Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Hannover 96

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Über Hannover 96 habe ich mit Klaas Reese gesprochen, der beim Deutschlandfunk arbeitet und mit Alex Feuerherdt den Podcast Collinas Erben betreibt.

Klaas (links) und Alex prosten ihren Hörern zu. (Foto: Collinas Erben)

Klaas (links) und Alex prosten ihren Hörern zu. (Foto: Collinas Erben)

Hallo Klaas. Du bloggst, wenn auch aktuell nicht sehr regelmäßig, unter Reeses Sportkultur, bist ein Teil des Schiedsrichter-Podcasts „Collinas Erben“ und blickst für „11 Freunde“ unter dem Motto „GIF mich die Kirsche“ auf jeden Spieltag in GIFs zurück. Da steckt deutlich mehr Fußballbegeisterung drin als die Liebe zum eigenen Verein. Wie hat die sich entwickelt?
Die Fußballbegeisterung wurde schon in ganz frühen Jahren geweckt. Mein Bruder war hier schon früh das große Vorbild und wir waren früher fast täglich draußen und haben mit den Kids aus der Nachbarschaft gespielt und auch später im Verein die komplette Jugend durch gespielt. Mit dem Studium in Köln wuchs dann merkwürdiger Weise die Begeisterung für 96, weil auch mein Bruder und ein paar Freunde an den Rhein zogen und wir fortan fast alle Spiele der Roten in der Umgebung besuchten – natürlich inklusive der Europapokalhighlights in Brügge, Kopenhagen und Sevilla. Leider ist die Leidenschaft für den Club Hannover 96 etwas geschwächt aktuell, weil ich mit dem Gebahren der Vereinsführung um Martin Kind meine Probleme habe. Aber die Begeisterung für den Fußball an sich ist geblieben und mit meinen GIF-Kolumnen versuche ich, das Fußballgeschäft etwas aufs Korn zu nehmen, denn oft sind mir die Diskussionen um das Spiel Fußball viel zu ernsthaft und zu dogmatisch.

Für die Deutsche Akademie für Fußballkultur sitzt du außerdem in der Jury für den Deutschen Fußball Kulturpreis in der Sparte „Fanpreis“. Was sind besonders spannende Projekte, die du dadurch in den letzten Jahren kennenlernen durftest?
Das sind tatsächlich zu viele, um sie hier alle aufzuzählen, aber ich bin nach wie vor ein großer Fan des „Textilvergehen“, einem Podcast- und Blogprojekt rund um Union Berlin. Außerdem find ich das Projekt zur Erinnerung an „Das Kreuzlinger Grenzland-Stadion“ von Daniel Kessler toll. Der Fußballhistoriker hat ein umfassendes Archiv zur Geschichte der einstigen Spielstätte seines Lieblingsvereins FC Kreuzlingen erstellt – und das, obwohl es das Stadion schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

War es sozusagen von langer Hand geplant, dass der Fußball mal einen so großen Teil deines Lebens einnehmen würde? Oder hat sich vieles davon auch zufällig ergeben?
Der Sportjournalismus hat mich schon immer interessiert. Dass ich jetzt beim Deutschlandfunk in der Sportredaktion arbeiten darf, ist aber dennoch immer wieder ein Grund, mich zu kneifen. Ich sehe es als großes Privileg an, in einer Redaktion zu arbeiten, die nicht nur 1-zu-0-Berichterstattung betreibt, sondern sich auch den unbequemen Themen der Sportwelt widmet – wie Doping, Korruption oder sexuellem Missbrauch. Ich finde es auch prinzipiell wichtig, dass sich unsere Sendungen nicht nur mit Fußball beschäftigen, sondern auch viel Raum für andere Sportarten bietet.

collinas erben

Du bist – wie ich – ein großer Fan des sozialen Netzwerks Twitter. Obwohl sich das Vorurteil eines „Quatschmediums“ hartnäckig hält, finden sich hier – gerade zum Thema Fußball – Leute, die mit viel Interesse, Sachwissen und Leidenschaft den Austausch suchen. Was glaubst du, wieso passen Fußball und Twitter so gut zusammen?
Das Schöne an Twitter ist, dass selbst das langweiligste Fußballspiel der Welt mit diesem Sozialen Netzwerk auf dem Second Screen unglaublich unterhaltsam sein kann. Dazu ist der große Vorteil aus meiner Sicht, dass ich mich nicht stündlich durch alle möglichen Sportseiten klicken muss, die oft eh nur immer wieder dasselbe bieten von unglaubwürdigen Transfergeschichten oder verbalen Ergüssen von irgendwelchen Pseudoexperten. Durch Twitter bekomme ich oft Hinweise auf spannende Geschichten abseits des Mainstreams und außerdem ist das Medium viel schneller als jede Nachrichtenapp. Das gibt einem die Möglichkeit, sich in die Medien zu stürzen, birgt aber auch immer die Gefahr, lange am Tablet, Rechner oder Smartphone hängen zu bleiben.

Privat bist du Fan von Hannover 96. Nach einem Jahr Abstinenz ist dein Verein zurück in der 1. Liga. Wie zufrieden bist du unterm Strich mit eurer Hinrunde?
Sportlich äußerst zufrieden. Ich habe 96 ehrlich gesagt als Abstiegskandidaten Nummer 1 bis 2 zusammen mit dem FC Augsburg gesehen, weil ich dachte, dass der Kader zu schwach für die 1. Liga sei. Natürlich ist 96 noch nicht durch und kann noch in Abstiegsgefahr geraten, aber die Hinrunde hat gezeigt, dass die Mannschaft mithalten kann, dass sie den Teamspirit aus der 2. Liga mit ins Oberhaus gerettet hat und dass André Breitenreiter es versteht, seine Mannschaft taktisch schlau und variabel aufs Feld zu schicken. Ich bin da tatsächlich positiv überrascht worden.

Ist es hinderlich für euch, dass Hannover in der Wahrnehmung der anderen Vereine kein klassischer Aufsteiger ist? Was macht das mit der Erwartungshaltung im Umfeld?
Ich habe das Gefühl, dass die meisten in diesem Jahr schon demütig genug sind, um nicht zu hohe Erwartungen an das Team zu stellen. Den allermeisten ist bewusst, dass 96 gegen jedes Team in der Liga verlieren kann und die meisten sind froh, dass Hannover überhaupt wieder in der 1. Liga spielt.

Die Mainzer Kurve in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Die Mainzer Kurve in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Gegen Ende der Hinrunde kam mächtig Unruhe in den Verein, weil Hannover plötzlich Horst Heldt an den Ligakonkurrenten Köln zu verlieren drohte. Heldts Kommunikation wirkte dabei auf Außenstehende nicht immer schlüssig. Wie siehst du seine Rolle in der Causa?
Seine Aussagen waren ja eindeutig und ich denke, dass er nicht damit gerechnet hat, dass Martin Kind hier sein Veto einlegt. Ich war nicht sonderlich begeistert, als die Verpflichtung von Heldt in Hannover bekannt wurde, muss aber zugeben, dass er einen ordentlichen Kader auf die Beine gestellt hat. Dass solche Arbeit Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen auslöst ist normal, vor allem, wenn man sich in einer solchen Krise befindet wie der 1. FC Köln. Wie die ganze Sache dann in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, war kein Ruhmesblatt – für keinen der Beteiligten –, passt aber zur Außendarstellung beider Vereine in dieser Saison.

Und wie beurteilst du Heldts Rolle im Verein? Bist du froh, dass ihr ihn gehalten habt?
Im Endeffekt ja, denn mitten in der Saison einen neuen Sportdirektor zu präsentieren ist nicht leicht, auch wenn ich nichts gegen eine Rückkehr von Jörg Schmadtke gehabt hätte…

Als Daniel Stendel im März 2017 bei Hannover 96 beurlaubt wurde und André Breitenreiter seinen Platz einnahm, kam das fürs Umfeld nicht mehr überraschend. Aus der Ferne wirkte die Art und Weise wie eine unnötige Demontage. Wie hast du das damals wahrgenommen?
Martin Kind und Horst Heldt haben damals wohl befürchtet, dass 96 unter Stendel die Luft ausgehen würde und der Aufstieg gefährdet werden könnte. Die Verpflichtung von Breitenreiter war nicht ohne Risiko, aber schlussendlich haben die Verantwortlichen wohl alles richtig gemacht. Nichtsdestotrotz war der Umgang mit Stendel nicht in Ordnung. Er hatte 96 in einer Phase im Abstiegskampf übernommen, die aussichtsloser nicht sein konnte. Damals wollte wohl kein anderer Coach 96 trainieren und Stendel ging das Risiko ein, sich mit diesem Engagement seinen Namen zu ruinieren. Er hat dann sogar dafür gesorgt, dass 96 mit positiven Emotionen und einigen Achtungserfolgen aus der Saison gekommen ist. Sein Anteil am Wiederaufstieg ist deshalb nicht von der Hand zu weisen.

Arbeitsplatzsituation: All Cats Are Beautiful… (Foto: Collinas Erben)

Arbeitsplatzsituation: All Cats Are Beautiful… (Foto: Collinas Erben)

Welches Ansehen genießt André Breitenreiter bei den 96-Anhängern?
Ich denke, dass er bei den meisten mittlerweile wohlgelitten ist. Nicht nur, weil er der Aufstiegstrainer ist, sondern auch, weil er aus Hannover kommt und sich komplett mit Stadt und Verein identifiziert. Er hat seine Chance bei 96 genutzt und zeigt, dass er über mehr taktisches Verständnis und Talent zur Mannschaftsführung verfügt, als im viele Experten innerhalb und außerhalb von Hannover zugetraut haben.

Das Verhältnis zwischen der aktiven Fanszene und Präsident Martin Kind war in den letzten Monaten nicht gerade rosig. In der Saison 2014/15 blieben die Ultras zeitweise den Spielen der 1. Mannschaft fern, letztes Jahr gab es erneut einen Stimmungsboykott. Wie beurteilst du die Auseinandersetzung und kannst du etwas zum aktuellen Stand sagen?
Der aktuelle Stand ist, dass sich vor Kurzem mehrere hundert Fans trafen und entschieden haben, dass der Stimmungsboykott fortgesetzt wird. 96 hat es einfach in den letzten Jahren geschafft, das Verhältnis zur aktiven Fanszene nachhaltig zu zerstören. Es gibt keinerlei Vertrauen in die Aussagen von Martin Kind, weil er in der Vergangenheit wiederholt mit Beschimpfungen und Aussagen gegenüber der Fanszene deutlich gemacht hat, wie unwichtig ihm die Meinung der Fans ist. Er zieht sein Ding, die Übernahme des Traditionsvereins Hannover 96, durch – und erwartet, dass Fans nur ins Stadion kommen, um für Stimmung zu sorgen. Eine kritische Teilhabe am Vereinsleben ist nicht gewünscht. Oft wird – das haben 96 und Mainz 05 wohl gemeinsam – von außerhalb recht harsch über die Fans von 96 geurteilt und schnell auf die Ultras als einzig Verantwortliche für die schlechte Stimmung im Verein gezeigt. Dass der Auslöser dieser Konflikte im Präsidium des Vereins sitzt wird dabei zu oft unterschlagen und eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesamtproblematik findet zu oft nicht statt.

Ohne Fans verliert der Fußball seine Seele. (Foto: Meenzer on Tour)

Ohne Fans verliert der Fußball seine Seele. (Foto: Meenzer on Tour)

Die DFL wird vermutlich auf ihrer nächsten Sitzung über den Ausnahmeantrag Kinds von der 50+1-Regelung entscheiden. Der Präsident möchte Hannover 96 komplett übernehmen. Wie würde das den Verein aus deiner Sicht verändern? Und was wären die Auswirkungen auf das Umfeld, gerade auch im Hinblick auf die Fans?
Ich kann das nur schwer einschätzen, weil ich nicht in Hannover wohne, kann mir aber gut vorstellen, dass eine Übernahme dazu führt, dass viele Fans 96 den Rücken kehren, um einen eigenen Verein zu gründen. Vorbilder für diesen Prozess gibt es ja in Manchester und Hamburg. Außerdem würde sicherlich prozessiert und die Gerichte müssten dann entscheiden, ob alles rechtens gewesen ist bei der Übernahme, die der Präsident Kind ja mit dem Käufer Kind quasi selbst verhandelt hat und deren Vorteile für den Club fraglich sind. Der größte Teil wird das aber einfach hinnehmen und irgendwann werden auch wieder Fans in der Kurve stehen, die die Kommanditgesellschaft auf Aktien lautstark unterstützen. Richtig unruhig würde es dann, wenn Kind entgegen seiner Versprechen den Verein doch irgendwann an einen Investor verkauft. Es wird also auf Dauer spannend bleiben an der Leine und es wird stets vom sportlichen Erfolg abhängen, wie laut die Debatte geführt wird.

Der Kroate Josip Elez ist der einzige Winterzugang der 96er. Ist der Kader wirklich so ausgewogen, dass es keine weitere Verstärkung braucht, oder siehst du das kritisch?
Oft ist es ja ein schlechtes Zeichen, wenn im Winter viele Transfers getätigt werden müssen, weil das zeigt, dass der Kader vor der Saison nicht ordentlich zusammengestellt war oder dass es viele Verletzungen gab. Der 96-Kader hat in der Hinrunde weitestgehend überzeugt und ich denke, dass es richtig ist, den Spieler das Vertrauen für die Rückrunde zu geben.

Hannover 96 beginnt die Rückrunde mit einem Heimspiel. Bei der Partie in Mainz hattet ihr einen Verbündeten im schweigenden Videoassistenten. Was erwartest du dir am Samstag vom Rückspiel?
Ich denke, der Videoassistent wird das auch im Rückspiel wieder regeln…Scherz beiseite: ich erwarte ein ausgeglichenes Spiel und bin vor allem gespannt auf die Mainzer Neuverpflichtungen. De Jong und Ujah sind ja alte Bekannte, die dem Mainzer Spiel geben können, was in der Hinrunde etwas gefehlt hat: eine gewisse Körperlichkeit in den Zweikämpfen und eine extrovertierte Leidenschaft. Dennoch denke ich, dass 96 aufgrund des Heimvorteils leicht favorisiert in die Partie geht.

Die Mainzer im Februar 2016 beim Auswärtsspiel in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Die Mainzer im Februar 2016 beim Auswärtsspiel in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Worauf müssen sich die Mainzer bei der Partie einstellen?
Auf eine Mannschaft, die das Spiel des Gegners quasi kopiert und eine aggressive Manndeckung spielt. 96 kommt mit einer hohen Laufbereitschaft auf den Platz und lässt dem Gegner wenig Raum, um sein eigenes Spiel zu entfalten.

Wie intensiv hast du dich mit der bisherigen Saison der 05er beschäftigt? Und wie schätzt du sie unter dem neuen Trainer Sandro Schwarz ein?
Ich habe wenige Spiele über die komplette Spielzeit gesehen, bin aber beruhigt, dass Mainz unter Schwarz weniger lange Bälle in die Spitze spielt als im letzten Jahr. Das hat sicherlich mit dem Abgang von Jhón Cordoba zu tun und es bleibt abzuwarten wie Ujah jetzt eingebaut wird und wie man ihn in das Spiel einbinden will. Ich denke, dass es prinzipiell gut ist, dass Mainz wieder mehr spielerische Lösungen sucht, denn der Fußball der letzten Saison war deutlich unansehnlicher als unter dem neuen Coach. Auf lange Sicht wird sich dieser Weg sicher eher auszahlen als das Spiel mit dem „langen Hafer“.

Was ist dein Tipp fürs Spiel?
Ich tippe auf ein 3 zu 1.

Vielen Dank für das Gespräch!
Sehr gern.

|| Mit großem Dank an Meenzer on Tour für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

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