OPEL Arena: Führung im 05-Schmuckkästchen

Hier machen sich die Spieler fit für jede Partie.

Hier machen sich die Spieler fit für jede Partie.

Natürlich könnte man sich das Stadion des Herzensvereins – theoretisch – einfach anschauen: Tür auf, Nase rein, Gang durch die Arena. Aber dann würde man all die famosen Anekdoten verpassen, die dort bei offiziellen Rundgängen zum Besten gegeben werden. Und das wäre schade, denn wer zu den rund 14.000 Fans und Interessierten gehört, die sich einer der aktuell etwa 650 Führungen im Jahr anschließen, erfährt viel Neues über die 05-Heimspielstätte.

Für die aktuelle Folge Wortpiratin rot-weiß habe ich mich von Sophie Büchner und Marco Zerban an der Hand nehmen und durchs Stadion führen lassen.

Fuck you, bodyshaming: Lektion in Selbstliebe

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, geht so: Vor gut drei Jahren saß ich vor einem sehr hell erleuchteten Spiegel, in der Erwartung, für einen Fernsehauftritt geschminkt zu werden. Die dafür zuständige Maskenbildnerin trat neben mich, musterte mein Gesicht und sagte dann: „Na, bei Ihnen muss man ja ganz schön kleistern.“ Ich lächelte höflich gegen meine Irritation an, folgte mit meinen Blicken den Kreisen, die sie mit ihren Fingern in die Luft zeichnete, und hörte als nächstes den Satz: „Aber mutig, dass Sie sich trotzdem vor die Kamera trauen.“

Zwar war ich geistesgegenwärtig genug, um zu erwidern: „Ich gehe so ja auch auf die Straße“, aber der Satz fiel bedeutungsleer in eine Lücke, die sich in meinem Gehirn auftat. Wovon redete die Frau? Während sie also munter kleisterte, fragte ich schüchtern, was sie mit ihrer Bemerkung genau gemeint hatte. Sie hielt inne, offenbar überwältigt von so viel Begriffsstutzigkeit. „Na, Ihre Pigmentflecken!“ Ich betrachtete mein Gesicht wie mit neuen Augen im Spiegel. Pigmentflecken. Ah! Das mussten die ulkigen Verfärbungen sein, die sich ein, zwei Jahre zuvor zum ersten Mal in mein Gesicht geschlichen hatten.

Dunkel erinnerte ich mich an den spanischen Sommer, der mich, anders als seine Vorgänger, nicht gleichmäßig gebräunt, sondern eher zufällig betupft hatte. Klar hatte mich das irritiert, allerdings kannte ich diese Entwicklung schon von meiner kleinen Schwester und hatte ihr so keine weitere Bedeutung beigemessen. Der Körper verändert sich eben, die Haut sowieso, und mir lag es nach einer kurzen aber heftigen Phase mit extremen Hautunreinheiten ein paar Jahre zuvor ehrlich gesagt fern, mir darüber je wieder Sorgen zu machen. Andererseits, war das vielleicht eine totale Verweigerungshaltung? Gab es ein Problem, das ich beharrlich ignorierte?

Hallo, ich heiße Mara und ich möchte über Pigmentflecken reden.

Hallo, ich heiße Mara und ich möchte über Pigmentflecken reden.

Ich brachte den Auftritt gut über die Bühne, die Unterhaltung in der Maske aber blieb mir im Gedächtnis. Die Dame hatte mir empfohlen, mir die Haut abhobeln zu lassen, was sich eher fies anhörte. Aber als ich ein paar Tage später ohnehin bei meinem Hautarzt war, fragte ich ihn nach den Flecken – und was man dagegen tun könne. Seine wie stets pragmatische Antwort lautete: „Nichts.“ Da sei viel Zeug auf dem Markt, mit dem die Hersteller einen Haufen Geld verdienten. „Aber das ist im Prinzip alles Quatsch.“ Er riet mir, im Gesicht Sonnenschutz mit besonders hohem Lichtfaktor zu nutzen. „Und wenn es Sie partout stört, bleiben sie eben aus der Sonne.“ Damit hätte das Thema eigentlich wieder erledigt sein können. Eigentlich…

Erst grämen, dann cremen
„Wie findest du das denn, mit den Pigmentflecken?“, fragte ich meine kleine Schwester bei unserem nächsten Treffen. Die schnaubte und rollte mit den Augen. „Beschissen, aber was soll ich machen? Die sind halt da.“ „Hast du mal versucht, was dagegen zu machen?“ „Ja, aber das bringt alles nichts.“ Ich befühlte mit den Fingern vorsichtig die Haut in meinem Gesicht, als ob die kleinen, verfärbten Stellen spürbar wären. Aber da war kein Widerstand, den meine Finger brechen mussten, kein Hubbel, nichts, was die Bewegung aufhielt. Und doch hatte sich seit der achtlosen Bemerkung der Maskenbildnerin etwas daran verändert, wie ich mich selbst im Spiegel betrachtete, wie ein leises Bedauern darüber, was mit mir und meinem Gesicht passiert war.

Ein paar Tage später goss ich das Wort, das mich neuerdings verfolgte, mit Bedacht ins Netz – und erstarrte. Das Thema wurde dort behandelt wie eine schwerwiegende Krankheit. Ich stieß auf Foren voller Frauen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen wollten, die sich seit Monaten und Jahren grämten und cremten, eine Tube nach der anderen, teuer im Ausland bestellt, alles, um den Teufel aus ihrem Gesicht zu verjagen. Die Tübchen in den USA und in China bestellten, weil dort härtere, schärfere Substanzen erlaubt waren, um das, wovon sie sich so gezeichnet fühlten, aus ihrer Haut auszuradieren, sie dabei aber eigentlich nur zerstörten.

Die Vorher-Nachher-Bilder zeigten hübsche Frauen, deren Haut auf dem zweiten Foto fast wie verbrannt erschien, die dabei aber Hoffnung in den Augen trugen, den Feind zu besiegen. Frauen, die nicht mehr als einen Hauch von Flecken oder Verfärbung im Gesicht trugen, denen man aber weißgemacht hatte, sie seien entstellt, hässlich und kaum mehr vorzeigbar. Ehrlich verzweifelte und traurige Frauen, denen man ein Problem eingeredet hatte, weil sie einer scheinbaren Norm nicht entsprachen und weil man hoffte, so verunsichert Geld mit ihnen verdienen zu können.

Die unerkannte Schwangerschaft
Rückblickend frage ich mich, wieso ich nicht spätestens da die Stimme der Maskenbildnerin aus meinem Ohr geschüttelt und das ärgerliche Thema zu den Akten gelegt habe. Aber manchmal sind wir Menschen eben irrational, knüpft eine dumme Bemerkung, achtlos dahingesagt, an die eigene Geschichte an, weckt alte Geister, und lässt uns entsprechend nicht mehr los. In mir jedenfalls war eine Verunsicherung, die mich einfach nicht loslassen wollte, die ich weiter zu beruhigen versuchte, der ich etwas entgegensetzen musste. Nur: was? Wenn ich weder beim Hautarzt noch online Hilfe finden konnte, blieb eigentlich nur noch die Zunft der Apotheker. Also ging ich in die Apotheke, um mich beraten zu lassen. Mit leiser Stimme fragte ich, was man mir gegen Pigmentflecken empfehlen könne – und geriet direkt an die richtige Person.

„Oh, die sind ganz schrecklich bei Ihnen, das sehe ich schon!“, erklärte die Frau und fragte, ob die Schandflecken ein Relikt meiner Schwangerschaft seien. Äh. Nö. Wie? Ich lernte, es sind (klar!) die Hormone, deren harscher Pinsel für die Flecken verantwortlich ist, weshalb meine Gegenüber ihren ältesten Sprössling dafür verantwortlich machte. „Aber sie haben es nicht bemerkt?“ „Öh?“ „Die Schwangerschaft?“ Ja davon liest man ja dauernd: Frauen, die sich jahrelang fragen, wer der traurig aussehende kleine Bub ist, der morgens bei ihnen am Frühstückstisch sitzt, weil sie ihre Schwangerschaft nicht bemerkt haben… „Ich war nie schwanger.“ „Ach, auch kein Abbruch oder Abgang?“ „Nein.“ Sie griff mitfühlend nach meiner Hand, was mich einen Schritt zurückweichen ließ. „Das ist dann ja noch schlimmer.“ Ich verstand nicht, wieso ich, ohne es zu wollen, gerade offenbar alles immer noch schlimmer machte. „So eine komplett sinnlose Laune der Natur.“ Hatte die Frau ernsthaft Tränen in den Augen? Und bebte ihre Stimme?

Wie bescheuert man sein kann
Ich floh. Aus der Apotheke, aus dem Thema, aus der aufgezwungenen Not. Eine Apotheke weiter griff ich beherzt ins Regal (immerhin hatte ich mich ja online informiert), kaufte hautfreundliche Sonnencreme mit LSF 50 und ein Serum, das die Bildung neuer Pigmentflecken verhindern sollte. Ich verließ den Rest des Sommers die Wohnung niemals, ohne zuvor Sunlotion benutzt zu haben, tupfte das Serum und hielt mich stärker als sonst aus der Sonne. So richtig glücklich machte mich nichts davon – und eine wie auch immer geartete Verbesserung meines Hautbildes konnte ich auch nicht feststellen. Was ich aber feststellen konnte, war, dass die Sonne mir fehlte. Und irgendwann später, als ich zufällig Bilder jenes Sommers betrachtete, in denen die Pigmentflecken zum ersten Mal aufgetaucht waren – und auf denen ich einfach nur glücklich aussah–, dass ich echt komplett und vollkommen die Schnauze voll hatte.

Der aktuelle Urlaub hat mich mal wieder völlig verunstaltet. Es ist ein Trauerspiel...

Der aktuelle Urlaub hat mich mal wieder völlig verunstaltet. Es ist ein Trauerspiel…

Ich hatte die Schnauze voll davon, mir von wildfremden Menschen erzählen zu lassen, wie ich auszusehen und wofür ich mich zu schämen hatte. Davon, Geld auszugeben für Produkte, die nachweislich nichts veränderten. Und ich hatte die Schnauze ganz besonders voll davon, mit Ende dreißig durch eine einzige, dumme Bemerkung in die Gedankenfalle getappt zu sein, die mich an jenem Abend erwischt hatte, und auf diesen Unsinn tatsächlich zu hören. Wie saublöd war ich eigentlich? Klar, ich konnte mir die Gründe dafür herleiten, aber ich wollte sie nicht mehr gelten und mich vor allem nicht von ihnen dominieren lassen. Ich wollte aber auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern ich wollte diese Geschichte erzählen.

Fuck you, bodyshaming
Weil es an jedem verdammten Tag passiert, das kleine Mädchen, junge Frauen, ältere Damen, Kids, Chicks, Teenager, Girls und Women durch flapsige Bemerkungen, doofe Sprüche und vermeintlich wohlwollende Kommentare angegriffen werden. Weil wir, die Frauen, auf einem gewissen Level ein Leben lang angreifbar bleiben für und von Teile(n) einer Gesellschaft, die von uns und unseren Körpern das Unmögliche verlangen. Die uns in Vorstellungen und Förmchen pressen und uns erklären, was schön ist und annehmbar, woran wir arbeiten müssen und was wir so lassen dürfen, wie es ist.

Weil es immer noch gesellschaftlich akzeptabel ist, Frauen zu allererst nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Weil es für die permanente Herabsetzung von (zumeist weiblichen) Körpern sogar ein Wort gibt: Bodyshaming. Weil viele von uns diese Werturteile internalisiert haben, wir nach etwas streben, einem altersunabhängigen Ideal, das es einfach nicht gibt, es sei denn, man hat den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als sich der Pflege seines Körpers zu widmen. Weil wir viel zu oft unsere Wertigkeit davon ableiten, als läge die in unserem Spiegelbild. Bullshit!

Wir sind großartig!
Wir sind so viel mehr als unsere Körper und deren Tagesform. Wir sind Frauen. Wir sind Töchter, Schwestern, Geliebte. Wir sind beste Freundinnen, Mütter, Ehefrauen. Wir sind Entdeckerinnen, Poetinnen, Schultern zum Ausweinen. Wir sind groß und wir sind klein, blond und brünett, mutig und verunsichert. Wir sind strahlend, abgearbeitet, kreativ, einfallsreich. Wir sind Erzieherinnen, Leuchtturmwärterinnen und Hirnchirurginnen, Aktivistinnen, Seelentröster, Nervensägen. Wir sind laut und wir sind leise, wir können alles alleine und brauchen Hilfe. Wir sind stark und wir sind anlehnungsbedürftig, wir sind Mechanikerinnen und Moderatorinnen, unendlich traurig und unfassbar glücklich.

Wir sind offen und wir sind verschlossen, wir sind verliebt und wir werden geliebt, wir fliegen irgendwann zum Mars und wir waten durchs Meer, wir sind alles, was wir sein möchten und noch viel mehr, wir ziehen uns zurück und wir wachsen über uns hinaus. Und nichts davon verändert sich durch die Flecken auf unserer Haut oder die Kilos auf unseren Hüften, auch nicht durch die Dellen unserer Schenkel oder die ersten grauen Haare. Unsere Körper sind das Haus, in dem wir wohnen, das mit uns wächst und sich entwickelt. Wir sind schön, von innen und von außen, genau so, wie wir beschließen zu sein, wie das Leben uns prägt und wir uns ihm zeigen.

Es heißt, die Haut sei das Spiegelbild unserer Seele. Jedes Jahr, wenn der Sommer kommt, zeichnet meine Seele einen Teil ihrer Geheimnisse mit sanftem Pinsel in mein Gesicht. Die Flecken, die unter ihrer Hand entstehen, sehen aus wie Wolken, wie Kontinente, wie Sandburgen. Sie verraten, wo ich schon gewesen bin und wo mein Leben mich noch hintragen wird. Und wenn der Sommer vorbei ist, baut meine Seele ihre Leinwände ab, verpackt sie bis zum nächsten Jahr, wenn sie erneut darauf zu zeichnen beginnt. Es sind Seelenlandschaften, die für eine kurze Zeit des Jahres auch auf meiner Oberfläche zu sehen sind. Ich finde sie wunderschön.

Christian Viering: Für die Fans im 05-Aufsichtsrat

Alle meine Kolumnen beginnen mit den Worten: Ja, hallo… Ist euch das mal aufgefallen? Mir schon und ich wollte eigentlich darauf achten, das zu variieren. Und trotzdem stelle ich nach jedem Dreh fest, ich habe das wieder ganz genau so gemacht. Danach folgt, na klar, ein immer ernst gemeintes Dankeschön an den jeweiligen Gesprächspartner.

Es geht nicht um mich, sondern um meinen Verein, für den ich mich einsetzen möchte. Dazu zerre ich gerne jedes Fanthema so lange in den Aufsichtsrat, bis es dort Gehör findet. (Allgemeine Zeitung)

Im aktuellen Falle war das Christian Viering, der gerade von der Fanabteilung des 1. FSV Mainz 05 als ihr Kandidat für den künftigen Aufsichtsrat bestimmt worden war. Inzwischen wurde er auch offiziell bestätigt und ist nun Teil dieses für den Verein neuen Gremiums. Herzlichen Glückwunsch!

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Zwölfvierdrei: Brief an meinen Vater

Zwölf Jahre, vier Monate und drei Tage. So lange ist das nun schon her. Oder besser: zwei Tage. Denn mag dein Totenschein auch eine 30 zeigen, es ist doch die 29, vor der sich mein Herz jedes Jahr in Wehmut verneigt. Es war kurz vor Mitternacht, als du von der Tanzfläche ins Foyer der Halle gingst, die später über viele Jahre keins von uns Kindern betreten wollte; konnte.

Ich stelle mir vor, dass du gelacht hast. Vor Vergnügen über diesen letzten Tanz des Abends, in jenem ausklingenden Januar. Hast du es gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist, als du einen Schritt vor den nächsten setztest? Hast du den Boden gesehen, im Fallen, so wie wir später, im Angesicht der Nachricht deines Todes?

Ich hoffe, stelle mir vor und habe mit den Jahren begonnen zu glauben, das, was du zuletzt bewusst wahrgenommen hast, waren die Bewegungen jenes Tanzes. Im Arm eine junge Frau, die dich noch aufgefordert hatte, als du schon dabei warst, zu gehen. Bevor du tatsächlich gehen musstest. Und ich glaube, auch das hast du in den Tagen zuvor leise gespürt.

Du warst ein guter und vor allem sehr intuitiver Tänzer. Als ich dir bei der Hochzeit meiner kleinen Schwester ein ums andere Mal auf die Füße getreten bist, konntest du es kaum fassen. „Mädel, das ist doch bloß ein Walzer“, hast du da gelacht. Damals habe ich mich schrecklich unbeholfen gefühlt. Auf meiner eigenen Hochzeit hätte ich mir gern von dir auf die Füße treten lassen.

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Ich hatte immer Angst davor, was deine Abwesenheit an diesem Tag mit mir machen würde, auch noch nach all der Zeit. Weil es der eine Moment war, den ich mir nach deinem Abschied nie wieder vorstellen konnte. Bis er tatsächlich da war und mich vollkommen überwältigte mit seinem Glück. Und mein Vermissen? Hat mir diesen Tag geschenkt, sorgsam verpackt und liebevoll überreicht. Ich habe dich gespürt und auch die Freude, die du mit dem Ereignis und der Art und Weise, wie wir es gefeiert haben, empfunden hättest. Es wäre ein Tag ganz nach deinem Geschmack gewesen; dieses Wissen hat warm jeden Anflug von Kummer aus meinen Herzkammern gespült.

Trotzdem habe ich seitdem besonders oft an dich gedacht. Natürlich bist du immer da, und doch ist die Intensität dieses Gefühls im Fluss. Ich denke an dich in Momenten, in denen ich gerne mit dir reden würde über Dinge, die mein Herz beschäftigen. Manches davon erzähle ich heute anderen Menschen, andere Gedanken bleiben ungeteilt: Weil ich sie nur dir anvertraut hätte, nur deinen Rat angenommen, deinen Trost gewollt.

Du fehlst, wenn ich aufbrause und mich später dabei ertappe, übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Eine Disziplin, die ich eindeutig von dir habe – und nur bei dir könnte ich so schimpfen: ohne mich auch nur ein klitzekleines bisschen zurückzunehmen. Rohrspatzverwandter.

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Ich erinnere dich so voller Zärtlichkeit. In den ersten Jahren durfte kein böses Wort über dich gesprochen werden in meiner Gegenwart und ich konnte mich zu keinem Konflikt bekennen, den wir miteinander ausgetragen haben. Irgendwann machte die Heldenverehrung Platz für einen Rückblick ohne Weichzeichner, in dem Liebe und Streitigkeiten, Nähe und Abstoßung, Glück und Wut gleichermaßen ihren Platz haben. Unsere Beziehung war nie perfekt, weil du und ich nicht perfekt sind, und das ist völlig okay. Wenn wir uns stritten, flogen nicht nur die Fetzen, sondern Funken, ganz besonders, als ich ein wütendes Pubertier war, mit Gedanken, die zu bedeutend waren für meinen Kopf, und Gefühlen, die keinen Platz fanden in meinem aufgewühlten Herzen. Du hast nie zurückgezogen, mich nie geschont. Ich bin gewachsen an dir. Und immer wusste ich, dass wir nicht im Streit miteinander schlafen gehen würden. Das Ende jeden Tages brachte eine Versöhnung oder mindestens einen Waffenstillstand.

Der Streit geht, aber die Liebe bleibt. Diese Lektion bringt mein Herz manchmal noch heute nur stotternd hervor, weil sie bei uns zuhause zwischen den Erwachsenen nicht gelebt ward. Aber ich wusste immer, deine Liebe bleibt, und das brachte mich sicher durch eine unruhige Kindheit und Jugend. Als ich an diese Wahrheit, die wie ein Fluss ist, ruhig und klar, zum ersten Mal seit deinem Tod wieder von Herzen glauben konnte, vermochte es mein Herz, JA, für immer zu sagen zu dem Mann, mit dem ich sie gelernt habe und mit dem ich mein Leben teilen möchte. Seitdem fühlt sich alles so anders an… Sogar deine Abwesenheit.

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Früher war ich mir sicher, dürfte ich noch einmal eine Stunde mit dir verbringen, ich würde sie mit niemandem teilen mögen. Natürlich würde ich es wollen, dass du meinen Zauberneffen und meine Zaubernichte kennenlernst, aber in meiner Vorstellung bekämen wir vier Geschwister jeder eine Stunde zuerkannt – und sicher möchte ihre Mama dir die Kinder selbst vorstellen. Oder vielleicht wollte ich meine kostbaren Minuten mit dir auch einfach für mich alleine haben. Heute würde ich die Stunde mit dir und meinem Mann verbringen, weil mein Herz eine große Falte des Bedauerns daran wirft, dass ihr beide einander verpasst habt.

Es geht mir gut, Paps. Du hast meine Hand erst losgelassen, als meine Füße den Weg bereits finden konnten. Du hast mich, hast uns tatsächlich gerüstet für dieses wilde, heftige, schöne, traurige und wunderbare Leben. Wir würden es immer noch so gerne mit dir teilen. Aber wir finden uns alleine zurecht. Das ist dein größtes Geschenk.

Backlist: 111 Gründe, an die große Liebe zu glauben

Drei Sommer ist es nun her, dass ich in meiner alten Wohnung in Bretzenheim Tag und Nacht an dem Buch saß, das mein erstes alleiniges werden sollte, weshalb es mir bis heute besonders viel bedeutet: „111 Gründe, an die große Liebe zu glauben“. Mir war das große im Titel ein bisschen drüber, das Titelbild analog zu kitschig. Aber ich habe in dieser Zeit auch gelernt, Kompromisse einzugehen auf dem Weg zu einem großen Ziel… Das Gefühl, Ende Juni 2014 mein Manuskript abzugeben, war unbeschreiblich. Dieses Interview ist damals für die Pressemappe des Verlages entstanden. Vielleicht macht es den einen oder die andere ja neugierig auf das Buch.

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In Ihrem Vorwort schreiben Sie: „Wir glauben, die Liebe verstanden zu haben, dabei wissen wir gar nichts über dieses große Gefühl: Es lässt sich nicht mit dem Verstand erfassen.“ Wie haben Sie sich dennoch diesem starken Gefühl schreibend genähert?
Es hat tatsächlich etwas gedauert, bis ich die vielen Mosaiksteine, die mir direkt in den Sinn kamen, so strukturiert hatte, dass ich damit arbeiten konnte. Fest stand für mich, „klassische“ Themen wie die erste Liebe, Liebeslieder oder Liebeskummer sollen im Buch vorkommen. Natürlich wollte ich über die Liebe auch in den verschiedenen Phasen einer Partnerschaft schreiben. Da hatte ich dann die Idee, mit Paaren über ihre Beziehungen zu sprechen. Ich glaube, obwohl das Thema an sich absolut universell ist, sind die persönlichen Erfahrungen damit doch sehr verschieden und auch einzigartig, deswegen wollte ich eben gerne andere Menschen mit ihren Geschichten zu Wort kommen lassen. So kamen immer neue Ideen dazu, aber mir fehlte immer noch mein persönlicher roter Faden. Ich habe wirklich lange darüber gegrübelt, dabei lief eigentlich immer Musik. Und plötzlich war eben dieser rote Faden total klar: Songs. Ich habe dann jedes Kapitel nach einem Liebeslied benannt, der das jeweilige Thema für mich widerspiegelt – und ab da ließen sich die Steinchen zusammenfügen.

Jeder Mensch strebt jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde seines Lebens nach der großen Liebe. Was macht für Sie persönlich die allumfassende Magie der Liebe aus?
Das ist gleichzeitig total einfach und wahnsinnig schwer zu beantworten. Ich glaube, was die Magie der Liebe ausmacht spürt man, wenn man in sich hineinhört, das ist der einfache Part. Es jemand anderem zu erklären ist dagegen schwierig. Andererseits ist genau das wieder Teil dieser Magie: Man kann Liebe eben nicht erklären – das mag abgedroschen klingen, trotzdem ist es wahr. Allerdings gehört zu dem Gefühl im echten Leben, also in Beziehungen, natürlich viel mehr als seine Magie und ich finde, es ist wichtig, sich das immer wieder klar zu machen: Wenn Liebe nicht in einem Hollywoodstreifen stattfindet, sondern in der Realität, dann ist es eine große Aufgabe, sie zu behüten und zu pflegen. Auch eine sehr schöne Aufgabe.

Love is all around. (Foto: Verlag)

Love is all around. (Foto: Verlag)

Natürlich gibt es nicht nur die Liebe, die Paare füreinander empfinden, sondern beispielsweise auch die von Eltern gegenüber ihrem Kind, zwischen Geschwistern, zu einem Haustier oder unter besten Freunden. Wie unterscheiden und berücksichtigen Sie diese Formen der Liebe in Ihrem Buch?
Im Mittelpunkt steht tatsächlich die Liebe in Paarbeziehungen, in all ihren Facetten. Also zum Beispiel die erste Verliebtheit oder der rauschende Beginn einer Beziehung. Phasen, in denen man nicht mehr permanent Herzklopfen hat, aber einfach ein wunderschönes, warmes Gefühl verspürt, wenn man den Partner sieht, an ihn denkt. Streit und Krisen sind Thema, Trennung, Liebeskummer… Und natürlich die Liebe in anderen Beziehungen, ja. Dafür habe ich wieder mit Menschen gesprochen, diesmal über die besonderen Bezugspersonen in ihrem Leben und darüber eben geschrieben. Das waren wirklich schöne Gespräche und das Kapitel über diese Beziehungen gehört zu meinen liebsten.

Wie so vieles im Leben kann auch das intensive Gefühl der Liebe seine Schattenseiten haben. In Ihrem Buch sparen Sie die sensiblen Themen Liebeskummer, Enttäuschung und unerfüllte Liebe nicht aus. Warum haben Sie sich auch diesen unschönen Aspekten gewidmet?
Alles andere hätte ich als total unehrlich empfunden und gleichzeitig auch als unvollständig. Liebeskummer und schlechte Erfahrungen mit anderen gehören genauso zum Leben wie die positiven Facetten der Beziehungen, die wir führen. Erst zusammen ergeben Sie auch Sinn, finde ich. Natürlich sieht man das in der Situation nicht so – aber ich möchte jetzt, wo sie in der Vergangenheit liegen, keine der schlechten Erfahrungen missen, die ich gemacht habe… Ich wäre ohne sie heute doch auch ein ganz anderer Mensch.

Alles, was die Menschen intensiv beschäftigt, findet immer auch seinen Niederschlag in der Kunst: Etliche Gemälde, Musikstücke oder Filme drehen sich ausschließlich oder zumindest in Teilen um Liebe. Was macht Ihrer Meinung nach den großen, auch kommerziellen, Erfolg der künstlerischen Darstellung von Liebe aus?
Na, wie heißt es so schön, es ist alles eine Sache von Angebot und Nachfrage. Für Liebe gibt es eine große Nachfrage, das lässt sich auf sämtliche Lebensbereiche übertragen. Zumal eben gerade Filme, Bücher oder Songs sämtliche Seiten der Liebe thematisieren, positive wie auch negative, insofern wird also für jede Nachfrage-Stimmung ein passendes Angebot geschaffen. Ein anderer, sehr viel schönerer Grund ist denke ich, dass Liebe die Menschen schon immer sehr beschäftigt hat – und deswegen natürlich Künstlern auch ganz klar als Inspiration dient.

Wetter

In „111 Gründe, an die große Liebe zu glauben“ beschäftigen Sie sich unter anderem mit der Frage, wie sich die gegenseitige Zuneigung frisch halten lässt. Was glauben Sie: Gibt es ein Patentrezept für die ewige Liebe?
Ich glaube, es gibt für überhaupt nichts im Leben ein Patentrezept, weil jeder Mensch eben anders denkt, fühlt und funktioniert. Für die Liebe dürfte es demnach erst recht kein Rezept geben, weil sich in ihr gleich zwei Menschen finden, mit all ihren Verschiedenheiten. Etwas praktischer runtergebrochen bin ich aber davon überzeugt, ein Miteinander kann immer nur dann gelingen, wenn Menschen kommunizieren, und wenn sie einander achtsam sind – das gilt natürlich auch und besonders in der Liebe.

Pessimisten würden sagen, dass es naiv sei, an die große Liebe zu glauben. Was lässt Sie hoffen, dass es die große Liebe wirklich gibt?
Ich glaube, der Wunsch, zu lieben und geliebt zu werden, ist so tief in uns verwurzelt, dafür brauchen wir an gar nichts zu glauben und uns auch nichts vorzunehmen: Wenn wir auf den Menschen treffen, der etwas in uns auslöst, stellt das sowieso alles auf den Kopf. Die Frage ist mehr, wie geht es danach weiter, was passiert mit diesem Gefühl und können wir es uns bewahren. Daran zu glauben finde ich ganz wichtig. Das hat ja immer auch mit Hoffnungen zu tun. Natürlich passiert es unterwegs, dass sozusagen das Leben diese Naivität verbessert und wir auch auf die Nase fallen. Das ist ziemlich beschissen und schmerzhaft. Aber davon darf man sich nicht abhalten lassen. Ich glaube ganz sicher: Die Liebe findet ihren Weg.