Tomorrow you’ll still be here

Es ist heiß, die Sonne scheint. Um nicht zu sagen, sie strahlt. Und ich weiß nicht, ob das Trost ist – oder Spott. In meinen Gedanken: Kälte und das Licht eines Dezembernachmittages; Väter sterben, wenn Schnee fällt. Mütter verschwinden hinter der Sonne. Meine Hand hält und wird gehalten: It’s not how (far) you fall, it’s the way you land; ich stolpere, doch mir kann nichts passieren. Damals, im Dezember, wolltest du in das offene Grab hinterher kippen. Ich konnte es in deinem Blick sehen, der mich an meinen eigenen erinnerte, zwei Winter zuvor. Dein Schmerz war so greifbar, dass er allen, die dich liebten, den Atem aus den Lungen presste; in kleinen, traurigen Wölkchen stieg er in den Himmel auf. Leere Blicke und kein Trost, kein Gott, kein Mittel gegen diesen Kummer.

„Schreibst du mir eine Geschichte, über Schorsch?“ In meiner Erinnerung wird der Schnee zu kaltem Regen. Die verdammte Grube ist irgendwo links unterhalb der Kapelle. Wir stehen in einer kleinen Gruppe, abgeschieden, unter uns, nah beieinander; ich schrieb die Geschichte in jenem Winter. Für dich, deinen Sohn und seine Frau. Als ich nun auf die Blumen starre, die dich begleiten sollen auf dem letzten Stück deines viel zu kurzen Weges, wundere ich mich, dass die Grube viel weiter in der Mitte des Friedhofes liegt, als ich es erinnere – als ob derlei Details eine Rolle spielten. Dabei fällt mir deine Bitte wieder ein und ich hoffe, ich liege richtig, wenn ich nun ganz ungebeten dir diese Zeilen widme; wo immer sie dich erreichen. I’ll hold your head my dear, make sure no one’s gonna wake you.

I hold your hand till you fall apart. (Foto: P.W. Braun)

I hold your hand till you fall apart. (Foto: P.W. Braun)

Dinge, die mir einfallen, wenn ich an dich denke: deine Küche. Der Italiener in dieser kleinen Gasse, deren Namen ich vergessen habe. Dein Kleid mit den türkisenen Karos. Die Küche und der Ofen unterm Fenster, dazu Sekt. Fasching, mit meiner Mutter als Katze – oder Maus? Nina und ich als Chinesen, aber nicht im selben Jahr. Mohrle, die wilde Katze, die sich einfangen, aber niemals zähmen ließ. Deine Küche und die vielen klugen, liebevollen Zettel. Das Buch vom Häschen, das fragt: „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ Das gelbe Bad mit der Stufe. Wiesenmarkt. Josy, die Katzendame, die sich einfangen ließ – und zähmen. Die Hollywoodschaukel im Garten deiner Mutter. „Schorsch, mach mir den Hengst!“ Der Tag, an dem Bashimba kam: Wir saßen alle mit den Hundebabys im Hof, dazu Pizza, Sonne, Sekt – und eine beschwipste Heimfahrt.

Du warst kein Mensch, der sich verstellt. Hast die Dinge offen angesprochen, keinen Konflikt gescheut – und Kompromisse nur gemacht, wenn du an sie geglaubt hast. Du hast Streit ausgetragen und damit Platz gemacht für Versöhnung. „Ich kann aus meinem Herzen keine Mördergrube machen“, hast du mir geschrieben. Du warst mutig und stark für deine Menschen. Hast Ungerechtigkeiten nicht hingekommen. Gekämpft, wenn es darauf ankam. Bei dir durfte man sich sicher sein – du hast deine Menschen an allen Tagen aus jeder Situation gerettet, aus der sie Rettung bedurften. Du hast geliebt mit dem Herzen einer Löwin.

Mehr Dinge, die mir einfallen, wenn ich an dich denke: Silvester. Idefix, der krummbeinige Dackel, den wir Kinder im Schubkarren umhergefahren haben. Rotwein und jener Abend, an dem ich in Lauerbach übernachtete, weil wir etwas zu viel davon hatten. Die Beerdigung deiner Mutter; du hast die Trauer nicht versteckt, deinen Schmerz nicht verborgen. Please don’t cry, we’re designed to die. Der Tag, an dem du mir das Buch vom Häschen geschenkt hast. Jakob und die Pferde. Die Küche und die blauen Dönig-Becher am Holzbalken. Jockel, der Minikater, der sich einfangen, aber nicht retten ließ. Deine liebevolle Ruppigkeit. Die Art, wie du deinen Körper durch diese Welt getragen hast. Der Abend, an dem mein Schoko-Nachtisch in deinem Backofen übergekocht ist. Der Dunnerschdach, das europäische Dorf, die eine Wiesenmarktszigarette. Die Hochzeit von Alex und Sarah, noch ein letzter Schnaps, das geteilte Hotelzimmer – „ach, Marjellchen“: Der Tod ist ein Arschloch mit gezinkten Karten. Tränen, Ratschläge und tröstliche Umarmungen. Telefonate. Urlaubsgrüße von der Nordsee. Geburtstagspost und Weihnachtskarten.

Und dann bist du gestorben, in einem Moment, der viel zu kurz war um zu begreifen, was passierte – die Zeit schien knapp, doch sie war bereits vorbei. Ein letztes Treffen, für das ich ewig dankbar bin. „Was machst du bloß für einen Scheiß?“ „Ich werde kämpfen.“ I hold your hand till you fall apart. Du aber hast tapfer lächelnd abgewunken – wolltest keine Hände, sondern Kummer fernhalten von denen, die du liebst; so warst du immer. In den Herzschlägen deiner Menschen aber hat dich eine Armee von Händen begleitet. Die hängen nun ratlos an Körpern, durch die ein Strom von Trauer fließt. Dein Tod war schnell, das Begreifen aber braucht Zeit – und an manchen Tagen taucht das schmerzliche Vermissen auf wie ein wilder Boxer mit Tarnkappe, gegen dessen unbarmherzige Faustschläge es keine Verteidigung gibt. Leere Blicke und kein Trost, kein Gott, kein Mittel gegen diesen Kummer.

Doch da ist die Hand, die meine hält. Ein Pfarrer, der tatsächlich die richtigen Worte findet. Da sind die stummen Gesten des Trostes zwischen deinem Sohn und deiner Schwiegertochter. Die Strahlen der Sonne in der Kapelle. All die Menschen, fremd und vertraut, vereint in ihrer Trauer um dich. Da ist das ahnungslos, glückliche Glucksen deiner Enkelin. Ein Versprechen von Zukunft aus der gemeinsamen Erinnerung. Die Nordsee, gerade jetzt, genau richtig.

Es ist eine traurige Erkenntnis im Erwachsenwerden, dass wir mit dem Tod eines geliebten Menschen zu leben lernen. Trauriger noch, wenn der unschuldige Glaube daran stirbt, in einer Welt ohne unsere Eltern nicht überleben zu können. Ich meine, natürlich kannst du versuchen, es zu verstehen. Du kannst mitfühlen. Aber – bevor du diesen Verlust nicht selbst erlebt hast… Doch daraus wächst auch ein wertvolles Verständnis. Nein, es gibt keinen Weg zurück – nur den Blick nach vorn. Auf einen Weg, bei dem ihr uns nicht begleiten könnt; und doch bleibt ihr  an unserer Seite. Erklären lässt sich das nicht; aber spüren: Wir sind sicher in eurem Schutz.

Zitate:
1 – Boy
2 – Soulsavers
3 – Boy
4 – Wilco
5 – Self
6 – Get Well Soon
7 – Grey’s Anatomy

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