Army (taller than giants): Die Lieben lieben

111 Himmel

Grund 91
Weil wir unsere Väter für immer im Herzen tragen

Anna würde alles dafür gegeben, dass ihre Kinder ihren Dad, den Großvater, erleben könnten. Als Brett, der Jüngste, auf die Welt kam, lebte ihr Vater noch. Und für ihn, der selbst sechs Schwestern und drei Töchter hatte, war dieser Bub etwas ganz besonderes, die Liebe für ihn eine, die den Steppke voller Freude in dieser Welt begrüßte. Aber er war doch sehr klein, als sein Großvater starb, und das bedauert Anna für den Sohn und ihren Vater gleichermaßen. Es wäre großartig gewesen, den beiden zuzuschauen, wie sie „Jungssachen“ miteinander erleben. Ihr Vater hätte das geliebt, das spürt sie. Genau wie die beiden anderen Enkel, Bretts jüngere Geschwister, deren Ankunft in dieser Welt er nicht mehr erleben durfte. Wenn Anna daran denkt, wird sie unglaublich traurig und fühlt sich einsam. Dabei schenkt es ihr sonst Glück und Frieden, an ihren Dad zu denken. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen.

Aber wie überlebt man ohnehin, in einer Welt ohne den eigenen Vater? Diese Frage stellt sich Annas jüngste Schwester Allison. Als Nesthäkchen hatte sie eine besondere Beziehung zum Vater. Daddy’s little Girl. Sie war zudem diejenige der drei Schwestern, die ihm am meisten ähnelte, zumindest sagen das alle. Aus dem gleichen Holz geschnitzt, so nannte es ihre Mutter. Es ist vor allem die Liebe zur Natur, die Allison von ihrem Pops übernommen hat. Als sie ein kleines Mädchen war, haben sie beide viel Zeit in den nahen Wäldern verbracht. Sammy ging dort gerne stundenlang spazieren, außerdem war er ein begeisterter Angler und auch darin eiferte Allison ihrem Vater nach. Diese Ruhe in der Natur, der absolute Frieden. Diese Stille, wenn sie über Stunden nebeneinander am Wasser saßen. Das fasziniert seine jüngste Tochter noch heute. Ihn zu verlieren, das hat eine Lücke in ihr Leben gerissen, die sie auch zehn Jahre später nicht vollständig begreifen kann. Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden, aber sie kann sich das nicht vorstellen, ihren Dad irgendwann nicht mehr zu vermissen.

Die Mädchen und ihr Pops. (Foto: privat)

Die Mädchen und ihr Pops. (Foto: privat)

Er war ein sehr geduldiger Mann, sagt Lauren, die mittlere der drei Schwestern, über ihren Vater. Und lacht, als ihr vielleicht zum ersten Mal der Gedanke kommt, ihm blieb mit sechs Schwestern und drei Töchtern ja auch nicht wirklich etwas anderes übrig. Später kamen noch zwei Stieftöchter dazu, denn ihre Eltern trennten sich, als die Mädchen noch Kinder waren. Umso wertvoller war die Zeit, die jede von ihnen mit ihrem Pops verbringen konnte, und wenn Lauren heute darüber nachdenkt, erscheint ihr das ohnehin als das größte Geschenk – sich Zeit zu nehmen füreinander. Ihr Vater nutzte die gemeinsamen Stunden, um die Schwestern miterleben zu lassen, was ihm im Leben wichtig war, und all das an sie weiterzugeben, was er selbst liebte. Wie Allison unternahm auch Lauren mit ihrem Pops gern Ausflüge zum Fischen, eine ihrer liebsten Erinnerungen an ihn ist aber mit der Jagd verknüpft. An jenem Tag im Hochsitz sahen sie beide so viele Rehe, dass sie es kaum glauben konnten. Am Ende erlegte Sammy zwei, doch eines war ihr Reh, so erzählte er das später allen, weil sie ihm Glück bei der Jagd gebracht hatte. Darüber war sie unglaublich stolz, das spürt sie wie heute.

An diese bedingungslose Liebe, unter der sie behütet waren, wachsen und sich entwickeln durften, erinnern die drei Mädchen sich besonders intensiv. An den großen Rückhalt, den der Vater in ihrem Leben bildete, seine grenzenlose Unterstützung. Natürlich auch im Sport, denn Sammy verpasste kein Spiel der Töchter, egal ob im Basketball, Fußball oder seiner eigenen großen Leidenschaft, dem Softball. Allison hat er darin nicht nur unterstützt, sondern auch trainiert – und es fühlte sich später an, als ob sie ihm mit ihrer Liebe zum Fußball, von der er sich nur zu gern anstecken ließ, etwas zurückgeben konnte. Die ungezählten Trainingsstunden in ihrem Garten, die Spieltage und seine Art, immer etwas Positives an ihrem Einsatz zu finden, auch dann noch, wenn ihr selbst doch klar war, sie hatte heute am Ball keinen guten Tag gehabt. Wenn Allison daran denkt, bricht das Vermissen wieder scharf und klar hervor. Manchmal glaubt sie, es ist ihre Art, ihn für immer in ihrem Leben zu behalten; durch diesen Schmerz, in dem auch all ihre Dankbarkeit steckt für jeden Tag, den sie mit ihm verbringen durfte. Oft sind es ihre Träume, in denen sie die Nähe zu ihm wieder und weiter sucht. Sie will nicht loslassen. Er ist der beste Teil ihrer selbst, davon ist sie überzeugt.

Ihrem Vater haben sie es zu verdanken, zu wissen, wie wichtig und wunderbare es ist, eine Familie zu haben, die fest zueinander steht. Das hat auch ihre Beziehung untereinander stark geprägt, glaubt Anna. Ihren eigenen Kindern versucht sie, diese Sicherheit weiterzugeben und sie ihren Großvater zumindest durch die Geschichten der Mutter und ihrer Schwestern erleben zu lassen. Er selbst war kein großer Redner, aber wenn er sprach, dann hatte es Bedeutung, war wohl überlegt – und alle hörten ihm zu. Viele Dinge, die er ihr in Worten mitgab, sind für immer sicher in Annas Herz aufgehoben, wo sie die Erinnerung an ihren Pops immer bei sich trägt. Es wird vielleicht ein Leben lang dauern, zu begreifen, was er ihr und den Schwestern alles mitgegeben hat, all die guten Beispiele, die er für sie gesetzt hat, zu erinnern. Sie spürt eine immense Dankbarkeit dafür, diesen wunderbaren Menschen zum Vater gehabt zu haben, seine Tochter sein zu dürfen. Daran kann auch sein Tod nichts ändern.

Es sind nicht nur die großen Gesten, es ist auch die wunderbare Kette skurriler Kleinigkeiten, die Sammy zu einem so besonderen Menschen machte und die Erinnerung an ihn bei den Schwestern so lebendig hält. Sonntags saßen sie oft auf der Couch, um die Autorennen zu sehen. Es dauerte nie lang, bis dem Vater die Augen zufielen, regelmäßig schaltete Lauren da auf ein anderes Programm um. Ihr Pops, hinter den geschlossenen Lidern, würde schläfrig behaupten, er verfolge das Rennen – und die Mädchen so unter amüsiertem Gekicher zurück schalten. Er liebte Countrymusik, und wenn er sie am Wochenende weckte, war das Haus erfüllt davon. Mit den musikalischen Helden der Töchter konnte er nicht viel anfangen und machte sich einen Spaß daraus, sie zu nachzuahmen. Unbezahlbar – seine wiegende Imitation von Axl Rose zu November Rain; bis heute kann Lauren den Song nicht hören, ohne bei der Erinnerung in Lachen auszubrechen. Er, der Halbitaliener, liebte Spaghetti, und es gehörte, erinnert sich Allison, zu den Grausamkeiten seiner Krankheit, dass er nach deren Ausbruch keine Tomaten mehr essen durfte. Abends naschten die Schwestern oft Eis, und die großen Kübel, die sie kauften, waren immer verblüffend schnell leer. Einmal, als Lauren von bösen Träumen geweckt in Annas Zimmer schlich, um bei der Schwester unter die Decke zu schlüpfen, sah sie Sammy, wie er, das Eis im Schoß, genüsslich schlemmend vor dem Fernseher saß. Damit wäre sein Geheimnis gelüftet gewesen, doch sie hat es bewahrt, bis heute.

Im Vorbeigehen pustete er den Mädchen gern Küsse zu. Er sagte ihnen oft, wie sehr er sie liebte, und obwohl diese Liebe in jeder seiner Gesten spürbar wurde, war es wunderschön, das auch zu hören. Dieser Moment als er auf der Couch schläft und ihr im Wachwerden erst einen Kuss zuwirft, dann zärtlich I love you zuflüstert, ist eines der letzten Bilder, das Lauren von ihrem Dad hat. Er verbrachte diese Tage am Ende seines Lebens, am Ende seiner Kraft, bevor die Krankheit ihn schließlich mit sich schleppte, zu Hause. Allison erinnert sich, wie ihr Pops sie an jenem Tag bat, das Haus nicht zu verlassen, weil er sie brauche. Was er damit signalisieren wollte, hat sie, die sich sonst ganz ohne Worte mit ihm verständigen konnte, erst später verstanden. Wie sollte sie ahnen, was ihnen bevorstand, wie ihr Leben sich für immer ändern würde. Als es ihm immer schlechter ging, riefen die Schwestern einen Krankenwagen. Lauren war diejenige, die den Vater begleitete, die bei ihm war, als er starb. Wie soll man einen Menschen loslassen, den man so liebt? An dieser Frage scheitern die drei Schwestern noch heute manchmal. Die einzige Antwort ist wohl, ihn eben nicht loszulassen: He’s with us wherevere we go. Die Liebe zu bewahren, die er gegeben hat: We carry your love every step of the way. Sie weiterzugeben an die Menschen, mit denen sie ihr Leben teilen.

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