Nachgefragt bei… Oliver Wenzlaff

Was treibt Menschen eigentlich an, ihre Freizeit in Blogs, Podcasts und ähnliches mehr zu stecken, statt sie in der Hängematte zu verbringen? Oder von der anderen Seite betrachtet, wieso machen sie ihr Hobby nicht zum Beruf? Künftig kommen hier in der Rubrik Nachgefragt bei… regelmäßig Menschen zu Wort, deren Projekte mir auf der täglichen Reise durchs Netz aufgefallen sind. Den Anfang macht Hörspielautor Oliver Wenzlaff aus Berlin.

Hallo Oliver! Du planst, gestaltest und moderierst seit knapp zwei Jahren die Sendung Ohrenkino, die einmal im Monat bei ALEX BERLIN läuft. Worum geht es da genau?
Es geht darum, Autoren abseits des Mainstream eine Plattform zu geben. Und zwar sowohl solchen, die Bücher schreiben, als auch solchen, die Hörgeschichten schreiben – Hörspiele zum Beispiel. Bei Buchautoren lesen meine Studiogäste die Texte in der Sendung vor. Bei Hörspielautoren kommt das jeweilige Werk vom Band. In beiden Fällen sind es oft nur Ausschnitte, aber das reicht ja, um Lust auf mehr zu machen.

Hörspielautor Oliver Wenzlaff. (Foto: Regine Peter)

Hörspielautor Oliver Wenzlaff. (Foto: Regine Peter)

Wie seid ihr technisch aufgestellt und wo entstehen die Aufnahmen?
Wir kommen in der Regel tatsächlich traditionell im Studio zusammen. Manchmal spiele ich auch Aufnahmen von Interviewgästen ein. Ich hatte zum Beispiel schon O-Töne von Bestsellerautor Kai Meyer (Die Seiten der Welt). Oder von tollen Sprechern wie Oliver Rohrbeck (Die Drei ???) und Sascha Rotermund (Mad Men). Auch Jennifer Aniston war schon in der Sendung. Natürlich nur in Form ihrer Synchronsprecherin Ulrike Stürzbecher. Ich schaue immer auf der Leipziger Buchmesse, dass ich ein paar Leute treffe, denen halte ich dann das Telefon unter die Nase. Aber abgesehen davon passiert alles im Studio.

Derzeit läuft eine Crowdfunding-Kampagne, sprich du bittest die Hörer, das Ohrenkino finanziell zu unterstützen. Wie viel Geld erhoffst du dir davon? Und wohin soll es fließen?
Es geht um ungefähr 2.900 Euro. Das Geld ist im Wesentlichen für das Studio gedacht, in dem ich die Sendung produziere. Damit wäre die Sendung bis Mitte 2016 gesichert. Der Sender ist ja ein nichtkommerzielles Bürgerradio, da werden die Radiomacher nicht vergütet, und ich habe keine eigene Aufnahmemöglichkeit zuhause.

Immer mehr Künstler machen sich Gedanken über alternative Erlösmodelle, viele davon beinhalten Spenden. Ist das nicht auch ein Problem, wenn Kunst und Kultur abhängig sind vom guten Willen des Publikums?
Die Frage muss jeder Künstler für sich beantworten. Will ich einem breiten Publikum gefallen? Ist es mir egal, was die Masse denkt, solange ich mit meiner Kunst zufrieden bin? Wobei es in beiden Fällen unwahrscheinlich ist, dass man vernünftig entlohnt wird. Ein erfolgreicher Maler hat mir mal gesagt: Nur zwei Prozent der Künstler können von ihrer Kunst leben. Neulich habe ich einen Beitrag in der Textart gelesen, da hat eine Autorin gefragt: Ist es so schlimm, neben der Kunst einen Brotjob zu haben? Macht einen das nicht unabhängiger? Es macht wohl unabhängiger vom guten Willen der Masse, um auf die eigentliche Frage zurückzukommen. Wer zusätzlich auf Spenden oder ein Crowdfunding setzt – Crowdfunding ist ja keine klassische Spende, weil es immer einen Gegenwert oder eine Gegenleistung gibt –, der hat auf jeden Fall mein Verständnis. Warum nicht drei Säulen: Kunst, Brotjob, Crowdfunding?

Das Ohrenkino ist nicht dein einziges Projekt, du schreibst und produzierst auch Hörspiele. Wie gehst du bei der Stoffentwicklung vor?
Meine Inspiration kommt aus verschiedenen Quellen. Oft ist es die Realität. Oft regen mich aber auch Werke anderer Künstler an, ein neues Projekt zu starten. Mal fange ich sofort an, mal lasse ich mir eine Idee lange durch den Kopf gehen. Hörspielprojekte dauern ewig. Man muss ein sehr guter Freund der eigenen Idee sein, damit sich Hörspiel und Macher über die Dauer gut „verstehen“.

Verlegst du deine Produktionen selbst? Wo entstehen die Aufnahmen? Und wie stellst du Kontakt zu den beteiligten Künstlern her?
Ich hatte bislang einen kleinen Verlag, der die Hörstücke rausgebracht hat. Der Verlag löst sich aber gerade auf: Der Inhaber möchte wieder mehr Privatleben haben, er hat neben dem Verlag nämlich auch einen Brotjob. Wie es bei mir mit den Hörspielen weitergeht, weiß ich noch nicht. Die Aufnahmen sind jedenfalls immer in Tonstudios entstanden. Ganz selten habe ich auch mal Aufnahmen remote einsprechen lassen, also zuhause bei den Sprechern, ohne dass ich dabei war. Das ist nicht einfach, weil man keinen Einfluss auf das Gefühl hat, das der Sprecher in die Worte legt. Man kann vorher noch so viel darüber reden oder Anmerkungen ins Skript schreiben, manchmal musste ich hinterher trotzdem sagen: Ich hatte das eigentlich anders gedacht. Und ich musste um eine neue Aufnahme bitten. Die meisten Sprecher kenne ich aber schon lange und weiß, dass wir das auch remote hinkriegen würden, wenn es nicht anders ginge. Hauptsächlich kommen die Leute aber ohnehin wie ich aus Berlin.

Mischen? Possible! (Foto: Ricarda Howe)

Mischen? Possible! (Foto: Ricarda Howe)

Zweimal im Jahr gibst du an der VHS Reinickendorf einen Hörspiel-Kurs. Was ist wichtig für ein gutes Hörspiel? Welche Tipps gibst du Einsteigern?
Die wichtigste Voraussetzung ist erst einmal, Hörspiele zu lieben. Wer hier Leidenschaft oder zumindest Neugier mitbringt, der wird auch in der Umsetzung mit Leidenschaft dabei sein, und das hört man am Ende. Es ist ein großer Unterschied, ob man bereit ist, auch mal die berühmte Extrameile zu laufen oder ob man sich schnell mit einem Ergebnis zufrieden gibt, das noch besser werden kann. Ansonsten muss man ein bisschen was ausprobieren, und dann kommt der Rest von alleine.

Ursprünglich hast du Stadt- und Regionalplanung studiert und über die Stadtentwicklung Berlins promoviert. Wie hast du daneben die Liebe zu Radio und Hörspiel entdeckt?
Meine größte Angst als Jugendlicher war es, mein Arbeitsleben lang in einem Büro zu sitzen und den ganzen Tag Dinge zu tun, die nicht kreativ sind. Der Anfang meines Berufslebens sah dann aber doch genau so aus. Ich wollte Geschichten erzählen, ich wollte Vielfalt und Abwechslung, habe aber nur Protokolle geschrieben und Aufträge abgearbeitet. Dann habe ich promoviert, und zum Ausgleich habe ich angefangen mit dem Hörspielmachen.

Was reizt dich daran besonders?
Beim Hörspiel gibt es so herrlich viele Ebenen, auf denen Kreativität gefragt ist. Am Anfang steht der Schreibprozess, der ist erstmal so ähnlich wie beim Roman, nur dass man die Besonderheiten von Hörstoffen da schon berücksichtigt. Dann die Aufnahmen: Ich mache die Regie, das macht richtig Spaß, ist vielleicht sogar der schönste Part. Eine Rolle kann man sehr unterschiedlich anlegen, und wir erarbeiten das oft gemeinsam mit den Sprechern. Danach Schnitt und Mischung. Das ist zwar sehr technisch, bietet aber auch Möglichkeiten der Entfaltung: Arbeite ich mit Soundeffekten? Wenn ja – welche Funktion sollen sie haben? Nehme ich mit bestimmten Sounds bewusst etwas vom Inhalt vorweg, deute ich etwas an? Ein Geräusch, das man vielleicht erst später einordnen kann? Ist es überhaupt eine Sounduntermalung oder steht der Sound vielleicht sogar im Mittelpunkt? Es gibt so viele Möglichkeiten, auch wenn ich da bislang eher konservativ war.

Du bist ein großer Fan des ersten Berliner Hörbuchladens Audiamo, der im Juni eröffnet wurde. Ist das ein Zukunftsmodell im Lokalen: Bewusst eine Nische zu besetzen und da zu punkten?
Ich bin Fan von Audiamo, weil die Leute, die dahinter stehen, wirklich tolle Menschen sind. Weil sie eine Vision und Mut haben. Und natürlich auch, weil es so ein großes Angebot an Hörbüchern gibt. Bei Hugendubel – nichts gegen die Kette, die Läden sind toll – gibt es eine kleine Ecke mit Hörbuch-CDs. Bei Audiamo gibt es nur Hörbuch-CDs, auf 50 Quadratmetern rund 5.000 Stück. Im ganzen deutschsprachigen Raum soll es insgesamt nur fünf oder sechs reine Hörbuchläden geben. Das sind dann halt auch die Spezialisten. Mit einem Sortiment, das nicht nur aktuelle Bestseller hat. Es ist immer gut, Spezialist zu sein, so klein die Nische auch sein mag.

Vielen Dank für das Gespräch!

Im zweiten Teil von Nachgefragt bei… spreche ich mit Bettina Apelt über ihren Blog Das frühe Vogerl und die fabelhaften Veränderungen.

7 thoughts on “Nachgefragt bei… Oliver Wenzlaff

    • Am nächsten Donnerstag, 23. Juli, geht es gleich morgens mit dem zweiten Teil weiter.

  1. Crowdfunding wird mittlerweile in den unterschiedlichsten Bereichen genutzt und es ist schon beeindruckend zu sehen, was dadurch tatsächlich für tolle Projekte auf die Beine gestellt werden konnten.

    • Das stimmt und es ist definitiv die positive Seite des Crowdfundings. Bedenklich finde ich nur, wenn sich daraus die Tendenz entwickelt, Kultur grundsätzlich und nur noch auf diesem Wege finanzieren zu wollen. Denn das macht die Künstler komplett abhängig von der Gunst des Publikums.

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