Zwischen Bandprobe und Therapiesitzung

„Exkühse moi“, murmelt der Typ im rotblauen Ringelpulli mit einem jungenhaften Lächeln, während er sich durch die Reihen im knüppelvollen Kölner Stereo Wonderland bewegt und schließlich mit einem Schritt auf dessen Bühne steigt. Die geschätzten 50 Gäste in der kleinen Eckkneipe stehen dicht an dicht, für einen Abend ist hier drin noch mal Sommer und unter dem fürs Erste reglosen Deckenventilator mildern kühles Bier und ein gelegentlicher Luftzug die gefühlte Hitze. Auf der Bühne hat Tilman Rossmy inzwischen den Ringelpulli gegen die Gitarre ausgetauscht und murmelt wieder, jetzt ins Mikrofon, manchmal auch daran vorbei, stellt sich und seine Band Die Regierung vor und erzählt kleine Anekdoten.

Als Trio in der Besetzung von 1990 mit Robert Lipinski und Thomas Geier ist Rossmy nach einem Konzert in Essen im Frühjahr in diesem September auf Mini-Tour in Köln, Berlin, Hamburg und Leipzig unterwegs, und beim Auftakt in Köln ist die Stimmung so locker und entspannt wie bei einer öffentlichen Bandprobe. Man habe sie in einem Dreierzimmer mit je einem Doppel- und einem Einzelbett einquartiert, behauptet Rossmy auf der Bühne, und sein Vorschlag, letzteres stünde demjenigen zu, der die meisten Songtexte geschrieben habe, hätte bedauerlicherweise keine Mehrheit gefunden. Gelächter im Publikum, das sich hauptsächlich jenseits der vierzig bewegt, während Rossmy sich durchs licht gewordene Haupthaar fährt und dann wieder an der Gitarre zupft. „Was kommt jetzt eigentlich?“ Murmelmurmelmurmel. Weiter geht’s.

Tilman, schüttel dein Resthaar für mich. (Foto: WP)

Tilman, schüttel dein Resthaar für mich. (Foto: WP)

Der Mann, dessen Songtexte jedem Zuhörer mit funktionierender Herz-Hirn-Verbindung tiefe Furchen in die Organfalten graben, ist an diesem Abend in bester Plauderlaune. Manchmal ist kaum auszumachen, wo die Anekdote aufhört und der Song beginnt, aus der Geschichte der Band werden lakonisch vorgetragene Geschichten und da es bei der Regierung doch ohnehin vor allem darum geht, wie Rossmy Gefühle und Gedanken treffsicher in Worte kleidet, saugt das Publikum seinen Auftritt dankbar auf, erinnert sich, lächelt, nickt, schwelgt. Natürlich wird zu all dem auch gesungen, auf und vor der Bühne, und ein paar Mutige wagen in der körpernahen Enge sogar selige Tanzbewegungen. Bei so viel Motivation springt plötzlich sogar der Deckenventilator an, sanfter Lufthauch auf leuchtenden Gesichtern, da verkündet Rossmy das Ende des Konzerts: „Wir würden ja jetzt Backstage gehen, aber ich weiß nicht, wo das ist.“

Also musizieren die drei eben einfach weiter, das ist doch auch naheliegend, schon ein Therapeut habe ihm schließlich mal gesagt: „Geh in einen Chor“, erzählt der Sänger grinsend. Dort habe man ihn allerdings nie gebeten, beim nächsten Mal auch wieder zu kommen, also doch Gruppentherapie mit Band und Publikum. Zur Zugabe das nächste Geständnis. Er habe, sagt Rossmy, sich früher nach den Auftritten nie von der Bühne gewagt, aus Angst, niemand werde anschließend so lange rufen, bis er noch mal raus kommt. Damals hätte er sich über so eine Kneipe ganz ohne Backstage-Bereich vielleicht gefreut. An diesem Septemberabend in Köln aber wären ihm die Zugabe-Rufe sicher gewesen: Danke für ein zauberhaftes Konzerterlebnis.

Nachtrag: Einen persönlichen Glücksmoment gab es auch, als Tilman Rossmy nämlich erzählte, eine Autorin habe einen seiner Songs in ihrem Buch über die Liebe vorgestellt und das Publikum raten ließ, welcher das sein mag. Es war „Loswerden“, dem ich in „111 Gründe, an die große Liebe zu glauben“, die #26 gewidmet habe („Weil wir einander auf den Weg gebracht haben“). Hach!

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