ein Problem mit deinem Verein haben?
Klar kann ich verstehen, dass man grundsätzliche Einwände gegen Investoren im Fußball hat oder bestimmte Zusammenhänge in Leipzig von Außen nicht oder anders wahrnimmt. Das ist völlig legitim. Mitunter werden dabei nur Ursache und Wirkung verwechselt. RB Leipzig ist in Deutschland sicher das bisher konsequenteste Beispiel für den beschriebenen, „modernen Fußball“, aber bestimmt nicht sein Erfinder.

Wie beurteilst du Oliver Mintzlaff? Und glaubst du, er hat ein echtes Interesse am Fußball – oder ist es ihm egal, welche Sportart er als nächstes beflügelt?
Oliver Mintzlaff ist Manager, erst bei Puma und Andrea Berg, nun bei RB Leipzig. Seine Aufgabe als Geschäftsführer ist es, die wirtschaftlichen Strukturen zu professionalisieren, dafür zu sorgen, dass sie mit der sportlichen Entwicklung mithalten. In dieser Funktion macht er sehr vieles richtig. Die internen Strukturen in den Bereichen Sales und Marketing wurden neu aufgestellt, die Anzahl der Sponsoren ist signifikant gestiegen. Das Merchandisingangebot und der Hospitality-Bereich im Stadion werden sukzessive ausgebaut. Sein Ziel ist es, den Abstand zu den großen Playern wie BVB und Bayern zu verringern und gleichzeitig die finanzielle Abhängigkeit von Red Bull sukzessive zurückzufahren.
Mitunter kommt die „technokratische“, zahlengetriebene Sicht von Oliver Mintzlaff in der Fanszene nicht so gut an, etwa in den Diskussionen darum, ob die Red-Bull-Arena am historischen Standort des Zentralstadions um- oder auf der grünen Wiese neu gebaut werden soll. Rein von der zukünftigen Einnahmenseite aus betrachtet, wäre ein Neubau an der Autobahn sicher die logischere Alternative gewesen. Aber ein größerer Teil der Fanszene wollte den Erhalt des Innenstadt-Stadions. Letzten Endes hat sich der Verein für diese Lösung entschieden, worüber ich auch sehr froh bin. Aber ich würde Oliver Mintzlaff nicht vorwerfen, dass er das Thema Fußball vor allem wirtschaftlich betrachtet hat. Er ist Geschäftsführer eines Unternehmens, nicht dessen Fankultur-Beauftragter.

Schampus

In der Vergangenheit wurden die hohen Hürden bezüglich der Mitgliedschaft bei RB Leipzig kritisiert. Wie ist da der aktuelle Stand? Und bist du selbst Mitglied?
Daran, dass der Verein mit weniger als 20 handverlesenen, stimmberechtigten Mitgliedern, ein „closed shop“ ist, hat sich nichts geändert und das wird es in absehbare Zeit auch nicht. Daran lassen auch offizielle Äußerungen von Oliver Mintzlaff keinen Zweifel. Hier schützt Red Bull klar weiter sein Investment, nach dem Motto: „Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt auch die Musik.“ Im Zusammenhang mit der erstmaligen DFL-Lizenzierung nach dem Zweitligaaufstieg hat RB die Möglichkeit von Fördermitgliedschaften (in Gold, Silber und Bronze) eingeführt. Die Fördermitglieder sind nicht stimmberechtigt, können aber an den Mitgliederversammlungen des Vereins teilnehmen. Aktuelle Zahlen zur Anzahl der Fördermitglieder gibt es nicht, aber es dürften ein paar Hundert sein, einer davon bin ich.
Bei dem Thema geht es mir wahrscheinlich wie der Mehrheit der RB-Fans, die kein gesteigertes Interesse an Mitbestimmung haben. Meinen Gestaltungswillen kann ich in meinem Beruf und in meinem Ehrenamt bei einem sozialen Träger zur Genüge ausleben. Fußball ist ein Hobby. Da will ich mich mit Freunden zu treffen, mich über den Schiedsrichter aufzuregen und die ein oder andere Hopfenkaltschale oder „Berliner Luft“ (Grüße an die @brausecrew!) trinken. Ich bin außerdem ganz froh, von folkloristischen Auftritten a lá Watzke und Hoeneß auf Jahreshauptversammlungen verschont zu werden.
Im Übrigen hat die aktive RB-Fanszene auch jenseits formaler Mitbestimmung Wege gefunden, ihre Themen und Interessen beim Verein zu platzieren. Sei es über den Fanverband (Zusammenschluss von Fanclubs), die Fanbetreuer oder auch über soziale Medien. Da geht es um typische Fan-Themen wie Ticketpreise, die Qualität des Merchandisings, Livestreams von Testspielen oder das Catering im Stadion, aber auch die lange diskutierte Frage des Um- oder Neubaus des Zentralstadions. Dieser informelle Dialog klappt mal besser und mal schlechter. Mitunter greift man sich an den Kopf, wie bestimmte Entscheidungen kommuniziert werden – oder eben auch nicht. Aktuell beispielsweise bei der Entlassung eines langjährigen Fanbetreuers. Aber grundsätzlich werden kritische Äußerungen aus der Fanszene sehr wohl durch den Verein wahrgenommen und in der Regel wird auch darauf reagiert.

Wie ist der Verein eigentlich in Sachen Jugendarbeit aufgestellt?
Da gibt es seit geraumer Zeit einen krassen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zum einen hat sich RB für 35 Mio. Euro eines der modernsten Nachwuchsleistungszentren in Deutschland hingestellt und wird dafür regelmäßig medial abgefeiert. Auf der anderen Seite hat es bislang kein Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in den Profikader geschafft. (Komischer Weise klappt die Integration junger Spieler von anderen Vereinen in die 1. Mannschaft regelmäßig, siehe Uppamecano und Konate.) Die U19 spielt seit längerem in der Bundesliga unter den Erwartungen, die U23 wurde zum Ende der vergangenen Saison komplett abgeschafft. Das halten viele immer noch für einen Fehler, weil damit das Bindeglied zwischen den U-Teams und Männer-Profifußball weggefallen ist. Wer sich dazu genauer informieren will, dem sei die aktuelle Folge des RB-Podcasts „Champagner statt Bier“ empfohlen, in der das aktuelle Dilemma der Nachwuchsarbeit detailliert aufgearbeitet wird.

Mit Lok hat Leipzig einen Traditionsverein im besten Sinne des Wortes. Wie ist aktuell das Verhältnis? Und wie wichtig ist RB für den darbenden Fußball-Osten?
Von gegnerischen Fans bekommen wir ja regelmäßig die Aussage „In Leipzig nur Lok und Chemie“ präsentiert. Das ist auf mehreren Ebenen weit weg von der Realität. Während RB längst in der ganzen Stadt angekommen ist und als Bundesligist sowieso auf einer anderen Ebene spielt, sind Lok und Chemie eher „Stadtteilvereine“, die in der Regionalliga Nordost ein treues, aber überschaubares Stammpublikum anziehen. Große Berührungspunkte gibt es seit der Abmeldung der U23 von RB aus der Regionalliga nicht mehr. Entsprechend ist die Zeit der großen innerstädtischen Diskussionen und Auseinandersetzungen vorbei.
Zum zweiten ist für den unreflektierten Begriff „Traditionsverein“ bei beiden eine nicht unerhebliche Konstruktionsleistung nötig. Die Zahl der Brüche, Umbenennungen, Insolvenzen und Neustarts bei Lok und Chemie seit 1990 lässt sich kaum an zwei Händen abzählen. Aktuell will beispielsweise Lok Leipzig die Rechtsnachfolge des seit 2004 vom Spielbetrieb abgemeldeten VfB Leipzig vom Insolvenzverwalter kaufen, um sich als 1. Deutscher Meister von 1903 bezeichnen zu können. Diese Art kreativer Geschichtsschreibung ist nicht so meins.
Ebenso wenig wie die Argumentation „RB ist Balsam für die gebeutelte, ostdeutsche Fußballseele“. Ja, der Osten war seit dem Abstieg von Energie-Cottbus 2009 Bundesliga-Niemandsland. Aber das sind das Saarland und Schleswig-Holstein auch (zumindest noch diese Saison, schönen Gruß nach Kiel.) Ein Grundrecht auf 1. Bundesliga gibt es nicht. Trotzdem sehe ich schon, dass viele im Osten RB als Verein „von hier“ wahrnehmen, mit dem man endlich wieder erfolgreich auf der großen Fußballbühne unterwegs ist.

Stadion innen

War es strategisch klug, gerade dort ein solches Projekt zu starten?
Ja. Aus heutiger Sicht konnte es wahrscheinlich keinen besseren Standort in Deutschland geben. Eine Stadt mit 500.000 Einwohnern und ohne Profifußball, aber mit einem neuen WM-Stadion und ganz viel Fußballgeschichte. Dazu mit zwei niederklassigen Traditionsvereinen, die sich seit Jahrzehnten in ihrem Hass aufeinander paralysieren und kein besonders attraktives Erscheinungsbild für „normale“ Fußballvereins abgeben. Besonders Lok hat bis heute mit einem Klientel zu kämpfen, dass regelmäßig durch eine gewisse „Erlebnisorientierung“ sowie durch rassistische und homophobe Entgleisungen auffällt. Für viele Leipziger ist heute klar, dass es einen externen Player wie Red Bull brauchte, um die Agonie des Leipziger Fußballs seit 1990 zu beenden und was Neues anzufangen. Das mag von außen nicht besonders romantisch aussehen, war aber aufgrund der wirtschaftlichen und fußballkulturellen Rahmenbedingungen kaum anders möglich.

Als Ralph Hasenhüttl von Ingolstadt nach Leipzig gekommen ist, habe ich mir verwundert die Augen gerieben. Aber der Fußball, den er bei euch spielen lässt, ist tatsächlich ein komplett anderer. Was war damals dein erster Gedanke – und wie siehst du den Trainer heute?
Ralph Hasenhüttl war wohl schon ein Jahr zuvor ein Kandidat für den Trainerposten, wollte aber nicht in die 2. Liga wechseln (ebenso wie Thomas Tuchel). Ich habe wie viele andere die Personalie von Beginn an positiv wahrgenommen. Zum einen, weil er in Ingolstadt mit dem Klassenerhalt in der 2. Liga, dem späteren Aufstieg in die Bundesliga und noch mehr mit dem 11. Platz in der ersten Bundesliga-Saison einen extrem guten Job gemacht hat. Was er in Ingolstadt hat spielen lassen, war aus Gegnersicht unangenehm, zuweilen nervtötend, aber es war die perfekte Spielidee für die kadertechnischen Möglichkeiten des Vereins. Und es war mit dem Fokus auf Pressing und Gegenpressing ja nicht weit weg von der RB-Spielanlage.
Aus heutiger Sicht muss man sagen, es passt bislang perfekt. Er ist ein taktisch vielfältiger Trainer, ein guter Motivator und nicht zuletzt ein sympathischer Typ. Besonders erstaunlich finde ich, wie schnell er die Entwicklung von RB von einem ausgeprägten Umschaltfußball hin zu einer Spielidee mit viel Ballbesitz hinbekommen hat. Gleichzeitig ist das Pressingverhalten viel flexibler als noch unter Zorniger oder Rangnick geworden. Bei RB unter Hasenhüttl kann man sowohl dem Team als auch dem Trainer bei ihrer parallelen Entwicklung hin zur nächsten Stufe zusehen. Dieser Gleichklang ist vielleicht das Erfolgsgeheimnis überhaupt. Ich bin gespannt, wie lange er noch andauert. Dass Hasenhüttl einen persönlichen Karriereplan hat, der in irgendwann aus Leipzig wegführen wird, ist kein Geheimnis.

In den europäischen Wettbewerb seid ihr, ähnlich wie Neuling Hoffenheim, eher holprig gestartet. Warum habt ihr euch dann, anders als Hoffenheim, rechtzeitig gefangen?
Seit Mittwochabend sind wir ja aus der CL ausgeschieden, wobei ich den „Abstieg“ in die Europa League nicht wirklich als solchen empfinde. Wir haben eine typische Europa-Premiere gespielt, mit Anpassungsproblemen, mit Lehrgeld, mit der erstmaligen Erfahrung der Doppelbelastung. Ein Unterschied zu Hoffenheim ist klar der breitere, besser besetzte Kader. Dadurch konnte Hasenhüttl zwischen CL und Bundesliga ohne größere Qualitätsverluste entsprechend rotieren. Außerdem hat es sicher etwas mit der Lernkurve des jungen Teams zu tun, das sich schnell auf das neue, europäische Niveau eingestellt hat. Trotzdem hat sich gezeigt, dass zu einem europäischen Spitzenteam noch einiges an Konstanz und „Abgezocktheit“ fehlt. Insofern entspricht die Europa League aktuell eher dem Entwicklungstand von RB als das Achtelfinale der „Königsklasse“.

Du warst beim Auswärtsspiel in Monaco. Gib uns die volle Packung Kitsch: Wie fühlt sich das an?
Lass es mich so sagen: Eine Wiederholung brauche ich nicht unbedingt. Fußball ist in Monaco schon eher ein Fremdkörper, 80-Meter-Yachten und Formel 1 passen da definitiv besser hin. Das 18.000er-Stadion war maximal halbvoll, die Stimmung gruselig. Größere Ansammlungen von Fußballfans in der Stadt sind nicht erwünscht, die Sicherheitskontrollen vor dem Stadion waren deutscher Sicht absurd intensiv. Dazu „sportliche“ Preise für alkoholische Kaltgetränke und mobiles Internet, dessen Kosten einem die Tränen in die Augen treiben. Dafür war das Frühstück am Folgetag bei 19 Grad an der Strandpromenade für Ende November ganz nett. ;-) Unterm Strich gibt es aber schönere Auswärtsziele in Europa.

Monaco

Was singt man eigentlich so bei euch im Stadion als Heim-Fan?
Oft dass, was man in anderen Bundesligastadien halt auch singt: „Auf geht’s (hier Städtenamen einsetzen) Jungs, schießt ein Tor für uns“, das Pippi Langstrumpf-Lied oder die üblichen „Schalalala“-Nummern. Dazu gibt es natürlich auch ein paar genuine RB-Songs. Eine der neueren Nummern, die gut funktioniert ist „Vorwärts Rasenball, Leipzig überall“ auf der Melodie von „Komm, wir fahren nach Amsterdam“. Einer meiner Lieblingssongs ist immer noch das schon ältere „Schweine-Lied“, weil es mit dem Schuss Selbstironie daherkommt, der für die Anfangszeit der Fanszene so stilprägend war. Das verschwindet leider zunehmend, in dem Maße, in dem die Anhängerschaft größer, heterogener und „normaler“ wird.

Leipzig hat sich am Wochenende von zuvor schwächelnden Hoffenheimern 0:4 abschießen lassen, die Mainzer sind zuhause gegen Augsburg untergegangen. Mit was für einem Gefühl schaust du auf das kommende Spiel? Wird das ein lockerer Heimsieg? Oder können wir euch Probleme machen?
Lockere Heimsiege sind für uns in dieser Saison eher die Ausnahme. Die Doppelbelastung und die größtenteils sehr defensive Ausrichtung unserer Gegner haben den teilweisen „Hurra-Fußball“ der vergangenen Hinrunde verschwinden lassen. Im vergangenen November kamt ihr noch nach einer 1:6-Klatsche unter der Woche in Anderlecht zu uns und wart entsprechend chancenlos. Jetzt treten wir mit vertauschten Rollen gegeneinander an. Wir haben gerade unser letztes CL-Heimspiel verloren und Mainz kommt ausgeruht und gut vorbereitet nach Leipzig. Insofern erwarte ich ein enges Spiel, bei dem RB mit dem Ball Chancen kreieren und besser verwerten muss als noch Mittwoch gegen Istanbul. Mainz wird sicher auf seine Chancen im Umschaltspiel lauern und auch bei der Verteidigung von Standards stellen wir uns aktuell nicht besonders gut an. Insofern ist RB natürlich Favorit, aber aussichtslos ist das Spiel aus Mainzer Sicht sicher nicht.

Wo sind Baustellen in eurem Kader und welche Umstellungen erwartest du nach dem letzten Spieltag?
Aktuell fehlen uns mit Forsberg und Sabitzer zwei absolute Schlüsselspieler auf der 10er-Position, die viel Kreativität, Ballkontrolle und im Fall von Sabi auch noch Mentalität mitbringen. Er ist auf dem Platz eine absolute Führungspersönlichkeit, der nie aufsteckt, auch mal seine Mitspieler zusammenscheißt und immer für ein wichtiges Tor gut ist. Für das Mainz-Spiel wird es bei ihm nach seiner Schulterverletzung in Monaco aber sicher noch nicht wieder reichen.
Ich hoffe, dass Upamecano wieder in die Innenverteidigung neben Orban zurückkehrt. Und Bernardo wäre für mich eine Alternative zu Klostermann, der aktuell nach seiner langen Verletzung noch nicht wieder in der alten Form ist. Besonders offensiv kommt da auf der Außenbahn zu wenig. Ansonsten funktioniert die Rotation im Team ganz gut, wobei aber speziell Bruma und auch Augustin noch nicht ganz die Erwartungen an sie erfüllen können.

Wo erwartest du beide Teams, wenn wir uns in der Rückrunde wieder begegnen?
Für Mainz geht es, realistisch betrachtet, in dieser Saison nur darum, den Abstiegskampf so lange wie möglich zu vermeiden. Wenn Ihr bis zum Rückspiel den HSV, Bremen und Freiburg auf Distanz halten könnt (Köln ist eh weg), ist es wohl eine „erfolgreiche“ Saison.
Bei RB wird es spannend zu sehen sein, wie wir den Rest der Hinrunde bestreiten. Aktuell zeigt die Form-Kurve eher nach unten und mit euch, Wolfsburg und Hertha warten noch drei schwierige Aufgaben. Die Winterpause ist diesmal extrem kurz und der Spielrhythmus in der Europa League ab Frühjahr noch anspruchsvoller. Natürlich ist der Anspruch, sich wieder für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Ob es dann für einen der erstmals vier direkten CL-Plätze reicht, hängt sich auch davon ab, wie die Entwicklung beim BVB, Schalke, Gladbach und Leverkusen weitergeht. Es wird auf jeden Fall enger werden als in der Vorsaison.

Was für eine Strategie erwartet die Mainzer am Samstag in Leipzig? Und dürfen sie diesmal ihre Plakate aufhängen, oder … Well.
Wenn sie dafür nicht die Stadiondekoration zerstören müssen, wird das sicher kein Problem sein. Übertrage die Situation doch mal in den privaten Bereich: Jemand kommt in Dein Wohnzimmer und fängt an, die Tapete abzureißen, weil ihm die Farbe nicht gefällt und er eigene Bilder aufhängen will. Wie lange wäre er wohl noch Dein Gast? Gegnerische Fans hängen regelmäßig RB-kritische Plakate auf und das ist auch ok. Dagegen finde ich einigermaßen absurd, Sachbeschädigungen als notwendigen Teil der Ausübung von Meinungsfreiheit dazustellen und sich hinterher noch in eine Opferrolle zu begeben.

Danke für das Gespräch!

|| Zu den Hintergründen der Plakat-Frage, hier ein Artikel bei Faszination Fankurve. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim SC Freiburg

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet Sven Metzger, der erst fern der Heimat in Berlin zum Fan des SC Freiburg wurde, meine Fragen.

Sven Fuchs

Hallo Sven, du gehst für meinsportradio.de regelmäßig mit dem füchsletalk an den Start. Erzähl doch mal ein bisschen was über das Format.
Der füchsletalk ist der einzige Podcast zum SC Freiburg. Jeden Monat sprechen wir über das, was auf und neben dem Rasen so los ist. Ergänzt wird das feste Team immer wieder um Gäste, wie beispielsweise den SZ- und SPON-Autor Christoph Ruf oder SWR-Reporterin Nadja Eckerle. Aktuell müssen wir uns leider regelmäßig über den VAR aufregen. Aber damit sind wir ja nicht allein. Nur werden bei uns keine Fernseher geworfen.

Du lebst im pfälzischen Haßloch. Wie wird man da Freiburg-Fan? Musstest du dich von der FCK-Verwandtschaft abgrenzen? Als Mainzerin würde ich das natürlich begrüßen…
Ich bin ja nun in der Kurpfalz groß geworden, und da gab es Anfang der Achtziger einen Verein, der seine Heimspiele im Südweststadion in Ludwigshafen austrug. Da meine Großeltern nur 200 Meter vom Stadion wohnten, habe ich also meine Fußballjugend beim Waldhof verbracht. Zum SC kam ich durch meinen Umzug nach Berlin, die regionale Bindung war weg und mich beeindruckten einfach die übergeordneten Werte, für die der Verein damals schon stand und immer noch steht. Viele finden Freiburg deshalb sympathisch, ich wurde deshalb Fan.

Anmerkung: Natürlich wusste ich das mit dem Waldhof vor dem Interview nicht. This changes everything!

Ob Dreisam oder Rhein, faire Fains woll'n wir sein. (Foto: Fridolin Wernick)

Ob Dreisam oder Rhein, faire Fains woll’n wir sein. (Foto: Fridolin Wernick)

Neben dem Fußball berichtest du auch über andere Sportarten – zum Beispiel Schach – und bist zudem seit diesem Jahr Sprecher der deutschen Ringerliga. Welcher Sport besetzt den ersten Platz in deinem Herzen?
Ich habe ein großes Herz mit viel Platz für eigentlich jeden Sport, so bin ich auch viel beim Eishockey oder Handball. Aber als Sprecher der Deutschen Ringerliga kann ich natürlich nur für diesen wunderbaren Sport werben. Schaut ihn euch in der Halle an, ihr werdet begeistert sein.

Für die Jungle World schreibst du unter anderem über Darmstadt 98. Wie stark achtest du auf eine Trennung von Fansicht und Berichterstattung? Ist es eine bewusste Entscheidung, Freiburg via Podcast und Darmstadt als Reporter zu begleiten?
Bei Freiburg rede ich von wir, bei Darmstadt würde ich das nie tun. Das beschreibt den Unterschied wohl ganz gut. Der Podcast hat ja nun auch eine deutliche Vereinsbrille auf, was so gewollt und vollkommen in Ordnung ist. In Darmstadt fand und finde ich es spannend zu beobachten, wie ein Verein, der dafür überhaupt nicht gemacht war, auf einmal in der Bundesliga landete, und sich dort behaupten konnte. Nun ist die große Frage natürlich, wie die Geschichte weitergeht, was ich journalistisch für nicht weniger interessant halte. Und jubelnde Journalisten und Mitsinger gibt es auf den Pressetribünen der Republik schon genug, da muss ich nicht einstimmen. Ich habe mir das mal für die Jungle World von der Seele schreiben dürfen.

Kommen wir zur Situation des SC Freiburg. Ihr habt am vergangenen Spieltag 1:3 in Wolfsburg verloren. Wie schmerzhaft war die Niederlage gegen ein Team, das vorher sieben Mal unentschieden gespielt hat?
Nicht weniger schmerzhaft als andere Niederlagen in der Saison. Sie war aber verdient, weil der SC wieder sein Auswärtsgesicht zeigte, das diese Saison kein schönes ist.

Braut sich beim SC etwas zusammen? (Foto: Fridolin Wernick)

Braut sich beim SC etwas zusammen? (Foto: Fridolin Wernick)

Das erste Saisondrittel der Freiburger in Zahlen klingt bedrückend: Acht Punkte aus 12 Spielen und mit 24 Treffern die meisten Gegentore der Liga. War das so zu erwarten?
Wenn dir zur neuen Saison über 50 Scorerpunkte fehlen, kannst du das als SC Freiburg in der Bundesliga unmöglich auffangen. Dazu noch ein hartes Startprogramm, eine Mannschaft in der Findungsphase, so dass der aktuelle Tabellenstand nicht so furchtbar überraschend kommt.

Interessanterweise hattet ihr in der Vorsaison nach 12 Spielen ebenfalls 24 Gegentreffer, auf der Habenseite standen aber 16 Tore statt jetzt 7. Wo hakt es derzeit offensiv?
Abschlusseffizienz heißt das Schlüsselwort. Der SC spielte sich im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahrs ähnlich viele Chancen heraus. Aber wo die Dinger letztes Jahr noch versenkt wurden, gehen sie dieses Jahr eben an den Pfosten, vorbei – oder werden gehalten.

Habt ihr letzte Saison über eure Verhältnisse gespielt? Oder bleibt ihr diese darunter?
Wir haben letzte Saison viele Spiele knapp gewonnen, also vielleicht etwas über die Verhältnisse gespielt, auch wenn der Platz im internationalen Wettbewerb vollkommen verdient war. Und eigentlich spielt der SC auch diese Saison über die Verhältnisse, schließlich sind wir in der Etat-Rangliste mit weitem Abstand Letzter.

Was für Punkte gibt es, die das Team aktuell schwächen?
Maximilian Philipp und Vincenzo Grifo nach der letzten Saison weg, ein überhitzter Transfermarkt im Sommer, der es kaum möglich machte, frühzeitig passenden Ersatz zu finden, dazu jede Menge Verletze, die nun im Ausfall der Schlüsselspieler Niederlechner und Frantz gipfeln. Und ich hatte in unserer Saisonvorschau den SC schon ohne all diese Ausfälle auf Platz 17 getippt.

Und was macht dir Hoffnung?
Christian Streich, die Mannschaft und das Umfeld. Die Leistungen in den Heimspielen.

Freiburg ist heimstark. Aber wird das allein reichen? (Foto: Fridolin Wernick)

Freiburg ist heimstark. Aber wird das allein reichen? (Foto: Fridolin Wernick)

Muss man in der aktuellen Situation schon froh sein über das Scheitern in der Europa League Quali, oder bedauerst du es, dieses Abenteuer nicht mit dem Verein zu erleben?
Ich war 2013 mit dem SC beim Spiel in Estoril. Es gibt kein schöneres Erlebnis für einen Fan als Europapokal auswärts mit einem Verein, bei dem dies so besonders ist. Aber bei mir war kein großes Bedauern nach dem Ausscheiden gegen Domzale da. Man sah schon in diesen beiden Spielen viel zu deutlich, wie hart die Saison werden würde, so dass meine Gedanken dann sehr schnell Richtung Bundesliga gingen.

Die Spieler wirken extrem selbstkritisch, teilweise auch fast schonungslos mit der eigenen Leistung. Siehst du mittlerweile ein Kopfproblem?
Die Frage, ob die Spieler zu klug und zu reflektiert über die eigene Leistung nachdenken, würde man wohl auch keinem anderen Verein stellen. ;) Nein, ich sehe kein Kopfproblem.

Christian Streich ist ein Phänomen, als Trainer und als Typ. Die einen lieben ihn, den anderen geht er auf die Nerven. Wie wichtig ist er für den Verein?
Christian Streich ist die wichtigste Person für den SC Freiburg. Punkt. Aus. Ende. Er steht für diesen Verein mit all seiner Empathie, seiner Menschlichkeit, seinem Fachwissen.

Findest du es gut, wenn das Bild eines Vereins so stark von einer Person geprägt ist, oder liegt darin auch eine Gefahr? Mit Volker Finke war es in Freiburg ja ähnlich.
Bei Streich ja, bei Finke zum Ende hin eindeutig nein. Lassen wir es dabei, denn das würde Seiten füllen.

Wäre eine Entlassung von Streich in Freiburg denkbar? Oder geht der Verein, wenn es sein muss, auch wieder mit ihm in die 2. Liga?
In Freiburg geht Christian Streich nur selbst, sonst hat das niemand zu entscheiden. Und das wird auch niemand anders entscheiden.

Nach dem Ausfall von Florian Niederlechner wichtig wie nie: Nils Petersen. (Foto: Fridolin Wernick)

Nach dem Ausfall von Florian Niederlechner wichtig wie nie: Nils Petersen. (Foto: Fridolin Wernick)

Was erwartest du am Samstag für eine Aufstellung? An welchen Stellschrauben kann Streich noch drehen und auf welche Taktik müssen die Mainzer sich einstellen?
Die Frage ist ja eher, wen er auf den Platz bringen kann. Wer ist fit? Wie entwickeln sich die Neuzugänge? Kriegt man Niederlechner im Spiel gegen den Ball ersetzt? Der Vorhang fällt und alle Fragen sind offen.

Und wie lautet dein Tipp? Stoßt ihr den Bock gegen auswärtsschwache Mainzer um?
Der Bock ist ziemlich störrisch, muss wohl sehr oft umgestoßen werden, und wird da mit Sicherheit noch bis ins Frühjahr 2018 stehen bleiben. Mir reicht ein 1:0 durch Petersen.

Danke für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Fridolin Wernick für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Mönchengladbach

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantworten Christoph und Manuel, deren Herz für Borussia Mönchengladbach schlägt und die über ihren Verein bloggen und podcasten, meine Fragen.

Manuel ist Fohlenfan durch und durch... (Foto: privat)

Manuel ist Fohlenfan durch und durch… (Foto: privat)

Hallo Manuel und Christoph. Ihr schreibt und quasselt für den Halbangst-Blog und den Podcast vollraute. Erzählt doch erstmal ein bisschen was zu den beiden Formaten.
C: Halbangst ist so ein bisschen aus dem Frust über Fanjournalismus entstanden. Ein Kumpel von mir – wie ich für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk am Mikro – und ich haben überlegt, ob wir einen gemeinsamen Blog starten. Sehr kritisch, sehr meinungsfreudig. Da er Fortuna-Düsseldorf-Fan ist und ich Gladbacher, haben wir dann so eine Mix-Sache draus gemacht, die zum einen durchaus gut ankam und zum anderen auch hier und da mal polarisiert hat. Inzwischen sind wir schon fast die alten Herren der Bloggerszene am Niederrhein, aber es läuft immer noch ganz gut – auch, weil sich Leute wie Manuel relativ schnell uns angeschlossen haben.
M: Dazu podcaste ich im vollraute-Team. Wir senden seit 2013 und sind mittlerweile sechs Leute, die regelmäßig mitwirken. Hier geht es um einen reinen Gladbach-Podcast, in dem wir – aus TV- oder Stadionperspektive – die Spiele und Taktik analysieren, über den Verein und das Umfeld diskutieren und auch Gäste einladen. Vom Gründer Sascha bis zu mir sind wir alle seit vielen Jahren vom Format Podcast als Medium überzeugt, das nun ja auch vielerorten den Fußball erfasst hat. Jüngst hat die Borussia einen Podcast in ihr vereinseigenes Medienangebot aufgenommen.

Manuel, du lebst in Großbritannien, euer Podcast erscheint auch auf Englisch. Wie hält man den Kontakt zum Herzensverein, gerade über das rein sportliche hinaus, wenn so viele Kilometer zwischen einem selbst und dem Stadion liegen? Wie viele Spiele im Jahr gönnst du dir?
In den vorherigen Jahren habe ich mir eine Handvoll Spiele pro Saison gegönnt. Das ist aus privaten und beruflichen Gründen in den letzten zwölf Monaten leider nicht mehr so möglich gewesen. Ich habe als ehemaliger Mönchengladbacher aber natürlich noch einige Kontakte, um über das Sportliche hinaus die Stimmung im Klub und Umfeld mitzuverfolgen.

Immer nah dran: Team vollraute bei der Arbeit. (Foto: privat)

Immer nah dran: Team vollraute bei der Arbeit. (Foto: privat)

Und noch eine persönliche Frage: Wie seid ihr beiden zu Fohlenfans geworden? Welche Ära und Spieler haben euch besonders geprägt?
C: Ich bin erst mit zehn zur Borussia gekommen – 1990. Ich fand Fußball erst blöd, dann aber habe ich Deutschland gegen Holland bei der WM gesehen und dachte: Aha, das ist also dieser Fußball. Dann ging es schnell, ich stamme ja auch aus Gladbach: Stadionbesuch, erste Dauerkarte für die Nordkurve mit 14 Jahren (würde ich meinem Sohn nie erlauben), Auswärtstouren ab 16, inzwischen Dauerkarte im Sitzplatzbereich. Ganz klassischer Weg. Was mich so ein bisschen stolz macht, sind die Umstände, in denen ich Fan geworden bin. Die Borussia war Anfang der 90er eher ein Abstiegskandidat. Dann kam Stefan Effenberg und auch so etwas wie ein bisschen Erfolg. Das alles auf dem Bökelberg. Nachhaltig war es nicht – irgendwann ging es in die 2. Liga. Insofern fühlt sich das schon ganz gut an, keiner der typischen 70er-Jahre-Hurra-Fans zu sein. Das erdet massiv, auch in Zeiten wie diesen, in denen die Borussia eher zum größeren Kapital der Liga gehört.
M: Als Mönchengladbacher war das in die Wiege gelegt, ich bin 1987 zum ersten Mal mit meinem Vater ins Stadion. Von daher war es ähnlich wie bei Christoph – viele Abstiegskampf-Jahre, Dauerkarte und viele Auswärtsfahrten, eine Hochzeit mit Effenberg, Dahlin und Andersson, und wieder nach unten. Besonders geprägt haben mich schon so Leute wie Hans-Jörg Criens, Joachim Stadler, besagte Pokalsieger-Elf um Effenberg, aber auch ein Marcel Ketelaer oder Arie van Lent.

Kommen wir zur aktuellen Situation der Borussia. Ihr steht mit 17 Zählern punktgleich mit Schalke 04, die aber das bessere Torverhältnis haben, auf dem 6. Rang. Hättet ihr das vor dieser Saison als Platzierung für den 10. Spieltag gekauft?
M: Wie es jetzt rein tabellarisch aussieht, ist es voll okay. Champions League ist nur machbar, wenn es die Liga hergibt – oder es eine Saison am oberen Limit wird, wie in den Vorjahren. Momentan ist diese Mannschaft extrem schwer einzuschätzen. Eine Leistungsstreuung, wie ich sie selten erlebt habe. Aber Platz 6, Europapokal, ist in Gladbach immer ein Grund zu feiern.
C: Es wäre okay. Ich bin da etwas härter drauf als Manuel. Ich halte die Borussia vom spielerischen Potential her für einen Champions-League-Aspiranten. Wenn man sich die Tiefe des Kaders anschaut, ist das für einen Verein, der nicht europäisch spielt, massiv. Daher würde ich eher einer vergebenen Chance nachtrauern, als mich freuen. Es klingt absurd: Auch, wenn Leverkusen mit dem 1:5 deutlich war – das hättest du gewinnen müssen. Frankfurt zu Hause und Augsburg sind eigentlich ebenfalls drei Punkte wert gewesen. Eigentlich müsste die Borussia bei 25 Punkten stehen. Das wäre keine Sensation.

Bayern, Leipzig und Dortmund, so scheint es, werden die ersten drei Plätze sowieso (wieder) unter sich ausmachen. Beginnt der Angriff aller anderen Teams künftig erst mit Platz 4?
M: Das ist leider ein hausgemachtes Problem dieser wohl merkwürdigsten aller Top-Ligen, in der einerseits der gerechte-Verteilungsgedanke und der Vereinsstatus sehr ausgeprägt ist, anderseits diese ganzen Ausnahmen gemacht werden und wurden. Man muss realistisch sein und sagen, dass für den Rest eine Meisterschaftswahrscheinlichkeit im Promille-Bereich liegt. Höchstens.

Der Bökelberg ist Vergangenheit, die Gladbacher spielen heute im Borussia-Park. (Foto: Meenzer on Tour)

Der Bökelberg ist Vergangenheit, die Gladbacher spielen heute im Borussia-Park. (Foto: Meenzer on Tour)

Auf ein 1:5 daheim gegen Leverkusen folgte zuletzt der Pokalsieg im Derby gegen Fortuna Düsseldorf und ein 3:1 gegen Hoffenheim. Woher kommen diese doch krassen Ausschläge?
C: Ich habe die Truppe mal Mentalitätsplüschtier genannt. Psychologisch ist sie oft nicht besonders robust. Da wird schnell der Kopf gesenkt. In Hoffenheim hast du gesehen, was passiert, wenn die Mannschaft das Grübelnde ablegt. Aber auch da musst du eigentlich mehr Tore machen. Ist schon bezeichnend, wenn einer wie Hazard bei den Torschüssen unter den Top Fünf der Liga ist, bei den Torjägern aber kilometerweit entfernt von diesen. Daher, ich glaube, es ist Kopfsache. Und ich finde das nicht ganz unwichtig – so ist die Borussia nämlich ein Club, der dieses unsägliche Bayern-Leipzig-Dortmund-Konzert durchbrechen kann.
M: Ja, irgendwo zwischen Plüschtieren und Hartplatz-Gezocke ist das Kopfproblem anzusiedeln. Ich glaube, dass das Auftreten einer Mannschaft ganz wesentlich von ein, zwei Spielern beeinflusst wird. Und momentan scheint es ein Kader zu sein, der den gepflegten Ball mag und eher nett unterwegs ist. Das ist dann teilweise ein gefundenes Fressen in dieser Alles-raushauen-Ära der Bundesliga. Dazu kommt ein Mix aus Etablierten und Jungen/Neuen, der (noch) kein balanciertes Korsett wie in den Favre-Jahren gebildet hat.

Die Redaktion der 11 Freunde hat kürzlich auch mal aufgedröselt, wieso Gladbach in dieser Saison so wankelmütig ist. Ein Problem sehen sie darin, dass ihr immer nur eine gute Hälfte schafft, positiv bewerten sie euren Ballbesitz. Stimmt ihr den Analysen zu?
C: Naja, Hoffenheim war insgesamt gut, Bremen ebenso, Hannover passte vom Willen, selbst das Spiel in Düsseldorf war konstant vom Level her. Außerdem: Die Statistiken sagen jetzt nicht unbedingt, dass die Borussia so viel Ballbesitz hat. Unter Favre war das teilweise ein Vielfaches. Aber nun gut, die 11 Freunde. Wenn wir die alten Herren der Blogszene sind, dann reden wir hier über die Opas der alternativen Fußballszene. (Das sage ich übrigens mit einem großen Augenzwinkern.)
M: Ich weiß nicht, ob das eher eine Nacherzählung oder wirklich Analyse ist. Ballbesitz ist sicherlich in dieser Liga ein Zeichen, aktiv etwas für das Fan-Auge zu tun. Allerdings: In der Rückrunde unter Hecking waren die besten Spiele die mit weniger Ballbesitz als der Gegner. Ich glaube, dass es oft ein Problem der letzten Konsequenz in der Abwehr ist und zu großer Abstände, wenn das Spiel hektischer wird. Offensiv fehlt oftmals die Tiefe des Raumes am 16er, wie ihn ein Arango oder ein Xhaka bespielen konnten. Da hat ein ähnlich veranlagter Spieler wie Grifo gegen Hoffenheim direkt den Unterschied gemacht.

Wie schlimm treffen euch die aktuellen Verletzungen? Kramer und Bobadilla beispielsweise sind ja Spieler, mit denen Hecking natürlich geplant hatte. Seid ihr nicht gut genug besetzt?
C: Kramer ist halt der Spieler mit der meiner Meinung nach wichtigen Antreibermentalität. Fußballerisch ist er genauso wichtig, auch wenn es bei ihm oft sehr unrund ausschaut. Bobadilla ist für mich immer noch ein Transfer, den ich zu verstehen versuche. Zu den Geschichten aus seiner ersten Zeit sage ich mal nix – nur so viel: Der muss schon arg geläutert sein, um jetzt zu passen. Insofern habe ich keine Sorge um das Team, wenn er ausfällt. Ich glaube auch nicht, dass er von Hecking als so wichtig erachtet wird. Zumindest nicht für die Startelf.
M: Kramer ist immens wichtig für die Stabilität und Seriosität neben den jungen Wilden wie Cuisance oder Benes, was man zum Beispiel in der zweiten Hälfte gegen Leverkusen gesehen hat. Dazu fehlt die Option Tobias Strobl mit Kreuzbandriss. Insgesamt gibt es im Mittelfeld aber schon viele Optionen, so dass es Meckern auf hohem Niveau ist. Bobadilla ordne ich in die Kategorie Macht nochmal Lärm vorne-Einwechselspieler ein.

Der verletzte Jonas Hofmann ist den 05-Fans in bester Erinnerung geblieben. (Foto: Meenzer on Tour)

Der verletzte Jonas Hofmann ist den 05-Fans in bester Erinnerung geblieben. (Foto: Meenzer on Tour)

Nun fällt auch noch der in Mainz bestens bekannte Jonas Hofmann für den Rest der Hinrunde aus. Wie soll der Trainer das kompensieren? Welche Reaktion erwartet ihr euch vom Team?
C: Das mit Hofmann ist schon Scheiße. Klar lässt der mit seinem Sachverwalter-Fußball viel liegen. Allerdings: Im Angriff ist er oft der Ruhepol, der mal einen Ball halten kann und stabil ist. Zwar nie die ganz große Nummer, aber schon ein wichtiger Faktor in der Truppe. So ein Element – wenn auch ein eher langweiliges – fehlt jetzt schon ein wenig.
M: Wenn Hofmann ein Eisvogel vorm Tor wäre, wäre der halt auch nie bei uns gelandet. Er kann aber auch das Vorbereitende, was mir damals bei ihm in seiner Mainzer Zeit gut gefallen hatte. Sein Ausfall ist nicht gut gerade im Hinblick auf die oben erwähnten Verletzten und den von Christoph beschriebenen Ruhepol-Einfluss.

Der populärste Gladbacher Neuzugang ist sicher Matthias Ginter vom BVB. Er hat bislang alle Ligaspiele über 90 Minuten absolviert und zwei Tore geschossen. Wie zufrieden seid ihr ganz grundsätzlich mit den Sommertransfers und wie speziell mit der Ginter-Verpflichtung?
C: Es gab halt keinen Besseren für die Position. Und bei uns ist – aus meiner Sicht – das größte Innenverteidiger-Talent Europas, Andreas Christensen, gegangen. Da musste der Verein einen Topper holen. Und da ist Ginter schon okay. Hat zwar seine Böcke, ist aber sonst sehr stabil und wächst so langsam in die Führungsrolle rein. Hat mir in Hoffenheim zum ersten Mal so richtig gut mit seinen Ansagen an die Vorderleute gefallen. Auch mit seiner Ruhe – wobei das interessant war – da hat Hecking ihn ins defensive Mittelfeld gestellt. Das sah zeitweise besser aus, als in der Innenverteidigung.
M: In Sachen Ginter sehe ich in der Tat alles genauso wie Christoph. Zu den Sommerzugängen muss ich sagen, dass ich Zakaria unfassbar gut finde. Der ist zwei Schritte weiter, als angenommen. Unglaubliche(r) Radius, Passsicherheit und Physis. Wenn der Schweizer so weitermacht, geht Zakaria in drei Jahren für jenseits einen sehr hohen achtstelligen Betrag zu einem Weltklub, soweit lehne ich mich aus dem Fenster.

In der Außenbetrachtung wirkt bei Gladbach immer noch die letzte Saison nach: Ich vermisse Lucien Favre. Dieter Hecking wirkt aus der Entfernung wie einer, der keine große emotionale Bindung zum jeweiligen Verein darstellt. Tue ich ihm Unrecht? Welches Standing hat Hecking in der Gladbacher Fanszene?
C: Favre war eine Liebeserklärung an den Fußballnerd. Da sollten wir ehrlich sein, so einen kriegst Du nicht alle Jahre. Und da ich Schubert für das komplette Gegenteil hielt (klar, hin und wieder ist Fast-Food ja okay, aber immer – näääh), ist Hecking für mich eine Wohltat. Er ist verlässlich.
M: Ich glaube schon, dass Gladbach Hecking sehr am Herzen liegt. Favre war einfach diese Melange aus Kauz und verschmitzter Intelligenz, die die Gladbacher so mögen, weil es sie an den gern erzählten cooler Underdog gegen bösen Großstadtklub-Mythos der 70er gegen die Bayern erinnert.

Und wie beurteilt ihr Heckings Arbeit?
C: Ich bin zufrieden. Er vercoacht sich zwar hier und da – wie gegen Leverkusen, da hätte er umstellen müssen, Raffael rausnehmen, den jungen Cuisance von der Sechs nach vorne beordern und Hofmann dafür ins Defensive Mittelfeld stellen sollen. Heiko Herrlich von Leverkusen hatte gesehen, dass da die Schwäche der Borussia lag und ging auf diese beiden Spieler ins starke Pressing. Beide haben die drei schnellen Gegentreffer eingeleitet. Das hätte man in der Halbzeit sehen können. Aber – und das mag ich an Hecking – er reagiert auf solche Fehler und findet in den nächsten Spielen Lösungen. Meiner Meinung nach ist er nicht so konservativ, wie viele denken.
M: Das ist schon alles okay so, gerade, wenn man die Tabelle ansieht. Die nun schwächere Heimbilanz, traditionell Gladbachs Stärke, kostet ihm in gewisser Weise sicherlich Ansehen. Er ist weder hyperaktiv noch erzkonservativ, beharrend, aber auch Fehler einsehend – vielleicht ist es für viele deswegen schwer, ein Profil zu erkennen, an dem sie sich reiben oder laben können.

Christoph liebt Fußball und Eishockey und ist oft im Stadion anzutreffen. (Foto: privat)

Christoph liebt Fußball und Eishockey und ist oft im Stadion anzutreffen. (Foto: privat)

Beim Auswärtsspiel in Hoffenheim zeigten Gladbach-Fans neben einer genehmigten Choreo ein Spruchband, das Dietmar Hopp als Fußballmörder beleidigt. Gladbach entschuldigte sich, Hoffenheim stellte Strafanzeige. Was empfindet man als Gladbacher in der Situation?
C: Ich bin auch Eishockey-Fan bei der DEG und weiß, was Hopp in Mannheim macht. Das ist so verkehrt nicht. Und auch wir Gladbacher haben von den Hoffenheimern profitiert, indem wir den einen oder anderen Spieler von der TSG bekommen haben (Hofmann, Johnson, Grifo). Klar, mag ich diesen Dorfklub nicht, er ist ein Kunstprodukt, das Stadion liegt in der absoluten Pampa – dagegen ist der Borussia-Park sowas wie der Broadway. Aber diese Proteste gegen Hopp: Mir ist das inzwischen zu 2007.
M: Absolut albern und peinlich. Die Strukturen des DFB und das Durchwinken solcher Modelle gilt es zu kritisieren. Dazu kommt, dass solche unkreativen und stillosen Entgleisungen wieder einmal genau den Law-and-Order-Typen, denen eine aktive oder wie auch immer genannte Fanszene ein Dorn im Auge ist, helfen. Und ist es dieses Rumgepöbel, was dann gestenreich als Fussballkultur verteidigt werden muss? Ein Eigentor.

Ich bin sehr für die kreative Auseinandersetzung mit Retortenclubs und selbst überzeugte Fußballromantikerin. Solche Aktionen ärgern mich aber, weil mit der Begrifflichkeit Grenzen überschritten werden. Damit spielen diese Leute, wie Manuel schon andeutet, jenen in die Hände, die alle Fußballfans als randalierende Idioten abstempeln wollen. Wie können die anderen Fans dagegenhalten?
C: Wie du sagst: kreativ sein, lustig sein, sein Vokabular im Blick haben. Aber spielen wir es nicht zu hoch: Zum Fußball gehört auch, dass Fanaktionen mal nicht geschmackssicher sind. Und diese Konstrukte wie RB Leipzig zugelassen hat ja der DFB. Ich finde, wir sollten uns viel mehr auf die Doppelmoral, die Kommerzialisierung und die Gier des DFB konzentrieren, anstatt uns an Symptomen wie Hoffenheim, Bayern, Wolfsburg oder Leipzig abzuarbeiten.
M: Da bin ich ganz eurer Meinung. Es geht anders, was den Stil angeht, und die wahren Probleme sind eine Etage höher zu finden.

Am Samstag spielt Mainz nun in Gladbach. Nach den Schwankungen zuletzt müssten wir euch aus dem eigenen Stadion kegeln. Was macht euch Hoffnung darauf, dass sich eure Mannschaft zweimal in Folge gut präsentiert?
C: Ich glaube, es wird knapp aber spielerisch klar. Ich bin da auch ohne den Blick auf Vergangenes skeptisch. Und wann habt ihr uns schon mal aus dem Stadion gekegelt. (Jaja, ich kenne die furchtbaren Auftritte der Gladbacher am alten Bruchweg.)
M: Es wird ein zähes Abwarten in der Mainzer Hälfte mit unserem erwähnten Ballbesitz. Letztlich bewegt sich Gladbach – und ein Stückweit auch Mainz – in der Klasse der Tagesform-Teams, wo Kleinigkeiten zu klaren Geschichten anwachsen. Das wird in der Nachberichterstattung oft verklärt. Im Gladbacher Falle hätten wir bei nahezu identischem Spielverlauf gegen Hannover fast nicht 2-1 gewonnen, sondern verloren, und bei beiden Klatschen gegen den BVvB (1-6) und Leverkusen (1-5) auch ohne Wunder 2-0 führen können.

Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Gladbach im Dezember 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Gladbach im Dezember 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie nehmt ihr die Mainzer bislang in dieser Saison wahr? Was für ein Spiel erwartet ihr von den Schwarz-Jungs?
C: Schwierig zu beurteilen. Ich war erstaunt, dass die Kölner euch 17 Millionen für Córdoba gegeben haben. Aber das habt ihr ja eher in die Breite gesteckt. Zumindest ist Mainz keine Truppe der bekannten Spieler (mal abgesehen von René Adler, aber der ist ja verletzt). So auf die Ergebnisse geschaut ist das doch bisher okay. Daher: Ist ein Gegner, den ich durchaus als unangenehm wahrnehme.
M: Mir ist in Mainz mit den Schmidt-Jahren zuletzt die klare spielerische Idee abhandengekommen, und so richtig sehe ich das auch noch nicht unter Schwarz. Muto, de Blasis oder Öztunali sind aber Spieler, die typischerweise gegen Gladbach aufblühen und dann ein Riesenspiel ablegen. Auswärts sind die Leistungen auch eher schwer einzuschätzen – gegen Bayern und S04 ging einfach nicht mehr, aber beispielsweise das Wolfsburg-Spiel hätten die 05er ja gut und gerne auch noch gewinnen können. Enges Ding, wie so oft.

Wo werden die beiden Teams in der Tabelle stehen, wenn wir uns in der Rückrunde erneut begegnen?
C: Die Borussia wird dann hoffentlich schon auf die 40-Punkte-Marke zusteuern oder sie längst überschritten haben. Also ich gehe vom oberen Drittel aus. Mainz sehe ich dann auf dem elften Platz. Dass Ihr in den Abstiegskampf reintrudeln werdet, glaube ich nicht.
M: So ähnlich sollte oder wird das laufen.

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Christoph Kessel für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Leseliebe: Wir Wochenendrebellen

Wenn es um das Internet geht, ist gerne mal von so genannten Blasen die Rede. Damit ist gemeint, dass jeder von uns sich online in einem bestimmten eigenen Umfeld – der Blase – bewegt. In erster Linie sind die thematisch gebunden, in zweiter Linie ergeben sich daraus natürlich Kontakte, die mit der Zeit oft bedeutsamer werden als die Themen, aus denen sie ursprünglich entstanden sind. So wird das Netz tatsächlich zu einem sozialen Ort, an dem man bei jedem Besuch Menschen wiedertrifft, denen man sich längst verbunden fühlt.

In meiner Blase ist – speziell auf Twitter – Fußball eines der beherrschenden Themen. Dabei spielt es interessanterweise gar keine Rolle, welchem Verein die Menschen, denen ich unter den Flügeln des blauen Birdys begegne, die Treue halten. Man versteht einander auch dann, wenn das beim Kontakt im Stadion vermutlich ganz anders gelaufen wäre. Fast könnte man sagen, Twitter versaue den natürlichen Abneigungstrieb gegnerischer Fans – aber nur fast.

Jason und Mirco. (Pressefoto: Sabrina Nagel)

Jason und Mirco. (Pressefoto: Sabrina Nagel)

An diesem speziellen Ort nun, der Menschen so zusammenbringt, dass ihre Vereinsfarben im Grunde keine Rolle spielen im geteilten Moment, hat es (in meiner digitalen Blase) ein Junge zu gewisser Berühmtheit gebracht, dessen Wunsch diesem Twitter-Prinzip quasi gegenläufig ist: Jason möchte herausfinden, zu welchem Fußballverein er gehört.

Diese Entscheidung kann Jason aber nicht aus dem Bauch heraus treffen, er muss dafür im Vorfeld gewissermaßen Daten erheben, weshalb er seinem Papsi nach dem eher zufälligen ersten gemeinsamen Stadionbesuch das beherzte Versprechen abgenommen hat, mit ihm „alle Stadien zu befahren und alle Vereine zu besuchen, die notwendig sind, bis er Fan eines oder besser seines Vereins“ wird. Über diese Fußballreisen von Vater und Sohn bloggt Mirco von Juterczenka, alias Papsi, seit 2011 im Blog Wochenendrebell, der 2017 in der Kategorie „Kultur und Unterhaltung“ mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.

„Krieg im Kopf: Oft habe ich alle möglichen Dinge im Kopf. Diese rasenden Gedanken überfordern mich.“

„Krieg im Kopf: Oft habe ich alle möglichen Dinge im Kopf. Diese rasenden Gedanken überfordern mich.“

Wer schon einmal in dem wunderbaren Blog gestöbert hat, weiß, dass es noch einen bisher unerwähnten Aspekt zu den Reisen von Jason und seinem Vater gibt: Der heute 12-Jährige ist Asperger-Autist. Das ist für die Geschichte der beiden einerseits ganz ohne Belang und andererseits unglaublich bedeutsam. Ohne Belang, weil Jasons Autismus „keinesfalls ein Grund (ist), in den Mitleidsmodus zu verfallen“, wie Mirco sachlich feststellt. Und: „Jegliche Form von Betroffenheit ist fehl am Platz. Wir haben den besten Sohn der Welt.“ Bedeutsam ist diese Tatsache, weil Jason auf den Fußballreisen permanent mit Dingen konfrontiert wird, die ihm aufgrund seines Asperger furchtbar zuwider sind – laute Umgebungen, unerwartete Situationen, Menschenmengen, Kinder –, er sie aber im Kontext seiner Vereinssuche und als Faktor dieser Reisen akzeptiert und darüber auch ein Stück weit lernt, damit umzugehen.

Entwicklungsstörung. Ein häufig verwendeter Fachbegriff vermeintlicher Autismus-Experten, der nicht nur meine Frau und mich ratlos zurücklässt. Wir sehen da nichts Störendes in seiner Entwicklung.

Unter dem Titel „Wir Wochenendrebellen“ haben Vater und Sohn nun ein Buch über ihre Reisen geschrieben, das bei Benevento Publishing, einer Marke der Red Bull Media House GmbH, erschienen ist. In Sachen Vermarktung passieren da, so ist zumindest mein Gefühl, gleich mehrere Katastrophen auf einmal: Fußballfans könnten sich aus gutem Grund davon abschrecken lassen, etwas in die Hand zu nehmen, was unter der Flagge von Red Bull läuft. Menschen, die mit Fußball nichts am Hut haben, könnten annehmen, ein Buch, das diesen Sport vermeintlich in den Mittelpunkt stellt, könne für sie ohne Belang sein. Grundsätzlich könnte man auch eine Art Betroffenheitslektüre vermuten, die nur für Eltern interessant ist, die ebenfalls ein Kind mit Asperger-Autismus haben. All diese Ansätze liegen völlig daneben und ich kann nur jedem offenen, interessierten Menschen raten, das Buch zu lesen.

„Andere Menschen sind sehr komisch. Deswegen habe ich beschlossen, mich auf mich zu konzentrieren.“

„Andere Menschen sind sehr komisch. Deswegen habe ich beschlossen, mich auf mich zu konzentrieren.“

„Wir Wochenendrebellen“ stellt letztlich weder den Fußball noch Jasons Behinderung in den Vordergrund, sondern entwirft seine Erzählung lediglich vor der Kulisse eines Fußballfeldes. Der Sport dient quasi als die Leinwand, auf der von Juterczenka mit rohen, nahen und voller Liebe geführten Strichen die Geschichte seiner Familie zeichnet, zu der seine Frau, Sohn Jason, dessen kleine Schwester und in zweiter Instanz die Großeltern der Kinder gehören. Und diese Liebe, so kitschig das klingen mag, ist der Grund, warum das Buch so wahnsinnig lesenswert geworden ist. Es mag einem als naives Gutmenschentum ausgelegt werden in Zeiten wie diesen, wenn man Liebe und Verständnis, Respekt und Einfühlungsvermögen als Antworten gibt auf die Fragen, wie wir als Gesellschaft vorankommen können. Das Buch zeigt aber, was passiert, wenn man sich von genau diesen Werten leiten lässt und wenn man sie in seiner Familie lebt.

Meine Frau und ich sind es gewöhnt, eher als schwache, unfähige und freakige Eltern wahrgenommen zu werden.

Mirco von Juterczenka beschreibt eindrücklich, wie die Diagnose ihn und seine Frau aus der Bahn geworfen hat, ihnen aber auch etwas gab, woran sie sich halten konnten. Wobei ihre Hoffnung auf Orientierung zunächst nicht erfüllt wurde, im Gegenteil musste die Familie sich ihren Weg mit dieser Entwicklungsstörung nicht nur Schritt für Schritt selbst erarbeiten, sondern sich auch an Kritik aus dem Umfeld und von Fremden gewöhnen, der von ihnen gewählte Umgang mit ihrem Kind sei zu weich und nachgiebig. „Es zieht sich vermutlich wie ein roter Faden durch die Erziehung unseres Sohnes, dass wir ihm Rücksichtnahme beibringen möchten, indem wir rücksichtslos mit Teilen der Gesellschaft umgehen.“

„Es ist manchmal Behinderung und manchmal Behilflichkeit.“

„Es ist manchmal Behinderung und manchmal Behilflichkeit.“

Jasons Autismus fordert letztlich zwar niemanden mehr als den Jungen selbst, doch während er ihn längst als ebenso behindernd wie behilflich einstuft, treiben seine damit verbundenen Ausraster den Eltern mal die Schamesröte in die Wangen und sie dann in den Wahnsinn, von den gängigen Reaktionen Umstehender ganz zu schweigen. „Selten wurde uns so etwas wie Verständnis, hinnehmendes Mitleid oder völlige persönliche Ausgeglichenheit vonseiten der uns umgebenden Mitmenschen entgegengebracht“, konstatiert Juterczenka trocken. Und doch lautet sein Fazit: „Mein Sohn leidet nicht unter Autismus. Autisten leiden nicht unter Autismus. Sie sind es nur leid, dass ständig über sie und nicht mit ihnen gesprochen wird. Autisten leiden lediglich unter dem rücksichtslosen Umgang ihres Umfeldes mit ihnen.“ Was letztlich die Frage aufwirft, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen und was wir alle dazu beitragen können, dass der menschliche Umgang miteinander nicht sofort hakt, wenn unser Gegenüber gewisse Erwartungen und Konventionen nicht erfüllt, erfüllen kann.

Grundsätzlich halte ich die Erwartungshaltung an Autisten, sie müssen doch wenigstens irgendein außergewöhnliches Kunststückchen vollbringen können, für sehr anstrengend.

„Wir Wochenendrebellen“ ist ein kluges, ein aufrichtiges, ein liebevolles und empathisches Buch geworden. Es ist nachdenklich und ziemlich witzig, es ist fordernd, überraschend und erzählerisch im besten Sinne unterhaltsam. Kurz und knapp, dieses Buch ist ein Spiegelbild seiner Autoren (und der beiden starken Frauen, die ihnen die Freiheit für ihre Reisen geben). Sie sollten es wirklich unbedingt lesen.

Mirco von Juterczenka mit
Jason (Einleitung & Glossar)

„Wir Wochenendrebellen
Ein ganz besonderer Junge und sein Vater
auf Stadiontour durch Europa“
Benevento Publishing
ISBN 978-3-7109-0017-4
Hardcover, 20 Euro

Wochenendrebellen_Credits_Sabrina_Nagel_www.siesah.de_15

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Schalke 04

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet mir Hassan Talib Haji, der den FC Schalke 04 seit vielen Jahren sehr intensiv begleitet, meine Fragen.

Hallo Hassan, schön, dass du dir Zeit für mich nimmst. Du betreibst im Netz das News- und Entertainmentportal hassanscorner TV. Erzähl doch ein bisschen was zu dem Angebot.
Hallo Mara. Ja, das ist mein Newsblog. Wir filtern dort Nachrichten zum FC Schalke 04 aus der Presse, schreiben Kommentare zu bestimmten Themen und veröffentlichen exklusive Interviews, wie zum Beispiel das mit Christian Heidel kurz nach seinem Amtsantritt oder vor ein paar Wochen das Gespräch mit Guido Burgstaller. Ich bin froh, mit einem tollen Team zusammenzuarbeiten zu dürfen, es macht wirklich Spaß. Im Moment haben wir eine kleine Auszeit, aber es geht bald weiter.

Hassan Talib Haji im Gespräch mit Christian Heidel. (Foto: Uwe Bassenhoff)

Hassan Talib Haji im Gespräch mit Christian Heidel. (Foto: Uwe Bassenhoff)

Du bist in Kenia geboren und mit deiner Mutter nach Deutschland gekommen, als sie sich in einen deutschen Fabrikarbeiter verliebte. Was bedeutet Heimat für dich? Und welche Rolle spielt der Fußball/das Stadion für deinen Heimatbegriff?
Ich bin in meinem Leben schon viel herumgekommen und habe mich überall sehr wohl gefühlt. Seit 2012 lebe und arbeite ich in Gelsenkirchen. Als Mitglied und Fan des S04 ist nun Gelsenkirchen meine Heimat geworden. Die Menschen hier sind fabelhaft.

Deine erste Station in Deutschland war Kleve. Wie bist du mit Schalke 04 in Berührung gekommen? Und war es eine Liebe auf den ersten Blick?
Ja, das ist richtig. Mein Stiefvater, Freunde und Bekannte waren und sind Schalke-Fans. Sie nahmen mich mal zu einem Spiel ins Parkstadion mit – das ist mittlerweile 30 Jahre her. Es war für mich als kleiner Junge ein großes Erlebnis. Ich wollte anschließend immer wieder nach Gelsenkirchen, um die Spiele zu sehen. Das hat zwar nicht oft geklappt, aber dennoch war ich sofort vom Schalke-Virus infiziert. Und das ist bis heute so geblieben.

Es wird gerne behauptet: „Politik ist Politik und Sport ist Sport“. Ich glaube, gerade Fußball ist sehr politisch und Stadien sind ein Spiegel der Gesellschaft. Wie beurteilst du persönlich die integrative Rolle des Themas Fußball?
Der Fußball ist ein Volkssport und großer Teil der Gesellschaft, der sich politischen Einflüssen nicht entziehen kann. Gerade mit der immensen Kraft, die dieser Sport durch seine bunte Vielfalt und Aufmerksamkeit hat, sollte er auch weiterhin eine Art Sprachrohr sein. Dies sieht man ja beispielsweise an den ganzen Anti-Rassismus-Kampagnen. Zu sagen, Politik habe im Fußball nichts verloren, ist meiner Meinung nach fehl am Platz.

Für Mainzer bleibt das ungewohnt: Christian Heidel in Blauweiß. (Foto: Torsten Mannek)

Für Mainzer bleibt das ungewohnt: Christian Heidel in Blauweiß. (Foto: Torsten Mannek)

Schalke 04 hat geschafft, wovon andere nur träumen können: Christian Heidel aus Mainz wegzulocken. Wie beurteilst du euren Königstransfer nach den ersten 1,5 Jahren?
Ich bin von Christian Heidels Arbeit bislang absolut überzeugt. Er hat zwar mit Ex-Trainer Markus Weinzierl gleich danebengegriffen, so was passiert aber. Besonders auf Schalke. Ich weiß, dass Vieles von dem, was Christian auf Schalke macht, noch nicht allzu spektakulär in die Öffentlichkeit kam. Ich hatte das Glück und das Vergnügen, mit ihm kurz nach seiner Amtsaufnahme über zwei Stunden lang zu sprechen. Christian hat mir dabei sehr viele Dinge genannt, die er verändern möchte – und genau erklärt, wieso das nötig ist. Was genau das alles ist, kann ich hier aber leider nicht preisgeben, da dieses Gespräch in einem vertrauensvollen Rahmen stattfand. Doch die Begeisterung und die Tatenkraft waren direkt spürbar. Christian wird diesen wilden Verein in eine neue Ära führen. Daran glaube ich.

Wie schätzt du den Sportvorstand Heidel, wie den Menschen Christian ein?
Den Menschen Heidel kann ich nicht beurteilen, das würde ich mir auch nicht anmaßen. Christian kam in unseren Gesprächen aber stets freundlich rüber und er antwortet glücklicherweise auch, wenn ich ihn mal anschreibe und Fragen stelle. Ich schätze ihn als Sportvorstand allerdings auch so ein, dass er keine Scheu hat, knallhart seine Entscheidungen durchzuziehen. Was mir besonders imponiert, ist seine Öffentlichkeitsarbeit. Auf Schalke werden schließlich die kleinsten Themen sehr groß gemacht. Er moderiert dies aber souverän.

Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes ist von Bord gegangen. (Foto: Torsten Mannek)

Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes ist von Bord gegangen. (Foto: Torsten Mannek)

In Mainz war der „Don“ bekannt für seine Fannähe. In Gelsenkirchen stelle ich mir das ein Stück weit schwieriger vor, weil einfach die schiere Menge an Fans so viel größer ist. Wie empfindest du seine Präsenz und seinen Umgang mit den Fans?
Christian hat kürzlich einen Fehler gemacht. Im Zuge des Wechsels von Benedikt Höwedes hätte er mit der aktiven Szene von sich aus das Gespräch suchen sollen. Bene ist schließlich ein sehr verdienter Spieler des Klubs. Ich glaube, wenn er vorher mit den Ultras gesprochen hätte, wäre es nicht zu den Plakaten in der Nordkurve gekommen, auf denen er unter anderem als Identifikationsschänder bezeichnet wurde. Selbstverständlich ist er nicht in der Pflicht, nach jeder Entscheidung eines Spielers oder des Vereins das Gespräch zu suchen, aber in diesem speziellen Fall wäre es angebracht gewesen. Schlussendlich wurde es ja nachgeholt, was mich sehr freute.

Du sprichst es gerade an: Zu Beginn der Saison hat euer langjähriger Kapitän Benedikt Höwedes den Verein verlassen, nachdem er dieses Amtes enthoben worden war. Zunächst: Verstehst du die Entscheidung eures Trainers?
Ich kann diese Entscheidung nachvollziehen. Bene hat sich vielleicht mit den Jahren als Kapitän abgenutzt und viele haben sich oft hinter ihm versteckt. Das merkte man besonders nach verlorenen Spielen.

Wie beurteilst du Höwedes’ Abgang menschlich? Hat das die Fanseele sehr tief getroffen? Und fernab aller Emotionen, wie sehr trifft euch sein Wechsel sportlich?
Dieser Wechsel, auch wenn er vorerst nur auf Leihbasis geschah, war zunächst mal ein Paukenschlag. Bene ist ja schließlich ein Schalker Junge und hier groß geworden. Natürlich ist so ein Abgang im ersten Moment schmerzvoll. Schlussendlich war es aber seine Entscheidung. Er wollte sich nicht dem Konkurrenzkampf stellen, da er von Trainer Domenico Tedesco keine Stammplatzgarantie bekam. Tedescos Handeln empfand ich als völlig richtig. Sportlich gesehen scheint es so zu sein, dass Benes Transfer zu Juventus Turin keine Auswirkung auf die Mannschaft hatte. Schalke steht gut da und die Stimmung im Team ist prächtig.

Der Mann für eine neue Ära? 04-Trainer Domenico Tedesco. (Foto: Torsten Mannek)

Der Mann für eine neue Ära? 04-Trainer Domenico Tedesco. (Foto: Torsten Mannek)

Hat Heidels Ansehen mit dem Abgang von Höwedes gelitten?
Ich glaube nicht. Es hängt aber oft auch an gewissen Faktoren. Wäre unsere Abwehrleistung katastrophal, würden viele Schalker lauthals nach Bene schreien und Christian wäre der große Buhmann.

Die WAZ schreibt zu einem Interview mit Christian Heidel, Schalke habe die Personalkosten um 40 Prozent gesenkt. Nötig und richtig? Nötig, aber zu schnell? Fehlentscheidung?
Das ist für mich eine notwendige Maßnahme gewesen und als ich den Artikel in der WAZ las, sagte ich mir nur: ‚Endlich!‘ Das Preis-Leistungs-Verhältnis wurde nach den fetten Jahren im Europapokal endlich angepasst. Aufgrund der hohen Verbindlichkeiten, die durch den Umbau des Vereinsgeländes um weitere 95 Millionen Euro steigen, war das ein zwingend nötiger Schritt.

Wie schwierig wird es deiner Meinung nach sein, Leon Goretzka zu halten? Zumal es in seinem Interesse sein muss, zur WM 2018 zu fahren – und internationale Spiele dabei helfen könnten, seine Position bei Löw zu verbessern?
Ich glaube Leon. Er sagte ja, dass er noch keine Entscheidung getroffen hat. Er kann hier auf Schalke zu einer echten Führungsperson heranreifen. Ich hoffe sehr, dass er verlängert und noch ein paare Jahre für den S04 die Stiefel schnürt. Und wenn er wechselt, ist es halt so. Welche Entscheidung er auch treffen mag, ich wünsche ihm, dass er sich damit wohlfühlt und sie sich als völlig richtig herausstellt. Was seine Position in der Nationalelf angeht, hat er die doch bereits sicher. Joachim Löw schwärmt von ihm in höchsten Tönen. Wenn er sein Leistungsniveau hält, braucht er sich keine Sorgen um eine WM-Teilnahme zu machen.

Schalke gilt als einer der Trainer-Schleudersitze in der Bundesliga. Wie schätzt du die letzten beiden Entscheidungen diesbezüglich ein, also unter Heidel zunächst mit einem neuen Mann – Markus Weinzierl – zu starten, diesen dann aber nach der Saison zu entlassen?
Meiner Meinung nach musste Christian das Kapitel mit André Breitenreiter beenden, da er aufgrund seines Umgangs mit Mitarbeitern im Verein kaum noch Fürsprecher hatte. Markus Weinzierl war zu haben und es klang eigentlich recht vielversprechend. Doch so, wie man es vernehmen konnte, brachte Weinzierl Teile des Teams gegen sich auf und schaffte Gräben, die darin gipfelten, dass er von einem Spieler öffentlich beleidigt wurde. Dazu kam, dass man keine spielerische Linie auf dem Feld sah, keine Handschrift, keinerlei Konzept. Das wollte Heidel aber, um mit einem Trainer nachhaltig arbeiten zu können. Zwangsläufig war eine Trennung in Anbetracht der Gesamtsituation unvermeidbar – und die richtige Entscheidung.

Was läuft aktuell unter Domenico Tedesco besser als letzte Saison unter Weinzierl? Wie beurteilst du die sportliche und taktische Entwicklung des Teams und wo siehst du noch Verbesserungsbedarf?
Bislang darf man durchaus zufrieden sein. Man hört über Tedesco sehr viel Positives aus dem Verein. Er spricht sämtliche Fremdsprachen, was für die Kommunikation mit der Mannschaft ein großes Plus ist. Ich muss aber auch sagen, dass mich die ganzen Trainerentlassungen in den letzten Jahren skeptisch gemacht haben. Tedesco ist erst seit kurzer Zeit hier. Deshalb halte ich mich mit Bewertungen noch zurück.

Tedesco spricht viele Sprachen. Spricht er auch S04? (Foto: Torsten Mannek)

Tedesco spricht viele Sprachen. Spricht er auch S04? (Foto: Torsten Mannek)

Vor dem letzten Spieltag lautete eure Bilanz: 3 Siege, 3 Niederlagen, 1 Unentschieden. Nun habt ihr auswärts in Berlin gewonnen. Wie ist die Stimmung um den Verein? Und wie zufrieden bist du selbst mit der bisherigen Saison?
Es geht schlechter, wie wir letztes Jahr erlebt haben. Der Start war völlig in Ordnung. Wichtig war mir persönlich, dass wir direkt vom Start weg bei der Musik dabei sind – und das sind wir. Dementsprechend ist auch die Stimmung.

Ist für euch in dieser Saison nicht jedes Spiel ein Endspiel? Eine weitere Saison ohne internationale Platzierung kann sich der Verein ja kaum leisten.
Sicherlich lastet immer ein gewisser Druck auf Schalke. Ein Klub dieser Größe gehört eigentlich in den Europapokal. Da der Verein bereits die Halbjahresbilanz veröffentlichte und für das gesamte Geschäftsjahr von einem Verlust von 14 Millionen Euro ausgeht, wäre eine Teilhabe an den Geldtöpfen der UEFA natürlich wichtig. Auch für die Attraktivität bei Spielertransfers. Ein weiteres Verfehlen der internationalen Plätze würde den Planungen von Christian Heidel ganz sicher nicht zugute kommen.

Auf was müssen sich die Mainzer am Freitagabend taktisch einstellen? Wie breit ist die Brust der Spieler auf dem aktuell 6. Tabellenplatz?
In den Heimspielen tritt Schalke 04 immer mit breiter Brust auf. Sie werden vermutlich viel Ballbesitz haben und versuchen, ein frühes Tor zu erzielen. Zudem ist es Freitagabend, Flutlicht, volles Stadion. Mainz darf sich auf eine bis in die Haarspitzen motivierte Mannschaft freuen. Ich denke, das wird ein großer Kampf beider Teams.

Was erwartest du umgekehrt von den Mainzern? Welche Rolle können sie deiner Meinung nach unter Sandro Schwarz in der aktuellen Bundesligasaison spielen?
Im Spiel auf Schalke werden sie wohl versuchen früh zu attackieren, um unsere Abwehr in Verlegenheit zu bringen, den Spielaufbau zu stören und Fehler zu provozieren. Davon ist wohl auszugehen. Ich denke, ein einstelliger Tabellenplatz ist für Mainz drin. Mit etwas Glück vielleicht sogar mehr.

Was ist dein Tipp für das Spiel am Freitag?
Ich tippe auf ein 2:0 für die Königsblauen.

Wird Christian Heidel seine Amtszeit auf Schalke ausschöpfen? Oder gar verlängern? Und kommt er danach als Alterspräsident zurück nach Mainz?
Schwierig zu beurteilen. Frag mich aber gerne in ein bis zwei Jahren noch mal, Mara.

Mache ich und: vielen Dank für das Gespräch!