Life, the Movie: Leinwandherzschläge

111 Himmel

61. Grund
Weil auch das Neue irgendwann alt wird

Die Angabe, Kinder und Betrunkene sagten die Wahrheit, nimmt Take This Waltz wörtlich und legt gleich zwei seiner zentralen Aussagen Alkoholikerin Geraldine (Sarah Silverman) in den Mund – tatsächlich betrunken ist sie allerdings nur bei einer davon. Da hat sich Schwägerin Margot (Michelle Williams) bereits von Lou (Seth Rogen) getrennt, und Geraldine, eben noch trocken, jetzt aber rückfällig, erklärt der Ex ihres Bruders, im Leben existiere nun mal eine große Lücke. Doch allein die Verrückten rennen los, um sie krampfhaft zu stopfen; alle anderen versuchten, mit den Momenten zu leben, in denen die Leere aufblitzt. Margot aber ist losgerannt und hat diese Leere gefüllt, mit Daniel (Luke Kirby) – und sich mit ihm. Denn das, was da zwischen ihnen flackerte, war von Anfang an auch eine sehr sexuelle Anziehung.

Nach ihrem zufälligen Kennenlernen auf einer Dienstreise treffen sich Margot und Daniel auf dem gemeinsamen Rückflug wieder und kommen ins Gespräch. Margot gesteht Daniel, sie sei nicht gern „zwischen den Dingen“ – und ihre größte Angst ist, sich fragen zu müssen, ob sie etwas verpasst hat. Oberflächlich geht es dabei um Anschlussflüge, eigentlich aber um die großen Fragen des Lebens. Am Flughafen nehmen die beiden ein gemeinsames Taxi; erst als Margot feststellt, Daniel wohnt direkt gegenüber, gesteht sie ihm abrupt: Sie ist verheiratet. Es ist zu diesem frühen Zeitpunkt tatsächlich bereits ein Geständnis, denn die beiden flirten von der ersten Sekunde an heftig miteinander – und das ist nun auch nicht vorbei.

Margot möchte als Schriftstellerin arbeiten, verfasst stattdessen aber Werbetexte. Ihr Gatte Lou ist Koch und arbeitet an einem Buch über die Zubereitung von Hühnchen. Daniel ist bei Tag Rikschafahrer, eigentlich aber Maler, allerdings, so gesteht er, zu feige und inkonsequent, um seinen Traum voranzutreiben. Feige und inkonsequent verhält sich in der Folgezeit auch Margot, die – angestachelt von den Flirts mit Daniel – unter der Routine in ihrer Ehe zu leiden beginnt, deshalb einerseits Lou mit ihren permanenten sexuellen Avancen eher irritiert als begeistert und sich andererseits immer häufiger wegstiehlt, um heimlich Zeit mit dem Nachbarn zu verbringen. Umgekehrt taucht Daniel kaum zufällig oft da auf, wo sie unterwegs ist.

Eine wunderschöne Szene dieses klugen Films spielt sich in der Duschkabine des Hallenbades ab. Margot, Geraldine und eine Handvoll Frauen allen Alters stehen beisammen. Sie duschen, rasieren sich und philosophieren dabei über ihre Beziehungen. Erneut kommt da Geraldine ins Spiel, die sich fragt, für wen sie sich nach zig Jahren Ehe eigentlich noch die Haare von den Beinen entfernt? Gleichzeitig stellt die aktuell trockene Alkoholikerin fest, wie schrecklich gern sie ihren Mann hat: Wäre eine aufregende Affäre es tatsächlich wert, das, was sie teilen, aufzugeben? Und was, wenn sie sich mit dem Neuen nach zehn Jahren nicht halb so gut versteht? Eine Freundin Geraldines erklärt, sie hätte trotzdem gerne mal etwas Abwechslung, denn neue Dinge seien glänzend und schön. Daraufhin bemerkt eine der älteren Frauen trocken, die Krux mit allem Neuen sei, dass es mit der Zeit eben auch alt werde. Die anderen, die sich unterdessen scheinbar ungerührt weiter ihren Körpern und deren Hygiene gewidmet haben, nicken beifällig; Margot sieht ratlos von einer zur anderen.

Take This Waltz

Schließlich obsiegt aber ihre Angst davor, etwas zu verpassen. Oder die Neugierde auf etwas Neues? Oder die Langeweile mit dem Alten? So richtig weiß Margot selbst nicht, was sie am Ende weg von ihrem Mann und hin zu Daniel treibt… Sie habe, erklärt sie Daniel zu einem früheren Zeitpunkt, manchmal einfach das dringende Bedürfnis, zu weinen. Die Melancholie überkomme sie unfallartig, es kann allein die Art und Weise sein, wie das Sonnenlicht in eine Straßenflucht fällt – schon fühlt es sich an, als würde sie mit dem Rest der Welt kollidieren. Verwundbar und unsicher wie ein kleines Mädchen wirkt sie, als sie Daniel die Geschichte anvertraut, doch der lässt sich auflaufen. Denn auch er könne es nicht leiden, erklärt er später, zwischen den Dingen zu sein – und als Margot sich nicht zwischen den Männern entscheidet, weil es ihr zu einfach scheint, die Geborgenheit des einen zu behalten und den Kitzel des anderen gelegentlich zu kosten, zieht er aus dem Haus in der gemeinsamen Straße aus. Das zeigt bei ihr die letztlich wohl erhoffte Wirkung: Sie trennt sich von Lou, um mit Daniel zu leben.

Den Rausch dieser lange erwarteten Zweisamkeit, die sexuellen Erkundungen und Abenteuer, die gemeinsame neue Wohnung und schließlich den alltäglicher werdenden Trott, all das lässt Take This Waltz in warm erleuchteten Bildern zu den vertrauten Klängen von Leonard Cohens gleichnamigem Song an den Augen der Zuschauer vorbeitanzen. Am Ende der süßen Trunkenheit sitzt Margot ein wenig verloren mit Daniel auf der Couch, der in der täglichen Routine so anders auf sie reagiert als sie es von Lou kennt; als sie den schließlich wiedersieht, weil Geraldine besagten Rückfall hat, spürt Margot schmerzlich zum ersten Mal, was sie auch verloren hat. Daniel hatte ihr einst attestiert, sie wirke wie getrieben von einer ständiger Ruhelosigkeit. Die Unsicherheit darüber, ob sie die beste Entscheidung getroffen hat, der Wunsch, ihr Leben in allen denkbaren Variationen zu leben, den schon Dichterin Sylvia Plath hegte, die nagende Angst, sonst das vermeintlich Richtige zu verpassen – all das ist Margot bei der Begegnung mit Lou anzumerken. Der aber macht ihr deutlich, es gibt keinen Weg zurück – ganz ohne Groll, vielmehr aus einem Gefühl der Ruhe, das ihr fehlt.

Am Ende zeigt der Film Margot alleine, lächelnd beim heftigen Wirbel in einem Karussell. Es wirkt wie ein Kommentar darauf, wieso sie in ihren Beziehungen nicht ankommen kann: Weil sie bei sich selbst noch nicht angekommen ist, ihre Verpassensängste die einer unsicheren Teenagerin sind und sie erwartet, diese in einem gemeinsamen Akt mit dem Partner zu lösen oder gar vollständig von ihm auslöschen zu lassen. Weil sie mit ihren Beziehungen tatsächlich immerzu versucht, Lücken zu stopfen, in ihrem Leben, an sich selbst – und das eben nicht funktionieren kann. Der niemals kitschige oder platte, sondern sehr aufrichtige und wahrhaftige Take This Waltz ist deshalb keine schlichte Romanze und auch mehr als ein romantischer Liebesfilm: Es ist ein Film über die Liebe an sich; auch die zu sich selbst.

Hinweis Buch

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