Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim VfL Wolfsburg

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal spreche ich mit Rebecca, die unter anderem neu den feministischen, fußballverliebten, cinephilen, lauten, politischen, offenen Podcast Reichlich Randale betreibt – und die ihr Herz an den VfL Wolfsburg verloren hat.

VfL-Fan Rebecca. (Foto: Dennis Fuisz)

VfL-Fan Rebecca. (Foto: Dennis Fuisz)

Liebe Becci, du lebst in Potsdam, kommst aber aus dem niedersächsischen Bleckede. Reicht das als Entschuldigung aus, wieso du Fan des VfL Wolfsburg geworden bist? Nein, ganz im Ernst: Wann und wie ist deine Liebe zu den Wölfen entbrannt?
Haha, die Klassikerfrage gleich zum Einstieg. Mein Vater (ein alter HSV-Fan, der das auch auf meinen Bruder übertragen hat) behauptet ja bis heute scherzhaft, es sei ein „Akt der Abnabelung“ gewesen, aber an die Theorie glaube ich nicht so richtig. Dafür viel mehr daran, dass man sich seinen Verein nicht aussucht – der Verein sucht dich aus. So war es nämlich auch bei mir. Als ich um die EM 1992 herum mit fünf Jahren angefangen habe, mich für Fußball zu interessieren, fand ich die Bayern gut, rund um Mehmet Scholl und Lothar Matthäus, deren Fußball mich damals faszinierte. Dann stellt man irgendwann fest, dass das mit den Bayern so eine Sache ist… und in die Phase fiel die Aufstiegssaison vom VfL (1996/1997). Da nahm ich den Verein das erste Mal wahr – und es war um mich geschehen. Ich sag immer „Ich habe es gespürt“, auch wenn ich eigentlich gar kein esoterischer Typ bin. Aber es war einfach ein Match. In der Rückschau kann ich wohl auch nicht bestreiten, dass die räumliche Nähe ebenfalls eine Rolle gespielt haben muss. Es ist schon schön, wenn man weniger als zwei Stunden Anfahrtsweg ins Stadion hat.

(Natürlich stand das Interview an dieser Stelle kurz vor dem Aufbruch. Mainz-Fans erinnern sich mit Grauen an jene VfL-Aufstiegssaison… Aber man ist ja Profi genug! *räusper)

Wie sehr nervt dich eigentlich das bei vielen Fans immer noch sehr schlechte Image eures Vereins? Und wie reagiert dein grün-weißes Herz auf den häufigen Spott? Ich kann ja gar nicht damit umgehen, wenn jemand auf meinem Verein rumhackt…
Das schlechte Image selbst nervt nicht gar nicht so sehr – auch wenn ich es persönlich natürlich nicht so richtig nachvollziehen kann; aber wir sind es nicht anders gewohnt, und ich weiß es ja besser. Der Spott und die ewige Reduzierung auf ein und dieselbe Sache, nämlich die Tatsache, dass VW am VfL beteiligt ist, sind auf die Dauer viel nervtötender. Fundierte Kritik am Spielsystem, an der Leistung auf’m Platz, an der Vereinsführung, an der Einstellung einiger Spieler in der Vergangenheit – da bin ich die Letzte, die sagen würde: „Lass das!“ Da können wir ja letztlich nur profitieren und das kritisiere ich auch selbst. Und natürlich darf man Vereine unsympathisch finden, ist bei mir ja auch so.
Wenn aber Leute immer und immer wieder die gleichen Sätze fallen lassen – sowas wie „So viel Kohle, wie ihr in den letzten Jahren raushaut, das ist doch pure Hybris und geht nur dank VW“ – ohne mal gegenzuchecken, dass die Transferbilanz zwei Jahre hintereinander positiv war, oder wenn von einem „reinen Plastikverein“ die Rede ist, der ja „gar keine richtigen Fans hat“ – da bin ich schnell auf 180, rante auf Twitter oder muss auch schon mal weinen. Wie verletzend sowas sein kann, können wohl nur Fans verstehen. Umso mehr enttäuscht es mich letztlich, wenn andere Fans das machen. Das ist einfach nicht meine Art, über Fußball zu reden. Das soll aber nicht heißen, dass ich Witze über uns oder andere Vereine doof finde – da kann ich herzlich drüber lachen.

Begegne den Spöttern doch mal mit harten Zahlen: Wie sah es bei euch in der letzten Saison mit der Stadionauslastung aus, kannst du das beantworten? Und wie viele Anhänger waren im Schnitt auswärts dabei?
Unser Stadion wurde 2002 eröffnet. Damals spotteten viele, dass 30.000 Plätze viel zu viele wären für eine Stadt mit nur 125.000 Einwohnern (immer noch hat in der 1. Bundesliga nur Sinsheim weniger) und vermeintlich ohne Tradition. Am Anfang waren im Schnitt auch nur ungefähr 2/3 der Plätze besetzt. Spätestens seit der Meistersaison 2008/09 haben wir uns aber auf eine über 90%ige Auslastung eingependelt, letzte Saison 92%, um es genau zu nehmen; sechs Spiele waren ausverkauft. Was mich aber ehrlich gesagt viel mehr interessiert, ist die Stimmung im Stadion und im Speziellen in der Nordkurve. Und die war letzte Saison – trotz ja wirklich teilweise echten Spielen zum Haare raufen – hervorragend! Viel Gesang bis zur Heiserkeit, unfassbare Motivation, wenig Auspfeifen. Ich habe mich sehr wohlgefühlt, und man hat einfach gemerkt, dass die Extremsituation der Abstiegsangst Fans und Verein noch mehr zusammengeschweißt hat. Das war schon was Besonderes. Das kennt ihr ja vielleicht auch.
Auswärtsfahrer*innen musste ich ehrlich gesagt selbst nachlesen, ich stecke da in den Zahlen nicht so drin. Es waren wohl im Schnitt 1.400 und gegen Ende der Saison wurden es verständlicherweise mehr, eben auch wegen dem, was zwischen Verein und Fans passiert ist. In Hamburg am letzten Spieltag waren wir 6.000, das war schon eine tolle gemeinschaftliche Stimmung, die ich sehr genossen habe. Bis zu Luca Waldschmidt

Flutlichtatmosphäre im Stadion des VfL. (Foto: Fanfotos.net)

Flutlichtatmosphäre im Stadion des VfL. (Foto: Fanfotos.net)

Du bist Konfliktforscherin. Was denkst du dir bei Szenen wie dem Platzsturm in Kiel letzte Woche und was würdest du – solche Chaoten ausgenommen – Fans und Verbänden raten, um wieder in einen dauerhaft konstruktiven Dialog zu kommen?
Zufällig war ich an dem Dienstag in Kiel, hatte aber keine Karten mehr bekommen und war deshalb nicht im Holstein-Stadion, wie ich es eigentlich geplant hatte. Von außen betrachtet war der Platzsturm unsinnig, unvernünftig und Spieler gefährdend, das geht eigentlich gar nicht. Gerade weil mir Holstein als Verein am Herzen liegt, hat mich das ein bisschen traurig gemacht – auch weil ich befürchte, dass das mal wieder das Bild des Ultras™ und der wichtigen Arbeit, die in Ultra-Szenen für die Vereine – aber auch gegen Rechts etc. – geleistet wird, verwischen wird.
Und jetzt soll ich Fans und Vereinen etwas raten, ja? Ein ganz schön schwerer Auftrag – auch und gerade für eine Konfliktforscherin. Ist ja nicht so, dass keine Dialoge zwischen Fans und Vereinen stattfinden würden. Und wir dürfen auch die DFL als dritten Player hier nicht vergessen, die ja gerade aktuell für einen Großteil der aufgeheizten Stimmung verantwortlich ist. Ich bin grundsätzlich ein Fan von Protest, auch kreativ, und finde es wichtig, die Stimmen der Fans zu hören, wenn es um die aktuellen Entwicklungen im Fußball allgemein und in den einzelnen Vereinen geht. Wäre es nicht schön, wenn Fans und Vereine sich gemeinsam gegen bestimmte Entwicklungen positionieren würden? Ach, ich drifte schon wieder in Utopien ab. Du siehst, es bleibt schwierig. Und so lange möchte ich alle Fans nur ermutigen, sich Gehör zu verschaffen.

Im wunderbaren Podcast Rasenfunk hast du mit Max Ost in der Sommerpause auf die letzte Saison zurückgeblickt. Da war ganz viel Erleichterung zu spüren, aber auch Optimismus. Jetzt gab’s nach nur vier Spieltagen den Trainerwechsel. Warum musste Jonker so schnell gehen?
Ich bin halt eine unverbesserliche Optimistin (und das, obwohl eines meiner Podcastprojekte „Die Kulturpessimisten“ heißt, lustig oder?) und natürlich war ich nach der frisch überstandenen Relegation auch wirklich ausgesprochen erleichtert und gewillt, das Positive zu sehen. Tatsächlich ist die Meinung zur frühen Entlassung von Jonker nun sehr gespalten unter den Fans. Ich gehöre zu denen, die ziemlich traurig und unzufrieden mit der Entscheidung waren und ihm gerne noch mehr Zeit gegeben hätten. Er hat eine positive Geschichte mit dem VfL und hat eigentlich sehr gut zu uns gepasst, genauso wie sein Co-Trainer Ljungberg, der ja auch gehen musste. Der relativ schlechte Saisonbeginn hatte natürlich auch damit zu tun, dass unsere komplette Innenverteidigung längerfristig ausgefallen ist und wir nun in diesem ohnehin in der vergangenen Saison schon wackeligen Mannschaftsteil mit relativ jungen und unerfahrenen Spielern antreten mussten.
Wie ich schon angedeutet habe, gibt es aber auch andere Stimmen. Unser Spiel hat sich unter Jonker nicht weiterentwickelt, das System war unflexibel und so konnte wenig auf die Spieler, die der Trainer tatsächlich zur Verfügung hatte, reagiert werden. So hat sich beispielsweise in den ersten Saisonspielen die Befürchtung bestätigt, dass unsere Flügel eine echte Schwäche darstellen. Vielleicht ging da auch in der Transferperiode schon etwas schief – Jonker und Rebbe haben uns eher im Zentrum verstärkt. Und so musste Jonker nun vermutlich auch gehen, um Platz für ein neues System zu machen.

Gestatten, ich bin der Neue. (Foto: Fanfotos.net)

Gestatten, ich bin der Neue. (Foto: Fanfotos.net)

Euer neuer Trainer heißt Martin Schmidt. Der Schweizer hatte bei uns in Mainz seine erste Station als Profitrainer in der Bundesliga. Wie sehr hat dich die Personalie überrascht?
Was heißt überrascht. Ich hatte ihn natürlich auf dem Zettel als einen, der jetzt frei war. Aber ganz oben stand er nicht auf meiner Liste. Vielleicht ist es aber genau das, was ihn zu einer guten Wahl macht: Er ist anders als Jonker, und er ist anders als viele VfL-Trainer vor ihm. Er steht dafür, über Emotionen zu kommen und Fußball zu leben, er steht für Mannschaften, in denen jeder für jeden fightet, und nicht zuletzt für eine fannahe Kommunikation – was alles ganz hervorragend zum Slogan „Arbeit Fußball Leidenschaft“ passt, den der VfL dieses Jahr von einem inoffiziellen Fan-Motto zum Status eines offiziellen Vereinsmottos aufgewertet hat. So mögen wir unseren VfL! Vielleicht ist Martin Schmidt also bei aller Überraschung auch der logische Schritt, der nach einigen Misserfolgen mit bewährten Strategien jetzt anstand.

In den ersten beiden Spielen unter dem Neuen habt ihr zwei Punkte geholt – einen davon wohlgemerkt in München. Wie ist dein bisheriger Eindruck von Schmidt und was hat er in der Mannschaft verändert?
Ich bin positiv gestimmt, was vor allem an teilweise sehr klugen Interviews von Schmidt liegt. Nach dem Spiel gegen Bremen mit einer guten ersten und einer katastrophalen zweiten Halbzeit hat er ehrlich die Schwächen und Fehler der Mannschaft benannt, ohne zu versprechen, dass das alles von jetzt auf gleich geändert werden kann. Er redet nicht drumrum und schafft es, auch ohne Phrasendrescherei eine Aufbruchsstimmung zu vermitteln.
Diese Aufbruchsstimmung zeigte sich dann sehr schön im Spiel gegen Bayern. Welche Mentalität und Haltung die Mannschaft dort gezeigt hat, nach einem 2:0-Rückstand in München zurückzukommen! Dafür war der Mut nötig, den Schmidt schon in den Tagen vor dem Spiel ausgestrahlt hatte, Und dabei gingen sie geordnet und zielgerichtet vor, spielten kluge Pässe, und ja, sogar über unsere Flügel ging was. Man merkt schon jetzt, dass Schmidt sich Gedanken zu den Schwächen im System macht, das bisher auf Flanken auf den Spitzenstürmer Gomez angewiesen war und wenig andere Möglichkeiten zu erfolgreichen Angriffen bot. Das macht Lust darauf, ihm dabei zuzuschauen, was er noch für Ideen für die Mannschaft in petto hat.

Aus der Entfernung betrachtet wirkt es, als fehle bei VfL-Sportchef Olaf Rebbe die klare Linie. Valérien Ismaël wurde erst gestärkt, dann gefeuert, mit Jonker geht man in die neue Saison, nur um ihn nach vier Spielen zu entlassen. Tue ich ihm Unrecht? Wie siehst du seine Rolle?
Ja, ich glaube, du tust ihm ein bisschen Unrecht. Ismaëls Vertrag als langfristiger Cheftrainer war das „Abschiedsgeschenk“ von Klaus Allofs an den VfL und in meinen Augen neben der Nichtfreigabe von Julian Draxler im letzten Sommer die größte Fehlentscheidung der letzten Saison. Aber es war eben auch Allofs’ Fehlentscheidung. Rebbe musste dann schauen, wie er mit der Situation umgehen sollte, dass kurz vor seinem Amtsantritt ein neuer Cheftrainer installiert worden war. Nicht nur ich war sehr dankbar, dass die Zusammenarbeit mit Ismaël dann doch recht bald beendet wurde, denn da lief so einiges schief, was ich jetzt gar nicht alles aufzählen kann. In der Situation Jonker zu holen, hat sich letztendlich bewährt, auch wenn es vielleicht nicht die langfristige Lösung für den Verein war. Aber nach dem Trainer, der jeglichen Rückhalt bei den Fans und scheinbar auch bei großen Teilen der Mannschaft verloren hatte, einen zu holen, mit dem viele schon positive Emotionen verknüpften, war – gerade für den Abstiegskampf – ein guter Schachzug. Wir werden sehen, ob sich die Schmidt-Entscheidung jetzt bewährt. Ich bin gewillt, Rebbe zu vertrauen, sich etwas bei den Entscheidungen der letzten Wochen gedacht zu haben; er ist ein sehr strategisch denkender Mensch, der es in kurzer Zeit geschafft hat, sich trotz seines jungen Alters ein gewisses Standing im Verein zu erarbeiten.

Jung und ambitioniert: Olaf Rebbe. (Foto: Fanfotos.net)

Jung und ambitioniert: Olaf Rebbe. (Foto: Fanfotos.net)

In den letzten zwölf Monaten saßen beim VfL vier Trainer auf der Bank. Was spricht dafür, dass nun Kontinuität einkehrt? Und als wie chaotisch hast du selbst diese Zeit empfunden? Manchmal sieht es von außen ja schlimmer aus als in der Binnensicht.
Wie ich schon geschrieben habe, kam es mir gar nicht unbedingt chaotisch vor. Ich würde eher unsicher als charakterisierendes Attribut für das letzte Jahr wählen. Viele Entscheidungen nach Allofs erscheinen sehr bedacht – aber klar, du hast Recht, wenn du sagst, dass sie nicht gerade zu Kontinuität geführt haben. Das sorgt für Unsicherheitsgefühle bei allen: Fans, Spielern, Beobachter*innen von außen. Wird nun Kontinuität einkehren? Ich bin ehrlich, ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist es auch noch ein bisschen zu früh, um zu beurteilen, wie gut es zwischen dem VfL und Schmidt auf Dauer funktionieren wird. Tatsächlich wird die VfL-Führungsetage vielleicht ein bisschen schneller nervös als die anderer Vereine, wenn die Leistungen sich nicht fix genug in Richtung des Anspruchs entwickeln. Mein Wunsch wäre ja, hier ein bisschen mehr Gelassenheit an den Tag zu legen und Entwicklungen zuzulassen. Die Entscheidung für Schmidt interpretiere ich als einen Schritt in diese Richtung, lässt man sich mit ihm doch auf etwas ganz Neues ein.
Unsicher über die Zukunft des VfL bin ich immer noch, daran hätte gerade vermutlich keine spontane Entscheidung etwas ändern können. Dafür ist mein Vertrauen, dass es am Ende schon irgendwie klappen wird, in der letzten Saison doch reichlich erschüttert worden. Damit stehe ich auch nicht alleine da, wenn ich mich in der Fanszene so umschaue. Dieses Vertrauen jetzt wieder aufzubauen, wird auch eine der Aufgaben von Schmidt sein.

Derzeit geistert die Meldung durch die Medien, Edin Džeko könne sich nach dieser Saison erneut den Wölfen anschließen. Spricht daraus die Sehnsucht nach der erfolgreichen Zeit des VfL? Džeko ist ein Gesicht der Meistermannschaft.
Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehnsüchtig ich und auch andere nach der erfolgreichen Zeit sind. Und damit meine ich gar nicht unbedingt Titel, sondern schlicht das Gefühl, dass im Verein gerade alles richtig läuft, dass toller Fußball gespielt wird, dass ich nicht schon 48 Stunden vor dem Spieltag mit Bauchschmerzen zu Hause sitzen und mich fragen muss, was dieses Mal wieder schiefgehen wird. Immer wenn es mir wegen des VfL schlecht geht, schaue ich mir das Meisterschaftsspiel gegen Bremen 2009 oder das Pokalfinale 2015 gegen Dortmund an, das ist so ein bisschen zu meiner persönlichen Wohlfühl-Therapie geworden, auch wenn ich mir natürlich bewusst bin, dass da ganz viel Verdrängung mitspielt. Ich glaube, niemand würde laut „Nein“ schreien, wenn sich die Gerüchte um Džeko bestätigen würden. Wir hatten eine tolle und erfolgreiche Zeit miteinander, natürlich schwingt da ganz viel Nostalgie mit, und man muss sich dessen bewusst sein, dass er nicht mehr der Spieler von vor sieben Jahren ist und sich auch das Setting drum herum geändert hat. Gleichzeitig kann aber von der Verpflichtung eines solchen Spielers, der sich immer mit der Mannschaft identifiziert hat und mit dem sich auch die Fans identifiziert haben, eine Aufbruchsstimmung ausgehen, die wir gut gebrauchen könnten.

Meisterlich: Die VfL-Damen.

Meisterlich: Die VfL-Damen.

Stichwort Meistermannschaft: Die VfL-Damen feiern seit Jahren national und international große Erfolge. Weil die Männer die Relegation noch vor der Brust hatten, durften sie aber ihre Meisterschaft erstmal nicht feiern. Wie hast du das empfunden?
Ich versuche, mein Leben nach feministischen Prinzipien auszurichten, engagiere mich in diesem Feld und mache jetzt auch einen Podcast zu feministischen Themen. Zudem finde ich Frauenfußball extrem spannend und bin öfter bei Turbine Potsdam im Stadion zu den Heimspielen, wahrscheinlich auch am Sonntag gegen die Hoffenheimerinnen. Natürlich hat mich das auch aufgeregt – zumal davon auszugehen ist, dass das andersherum nicht passiert wäre. Die vorgeschobene Begründung, man hätte gewollt, dass die Frauen die volle Aufmerksamkeit bekommen, hat es nicht besser gemacht. Gleichzeitig möchte ich aber in zwei Punkten relativieren – was nichts daran ändert, dass die Aktion unüberlegt und falsch war, aber den Diskurs in eine Richtung verschiebt, die mir wichtig wäre:
1. Die Damenmannschaft musste nicht auf ihre Meisterinnenfeier verzichten, weil die Herren die Relegation noch vor der Brust hatten. Vielmehr war die Feier für den gleichen Tag wie das Relegationsspiel in Wolfsburg angesetzt (für dessen Ansetzung der VfL nichts kann) und aufgrund der Brisanz der Konstellation mit Braunschweiger Auswärtsfans in der Stadt wurde auch aus Sicherheitsgründen dagegen entschieden, die Feier stattfinden zu lassen. Wenn ich mir anschaue, wie die Situation für Wolfsburger Fans in Braunschweig beim Rückspiel war (die sich teilweise kaum aus dem Stadion heraus getraut haben), dann zeigt sich, dass Sicherheitsgründe durchaus ein relevantes Argument sein können. Wohlgemerkt: können, nicht müssen. Vielleicht hätte es andere Lösungen gegeben.
2. Ich bin mir sicher, dass das bei jedem anderen Verein genauso gelaufen wäre. Was hier passiert ist, ist kein VfL-Problem, sondern ein Problem des Fußballs und der Fußballverantwortlichen genauso wie der Fanszenen: Sexismus ist einfach präsent und zieht sich als Muster durch. Die Ungleichbehandlung des Frauenfußballs in eigentlich allen relevanten Punkten ist unsäglich und muss sich meiner Meinung nach dringend ändern. Dafür ist aber eine Bewusstmachung und ein Eingestehen bei Verantwortlichen wie bei Fans notwendig – und kein Ablenken dahingehend, dass das ja „typisch für einen bestimmten Verein“ sei. Wir müssen das strukturell und gemeinsam und selbstkritisch angehen. (Diesbezüglich kann ich euch sehr Karstens Artikel „Männerfußball“ bei Halbfeldflanke ans Herz legen.)

Was können die Herren denn von der erfolgreichen Damenmannschaft lernen?
Wie man mit Konstanz in der Arbeit und dem Dranbleiben an bestimmten Themen ohne Grundaufregung zum Erfolg kommen kann. Und natürlich die ausgezeichnete Symbiose von Mannschaft und Trainer. Ralf Kellermann und die VfL-Damen, das war einfach was ziemlich Großes – und das über neun Jahre hinweg und ohne Skandal bei seinem Wunsch, jetzt etwas Anderes zu machen. So etwas wünsche ich mir für die Herren auch.

Die Mainzer mussten nach einem starken Auftritt gegen Hoffenheim als Verlierer vom Platz, gegen Berlin gab es nach einem mäßigen Kick drei Punkte. Wie erwartest du das Team?
Ich bin ehrlich gesagt keine große Mainz-Beobachterin. Von den Hertha-Fans aus meinem Umfeld höre ich große Unzufriedenheit darüber, dass man am Wochenende gegen die Mainzer nicht zu mehr Chancen gekommen ist, weil beide sich nicht gerade als offensivstark gezeigt haben. Wenn das Mainzer Spiel nach vorne nicht so druckvoll ist, kommt das dem VfL und seinem System sicher entgegen, da unsere Abwehr so verletzungsgeschwächt ist. Das Hoffenheim-Spiel fand ich tatsächlich sehr stark, zumal mir Hoffenheim insgesamt eigentlich ausgesprochen gut gefällt bisher. Ich kann nur hoffen, eher das Mainz vom Wochenende zu erleben.

Lieber keine Prognosen wagen... (Foto: privat)

Lieber keine Prognosen wagen… (Foto: privat)

Und was erwartet umgekehrt die 05er beim Spiel in Wolfsburg? Welche Mannschaft siehst du nach der zurückliegenden englischen Woche in der Favoritenrolle?
Mit dem Spiel gegen die Bayern ist der Optimismus bei einigen von uns zurückgekehrt – und das gar nicht unbedingt wegen des erfreulichen Ergebnisses. Es war einfach schön zu sehen, wie die Mannschaft gut angefangen und sich nach dem unglücklichen Rückstand nicht hat hängen lassen. Sie haben weitergespielt, und sind zurückgekommen. Und sie haben Fußball gespielt! Dabei hat Schmidt, obwohl er erst drei Trainingseinheiten mit der Mannschaft hatte, von Beginn an mutige Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel den jungen Itter gegen Robben spielen zu lassen. Ich kann mir vorstellen, dass er auch gegen Mainz wieder eine Überraschung in petto hat. Mit dem Bayernspiel im Rücken und der Tatsache, dass das ja ein Heimspiel für uns ist, sehe ich uns am Samstag leicht in der Favoritenrolle. Ich tippe 1-0.

Wie lautet deine Prognose für die restliche Saison, fängt sich der VfL oder müsst ihr wieder bis zum Schluss zittern?
Meine Prognosen in den letzten Jahren waren immer ziemlich mies, von daher würde ich mir da nicht unbedingt vertrauen. Ich verkaufe es lieber als Hoffnung denn als Prognose: Ich hoffe, wir pendeln uns um Platz 10 herum ein, und bringen vor allem ein bisschen Ruhe in die ganze Situation. Einstellig wäre schön, aber eine Prognose traue ich mich diesbezüglich nicht abzugeben… Nach vier Trainern innerhalb von einem Jahr würde ein bisschen Durchatmen meinen Nerven jedenfalls sehr gut tun. Für den Anfang würde es aber auch eine Stabilisierung in der Abwehr tun. Spätestens mit der Rückkehr von Brooks und Bruma nach ihren Verletzungen muss es soweit sein!

Vielen Dank für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Fanfotos.net für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

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