Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Mönchengladbach

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantworten Christoph und Manuel, deren Herz für Borussia Mönchengladbach schlägt und die über ihren Verein bloggen und podcasten, meine Fragen.

Manuel ist Fohlenfan durch und durch... (Foto: privat)

Manuel ist Fohlenfan durch und durch… (Foto: privat)

Hallo Manuel und Christoph. Ihr schreibt und quasselt für den Halbangst-Blog und den Podcast vollraute. Erzählt doch erstmal ein bisschen was zu den beiden Formaten.
C: Halbangst ist so ein bisschen aus dem Frust über Fanjournalismus entstanden. Ein Kumpel von mir – wie ich für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk am Mikro – und ich haben überlegt, ob wir einen gemeinsamen Blog starten. Sehr kritisch, sehr meinungsfreudig. Da er Fortuna-Düsseldorf-Fan ist und ich Gladbacher, haben wir dann so eine Mix-Sache draus gemacht, die zum einen durchaus gut ankam und zum anderen auch hier und da mal polarisiert hat. Inzwischen sind wir schon fast die alten Herren der Bloggerszene am Niederrhein, aber es läuft immer noch ganz gut – auch, weil sich Leute wie Manuel relativ schnell uns angeschlossen haben.
M: Dazu podcaste ich im vollraute-Team. Wir senden seit 2013 und sind mittlerweile sechs Leute, die regelmäßig mitwirken. Hier geht es um einen reinen Gladbach-Podcast, in dem wir – aus TV- oder Stadionperspektive – die Spiele und Taktik analysieren, über den Verein und das Umfeld diskutieren und auch Gäste einladen. Vom Gründer Sascha bis zu mir sind wir alle seit vielen Jahren vom Format Podcast als Medium überzeugt, das nun ja auch vielerorten den Fußball erfasst hat. Jüngst hat die Borussia einen Podcast in ihr vereinseigenes Medienangebot aufgenommen.

Manuel, du lebst in Großbritannien, euer Podcast erscheint auch auf Englisch. Wie hält man den Kontakt zum Herzensverein, gerade über das rein sportliche hinaus, wenn so viele Kilometer zwischen einem selbst und dem Stadion liegen? Wie viele Spiele im Jahr gönnst du dir?
In den vorherigen Jahren habe ich mir eine Handvoll Spiele pro Saison gegönnt. Das ist aus privaten und beruflichen Gründen in den letzten zwölf Monaten leider nicht mehr so möglich gewesen. Ich habe als ehemaliger Mönchengladbacher aber natürlich noch einige Kontakte, um über das Sportliche hinaus die Stimmung im Klub und Umfeld mitzuverfolgen.

Immer nah dran: Team vollraute bei der Arbeit. (Foto: privat)

Immer nah dran: Team vollraute bei der Arbeit. (Foto: privat)

Und noch eine persönliche Frage: Wie seid ihr beiden zu Fohlenfans geworden? Welche Ära und Spieler haben euch besonders geprägt?
C: Ich bin erst mit zehn zur Borussia gekommen – 1990. Ich fand Fußball erst blöd, dann aber habe ich Deutschland gegen Holland bei der WM gesehen und dachte: Aha, das ist also dieser Fußball. Dann ging es schnell, ich stamme ja auch aus Gladbach: Stadionbesuch, erste Dauerkarte für die Nordkurve mit 14 Jahren (würde ich meinem Sohn nie erlauben), Auswärtstouren ab 16, inzwischen Dauerkarte im Sitzplatzbereich. Ganz klassischer Weg. Was mich so ein bisschen stolz macht, sind die Umstände, in denen ich Fan geworden bin. Die Borussia war Anfang der 90er eher ein Abstiegskandidat. Dann kam Stefan Effenberg und auch so etwas wie ein bisschen Erfolg. Das alles auf dem Bökelberg. Nachhaltig war es nicht – irgendwann ging es in die 2. Liga. Insofern fühlt sich das schon ganz gut an, keiner der typischen 70er-Jahre-Hurra-Fans zu sein. Das erdet massiv, auch in Zeiten wie diesen, in denen die Borussia eher zum größeren Kapital der Liga gehört.
M: Als Mönchengladbacher war das in die Wiege gelegt, ich bin 1987 zum ersten Mal mit meinem Vater ins Stadion. Von daher war es ähnlich wie bei Christoph – viele Abstiegskampf-Jahre, Dauerkarte und viele Auswärtsfahrten, eine Hochzeit mit Effenberg, Dahlin und Andersson, und wieder nach unten. Besonders geprägt haben mich schon so Leute wie Hans-Jörg Criens, Joachim Stadler, besagte Pokalsieger-Elf um Effenberg, aber auch ein Marcel Ketelaer oder Arie van Lent.

Kommen wir zur aktuellen Situation der Borussia. Ihr steht mit 17 Zählern punktgleich mit Schalke 04, die aber das bessere Torverhältnis haben, auf dem 6. Rang. Hättet ihr das vor dieser Saison als Platzierung für den 10. Spieltag gekauft?
M: Wie es jetzt rein tabellarisch aussieht, ist es voll okay. Champions League ist nur machbar, wenn es die Liga hergibt – oder es eine Saison am oberen Limit wird, wie in den Vorjahren. Momentan ist diese Mannschaft extrem schwer einzuschätzen. Eine Leistungsstreuung, wie ich sie selten erlebt habe. Aber Platz 6, Europapokal, ist in Gladbach immer ein Grund zu feiern.
C: Es wäre okay. Ich bin da etwas härter drauf als Manuel. Ich halte die Borussia vom spielerischen Potential her für einen Champions-League-Aspiranten. Wenn man sich die Tiefe des Kaders anschaut, ist das für einen Verein, der nicht europäisch spielt, massiv. Daher würde ich eher einer vergebenen Chance nachtrauern, als mich freuen. Es klingt absurd: Auch, wenn Leverkusen mit dem 1:5 deutlich war – das hättest du gewinnen müssen. Frankfurt zu Hause und Augsburg sind eigentlich ebenfalls drei Punkte wert gewesen. Eigentlich müsste die Borussia bei 25 Punkten stehen. Das wäre keine Sensation.

Bayern, Leipzig und Dortmund, so scheint es, werden die ersten drei Plätze sowieso (wieder) unter sich ausmachen. Beginnt der Angriff aller anderen Teams künftig erst mit Platz 4?
M: Das ist leider ein hausgemachtes Problem dieser wohl merkwürdigsten aller Top-Ligen, in der einerseits der gerechte-Verteilungsgedanke und der Vereinsstatus sehr ausgeprägt ist, anderseits diese ganzen Ausnahmen gemacht werden und wurden. Man muss realistisch sein und sagen, dass für den Rest eine Meisterschaftswahrscheinlichkeit im Promille-Bereich liegt. Höchstens.

Der Bökelberg ist Vergangenheit, die Gladbacher spielen heute im Borussia-Park. (Foto: Meenzer on Tour)

Der Bökelberg ist Vergangenheit, die Gladbacher spielen heute im Borussia-Park. (Foto: Meenzer on Tour)

Auf ein 1:5 daheim gegen Leverkusen folgte zuletzt der Pokalsieg im Derby gegen Fortuna Düsseldorf und ein 3:1 gegen Hoffenheim. Woher kommen diese doch krassen Ausschläge?
C: Ich habe die Truppe mal Mentalitätsplüschtier genannt. Psychologisch ist sie oft nicht besonders robust. Da wird schnell der Kopf gesenkt. In Hoffenheim hast du gesehen, was passiert, wenn die Mannschaft das Grübelnde ablegt. Aber auch da musst du eigentlich mehr Tore machen. Ist schon bezeichnend, wenn einer wie Hazard bei den Torschüssen unter den Top Fünf der Liga ist, bei den Torjägern aber kilometerweit entfernt von diesen. Daher, ich glaube, es ist Kopfsache. Und ich finde das nicht ganz unwichtig – so ist die Borussia nämlich ein Club, der dieses unsägliche Bayern-Leipzig-Dortmund-Konzert durchbrechen kann.
M: Ja, irgendwo zwischen Plüschtieren und Hartplatz-Gezocke ist das Kopfproblem anzusiedeln. Ich glaube, dass das Auftreten einer Mannschaft ganz wesentlich von ein, zwei Spielern beeinflusst wird. Und momentan scheint es ein Kader zu sein, der den gepflegten Ball mag und eher nett unterwegs ist. Das ist dann teilweise ein gefundenes Fressen in dieser Alles-raushauen-Ära der Bundesliga. Dazu kommt ein Mix aus Etablierten und Jungen/Neuen, der (noch) kein balanciertes Korsett wie in den Favre-Jahren gebildet hat.

Die Redaktion der 11 Freunde hat kürzlich auch mal aufgedröselt, wieso Gladbach in dieser Saison so wankelmütig ist. Ein Problem sehen sie darin, dass ihr immer nur eine gute Hälfte schafft, positiv bewerten sie euren Ballbesitz. Stimmt ihr den Analysen zu?
C: Naja, Hoffenheim war insgesamt gut, Bremen ebenso, Hannover passte vom Willen, selbst das Spiel in Düsseldorf war konstant vom Level her. Außerdem: Die Statistiken sagen jetzt nicht unbedingt, dass die Borussia so viel Ballbesitz hat. Unter Favre war das teilweise ein Vielfaches. Aber nun gut, die 11 Freunde. Wenn wir die alten Herren der Blogszene sind, dann reden wir hier über die Opas der alternativen Fußballszene. (Das sage ich übrigens mit einem großen Augenzwinkern.)
M: Ich weiß nicht, ob das eher eine Nacherzählung oder wirklich Analyse ist. Ballbesitz ist sicherlich in dieser Liga ein Zeichen, aktiv etwas für das Fan-Auge zu tun. Allerdings: In der Rückrunde unter Hecking waren die besten Spiele die mit weniger Ballbesitz als der Gegner. Ich glaube, dass es oft ein Problem der letzten Konsequenz in der Abwehr ist und zu großer Abstände, wenn das Spiel hektischer wird. Offensiv fehlt oftmals die Tiefe des Raumes am 16er, wie ihn ein Arango oder ein Xhaka bespielen konnten. Da hat ein ähnlich veranlagter Spieler wie Grifo gegen Hoffenheim direkt den Unterschied gemacht.

Wie schlimm treffen euch die aktuellen Verletzungen? Kramer und Bobadilla beispielsweise sind ja Spieler, mit denen Hecking natürlich geplant hatte. Seid ihr nicht gut genug besetzt?
C: Kramer ist halt der Spieler mit der meiner Meinung nach wichtigen Antreibermentalität. Fußballerisch ist er genauso wichtig, auch wenn es bei ihm oft sehr unrund ausschaut. Bobadilla ist für mich immer noch ein Transfer, den ich zu verstehen versuche. Zu den Geschichten aus seiner ersten Zeit sage ich mal nix – nur so viel: Der muss schon arg geläutert sein, um jetzt zu passen. Insofern habe ich keine Sorge um das Team, wenn er ausfällt. Ich glaube auch nicht, dass er von Hecking als so wichtig erachtet wird. Zumindest nicht für die Startelf.
M: Kramer ist immens wichtig für die Stabilität und Seriosität neben den jungen Wilden wie Cuisance oder Benes, was man zum Beispiel in der zweiten Hälfte gegen Leverkusen gesehen hat. Dazu fehlt die Option Tobias Strobl mit Kreuzbandriss. Insgesamt gibt es im Mittelfeld aber schon viele Optionen, so dass es Meckern auf hohem Niveau ist. Bobadilla ordne ich in die Kategorie Macht nochmal Lärm vorne-Einwechselspieler ein.

Der verletzte Jonas Hofmann ist den 05-Fans in bester Erinnerung geblieben. (Foto: Meenzer on Tour)

Der verletzte Jonas Hofmann ist den 05-Fans in bester Erinnerung geblieben. (Foto: Meenzer on Tour)

Nun fällt auch noch der in Mainz bestens bekannte Jonas Hofmann für den Rest der Hinrunde aus. Wie soll der Trainer das kompensieren? Welche Reaktion erwartet ihr euch vom Team?
C: Das mit Hofmann ist schon Scheiße. Klar lässt der mit seinem Sachverwalter-Fußball viel liegen. Allerdings: Im Angriff ist er oft der Ruhepol, der mal einen Ball halten kann und stabil ist. Zwar nie die ganz große Nummer, aber schon ein wichtiger Faktor in der Truppe. So ein Element – wenn auch ein eher langweiliges – fehlt jetzt schon ein wenig.
M: Wenn Hofmann ein Eisvogel vorm Tor wäre, wäre der halt auch nie bei uns gelandet. Er kann aber auch das Vorbereitende, was mir damals bei ihm in seiner Mainzer Zeit gut gefallen hatte. Sein Ausfall ist nicht gut gerade im Hinblick auf die oben erwähnten Verletzten und den von Christoph beschriebenen Ruhepol-Einfluss.

Der populärste Gladbacher Neuzugang ist sicher Matthias Ginter vom BVB. Er hat bislang alle Ligaspiele über 90 Minuten absolviert und zwei Tore geschossen. Wie zufrieden seid ihr ganz grundsätzlich mit den Sommertransfers und wie speziell mit der Ginter-Verpflichtung?
C: Es gab halt keinen Besseren für die Position. Und bei uns ist – aus meiner Sicht – das größte Innenverteidiger-Talent Europas, Andreas Christensen, gegangen. Da musste der Verein einen Topper holen. Und da ist Ginter schon okay. Hat zwar seine Böcke, ist aber sonst sehr stabil und wächst so langsam in die Führungsrolle rein. Hat mir in Hoffenheim zum ersten Mal so richtig gut mit seinen Ansagen an die Vorderleute gefallen. Auch mit seiner Ruhe – wobei das interessant war – da hat Hecking ihn ins defensive Mittelfeld gestellt. Das sah zeitweise besser aus, als in der Innenverteidigung.
M: In Sachen Ginter sehe ich in der Tat alles genauso wie Christoph. Zu den Sommerzugängen muss ich sagen, dass ich Zakaria unfassbar gut finde. Der ist zwei Schritte weiter, als angenommen. Unglaubliche(r) Radius, Passsicherheit und Physis. Wenn der Schweizer so weitermacht, geht Zakaria in drei Jahren für jenseits einen sehr hohen achtstelligen Betrag zu einem Weltklub, soweit lehne ich mich aus dem Fenster.

In der Außenbetrachtung wirkt bei Gladbach immer noch die letzte Saison nach: Ich vermisse Lucien Favre. Dieter Hecking wirkt aus der Entfernung wie einer, der keine große emotionale Bindung zum jeweiligen Verein darstellt. Tue ich ihm Unrecht? Welches Standing hat Hecking in der Gladbacher Fanszene?
C: Favre war eine Liebeserklärung an den Fußballnerd. Da sollten wir ehrlich sein, so einen kriegst Du nicht alle Jahre. Und da ich Schubert für das komplette Gegenteil hielt (klar, hin und wieder ist Fast-Food ja okay, aber immer – näääh), ist Hecking für mich eine Wohltat. Er ist verlässlich.
M: Ich glaube schon, dass Gladbach Hecking sehr am Herzen liegt. Favre war einfach diese Melange aus Kauz und verschmitzter Intelligenz, die die Gladbacher so mögen, weil es sie an den gern erzählten cooler Underdog gegen bösen Großstadtklub-Mythos der 70er gegen die Bayern erinnert.

Und wie beurteilt ihr Heckings Arbeit?
C: Ich bin zufrieden. Er vercoacht sich zwar hier und da – wie gegen Leverkusen, da hätte er umstellen müssen, Raffael rausnehmen, den jungen Cuisance von der Sechs nach vorne beordern und Hofmann dafür ins Defensive Mittelfeld stellen sollen. Heiko Herrlich von Leverkusen hatte gesehen, dass da die Schwäche der Borussia lag und ging auf diese beiden Spieler ins starke Pressing. Beide haben die drei schnellen Gegentreffer eingeleitet. Das hätte man in der Halbzeit sehen können. Aber – und das mag ich an Hecking – er reagiert auf solche Fehler und findet in den nächsten Spielen Lösungen. Meiner Meinung nach ist er nicht so konservativ, wie viele denken.
M: Das ist schon alles okay so, gerade, wenn man die Tabelle ansieht. Die nun schwächere Heimbilanz, traditionell Gladbachs Stärke, kostet ihm in gewisser Weise sicherlich Ansehen. Er ist weder hyperaktiv noch erzkonservativ, beharrend, aber auch Fehler einsehend – vielleicht ist es für viele deswegen schwer, ein Profil zu erkennen, an dem sie sich reiben oder laben können.

Christoph liebt Fußball und Eishockey und ist oft im Stadion anzutreffen. (Foto: privat)

Christoph liebt Fußball und Eishockey und ist oft im Stadion anzutreffen. (Foto: privat)

Beim Auswärtsspiel in Hoffenheim zeigten Gladbach-Fans neben einer genehmigten Choreo ein Spruchband, das Dietmar Hopp als Fußballmörder beleidigt. Gladbach entschuldigte sich, Hoffenheim stellte Strafanzeige. Was empfindet man als Gladbacher in der Situation?
C: Ich bin auch Eishockey-Fan bei der DEG und weiß, was Hopp in Mannheim macht. Das ist so verkehrt nicht. Und auch wir Gladbacher haben von den Hoffenheimern profitiert, indem wir den einen oder anderen Spieler von der TSG bekommen haben (Hofmann, Johnson, Grifo). Klar, mag ich diesen Dorfklub nicht, er ist ein Kunstprodukt, das Stadion liegt in der absoluten Pampa – dagegen ist der Borussia-Park sowas wie der Broadway. Aber diese Proteste gegen Hopp: Mir ist das inzwischen zu 2007.
M: Absolut albern und peinlich. Die Strukturen des DFB und das Durchwinken solcher Modelle gilt es zu kritisieren. Dazu kommt, dass solche unkreativen und stillosen Entgleisungen wieder einmal genau den Law-and-Order-Typen, denen eine aktive oder wie auch immer genannte Fanszene ein Dorn im Auge ist, helfen. Und ist es dieses Rumgepöbel, was dann gestenreich als Fussballkultur verteidigt werden muss? Ein Eigentor.

Ich bin sehr für die kreative Auseinandersetzung mit Retortenclubs und selbst überzeugte Fußballromantikerin. Solche Aktionen ärgern mich aber, weil mit der Begrifflichkeit Grenzen überschritten werden. Damit spielen diese Leute, wie Manuel schon andeutet, jenen in die Hände, die alle Fußballfans als randalierende Idioten abstempeln wollen. Wie können die anderen Fans dagegenhalten?
C: Wie du sagst: kreativ sein, lustig sein, sein Vokabular im Blick haben. Aber spielen wir es nicht zu hoch: Zum Fußball gehört auch, dass Fanaktionen mal nicht geschmackssicher sind. Und diese Konstrukte wie RB Leipzig zugelassen hat ja der DFB. Ich finde, wir sollten uns viel mehr auf die Doppelmoral, die Kommerzialisierung und die Gier des DFB konzentrieren, anstatt uns an Symptomen wie Hoffenheim, Bayern, Wolfsburg oder Leipzig abzuarbeiten.
M: Da bin ich ganz eurer Meinung. Es geht anders, was den Stil angeht, und die wahren Probleme sind eine Etage höher zu finden.

Am Samstag spielt Mainz nun in Gladbach. Nach den Schwankungen zuletzt müssten wir euch aus dem eigenen Stadion kegeln. Was macht euch Hoffnung darauf, dass sich eure Mannschaft zweimal in Folge gut präsentiert?
C: Ich glaube, es wird knapp aber spielerisch klar. Ich bin da auch ohne den Blick auf Vergangenes skeptisch. Und wann habt ihr uns schon mal aus dem Stadion gekegelt. (Jaja, ich kenne die furchtbaren Auftritte der Gladbacher am alten Bruchweg.)
M: Es wird ein zähes Abwarten in der Mainzer Hälfte mit unserem erwähnten Ballbesitz. Letztlich bewegt sich Gladbach – und ein Stückweit auch Mainz – in der Klasse der Tagesform-Teams, wo Kleinigkeiten zu klaren Geschichten anwachsen. Das wird in der Nachberichterstattung oft verklärt. Im Gladbacher Falle hätten wir bei nahezu identischem Spielverlauf gegen Hannover fast nicht 2-1 gewonnen, sondern verloren, und bei beiden Klatschen gegen den BVvB (1-6) und Leverkusen (1-5) auch ohne Wunder 2-0 führen können.

Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Gladbach im Dezember 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Gladbach im Dezember 2016. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie nehmt ihr die Mainzer bislang in dieser Saison wahr? Was für ein Spiel erwartet ihr von den Schwarz-Jungs?
C: Schwierig zu beurteilen. Ich war erstaunt, dass die Kölner euch 17 Millionen für Córdoba gegeben haben. Aber das habt ihr ja eher in die Breite gesteckt. Zumindest ist Mainz keine Truppe der bekannten Spieler (mal abgesehen von René Adler, aber der ist ja verletzt). So auf die Ergebnisse geschaut ist das doch bisher okay. Daher: Ist ein Gegner, den ich durchaus als unangenehm wahrnehme.
M: Mir ist in Mainz mit den Schmidt-Jahren zuletzt die klare spielerische Idee abhandengekommen, und so richtig sehe ich das auch noch nicht unter Schwarz. Muto, de Blasis oder Öztunali sind aber Spieler, die typischerweise gegen Gladbach aufblühen und dann ein Riesenspiel ablegen. Auswärts sind die Leistungen auch eher schwer einzuschätzen – gegen Bayern und S04 ging einfach nicht mehr, aber beispielsweise das Wolfsburg-Spiel hätten die 05er ja gut und gerne auch noch gewinnen können. Enges Ding, wie so oft.

Wo werden die beiden Teams in der Tabelle stehen, wenn wir uns in der Rückrunde erneut begegnen?
C: Die Borussia wird dann hoffentlich schon auf die 40-Punkte-Marke zusteuern oder sie längst überschritten haben. Also ich gehe vom oberen Drittel aus. Mainz sehe ich dann auf dem elften Platz. Dass Ihr in den Abstiegskampf reintrudeln werdet, glaube ich nicht.
M: So ähnlich sollte oder wird das laufen.

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Christoph Kessel für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Schalke 04

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet mir Hassan Talib Haji, der den FC Schalke 04 seit vielen Jahren sehr intensiv begleitet, meine Fragen.

Hallo Hassan, schön, dass du dir Zeit für mich nimmst. Du betreibst im Netz das News- und Entertainmentportal hassanscorner TV. Erzähl doch ein bisschen was zu dem Angebot.
Hallo Mara. Ja, das ist mein Newsblog. Wir filtern dort Nachrichten zum FC Schalke 04 aus der Presse, schreiben Kommentare zu bestimmten Themen und veröffentlichen exklusive Interviews, wie zum Beispiel das mit Christian Heidel kurz nach seinem Amtsantritt oder vor ein paar Wochen das Gespräch mit Guido Burgstaller. Ich bin froh, mit einem tollen Team zusammenzuarbeiten zu dürfen, es macht wirklich Spaß. Im Moment haben wir eine kleine Auszeit, aber es geht bald weiter.

Hassan Talib Haji im Gespräch mit Christian Heidel. (Foto: Uwe Bassenhoff)

Hassan Talib Haji im Gespräch mit Christian Heidel. (Foto: Uwe Bassenhoff)

Du bist in Kenia geboren und mit deiner Mutter nach Deutschland gekommen, als sie sich in einen deutschen Fabrikarbeiter verliebte. Was bedeutet Heimat für dich? Und welche Rolle spielt der Fußball/das Stadion für deinen Heimatbegriff?
Ich bin in meinem Leben schon viel herumgekommen und habe mich überall sehr wohl gefühlt. Seit 2012 lebe und arbeite ich in Gelsenkirchen. Als Mitglied und Fan des S04 ist nun Gelsenkirchen meine Heimat geworden. Die Menschen hier sind fabelhaft.

Deine erste Station in Deutschland war Kleve. Wie bist du mit Schalke 04 in Berührung gekommen? Und war es eine Liebe auf den ersten Blick?
Ja, das ist richtig. Mein Stiefvater, Freunde und Bekannte waren und sind Schalke-Fans. Sie nahmen mich mal zu einem Spiel ins Parkstadion mit – das ist mittlerweile 30 Jahre her. Es war für mich als kleiner Junge ein großes Erlebnis. Ich wollte anschließend immer wieder nach Gelsenkirchen, um die Spiele zu sehen. Das hat zwar nicht oft geklappt, aber dennoch war ich sofort vom Schalke-Virus infiziert. Und das ist bis heute so geblieben.

Es wird gerne behauptet: „Politik ist Politik und Sport ist Sport“. Ich glaube, gerade Fußball ist sehr politisch und Stadien sind ein Spiegel der Gesellschaft. Wie beurteilst du persönlich die integrative Rolle des Themas Fußball?
Der Fußball ist ein Volkssport und großer Teil der Gesellschaft, der sich politischen Einflüssen nicht entziehen kann. Gerade mit der immensen Kraft, die dieser Sport durch seine bunte Vielfalt und Aufmerksamkeit hat, sollte er auch weiterhin eine Art Sprachrohr sein. Dies sieht man ja beispielsweise an den ganzen Anti-Rassismus-Kampagnen. Zu sagen, Politik habe im Fußball nichts verloren, ist meiner Meinung nach fehl am Platz.

Für Mainzer bleibt das ungewohnt: Christian Heidel in Blauweiß. (Foto: Torsten Mannek)

Für Mainzer bleibt das ungewohnt: Christian Heidel in Blauweiß. (Foto: Torsten Mannek)

Schalke 04 hat geschafft, wovon andere nur träumen können: Christian Heidel aus Mainz wegzulocken. Wie beurteilst du euren Königstransfer nach den ersten 1,5 Jahren?
Ich bin von Christian Heidels Arbeit bislang absolut überzeugt. Er hat zwar mit Ex-Trainer Markus Weinzierl gleich danebengegriffen, so was passiert aber. Besonders auf Schalke. Ich weiß, dass Vieles von dem, was Christian auf Schalke macht, noch nicht allzu spektakulär in die Öffentlichkeit kam. Ich hatte das Glück und das Vergnügen, mit ihm kurz nach seiner Amtsaufnahme über zwei Stunden lang zu sprechen. Christian hat mir dabei sehr viele Dinge genannt, die er verändern möchte – und genau erklärt, wieso das nötig ist. Was genau das alles ist, kann ich hier aber leider nicht preisgeben, da dieses Gespräch in einem vertrauensvollen Rahmen stattfand. Doch die Begeisterung und die Tatenkraft waren direkt spürbar. Christian wird diesen wilden Verein in eine neue Ära führen. Daran glaube ich.

Wie schätzt du den Sportvorstand Heidel, wie den Menschen Christian ein?
Den Menschen Heidel kann ich nicht beurteilen, das würde ich mir auch nicht anmaßen. Christian kam in unseren Gesprächen aber stets freundlich rüber und er antwortet glücklicherweise auch, wenn ich ihn mal anschreibe und Fragen stelle. Ich schätze ihn als Sportvorstand allerdings auch so ein, dass er keine Scheu hat, knallhart seine Entscheidungen durchzuziehen. Was mir besonders imponiert, ist seine Öffentlichkeitsarbeit. Auf Schalke werden schließlich die kleinsten Themen sehr groß gemacht. Er moderiert dies aber souverän.

Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes ist von Bord gegangen. (Foto: Torsten Mannek)

Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes ist von Bord gegangen. (Foto: Torsten Mannek)

In Mainz war der „Don“ bekannt für seine Fannähe. In Gelsenkirchen stelle ich mir das ein Stück weit schwieriger vor, weil einfach die schiere Menge an Fans so viel größer ist. Wie empfindest du seine Präsenz und seinen Umgang mit den Fans?
Christian hat kürzlich einen Fehler gemacht. Im Zuge des Wechsels von Benedikt Höwedes hätte er mit der aktiven Szene von sich aus das Gespräch suchen sollen. Bene ist schließlich ein sehr verdienter Spieler des Klubs. Ich glaube, wenn er vorher mit den Ultras gesprochen hätte, wäre es nicht zu den Plakaten in der Nordkurve gekommen, auf denen er unter anderem als Identifikationsschänder bezeichnet wurde. Selbstverständlich ist er nicht in der Pflicht, nach jeder Entscheidung eines Spielers oder des Vereins das Gespräch zu suchen, aber in diesem speziellen Fall wäre es angebracht gewesen. Schlussendlich wurde es ja nachgeholt, was mich sehr freute.

Du sprichst es gerade an: Zu Beginn der Saison hat euer langjähriger Kapitän Benedikt Höwedes den Verein verlassen, nachdem er dieses Amtes enthoben worden war. Zunächst: Verstehst du die Entscheidung eures Trainers?
Ich kann diese Entscheidung nachvollziehen. Bene hat sich vielleicht mit den Jahren als Kapitän abgenutzt und viele haben sich oft hinter ihm versteckt. Das merkte man besonders nach verlorenen Spielen.

Wie beurteilst du Höwedes’ Abgang menschlich? Hat das die Fanseele sehr tief getroffen? Und fernab aller Emotionen, wie sehr trifft euch sein Wechsel sportlich?
Dieser Wechsel, auch wenn er vorerst nur auf Leihbasis geschah, war zunächst mal ein Paukenschlag. Bene ist ja schließlich ein Schalker Junge und hier groß geworden. Natürlich ist so ein Abgang im ersten Moment schmerzvoll. Schlussendlich war es aber seine Entscheidung. Er wollte sich nicht dem Konkurrenzkampf stellen, da er von Trainer Domenico Tedesco keine Stammplatzgarantie bekam. Tedescos Handeln empfand ich als völlig richtig. Sportlich gesehen scheint es so zu sein, dass Benes Transfer zu Juventus Turin keine Auswirkung auf die Mannschaft hatte. Schalke steht gut da und die Stimmung im Team ist prächtig.

Der Mann für eine neue Ära? 04-Trainer Domenico Tedesco. (Foto: Torsten Mannek)

Der Mann für eine neue Ära? 04-Trainer Domenico Tedesco. (Foto: Torsten Mannek)

Hat Heidels Ansehen mit dem Abgang von Höwedes gelitten?
Ich glaube nicht. Es hängt aber oft auch an gewissen Faktoren. Wäre unsere Abwehrleistung katastrophal, würden viele Schalker lauthals nach Bene schreien und Christian wäre der große Buhmann.

Die WAZ schreibt zu einem Interview mit Christian Heidel, Schalke habe die Personalkosten um 40 Prozent gesenkt. Nötig und richtig? Nötig, aber zu schnell? Fehlentscheidung?
Das ist für mich eine notwendige Maßnahme gewesen und als ich den Artikel in der WAZ las, sagte ich mir nur: ‚Endlich!‘ Das Preis-Leistungs-Verhältnis wurde nach den fetten Jahren im Europapokal endlich angepasst. Aufgrund der hohen Verbindlichkeiten, die durch den Umbau des Vereinsgeländes um weitere 95 Millionen Euro steigen, war das ein zwingend nötiger Schritt.

Wie schwierig wird es deiner Meinung nach sein, Leon Goretzka zu halten? Zumal es in seinem Interesse sein muss, zur WM 2018 zu fahren – und internationale Spiele dabei helfen könnten, seine Position bei Löw zu verbessern?
Ich glaube Leon. Er sagte ja, dass er noch keine Entscheidung getroffen hat. Er kann hier auf Schalke zu einer echten Führungsperson heranreifen. Ich hoffe sehr, dass er verlängert und noch ein paare Jahre für den S04 die Stiefel schnürt. Und wenn er wechselt, ist es halt so. Welche Entscheidung er auch treffen mag, ich wünsche ihm, dass er sich damit wohlfühlt und sie sich als völlig richtig herausstellt. Was seine Position in der Nationalelf angeht, hat er die doch bereits sicher. Joachim Löw schwärmt von ihm in höchsten Tönen. Wenn er sein Leistungsniveau hält, braucht er sich keine Sorgen um eine WM-Teilnahme zu machen.

Schalke gilt als einer der Trainer-Schleudersitze in der Bundesliga. Wie schätzt du die letzten beiden Entscheidungen diesbezüglich ein, also unter Heidel zunächst mit einem neuen Mann – Markus Weinzierl – zu starten, diesen dann aber nach der Saison zu entlassen?
Meiner Meinung nach musste Christian das Kapitel mit André Breitenreiter beenden, da er aufgrund seines Umgangs mit Mitarbeitern im Verein kaum noch Fürsprecher hatte. Markus Weinzierl war zu haben und es klang eigentlich recht vielversprechend. Doch so, wie man es vernehmen konnte, brachte Weinzierl Teile des Teams gegen sich auf und schaffte Gräben, die darin gipfelten, dass er von einem Spieler öffentlich beleidigt wurde. Dazu kam, dass man keine spielerische Linie auf dem Feld sah, keine Handschrift, keinerlei Konzept. Das wollte Heidel aber, um mit einem Trainer nachhaltig arbeiten zu können. Zwangsläufig war eine Trennung in Anbetracht der Gesamtsituation unvermeidbar – und die richtige Entscheidung.

Was läuft aktuell unter Domenico Tedesco besser als letzte Saison unter Weinzierl? Wie beurteilst du die sportliche und taktische Entwicklung des Teams und wo siehst du noch Verbesserungsbedarf?
Bislang darf man durchaus zufrieden sein. Man hört über Tedesco sehr viel Positives aus dem Verein. Er spricht sämtliche Fremdsprachen, was für die Kommunikation mit der Mannschaft ein großes Plus ist. Ich muss aber auch sagen, dass mich die ganzen Trainerentlassungen in den letzten Jahren skeptisch gemacht haben. Tedesco ist erst seit kurzer Zeit hier. Deshalb halte ich mich mit Bewertungen noch zurück.

Tedesco spricht viele Sprachen. Spricht er auch S04? (Foto: Torsten Mannek)

Tedesco spricht viele Sprachen. Spricht er auch S04? (Foto: Torsten Mannek)

Vor dem letzten Spieltag lautete eure Bilanz: 3 Siege, 3 Niederlagen, 1 Unentschieden. Nun habt ihr auswärts in Berlin gewonnen. Wie ist die Stimmung um den Verein? Und wie zufrieden bist du selbst mit der bisherigen Saison?
Es geht schlechter, wie wir letztes Jahr erlebt haben. Der Start war völlig in Ordnung. Wichtig war mir persönlich, dass wir direkt vom Start weg bei der Musik dabei sind – und das sind wir. Dementsprechend ist auch die Stimmung.

Ist für euch in dieser Saison nicht jedes Spiel ein Endspiel? Eine weitere Saison ohne internationale Platzierung kann sich der Verein ja kaum leisten.
Sicherlich lastet immer ein gewisser Druck auf Schalke. Ein Klub dieser Größe gehört eigentlich in den Europapokal. Da der Verein bereits die Halbjahresbilanz veröffentlichte und für das gesamte Geschäftsjahr von einem Verlust von 14 Millionen Euro ausgeht, wäre eine Teilhabe an den Geldtöpfen der UEFA natürlich wichtig. Auch für die Attraktivität bei Spielertransfers. Ein weiteres Verfehlen der internationalen Plätze würde den Planungen von Christian Heidel ganz sicher nicht zugute kommen.

Auf was müssen sich die Mainzer am Freitagabend taktisch einstellen? Wie breit ist die Brust der Spieler auf dem aktuell 6. Tabellenplatz?
In den Heimspielen tritt Schalke 04 immer mit breiter Brust auf. Sie werden vermutlich viel Ballbesitz haben und versuchen, ein frühes Tor zu erzielen. Zudem ist es Freitagabend, Flutlicht, volles Stadion. Mainz darf sich auf eine bis in die Haarspitzen motivierte Mannschaft freuen. Ich denke, das wird ein großer Kampf beider Teams.

Was erwartest du umgekehrt von den Mainzern? Welche Rolle können sie deiner Meinung nach unter Sandro Schwarz in der aktuellen Bundesligasaison spielen?
Im Spiel auf Schalke werden sie wohl versuchen früh zu attackieren, um unsere Abwehr in Verlegenheit zu bringen, den Spielaufbau zu stören und Fehler zu provozieren. Davon ist wohl auszugehen. Ich denke, ein einstelliger Tabellenplatz ist für Mainz drin. Mit etwas Glück vielleicht sogar mehr.

Was ist dein Tipp für das Spiel am Freitag?
Ich tippe auf ein 2:0 für die Königsblauen.

Wird Christian Heidel seine Amtszeit auf Schalke ausschöpfen? Oder gar verlängern? Und kommt er danach als Alterspräsident zurück nach Mainz?
Schwierig zu beurteilen. Frag mich aber gerne in ein bis zwei Jahren noch mal, Mara.

Mache ich und: vielen Dank für das Gespräch!

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim VfL Wolfsburg

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal spreche ich mit Rebecca, die unter anderem neu den feministischen, fußballverliebten, cinephilen, lauten, politischen, offenen Podcast Reichlich Randale betreibt – und die ihr Herz an den VfL Wolfsburg verloren hat.

VfL-Fan Rebecca. (Foto: Dennis Fuisz)

VfL-Fan Rebecca. (Foto: Dennis Fuisz)

Liebe Becci, du lebst in Potsdam, kommst aber aus dem niedersächsischen Bleckede. Reicht das als Entschuldigung aus, wieso du Fan des VfL Wolfsburg geworden bist? Nein, ganz im Ernst: Wann und wie ist deine Liebe zu den Wölfen entbrannt?
Haha, die Klassikerfrage gleich zum Einstieg. Mein Vater (ein alter HSV-Fan, der das auch auf meinen Bruder übertragen hat) behauptet ja bis heute scherzhaft, es sei ein „Akt der Abnabelung“ gewesen, aber an die Theorie glaube ich nicht so richtig. Dafür viel mehr daran, dass man sich seinen Verein nicht aussucht – der Verein sucht dich aus. So war es nämlich auch bei mir. Als ich um die EM 1992 herum mit fünf Jahren angefangen habe, mich für Fußball zu interessieren, fand ich die Bayern gut, rund um Mehmet Scholl und Lothar Matthäus, deren Fußball mich damals faszinierte. Dann stellt man irgendwann fest, dass das mit den Bayern so eine Sache ist… und in die Phase fiel die Aufstiegssaison vom VfL (1996/1997). Da nahm ich den Verein das erste Mal wahr – und es war um mich geschehen. Ich sag immer „Ich habe es gespürt“, auch wenn ich eigentlich gar kein esoterischer Typ bin. Aber es war einfach ein Match. In der Rückschau kann ich wohl auch nicht bestreiten, dass die räumliche Nähe ebenfalls eine Rolle gespielt haben muss. Es ist schon schön, wenn man weniger als zwei Stunden Anfahrtsweg ins Stadion hat.

(Natürlich stand das Interview an dieser Stelle kurz vor dem Aufbruch. Mainz-Fans erinnern sich mit Grauen an jene VfL-Aufstiegssaison… Aber man ist ja Profi genug! *räusper)

Wie sehr nervt dich eigentlich das bei vielen Fans immer noch sehr schlechte Image eures Vereins? Und wie reagiert dein grün-weißes Herz auf den häufigen Spott? Ich kann ja gar nicht damit umgehen, wenn jemand auf meinem Verein rumhackt…
Das schlechte Image selbst nervt nicht gar nicht so sehr – auch wenn ich es persönlich natürlich nicht so richtig nachvollziehen kann; aber wir sind es nicht anders gewohnt, und ich weiß es ja besser. Der Spott und die ewige Reduzierung auf ein und dieselbe Sache, nämlich die Tatsache, dass VW am VfL beteiligt ist, sind auf die Dauer viel nervtötender. Fundierte Kritik am Spielsystem, an der Leistung auf’m Platz, an der Vereinsführung, an der Einstellung einiger Spieler in der Vergangenheit – da bin ich die Letzte, die sagen würde: „Lass das!“ Da können wir ja letztlich nur profitieren und das kritisiere ich auch selbst. Und natürlich darf man Vereine unsympathisch finden, ist bei mir ja auch so.
Wenn aber Leute immer und immer wieder die gleichen Sätze fallen lassen – sowas wie „So viel Kohle, wie ihr in den letzten Jahren raushaut, das ist doch pure Hybris und geht nur dank VW“ – ohne mal gegenzuchecken, dass die Transferbilanz zwei Jahre hintereinander positiv war, oder wenn von einem „reinen Plastikverein“ die Rede ist, der ja „gar keine richtigen Fans hat“ – da bin ich schnell auf 180, rante auf Twitter oder muss auch schon mal weinen. Wie verletzend sowas sein kann, können wohl nur Fans verstehen. Umso mehr enttäuscht es mich letztlich, wenn andere Fans das machen. Das ist einfach nicht meine Art, über Fußball zu reden. Das soll aber nicht heißen, dass ich Witze über uns oder andere Vereine doof finde – da kann ich herzlich drüber lachen.

Begegne den Spöttern doch mal mit harten Zahlen: Wie sah es bei euch in der letzten Saison mit der Stadionauslastung aus, kannst du das beantworten? Und wie viele Anhänger waren im Schnitt auswärts dabei?
Unser Stadion wurde 2002 eröffnet. Damals spotteten viele, dass 30.000 Plätze viel zu viele wären für eine Stadt mit nur 125.000 Einwohnern (immer noch hat in der 1. Bundesliga nur Sinsheim weniger) und vermeintlich ohne Tradition. Am Anfang waren im Schnitt auch nur ungefähr 2/3 der Plätze besetzt. Spätestens seit der Meistersaison 2008/09 haben wir uns aber auf eine über 90%ige Auslastung eingependelt, letzte Saison 92%, um es genau zu nehmen; sechs Spiele waren ausverkauft. Was mich aber ehrlich gesagt viel mehr interessiert, ist die Stimmung im Stadion und im Speziellen in der Nordkurve. Und die war letzte Saison – trotz ja wirklich teilweise echten Spielen zum Haare raufen – hervorragend! Viel Gesang bis zur Heiserkeit, unfassbare Motivation, wenig Auspfeifen. Ich habe mich sehr wohlgefühlt, und man hat einfach gemerkt, dass die Extremsituation der Abstiegsangst Fans und Verein noch mehr zusammengeschweißt hat. Das war schon was Besonderes. Das kennt ihr ja vielleicht auch.
Auswärtsfahrer*innen musste ich ehrlich gesagt selbst nachlesen, ich stecke da in den Zahlen nicht so drin. Es waren wohl im Schnitt 1.400 und gegen Ende der Saison wurden es verständlicherweise mehr, eben auch wegen dem, was zwischen Verein und Fans passiert ist. In Hamburg am letzten Spieltag waren wir 6.000, das war schon eine tolle gemeinschaftliche Stimmung, die ich sehr genossen habe. Bis zu Luca Waldschmidt

Flutlichtatmosphäre im Stadion des VfL. (Foto: Fanfotos.net)

Flutlichtatmosphäre im Stadion des VfL. (Foto: Fanfotos.net)

Du bist Konfliktforscherin. Was denkst du dir bei Szenen wie dem Platzsturm in Kiel letzte Woche und was würdest du – solche Chaoten ausgenommen – Fans und Verbänden raten, um wieder in einen dauerhaft konstruktiven Dialog zu kommen?
Zufällig war ich an dem Dienstag in Kiel, hatte aber keine Karten mehr bekommen und war deshalb nicht im Holstein-Stadion, wie ich es eigentlich geplant hatte. Von außen betrachtet war der Platzsturm unsinnig, unvernünftig und Spieler gefährdend, das geht eigentlich gar nicht. Gerade weil mir Holstein als Verein am Herzen liegt, hat mich das ein bisschen traurig gemacht – auch weil ich befürchte, dass das mal wieder das Bild des Ultras™ und der wichtigen Arbeit, die in Ultra-Szenen für die Vereine – aber auch gegen Rechts etc. – geleistet wird, verwischen wird.
Und jetzt soll ich Fans und Vereinen etwas raten, ja? Ein ganz schön schwerer Auftrag – auch und gerade für eine Konfliktforscherin. Ist ja nicht so, dass keine Dialoge zwischen Fans und Vereinen stattfinden würden. Und wir dürfen auch die DFL als dritten Player hier nicht vergessen, die ja gerade aktuell für einen Großteil der aufgeheizten Stimmung verantwortlich ist. Ich bin grundsätzlich ein Fan von Protest, auch kreativ, und finde es wichtig, die Stimmen der Fans zu hören, wenn es um die aktuellen Entwicklungen im Fußball allgemein und in den einzelnen Vereinen geht. Wäre es nicht schön, wenn Fans und Vereine sich gemeinsam gegen bestimmte Entwicklungen positionieren würden? Ach, ich drifte schon wieder in Utopien ab. Du siehst, es bleibt schwierig. Und so lange möchte ich alle Fans nur ermutigen, sich Gehör zu verschaffen.

Im wunderbaren Podcast Rasenfunk hast du mit Max Ost in der Sommerpause auf die letzte Saison zurückgeblickt. Da war ganz viel Erleichterung zu spüren, aber auch Optimismus. Jetzt gab’s nach nur vier Spieltagen den Trainerwechsel. Warum musste Jonker so schnell gehen?
Ich bin halt eine unverbesserliche Optimistin (und das, obwohl eines meiner Podcastprojekte „Die Kulturpessimisten“ heißt, lustig oder?) und natürlich war ich nach der frisch überstandenen Relegation auch wirklich ausgesprochen erleichtert und gewillt, das Positive zu sehen. Tatsächlich ist die Meinung zur frühen Entlassung von Jonker nun sehr gespalten unter den Fans. Ich gehöre zu denen, die ziemlich traurig und unzufrieden mit der Entscheidung waren und ihm gerne noch mehr Zeit gegeben hätten. Er hat eine positive Geschichte mit dem VfL und hat eigentlich sehr gut zu uns gepasst, genauso wie sein Co-Trainer Ljungberg, der ja auch gehen musste. Der relativ schlechte Saisonbeginn hatte natürlich auch damit zu tun, dass unsere komplette Innenverteidigung längerfristig ausgefallen ist und wir nun in diesem ohnehin in der vergangenen Saison schon wackeligen Mannschaftsteil mit relativ jungen und unerfahrenen Spielern antreten mussten.
Wie ich schon angedeutet habe, gibt es aber auch andere Stimmen. Unser Spiel hat sich unter Jonker nicht weiterentwickelt, das System war unflexibel und so konnte wenig auf die Spieler, die der Trainer tatsächlich zur Verfügung hatte, reagiert werden. So hat sich beispielsweise in den ersten Saisonspielen die Befürchtung bestätigt, dass unsere Flügel eine echte Schwäche darstellen. Vielleicht ging da auch in der Transferperiode schon etwas schief – Jonker und Rebbe haben uns eher im Zentrum verstärkt. Und so musste Jonker nun vermutlich auch gehen, um Platz für ein neues System zu machen.

Gestatten, ich bin der Neue. (Foto: Fanfotos.net)

Gestatten, ich bin der Neue. (Foto: Fanfotos.net)

Euer neuer Trainer heißt Martin Schmidt. Der Schweizer hatte bei uns in Mainz seine erste Station als Profitrainer in der Bundesliga. Wie sehr hat dich die Personalie überrascht?
Was heißt überrascht. Ich hatte ihn natürlich auf dem Zettel als einen, der jetzt frei war. Aber ganz oben stand er nicht auf meiner Liste. Vielleicht ist es aber genau das, was ihn zu einer guten Wahl macht: Er ist anders als Jonker, und er ist anders als viele VfL-Trainer vor ihm. Er steht dafür, über Emotionen zu kommen und Fußball zu leben, er steht für Mannschaften, in denen jeder für jeden fightet, und nicht zuletzt für eine fannahe Kommunikation – was alles ganz hervorragend zum Slogan „Arbeit Fußball Leidenschaft“ passt, den der VfL dieses Jahr von einem inoffiziellen Fan-Motto zum Status eines offiziellen Vereinsmottos aufgewertet hat. So mögen wir unseren VfL! Vielleicht ist Martin Schmidt also bei aller Überraschung auch der logische Schritt, der nach einigen Misserfolgen mit bewährten Strategien jetzt anstand.

In den ersten beiden Spielen unter dem Neuen habt ihr zwei Punkte geholt – einen davon wohlgemerkt in München. Wie ist dein bisheriger Eindruck von Schmidt und was hat er in der Mannschaft verändert?
Ich bin positiv gestimmt, was vor allem an teilweise sehr klugen Interviews von Schmidt liegt. Nach dem Spiel gegen Bremen mit einer guten ersten und einer katastrophalen zweiten Halbzeit hat er ehrlich die Schwächen und Fehler der Mannschaft benannt, ohne zu versprechen, dass das alles von jetzt auf gleich geändert werden kann. Er redet nicht drumrum und schafft es, auch ohne Phrasendrescherei eine Aufbruchsstimmung zu vermitteln.
Diese Aufbruchsstimmung zeigte sich dann sehr schön im Spiel gegen Bayern. Welche Mentalität und Haltung die Mannschaft dort gezeigt hat, nach einem 2:0-Rückstand in München zurückzukommen! Dafür war der Mut nötig, den Schmidt schon in den Tagen vor dem Spiel ausgestrahlt hatte, Und dabei gingen sie geordnet und zielgerichtet vor, spielten kluge Pässe, und ja, sogar über unsere Flügel ging was. Man merkt schon jetzt, dass Schmidt sich Gedanken zu den Schwächen im System macht, das bisher auf Flanken auf den Spitzenstürmer Gomez angewiesen war und wenig andere Möglichkeiten zu erfolgreichen Angriffen bot. Das macht Lust darauf, ihm dabei zuzuschauen, was er noch für Ideen für die Mannschaft in petto hat.

Aus der Entfernung betrachtet wirkt es, als fehle bei VfL-Sportchef Olaf Rebbe die klare Linie. Valérien Ismaël wurde erst gestärkt, dann gefeuert, mit Jonker geht man in die neue Saison, nur um ihn nach vier Spielen zu entlassen. Tue ich ihm Unrecht? Wie siehst du seine Rolle?
Ja, ich glaube, du tust ihm ein bisschen Unrecht. Ismaëls Vertrag als langfristiger Cheftrainer war das „Abschiedsgeschenk“ von Klaus Allofs an den VfL und in meinen Augen neben der Nichtfreigabe von Julian Draxler im letzten Sommer die größte Fehlentscheidung der letzten Saison. Aber es war eben auch Allofs’ Fehlentscheidung. Rebbe musste dann schauen, wie er mit der Situation umgehen sollte, dass kurz vor seinem Amtsantritt ein neuer Cheftrainer installiert worden war. Nicht nur ich war sehr dankbar, dass die Zusammenarbeit mit Ismaël dann doch recht bald beendet wurde, denn da lief so einiges schief, was ich jetzt gar nicht alles aufzählen kann. In der Situation Jonker zu holen, hat sich letztendlich bewährt, auch wenn es vielleicht nicht die langfristige Lösung für den Verein war. Aber nach dem Trainer, der jeglichen Rückhalt bei den Fans und scheinbar auch bei großen Teilen der Mannschaft verloren hatte, einen zu holen, mit dem viele schon positive Emotionen verknüpften, war – gerade für den Abstiegskampf – ein guter Schachzug. Wir werden sehen, ob sich die Schmidt-Entscheidung jetzt bewährt. Ich bin gewillt, Rebbe zu vertrauen, sich etwas bei den Entscheidungen der letzten Wochen gedacht zu haben; er ist ein sehr strategisch denkender Mensch, der es in kurzer Zeit geschafft hat, sich trotz seines jungen Alters ein gewisses Standing im Verein zu erarbeiten.

Jung und ambitioniert: Olaf Rebbe. (Foto: Fanfotos.net)

Jung und ambitioniert: Olaf Rebbe. (Foto: Fanfotos.net)

In den letzten zwölf Monaten saßen beim VfL vier Trainer auf der Bank. Was spricht dafür, dass nun Kontinuität einkehrt? Und als wie chaotisch hast du selbst diese Zeit empfunden? Manchmal sieht es von außen ja schlimmer aus als in der Binnensicht.
Wie ich schon geschrieben habe, kam es mir gar nicht unbedingt chaotisch vor. Ich würde eher unsicher als charakterisierendes Attribut für das letzte Jahr wählen. Viele Entscheidungen nach Allofs erscheinen sehr bedacht – aber klar, du hast Recht, wenn du sagst, dass sie nicht gerade zu Kontinuität geführt haben. Das sorgt für Unsicherheitsgefühle bei allen: Fans, Spielern, Beobachter*innen von außen. Wird nun Kontinuität einkehren? Ich bin ehrlich, ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist es auch noch ein bisschen zu früh, um zu beurteilen, wie gut es zwischen dem VfL und Schmidt auf Dauer funktionieren wird. Tatsächlich wird die VfL-Führungsetage vielleicht ein bisschen schneller nervös als die anderer Vereine, wenn die Leistungen sich nicht fix genug in Richtung des Anspruchs entwickeln. Mein Wunsch wäre ja, hier ein bisschen mehr Gelassenheit an den Tag zu legen und Entwicklungen zuzulassen. Die Entscheidung für Schmidt interpretiere ich als einen Schritt in diese Richtung, lässt man sich mit ihm doch auf etwas ganz Neues ein.
Unsicher über die Zukunft des VfL bin ich immer noch, daran hätte gerade vermutlich keine spontane Entscheidung etwas ändern können. Dafür ist mein Vertrauen, dass es am Ende schon irgendwie klappen wird, in der letzten Saison doch reichlich erschüttert worden. Damit stehe ich auch nicht alleine da, wenn ich mich in der Fanszene so umschaue. Dieses Vertrauen jetzt wieder aufzubauen, wird auch eine der Aufgaben von Schmidt sein.

Derzeit geistert die Meldung durch die Medien, Edin Džeko könne sich nach dieser Saison erneut den Wölfen anschließen. Spricht daraus die Sehnsucht nach der erfolgreichen Zeit des VfL? Džeko ist ein Gesicht der Meistermannschaft.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehnsüchtig ich und auch andere nach der erfolgreichen Zeit sind. Und damit meine ich gar nicht unbedingt Titel, sondern schlicht das Gefühl, dass im Verein gerade alles richtig läuft, dass toller Fußball gespielt wird, dass ich nicht schon 48 Stunden vor dem Spieltag mit Bauchschmerzen zu Hause sitzen und mich fragen muss, was dieses Mal wieder schiefgehen wird. Immer wenn es mir wegen des VfL schlecht geht, schaue ich mir das Meisterschaftsspiel gegen Bremen 2009 oder das Pokalfinale 2015 gegen Dortmund an, das ist so ein bisschen zu meiner persönlichen Wohlfühl-Therapie geworden, auch wenn ich mir natürlich bewusst bin, dass da ganz viel Verdrängung mitspielt. Ich glaube, niemand würde laut „Nein“ schreien, wenn sich die Gerüchte um Džeko bestätigen würden. Wir hatten eine tolle und erfolgreiche Zeit miteinander, natürlich schwingt da ganz viel Nostalgie mit, und man muss sich dessen bewusst sein, dass er nicht mehr der Spieler von vor sieben Jahren ist und sich auch das Setting drum herum geändert hat. Gleichzeitig kann aber von der Verpflichtung eines solchen Spielers, der sich immer mit der Mannschaft identifiziert hat und mit dem sich auch die Fans identifiziert haben, eine Aufbruchsstimmung ausgehen, die wir gut gebrauchen könnten.

Meisterlich: Die VfL-Damen.

Meisterlich: Die VfL-Damen.

Stichwort Meistermannschaft: Die VfL-Damen feiern seit Jahren national und international große Erfolge. Weil die Männer die Relegation noch vor der Brust hatten, durften sie aber ihre Meisterschaft erstmal nicht feiern. Wie hast du das empfunden?
Ich versuche, mein Leben nach feministischen Prinzipien auszurichten, engagiere mich in diesem Feld und mache jetzt auch einen Podcast zu feministischen Themen. Zudem finde ich Frauenfußball extrem spannend und bin öfter bei Turbine Potsdam im Stadion zu den Heimspielen, wahrscheinlich auch am Sonntag gegen die Hoffenheimerinnen. Natürlich hat mich das auch aufgeregt – zumal davon auszugehen ist, dass das andersherum nicht passiert wäre. Die vorgeschobene Begründung, man hätte gewollt, dass die Frauen die volle Aufmerksamkeit bekommen, hat es nicht besser gemacht. Gleichzeitig möchte ich aber in zwei Punkten relativieren – was nichts daran ändert, dass die Aktion unüberlegt und falsch war, aber den Diskurs in eine Richtung verschiebt, die mir wichtig wäre:
1. Die Damenmannschaft musste nicht auf ihre Meisterinnenfeier verzichten, weil die Herren die Relegation noch vor der Brust hatten. Vielmehr war die Feier für den gleichen Tag wie das Relegationsspiel in Wolfsburg angesetzt (für dessen Ansetzung der VfL nichts kann) und aufgrund der Brisanz der Konstellation mit Braunschweiger Auswärtsfans in der Stadt wurde auch aus Sicherheitsgründen dagegen entschieden, die Feier stattfinden zu lassen. Wenn ich mir anschaue, wie die Situation für Wolfsburger Fans in Braunschweig beim Rückspiel war (die sich teilweise kaum aus dem Stadion heraus getraut haben), dann zeigt sich, dass Sicherheitsgründe durchaus ein relevantes Argument sein können. Wohlgemerkt: können, nicht müssen. Vielleicht hätte es andere Lösungen gegeben.
2. Ich bin mir sicher, dass das bei jedem anderen Verein genauso gelaufen wäre. Was hier passiert ist, ist kein VfL-Problem, sondern ein Problem des Fußballs und der Fußballverantwortlichen genauso wie der Fanszenen: Sexismus ist einfach präsent und zieht sich als Muster durch. Die Ungleichbehandlung des Frauenfußballs in eigentlich allen relevanten Punkten ist unsäglich und muss sich meiner Meinung nach dringend ändern. Dafür ist aber eine Bewusstmachung und ein Eingestehen bei Verantwortlichen wie bei Fans notwendig – und kein Ablenken dahingehend, dass das ja „typisch für einen bestimmten Verein“ sei. Wir müssen das strukturell und gemeinsam und selbstkritisch angehen. (Diesbezüglich kann ich euch sehr Karstens Artikel „Männerfußball“ bei Halbfeldflanke ans Herz legen.)

Was können die Herren denn von der erfolgreichen Damenmannschaft lernen?
Wie man mit Konstanz in der Arbeit und dem Dranbleiben an bestimmten Themen ohne Grundaufregung zum Erfolg kommen kann. Und natürlich die ausgezeichnete Symbiose von Mannschaft und Trainer. Ralf Kellermann und die VfL-Damen, das war einfach was ziemlich Großes – und das über neun Jahre hinweg und ohne Skandal bei seinem Wunsch, jetzt etwas Anderes zu machen. So etwas wünsche ich mir für die Herren auch.

Die Mainzer mussten nach einem starken Auftritt gegen Hoffenheim als Verlierer vom Platz, gegen Berlin gab es nach einem mäßigen Kick drei Punkte. Wie erwartest du das Team?
Ich bin ehrlich gesagt keine große Mainz-Beobachterin. Von den Hertha-Fans aus meinem Umfeld höre ich große Unzufriedenheit darüber, dass man am Wochenende gegen die Mainzer nicht zu mehr Chancen gekommen ist, weil beide sich nicht gerade als offensivstark gezeigt haben. Wenn das Mainzer Spiel nach vorne nicht so druckvoll ist, kommt das dem VfL und seinem System sicher entgegen, da unsere Abwehr so verletzungsgeschwächt ist. Das Hoffenheim-Spiel fand ich tatsächlich sehr stark, zumal mir Hoffenheim insgesamt eigentlich ausgesprochen gut gefällt bisher. Ich kann nur hoffen, eher das Mainz vom Wochenende zu erleben.

Lieber keine Prognosen wagen... (Foto: privat)

Lieber keine Prognosen wagen… (Foto: privat)

Und was erwartet umgekehrt die 05er beim Spiel in Wolfsburg? Welche Mannschaft siehst du nach der zurückliegenden englischen Woche in der Favoritenrolle?
Mit dem Spiel gegen die Bayern ist der Optimismus bei einigen von uns zurückgekehrt – und das gar nicht unbedingt wegen des erfreulichen Ergebnisses. Es war einfach schön zu sehen, wie die Mannschaft gut angefangen und sich nach dem unglücklichen Rückstand nicht hat hängen lassen. Sie haben weitergespielt, und sind zurückgekommen. Und sie haben Fußball gespielt! Dabei hat Schmidt, obwohl er erst drei Trainingseinheiten mit der Mannschaft hatte, von Beginn an mutige Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel den jungen Itter gegen Robben spielen zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass er auch gegen Mainz wieder eine Überraschung in petto hat. Mit dem Bayernspiel im Rücken und der Tatsache, dass das ja ein Heimspiel für uns ist, sehe ich uns am Samstag leicht in der Favoritenrolle. Ich tippe 1-0.

Wie lautet deine Prognose für die restliche Saison, fängt sich der VfL oder müsst ihr wieder bis zum Schluss zittern?
Meine Prognosen in den letzten Jahren waren immer ziemlich mies, von daher würde ich mir da nicht unbedingt vertrauen. Ich verkaufe es lieber als Hoffnung denn als Prognose: Ich hoffe, wir pendeln uns um Platz 10 herum ein, und bringen vor allem ein bisschen Ruhe in die ganze Situation. Einstellig wäre schön, aber eine Prognose traue ich mich diesbezüglich nicht abzugeben… Nach vier Trainern innerhalb von einem Jahr würde ein bisschen Durchatmen meinen Nerven jedenfalls sehr gut tun. Für den Anfang würde es aber auch eine Stabilisierung in der Abwehr tun. Spätestens mit der Rückkehr von Brooks und Bruma nach ihren Verletzungen muss es soweit sein!

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Fanfotos.net für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim FC Bayern

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal beantwortet Justin meine Fragen, der für den Bayernblog Miasanrot über die Münchner – aber auch über ihre Gegner – schreibt.

Das Logo des Bayernblogs Miasanrot. (Foto: Miasanrot)

Das Logo des Bayernblogs Miasanrot. (Foto: Miasanrot)

Hallo Justin! Schön, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Für Mainz geht es am Wochenende zum FC Bayern. Klassische Einstiegsfrage: Wie bist du zum Fan der Roten geworden?
Als jemand, der in der Nähe von Berlin geboren ist, liegt es nah, mich als Erfolgsfan zu betiteln. Ganz verneinen würde ich dies nicht. Es war durchaus die erfolgreiche Generation um Oliver Kahn, Stefan Effenberg, Giovane Élber, Bixente Lizarazu & Co., die mich dazu gebracht hat, mich in diesen Klub zu verlieben. Erst später kamen andere Argumente, wie beispielsweise die Landauer-Geschichte, dazu. Als Kind ist diese Entscheidung ja doch immer etwas zufällig. Entweder bestimmt das Umfeld, welchen Fußballklub du zuerst unterstützt – oder es ist der Erfolg. Vielleicht war Letzteres ausschlaggebend, aber es ist heute längst nicht mehr der wichtigste Grund für mich.

Du bist Teil von Miasanrot, einer Plattform, die sich in Blogbeiträgen und einem Podcast den Bayern widmet. Ihr deckt alle Themen von den Profis über die Frauen zu den Amateuren ab. Welche Themen beackerst du klassischerweise?
Seit Anfang 2016 darf ich für den größten deutschsprachigen Bayern-Blog schreiben. Wenn man so möchte, kann man seitdem das Vorschauformat als meine Hauptaufgabe betrachten. Hin und wieder analysiere ich auch ein Spiel oder gebe meinen Senf in einem Kommentar zu aktuellen Themen dazu, die Spielvorschau ist aber quasi mein Baby. Darin versuche ich, den Bayern-Fans unseren jeweils nächsten Gegner so genau wie möglich vorzustellen und diesem so eine Bühne zu geben. Der Fokus liegt schon im taktischen Bereich, aber auch andere Themen spielen eine wichtige Rolle. Fußball ist ohne Frage ein komplexer Sport. Mein Ziel ist es, dies zum einen den Lesern bewusst zu machen, sie auf der anderen Seite aber nicht mit Verkomplizierungen abzuschrecken. Wenn ich mir die daraus entstehenden Diskussionen und unsere Leserzahlen anschaue, dann scheint das bisher ganz gut zu funktionieren, wenngleich ich sehr selbstkritisch bin.

Erinnern an Kurt Landauer. (Foto: FCBM1900)

Erinnern an Kurt Landauer. (Foto: FCBM1900)

Du lebst bei Potsdam, richtig? Ich habe das Privileg, in einer halben Stunde im Stadion zu sein und stelle es mir immer sehr schwierig vor, wenn man die Spiele ausschließlich im TV sehen kann. Wie geht es dir da und zu wie vielen Partien schaffst du es pro Saison?
Ich sehe in dieser Distanz Vor- und Nachteile. Positiv ist in jedem Fall, dass die Stadionerlebnisse, die ich habe, umso besonderer sind. Ganz einfach, weil ich länger warten muss. In der Theorie wäre es aufgrund meiner Kontakte nicht so schwer, jeden Monat mal nach München zu fahren. Zeitaufwand fürs Studium, Einkommen und Privatleben machen dem aber regelmäßig einen Strich durch die Rechnung. Wenn der FCB in Berlin zu Gast ist, bin ich immer im Stadion, den Rest kann man an einer Hand abzählen. Vielleicht ändert sich daran etwas, wenn ich mein erstes Geld nach dem Studium verdiene.

Anhänger des FC Bayern müssen sich oft des Generalverdachts erwehren, erfolgsverwöhnte Prosecco-Trinker zu sein. Wie sehr nervt das eigentlich? Und was entgegnest du auf solche Pauschalisierungen?
Unsachliche Argumente versuche ich wegzulächeln. Manchmal schafft es der eine oder andere aber doch, mich zu provozieren. Es nervt schon sehr, wenn man in eine Schublade gesteckt wird. Ich ziehe da immer ganz gern den Vergleich zur Schulzeit. Jeder kennt diese/n Schüler/in, der/die geheult hat, weil eine 2 oder 3 auf dem Zeugnis stand, während andere mit deutlich weniger zufrieden waren. Ich finde das durchaus berechtigt, wenn eine 2 oder 3 eben dazu führt, dass die Ziele nicht erreicht werden können. Probleme sind nun mal Probleme, egal auf welchem Niveau. Man kann meines Erachtens nicht über Luxusprobleme lachen und Quervergleiche zu schlimmeren Dingen ziehen. Ich denke, dieses Unverständnis anderer gehört einfach dazu, das muss man dann so akzeptieren. Und ein klein wenig kann ich es auch verstehen. Manchmal übertreiben wir es schon ein bisschen.

Mein Eindruck ist, dass viele Fans auch in der zweiten Saison nach Guardiola noch nicht so wirklich im Ancelotti-Zeitalter angekommen sind. Weshalb diese Sehnsucht nach dem Ex, obwohl die Beziehung am Ende auch alles andere als einfach war?
Ich habe es damals schon gesagt und wurde von einem Teil belächelt, vom anderen erhielt ich Zustimmung: Wenn Pep Guardiola den Verein verlässt, werden viele erst merken, was Bayern an ihm hatte. Es war damit zu rechnen, dass es nach ihm nicht besser wird. Das ging auch gar nicht. Die Münchner spielten herausragenden Fußball. Sogar einen attraktiveren als die Triple-Mannschaft. Guardiola übernahm Spieler, die 2013 auf dem Zenit waren und mit deren Einbruch eigentlich von Jahr zu Jahr zu rechnen war. Er hat es dennoch geschafft, sie erneut weiterzuentwickeln. Dass es am Ende nicht zum Champions-League-Titel reichte, war eine Mischung aus eigenen Fehlern (erste Saison), Verletzungspech (zweite Saison) und Pech in der Spielgeschichte (dritte Saison). Es sollte halt nicht sein. Die Champions League ist ein Bonus und ein Geschenk. Im Duell mit den ganz Großen entscheiden manchmal andere Dinge als die sportliche Leistung. Ich finde es verständlich, dass viele Fans ihn vermissen. Dennoch muss der Blick jetzt nach vorn gehen. Bayern hat einen Umbruch zu bewältigen und da wird die Diskussion über Guardiola nicht helfen.

Carlo Ancelotti auf dem Trainingsplatz. (Foto: Rufus 64 | CC 3.0)

Carlo Ancelotti auf dem Trainingsplatz. (Foto: Rufus 64 | CC 3.0)

Wie beurteilst du eure Sommertransfers? Hat der FC Bayern sich sinnvoll verstärkt? Was erwartest du dir von den Neuen?
Bayern muss auf dem Transfermarkt seinen eigenen Weg gehen. Die großen Summen können und wollen sie nicht bezahlen, also braucht es Alternativen. Das Triple holte man dank einer starken Jugendarbeit und gutem Scouting (Lahm, Schweinsteiger, Alaba, Müller, Kroos, Badstuber usw.) sowie klugen Transfers von Spielern wie Robben oder Boateng, die keine einfache Zeit hatten, bevor sie kamen. Hinzu kamen die besten Spieler Deutschlands beziehungsweise aus der Bundesliga, wenn ich mich da an Neuer, Gómez, Mandzukic und Dante erinnere. Diese Mischung und ein Trainer, der für den Kader die perfekte Mischung aus Menschlichkeit und taktischer Vorgabe fand, führten zum Erfolg. Mit Rudy und Süle kamen jetzt zwei der besten Fußballer des Landes für relativ wenig Ablöse. Tolisso war wie schon Martínez oder Sanches ein bewusst kalkuliertes Risiko. Entweder geht es gut oder man kann den Transfer trotz der Ablöse gerade noch verkraften. James ist für mich eher in der Kategorie von Robben und Boateng. Man hatte die Chance, ein großes Talent ohne finanzielles Risiko zu holen, das in den letzten beiden Jahren Schwierigkeiten hatte. Von allen erwarte ich Druck für die Etablierten. Ich glaube schon, dass jeder einzelne von ihnen den Kader verstärken kann und bin daher auch zufrieden.

Aktuell schlägt ein Spiegel-Interview Wellen, in dem Robert Lewandowski kritisiert, es sei – verkürzt gesprochen – zu defensiv eingekauft worden. Wie erklärst du dir dieses Interview? Ihm muss doch klar gewesen sein, was er damit (auch für sich persönlich) lostritt…
Ich bin nicht seiner Meinung. Bayern muss nicht tiefer in die Tasche greifen, sondern allgemein eine Strategie finden, um mit den Großen mitzuhalten. Lewandowski sieht dies derzeit nicht gegeben und das kann ich nachvollziehen. Die Führung der Bayern wirkt nicht mehr so souverän und ich habe nicht den Eindruck, dass da professionell gehandelt wird. Man schwimmt etwas im eigenen Saft und versucht, die Dinge so zu lösen, als wären wir wieder in den 2000ern. Bayern muss moderner, innovativer und cleverer werden, wenn sie auf Dauer mit denen konkurrieren wollen, die unmoralische Summen ausgeben. Lewandowski sagt mit seinem Interview lediglich, dass er weg ist, wenn sich der Trend bestätigt. Das kann man ihm nicht verübeln. Immerhin ist er ehrlich und spielt niemandem etwas vor. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass er es in dieser unruhigen Zeit eher intern geäußert hätte.

Die Münchner Allianz Arena. (Fotos: FCBM1900)

Die Münchner Allianz Arena. (Fotos: FCBM1900)

Wie weit darf der Verein aus deiner Sicht gehen, um (einen wie) Lewandowski zu halten? Er wirkt schon eher unersetzlich…
So weit, dass er nicht das komplette Gefüge sprengt. Kein Spieler ist größer als der Klub. Auf der einen Seite hat er bis 2021 Vertrag, auf der anderen winkt Bayern eine hohe Ablösesumme, sollte er es wirklich erzwingen können. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, dass der Verein endlich Perspektiven aufzeigt, um den Umbruch zu gestalten. Dann, da bin ich mir sicher, wird Lewandowski auch bleiben.

Wie oft denkst du eigentlich noch wehmütig an Bastian Schweinsteiger?
Sehr oft. Gar nicht aus sportlicher Sicht. Der Wechsel war damals folgerichtig. Schweinsteiger ist in die Jahre gekommen und hatte nicht mehr das Spitzenniveau, um in München eine zentrale Rolle zu spielen. Allein menschlich vermisse ich ihn aber schmerzlich. Eine Leaderfigur wie ihn gibt es derzeit nicht im Kader. Vidal ist zu überemotional und Kimmich noch nicht so weit. Auch Neuer, Hummels, Boateng und Müller sind eher andere Typen als Schweinsteiger. Ich verfolge seine Karriere in den USA aber wöchentlich und freue mich, dass er dort glücklich ist. Irgendwann kehrt er hoffentlich in irgendeiner Funktion zurück.

Lewandowski ist nicht die einzige Unruhe-Quelle. Auch über Thomas Müller und seine Rolle unter Ancelotti wurde zuletzt viel öffentlich diskutiert. Angeblich soll Müller einem Wechsel inzwischen nicht mehr abgeneigt sein. Wie empfindest du diese Debatte – und wie siehst du die Rolle des Trainers?
Ich sehe das ähnlich wie Müller. Ob seine Qualitäten wirklich vom Trainer gebraucht werden, ist genau die richtige Frage. Es scheint, als würde Ancelotti mit seinem Spielertypus nicht warm werden. Auch bei Guardiola hat es etwas gedauert, aber der konnte ihn schließlich so einbinden, dass er ein Gewinn für das System war. Müller ist speziell und meine Ansicht ist, dass es sich lohnt, das eigene System an ihn anzupassen. Ancelotti ist wohl anderer Meinung. Mich nervt am meisten an der Debatte, dass Müller sogar bei Teilen der Fans massiv an Kredit verloren hat. Er sollte keinesfalls unantastbar sein, dafür war die letzte Saison zu schwach. Aber ein wenig Respekt gehört sich da schon und es ist ärgerlich, wie zum Teil mit ihm umgegangen wird. Ich mache mir allerdings keine Sorgen um Müller. Er wird seinen Weg gehen und das auch bei den Bayern, davon bin ich überzeugt. Bevor er den Wechselwunsch einreicht, wird Ancelotti weg sein.

Rot-weiße Kurve. (Foto: FCBM1900)

Rot-weiße Kurve. (Foto: FCBM1900)

Wer aus der Favoritenrolle heraus agiert, den sehen die anderen gerne mal verlieren. Will heißen, die Niederlage der Bayern in Hoffenheim hat allein deshalb etwas für sich, weil die Meisterschaft ein bisschen länger offen bleibt. Aber wieso habt ihr eigentlich verloren?
An anderer Stelle sprach ich von der Komplexität des Sports. Genau das war der Grund für die Niederlage in Hoffenheim. Bayern hatte einen super Matchplan und hat den Gegner rund 30 Minuten lang kontrolliert und an die Wand gespielt. Es fehlte das Tor. Nagelsmann stellte anschließend um und seine Mannschaft bekam die Situation so etwas besser in den Griff. Bayern pennte in einer Situation und es stand plötzlich 0:1 für den Gegner. Innerhalb von wenigen Minuten. Entweder hast du jetzt einen Plan B und reagierst auf die veränderte Spielsituation, oder diese kurze Phase macht dich kaputt. Bei Bayern ist es derzeit Letzteres. Die individuelle Klasse ist enorm und solange das Spiel zugunsten der Münchner läuft, ist alles gut. Allerdings zeigte sich gegen Leverkusen, Hoffenheim und auch vergangene Saison gegen Madrid, dass sie mit Veränderungen nicht mehr so gut klarkommen. Das macht sie angreifbar.

Droht bei den Bayern tatsächlich eine Krise? Und ist die eher sportlich begründet oder bringt auch die Rückkehr von Uli Hoeneß Unruhe? Salopp gesagt, hat es ja ohne ihn gut geklappt…
Dass Uli Hoeneß, der Macher des FC Bayern, zurückkehrte, war nicht nur zu erwarten, sondern auch folgerichtig. Mir gefällt aber die Rolle nicht, die er einnimmt. Hätte er seine unfassbare Strahlkraft zum Wohle des Klubs im Hintergrund eingesetzt, um den einen oder anderen Transfer oder Deal zu machen, wäre das sehr gut gewesen. So wirkt es für mich, als wolle er mit aller Macht die Zeit zurück, in der es sein FC Bayern war. Ihm hat es vielleicht nicht so geschmeckt, dass Bayerns Gesichter externe Leute wie Reschke, Sammer oder Guardiola waren. Auch Rummenigge machte eine exzellente Figur ohne Hoeneß. Das Kuriose: All diese Personen hat er selbst noch geholt. Seine Aussagen – in denen er richtigerweise vom Bayern-Weg philosophiert – und die Realität sind einfach weit auseinander. Da fängt alles an. Die sportliche Entwicklung hat viele Ursachen. Zum Beispiel einen Trainer, der für den Umbruch nicht geeignet ist. Ein Vorwurf an die Entscheider, nicht an Ancelotti. Und passt man nicht auf, droht die Krise tatsächlich.

Wie siehst du eigentlich die Rolle Ancelottis? Und warum glaubst du, dass er nicht über die Saison hinaus Trainer bleiben wird?
Ancelotti ist ein Pragmatiker. Er kann gut mit Stars, er kann einen Kader zusammenhalten und ein System finden, das, wenn die Spieler auf dem Höhepunkt sind, wie ein Uhrwerk funktioniert. Beim FC Bayern sind viele Spieler aber über dem Zenit. Deshalb braucht es Innovation und taktische Qualität. Beides bringt Ancelotti nicht mit. Überdies sind junge Spieler wichtig und auch die Entwicklung dieser. Auch das sehe ich nicht als Kernkompetenz des Italieners an. Wir sehen also dieses Anforderungsprofil für den Umbruch und können dann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass Ancelotti erfahrungsgemäß nicht der richtige Mann dafür ist. Wer auch immer diese Entscheidung getroffen hat, lag damit einfach falsch. Ich rechne damit, dass Bayern – je nach Saisonverlauf – spätestens zur neuen Saison einen jüngeren Trainer hat, möchte aber kein Namedropping veranstalten.

Der neue Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz. (Foto: Fotografie Torsten Zimmermann)

Der neue Mainzer Chefcoach Sandro Schwarz. (Foto: Fotografie Torsten Zimmermann)

Mainz konnte die Bayern tatsächlich schon öfter ärgern. Was für ein Spiel erwartest du und was müsst ihr tun, um die Punkte zu behalten? Wie stark siehst du die 05er unter dem neuen Trainer Sandro Schwarz? Und wie viel Rückenwind gibt euch der Sieg gegen Anderlecht?
Konzentriert sein und die erste halbe Stunde aus Hoffenheim wiederholen. Da war Bayern strukturiert, griffig, laufstark und gut im Gegenpressing. Der Gegner konnte kaum atmen. Was noch fehlte, war die letzte Durchschlagskraft im letzten Drittel. Da müssen die Münchner bessere Lösungen finden. Den Sieg gegen Anderlecht würde ich jetzt nicht allzu hoch hängen, haben die doch auch einige Probleme derzeit. Mainz hat unter dem neuen Trainer interessante Ansätze gezeigt und auch überraschende. Erstmals habe ich diesen Klub in einigen Phasen auf Ballbesitz spielen sehen. Solide Strukturen und viele Passdreiecke erlaubten ihnen, das Spielgerät länger zirkulieren zu lassen. Natürlich ist dieser Stil nicht ohne Risiko, dafür jedoch ein sehr mutiger, der mir gefällt. Ich wünsche Sandro Schwarz, dass er daran arbeiten kann und der Liga zeigt, dass dieses Risiko belohnt wird. Aber gern erst nach dem Bayern-Spiel.

Worauf müssen die Mainzer sich taktisch einstellen?
Auf immensen Druck. Gerade in der heimischen Arena wird Bayerns Pressing sehr hoch sein. Aber es ist eben nicht mehr so strukturiert wie früher und phasenweise chaotischer. Schafft Mainz es, genau in diesen Phasen die Lücken zu finden, können sie mit viel Tempo auf die Verteidigung zugehen. Das ist die einzige Chance. Hinzu kommt, dass sie gut verteidigen müssen und das Glück dafür buchen sollten, dass die Münchner aus ihren Chancen nichts machen. Ich erwarte viel Ballbesitz. Mainz muss klug verschieben, die Räume im Zentrum eng machen und die erwähnten Momente nutzen.

Justin liebt Dreiecke, offensiven, strukturierten Ballbesitzfußball und Joshua Kimmich.

Justin liebt Dreiecke, offensiven, strukturierten Ballbesitzfußball und Joshua Kimmich. (Foto: privat)

Auf welchen Tabellenplätzen erwartest du die beiden Teams, wenn wir uns zu Beginn der Rückrunde erneut begegnen?
Ich bleibe dabei, dass der FC Bayern Meister wird. Zwar deutet vieles darauf hin, dass sie nun erstmals fallen könnten, doch ich sehe noch keinen Konkurrenten, der die nötige Konstanz aufbringt, um das zu packen. Dortmund hat diese Chance noch am ehesten, aber auch die sehe ich noch schwächeln. Bei Mainz war ich mir vor der Saison sicher, dass es ganz eng wird mit dem Klassenerhalt. Die Ansätze des Trainers stimmen mich positiver, aber ich denke, dass der FSV bestenfalls in der oberen zweiten Hälfte der Tabelle, schlimmstenfalls noch weiter unten platziert sein wird, wenn sie den Rekordmeister empfangen.

Mit „Rot und Weiß ein Leben lang“ steht ab November ein Buch in den Regalen, das du mit einem Blog-Co-Autor verfasst hast. Es ist beileibe nicht das erste Buch zu den Bayern und auch nicht das erste in der Reihe der Fußballbücher dieses Verlages. Warum sollte man es trotzdem kaufen?
Uns ist natürlich bewusst, dass wir den dritten Band der Reihe schreiben und sich der zweite nicht mehr so gut verkauft hat, wie der erste. Wir sind aber optimistisch, dass wir uns von beiden Büchern abgegrenzt haben und etwas komplett Neues anbieten. Vielfältige Themen und auch der Blick in die Zukunft machen dieses Werk lesenswert. Wir bleiben dabei auch nicht unkritisch und betrachten alles durch eine Fanbrille, sondern thematisieren durchaus Probleme und Sorgen. Für jeden Bayern-Fan dürfte etwas dabei sein und ich denke, dass das Buch sogar für Nicht-Fans an einigen Stellen sehr spannend sein könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an FBM1990 & Torsten Zimmermann für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim VfB Stuttgart

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Den Auftakt machen Andreas und Sebastian, die im Blog Vertikalpass – vor allem, aber nicht nur – über den VfB Stuttgart bloggen.

Das Duo hinter dem Blog: Andreas und Sebastian. (Foto: Ute Lochner)

Das Duo hinter dem Blog: Andreas und Sebastian. (Foto: Ute Lochner)

Hallo ihr beiden! Bevor wir uns über die Begegnung zwischen Mainz 05 und dem VfB Stuttgart und die beiden Vereine generell unterhalten: Was macht ihr zwei denn, wenn ihr gerade nicht über Fußball bloggt? Und wie habt ihr euch – zum Bloggen – zusammengefunden?
Andreas: Wir arbeiten gemeinsam in einer Werbeagentur und kennen uns schon ewig. Wir haben zusammen ein Managerspiel entwickelt, mit zwei weiteren Mitstreitern drei iPhone Fußball-Apps gemacht und seit 2014 bloggen wir unter vertikalpass.de. Irgendwie sind wir wie Delling & Netzer: Ein eingespieltes Team, jeder weiß, was der andere denkt und uns verbindet die Vorliebe für zweitklassige Witze. Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker und Sebastian bringt mich mit seinem Pragmatismus immer wieder auf den Boden der Realität zurück.

Der VfB ist nach einem Jahr #nurzuGast in der 2. Liga tatsächlich zurück in Liga eins. Hättet ihr damit vor der letzten Saison ernsthaft gerechnet, oder war das eher Wunschdenken?
Sebastian: #nurzugast war natürlich ein Motto, das eigentlich nur nach hinten losgehen konnte. Fakt ist aber, dass der VfB mit dem hohen Etat zum Aufstieg verdammt war. Das wussten Verantwortliche und Fans gleichermaßen. Der Aufstieg ist einfach eine Pflichtaufgabe, wenn man über den besten Kader der Liga verfügt. Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung gewesen. Und ein zweiter Anlauf wäre sicherlich nicht einfacher geworden.

Was sind die Stärken des Teams, die im Aufstiegskampf den entscheidenden Unterschied gemacht haben? Sich den direkten Wiederaufstieg vorzunehmen, ist das eine – den auch zu schaffen das andere. Die Fans aus Braunschweig oder Fürth können ein Lied davon singen…
Sebastian: Die Basis war sicherlich das stabile taktische Gerüst, das Hannes Wolf dem Team verpasst hat. Auf dieser Basis kam dann die individuelle Klasse zu tragen: Gleich sechs Spieler mit zehn oder mehr Scorerpunkten belegen das genauso wie die 25 Tore von Simon Terodde.

Vor der Saison gab es bei euch ein „Managerbeben“, wie ihr zur Situation mit einem schön boulevardesken Augenzwinkern im Blog schreibt. Sportvorstand Jan Schindelmeister musste nach nur einem Jahr seinen Hut nehmen, für ihn kam Michael Reschke. Wie bewertet ihr die Entscheidung mit ein bisschen Abstand?
Andreas: Der VfB hat Jan Schindelmeiser viel zu verdanken, nicht zuletzt die Verpflichtung von Hannes Wolf. Aber es hat nicht gestimmt zwischen Präsident Wolfgang Dietrich und Schindelmeiser. Da sind zwei Egos aufeinandergetroffen, das kennt man aus Tierfilmen, wenn zwei Nashörner aufeinander zu rennen. Die Rolle Dietrichs wird recht kritisch gesehen, die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: „Kenner bescheinigen Dietrich, freundlich formuliert, ein kerniges Machtbewusstsein.“ Darum ging’s wohl, um Mitsprache und Kompetenzen im sportlichen Bereich. Dietrich hat mit der Entlassung ein Zeichen gesetzt: „Beim VfB gibt es nur einen Chef, und das bin ich.“ Zur Verpflichtung von Reschke hat mir gleich ein Bayern-Fan gratuliert. Reschkes Ruf ist exzellent, in wieweit er in der ersten Reihe funktioniert, wird sich zeigen. Mal schauen, wie gut seine Spürnase ist, was man so hört, soll unser jüngster Transfer Santiago Ascacibar (Argentinien, 20 Jahre, defensives Mittelfeld) ein Knaller sein.

Ein Platz an der Sonne. Manchmal. (Foto: Vertikalpass)

Ein Platz an der Sonne. Manchmal. (Foto: Vertikalpass)

Mit Badstuber, Durm (wenn, denn) und Aogo ist der VfB auch ein bisschen Auffangbecken einstiger Hoffnungsträger geworden. Was erwartet ihr euch von diesen Spielern?
Sebastian: Schwierig. Denn die Erwartungshaltung ist riesig. Holger Badstuber soll neben Baumgartl der Seniorchef in der Innenverteidigung werden und Erik Durm die Ideallösung auf der rechten Abwehrseite sein. Ob die beiden diesen Erwartungen gerecht werden können? Und vor allem: Wie oft? Ich habe da meine Zweifel wegen der langen Verletzungshistorie, hoffe aber natürlich, dass alle drei so dermaßen einschlagen, dass Jogi Löw sie mit zur WM mitnehmen muss.
Andreas: Bei den von der Erfahrung her sicher sinnvollen Verpflichtungen befürchte ich, dass sie womöglich die Entwicklung von Benjamin Pavard behindern. Er ist für mich im Moment der beste Innenverteidiger. Aber da Badstuber und Durm noch Matchpraxis fehlt, hoffe ich, dass sich Pavard in den ersten Spielen zeigt!

Mich hat die Verpflichtung von Zieler extrem überrascht, weil Langerak – für mein Gefühl – ein Spieler war, der sich extrem mit dem Verein identifiziert und doch auch erstligatauglich ist. Wieso hat man das in der VfB-Führungsetage anders gesehen?
Andreas: Mitch ist ein klassischer und erstklassiger Linienkeeper. Strafraumbeherrschung und Spieleröffnung sind nicht seine Stärken. Langerak ist in Stuttgart sehr beliebt und wird hier für immer der „Aufstiegstorhüter“ sein. Zieler ist vielleicht einen Tick besser, aber diese Baustelle hätte man meiner Meinung nach nicht unbedingt aufmachen müssen.

Was empfindet ihr eigentlich, wenn ihr Kevin Großkreutz im Darmstadt-Trikot seht?
Andreas: Ich freue mich, dass er wieder Fußball spielt. Und er passt perfekt nach Darmstadt. Wir drücken ihm die Daumen.

Im Pokal hat sich der VfB um ein Haar ziemlich blamiert, dann aber doch noch die Kurve zur zweiten Runde gekratzt. Was hakt noch in der Mannschaft und auf dem Platz?
Sebastian: Der Ausfall von Emiliano Insua konnte nicht kompensiert werden. Der Gute hat in zwei Spielzeiten genau ein einziges Spiel verpasst und ist der Fixpunkt im Stuttgarter Spiel. Ersetzt wurde er durch Burnic, der auf der ihm fremden Position ein Totalausfall war. Davon abgesehen neige ich dazu, dem traditionellen VfB-Schlendrian die Schuld zu geben. Als Bundesligist muss man gegen einen Viertligisten anders auftreten. Verletzungsprobleme hin, Abstimmungsschwierigkeiten her.

Das erste Bundesligaspiel in der Geschichte der 05er führte nach Stuttgart. Die Partie ging mit 4:2 an den VfB, am Ende der Saison landete Stuttgart auf Platz fünf, Mainz wurde Elfter. Nun tritt Mainz als etablierter Bundesligist beim Aufsteiger an – trotzdem scheint Stuttgart die Favoritenrolle inne zu haben. Was für ein Spiel erwartet ihr von eurer Mannschaft?
Andreas: Ich weiß nicht, ob der VfB der Favorit ist. Wir erwarten eine wacklige Abwehr, ein nicht unbedingt gefestigtes defensives Mittelfeld und zwei Tore von Simon Terodde. Im Ernst: Die Mannschaft ist noch nicht vollständig, Hannes Wolf muss auch aufgrund von Verletzungen und späten Transfers improvisieren. Eine Prognose abzugeben, ist schwierig, der VfB ist im Moment unberechenbar. Durch die Verwerfungen rund um die Personalie Schindelmeiser ist ein bisschen Euphorie und Vorfreude verloren gegangen. Unter dem Motto „Alle in Weiß“ zieht allerdings vor dem Spiel wieder die mittlerweile legendäre „Karawane Cannstatt“ durch die Stadt und wird für ordentlich Stimmung sorgen. Es kann also sehr laut werden und das gibt der Mannschaft vielleicht einen Schub. Ich korrigiere mich also: Wir erwarten drei Tore von Terodde.

Das erste Saisonspiel hat der VfB auswärts gegen Berlin verloren. Wie sehr steht man jetzt vor der zweiten Partie bereits unter Druck? Zumal ja die Erwartungen intern und von außen sicher andere sind als die an einen Aufsteiger, der nicht klassisch in der 1. Liga gesehen wird?
Sebastian: Nur die größten Optimisten hatten erwartet, dass der VfB in Berlin etwas mitnehmen kann. Aber klar, ein Heimspiel gegen Mainz muss nach dem Selbstverständnis der Verantwortlichen und der Fans gewonnen werden. Dennoch dürfte der Druck in Mainz noch größer sein. Zwei Niederlagen gegen die zwei Aufsteiger sind nicht wirklich gut für die Stimmung in der Länderspielpause. Für den VfB heißen die nächsten Gegner nach der Pause Schalke, Wolfsburg und M’gladbach. Einfacher wird es also auch nicht.

Der Mann für den SWAG. (Foto: Vertikalpass)

Der Mann für den SWAG. (Foto: Vertikalpass)

In der Sommerpause wechselte Alexandru Maxim von Stuttgart nach Mainz. Und das, obwohl er im Saisonfinale einer der Leistungsträger war. Wie überrascht wart ihr?
Sebastian: Sehr! Weniger, weil Alexandru Maxim wechselte. Eher, dass er für kleines Geld zu einem direkten Konkurrenten ging. Auch mit etwas zeitlichem Abstand und mit viel Sympathie war das sicherlich nicht der smarteste Move von Jan Schindelmeiser. Die Fan-Meinung zu Maxim war stets zwiegespalten: Auf der einen Seite hatte er es unter keinem der zahlreichen Trainer in Stuttgart zur unangefochtenen Stammkraft geschafft. Auf der anderen Seite war er einer dieser Spieler, von denen man sich etwas Besonderes erhoffen konnte. Wie zum Beispiel sein Tor aus 40 Metern in Bielefeld. Außerdem hatte er große Verdienste am hohen SWAG-Niveau in Stuttgart!
Andreas: Nicht zuletzt wegen des ikonischen Bildes, das ihn zeigt, wie er auf dem Dach der Trainerbank mit den Fans den Aufstieg feiert, wird er in Stuttgart als Rockstar in Erinnerung bleiben.

Worauf können wir uns in Sachen Maxim beim FSV freuen? Welche Fehler muss der Rumäne noch abstellen, um sich dauerhaft einen Platz in einer Bundesligastartelf zu sichern?
Andreas: Maxim macht auf dem Platz einen auf dicke Hose: hier ein Übersteiger, dort ein Arschwackler, da ein lockerer Außenrist-Pass. Ihr werdet hervorragende Standards und Eckbälle auf Kniehöhe sehen, geniale Vertikalpässe und Situationen, in denen er mit seiner Verspieltheit den Ball verliert. Bei ihm weiß man nie, was kommt. Teilweise schwanken seine Leistungen sogar innerhalb eines Spiels. Hannes Wolf sagte, Maxim sei schon zufrieden, wenn er im Spiel ein, zwei hervorragende Szenen hat. Das war ihm zu wenig und wenn das so bleibt, wird das Eurem Trainer Sandro Schwarz auch zu wenig sein.

Welches Saisonfazit würdet ihr nach dem 34. Spieltag gerne über euren Verein schreiben?
„Der VfB Stuttgart beendet die Saison mit dem gleichen Trainer, mit dem er sie begonnen hat. Zum ersten Mal seit fünf Jahren.“

Danke euch für das Gespräch!