Driving Home for Christmas

Man soll den Mund ja bekanntermaßen nicht zu voll nehmen. Selbst dann nicht, wenn man am Tag des Zweitrunden-Pokalspiels gegen Köln bei Freunden zu Besuch ist: in Köln. Wo natürlich der eigene Weg ab und an den eines FC-Fans kreuzt – und die sind gut zu erkennen, sei es am umgeschlungenen Schal, am übergezogenen Trikot oder am lauthalsen Telefonat, in dem die mobile Kristallkugel für den Abend eine haushohe Mainzer Pleite voraussagt. „Könnt ihr vergessen!“, rufe ich dem Telefonierenden im Vorbeigehen gut gelaunt zu. Wann hat Köln denn bitte in Mainz zuletzt etwas geholt? Eben…

„Driving in my car
I’m driving home for Christmas
With a thousand memories.“

Taking the long way home... (Foto: Simone Hainz/pixelio)

Taking the long way home… (Foto: Simone Hainz/pixelio)

Für den Heimweg habe ich großzügig geplant, man weiß ja, wie es zwischen Köln und Mainz so laufen kann auf der Autobahn. Die Zeit bis zum eigenen Spiel in ein paar Stunden lasse ich mir bald von der Berichterstattung über die Pokalbegegnungen überbrücken, die bereits früher angepfiffen worden sind. Zwei Mal trifft Jovanovic im Gütersloher Heidewaldstadion für den SV Sandhausen – für dieselbe Anzahl Tore hat er in Mainz 39 Spiele gebraucht.

„It’s gonna take some time but I’ll get there
Top to toe in tailbacks
Oh, I got red lights all around
But soon there’ll be a freeway, yeah
Get my feet on holy ground.“

Der Straßenbahnmeisterei im Großraum Köln hat offenbar niemand Bescheid gegeben, dass ein paar Tausend der Einwohner an diesem Abend gen Mainz pilgern werden; es ist ja nicht so, dass ich die Strecke alleine antrete, um mich herum wimmelt es nur so von mit Geißbock beflaggten Fahrzeugen… Und ich habe jede Menge Gelegenheit, um mir die auch in Ruhe zu betrachten – aufgrund einer Nachtbaustelle (die offenbar pünktlich zur 9-to-5-Feierabendzeit aufgerissen wurde) stehe ich plötzlich in einem zehn Kilometer langen Stau. Was, so viel ist schnell klar, ziemlich sicher verhindern wird, dass meine Füße bei Anpfiff auf dem heiligen Boden der Arena auf und ab hüpfen werden…

„So I sing for you
Though you can’t hear me
When I get through
And feel you near me.“

Zum Anpfiff nuschle ich mich inmitten der bunten Lichter auf der Autobahn durch „You’ll never walk alone“ und zupfe dabei mit verdrehtem Arm an dem kleinen 05-Schal, der hinter mir am Fenster hängt. Zehn Kilometer können verdammt lang sein…

„I take a look at the driver next to me
He’s just the same.“

…und die Unruhe steigt inzwischen minütlich. Regelmäßig klettern Leute aus den Autos rund um mich herum, um mit verrenkten Hälsen das Ende des Staus auszumachen. Irgendwann löst der sich tatsächlich auf (ohne dass ich je eine Baustelle gesehen hätte). Mit durchgedrücktem Gaspedal geht’s so nahe ran ans Stadion wie irgend möglich, inzwischen haben Sandhausen, Augsburg und Wolfsburg ihre Spiele gewonnen, der BVB muss in die Verlängerung. Quasi mit dem Halbzeitpfiff erreiche ich das Stadion, Toilette, Bier, S-Block, allgemeines „Hallo“ und die tröstlichen Worte: „Du hast nichts verpasst.“ Dieses Spiel gewinnen wir offenbar in der zweiten Halbzeit, soll mir recht sein, denn ab jetzt bin ich live dabei.

„I’m driving home for Christmas
Oh, I can’t wait to see those faces
I’m driving home for Christmas, yeah
Well, I’m moving down that line.“

45 Spielminuten und viele stirnrunzelnde, von Bier unterlegte Gespräche später steht fest, die Stunden im Stau waren nicht unbedingt der schlechtere Teil des Abends.

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