Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Bayern

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet Justin meine Fragen, der für den Bayernblog Miasanrot über die Münchner – aber auch über ihre Gegner – schreibt.

Das Logo des Bayernblogs Miasanrot. (Foto: Miasanrot)

Das Logo des Bayernblogs Miasanrot. (Foto: Miasanrot)

Hallo Justin! Schön, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Für Mainz geht es am Wochenende zum FC Bayern. Klassische Einstiegsfrage: Wie bist du zum Fan der Roten geworden?
Als jemand, der in der Nähe von Berlin geboren ist, liegt es nah, mich als Erfolgsfan zu betiteln. Ganz verneinen würde ich dies nicht. Es war durchaus die erfolgreiche Generation um Oliver Kahn, Stefan Effenberg, Giovane Élber, Bixente Lizarazu & Co., die mich dazu gebracht hat, mich in diesen Klub zu verlieben. Erst später kamen andere Argumente, wie beispielsweise die Landauer-Geschichte, dazu. Als Kind ist diese Entscheidung ja doch immer etwas zufällig. Entweder bestimmt das Umfeld, welchen Fußballklub du zuerst unterstützt – oder es ist der Erfolg. Vielleicht war Letzteres ausschlaggebend, aber es ist heute längst nicht mehr der wichtigste Grund für mich.

Du bist Teil von Miasanrot, einer Plattform, die sich in Blogbeiträgen und einem Podcast den Bayern widmet. Ihr deckt alle Themen von den Profis über die Frauen zu den Amateuren ab. Welche Themen beackerst du klassischerweise?
Seit Anfang 2016 darf ich für den größten deutschsprachigen Bayern-Blog schreiben. Wenn man so möchte, kann man seitdem das Vorschauformat als meine Hauptaufgabe betrachten. Hin und wieder analysiere ich auch ein Spiel oder gebe meinen Senf in einem Kommentar zu aktuellen Themen dazu, die Spielvorschau ist aber quasi mein Baby. Darin versuche ich, den Bayern-Fans unseren jeweils nächsten Gegner so genau wie möglich vorzustellen und diesem so eine Bühne zu geben. Der Fokus liegt schon im taktischen Bereich, aber auch andere Themen spielen eine wichtige Rolle. Fußball ist ohne Frage ein komplexer Sport. Mein Ziel ist es, dies zum einen den Lesern bewusst zu machen, sie auf der anderen Seite aber nicht mit Verkomplizierungen abzuschrecken. Wenn ich mir die daraus entstehenden Diskussionen und unsere Leserzahlen anschaue, dann scheint das bisher ganz gut zu funktionieren, wenngleich ich sehr selbstkritisch bin.

Erinnern an Kurt Landauer. (Foto: FCBM1900)

Erinnern an Kurt Landauer. (Foto: FCBM1900)

Du lebst bei Potsdam, richtig? Ich habe das Privileg, in einer halben Stunde im Stadion zu sein und stelle es mir immer sehr schwierig vor, wenn man die Spiele ausschließlich im TV sehen kann. Wie geht es dir da und zu wie vielen Partien schaffst du es pro Saison?
Ich sehe in dieser Distanz Vor- und Nachteile. Positiv ist in jedem Fall, dass die Stadionerlebnisse, die ich habe, umso besonderer sind. Ganz einfach, weil ich länger warten muss. In der Theorie wäre es aufgrund meiner Kontakte nicht so schwer, jeden Monat mal nach München zu fahren. Zeitaufwand fürs Studium, Einkommen und Privatleben machen dem aber regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Wenn der FCB in Berlin zu Gast ist, bin ich immer im Stadion, den Rest kann man an einer Hand abzählen. Vielleicht ändert sich daran etwas, wenn ich mein erstes Geld nach dem Studium verdiene.

Anhänger des FC Bayern müssen sich oft des Generalverdachts erwehren, erfolgsverwöhnte Prosecco-Trinker zu sein. Wie sehr nervt das eigentlich? Und was entgegnest du auf solche Pauschalisierungen?
Unsachliche Argumente versuche ich wegzulächeln. Manchmal schafft es der eine oder andere aber doch, mich zu provozieren. Es nervt schon sehr, wenn man in eine Schublade gesteckt wird. Ich ziehe da immer ganz gern den Vergleich zur Schulzeit. Jeder kennt diese/n Schüler/in, der/die geheult hat, weil eine 2 oder 3 auf dem Zeugnis stand, während andere mit deutlich weniger zufrieden waren. Ich finde das durchaus berechtigt, wenn eine 2 oder 3 eben dazu führt, dass die Ziele nicht erreicht werden können. Probleme sind nun mal Probleme, egal auf welchem Niveau. Man kann meines Erachtens nicht über Luxusprobleme lachen und Quervergleiche zu schlimmeren Dingen ziehen. Ich denke, dieses Unverständnis anderer gehört einfach dazu, das muss man dann so akzeptieren. Und ein klein wenig kann ich es auch verstehen. Manchmal übertreiben wir es schon ein bisschen.

Mein Eindruck ist, dass viele Fans auch in der zweiten Saison nach Guardiola noch nicht so wirklich im Ancelotti-Zeitalter angekommen sind. Weshalb diese Sehnsucht nach dem Ex, obwohl die Beziehung am Ende auch alles andere als einfach war?
Ich habe es damals schon gesagt und wurde von einem Teil belächelt, vom anderen erhielt ich Zustimmung: Wenn Pep Guardiola den Verein verlässt, werden viele erst merken, was Bayern an ihm hatte. Es war damit zu rechnen, dass es nach ihm nicht besser wird. Das ging auch gar nicht. Die Münchner spielten herausragenden Fußball. Sogar einen attraktiveren als die Triple-Mannschaft. Guardiola übernahm Spieler, die 2013 auf dem Zenit waren und mit deren Einbruch eigentlich von Jahr zu Jahr zu rechnen war. Er hat es dennoch geschafft, sie erneut weiterzuentwickeln. Dass es am Ende nicht zum Champions-League-Titel reichte, war eine Mischung aus eigenen Fehlern (erste Saison), Verletzungspech (zweite Saison) und Pech in der Spielgeschichte (dritte Saison). Es sollte halt nicht sein. Die Champions League ist ein Bonus und ein Geschenk. Im Duell mit den ganz Großen entscheiden manchmal andere Dinge als die sportliche Leistung. Ich finde es verständlich, dass viele Fans ihn vermissen. Dennoch muss der Blick jetzt nach vorn gehen. Bayern hat einen Umbruch zu bewältigen und da wird die Diskussion über Guardiola nicht helfen.

Carlo Ancelotti auf dem Trainingsplatz. (Foto: Rufus 64 | CC 3.0)

Carlo Ancelotti auf dem Trainingsplatz. (Foto: Rufus 64 | CC 3.0)

Wie beurteilst du eure Sommertransfers? Hat der FC Bayern sich sinnvoll verstärkt? Was erwartest du dir von den Neuen?
Bayern muss auf dem Transfermarkt seinen eigenen Weg gehen. Die großen Summen können und wollen sie nicht bezahlen, also braucht es Alternativen. Das Triple holte man dank einer starken Jugendarbeit und gutem Scouting (Lahm, Schweinsteiger, Alaba, Müller, Kroos, Badstuber usw.) sowie klugen Transfers von Spielern wie Robben oder Boateng, die keine einfache Zeit hatten, bevor sie kamen. Hinzu kamen die besten Spieler Deutschlands beziehungsweise aus der Bundesliga, wenn ich mich da an Neuer, Gómez, Mandzukic und Dante erinnere. Diese Mischung und ein Trainer, der für den Kader die perfekte Mischung aus Menschlichkeit und taktischer Vorgabe fand, führten zum Erfolg. Mit Rudy und Süle kamen jetzt zwei der besten Fußballer des Landes für relativ wenig Ablöse. Tolisso war wie schon Martínez oder Sanches ein bewusst kalkuliertes Risiko. Entweder geht es gut oder man kann den Transfer trotz der Ablöse gerade noch verkraften. James ist für mich eher in der Kategorie von Robben und Boateng. Man hatte die Chance, ein großes Talent ohne finanzielles Risiko zu holen, das in den letzten beiden Jahren Schwierigkeiten hatte. Von allen erwarte ich Druck für die Etablierten. Ich glaube schon, dass jeder einzelne von ihnen den Kader verstärken kann und bin daher auch zufrieden.

Aktuell schlägt ein Spiegel-Interview Wellen, in dem Robert Lewandowski kritisiert, es sei – verkürzt gesprochen – zu defensiv eingekauft worden. Wie erklärst du dir dieses Interview? Ihm muss doch klar gewesen sein, was er damit (auch für sich persönlich) lostritt…
Ich bin nicht seiner Meinung. Bayern muss nicht tiefer in die Tasche greifen, sondern allgemein eine Strategie finden, um mit den Großen mitzuhalten. Lewandowski sieht dies derzeit nicht gegeben und das kann ich nachvollziehen. Die Führung der Bayern wirkt nicht mehr so souverän und ich habe nicht den Eindruck, dass da professionell gehandelt wird. Man schwimmt etwas im eigenen Saft und versucht, die Dinge so zu lösen, als wären wir wieder in den 2000ern. Bayern muss moderner, innovativer und cleverer werden, wenn sie auf Dauer mit denen konkurrieren wollen, die unmoralische Summen ausgeben. Lewandowski sagt mit seinem Interview lediglich, dass er weg ist, wenn sich der Trend bestätigt. Das kann man ihm nicht verübeln. Immerhin ist er ehrlich und spielt niemandem etwas vor. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass er es in dieser unruhigen Zeit eher intern geäußert hätte.

Die Münchner Allianz Arena. (Fotos: FCBM1900)

Die Münchner Allianz Arena. (Fotos: FCBM1900)

Wie weit darf der Verein aus deiner Sicht gehen, um (einen wie) Lewandowski zu halten? Er wirkt schon eher unersetzlich…
So weit, dass er nicht das komplette Gefüge sprengt. Kein Spieler ist größer als der Klub. Auf der einen Seite hat er bis 2021 Vertrag, auf der anderen winkt Bayern eine hohe Ablösesumme, sollte er es wirklich erzwingen können. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass der Verein endlich Perspektiven aufzeigt, um den Umbruch zu gestalten. Dann, da bin ich mir sicher, wird Lewandowski auch bleiben.

Wie oft denkst du eigentlich noch wehmütig an Bastian Schweinsteiger?
Sehr oft. Gar nicht aus sportlicher Sicht. Der Wechsel war damals folgerichtig. Schweinsteiger ist in die Jahre gekommen und hatte nicht mehr das Spitzenniveau, um in München eine zentrale Rolle zu spielen. Allein menschlich vermisse ich ihn aber schmerzlich. Eine Leaderfigur wie ihn gibt es derzeit nicht im Kader. Vidal ist zu überemotional und Kimmich noch nicht so weit. Auch Neuer, Hummels, Boateng und Müller sind eher andere Typen als Schweinsteiger. Ich verfolge seine Karriere in den USA aber wöchentlich und freue mich, dass er dort glücklich ist. Irgendwann kehrt er hoffentlich in irgendeiner Funktion zurück.

Lewandowski ist nicht die einzige Unruhe-Quelle. Auch über Thomas Müller und seine Rolle unter Ancelotti wurde zuletzt viel öffentlich diskutiert. Angeblich soll Müller einem Wechsel inzwischen nicht mehr abgeneigt sein. Wie empfindest du diese Debatte – und wie siehst du die Rolle des Trainers?
Ich sehe das ähnlich wie Müller. Ob seine Qualitäten wirklich vom Trainer gebraucht werden, ist genau die richtige Frage. Es scheint, als würde Ancelotti mit seinem Spielertypus nicht warm werden. Auch bei Guardiola hat es etwas gedauert, aber der konnte ihn schließlich so einbinden, dass er ein Gewinn für das System war. Müller ist speziell und meine Ansicht ist, dass es sich lohnt, das eigene System an ihn anzupassen. Ancelotti ist wohl anderer Meinung. Mich nervt am meisten an der Debatte, dass Müller sogar bei Teilen der Fans massiv an Kredit verloren hat. Er sollte keinesfalls unantastbar sein, dafür war die letzte Saison zu schwach. Aber ein wenig Respekt gehört sich da schon und es ist ärgerlich, wie zum Teil mit ihm umgegangen wird. Ich mache mir allerdings keine Sorgen um Müller. Er wird seinen Weg gehen und das auch bei den Bayern, davon bin ich überzeugt. Bevor er den Wechselwunsch einreicht, wird Ancelotti weg sein.

Rot-weiße Kurve. (Foto: FCBM1900)

Rot-weiße Kurve. (Foto: FCBM1900)

Wer aus der Favoritenrolle heraus agiert, den sehen die anderen gerne mal verlieren. Will heißen, die Niederlage der Bayern in Hoffenheim hat allein deshalb etwas für sich, weil die Meisterschaft ein bisschen länger offen bleibt. Aber wieso habt ihr eigentlich verloren?
An anderer Stelle sprach ich von der Komplexität des Sports. Genau das war der Grund für die Niederlage in Hoffenheim. Bayern hatte einen super Matchplan und hat den Gegner rund 30 Minuten lang kontrolliert und an die Wand gespielt. Es fehlte das Tor. Nagelsmann stellte anschließend um und seine Mannschaft bekam die Situation so etwas besser in den Griff. Bayern pennte in einer Situation und es stand plötzlich 0:1 für den Gegner. Innerhalb von wenigen Minuten. Entweder hast du jetzt einen Plan B und reagierst auf die veränderte Spielsituation, oder diese kurze Phase macht dich kaputt. Bei Bayern ist es derzeit Letzteres. Die individuelle Klasse ist enorm und solange das Spiel zugunsten der Münchner läuft, ist alles gut. Allerdings zeigte sich gegen Leverkusen, Hoffenheim und auch vergangene Saison gegen Madrid, dass sie mit Veränderungen nicht mehr so gut klarkommen. Das macht sie angreifbar.

Droht bei den Bayern tatsächlich eine Krise? Und ist die eher sportlich begründet oder bringt auch die Rückkehr von Uli Hoeneß Unruhe? Salopp gesagt, hat es ja ohne ihn gut geklappt…
Dass Uli Hoeneß, der Macher des FC Bayern, zurückkehrte, war nicht nur zu erwarten, sondern auch folgerichtig. Mir gefällt aber die Rolle nicht, die er einnimmt. Hätte er seine unfassbare Strahlkraft zum Wohle des Klubs im Hintergrund eingesetzt, um den einen oder anderen Transfer oder Deal zu machen, wäre das sehr gut gewesen. So wirkt es für mich, als wolle er mit aller Macht die Zeit zurück, in der es sein FC Bayern war. Ihm hat es vielleicht nicht so geschmeckt, dass Bayerns Gesichter externe Leute wie Reschke, Sammer oder Guardiola waren. Auch Rummenigge machte eine exzellente Figur ohne Hoeneß. Das Kuriose: All diese Personen hat er selbst noch geholt. Seine Aussagen – in denen er richtigerweise vom Bayern-Weg philosophiert – und die Realität sind einfach weit auseinander. Da fängt alles an. Die sportliche Entwicklung hat viele Ursachen. Zum Beispiel einen Trainer, der für den Umbruch nicht geeignet ist. Ein Vorwurf an die Entscheider, nicht an Ancelotti. Und passt man nicht auf, droht die Krise tatsächlich.

Wie siehst du eigentlich die Rolle Ancelottis? Und warum glaubst du, dass er nicht über die Saison hinaus Trainer bleiben wird?
Ancelotti ist ein Pragmatiker. Er kann gut mit Stars, er kann einen Kader zusammenhalten und ein System finden, das, wenn die Spieler auf dem Höhepunkt sind, wie ein Uhrwerk funktioniert. Beim FC Bayern sind viele Spieler aber über dem Zenit. Deshalb braucht es Innovation und taktische Qualität. Beides bringt Ancelotti nicht mit. Überdies sind junge Spieler wichtig und auch die Entwicklung dieser. Auch das sehe ich nicht als Kernkompetenz des Italieners an. Wir sehen also dieses Anforderungsprofil für den Umbruch und können dann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass Ancelotti erfahrungsgemäß nicht der richtige Mann dafür ist. Wer auch immer diese Entscheidung getroffen hat, lag damit einfach falsch. Ich rechne damit, dass Bayern – je nach Saisonverlauf – spätestens zur neuen Saison einen jüngeren Trainer hat, möchte aber kein Namedropping veranstalten.

Der neue Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz. (Foto: Fotografie Torsten Zimmermann)

Der neue Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz. (Foto: Fotografie Torsten Zimmermann)

Mainz konnte die Bayern tatsächlich schon öfter ärgern. Was für ein Spiel erwartest du und was müsst ihr tun, um die Punkte zu behalten? Wie stark siehst du die 05er unter dem neuen Trainer Sandro Schwarz? Und wie viel Rückenwind gibt euch der Sieg gegen Anderlecht?
Konzentriert sein und die erste halbe Stunde aus Hoffenheim wiederholen. Da war Bayern strukturiert, griffig, laufstark und gut im Gegenpressing. Der Gegner konnte kaum atmen. Was noch fehlte, war die letzte Durchschlagskraft im letzten Drittel. Da müssen die Münchner bessere Lösungen finden. Den Sieg gegen Anderlecht würde ich jetzt nicht allzu hoch hängen, haben die doch auch einige Probleme derzeit. Mainz hat unter dem neuen Trainer interessante Ansätze gezeigt und auch überraschende. Erstmals habe ich diesen Klub in einigen Phasen auf Ballbesitz spielen sehen. Solide Strukturen und viele Passdreiecke erlaubten ihnen, das Spielgerät länger zirkulieren zu lassen. Natürlich ist dieser Stil nicht ohne Risiko, dafür jedoch ein sehr mutiger, der mir gefällt. Ich wünsche Sandro Schwarz, dass er daran arbeiten kann und der Liga zeigt, dass dieses Risiko belohnt wird. Aber gern erst nach dem Bayern-Spiel.

Worauf müssen die Mainzer sich taktisch einstellen?
Auf immensen Druck. Gerade in der heimischen Arena wird Bayerns Pressing sehr hoch sein. Aber es ist eben nicht mehr so strukturiert wie früher und phasenweise chaotischer. Schafft Mainz es, genau in diesen Phasen die Lücken zu finden, können sie mit viel Tempo auf die Verteidigung zugehen. Das ist die einzige Chance. Hinzu kommt, dass sie gut verteidigen müssen und das Glück dafür buchen sollten, dass die Münchner aus ihren Chancen nichts machen. Ich erwarte viel Ballbesitz. Mainz muss klug verschieben, die Räume im Zentrum eng machen und die erwähnten Momente nutzen.

Justin liebt Dreiecke, offensiven, strukturierten Ballbesitzfußball und Joshua Kimmich.

Justin liebt Dreiecke, offensiven, strukturierten Ballbesitzfußball und Joshua Kimmich. (Foto: privat)

Auf welchen Tabellenplätzen erwartest du die beiden Teams, wenn wir uns zu Beginn der Rückrunde erneut begegnen?
Ich bleibe dabei, dass der FC Bayern Meister wird. Zwar deutet vieles darauf hin, dass sie nun erstmals fallen könnten, doch ich sehe noch keinen Konkurrenten, der die nötige Konstanz aufbringt, um das zu packen. Dortmund hat diese Chance noch am ehesten, aber auch die sehe ich noch schwächeln. Bei Mainz war ich mir vor der Saison sicher, dass es ganz eng wird mit dem Klassenerhalt. Die Ansätze des Trainers stimmen mich positiver, aber ich denke, dass der FSV bestenfalls in der oberen zweiten Hälfte der Tabelle, schlimmstenfalls noch weiter unten platziert sein wird, wenn sie den Rekordmeister empfangen.

Mit „Rot und Weiß ein Leben lang“ steht ab November ein Buch in den Regalen, das du mit einem Blog-Co-Autor verfasst hast. Es ist beileibe nicht das erste Buch zu den Bayern und auch nicht das erste in der Reihe der Fußballbücher dieses Verlages. Warum sollte man es trotzdem kaufen?
Uns ist natürlich bewusst, dass wir den dritten Band der Reihe schreiben und sich der zweite nicht mehr so gut verkauft hat, wie der erste. Wir sind aber optimistisch, dass wir uns von beiden Büchern abgegrenzt haben und etwas komplett Neues anbieten. Vielfältige Themen und auch der Blick in die Zukunft machen dieses Werk lesenswert. Wir bleiben dabei auch nicht unkritisch und betrachten alles durch eine Fanbrille, sondern thematisieren durchaus Probleme und Sorgen. Für jeden Bayern-Fan dürfte etwas dabei sein und ich denke, dass das Buch sogar für Nicht-Fans an einigen Stellen sehr spannend sein könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an FBM1990 & Torsten Zimmermann für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim VfB Stuttgart

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Den Auftakt machen Andreas und Sebastian, die im Blog Vertikalpass – vor allem, aber nicht nur – über den VfB Stuttgart bloggen.

Das Duo hinter dem Blog: Andreas und Sebastian. (Foto: Ute Lochner)

Das Duo hinter dem Blog: Andreas und Sebastian. (Foto: Ute Lochner)

Hallo ihr beiden! Bevor wir uns über die Begegnung zwischen Mainz 05 und dem VfB Stuttgart und die beiden Vereine generell unterhalten: Was macht ihr zwei denn, wenn ihr gerade nicht über Fußball bloggt? Und wie habt ihr euch – zum Bloggen – zusammengefunden?
Andreas: Wir arbeiten gemeinsam in einer Werbeagentur und kennen uns schon ewig. Wir haben zusammen ein Managerspiel entwickelt, mit zwei weiteren Mitstreitern drei iPhone Fußball-Apps gemacht und seit 2014 bloggen wir unter vertikalpass.de. Irgendwie sind wir wie Delling & Netzer: Ein eingespieltes Team, jeder weiß, was der andere denkt und uns verbindet die Vorliebe für zweitklassige Witze. Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker und Sebastian bringt mich mit seinem Pragmatismus immer wieder auf den Boden der Realität zurück.

Der VfB ist nach einem Jahr #nurzuGast in der 2. Liga tatsächlich zurück in Liga eins. Hättet ihr damit vor der letzten Saison ernsthaft gerechnet, oder war das eher Wunschdenken?
Sebastian: #nurzugast war natürlich ein Motto, das eigentlich nur nach hinten losgehen konnte. Fakt ist aber, dass der VfB mit dem hohen Etat zum Aufstieg verdammt war. Das wussten Verantwortliche und Fans gleichermaßen. Der Aufstieg ist einfach eine Pflichtaufgabe, wenn man über den besten Kader der Liga verfügt. Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung gewesen. Und ein zweiter Anlauf wäre sicherlich nicht einfacher geworden.

Was sind die Stärken des Teams, die im Aufstiegskampf den entscheidenden Unterschied gemacht haben? Sich den direkten Wiederaufstieg vorzunehmen, ist das eine – den auch zu schaffen das andere. Die Fans aus Braunschweig oder Fürth können ein Lied davon singen…
Sebastian: Die Basis war sicherlich das stabile taktische Gerüst, das Hannes Wolf dem Team verpasst hat. Auf dieser Basis kam dann die individuelle Klasse zu tragen: Gleich sechs Spieler mit zehn oder mehr Scorerpunkten belegen das genauso wie die 25 Tore von Simon Terodde.

Vor der Saison gab es bei euch ein „Managerbeben“, wie ihr zur Situation mit einem schön boulevardesken Augenzwinkern im Blog schreibt. Sportvorstand Jan Schindelmeister musste nach nur einem Jahr seinen Hut nehmen, für ihn kam Michael Reschke. Wie bewertet ihr die Entscheidung mit ein bisschen Abstand?
Andreas: Der VfB hat Jan Schindelmeiser viel zu verdanken, nicht zuletzt die Verpflichtung von Hannes Wolf. Aber es hat nicht gestimmt zwischen Präsident Wolfgang Dietrich und Schindelmeiser. Da sind zwei Egos aufeinandergetroffen, das kennt man aus Tierfilmen, wenn zwei Nashörner aufeinander zu rennen. Die Rolle Dietrichs wird recht kritisch gesehen, die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: „Kenner bescheinigen Dietrich, freundlich formuliert, ein kerniges Machtbewusstsein.“ Darum ging’s wohl, um Mitsprache und Kompetenzen im sportlichen Bereich. Dietrich hat mit der Entlassung ein Zeichen gesetzt: „Beim VfB gibt es nur einen Chef, und das bin ich.“ Zur Verpflichtung von Reschke hat mir gleich ein Bayern-Fan gratuliert. Reschkes Ruf ist exzellent, in wieweit er in der ersten Reihe funktioniert, wird sich zeigen. Mal schauen, wie gut seine Spürnase ist, was man so hört, soll unser jüngster Transfer Santiago Ascacibar (Argentinien, 20 Jahre, defensives Mittelfeld) ein Knaller sein.

Ein Platz an der Sonne. Manchmal. (Foto: Vertikalpass)

Ein Platz an der Sonne. Manchmal. (Foto: Vertikalpass)

Mit Badstuber, Durm (wenn, denn) und Aogo ist der VfB auch ein bisschen Auffangbecken einstiger Hoffnungsträger geworden. Was erwartet ihr euch von diesen Spielern?
Sebastian: Schwierig. Denn die Erwartungshaltung ist riesig. Holger Badstuber soll neben Baumgartl der Seniorchef in der Innenverteidigung werden und Erik Durm die Ideallösung auf der rechten Abwehrseite sein. Ob die beiden diesen Erwartungen gerecht werden können? Und vor allem: Wie oft? Ich habe da meine Zweifel wegen der langen Verletzungshistorie, hoffe aber natürlich, dass alle drei so dermaßen einschlagen, dass Jogi Löw sie mit zur WM mitnehmen muss.
Andreas: Bei den von der Erfahrung her sicher sinnvollen Verpflichtungen befürchte ich, dass sie womöglich die Entwicklung von Benjamin Pavard behindern. Er ist für mich im Moment der beste Innenverteidiger. Aber da Badstuber und Durm noch Matchpraxis fehlt, hoffe ich, dass sich Pavard in den ersten Spielen zeigt!

Mich hat die Verpflichtung von Zieler extrem überrascht, weil Langerak – für mein Gefühl – ein Spieler war, der sich extrem mit dem Verein identifiziert und doch auch erstligatauglich ist. Wieso hat man das in der VfB-Führungsetage anders gesehen?
Andreas: Mitch ist ein klassischer und erstklassiger Linienkeeper. Strafraumbeherrschung und Spieleröffnung sind nicht seine Stärken. Langerak ist in Stuttgart sehr beliebt und wird hier für immer der „Aufstiegstorhüter“ sein. Zieler ist vielleicht einen Tick besser, aber diese Baustelle hätte man meiner Meinung nach nicht unbedingt aufmachen müssen.

Was empfindet ihr eigentlich, wenn ihr Kevin Großkreutz im Darmstadt-Trikot seht?
Andreas: Ich freue mich, dass er wieder Fußball spielt. Und er passt perfekt nach Darmstadt. Wir drücken ihm die Daumen.

Im Pokal hat sich der VfB um ein Haar ziemlich blamiert, dann aber doch noch die Kurve zur zweiten Runde gekratzt. Was hakt noch in der Mannschaft und auf dem Platz?
Sebastian: Der Ausfall von Emiliano Insua konnte nicht kompensiert werden. Der Gute hat in zwei Spielzeiten genau ein einziges Spiel verpasst und ist der Fixpunkt im Stuttgarter Spiel. Ersetzt wurde er durch Burnic, der auf der ihm fremden Position ein Totalausfall war. Davon abgesehen neige ich dazu, dem traditionellen VfB-Schlendrian die Schuld zu geben. Als Bundesligist muss man gegen einen Viertligisten anders auftreten. Verletzungsprobleme hin, Abstimmungsschwierigkeiten her.

Das erste Bundesligaspiel in der Geschichte der 05er führte nach Stuttgart. Die Partie ging mit 4:2 an den VfB, am Ende der Saison landete Stuttgart auf Platz fünf, Mainz wurde Elfter. Nun tritt Mainz als etablierter Bundesligist beim Aufsteiger an – trotzdem scheint Stuttgart die Favoritenrolle inne zu haben. Was für ein Spiel erwartet ihr von eurer Mannschaft?
Andreas: Ich weiß nicht, ob der VfB der Favorit ist. Wir erwarten eine wacklige Abwehr, ein nicht unbedingt gefestigtes defensives Mittelfeld und zwei Tore von Simon Terodde. Im Ernst: Die Mannschaft ist noch nicht vollständig, Hannes Wolf muss auch aufgrund von Verletzungen und späten Transfers improvisieren. Eine Prognose abzugeben, ist schwierig, der VfB ist im Moment unberechenbar. Durch die Verwerfungen rund um die Personalie Schindelmeiser ist ein bisschen Euphorie und Vorfreude verloren gegangen. Unter dem Motto „Alle in Weiß“ zieht allerdings vor dem Spiel wieder die mittlerweile legendäre „Karawane Cannstatt“ durch die Stadt und wird für ordentlich Stimmung sorgen. Es kann also sehr laut werden und das gibt der Mannschaft vielleicht einen Schub. Ich korrigiere mich also: Wir erwarten drei Tore von Terodde.

Das erste Saisonspiel hat der VfB auswärts gegen Berlin verloren. Wie sehr steht man jetzt vor der zweiten Partie bereits unter Druck? Zumal ja die Erwartungen intern und von außen sicher andere sind als die an einen Aufsteiger, der nicht klassisch in der 1. Liga gesehen wird?
Sebastian: Nur die größten Optimisten hatten erwartet, dass der VfB in Berlin etwas mitnehmen kann. Aber klar, ein Heimspiel gegen Mainz muss nach dem Selbstverständnis der Verantwortlichen und der Fans gewonnen werden. Dennoch dürfte der Druck in Mainz noch größer sein. Zwei Niederlagen gegen die zwei Aufsteiger sind nicht wirklich gut für die Stimmung in der Länderspielpause. Für den VfB heißen die nächsten Gegner nach der Pause Schalke, Wolfsburg und M’gladbach. Einfacher wird es also auch nicht.

Der Mann für den SWAG. (Foto: Vertikalpass)

Der Mann für den SWAG. (Foto: Vertikalpass)

In der Sommerpause wechselte Alexandru Maxim von Stuttgart nach Mainz. Und das, obwohl er im Saisonfinale einer der Leistungsträger war. Wie überrascht wart ihr?
Sebastian: Sehr! Weniger, weil Alexandru Maxim wechselte. Eher, dass er für kleines Geld zu einem direkten Konkurrenten ging. Auch mit etwas zeitlichem Abstand und mit viel Sympathie war das sicherlich nicht der smarteste Move von Jan Schindelmeiser. Die Fan-Meinung zu Maxim war stets zwiegespalten: Auf der einen Seite hatte er es unter keinem der zahlreichen Trainer in Stuttgart zur unangefochtenen Stammkraft geschafft. Auf der anderen Seite war er einer dieser Spieler, von denen man sich etwas Besonderes erhoffen konnte. Wie zum Beispiel sein Tor aus 40 Metern in Bielefeld. Außerdem hatte er große Verdienste am hohen SWAG-Niveau in Stuttgart!
Andreas: Nicht zuletzt wegen des ikonischen Bildes, das ihn zeigt, wie er auf dem Dach der Trainerbank mit den Fans den Aufstieg feiert, wird er in Stuttgart als Rockstar in Erinnerung bleiben.

Worauf können wir uns in Sachen Maxim beim FSV freuen? Welche Fehler muss der Rumäne noch abstellen, um sich dauerhaft einen Platz in einer Bundesligastartelf zu sichern?
Andreas: Maxim macht auf dem Platz einen auf dicke Hose: hier ein Übersteiger, dort ein Arschwackler, da ein lockerer Außenrist-Pass. Ihr werdet hervorragende Standards und Eckbälle auf Kniehöhe sehen, geniale Vertikalpässe und Situationen, in denen er mit seiner Verspieltheit den Ball verliert. Bei ihm weiß man nie, was kommt. Teilweise schwanken seine Leistungen sogar innerhalb eines Spiels. Hannes Wolf sagte, Maxim sei schon zufrieden, wenn er im Spiel ein, zwei hervorragende Szenen hat. Das war ihm zu wenig und wenn das so bleibt, wird das Eurem Trainer Sandro Schwarz auch zu wenig sein.

Welches Saisonfazit würdet ihr nach dem 34. Spieltag gerne über euren Verein schreiben?
„Der VfB Stuttgart beendet die Saison mit dem gleichen Trainer, mit dem er sie begonnen hat. Zum ersten Mal seit fünf Jahren.“

Danke euch für das Gespräch!