Ich werde mein Leben lang üben…

Heute vor 13 Jahren hast du morgens zum letzten Mal die Augen aufgeschlagen. Wenn ich meine schließe, dann kann ich dich in dem lichtdurchfluteten Schlafzimmer mit der Schräge unterm Dach deines Häuschens sehen. Hier wolltest du, der so mutig war, mit 68 einen neuen Anfang zu wagen, noch einmal glücklich sein – doch das Leben hatte andere Pläne. Und statt ein paar Tage später mit dir zu feiern, dass nun endlich alles einen Platz gefunden hatte im neuen Zuhause, räumten wir Geschwister kurze Wochen nach dem Umzug deine Sachen in Kisten und teilten das, was dir am liebsten gewesen waren, als Erinnerungen unter uns auf.

Grab

In den ersten Jahren nach deinem Tod wuchs dieser Tag, an dessen Ende du neben einer Tanzfläche zusammengebrochen bist, wo die Ersthelfer dich nicht retten konnten, sich zu einer vollen Woche, manchmal dem ganzen Januar aus in seiner Bedeutung. Er schlich sich an, besprühte uns mit seinem eisigen Nebel und wickelte uns ein mit seiner Dunkelheit. Er stach Kummer wie kleine Eiszapfen in unsere Herzen, die verstummten im Angesicht deines Todes. Wir Geschwister waren füreinander da, fanden Trost in den Armen der anderen, die ohne dich nicht in der Welt wären. Doch spürten auch schmerzhaft das Fehlen der zweiten Hälfe: Von all dem Scheitern, das wir in den Beziehungen zu unseren Müttern erlebten, war keines größer in seiner Hilflosigkeit, als nicht gemeinsam um dich zu weinen.

Mit den Jahren lernen wir, diesen Tag kommen und gehen zu sehen, ohne daran immer aufs Neue zu brechen. Der laute Ton der Trauer im Verlust ist zu einer Melodie geworden, die im Hintergrund flüsternd spielt. Ein dunkler, ruhiger Ton im Klang der Tage, der nur noch selten anschwillt und alle Aufmerksamkeit fordert. Das vergangene Jahr war so voller Wunder und voller Abschiedskummer, dass mein Herz noch überquillt von seinen gewaltigen Momenten. Und vermutlich liegt es daran, dass sich die Tonfolge dieses speziellen Tages gerade heute mit solchem Fortissimo in mein Herz spielt. Ein letzter Morgen, ein letztes Frühstück. Ein letztes Lachen, ein letzter Tanz. Ein letzter Schritt, ein letzter Atemzug. Vor 13 Jahren. Eine Zahl und darin eine Ewigkeit an Momenten, die wir ohne dich erlebt haben.

Foto Paps

Deine kalte, starre Hand in der einsamen Stille der Leichenhalle. Dich zu sehen, deine Hülle, dich schon zu vermissen, dein Herz, das nicht mehr schlug unter dem Hemd, das dir fremde Hände übergestreift hatten für die letzte Reise. Die dich für immer von uns fort führte und uns doch nicht trennen kann von der Liebe, die dein Herz angetrieben hat, auch durch die langen Jahre deiner Krankheit. Der du ins Gesicht gelacht hast, als sei nichts dabei. Als sei das nicht die größtmögliche Ironie, dass dieses Organ so stark ist in seiner Liebe, aber von schwacher Konstitution. Doch eine solche Denke war dir fremd. Du hast dich nie bestimmen lassen von der Krankheit, bist ihr mutig entgegengetreten und hast uns aufgefordert, es dir gleichzutun.

Manchmal habe ich diese Kompromisslosigkeit gehasst, an der wir wachsen, die uns stark machen sollte. Ich wollte noch nicht stark sein, mich lieber hinter deinem Mut verstecken, dich die Kämpfe austragen lassen, die das Leben mir ausrichtete. Du hast mir den Rücken gestärkt und meine Hand gehalten, wenn der Moment neu und bedrohlich schien. Du hast die Hand kopfschüttelnd hinterm Rücken versteckt, mir Mut zugeflüstert und den einen Schubs gegeben, den es brauchte, damit ich Herausforderungen alleine meistere. So, wie du vor keiner Aufgabe zurückscheutest, hast du auch uns alles zugetraut. Und mal war das Fluch, aber viel öfter war es Segen, den ich noch heute spüre, wenn das Leben mich fordert.

Muemling

Beziehungen werden vom Leben geformt, nicht dem Tod. Du bist Konflikten und Streit nie aus dem Weg gegangen. Mir hat das auch Angst gemacht, in unserer Rohrspatzverwandtschaft, wenn wir miteinander in den Ring gestiegen sind. Was, wenn wir uns nach dem Kampf nie wiedersehen? Du hast das nicht gelten lassen, weil die Liebe sich doch nicht definiert über einen letzten geteilten Moment. Uns hat das Leben beschenkt mit einer liebevollen letzten Umarmung, gemurmelten Dankesworten und einem unverhofften Telefonat, nur Stunden vor deinem letzten Atemzug.

Und doch hat mein Herz diese Scheu vor Konflikten nie ganz abgelegt, den Moment der Furcht, ein gestrittenes Wort könnte den letzten Punkt setzen. Nach deinem Tod habe ich in Endlosschleife „Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst“ gehört und die Zeile ist mir geblieben mit ihrem einfachen, ernsten Wunsch, Liebe zu den Herzmenschen immer zu pflegen, wachsen zu lassen und sorgsam zu behüten.

Couchpotatoes

Ich bin gewachsen an deinen Erwartungen. Du hast mich stark gemacht mit deinem Mut. Und doch durfte ich immer schwach sein bei dir. Deine Liebe hat keine Forderung gestellt. Jede Träne hast du aufgefangen mit deinen großen, weichen Händen, von denen eine ganz besondere Wärme ausging. Jedes Glück hast du vermehrt mit deiner ganz besonderen Art, dich zu freuen, die ganz ruhig war, beinahe still, aber ein Feuer entfachte, das hell brannte.

Ich vermisse diese Hände. Ich vermisse dieses Feuer. Und ich vermisse dich. Deinen klugen Witz, deinen Rat. All die Momente, die uns nicht geblieben sind. Und weiß doch, ich kann dich niemals verlieren. Weil die Erinnerung an dich als neues Feuer in mir brennt. Und ein Echo deiner Liebe in jedem Schlag meines Herzens klingt. Ich bleibe immer deine Tochter.

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Bayer Leverkusen

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem Spiel bei Bayer 04 Leverkusen habe ich mit Kevin Scheuren gesprochen, der regelmäßig für MeinSportradio.de am Mikrofon steht.

Stadion 0

Hallo Kevin, erstmal schön, dass du dir Zeit für mich nimmst. Du begleitest Bayer Leverkusen sowohl mit dem Fanherzen als auch aus der Expertensicht zum Beispiel für Mein Sportradio. Wie schwierig fällt dir der Spagat und wann bleibst du lieber mal weg vom Mikrofon?
Schwer fällt mir dieser Spagat eigentlich nie, weil ich meine Mannschaft immer besonders kritisch sehe und kein gutes Haar an ihr lasse, wenn es sein muss. Ich versuche immer, einen möglichst objektiven Blick auf Bayer 04 zu behalten und schaffe das meistens auch. Klar, manchmal gehen die Pferde mit mir durch, aber das sind die wenigsten Momente meines Fan-/Moderatorendaseins. Weg geblieben vom Mikrofon bin ich, was die Bayer 04-Sendung „Werkskantine am Wasserturm“ auf meinsportradio.de angeht, im Laufe der letzten Saison. Ich glaube, ich hätte mich 60 Minuten einfach nur aufgeregt und diese Art von Podcast will ich nicht machen. Also habe ich mir selbst gesagt, dass ich da erstmal Pause mache und sehe, wie es weitergeht. Durch BuLiSpecial, Starting Grid und Co. ist die Sendung aber leider generell etwas hintenübergefallen, soll aber bald reaktiviert werden.

Ein beliebtes Format bei Mein Sportradio ist das Bundesligaspecial. Vor jedem Spieltag sprecht ihr mit Experten über alle anstehenden Begegnungen. Wo findet ihr die und wie motiviert ihr sie dazu, bei dem Format mitzumachen?
Twitter ist manchmal ein Teufelswerk, aber mir hilft es bei der Expertensuche mächtig. Mittlerweile hat man ja viele Fans von vielen Vereinen in der Timeline und kann so immer mal wieder direkt Leute ansprechen, ob sie Lust und Zeit haben, mitzumachen. Mainzer sind da manchmal etwas schwieriger, also wenn ihr donnerstags zwischen 19 und 21 Uhr Zeit habt, meldet euch bei mir. Die Motivation der Leute kommt mittlerweile glaube ich daher, dass sie wissen, es wird eine gute Sendung. Bei mir wird jeder fair behandelt, bringt ja keinem was, wenn er runtergeputzt wird. Es macht Spaß, sich vor dem Spieltag mit anderen Fans auszutauschen und die verschiedenen Sichtweisen auf die Vereine zu erleben. Und manchmal ist eine Vorschau schöner als eine Nachschau, vielleicht ist das auch ein Grund.

Podcasts sind als Format in den letzten Jahren fast explodiert, nicht nur bei Mein Sportradio. Du bist zum Beispiel auch noch für „Beat Yesterday“ am Mikrofon, ein Podcast rund um die Themen Bewegung und Ernährung. Wie erklärst du dir die Beliebtheit?
Man hat keine nervigen Radiosingles nebenbei! Haha, nein Quatsch, ich glaube einfach, dass die Leute neugierig auf die Interessen anderer Menschen sind. Wir teilen auf vielen Ebenen viele Interessen, und wenn man dann Lust hat, sich eine Stunde oder mehr zu einem Thema anzuhören, lädt man sich eben einen Podcast runter. Ich habe früher nur Musik in der Bahn gehört, mittlerweile nur noch diverse Podcasts. Vielleicht ist die Musik schlechter geworden, ich weiß es nicht. Das Format ist sehr frei, man hat kaum Restriktionen und kann sich wunderbar austoben. Und für den ein oder anderen springen auch noch ein paar Euro mittlerweile raus, was mich für die sehr freut, denn es steckt ja auch Arbeit dahinter.

Kevin Scheuren

Und was ist für dich als Produzierender der Reiz?
Das direkte Feedback, wenn es denn kommt, ist wunderbar. Egal, ob positiv oder negativ, irgendwas finden die Leute an deinen Sendungen, was sie dazu nötigt, zu kommentieren. Mir ist immer lieber, dass die Hörer fünf miese Kommentare schreiben, damit kann ich ja auch arbeiten. Dann mag ich es, noch aus Uniradio-Zeiten hier in Bonn, dass man sich Mühe gibt und ein tolles Projekt veröffentlicht, was sich andere eben auch anhören. Zugegeben, meine Podcasts hören heute mehr Leute als meine Arbeit beim Bonner Uniradio, aber im Grunde ist es das Gleiche. Am Ende sitze ich lange Zeit an einer Sendung, die dann hochgeladen wird und runtergeladen werden kann. Das ist schon toll.

Kommen wir zum Fußball und da erstmal zu deiner Fangeschichte: Wie hat Bayer Leverkusen dich für sich gewinnen können?
Mein Vater hat mich 1997 zum sagenumwobenen 4:2 gegen die Bayern mitgenommen. Es war das Spiel, in dem Ulf Kirsten drei Mal traf und was soll ich sagen? Der Schwatte ist seitdem mein Idol und Bayer 04 meine Mannschaft. Ich komme aus dem Münsterland, da ist alles voll von Schalkern, Dortmundern und Bayern-Fans. Wenn man dann noch andere Farben vertreten kann, umso besser! Die Spielweise von Bayer sagt mir auch zu, ebenso die familiäre Situation im Verein und der Fanszene. Seit 2005/2006 bin ich auch in der aktiven Fanszene dabei – Bayer Leverkusen ist einfach ein geiler Club.

Lange Jahren waren Wolfsburg und Bayer als die beiden Werksclubs für dieses Image nicht bei jedem Fan anderer Vereine wohlgelitten. Heute sind Clubs wie die TSG aus Hoffenheim oder Rasenballsport Leipzig in der Liga, ähnliche Konstrukte drängen nach. Wie empfindest du das, hat sich euer Image dadurch positiv verändert?
Ich bin immer Jemand, der im gleichen Atemzug bei den sogenannten Traditionsvereinen fordert, dass hinterfragt wird, warum Unternehmen aus der Region nicht bereit sind, zu investieren und voranzutreiben. Mit Sicherheit gilt das nicht für Leipzig, aber Hoffenheim, Wolfsburg und eben auch Leverkusen sind aus einem Regionalsponsoring entstanden. Fußballfans mögen es eben nicht, wenn es eine Person ist oder ein Konzern. Das ist dann halt so. Was Bayer angeht – ich denke, wer uns immer noch in eine Schublade mit Leipzig oder Hoffenheim steckt, der macht das bewusst und vergisst die Erfolge des Vereins, die Langlebigkeit in der Bundesliga und die Spieler, die wir entwickelt haben, von denen auch der deutsche Fußball profitiert. Aber ich glaube, dass man Bayer 04 mittlerweile vielerorts mit anderen Augen sieht. Meines Erachtens sind wir per Definition auch ein Traditionsverein. Aber die „Lex Leverkusen“ wird in den Hearts and Minds of Fußballfans immer leben. So be it!

Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler ist ein Phänomen. Die einen werfen finden ihn eher unprofessionell, weil er seine Emotionen nicht immer im Griff hat. Die anderen lieben ihn gerade dafür, dass er öfter mal einen raushaut. Wie siehst du ihn?
Ich mag ihn nicht, er steht für mich für Stillstand und muss weg. Mehr sage ich dazu nicht.

Stadion 1

In der aktuellen Wintertransferphase hat Leverkusen bisher mit Andre Ramalho, der letzte Rückrunde noch an Mainz ausgeliehen war, einen Spieler abgegeben. Geholt wurde bislang niemand. Nach der beeindruckenden Vorstellung gegen die TSG am Wochenende erübrigt sich die Frage fast, aber: Ist das Team wirklich so stark?
Du hast es richtig gesagt: das TEAM ist so stark! Heiko Herrlich hat aus der Trümmertruppe von Roger Schmidt wieder eine Einheit geformt, die zusammensteht und füreinander kämpft. Damit haben wir schon viele Spiele, die wir letzte Saison verloren hätten, zumindest mit einem Punktgewinn abgeschlossen. Ich denke, dass es okay ist, dass wir nichts mehr nachholen, es gibt auch nicht mehr so viele schwere Verletzungen, damit sollte es bis zum Ende der Saison auf jeden Fall klappen. Finde es übrigens schade, dass es mit Andre nicht geklappt hat, positiver Typ, viel Glück für ihn in Salzburg!

Die letzte Saison wurde für Bayer Leverkusen in ihrem Verlauf immer unruhiger. Anfang März musste Roger Schmidt gehen, für ihn kam Tayfun Korkut, der aber nur die Saison zu Ende bringen durfte. Die Verpflichtung von Heiko Herrlich, der gerade Jahn Regensburg in die 2. Liga geführt hatte, kam für viele überraschend. Wie war deine erste Reaktion?
Als er vorgestellt wurde – und dann auch noch als dritte oder gar vierte Wahl – dachte ich: „Oh mein Gott.“ Aber mit der Zeit hat sich das echt gewandelt. Herrlich bringt einen unfassbaren Arbeitseifer mit, er hat der Mannschaft Disziplin vermittelt und scheint den richtigen Ton zu treffen. Was ich höre, sind im Vergleich zu Schmidt alle Spieler zufrieden mit Herrlich und haben Spaß. Natürlich stimmen die Ergebnisse, das gibt ihm Recht. Meine erste Reaktion ist mittlerweile nicht mehr vorhanden, ich bin verhalten optimistisch und sage, dass er genau der richtige Trainer für uns ist.

Der Start in die Saison war eher holprig, vor allem in Sachen Punktausbeute. Mit vier Zählern aus den ersten fünf Spielen kehrte zumindest im Umfeld zunächst keine Ruhe ein. Wie hast du in der Phase die Verantwortlichen und ihren Umgang mit der Situation wahrgenommen?
Positiv! Im Gegensatz zu Schalke 04 haben wir jetzt sogar einen Vorteil: die Krise ist bereits hinter uns. Das könnte im Saisonendspurt noch sehr wichtig werden. Ich bin der Meinung, dass man nicht mehr länger hätte warten KÖNNEN, es aber richtig war zu warten und dann den Turnaround zu schaffen. Ich glaube, dass auch noch ganz viel alter Ballast von Schmidt unterwegs war und sich das erstmal einpendeln musste. Von daher war die Reaktion der Vereinsoberen sehr professionell und dennoch mahnend, hat gefruchtet und nun gibt’s keinerlei Diskussionen mehr und alle ziehen an einem Strang.

Trikots

In einem Interview auf der Vereinshomepage sagt Herrlich selbst:

Ich habe nicht erwartet, dass ich hierherkomme und alles sofort funktioniert. Ich bin kein Zauberer. Wir haben uns Schritt für Schritt verbessert, das ist auch ein Prozess, für den ständige Überzeugungsarbeit nötig ist.

Wie beurteilst du nach der ersten gemeinsamen Hinrunde seine Arbeit?
Hat er gut gemacht. Taktisch variabel, er sieht Fehler bei sich auch mal ein, er wechselt gut durch, die Ergebnisse geben ihm recht. Alles besser als unter Schmidt. Schlechter ging es ja auch nicht mehr – spielerisch und in Sachen Stimmung. Ich mag Herrlich, er hat eine Art an sich, die sicher auch polarisiert und macht Sachen, die verwundern (Stichwort Mönchengladbach), aber er entschuldigt sich dann und gut ist. Er will gewinnen, er ist ein Getriebener und das finde ich positiv. Er hat Spieler besser gemacht, allen voran Leon Bailey, aber auch Kevin Volland. Er gibt den Leuten Vertrauen, er ist umgänglich. Bitte mehr davon und am Ende hoffentlich die Qualifikation für das internationale Geschäft und das Pokalfinale in Berlin!

Der Spieler aus dem Bayer-Kader, dessen Name aktuell jeder in der Liga kennt ist – du hast ihn gerade genannt – Leon Bailey. Was macht den Jamaikaner so stark? Und auf welche Spieler sollten die Mainzer außerdem achten in der Vorbereitung aufs Spiel?
Leon ist pfeilschnell, stark am Ball und schließt ab wie ein erfahrener Mittelstürmer. Er ist das komplette Paket und wird den Verein irgendwann für viel Geld verlassen. Diese Unbekümmertheit macht ihn glaube ich auch aus. Ein Spieler, den man nur einmal in seiner Generation bekommt. Faszinierend! Ansonsten hoffe ich sehr auf Karim Bellarabi, der immer stärker wird und bald hoffentlich seine Abschlussstärke wiederfindet. Er spielt derzeit bemüht, es klappt aber noch nicht so ganz. Unsere gesamte Offensivreihe mit Bailey, Volland, Bellarabi, Havertz und Brandt ist natürlich immer gefährlich und gerade bei Heimspielen haben wir in dieser Saison vieles richtiggemacht. Das klingt jetzt sicher fies, aber an einem guten Tag hat Mainz 05 keine Chance gegen uns.

Nach dem überzeugenden Auftritt gegen Hoffenheim sind zahlreiche Bayer-Spieler in den diversen Aufstellungen zur „11 des Tages“ vertreten. Kein idealer Zeitpunkt, um die Reise nach Leverkusen anzutreten. Was macht euch aktuell so stark?
Dass wir auch aus schlechteren Spielen das Maximum herausholen und ein bisschen Effizienz entwickelt haben. Die ging uns etwas ab zuvor. In Hoffenheim hat das gut funktioniert, obwohl die TSG – so ehrlich muss man sein – sehr schnell die Köpfe hat hängen lassen. Zuhause sind wir eigentlich wirklich stark, da lassen wir recht wenig zu, aber bin gespannt, die Mainzer machen uns das Leben gerne schwer und durch Sandro Schwarz kommt eine gewisse Grundaggressivität dazu, die uns schon im Hinspiel das Genick gebrochen hat. Schweres Spiel!

Du sagst es: Die Bilanz der Mainzer gegen Bayer ist nicht schlecht. Letzte Saison war der sehr überraschende Auswärtsdreier einziger Lichtblick in einer düsteren Mainzer Phase. Warum schaffen es die 05er unter quasi jedem Trainer, euch durchaus Probleme zu bereiten?
Weil wir uns gegen stark kämpfende, kompakt stehende und gut konternde Teams sehr gerne mal schwertun, alle Aspekte treffen auf die 05er zu. Das wird gelebt, das kann man gegen Bayer gut spielen. Damit tut ihr uns weh. Wenn ihr dann, wie im Hinspiel, effektiv eure Konter ausspielt, dann gewinnt ihr das auch völlig verdient. Aber das können wir alles selbst verhindern. Spiel machen, Tore schießen, Zahn ziehen – das muss das Ziel sein. Euch gar nicht erst in den Kampf kommen lassen. Mission: K.O. in Runde 1.

Stadion 2

Du verfolgst ja die gesamte 1. Liga. Wie war dein Eindruck von Mainz 05 in den ungewohnt chaotischen letzten 18 Monaten? Und glaubst du, die zuletzt häufigeren Schwächephasen der Mannschaft hängen am Ende auch mit derlei Unruhen zusammen?
Das lässt weder das Umfeld, die Fans, noch die Mannschaft kalt. Ist doch vollkommen klar. Ich finde es immer etwas schade, wenn ich auf Mainz schaue und sehe, in welche Richtung sich das alles entwickelt hat. Man baute jahrelang mühsam alles auf und dann reißt man es sich mit dem Arsch ein. Ich hoffe, dass unter dem neuen Führungsteam alles besser wird, sonst wird es sehr eng, denn sportlich braucht es durch die neue Ruhe im Verein auch die konstanten Punktgewinne. Ich sagte es dir ja in der BuLiSpecial-Saisonvorschau: Mainz 05 ist mein Abstiegskandidat Nummer eins. Dazu stehe ich nach wie vor, denn die Kölner werden jetzt rankommen. Das macht es für euch nochmal schwerer. Ich bin auch ganz ehrlich: ich mag Sandro Schwarz nicht. Seine Art, wie er sich nach außen gibt, das ist einfach einer, der mir nicht zusagt. Seine Art, Fußball zu spielen, die sehr nickelig und aggressiv ist, ist auch nicht ganz meine Art. Finde ich nicht ehrlich. ABER – ihr habt tolle Offensivspieler in euren Reihen, die alle für sich hervorragend kicken können. Sprich, ihr müsstet nicht da unten stehen. Wenn alles gut geht, dann ist jetzt die Ruhe im Verein, die er verdient hat (denn die gute Arbeit ist geleistet worden), das spiegelt sich auf Fans und Mannschaft wider und ihr holt euch die nötigen Punkte für den Klassenerhalt.

Nach Leverkusen kommen die Mainzer aber mit dem Rückenwind eines stark erkämpften Dreiers und einer erfolgreichen Präsidentenwahl. Was ist Bayers Rezept für das Spiel?
Wir spielen in der BayArena, also müssen wir das Spiel in die Hand nehmen. Wenn uns das gelingt und wir früh treffen, dann sehe ich kein Land für Mainz 05. Im Idealfall ist das Spiel schon zur Halbzeit entschieden, aber das ist der absolute Idealfall. Mainz wird es uns schwermachen, wird eng stehen, da müssen wir erstmal durch. Aber ich hoffe, dass wir das aus einer guten Defensive mit gutem Zusammenspiel zwischen Außenbahn und Spielern an und in der Box schaffen. Und wenn alle Stricke reißen, zieht Leon einmal durch und haut das Ding rein.

Und wie lautet dein Tipp?
Ich gehe aufs Ganze und sage, Bayer gewinnt mit 4:1. Aber für die Spiele danach wünsche ich euch wieder alles Gute und danke für die Einladung!

Ich danke für das Gespräch.

Casablanca: Liebeserklärung beim Poker

Als meine jüngere Schwester und ich kleine Mädchen waren, gab es beim Sonntagsfrühstück ein Spiel, an dessen Entstehung sich niemand aus der Familie erinnern kann: Wer zuletzt an den Tisch kam, lief im Kreis von Stuhl zu Stuhl und gab den anderen einen Kuss. Wir Mädchen machten uns einen Sport daraus, dass dies unser Paps war. Unter fadenscheinigen Gründen lockten wir ihn zurück in die Küche, wenn er bereits saß, nur um dann an ihm vorbei ins Esszimmer zu stürmen, uns hinzusetzen und lautstark zu fordern, er müsse die Kussrunde abhalten.

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Natürlich war ihm klar, was wir da trieben, doch er ließ sich immer darauf ein und hatte vermutlich ebensoviel Spaß wie wir. Ich erinnere mich daran, wie er bei einer dieser Kussrunden scherzhaft nach meinem Kinn griff und mit verstellter Stimme sagte: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Was? Er wiederholte den Satz, meine Schwester und ich sahen uns über den Tisch hinweg achselzuckend an: Was meint er? Mein Paps fiel aus allen Wolken: „Was, ihr kennt Casablanca nicht? Dann müssen wir den unbedingt schauen!“

Ich mag damals zehn, elf Jahre alt gewesen sein, meine Schwester entsprechend sieben oder acht und meine Eltern entschieden, sie war noch zu klein, um den Klassiker anzusehen. Ich aber sollte ihn kennenlernen und wir schauten ihn am nächsten Wochenende. An den Film erinnere ich mich weniger als an das gemeinsame Erlebnis und daran, dass ich absolut hingerissen war, wenn Rick (Humphrey Bogart) seiner Ilsa (Ingrid Bergman) den berühmten Satz so lässig zumurmelte.

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Meine Mutter freute es jedes Mal, wenn Sam „As Time Goes By“ spielte – und mein Vater war dem Glanz seiner Augen nach zu urteilen verknallt in Ingrid Bergman. Dass die am Ende mit Victor Laszlo (Paul Henreid) in den Flieger stieg, statt bei Bogart zu bleiben, war mir allerdings absolut unverständlich – wer steigt in irgendeinen Flieger, wenn die Alternative lautetet, mit Mister Superlässig zu leben?

Es sollten viele Jahre vergehen, bis ich den Klassiker erneut sah. Dabei feststellte, das gezeigte Casablanca wurde hauptsächlich im Studio zusammengebastelt. „As Time Goes By“ ist auf Dauer nicht halb so romantisch wie nervtötend – und viele Dialoge wirken arg zusammengeschustert. Eigentlich lebt der Film tatsächlich nur von der berühmten Zeile: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Und das gilt nur für die deutsche Fassung, denn das berühmte Zitat verdankt „Casablanca“ seinen Übersetzern – und einem Zufall.

Im englischen Original spricht Rick nämlich nicht davon, Ilsa in die Augen zu sehen, sondern sagt lediglich: „Here’s looking at you, kid“, ein Satz, den Bogart häufig benutzte, als er Bergman in den Drehpausen Poker beibrachte – und der erst nach einem improvisierten Take im Film landete.

(Aus: 111 Gründe, an die große Liebe zu glauben)

Mainz 05 – Das Gebot der Stunde lautet: Vertrauen

Hinter allen, die den 1. FSV Mainz 05 im Herzen tragen, liegt ein sehr gutes Wochenende. Die Aufholjagd gegen den VfB Stuttgart am Samstag war Balsam für die Fanseele und hat mal wieder gezeigt, was Mainz 05 ausmacht. Die von Coach Sandro Schwarz ausgerufene Kampfwoche mündete in das versprochene Kampfspiel, die wichtigen drei Punkte blieben daheim, vor einer Kulisse, die bei Schneeregen in Zahlen mäßig, im Auftritt aber lautstark und leidenschaftlich war. Ein Nachmittag, der sich einfach gut angefühlt hat.

Gut angefühlt hat sich auch das Ergebnis bei der Wahl zum neuen Präsidenten von Mainz 05. Im ersten Wahlgang einen mehrheitlichen Kandidaten zu finden, damit hatte wohl niemand so wirklich gerechnet. Genau die dadurch demonstrierte Geschlossenheit ist es aber, die der Verein aktuell so dringend braucht. Dass knapp 1300 Fans den Weg in die Halle 45 gefunden haben, ist ein starkes Bekenntnis zum Verein. Immerhin gab es in den letzten Monaten viele Versammlungen, bei denen die Fans gefragt waren. Dass dieser demokratische Prozess mit einer außerordentlichen Mitgliederversammlung endet, zu der mehr Menschen als bei den bisherigen Zusammenkünften gekommen sind, ist ein starkes Zeichen. Der Verein und die Mitglieder können stolz sein auf das, was gemeinsam gestemmt wurde. Inhaltlich fängt die Arbeit, das hat der neue Präsident Stefan Hofmann bereits betont, nun aber erst an.

Stefan Hofmann, der neue Präsident des FSV Mainz 05. (Quelle: Mainz 05)

Stefan Hofmann, der neue Präsident des FSV Mainz 05. (Quelle: Mainz 05)

Trotz dieser positiven Nachrichten liegt mir noch etwas negativ auf dem Herzen, und es ist mir wichtig, das auch anzusprechen. Die Art und Weise, wie in den letzten Wochen teilweise mit Bewerberin Eva-Maria Federhenn umgegangen wurde, ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Und ich meine damit das Verhalten einiger Fans. Abgesehen von bereits thematisierten Undingen wie der Tatsache, dass sich eine Frau im Jahr 2018 noch die Frage gefallen lassen muss, was sie eigentlich von Fußball versteht, finde ich es schon erstaunlich, wie bereitwillig jede Behauptung und jedes Gerücht über die Kandidatin aufgenommen wurde. Die teilweise fast schon genüssliche Diskussion um Federhenn war geprägt von persönlichen Angriffen auf ihre Person und die Tatsache, dass sie als Frau und eben als Kandidatin des Aufsichtsrates antritt. In der gespannten Erwartungshaltung auf die nächste „Enthüllung“ hatte das schon etwas von Katastrophentourismus.

Bitte nicht falsch verstehen, generelle kritische Nachfragen ebenso wie die zu ihrer Rolle als AR-Kandidatin sind absolut in Ordnung, wenn nicht geboten. So, wie auch die anderen drei Kandidaten sich kritische Nachfragen gefallen lassen mussten. Meinungsbildung gehört zur Demokratie und es ist löblich, wie intensiv die BewerberInnen den Austausch in der Kürze der Zeit zugelassen haben. Die Angriffe gegen Federhenn haben vielfach aber die Grenzen des Anstands weit hinter sich gelassen. Ihren traurigen Abschluss fand diese Aggression in der Mitgliederversammlung, als sie sich nach der Vorstellungsrunde aller vier BewerberInnen hitzig vorgetragene Vorwürfe gefallen lassen musste, die nur schlecht als Fragen getarnt waren.

Aufsichtsratsmitglied Eva Federhenn. (Foto: Malino Schust)

Aufsichtsratsmitglied Eva Federhenn. (Foto: Malino Schust)

Laut wurden da ihre Qualifikation und Integrität in Frage gestellt, wurden Behauptungen dürftig in Frageform gekleidet – all das in einem Ton, der einfach daneben waren. Die Mitglieder reagierten darauf glücklicherweise sensibel. Je lauter das Geschrei in Richtung Podium wurde, umso lauter wurde auch das Plenum. Ziemt es sich normalerweise nicht, Fragesteller bei einer Versammlung auszubuhen, war es in dieser Situation genau richtig. Ein solches Verhalten ist einfach unfassbar. Schwer zu glauben, dass ein Mann, sei er auch Bewerber des Aufsichtsrats, sich genauso hätte attackieren lassen müssen. Zur Erinnerung: Eva Federhenn gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zum Verein, engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich und hat sich für Mainz 05 schon – Pardon my French – an Stellen den Arsch aufgerissen, von deren Existenz diese Krakeeler vermutlich gar nichts wissen.

In den letzten Wochen ist zurecht viel von Identifikation, von Einigkeit und Gemeinsamkeit in unserem Verein geschrieben und gesprochen worden. Ich füge dem noch das Wort Vertrauen hinzu und bitte alle Mitglieder und Fans, davon wieder ein bisschen mehr zu entwickeln.

Mit Stefan Hofmann ist heute ein Präsident gewählt worden, der sich selbst im Vorfeld der Wahl immer wieder als unabhängig beschrieben hat. Darauf sollten wir nun vertrauen. Wir sollten auch darauf vertrauen, dass der – übrigens von den Vereinsmitgliedern selbst gewählte, just saying – Aufsichtsrat den Verein nicht ins etwa Chaos stürzen will und die Mitglieder einige der ihm nicht zwangsläufig zugeteilten Aufgaben in den letzten Monaten vielleicht einfach auch übernommen haben, weil das bekannte Vakuum in der Verantwortung bestand. Wir sollten darauf vertrauen, dass Eva Federhenn ihre Arbeit im Aufsichtsrat weiter verantwortungsvoll ausführen wird, weil völlig unstrittig ist, dass in ihrer Brust ein 05-Herz schlägt.

All das bedeutet keineswegs, dass wir unkritisch sein sollten oder unaufmerksam damit, was in unserem Verein geschieht. Aber wir sollten die Ruhe, die wir fordern, auch geben: Indem wir die Gremien sich nun finden und ihre Arbeit aufnehmen lassen. Das wird sicher schwierig genug, denn es gibt viel zu tun. Allen Beteiligten wünsche ich dabei Mut, Kraft, Ausdauer und ein glückliches Händchen. #nurderFSV

In eigener Sache: kicker, Wahlkampf und ich mittendrin

Sehr geehrte Kollegen des kicker,

in Ihrer Ausgabe vom Donnerstag, 18. Januar, widmen Sie sich unter der Überschrift „Durch die Hintertür“ dem Wahlkampf um das Präsidentenamt beim 1. FSV Mainz 05. In der zweiten Spalte des Berichtes heißt es: 

„Seltsames trug sich zu nach Kaluzas Rücktritt. Aufsichtsratsmitglieder kommentierten im sozialen Netzwerk Facebook den Beitrag einer Fan-Kolumnistin, als wären sie auf einer Fastnachtssitzung. Diese Kolumnistin fasste den Kaluza-Rücktritt – wohl ironisch gemeint – damals so zusammen: ‚Schuld an der Kaluza-Posse tragen: 1. die Fans, vor allem die Ultras; 2. die Medien, vor allem die Allgemeine Zeitung; 3. der neue AR, vor allem Detlev Höhne; 4. die Demokratie, vor allem bei der MV.‘“

Aus dem kicker vom 18. Januar 2018. (Quelle: kicker)

Aus dem kicker vom 18. Januar 2018. (Quelle: kicker)

Diese Darstellung ist inhaltlich falsch. Tatsächlich habe ich an jenem 19. November 2017 die Aufzählung der vermeintlich Schuldigen mit dem entscheidenden Satz eingeleitet:

„Ich fasse mal die Netz-Kommentare des Tages zusammen.“

Als Journalisten dürfte Ihnen der deutliche Unterschied dabei bewusst sein: Die Darstellung in Ihrem Artikel sagt klar, dass ich persönlich Schuldige benenne, Ironie hin oder her. Tatsächlich trage ich nur den Tenor der Nutzer in den sozialen Netzwerken zusammen. Wie ich diesen einordne, dürfte der Abschluss des Postings deutlich machen, auf den Sie in Ihrem Artikel ebenfalls verzichten: „Ja. Ne. Is’ klar.“ Sie stellen meine Äußerungen durch diese Verkürzung also falsch dar. 

Das Facebook-Posting im Original. (Screenshot)

Das Facebook-Posting im Original. (Screenshot)

Dass ich nicht glücklich darüber bin, in Ihre Schlammschlacht rund um die erneute Wahl beim Verein hineingezogen zu werden, ist meine persönliche Befindlichkeit. Dass es dennoch passiert, damit muss ich aber qua Job leben. Der Rest ist deutlich ärgerlicher und als Journalistin, die unter anderem für die benannte Allgemeine Zeitung tätig ist, als Kolumnistin, die regelmäßig mit dem Verein zu tun hat, als Fan mit guten Kontakten zu anderen Vereinsanhängern sowie als Person, die den demokratischen Prozess rund um die neue Struktur des Vereins intensiv begleitet hat, für mich nicht kommentarlos hinnehmbar. Dieses Schreiben werde ich deswegen parallel zur Mail an Ihre Redaktion als Beitrag auf meinem Blog veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen,
Mara Pfeiffer