Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim VfB Stuttgart

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Den Auftakt machen Andreas und Sebastian, die im Blog Vertikalpass – vor allem, aber nicht nur – über den VfB Stuttgart bloggen.

Das Duo hinter dem Blog: Andreas und Sebastian. (Foto: Ute Lochner)

Das Duo hinter dem Blog: Andreas und Sebastian. (Foto: Ute Lochner)

Hallo ihr beiden! Bevor wir uns über die Begegnung zwischen Mainz 05 und dem VfB Stuttgart und die beiden Vereine generell unterhalten: Was macht ihr zwei denn, wenn ihr gerade nicht über Fußball bloggt? Und wie habt ihr euch – zum Bloggen – zusammengefunden?
Andreas: Wir arbeiten gemeinsam in einer Werbeagentur und kennen uns schon ewig. Wir haben zusammen ein Managerspiel entwickelt, mit zwei weiteren Mitstreitern drei iPhone Fußball-Apps gemacht und seit 2014 bloggen wir unter vertikalpass.de. Irgendwie sind wir wie Delling & Netzer: Ein eingespieltes Team, jeder weiß, was der andere denkt und uns verbindet die Vorliebe für zweitklassige Witze. Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker und Sebastian bringt mich mit seinem Pragmatismus immer wieder auf den Boden der Realität zurück.

Der VfB ist nach einem Jahr #nurzuGast in der 2. Liga tatsächlich zurück in Liga eins. Hättet ihr damit vor der letzten Saison ernsthaft gerechnet, oder war das eher Wunschdenken?
Sebastian: #nurzugast war natürlich ein Motto, das eigentlich nur nach hinten losgehen konnte. Fakt ist aber, dass der VfB mit dem hohen Etat zum Aufstieg verdammt war. Das wussten Verantwortliche und Fans gleichermaßen. Der Aufstieg ist einfach eine Pflichtaufgabe, wenn man über den besten Kader der Liga verfügt. Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung gewesen. Und ein zweiter Anlauf wäre sicherlich nicht einfacher geworden.

Was sind die Stärken des Teams, die im Aufstiegskampf den entscheidenden Unterschied gemacht haben? Sich den direkten Wiederaufstieg vorzunehmen, ist das eine – den auch zu schaffen das andere. Die Fans aus Braunschweig oder Fürth können ein Lied davon singen…
Sebastian: Die Basis war sicherlich das stabile taktische Gerüst, das Hannes Wolf dem Team verpasst hat. Auf dieser Basis kam dann die individuelle Klasse zu tragen: Gleich sechs Spieler mit zehn oder mehr Scorerpunkten belegen das genauso wie die 25 Tore von Simon Terodde.

Vor der Saison gab es bei euch ein „Managerbeben“, wie ihr zur Situation mit einem schön boulevardesken Augenzwinkern im Blog schreibt. Sportvorstand Jan Schindelmeister musste nach nur einem Jahr seinen Hut nehmen, für ihn kam Michael Reschke. Wie bewertet ihr die Entscheidung mit ein bisschen Abstand?
Andreas: Der VfB hat Jan Schindelmeiser viel zu verdanken, nicht zuletzt die Verpflichtung von Hannes Wolf. Aber es hat nicht gestimmt zwischen Präsident Wolfgang Dietrich und Schindelmeiser. Da sind zwei Egos aufeinandergetroffen, das kennt man aus Tierfilmen, wenn zwei Nashörner aufeinander zu rennen. Die Rolle Dietrichs wird recht kritisch gesehen, die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: „Kenner bescheinigen Dietrich, freundlich formuliert, ein kerniges Machtbewusstsein.“ Darum ging’s wohl, um Mitsprache und Kompetenzen im sportlichen Bereich. Dietrich hat mit der Entlassung ein Zeichen gesetzt: „Beim VfB gibt es nur einen Chef, und das bin ich.“ Zur Verpflichtung von Reschke hat mir gleich ein Bayern-Fan gratuliert. Reschkes Ruf ist exzellent, in wieweit er in der ersten Reihe funktioniert, wird sich zeigen. Mal schauen, wie gut seine Spürnase ist, was man so hört, soll unser jüngster Transfer Santiago Ascacibar (Argentinien, 20 Jahre, defensives Mittelfeld) ein Knaller sein.

Ein Platz an der Sonne. Manchmal. (Foto: Vertikalpass)

Ein Platz an der Sonne. Manchmal. (Foto: Vertikalpass)

Mit Badstuber, Durm (wenn, denn) und Aogo ist der VfB auch ein bisschen Auffangbecken einstiger Hoffnungsträger geworden. Was erwartet ihr euch von diesen Spielern?
Sebastian: Schwierig. Denn die Erwartungshaltung ist riesig. Holger Badstuber soll neben Baumgartl der Seniorchef in der Innenverteidigung werden und Erik Durm die Ideallösung auf der rechten Abwehrseite sein. Ob die beiden diesen Erwartungen gerecht werden können? Und vor allem: Wie oft? Ich habe da meine Zweifel wegen der langen Verletzungshistorie, hoffe aber natürlich, dass alle drei so dermaßen einschlagen, dass Jogi Löw sie mit zur WM mitnehmen muss.
Andreas: Bei den von der Erfahrung her sicher sinnvollen Verpflichtungen befürchte ich, dass sie womöglich die Entwicklung von Benjamin Pavard behindern. Er ist für mich im Moment der beste Innenverteidiger. Aber da Badstuber und Durm noch Matchpraxis fehlt, hoffe ich, dass sich Pavard in den ersten Spielen zeigt!

Mich hat die Verpflichtung von Zieler extrem überrascht, weil Langerak – für mein Gefühl – ein Spieler war, der sich extrem mit dem Verein identifiziert und doch auch erstligatauglich ist. Wieso hat man das in der VfB-Führungsetage anders gesehen?
Andreas: Mitch ist ein klassischer und erstklassiger Linienkeeper. Strafraumbeherrschung und Spieleröffnung sind nicht seine Stärken. Langerak ist in Stuttgart sehr beliebt und wird hier für immer der „Aufstiegstorhüter“ sein. Zieler ist vielleicht einen Tick besser, aber diese Baustelle hätte man meiner Meinung nach nicht unbedingt aufmachen müssen.

Was empfindet ihr eigentlich, wenn ihr Kevin Großkreutz im Darmstadt-Trikot seht?
Andreas: Ich freue mich, dass er wieder Fußball spielt. Und er passt perfekt nach Darmstadt. Wir drücken ihm die Daumen.

Im Pokal hat sich der VfB um ein Haar ziemlich blamiert, dann aber doch noch die Kurve zur zweiten Runde gekratzt. Was hakt noch in der Mannschaft und auf dem Platz?
Sebastian: Der Ausfall von Emiliano Insua konnte nicht kompensiert werden. Der Gute hat in zwei Spielzeiten genau ein einziges Spiel verpasst und ist der Fixpunkt im Stuttgarter Spiel. Ersetzt wurde er durch Burnic, der auf der ihm fremden Position ein Totalausfall war. Davon abgesehen neige ich dazu, dem traditionellen VfB-Schlendrian die Schuld zu geben. Als Bundesligist muss man gegen einen Viertligisten anders auftreten. Verletzungsprobleme hin, Abstimmungsschwierigkeiten her.

Das erste Bundesligaspiel in der Geschichte der 05er führte nach Stuttgart. Die Partie ging mit 4:2 an den VfB, am Ende der Saison landete Stuttgart auf Platz fünf, Mainz wurde Elfter. Nun tritt Mainz als etablierter Bundesligist beim Aufsteiger an – trotzdem scheint Stuttgart die Favoritenrolle inne zu haben. Was für ein Spiel erwartet ihr von eurer Mannschaft?
Andreas: Ich weiß nicht, ob der VfB der Favorit ist. Wir erwarten eine wacklige Abwehr, ein nicht unbedingt gefestigtes defensives Mittelfeld und zwei Tore von Simon Terodde. Im Ernst: Die Mannschaft ist noch nicht vollständig, Hannes Wolf muss auch aufgrund von Verletzungen und späten Transfers improvisieren. Eine Prognose abzugeben, ist schwierig, der VfB ist im Moment unberechenbar. Durch die Verwerfungen rund um die Personalie Schindelmeiser ist ein bisschen Euphorie und Vorfreude verloren gegangen. Unter dem Motto „Alle in Weiß“ zieht allerdings vor dem Spiel wieder die mittlerweile legendäre „Karawane Cannstatt“ durch die Stadt und wird für ordentlich Stimmung sorgen. Es kann also sehr laut werden und das gibt der Mannschaft vielleicht einen Schub. Ich korrigiere mich also: Wir erwarten drei Tore von Terodde.

Das erste Saisonspiel hat der VfB auswärts gegen Berlin verloren. Wie sehr steht man jetzt vor der zweiten Partie bereits unter Druck? Zumal ja die Erwartungen intern und von außen sicher andere sind als die an einen Aufsteiger, der nicht klassisch in der 1. Liga gesehen wird?
Sebastian: Nur die größten Optimisten hatten erwartet, dass der VfB in Berlin etwas mitnehmen kann. Aber klar, ein Heimspiel gegen Mainz muss nach dem Selbstverständnis der Verantwortlichen und der Fans gewonnen werden. Dennoch dürfte der Druck in Mainz noch größer sein. Zwei Niederlagen gegen die zwei Aufsteiger sind nicht wirklich gut für die Stimmung in der Länderspielpause. Für den VfB heißen die nächsten Gegner nach der Pause Schalke, Wolfsburg und M’gladbach. Einfacher wird es also auch nicht.

Der Mann für den SWAG. (Foto: Vertikalpass)

Der Mann für den SWAG. (Foto: Vertikalpass)

In der Sommerpause wechselte Alexandru Maxim von Stuttgart nach Mainz. Und das, obwohl er im Saisonfinale einer der Leistungsträger war. Wie überrascht wart ihr?
Sebastian: Sehr! Weniger, weil Alexandru Maxim wechselte. Eher, dass er für kleines Geld zu einem direkten Konkurrenten ging. Auch mit etwas zeitlichem Abstand und mit viel Sympathie war das sicherlich nicht der smarteste Move von Jan Schindelmeiser. Die Fan-Meinung zu Maxim war stets zwiegespalten: Auf der einen Seite hatte er es unter keinem der zahlreichen Trainer in Stuttgart zur unangefochtenen Stammkraft geschafft. Auf der anderen Seite war er einer dieser Spieler, von denen man sich etwas Besonderes erhoffen konnte. Wie zum Beispiel sein Tor aus 40 Metern in Bielefeld. Außerdem hatte er große Verdienste am hohen SWAG-Niveau in Stuttgart!
Andreas: Nicht zuletzt wegen des ikonischen Bildes, das ihn zeigt, wie er auf dem Dach der Trainerbank mit den Fans den Aufstieg feiert, wird er in Stuttgart als Rockstar in Erinnerung bleiben.

Worauf können wir uns in Sachen Maxim beim FSV freuen? Welche Fehler muss der Rumäne noch abstellen, um sich dauerhaft einen Platz in einer Bundesligastartelf zu sichern?
Andreas: Maxim macht auf dem Platz einen auf dicke Hose: hier ein Übersteiger, dort ein Arschwackler, da ein lockerer Außenrist-Pass. Ihr werdet hervorragende Standards und Eckbälle auf Kniehöhe sehen, geniale Vertikalpässe und Situationen, in denen er mit seiner Verspieltheit den Ball verliert. Bei ihm weiß man nie, was kommt. Teilweise schwanken seine Leistungen sogar innerhalb eines Spiels. Hannes Wolf sagte, Maxim sei schon zufrieden, wenn er im Spiel ein, zwei hervorragende Szenen hat. Das war ihm zu wenig und wenn das so bleibt, wird das Eurem Trainer Sandro Schwarz auch zu wenig sein.

Welches Saisonfazit würdet ihr nach dem 34. Spieltag gerne über euren Verein schreiben?
„Der VfB Stuttgart beendet die Saison mit dem gleichen Trainer, mit dem er sie begonnen hat. Zum ersten Mal seit fünf Jahren.“

Danke euch für das Gespräch!

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