Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim 1. FC Köln

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal habe ich Axel Goldmann nach seiner Liebe zum 1. FC Köln und den Chancen auf den Klassenerhalt gefragt.

Zurück in Liga 1. Da war die Welt noch in Ordnung. (Foto: Axel Goldmann)

Zurück in Liga 1. Da war die Welt noch in Ordnung. (Foto: Axel Goldmann)

Hallo Axel, wir wollen heute über deinen Verein sprechen und das ist zurzeit sicher nicht so leicht für dich. Fangen wir deswegen an mit dem Blick zurück: Wie bist du FC-Fan geworden?
Hallo Mara, vielen Dank für die Einladung in Deinen Blog. Ach, die Geschichte, wie ich FC-Fan geworden bin, habe ich schon so oft erzählt, das wird ja langsam alt. 😊 Die Kurzfassung: Meine Großeltern hatten einen Kleingarten in Köln-Müngersdorf und als kleiner Junge waren wir mit der Familie dort an den Wochenenden oft zu Gast. Man konnte den Lärm aus dem Stadion hören und ich muss sehr neugierig gewesen sein, was da denn wohl los ist. Mein Opa nahm mich dann mal mit zum Stadion und seitdem bin ich dem 1.FC Köln mit all seinen Unzulänglichkeiten verfallen. Manchmal kann man es sich eben wirklich nicht aussuchen.

Axel Goldmann (Bild: privat)

Axel Goldmann (Bild: privat)

Welche Begegnungen wirst du niemals vergessen? Welche Spieler haben dich in deiner Fan-Karriere besonders fasziniert?
Es gibt sicher einige Begegnungen, die für immer gespeichert sind. Ganz frisch zum Beispiel der erste Auftritt seit 25 Jahren im Europapokal in London. Ich stand völlig fassungslos im Emirates, mir lief es heiß und kalt den Rücken runter und als die Mannschaften auf das Feld kamen, wurden die Augen schon etwas feucht. Oder das 2:0 am letzten Spieltag der vergangenen Saison gegen „euch“. Als Yuya Osako in der 88. Minute alleine auf das Tor zuläuft, das ist ein Moment für die Ewigkeit. Stellvertretend für den 1. FC Köln möchte ich aber ein anderes Spiel erwähnen, welches ich niemals vergessen werde: Mittwoch, 14. Februar 1996. Kalt und nass ist es in Müngersdorf. Der moderne Fußball ist noch nicht mal in Planung, der Rasen ist gefroren, es gibt weder Komfort noch Erlösung. Der Gegner ist Fortuna Düsseldorf. Ausweichlich von Fußballdaten besuchten neben mir wohl noch 19.999 andere Menschen dieses Spiel und, Junge, Junge, was haben wir es bereut. Bis zum heutigen Tag das schlechteste Fußballspiel, das ich je in einem Stadion live sah. Es war furchtbar. Zur Pause überlegten wir kurz, ob wir nicht lieber gehen sollten aber natürlich blieben wir und schauten auch die zweiten 45 Minuten. Fröstelnd, fluchend, die Welt und das Schicksal beschimpfend. Aber genau deshalb ist dieses Spiel ein Paradebeispiel für meine Beziehung mit dem 1.FC Köln. Natürlich sehe ich deutlich mehr schlechten Fußball als guten und natürlich bricht mir der Verein manchmal das Herz, aber deswegen nicht mehr hingehen? Nicht mehr mitfiebern? Ausgeschlossen.

Kannst du uns den Kölner Hype um Poldi erklären? Und dessen umgekehrte innige Liebe zu eurem Verein?
2003 hatte Trainer Marcel Koller wenige Alternativen zu Poldi, die er zum Tore schießen bringen konnte. Eigentlich gab es mit dem Andriy Voronin nur einen Spieler, der wusste wo das Tor stand. Okay, vielleicht noch Matthias Scherz, aber das ist die Krux: Wenn du Mattes Scherz als Hoffnungsträger hast, dann hast du Probleme. In der U21 spielte damals ein junger Typ, der in der U19 Nationalmannschaft in drei Spielen sechs Tore in der EM-Quali geschossen und damit schon ein wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Koller ging das Risiko ein, brachte Lukas Podolski nach oben – und seitdem ist er eben der Prinz, der Poldi, einer von uns. Ein wenig selbstbesoffen, verklärt, wenn es um die Stadt geht, eine unpolierte Schnauze und eben jemand, mit dem man sich identifizieren kann. Er nahm anfangs noch seine Trainingsklamotten mit nach Hause, weil die Oma die waschen sollte, bis man ihm beim FC sagte, dass das nicht nötig ist. Er ist einfach ein feiner Kerl. Jedenfalls bilde ich mir das ein, ich kenne ihn ja nicht persönlich. Tja, und dann ist da eben seine Liebe zum FC, die – ich glaube, darüber gibt es keine zwei Meinungen – nicht gespielt und kein Marketinggag ist. Hier liebt jemand den Club und die Fans und wir lieben ihn. Warum das so ist? Nein, das weiß ich nicht. Er konnte es sich wahrscheinlich auch nicht aussuchen.

Als Betroffene darf ich die Frage ja stellen: Wie nervig findest du es eigentlich, dass vor den Begegnungen unserer Teams immer und überall vom Karnevalsduell gesprochen wird?
Ich überhöre es. Es gehört halt dazu, es ist Folklore. Loss se schwaade, sagen wir dazu in Köln.

So oder so, die Fastnacht in Mainz und der Karneval in Köln tragen viel zur Identifikation der Clubs bei. Kannst du mit diesem Aspekt der Vereinsseele etwas anfangen oder graust es dich eher davor, wenn die Jecken im Stadion loslegen?
Ich bin jedes Jahr froh, wenn der Karneval vorbei ist. Natürlich geh ich Donnerstag und Montag auch raus und feiere den Anlass, aber im Stadion kann ich damit wenig anfangen. Ich kann auch zum Beispiel unsere Torhymne und die ach so gefeierte Höhner-Vereinshymne nicht mehr hören. Herrjeh, die hat ein Leverkusener geschrieben! Aber, naja, ich rette die Welt nicht, da muss sie selbst durch.

In Mainz gab es bei einer Zusammenkunft von Fans, Trainer und Vereinsführung letztens die Frage an Trainer Sandro Schwarz, wie es sein könne, dass die Spieler in einer eher schlechten Saison Rosenmontag feiern. Wie weit darf die Kontrolle des Privatlebens gehen?
Wir sollten nie vergessen, dass Profi-Fußballer junge Menschen sind. Größtenteils in ihren Zwanzigern, die neben ihrem Beruf auch leben dürfen müssen. Natürlich sollen die auch mal feiern gehen, und wenn dann ein Bier getrunken wird, ist das eben so. Sie sollten vielleicht nicht am Spieltag um sechs Uhr morgens von der Polizei nach Hause gebracht werden, aber insgesamt sehe ich das sehr locker. Die meisten Jungs sind doch mittlerweile eh so diszipliniert, dass Ausfälle und Skandale immer weniger werden.

Ventil: Der eigene Podcast. (Logo: der 4. Offizielle)

Ventil: Der eigene Podcast. (Logo: der 4. Offizielle)

Du betreibst rund um deinen Verein den Blog Der vierte Offizielle. Wie lange machst du das schon und was motiviert dich, so viel Zeit in die Beschäftigung mit dem Verein zu stecken?
Den Blog gibt es jetzt über zehn Jahre. Er ist eine Therapie, eine Möglichkeit, die Wand anzuschreien, ohne zwingend eine Wand zu haben. Die Motivation kommt genau daher, ich brauche ab und an ein Ventil, eine Möglichkeit, mich auszudrücken.

Das Thema Podcasts ist in den letzten Jahren stark gewachsen, das war in den Interviews zur Gegnerbetrachtung schon mehrfach Thema. Du betreibst mit drei Kompagnons den Podcast drei90, der mittlerweile fast Kultstatus genießt. Habt ihr diese Entwicklung kommen sehen?
Jetzt ist Kultstatus ein Wort, welches ich bei uns für arg übertrieben halte. Wir sind immer noch ein sehr, sehr kleines Medium, aber natürlich sind wir von der Entwicklung von drei90 selbst überrascht. Wir hatten gehofft, dass wir ein paar Hörer haben, die genauso wie wir Bock auf deutliche Wort und Spaß haben. Das ist in Erfüllung gegangen – und jetzt schauen wir, wo es uns hintreibt. Der „Erfolg“ von drei90 ist für uns überwältigend.

Zum Universum rund um den Podcast gehören immer mehr Personen und Institutionen, die von Außenstehenden gerne mal als echte Personen wahrgenommen werden. Wie weit kann diese Entwicklung gehen? Was plant ihr für Neuheiten? Was blüht dem dubiosen Clown Johannes?
Knast. Im Ernst, die Dynamik, wie sich die Maskottchen-Hysterie oder das Universum rund um BW Mittelstadt entwickelt hat, die kommt ja von unseren Hörern, die den Spaß mitmachen, sich immer neue Ideen und kreative Twitter-Accounts einfallen lassen und die mit ständigem Input dafür sorgen, dass uns auch nie langweilig wird. Über Planungen kann ich gar nicht viel sagen, da wir eh nie planen. Die Dinge entwickeln sich spontan und ohne Masterplan. Aber wir hoffen und sind uns fast sicher, dass da noch einiges kommt.

Bei den Fans bereits absoluter Kult: drei90. (Bild: Screenshot)

Bei den Fans bereits absoluter Kult: drei90. (Bild: Screenshot)

Kommen wir zum 1. FC Köln. Die vergangene Saison war ein Traum für alle Kölner, aber die Bruchlandung in dieser scheint unaufhaltsam. Wie erklärst du dir die sportliche Situation?
Tja, das ist jetzt ein weites Feld. Ich versuche, es zu verkürzen: Der 1. FC Köln 2017/18 ist ein direktes Resultat der vergeudeten Sommerpause. Wir haben durch die EL-Quali etwas Geld in die Hand bekommen, das verschleudert und aus dem Fenster geworfen wurde. Die Mannschaft war schon letztes Jahr kein originärer Kandidat für Europa, lebte aber von der größeren Unfähigkeit anderer – und vorne von Tony Modeste. Im Sommer wurde keine Baustelle geschlossen, es wurden Spieler verpflichtet, die den Verein kein Stück nach vorne brachten (außer vielleicht Meré, den ich ganz gerne mag) und die Spannungen im Innenverhältnis zwischen Peter Stöger und Jörg Schmadtke sowie ein zahnloser Vorstand brachten auch keine Besserung. Dazu viel Verletzungspech (womit du aber rechnen musst, und wenn dann der Kader nicht anständig geplant ist, sind wir wieder am Anfang), ein paar Pech-Momente – und dann biste eben da unten.

Welche Fehler waren es aus deiner Sicht in der Planung der Saison konkret? Über den Cordoba-Transfer in der Höhe kichern wir in Mainz bis ans Ende aller Fußballtage…
Naja, klar. Cordoba ist ein Witz, darüber müssen wir gar nicht sprechen. Der Junge ist halt auch die ärmste Sau, weil er verpflichtet wurde, um einen Spieler zu ersetzen, der – in der damaligen Form – gar nicht zu ersetzen war. Und der auch einen völlig anderen Spielstil hat, der gar nicht in die Mannschaft passt. Dazu kommt, dass er kein deutsch oder englisch spricht, was ich – für einen Profi, der jetzt in seinem vierten Jahr in Deutschland spielt und arbeitet – für eine unfassbare Nachlässigkeit und Arbeitsverweigerung halte. Das ist schon eine Posse, das kann man gar nicht anders beschreiben. Aber Cordoba ist nur die Hälfte der Geschichte.
Auch neben ihm wurde nichts getan, um die Mannschaft besser zu machen. Wir haben seit Jahren Probleme im Spielaufbau, hier wurde ebenfalls nichts getan, wir suchen seit Ewigkeiten Stabilität auf rechts, auch das wurde komplett ignoriert. Stattdessen wird ein Jannes Horn für ebenfalls unglaubliche sieben Millionen Euro aus Wolfsburg geholt. Sein Talent hätte man sicher auch in der eigenen U23 finden können. Über den Panikkauf Pizarro möchte ich auch lieber den Mantel des Schweigens legen. Der Mann verdient bei uns 2 Millionen im Jahr. Das war ein teures Tor bisher und verhinderte die Niederlage gegen Stuttgart dennoch nicht. Zusammengefasst ist die Kaderplanung vollkommen in die Hose gegangen. Im Winter konnte mit Vincent Koziello ein Spieler geholt werden, der dem Spielaufbau eine neue Qualität geben kann und soll. Mal schauen. Bisher gefällt er mir sehr gut, weil er einer der wenigen Spieler des 1.FC Köln ist, der den Ball nicht zum Feind hat. Das sind ja schon mal gute Voraussetzungen.

Also ist der Kader unterm Strich gar nicht so schwach, wie er sich jetzt darstellt?
Der Kader ist nicht so schwach, dass er zwingend absteigen muss, da in der Liga genug schwache Mannschaften rumlaufen. Aber er ist so schwach, dass der Abstiegskampf auf jeden Fall sein Leistungsvermögen widerspiegelt. Es kommt sicher auch etwas Pech hinzu, aber darauf alleine kann ich es nicht schieben. Wer nach 16 Spielen drei Punkte im Haben hat, der hat generelle Fehler gemacht.

Mainzer Fans in Köln am 34. Spieltag der Vorsaison. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainzer Fans in Köln am 34. Spieltag der Vorsaison. (Foto: Meenzer on Tour)

Köln hatte, das darf man so sagen, kein Glück mit dem neu eingeführten Videobeweis. Wie sehr hadert ihr auch mit diesem Punkt? Wäre die Saison sonst anders verlaufen?
Natürlich hadert man von Entscheidung zu Entscheidung immer mehr mit dem VAR, aber mittlerweile habe ich das komplett ausgeblendet. Die stümperhafte und arrogante, an jeder Lebenswirklichkeit vorbei geplante Umsetzung der DFL, der Verve, mit dem der VAR verteidigt wird, die unbefriedigende Situation für den Stadionbesucher, das alles passt wie Faust aufs Auge zum Zustand des deutschen Profi-Fußballs 2018. Die DFL und der DFB sind halt immer noch ein Taubenzüchter-Verein. Es macht mir Spaß, dieser Selbstdemontage zuzuschauen. Da kommt der Katastrophen-Tourist in mir hoch.

Welche Rolle spielt der Abgang von Jörg Schmadtke? Hast du das zu diesem Zeitpunkt damals verstanden? Wie beurteilst du die Gründe für seinen Weggang?
Ich möchte über Jörg Schmadtke nicht reden. Das können wir vielleicht mal persönlich bei einer kleine Fanta und ohne Aufnahmegerät besprechen, aber ich werde nichts weiter schreiben zu dieser Frage. Es gibt ja eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist Jörg Schmadtke gar nicht so ein guter Manager – oder er wollte dem FC bewusst schaden. Mehr Lösungen sehe ich hier nicht. Du?

Das besprechen wir dann vielleicht wirklich bei einer Fanta, obwohl das Thema vermutlich eine große verträgt… Kurz darauf musste jedenfalls mit Peter Stöger doch der Kölner Erfolgstrainer gehen. Für viele Fans war das trotz des schlechten Saisonverlaufs nicht nachvollziehbar. Wie beurteilst du diese Trennung im Nachhinein?
Ich wäre mit Peter Stöger liebend gerne in die zweite Liga gegangen.

Auffällig ist von außen betrachtet, dass euch die Konstanz fehlt. Nach bewundernswerten kämpferischen Leistungen folgt regelmäßig der nächste Einbruch. Spielt da inzwischen der Kopf auch eine immer größere Rolle?
Der Kopf ist ja auch eine Qualität. Ja, klar merkt man, dass ab und an die Angst die Beine schwermacht. Das liegt aber auch daran, das sollten wir nicht vergessen, dass der FC – womit ja im Winter niemand mehr rechnen konnte – auf einmal wieder eine klitzekleine Chance hat, die Liga doch zu halten. Da wiegt jeder Fehler natürlich nochmal schwerer.

Hast du Einblicke, wie abseits des Platzes mit der Mannschaft gearbeitet wird? Was tut der Verein, um die Truppe einzuschwören, zu unterstützen, aufzubauen?
Nein, keine Idee. Ich denke, unser Vorstand weiß nicht, in welcher Liga die erste Mannschaft gerade spielt.

„Für mich war Europa alles.“ (Foto: privat)

„Für mich war Europa alles.“ (Foto: privat)

Wie ist die Stimmung unter den Fans? Ketzerisch gefragt, ist der drohende Abstieg als Preis für das Europawunder für die Fanseele tragbar?
Hier kann ich nur für mich sprechen und ich sage ganz klar: Ja. Ich habe doch lieber einmal alle 25 Jahre so ein Highlight, als ständig zwischen Platz 9 und 15 rumzukrebsen. Für mich war Europa alles. Mehr werden wir nie wieder erreichen können (jedenfalls in der Geschäftsform 100% Anteile beim e.V.), das ist systemisch ausgeschlossen. Und dann, wer sagt denn, dass Europa für die Hinrunde verantwortlich ist? Ich weigere mich, das einzugestehen. Die Mannschaft wäre auch ohne Europa jetzt in der Situation. Aber, wie gesagt, das ist nur meine Meinung, es gibt da sicherlich abweichende Gedanken.

Wie eng ist die Verbindung und wie gut ist die Unterstützung aus der Fankurve aktuell?
Die Unterstützung der Fans ist weiterhin phänomenal. Die Fans und Mitglieder sind der Faustpfand des Vereins. Umso bedauerlicher, dass die aktuell Verantwortlichen alles tun, um das Verhältnis zwischen Fans und Verein nachhaltig zu zerstören. Es wird aktiv gegen die Anhänger gearbeitet, es werden Kampagnen gefahren, es wird intregiert, wo es nur geht. Bisher allerdings ohne Erfolg, wollen wir hoffen, dass dies so bleibt.

Gefühlt wird in der Liga seit dem 25. Spieltag permanent von Endspielen gesprochen. Für die Begegnung zwischen Köln und Mainz ist der Begriff aber sicher nicht falsch, denn sollte einer Mannschaft der 3er gelingen, wäre das ein Ausrufezeichen. Wie viel Hoffnung hast du?
Wenn ich keine Hoffnung mehr hätte, könnte ich ja gleich irgendeine billige Netflix-Eigenproduktion gucken. Natürlich habe ich noch Hoffnung. Ein Sieg gegen euch und schon sind wir auf drei Punkte ran. Dann haben wir noch Hertha, Schalke, Freiburg, München und Wolfsburg am letzten Spieltag. Sieben bis Neun Punkte sind da mit viel Glück noch drin. Und Mainz hat als letzte fünf Spiele Freiburg, Augsburg, Leipzig, Dortmund und Bremen. Ganz ehrlich, da sehe ich nicht mehr als maximal sechs Punkte. Es könnte schon noch spannend werden. Doof ist natürlich, dass wir uns mit der 0:6 Niederlage in Hoffenheim das Torverhältnis komplett zerschossen haben, so dass wir eigentlich sieben Punkte aufholen müssen. Aber, um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen: Klar habe ich noch Hoffnung, was bleibt mir sonst?

Hoffnung ist das eine, aber glaubst du tatsächlich auch noch an euren Klassenerhalt? Und wo erwartest du die Mainzer am Saisonende?
Glauben? Ich weiß nicht so recht. Nein, ich glaube nicht mehr daran. Dafür haben wir uns in der Hinrunde in ein zu tiefes Loch gegraben. Mainz steigt mit uns ab, da der HSV aus den letzten sechs Spielen noch 13 Punkte holen und damit 32 Punkte und das bessere Torverhältnis gegenüber dem FSV haben wird. Das ist noch nicht mal im Scherz gemeint. Meine Abschlusstabelle sieht so aus:
16. HSV 32 Punkte | – 14 Tore
17. Mainz 05 32 Punkte | – 16 Tore
18. 1.FC Köln 32 Punkte | – 18 Tore
Und dann denken wir alle nochmal an Pablo de Blasis im Hinspiel und tanzen einen Regentanz.

Der Pablo-Stachel sitzt bei vielen FC-Fans tief, das bekomme ich online oft mit. Aus unserer Mainzer Sicht trifft das natürlich den Falschen. Es war vermutlich seine einzige unsaubere Situation, seitdem er für uns spielt. Pablo ist ein ganz feiner Kerl. – Wortpiratin vs. 4. Offizieller

Auch für die 05-Fans gilt es am Samstag in Köln. (Foto: Meenzer on Tour)

Auch für die 05-Fans gilt es am Samstag in Köln. (Foto: Meenzer on Tour)

Der FC hat angesichts der Pleite in Hoffenheim sicher das Bedürfnis nach Wiedergutmachung. Mainz hat sich gegen Gladbach gut präsentiert, aber erneut kein Tor geschossen. Was für eine Begegnung erwartest du?
Ich erwarte eine Wiedergutmachung der Pleite in Hoffenheim. Ich erwarte einen engagierten, lauffreudigen 1.FC Köln, eine defensive Mainzer Mannschaft und viel Gebolze zwischendurch. Leckerbissen gibt es wohl eher wenige.

Und wer hat das glücklichere Ende für sich?
Der FC muss das Spiel gewinnen, das steht ja außer Frage. Wenn nicht zu Hause gegen Mainz, gegen den wen denn dann? Wahrscheinlich schießt aber Tony Ujah drei Tore in acht Minuten. Ach, ich weiß es doch nicht, ich hoffe einfach auf eine Wiederholung des 20.05.2017. 2:0 für uns.

Danke für das Gespräch!
Danke Dir!

|| Ein großes Dankeschön gilt mal wieder dem wunderbaren Meenzer on Tour für seine Bilder.||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Eintracht Frankfurt

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal spreche ich mit René Kurfürst vom Eintracht-Podcast, der die Diva vom Main schon seit vielen Jahren intensiv als Fan und Sportbeobachter begleitet.

Die Crew des Eintracht-Podcast in der aktuellen Besetzung. (Montage: EP)

Die Crew des Eintracht-Podcast in der aktuellen Besetzung. (Montage: EP)

Hallo René. Du betreibst gemeinsam mit Alex, Basti, Marvin und Dennis den Eintracht-Podcast, der in der Saison einmal wöchentlich erscheint. Erzähl doch mal etwas zu eurem Projekt: Seit wann macht ihr das, wie habt ihr euch gefunden, was motiviert euch?
Angefangen haben wir 2010 aus der Situation heraus, dass wir mit der Berichterstattung, die es zur Eintracht gab, nicht zufrieden waren. Vieles war – und ist es auch heute noch – zu Bayern-lastig oder eben nur fokussiert auf die Großen. Dinge über die Eintracht waren oft sehr einseitig. Deswegen habe ich das Projekt gestartet. Gefunden habe ich die anderen dann nach und nach über Twitter oder später eben über persönliche Kontakte. Das war auch gut so. Die ersten beiden Folgen habe ich alleine in das Mikro gesprochen. Das hätte man länger keinem antun können. Die Besetzung war zu Beginn auch eine andere. Seit gut zwei Jahren ist das aber nun unser festes Team und wir produzieren möglichst in jeder Woche der Saison eine Folge, die dann sowohl einen Rückblick als auch einen Ausblick enthält. Besonders ans Herz gewachsen ist uns und den HörerInnen aber auch die Kategorie des Dummschwätzers der Woche. Dort sammeln wir jede Woche Kandidaten, die durch besonders „dumme“ Aussagen aufgefallen sind und die Hörer dürfen bis zur nächsten Woche für ihren Sieger abstimmen. Das garantiert immer Lacher.

Podcasts haben als Format in den vergangenen Jahren unheimlich zugenommen. Basti, du gehörst auch zum Team hinter drei90, einem Format, das bei Fans schon beinah Kultstatus genießt. Was glaubt ihr, woher kommt die Lust der Fans, eher Gleichgesinnten zuzuhören?
Was wir an Feedback bekommen ist oft die Aussage, dass es eine Art Therapie nach vergangenen und nicht immer guten Spielen ist – oder eben eine Einstimmung auf das kommende Spiel. Das sind Dinge, die eine Sportpresse, die ja per Definition neutral sein sollte, nicht so leisten kann. Zumal ein Fokus in vielen der klassischen Formate ja doch auf den Bayern oder den Großen liegen.
Das Format Podcast ist nicht in seiner ersten Welle. Da gab es schon ein bis zwei vorher. Reingemacht – Der Fußball Podcast gibt es schon seit zehn Jahren. In den letzten zwei bis drei Jahren sind allerdings viele dazu gekommen, da die Technik wesentlich einfacher zu handhaben ist und es wesentlich mehr Hörer gibt. Was aber ein noch viel größerer Faktor ist, ist dass die Podcast-Szene in Deutschland durch verschiedenste Aktivitäten vernetzter geworden ist. Man kennt sich, hilft sich gegenseitig und empfiehlt sich auch. Viele unserer neuen HörerInnen sind in letzter Zeit rein durch Empfehlungen zu uns gekommen.

Ihr betreibt eure Projekte mit einem riesigen Aufwand und viel Liebe zum Detail, Live-Chats zur Sendung, HörerInnen-Feedback, Merchandising. Dafür kann man euch auch bezahlen – beim Eintracht-Podcast durch Spenden, bei drei90 auch via Wunschliste. Wie läuft das?
Ob der Aufwand nun riesig ist, liegt ja immer auch am Blickwinkel. Feststellen muss man aber schon, dass wir pro Woche als Team rund 8-10 Stunden in eine Sendung stecken. Da sind die 90 Minuten des Spiels nicht mal mit drin. Man schaut sich eben noch mal Statistiken und Wiederholungen an, sammelt seine Punkte, studiert den kommenden Gegner und nach der Aufnahme muss das Ganze ja verarbeitet werden. die Notizen müssen in den Blog. Das wissen und schätzen auch unsere treuen Hörer. Vielleicht lassen sie uns deswegen so viel Unterstützung zukommen. Apropos: Wir haben uns bewusst gegen „klassische“ Formen der Monetarisierung wie Werbung oder große Sponsoren entschieden. Wir machen es in erster Linie für uns und für die HörerInnen und sind trotz der langen Zeit immer wieder überrascht, wie kreativ und unterstützungsbereit die sind. Inspiriert wurden wir bei der Wahl des Modells von anderen Podcasts, hauptsächlich aus der Technik-Ecke. Dort ist man mit spendenbasierten Methoden schon lange recht gut unterwegs. Und Merchandise ist neben der Möglichkeit, ein Projekt finanziell zu unterstützen, eine gute Werbestrategie. Der lange Atem zahlt sich hier auch aus. Am Anfang war es nichts, heute können wir unsere Kosten nicht nur decken, sondern auch weiter in die Qualität investieren.

Die aktuelle Folge vor dem Spiel gegen Mainz hier anhören. (Foto: Screenshot)

Die aktuelle Folge vor dem Spiel gegen Mainz hier anhören. (Foto: Screenshot)

Gibt’s bei einem von euch das Interesse, auch beruflich mal etwas in diese Richtung zu machen oder sollen es bewusst Spaßprojekte bleiben?
Teilweise fließt es bei uns in das Berufsleben schon mit ein. Wir würden aber auch gerne noch mehr Zeit in das Projekt investieren. Wenn man das so lange macht, ist es ein fester Bestandteil der Woche geworden und es fühlt sich merkwürdig an, wenn man mal keine Folge macht. Der Spaß und die Leidenschaft für den Verein und das Medium müssen aber im Vordergrund stehen. Wenn das nicht mehr so ist, sind wir auch nichts anderes als ein neutrales Format. Genau dazu wollen wir ja einen Gegenpol bieten.

Wie seid ihr denn jeweils Fans der Eintracht geworden?
Das ist sehr unterschiedlich. Was wir aber alle gemeinsam haben, ist, dass uns die Stimmung der Fans gepackt hat, die man im Waldstadion verspürt. Es ist schwer, sich dem zu entziehen, wenn man sie mal live erlebt habt. Das in Kombination mit der Verbundenheit zur Stadt und der Region ist eine starke Verbindung. Die Eintracht ist eben ein Verein, bei dem es nicht langweilig wurde, muss man ja sagen. Das hat sich zwar gewandelt, aber der ein oder andere Bock ist trotzdem immer mal wieder dabei.

Was ist für euch das Spiel, das ihr nie vergessen werdet?
Ich kann jetzt nicht für die Anderen antworten. Für mich war es das Entscheidungsspiel 1999 gegen Kaiserslautern. Wir waren zu diesem Zeitpunkt in London auf der Abschlussfahrt mit der Realschule und haben uns bei jedem Tor anrufen lassen. Irgendwann standen wir dann jubelnd in einer kleinen Seitenstraße und hatten alle einfach nur eine Gänsehaut und haben uns den Kommentar aus dem Radio per Telefon immer und immer wieder vorspielen lassen. Sowas vergisst man nicht.
Basti: Kaiserslautern 1999 is’ klar, dazu hat René schon alles gesagt. Reutlingen, Bordeaux … Ach, es gibt so viele. Aber das prägendste Spiel war leider 1992 in Rostock. Will aber nicht drüber reden.

Die ganze Podcast-Crew. (Foto: privat)

Die ganze Podcast-Crew. (Foto: privat)

Mit Niko Kovač hat der Verein ein absolut goldenes Händchen bewiesen. Er hat die Eintracht aus der Relegationskrise in die Champions League-Ränge gecoacht. Was macht ihn aus eurer Sicht so besonders?
Er ein Arbeitstier. Für Ihn zählt Leistung und er bewertet diese fair. Auch, wenn man mal eine Durststrecke hat, kann sich jeder Spieler wieder rankämpfen. Siehe Danny Blum oder de Guzmán, die beide lange Zeit nicht im Kader waren. Das war zu Spielerzeiten schon sehr wichtig für ihn und das vermittelt er als Trainer nun den Spielern.
Es ist aber auch ein Integrator. Er versucht, eine Einheit in der Mannschaft zu formen. Es ist nicht wie bei anderen Trainern, wo Training und Spiele die einzigen Anknüpfungspunkte sind. Sein Bild ist ein stabiles und belastbares Gesamtkonstrukt, inklusive allem, was zum Mannschaftsapparat gehört. Da hat sich die Eintracht in den letzten Jahren massiv professioneller aufgestellt. Was nicht nur sein Verdienst ist, sondern auch der von Fredi Bobic.
Und er ist zusätzlich ein Stratege. Er denkt nicht nur über den nächsten Schritt nach, sondern über die nächsten drei und passt die jederzeit an. Das sieht man unter anderem daran, dass wir nach jeder Niederlage mit einem Sieg zurückkommen.
Diese Kombinationen machen ihn zu einem sehr starken Trainer. Wobei man aber auch dazu sagen muss, dass dies eigentlich die erste richtige Saison für ihn ist. In den Spielzeiten davor war viel Umbruch und eben die Sache mit der Relegation dabei.

Seine gute Arbeit weckt natürlich auch Begehrlichkeiten. Wie lange kann man ihn noch in Frankfurt halten?
Seinen Vertrag in Frankfurt wird er vermutlich erfüllen. Zumindest, wenn wir am Ende den Weg in einen internationalen Wettbewerb schaffen. Das hat er maßgeblich aufgebaut und dort wird er den Erfolg mitnehmen können. Aber klar ist auch, dass er eine Menge Interesse an seiner Person geweckt hat und es schwer wird, wenn die Eintracht nicht vermitteln kann, wie man sich dauerhaft auf einer der oberen Positionen festsetzen will. Er gehört zu den Trainern, denen man großes unterstellt und die der Fußball und vor allem die Bundesliga benötigt. Trainer wie Heynckes und Co. kommen schon heute nicht mit der neuen Spielergeneration zurecht. Und „Laptop“-Trainern wie Nagelsmann und Tedesco haben zwar die strategische Sicht, aber ihnen fehlt die menschliche Kompetenz im Umgang mit den Spielern. Kovac bringt das alles mit. Wenn das erst mal alle Vereine erkannt haben, müsste er eigentlich von jedem ein Angebot auf dem Tisch haben.

Sébastien Haller hat unglaublich eingeschlagen, Kevin Prince Boateng ist extrem wichtig fürs Team. Die Mannschaft macht dieses Jahr aber auch einen sehr intakten Eindruck und scheint darüber einen Teil ihrer Stärke zu beziehen. Ist Kovač auch Vater dieses Teamspirits?
Ja! Es ist die beste Chance, die ein Verein wie die Eintracht hat. Wir können keine 17 Millionen in einen Spieler investieren. Der Erfolg liegt darin, über den Willen und die Mannschaftsleistung zu kommen und sich konsequent weiterentwickeln zu wollen. Kovač hat das erkannt und seine Strategie auf diese Situation ausgerichtet. Der Verein ist den Schritt mitgegangen und hat sich ebenfalls transformiert. Die wichtige Frage ist jetzt: Wie lange geht es mit dieser Ausrichtung gut und wann müssen wir diese wieder adaptieren. Die Frankfurter Eintracht war bislang nicht für den strukturierten Wandel bekannt, hat ihn aber nun vollzogen. Ob wir den richtigen Zeitpunkt ein weiteres Mal erkennen, wird jetzt spannend.

Mainz zu Gast in Frankfurt in der letzten Saison. Da las sich die Tabelle anders als heute... (Foto: Meenzer on Tour)

Mainz zu Gast in Frankfurt in der letzten Saison. Da las sich die Tabelle anders als heute… (Foto: Meenzer on Tour)

Hat man Fredi Bobic eigentlich in seiner Stuttgarter Zeit unterschätzt? Ich gebe es ehrlich zu, dass ich lachen musste, als ich damals seine Verpflichtung in Frankfurt mitbekommen habe.
Wir waren auch nicht ganz ohne Vorurteile. Ob man ihn dort unterschätzt hat, ist schwer zu sagen. Auch er war sicher nicht ganz ohne Fehler unterwegs. Was man aber denke ich sagen kann, ist, dass er daraus gelernt hat und sich weiterentwickeln wollte und das auch hat. Das ist vermutlich der Grund, warum es zwischen ihm und Niko Kovač so gut harmoniert. Man ist sich ähnlich.

Über Haller und Boateng haben wir bereits gesprochen Welche Spieler machen bei euch in dieser Saison noch den Unterschied? Und wer bleibt hinter den Erwartungen zurück?
Bei den starken Spielern muss man ganz klar Marius Wolf und Timmy Chandler nennen. Chandler spielt die Saison seines Lebens. Da ist eher die Frage, ob er das nochmal wiederholen kann. Wolf haben wir bei seiner Verpflichtung eher als Quotenspieler für die Auflagen gesehen. Das haben wir eindeutig falsch eingeschätzt. Auch er hat durch das Mannschaftsgefüge und die Einflüsse von Kovac – aber auch Prince Boateng – einen großen Schritt nach vorne gemacht. Mehr erwartet haben wir von Jetro Willems. Dafür, wie er am Anfang gelobt wurde und in den ersten Spielen aufgetreten ist, hat es dann doch stark nachgelassen. Zwar hat unter Kovač jeder die Möglichkeit, wieder zur Mannschaft aufzuschließen, aber er scheint jetzt auch kein Trainingsweltmeister zu sein.

Mainz 05 und Eintracht Frankfurt stehen sich an diesem Wochenende schon zum dritten Mal in dieser Saison gegenüber. Das Hinspiel im Oktober war ein glanzloses Unentschieden, über den Pokalabend legen wir Mainzer gerne den gütigen Mantel des Schweigens. Was erwartet ihr am Samstag für eine Partie?
Beide Mannschaften sind keine Unschuldslämmer, wenn man mal auf die Fairplay-Tabelle schaut. Und beide Mannschaften brauchen die Punkte. Wir für die oberen Plätze und Mainz gegen den Abstieg. So leicht wie im Pokal wird es uns Mainz dann auch nicht machen und die Tore selbst schießen. Es wird ein körperbetontes Spiel werden, mit viel Einsatz. Ob wir viele Tore sehen, bleibt abzuwarten. Ein spannendes Spiel dürfte es allemal werden. Wenn man sich die anderen Spiele zu der Zeit anschaut, vermutlich sogar das spannendste.

Der vierfarbbunte Mantel des Schweigens über dem Pokalspiel im Februar. (Foto: Meenzer on Tour)

Der vierfarbbunte Mantel des Schweigens über dem Pokalspiel im Februar. (Foto: Meenzer on Tour)

Besteht für Eintracht Frankfurt die Gefahr, Mainz aus der Pokalerfahrung und durch die tabellarische Situation zu unterschätzen? Klar kann man erwarten, dass Kovač sein Team genau davor warnt, aber wie bekommt man das in die Spielerpsyche?
Kovač unterschätzt keinen Gegner. Er erwartet vollen Einsatz und will, dass alles perfekt läuft. Egal, ob der Gegner Mainz oder Dortmund heißt. Gegen Letztere hat es mit einem Sieg nicht geklappt, gerade weil es am Ende mit Psyche und Cleverness nicht gereicht hat. Diese Punkte wird der Trainer mehr als einmal in der Woche adressiert haben. Außerdem sind wir, wie schon erwähnt, aus jeder Niederlage stärker wieder rausgekommen. Als Eintracht-Fan macht man sich aktuell keine Sorgen.

Apropos Spielerpsyche. Aktuell wird heftig diskutiert, dass Per Mertesacker im Gespräch mit dem Spiegel erzählt hat, wie er als Profi regelmäßig an die Grenze seiner Belastbarkeit kam. Was glaubt ihr, wieso sind solche Aussagen in der Fußballöffentlichkeit immer noch schwierig?
Weil es das Bild des familienverträglichen Sports kaputt macht. Fußball ist ein Leistungssport und wie bei allen diesen Sportarten sind die Erwartungen hoch. Diese Tatsache, und das daraus resultierende Leistungssystem, werden aber nicht gezeigt und sind durch die hohen Geldbeträge, über die berichtet wird, noch weiter in den Hintergrund gerutscht. Nach dem Motto, wie kann denn bitte jemand, der mehrere Millionen im Jahr mit 90 Minuten Fußball in der Woche verdient, einen Druck verspüren. Das ist die große Gefahr dabei. Was aus dem Sport gemacht wird, ist das familienfreundliche Entertainment-Programm, mit dem sich nebenbei ein Haufen Geld machen lässt.
Neben protestierenden Fans ist die Schilderung von Mertesacker ein weiterer, großer Stein in dem von Sponsoren und Verbänden aufgebauten Maschinenraum. Man hat ja schon bei anderen Sportarten gesehen, wie die Auswirkungen sind, wenn mal jemand den Teppich anhebt und den ganzen Schmutz darunter zeigt. Hinzu kommt vermutlich, dass viele bei ihren Einschätzungen nicht mehr differenzieren. Es geht hier nicht um den Menschen Per Mertesacker, sondern um das Zahnrad Per Mertesacker – und das hat gefälligst zu funktionieren. Ohne Wenn und Aber.

Auch ich habe mich in der aktuellen Kolumne mit dem Thema Per Mertesacker beschäftigt. (Foto: Screenshot)

Auch ich habe mich in der aktuellen Kolumne mit dem Thema Per Mertesacker beschäftigt. (Foto: Screenshot)

Und was können Vereine tun, um ihre Spieler zu schützen? Wisst ihr, welche Angebote es bei Eintracht Frankfurt gibt für Situationen, in denen der Druck eskaliert?
In den 90 Minuten auf dem Platz kann man den Spielern keinen Druck nehmen. Das ist eben Bestandteil des Spiels. Aber man muss sie ja nicht zu irgendwelchen Interviews schicken, der Trainer kann sich vor den Spieler stellen und ihn schütze, man kann Transparenz herstellen über Dinge, die man getan oder verändert hat, und man kann und sollte immer wieder in Erinnerung rufen, dass es Menschen sind, die Fußball spielen – und keine Dinge.

Ebenfalls hohe Wellen geschlagen haben die Aussagen von SGE-Präsident Peter Fischer, der deutlich macht, dass die Satzung der Eintracht sich nicht mit dem Gedankengut der AfD verträgt. Bei der Mitgliederversammlung wurde er mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Er muss sich aber auch Kritik anhören. Was würdet ihr seinen Kritikern entgegnen?
Das kommt sehr drauf an, wer ihn da kritisiert. In vielen Fällen hilft es, zuzuhören und zu denken, bevor man kritisiert. Das ist nicht immer einfach, gerade bei Themen, in denen viele Emotionen stecken. Bezogen auf die Satzung und die Aussagen der Partei hat er Fakten gegenübergestellt. Dies zwar auf die Bekannte Peter-Fischer-Art, aber es bleiben unter dem Strich Fakten und gegen die kann man an sich nichts erwidern. Jeder, der einem Verein beitritt, stimmt der Vereinssatzung zu und verpflichtet sich, sich daran zu halten. Unterstützt man nun zusätzlich noch eine Gemeinschaft mit einer anderen Satzung oder Ausrichtung, dann sollte das einen persönlichen Gewissenskonflikt hervorrufen. Das ist genau das was Peter Fischer gesagt hat: „Jeder sollte sich selbst überprüfen.“

Wäre nicht ein Zusammenschluss der Vereine zu diesem Thema wünschenswert? Gerade auch die Auseinandersetzung Cottbus/Babelsberg hat gezeigt, dass rechtes Gedankengut leider nach wie vor im Stadion vorhanden ist. Wie kann man Aktionen sinnvoll bündeln?
Ein Zusammenschluss wäre auf jeden Fall wünschenswert. Dann aber bitte nicht nur von den Vereinen und organisierten Fans. Auch Gelegenheitsfans, Verbände und die Sportjournalisten müssten sich dort zusammen tun. Es ist ein Thema, das alle angeht. Wir sollten alle aus der Vergangenheit gelernt haben und eine Wiederholung vermeiden.

Nazis raus

Ist es eigentlich ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn wir in diesem Interview weniger über Sport reden, als über das, was neben dem Platz passiert? Was kann die Gesellschaft von den aktuellen Bewegungen im Fußball lernen?
Es ist gut, das vieles thematisiert wird. Das zeigt aber auch, dass die Bundesliga an vielen Stellen einfach an Interesse verloren hat. Das ist schade für den Sport und für die Liga an sich, denn nun versuchte man, es wieder attraktiv zu machen, und geht dabei nicht immer den richtigen Weg. Montagsspiele, geänderte Anstoßzeiten, 50+1, ihr kennt das. Wenn hier schon der eine vom anderen lernt, dann sollte der andere auch von dem einen lernen bzw. sie sollten gemeinsam lernen. Dann sind wir wieder bei dem Zusammenschluss.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Podcast-Auftritt mit Basti, in dem er sagte, Mainz wird in Frankfurt nicht als Konkurrenz wahrgenommen. Diese Saison gibt es dazu natürlich auch keinen Anlass. Aber ehrlicherweise ist sonst in der Region auf beiden Seiten niemand mehr übrig, oder?
Nein. Mainz und Frankfurt eben auch nur bedingt, weil man eben noch in der gleichen Liga spielt und da historisch gesehen mal was war. Eine wirkliche Konkurrenz ist aber nicht mehr vorhanden.

Seid ehrlich, ihr würdet uns in der 1. Liga vermissen.
Ja. Mainz ist fast ein Heimspiel, das Gezanke ist immer lustig und man hat durch die sozialen Medien und die Podcasts mittlerweile so viele Menschen kennengelernt, dass man es fast keinem Verein mehr wirklich wünschen mag. Außer bei dem HSV, Wolfsburg, und Hoffenheim.

Und wie geht das Spiel am Samstag aus?
2:0. Grüße!

Danke für das Gespräch!

|| Herzlichen Dank an Meenzer on Tour für die Bilder. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim HSV

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem wichtigen Auswärtsspiel beim Hamburger SV habe ich mit Tanja Hufschmidt gesprochen, die den Verein seit 30 Jahren begleitet.

Hallo Tanja, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du bloggst unter Raute22 über den HSV. In den letzten Jahren gab’s da spöttisch gesagt nicht viel Positives zu berichten. Woher nimmst du trotzdem die Motivation fürs Schreiben?
Moin Mara, moin Mainz! Ich muss gestehen, es wird immer schwerer, irgendwas zu schreiben, was nicht nur schon gesagt wurde, sondern dass auch noch nicht von so ziemlich jedem. Aber manchmal gibt es Sachen, die müssen einfach raus. Dazu gehört dann zum Beispiel auch der Hinweis auf die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit von Kühne + Nagel, dem Unternehmen von Klaus-Michael Kühne.

Das Volksparkstadion ...

Das Volksparkstadion …

Einer der letzten Beiträge beschäftigt sich mit deinem „perversen Hobby“, es mit dem HSV zu halten. Erzähl doch mal, wann und wie sich die Raute in dein Herz gebaut hat und wo du die Heim- und Auswärtsspiele siehst. Stadion? Kneipe? Couch?
Ich bin einer der letzten „echten“ Erfolgsfans: Ich kam zum HSV beim bislang letzten Titel, dem DFB-Pokalsieg 1987, den ich live im Stadion erleben durfte. Mein erstes Spiel live vor Ort und dann so eines – wie sollte ich da noch der Raute widerstehen können? 30 Jahre später verfluche ich es so manches Mal, habe aber immer noch eine Stehplatz-Dauerkarte und verfolge auch die meisten Auswärtsspiele zumindest vorm TV auf und ab laufend. Auswärtsfahrten sind seltener geworden, aber ich habe immer noch erstaunlich positive Erinnerungen an meinen Besuch bei Mainz 05. Es war der 34. Spieltag 2014, ihr habt recht locker gewonnen und der HSV musste danach das erste Mal in die Relegation. Was ich aber vor allem in Erinnerung halte, ist, wie uns die Mainzer Fans ermuntert haben und uns viel Erfolg in der Relegation gewünscht haben. Da fiel kein böses Wort, als wir uns nach dem Spiel noch im real mit Proviant für den langen Heimweg eindeckten, keine Häme, nur aufrichtiges Mitgefühl. Das tat sehr gut, deswegen denke ich gerne an die Auswärtsfahrt zurück.

Dass der HSV schwere Zeiten durchlebt, muss man niemandem erklären. Was ich von außen betrachtet unheimlich anstrengend finde, ist das ständige Wechselbad zwischen Hoffen und Abschenken. Manche Veränderungen machen wieder Hoffnung auf eine Verbesserung, der nächste Absturz kommt aber zuverlässig. Wie steckt man das über so lange Zeit weg?
So richtig wegstecken kann ich das nicht, aber es wandelt sich: von Panik zu Angst, von Wut über Verzweiflung bis zur Resignation. Und man glaubt es kaum, aber Letzteres schmerzt am meisten, weil die Resignation so hoffnungslos ist, weil man keinen Kampf mehr in sich hat, weil die Leere sich im Fußballherz ausbreitet.

Kannst du für dich festmachen, wann die schlechte Phase der letzten Jahre tatsächlich ihren Anfang genommen hat? Und gibt es für dich einen konkreten Auslöser oder ist es mehr eine Verkettung der Ereignisse?
Es gibt meiner Meinung nach weder den einen Auslöser noch den einen Hauptschuldigen. Vielmehr ist es in der Führung ebenso wie auf dem Platz: Teilweise sieht es gar nicht so schlecht aus, aber im letzten Augenblick, vorm finalen Pass, werden die falschen Entscheidungen getroffen und so landet der Ball beim Gegner, der Angriff verpufft.

... Wohnzimmer der HSV-Fans ...

… Wohnzimmer der HSV-Fans …

Wie beurteilst du die Rolle von Investor Michael Kühne? Es gibt inzwischen ja nicht wenige Fans, die sagen, all das Geld, das er über die Jahre in den Verein geschossen hat, kann nicht aufwiegen, wie sehr er sich gleichzeitig einmischt und welchen Schaden er damit anrichtet.
Ich vergleiche KlauMi, wie wir ihn (wenig) liebevoll nennen, immer mit einem Drogendealer. Vor vielen Jahren half er erstmals bei Spielertransfers, um sich hinterher zu beschweren, dass die von ihm finanzierten Spieler gar keine Weltstars wären. Dann wollte KlauMi unbedingt Rafael van der Vaart (und dessen damalige Frau) wieder beim HSV sehen, dann ginge es bestimmt aufwärts. Den Transfer finanzierte Kühne per Darlehen, gegen den Willen des Sportchefs Frank Arnesen unter Federführung des Marketing-Vorstands Joachim Hilke übrigens. Den Transfer konnte sich der HSV eigentlich gar nicht leisten, weder finanziell noch sportlich. Und so ging es dann nach der Ausgliederung munter weiter: Der HSV lebte über seine Verhältnisse und begab sich in immer größere Abhängigkeit von KlauMi, aus der man jetzt nicht wieder herauskommt.

Am 18. Februar wurde Bernd Hoffmann zum Präsidenten des e.V. gewählt, der amtierende Jens Meier und sein Team mussten sich knapp geschlagen geben. Der ehemalige HSV-Chef ist damit auch im Aufsichtsrat, dem er mittelfristig vorstehen will. Wie beurteilst du diesen Wechsel an der Spitze?
Ich bin nach jahrelanger negativer Erfahrung ein absoluter Gegner von Rückholaktionen, und nichts anderes ist die Wahl von Bernd Hoffmann. Dieser Glaube an einzelne Heilsbringer, an die „guten, alten Zeiten“ ist in vielen HSVern offensichtlich unglaublich tief drin.

Zu Hoffmanns erster Amtszeit war die Fußball-AG noch nicht ausgegliedert. Vor seiner Wahl sagte er, die Ausgliederung sei kein Grund, Verein und AG quasi voneinander zu entkoppeln. Glaubst du, in ein paar Jahren seht ihr ihn als Vorstandsvorsitzenden? Wie schätzt du seine Ambitionen ein und als wie redlich empfindest du ihn?
Alles, was Hoffmann als „Programm“ ausgegeben hat, wird er als e.V.-Präsident gar nicht erreichen können. Der e.V. hat keinen Einfluss auf das operative Geschäft, auch nicht über den Aufsichtsrat, wo Hoffmann eh nur einer von sechs Räten ist. Er hat auf der Mitgliederversammlung einige Posten genannt, auf die es seiner Meinung nach ankommt: Trainer, Sportchef, U21-Trainer, Nachwuchsleiter, Vorstandsvorsitzender. Nur, Letzteren bestimmt der Aufsichtsrat, und auch dafür braucht Hoffmann erstmal eine Mehrheit im Rat. Der große Retter und Erfolgsbringer kann er also gar nicht sein. Und so kann ich nur hoffen, dass er bei allem Einsatz für die AG nicht den e.V. vergisst.

... und Heimat der berüchtigten Uhr.

… und Heimat der berüchtigten Uhr.

Man kann aus Hoffmanns Aussagen jetzt zumindest kein klares Bekenntnis zu Sportchef Jens Todt und dem Vorsitzenden Heribert Bruchhagen herauslesen. Zu Recht? Wie beurteilst du die Arbeit der beiden?
Schwierig. Bei Heribert Bruchhagen stören mich mittlerweile seine häufig unglücklichen Aussagen, wie zuletzt nach dem Spiel an der Weser der Ausbruch in Richtung Videoschiedsrichter, der so völlig unberechtigt war. Außerdem erzählt er viel, bringt aber sein Handeln nicht unbedingt in Einklang damit.
Der größte Vorwurf, den ich Jens Todt machen kann: Er ist auch nur wieder ein Transfer-Eintüter ohne eigenes Gesamt-Konzept. Verpflichtet wird nach Trainerwünschen und jeder weiß, dass Trainer sich bei uns nicht lange halten. Also findet jeder neue Trainer einen wild zusammengewürfelten Kader vor, der zwar einige gute Einzelspieler aufweist, aber in sich nicht schlüssig zusammengestellt ist und daher auch gar nicht funktionieren kann. Deswegen habe ich lange neidisch nach Mainz geschaut, wo Heidel sein Konzept durchgesetzt hat und als Klopp ging, konnte Andersen nahtlos übernehmen und den Wiederaufstieg schaffen. Das gleiche mit Tuchel, der vielleicht hier und da andere Impulse und Schwerpunkte setzte, aber im Großen und Ganzen sah das (zumindest von außen) sehr gradlinig aus. Und genau so etwas fehlt uns, ein durchdachtes Mannschaftskonstrukt, in dem quasi jeder ersetzbar ist.

Bei Bruchhagen hatte ich das Gefühl, er ist seit Jahren der Erste, der klar auf Distanz zu Kühne geht. Wird er daran scheitern? Wie mächtig schätzt du Kühne ein?
Das ist auch wieder so ein undurchsichtiges Konglomerat. Bruchhagen weiß natürlich, wie abhängig der HSV von Kühne ist, das wird ihm sein Vorstandskollege Frank Wettstein, der verantwortlich ist für die Finanzen, immer wieder sagen. Auf der anderen Seite hatte fast gleichzeitig mit der Verpflichtung Bruchhagens auch im Aufsichtsrat ein Umdenken stattgefunden. Der Kühne-Mann Gernandt wollte nicht mehr den Vorsitz, also hat den vorübergehend Andreas Peters, langjähriger Vorsitzender des Ehrenrats im e.V., übernommen. Und mit Peters an der Spitze hat der Aufsichtsrat vergangenen Sommer erstmals richtig Druck gemacht, endlich die Spielergehälter zu senken.
Hier kam dann wieder der große öffentliche Auftritt von KlauMi. Der hatte durchaus mitbekommen, dass einige Fans schon wieder am Grummeln waren, dass es sich so hinzog mit Neuverpflichtungen, blies dann direkt mal ins selbe Horn und wedelte – wie das so seine Art ist – mit Geldscheinen. Und da zeigte sich dann die totale Abhängigkeit: KlauMi ist befreundet mit dem Spielerberater Volker Struth. Struth berät unter anderem die Spieler Bobby Wood, André Hahn und praktischerweise auch den Trainer Markus Gisdol. Die Legende, von KlauMi höchst persönlich an die Presse verraten, geht dann so: Struth erzählt KlauMi von der Ausstiegsklausel von Bobby Wood (für 15 Millionen hätte er die AG verlassen können), und dass es total viele Interessenten gibt. KlauMi ruft beim HSV an, sie sollen doch bloß den Wood halten, man könnte doch die Ausstiegsklausel abkaufen. Kurze Zeit später hat Wood einen neuen Vertrag, ohne Ausstiegsklausel, mit doppeltem Gehalt. Gleichzeitig findet Markus Gisdol den Spieler André Hahn ganz interessant, das erfährt KlauMi und ruft beim HSV an… Ende vom Lied: Kühne finanziert den Transfer von Hahn (aber auch nur den, günstigere Alternativen hätte er nicht bezahlt!), Gisdol ist acht Monate später nicht mehr im Amt.
Das alles geschah quasi am Aufsichtsrat vorbei, weil die Gelder ja extern akquiriert wurden und der Gehaltsetat wurde am Ende nicht gesenkt, eher im Gegenteil. Erwähnte ich schon das Gleichnis vom Dealer-/Junkie-Verhältnis…?

Nicht (mehr) unumstritten: Heribert Bruchhagen (Foto: Steffen Ewald - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Nicht (mehr) unumstritten: Heribert Bruchhagen (Foto: Steffen Ewald – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Es scheint, egal, wer in den letzten Jahren die Entscheidungen getroffen hat, man lag letztlich immer daneben. Sei es, dass Dietmar Beiersdorfer Alen Halilović holt, wenn Bruno Labbadia, so sagt er, Max Kruse wollte, sei es, mit Bobby Wood zu verlängern und Michael Gregoritsch abzugeben, der nun in Augsburg trifft und trifft. Ist das Pech? Oder hat das System?
Mal davon abgesehen, dass Bruno viel erzählt, wenn der Tag lang ist (angeblich wollte er auch Dennis Aogo zurückholen), glaube ich, dass der grundsätzliche Gedanke hinter der Halilović-Verpflichtung richtiger war als Brunos Idee. Beiersdorfer wollte auf junge, entwicklungsfähige Spieler setzen, die auch noch Transfererlöse bringen (könnten). Labbadia setzt bevorzugt auf erfahrene Spieler, weil er sehr auf Sicherheit (seines eigenen Jobs) bedacht ist.
Die Causa Wood hatten wir gerade, und Gregoritsch passte definitiv nicht ins HSV-„System“. In Augsburg fand er ein für ihn passendes Konzept, eine passende Mannschaftsstruktur vor, die es bei uns nicht gibt. Daher freue ich mich für ihn, weil er bei uns auch nicht glücklich geworden wäre und die Entwicklung hätte nehmen können. Davon ab bin überzeugt, wäre Gregerl geblieben, hätte Fiete Arp bis heute nicht Bundesliga gespielt.

In diese Saison seid ihr gut gestartet. Für einen Moment schien es, als ob Markus Gisdol eine Mannschaft geformt hätte, als ob es die erste verbesserte Serie nach all den Seuchenjahren werden könnte. Was ist dann passiert?
Nicolai Müller hat gejubelt. Dann verletzte sich Filip Kostic und schließlich auch noch Aaron Hunt. Schon mit der Verletzung von Müller ging das Offensivkonzept von Gisdol zu Bruch, mit den beiden anderen setzte dann die Negativspirale ein. Es wurde zwar zwischenzeitlich etwas besser, als Kostic dann zurück war, aber letztlich fehlte da schon das Selbstvertrauen im Team.

Ist diese Jubelverletzung von Nicolai Müller symptomatisch für die Situation, in der ihr steckt? Er wird euch am Ende der Saison fast vollständig gefehlt haben.
Müller war bis zu seiner Verletzung (wie stark er da jetzt in seinem Alter wieder zurückkommen kann, bleibt abzuwarten) die Säule unseres Offensivspiels mit schnellen Gegenstößen und zusammen mit Filip Kostic in aktueller Form hätte er uns sehr geholfen. Aber der HSV hat sich in eine finanzielle und sportliche Position gebracht, in der so ein unglücklicher Ausfall dann auch nicht mehr kompensiert werden kann. Entweder kann man sich Ersatz erst gar nicht leisten oder Spieler, die machbar wären, haben kein Interesse. Insofern ist die Verletzung von Nico wirklich ein Sinnbild für den sportlichen Zustand des HSV.

Von der „letzten Patrone“ spricht man, wenn im Abstiegskampf der Trainer gewechselt wird. Das habt ihr im Januar getan, Gisdol musste gehen. Bernd Hollerbach erklärte, die Defensive stärken zu wollen. Das hat mich sehr verwundert, denn das Problem des HSV ist doch, dass die Tore fehlen. Erste Frage, warst du einverstanden mit der Gisdol-Entlassung?
Ich war lange durchaus überzeugt von der Arbeit von Markus Gisdol. Er hat junge Spieler eingebaut, er hat einige Spieler weitergebracht, indem er sie auf neue Positionen verpflanzt hat und der Wunsch, auf der Trainerposition etwas Konstanz zu bekommen, war sehr groß. Dann aber kam das Heimspiel gegen Köln am zweiten Spieltag der Rückrunde. Die Mannschaft wirkte total leblos und der Trainer hilflos. Ab da hatte ich keine Argumente mehr, warum man am Trainer Gisdol, außer aus Sturheit, festhalten sollte.

Und wie beurteilst du die Arbeit von Bernd Hollerbach? Zwei Punkte aus fünf Spielen ist in eurer Situation natürlich viel zu wenig. Hätte irgendjemand anders aus dem Kader in dieser Situation noch mehr rausholen können, oder ist es aktuell einfach vergebens?
Ich weiß immer noch nicht, was ich von Hollerbach halten soll. Was mich im Moment am meisten erschreckt, ist die fast schon apathische Mannschaft. Einer der Gründe, weshalb der Dino bis dato nicht totzukriegen war, war immer, dass die Mannschaft irgendwann angefangen hat zu kämpfen. Da wurde jeder Zweikampf angenommen und mit aller Konsequenz durchgezogen, kein Ball wurde verloren gegeben, immer nachgesetzt. Das ist nicht mehr der Fall – und ich habe keine Ahnung, warum.

Die Trainingskiebitze haben unter der Woche am Mikrofon des NDR geunkt, am besten hole man direkt wieder einen neuen Trainer. Ist da was dran, oder hältst du es für Blödsinn?
Ich wüsste nicht, wen man jetzt noch holen soll. Und Bruchhagen ist auch nicht gerade dafür bekannt, Trainer zu wechseln, wie andere ihre Unterwäsche. Daher glaube ich, wir halten noch eine Weile an Hollerbach fest. Eventuell entscheidet man dann irgendwann, dass man mit ihm nicht in die neue Saison will und überlässt dann für die letzten paar Spiele dem U21-Trainer das Feld, aber auch die Wahrscheinlichkeit ist eher gering.

Hast du noch Resthoffnung darauf, dass ihr am Ende die Klasse haltet, und sei es über den bekannten Umweg der Relegation?
Eigentlich nicht. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nach dem ewigen Abstiegskampf der vergangenen Jahre unendlich müde bin und einfach keinen Kampf mehr in mir hab, so weh das auch tut.

Neuer Verein – der HFC Falke.

Neuer Verein – der HFC Falke.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, davon können die HSV-Fans seit Jahren ein Lied singen. Wie sehr nervt das? Ihr seid für die chaotischen Verhältnisse ja nicht verantwortlich, sondern leidet selbst darunter…
Ich kann es mittlerweile ganz gut ignorieren, wenn Leute versuchen, sich mit HSV-Witzen als besonders toll und modern zu profilieren. Es ist ja auch nichts Originelles mehr dabei, was man nicht schon x-fach gehört oder gelesen hat. In den sozialen Medien neige ich daher mitunter dann zum Entfolgen, wenn es mir zu langweilig und einseitig wird. Wirklich weh tut es nur noch, wenn es aus dem näheren Umfeld kommt und dann mit genau dem einen Ziel, mich zu „ärgern“, weil ich das als Eintreten auf jemanden, der am Boden liegt, empfinde.

Die Geschichte zwischen Verein und Fans war in den letzten Jahren nicht immer unbelastet. Die Chosen Few wurden erst aus dem Stadion verbannt und haben sich dann 2015 im Zuge der Ausgliederung aufgelöst. Ebenfalls zu dieser Zeit gründeten Fans den HFC Falke, weil sie die Entwicklung im Verein nicht mittrugen. Trotzdem schien das Band zwischen Verein und den Menschen der Stadt immer stark. Sind die Hamburger besonders leidensfähig?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den CFHH und auch den Deerns und Jungs vom HFC Falke besser dastünden, vielleicht nicht sportlich, aber als Einheit auf den Rängen. Die Leidensfähigkeit bröckelt nämlich ganz gewaltig.

Zuletzt gab’s dann leider doch Krawalle. Die Partie am Samstag gegen Mainz ist nun zum Hochsicherheitsspiel erklärt worden. Verliert der Verein in dieser schwierigen Lage auch noch den Rückhalt der Fans?
Es scheint sehr so, als hätten Teile der Ultra-Szene aufgegeben und beschlossen, den Rest der Saison als Abschiedstournee wahrzunehmen. Hier fehlt durch die starken Umwälzungen, die es in der Szene seit der Ausgliederung gab, auch ein Korrektiv, das früher durch die erfahrenen Ultras der CFHH und die Ultra-nahe Supporter-Führung einfach noch da war. Jetzt ist es so, dass die Ultra-Gruppierungen nicht mehr den Respekt der ganzen Nordtribüne haben, sondern immer wieder Leute ausscheren und meinen, es alles viel besser zu können. Dazu kapseln sich die Ultras auch von den „Normalos“ auf den Stehplätzen gefühlt weiter ab und wollen nur noch ihr Ding durchziehen, scheißegal, ob der Rest mitmacht. Dazu die emotionslos spielende Mannschaft und du hast das jetzige Ergebnis mit relativ leerem Stadion und allgemeiner Müdigkeit.

HFC Falke: Dankbar rückwärts – mutig vorwärts. (Fotos: Tanja Hufschmidt)

HFC Falke: Dankbar rückwärts – mutig vorwärts. (Fotos: Tanja Hufschmidt)

Auch in Mainz ist die Stimmung zwischen Verein und Fans aktuell angespannt. Gräben reißen aber auch unter den verschiedenen Fangruppen auf, die teilweise volle Unterstützung für die Mannschaft fordern, teilweise wiederum den Verein in der Pflicht sehen, dazu kommen die grundsätzlich Unzufriedenen, die alle Köpfe fordern. Kann ein Verein so die Klasse halten?
Ich glaube, mittlerweile sind sehr viele Clubs innerlich so zerrissen und abhängig vom sportlichen Erfolg. Im Misserfolg tritt es dann mehr oder minder deutlich zu Tage. In Köln, in Hamburg, in Mainz. Hannover zehrt noch von der starken Hinrunde, aber auch da denke ich, dass die Unruhe im Umfeld, die sich als Stille im Stadion manifestiert, irgendwann den Fußball auf dem Rasen negativ beeinflussen wird. Und sei es, dass man einen Wunschspieler wegen der ganzen Querelen nicht überzeugen kann, zum Verein zu wechseln.

Das Sportliche tritt in der aktuellen Situation fast komplett in den Hintergrund, auch wenn das bizarr wirken mag. Trotzdem die abschließende Frage, was für ein Spiel erwartest du?
Ganz ehrlich: Es wird lausig kalt und das Spiel wird uns nicht erwärmen, kurzum erwartet uns ein Grottenkick.

Und was passiert in Hamburg am 34. Spieltag, wenn die Uhr wirklich stehenbleibt?
Ich habe keine Ahnung, wie die Ultras reagieren werden. Ich weiß auch nicht, wie viele sich dann vom Verein verabschieden. Ich weiß nur, dass ich auch kommende Saison wieder eine Dauerkarte haben werde und weiter mit HSV sämtliche Höhen und vor allem auch Tiefen durchstehen werde.

Danke für das ausführliche Gespräch.
Danke für die Einladung und auf ein schönes Spiel!

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Hertha BSC

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem zweiten Auswärtsspiel der Mainzer in Folge habe ich mit Marc Schwitzky von Herthabase 1892 gesprochen.

1510502834853Hallo Marc, vielen Dank, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du bist erst 22, aber rund um Hertha BSC schon länger in den sozialen Netzwerken unterwegs, als der Verein selbst. Erzähl doch mal, wie es dazu kam.
Hallo Mara, es freut mich sehr, dass ich mich nun auch zu der elitären Gruppe deiner Vorberichtsgäste zählen darf! Wie du schon sagst, bin ich ja noch recht jung, weshalb ich mit dem Aufstieg von Social Media aufgewachsen und bereits ein Drittel meines Lebens (völlig verrückt) auf Facebook angemeldet bin. Dort suchte ein Hertha-Fan-Portal einen neuen Redakteur, wodurch ich erstmals auch online Texte schreiben konnte. Im nächsten Schritt gründeten Marcel und ich „Hertha BASE 1892“ und schafften damit unseren eigenen Blog. Mit der Zeit vertrieb es mich (privat) von Facebook zu Twitter, wo ich meine digitale Heimat gefunden habe und mich mit unzähligen Fans und Co-Bloggern anderer Vereine austauschen kann. So lernten wir uns ja auch kennen.

Mit eurem Portal erreicht ihr heute allein auf Facebook fast 10.000 User. Wie stemmt ihr den täglichen Arbeitsaufwand und wie groß ist euer Team aktuell?
Momentan haben wir sieben Teammitglieder, wovon aber nur fünf regelmäßige Aufgaben übernehmen. Wir versuchen, mindestens drei Artikel pro Woche zu veröffentlichen, zuzüglich zu den alltäglichen Aufgaben der Social-Media-Betreuung und unserem zweiwöchentlich erscheinenden Podcast. Das lässt sich nur durch ein motiviertes und verlässliches Team erreichen, das an einem gemeinsamen Strang zieht. Wir sind nicht nur „Kollegen“, sondern echte Freunde geworden und das macht das Zusammenspiel wesentlich einfacher, da wir Hertha BASE neben unseren Jobs oder dem Studium betreiben.

Was kannst du über den Kontakt mit dem Verein sagen: Nimmt man euch da so ernst, wie ihr euch das vorstellt, oder steht ihr hinter den klassischen Medien an?
Ich glaube schon, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir wurden vor eineinhalb Jahren vom Vereinssender interviewt und kennen den einen oder anderen Mitarbeiter in der Presseabteilung Herthas persönlich. Dennoch sind noch ein paar Meilensteine zu gehen, wie die Akkreditierung für Pressekonferenzen oder die Pressetribüne im Stadion. Grundsätzlich ist es aber schön, zu sehen, dass wir auf dem Radar des Vereins sind.

Obligatorische Frage, wie bist du zum Fan der „alten Dame“ geworden?
Und dazu die wohl obligatorische Antwort. Ich bin Berlin geboren und mein Vater ist Hertha-Fan. Seitdem er mich erstmals ins Olympiastadion mitnahm, bin ich Hertha verfallen. Bin ich nicht im Stadion, ist es eine absolute Tradition, jedes Spiel zusammen mit meinen Eltern zu gucken.

Auf eurem Portal habt ihr die Köpfe der Journalisten auf Spielerkörper gesetzt. Du verschmilzt mit Arne Friedrich. Was schätzt du an ihm besonders?
Zwischen den brasilianischen Paradiesvögeln wie Marcelinho, Gilberto oder Alex Alves gab es mit Arne Friedrich jemanden, der wie kein anderer für Professionalität und Konstanz stand. Er strahlte sowohl auf, als auch neben dem Feld aus, wie ein Musterprofi auszusehen hatte. Mit seiner hohen Disziplin und der nötigen Eloquenz füllte er sechs Jahre lang das Kapitänsamt bei der „alten Dame“ sehr gebührend aus. Hertha BSC war damals durchaus mit (erfolgreichem) Chaos gleichzusetzen, eine echte Diva, doch Arne Friedrich schien immer mehr in diesem Verein zu sehen. Er hätte sicherlich viele Optionen gehabt, den Verein in all den Jahren zu verlassen, um sich sportlich wie finanziell zu verbessern, jedoch blieb er, solange es ging. Hertha war irgendwann zu „seinem“ Verein geworden und nur wenige konnten diesen so lenken, wie er es tat. Es erfüllte den Hertha-Fan stets mit Stolz, solch einen renommierten Spieler auf dem Feld zu wissen. Mit Joe Simunic bildete er jahrelang eines der besten Innenverteidiger-Duos der Liga und als Frontmann der Mannschaft ging er immer voran.

Wenn ich an Hertha BSC denke, laufen immer Bilder der Relegation unter Otto Rehagel vor meinem inneren Auge ab. Ich hätte niemals mit dem sofortigen Wiederaufstieg gerechnet, geschweige denn mit der Etablierung im Oberhaus. Wie wurde das geschafft?
Die Relegation gegen Düsseldorf ist die schlimmste Wunde im blau-weißen Herzen seit sehr langer Zeit – sie schien einem Weltuntergang gleichzukommen. Michael Preetz traf recht zügig die Entscheidung, Jos Luhukay als Trainer zu installieren, der bereits viel Erfahrung im Aufsteigen hatte. Diese Personalie sollte sich auszahlen. Nach stottrigem Start war die Mannschaft nicht mehr zu besiegen, man fühlte sich wie der FC Bayern der zweiten Liga und brach auf dem Weg ins Oberhaus einige Rekorde. Die Euphorie trug den Verein auch im zweiten Jahr von Luhukay, es wurde überraschend souverän die Klasse gehalten. Im Jahr darauf fanden die Ideen des Niederländers jedoch keinen Anklang mehr, die Mannschaft wirkte plan- und motivationslos und so übernahm Pál Dárdai nach der Winterpause das Amt. Was seitdem passiert ist, ist kaum in Worte zu fassen. Zusammen mit Michael Preetz schuf er Kontinuität und ein klares Konzept, was den gesamten Verein durchzieht. In den vergangenen drei Jahren entwickelte sich Hertha BSC zu einem sehr ambitionierten Erstligisten, der durch einen festen Stamm an Leistungsträgern und vielen hoch veranlagten Talenten nur Gutes für die Zukunft erahnen lässt.

Es gab mal eine Zeit, da war Michael Preetz ein Mann, über den unter Fans viel und gerne gelacht wurde und man erwartete jederzeit seinen Rücktritt. Heute agiert er sehr ruhig im Hintergrund und scheint auch bei den Fans angekommen. Wie ist ihm das gelungen?
Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass er nach der Hoeneß-Ära ins kalte Wasser geworfen wurde und einen finanziellen Scherbenhaufen als Erbe antreten durfte. Die Kluft zwischen sportlichem Anspruch und tatsächlichen Mitteln war riesig und es musste zunächst einmal erreicht werden, den Verein zu konsolidieren. Preetz tat es sicherlich gut, mit Präsident Werner Gegenbauer einen großen Verbündeten zu haben, der vorbehaltslos auf ihn vertraute, denn in einer anderen Konstellation wäre er heute sicherlich nicht mehr unser Sportdirektor. Es ist wahr, Preetz hat in seiner Anfangszeit Fehler begangenen, vor allem auf dem Trainerstuhl, jedoch wurde ihm die Zeit gegeben, sich zu entwickeln und aus diesen Fehlern zu lernen. In diesem schnelllebigen Fußballgeschäft eine absolute Seltenheit, aber eben auch der Beweis dafür, dass Vertrauen sich auszahlen kann. Preetz überzeugt durch ein klares Konzept und hat mit Pál Dárdai einen Trainer gefunden, mit dem er es auch kontinuierlich umsetzen kann. Er schafft es nicht nur seit Jahren konstant starke Transferphasen hinzulegen, sondern auch, Hertha BSC ein neues Gesicht zu geben und den Verein für die Zukunft aufzustellen.

In der vergangenen Saison habt ihr es Mainz 05 gleichgemacht und die Quali für Europa in den Sand gesetzt. Diesmal wart ihr direkt dabei, konntet aber nicht europäisch überwintern. Was überwiegt, die Freude über die zurückliegenden Spiele oder die Enttäuschung?
Eine Mischung aus beidem. Sportlich lief es zwar nicht zufriedenstellend und besonders in solch einer „einfachen“ Gruppe hätte die K.O.-Phase erreicht werden müssen, aber die Europa League war dennoch wichtig und gut für die Mannschaft. Spieler, die sonst eher in der zweiten Reihe stehen – wie Thomas Kraft oder Fabian Lustenberger – konnten sich dank guter Leistungen nachhaltig für die Bundesliga empfehlen. Und auch unsere jungen Spieler wie Maxi Mittelstädt oder Jordan Torunarigha haben in diesem Wettbewerb Erfahrungen sammeln und sich dem Trainer anbieten können. Ohne die Europa League gäbe es nicht den gleichen Konkurrenzkampf, wie wir ihn aktuell haben.

Die bisherige Saison der Hertha unterlag mächtigen Schwankungen. Gerade scheint sich das Team zu stabilisieren, zuletzt konnte sogar Leverkusen geschlagen werden. Ist da irgendwo ein sprichwörtlicher Knoten geplatzt oder war das eine beständige Entwicklung?
Um ehrlich zu sein: keins von beidem. Vor dem beeindruckenden Sieg gegen Leverkusen gab es drei Unentschieden, die aber verschiedener kaum hätten sein können und eher die von dir erwähnten Schwankungen erkennen ließen. Der Dreier gegen die Werkself könnte der Startschuss für eine heiß ersehnte Beständigkeit sein – das Spiel gegen Mainz wird es zeigen und hat daher eine entscheidende Rolle für Herthas weiterem Saisonverlauf.

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In einem Beitrag Ende Januar beschäftigt ihr euch mit den Offensivschwächen des Teams. Kannst du eure Ergebnisse für uns zusammenfassen? Was macht Hoffnung darauf, dass es bei diesem Thema Besserung gibt?
Die geringe Torgefahr ist an sich nichts Neues bei Hertha. Seit mittlerweile drei Saisons haben wir die ligaweit geringste Anzahl an Schüssen – der Unterschied in diesem Jahr ist nur, dass die gewohnte Effizienz etwas verloren gegangen ist. Am Saisonanfang steckten Herthas Torjäger Salomon Kalou und Vedad Ibisevic in einem Formloch der Marke Mariannengraben. Als dann noch Neuzugang Mathe Leckie seine starke Torquote nicht halten konnte, hatte Hertha ein Problem. Pál Dárdai hat dieses Jahr zwei klare Ziele gesteckt: Talente an die Startelf heranzuführen und Herthas Offensivspiel attraktiver zu gestalten. Das Zweite mag sich paradox anhören, jedoch ist in einem solchen Umbruchsjahr und den taktischen Neuheiten nicht zu erwarten, dass die Mannschaft den neuen Offensivfußball sofort und konstant auf den Rasen bringen kann. Die Rückrunde zeigt bereits, dass die Spieler es immer besser verinnerlichen und so hätte man außer gegen Bremen jede Partie auch gewinnen können. Wenn die Chancenverwertung wie gegen Leverkusen gehalten wird und Spieler wie Ondrej Duda und Mitchell Weiser wieder in einen Spielrhythmus kommen, verspreche ich mir eine sichtliche Verbesserung.

Mit Langkamp, Stocker und Haraguchi habt ihr im Winter drei Spieler abgegeben, aber es gibt keine Neuzugänge. Ist das Team in der aktuellen Zusammensetzung stark genug?
Absolut, davon bin ich der festen Überzeugung. Der Kader ist so stark wie gefühlt noch nie und es war sogar notwendig, diese drei Spieler abzugeben. Alle drei hatten keine wirkliche Perspektive mehr und mussten dem bereits angesprochenen Weg, Talenten Chancen zu geben, weichen. Stocker und Langkamp waren menschlich absolute Stützen im Verein, sportlich waren ihre Abgänge aber nicht zu umgehen.

Im Sommer ist das Team an einigen Stellen verstärkt worden. Dabei fällt auf, dass neben prominenten Namen wie Davie Selke auch vier Spieler aus der eigenen U19 zu den Profis aufgerückt sind. Wie gut ist eure Jugendarbeit?
Herthas Jugendarbeit floriert. Nahezu jede Altersklasse ist sehr erfolgreich und mit dem „goldenen 1999er Jahrgang“, aus dem Arne Maier, Palko Dárdai, Julius Kade, Florian Baak und einige andere vielversprechende Eigengewächse stammen, etabliert sich das so langsam im Profi-Kader. Dazu kommen bereits geläufige Namen wie Maxi Mittelstädt und Jordan Torunarigha, die bereits sehr nahe an der Startelf sind. Bei Hertha spielen aktuell so viele Jugendnationalspieler, man kann sie kaum noch zählen. Und Pál Dárdai ist gewillt, allen eine faire Chance zu geben.

Wie zufrieden bist du generell damit, wie die Neuen in dieser Saison angekommen sind?
Wie bereits gesagt, hat die Europa League ihren Teil dazu beigetragen, dass junge Spieler auf ihre Einsatzzeiten kamen und teilweise wirklich auf sich aufmerksam machten. Mittelstädt konnte eine Zeit lang Salomon Kalou aus der Startelf verdrängen, Torunarigha lässt in den letzten Partien jeden Herthaner staunen und Arne Maier ist mit seinen 19 Jahren einfach ein Phänomen. Er spielt seine erste Profi-Saison und war bereits mit 18 Jahren nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken. Ein hochmoderner „Sechser“, der über alle körperlichen, technischen und strategischen Fähigkeiten verfügt, um in ein paar Jahren zu den großen Namen in Deutschland zu gehören. Er ist ein Talent, was man nur selten findet. Ich bin unglaublich zufrieden, wie sehr bei Hertha BSC auf die eigene Jugend gesetzt wird und so ist unser diesjähriger Slogan „Die Zukunft gehört Berlin“ kein billiger Marketinggag.

Mein Eindruck ist, dass die Hertha von vielen Fußballfans anderer Vereine als große, aber eben graue Maus wahrgenommen wird. Wie ist die Selbstwahrnehmung der HBSC-Fans? Welche Eigenschaften sind „typisch Hertha“?
Vor ein paar Jahren hat uns noch die selbstironische Arroganz ausgezeichnet. Der Herthaner hat überspitzt von Meisterschaften und anderen Pokalen erzählt, durch die bodenständigen Michael Preetz und Pál Dárdai hat sich dieses Bild gewandelt. Es ist schwierig zu sagen, was typisch Hertha ist. Genau daran – am Image – arbeitet der Verein gerade, durch zahlreiche Marketing-Kampagnen und einen generalüberholten Social-Media-Auftritt. Hertha kann auf keine großen Titel und wenige „magische Europa-Nächte“ zurückblicken und so ist es das Ziel, die größten Zeiten erst kommen zu lassen. Während Bundesliga-Vereine wie Hamburg, Bremen oder Stuttgart mit der Gegenwart hadern und sich nach den glorreichen Zeiten sehnen, arbeitet Hertha mit Hochdruck daran, genau solche Jahrzehnte in der Zukunft haben zu können. Deshalb wird so sehr auf die eigene Jugend gesetzt, deshalb wird sich gerade für ein eigenes Stadion stark gemacht und deshalb wird in jeder Saison ein kleiner Baustein in der spielerischen Weiterentwicklung gesetzt. Ich persönlich glaube, dass Hertha aktuell einer der spannendsten Vereine der Bundesliga ist und den Status der grauen Maus bald ablegen wird.

Welche Erwartungen hat das Umfeld daran, wo die Hertha am Ende der Saison in der Tabelle stehen wird? Und was ist deine persönliche Einschätzung?
Nach den vergangenen zwei Spielzeiten, haben einige Fans die Erwartung oder vielmehr Hoffnung, dass es auch diese Saison mit Europa klappt. Der Großteil der Anhänger wünscht sich wohl einen einstelligen Tabellenplatz und da würde ich mitgehen. Die laufende Saison ist von einer spielerischen Weiterentwicklung, von Umbruch und Talentförderung gezeichnet, daher ist der Tabellenrang tatsächlich eher nebensächlich. Erst im kommenden Jahr wird die Mannschaft daran gemessen.

Mainz reist in einer schwierigen Situation nach Berlin. Zu der eklatanten Auswärtsschwäche kommt nun der schwelende Stress zwischen Verein und Fans. Wie beurteilst du die Situation der 05er von außen? Und wie ernst nimmt man bei der Hertha diese Begegnung?
Mainz ist nicht mehr Mainz – so ist zumindest das Gefühl von außen. In der laufenden Saison oder im gesamten Jahr 2017 ist der Verein von Krisen, sportlich wie strukturell, gebeutelt und droht zu zerreißen. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Verein wie der FSV im Abstiegskampf steckt, es ist aber erstaunlich, dass Mannschaft, Trainer und Umfeld es nicht schaffen, eine Einheit zu formen. Mainz hatte immer den Vorteil, sich voll auf den Abstiegskampf einlassen zu können, da es keine Nebengeräusche gab. Nun wirkt der Verein teils zerfahrener als der HSV oder Stuttgart und gibt ein grausames Bild ab. Dennoch nehmen alle Herthaner die Partie äußerst ernst, so sagte ich im Vorfeld des Spiels gegen Leverkusen, dass mir die Begegnung gegen Mainz mehr Sorgen bereitet. Die Spiele gegen Mainz sind seit Jahren die schlimmsten überhaupt und treiben jeden Hertha-Fan in den Wahnsinn. So kommt es nicht von ungefähr, dass Mainz die letzten beiden Aufeinandertreffen für sich entschied. Mit ihrer „dreckigen“ Spielweise, dem fast schon provokativen Hinten-Reinstellen und Spielertypen wie Donati oder De Blasis erzeugt Mainz 05 Hassgefühle in mir. Das ist nicht beleidigend gemeint: Wenn Mainz 90 Minuten lang tiefe Frustration in mir auslösen kann, müssen sie etwas richtigmachen.

Worauf müssen sich die Mainzer für die Begegnung einstellen? Und was erwartest du dir insgesamt vom Spiel am Freitagabend?
Ich erwarte keinen fußballerischen Leckerbissen. Mainz scheint sehr zu wanken und wird sich in einem Auswärtsspiel zu keinem Offensivfußball hinreißen lassen, sodass es an Hertha sein wird, das Spiel zu gestalten. Ich kann mir vorstellen, dass Pál Dárdai aus dem Hinspiel gelernt hat und sein Team mutiger in die Partie schicken wird. Auch der Sieg gegen Leverkusen wird Rückenwind geben. Je länger die Partie geht, desto schwieriger wird es für Hertha werden, ein Tor zu schießen. Sollte Hertha noch in der in der ersten Halbzeit in Führung gehen, könnte man ins Rollen kommen. Andersherum wäre eine Mainzer Führung wohl ein großes Problem für die „alte Dame“. Mainz sollte vor dem aktuell überragenden Valentino Lazaro gewarnt sein, der selbst tiefstehende Gegner durch Einzelaktionen knacken kann. Zudem ist Herthas Standardstärke ligaweit gefürchtet.

Dein Tipp fürs Ergebnis?
Ein 2:0 für Hertha.

Danke für das Gespräch!

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei der TSG Hoffenheim

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Im Vorfeld der für Mainz 05 sehr wichtigen Partie gegen die TSG Hoffenheim habe ich mit deren „guten Geist“ Marco Ripanti gesprochen.

Hallo Marco, danke, dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du lebst mit deiner Familie in Weinheim, hast aber italienische Wurzeln. Gibt es auch einen Verein in Italien, für den dein Herz besonders schlägt?
Hallo Mara, ich danke Dir dafür, dass ich mich hier zum Spiel äußern darf. Natürlich gibt es auch in Italien einen Verein der meine Emotionen bewegt. Mit Inter Mailand habe ich hier einen Verein der – wie die TSG – viele Höhen und Tiefen erlebt hat.

Marco Ripanti

Wie würdest du aktuell die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der italienischen und der deutschen Liga beschreiben?
Die italienische Liga hat in den letzten Jahren viel von ihrer Größe verloren. Die glorreichen Zeiten, in denen Vereine wie AC Milan und Juventus Turin in Europa regiert haben, liegen lange zurück. In diesen Jahren wurde bei vielen Vereinen der Umbruch versäumt. Ein wenig habe ich die Hoffnung, dass man dies seit letzten Jahr in viele Vereinen erkannt hat und man sich langsam aber sicher wieder auf eine starke Serie A einstellen kann. Die Leistungsdichte in der Liga ist enger und auch die jetzige Pause in Sachen WM kann dem italienischen Fußball nur guttun. Eine Chance die man jetzt nur noch nutzen sollte.

Erzähl uns doch mal, seit wann du die TSG Hoffenheim als Fan verfolgst und wie der Verein dein Herz gewonnen hat.
Es war in der Saison 2007/08. Ein Verein quasi vor der Haustür, noch ohne historische Schrammen schickt sich an die Bundesliga zu meistern. Das klang interessant. Die offensive Spielweise und der attraktive Fußball schafften es dann schnell, mich zu fesseln. Spätestens nach der ersten Vorrunde in der Bundesliga war es dann passiert. Ich war Hoffenheim-Fan.

Bekenne Farbe

In deiner Twitter-Biografie beschreibst du dich selbst als „Guter Geist der TSG Hoffenheim“. Wie ist das gemeint? Und warum braucht die TSG einen guten Geist?
Nun, ich denke jeder Verein braucht einen „guten Geist“, oder? Es ist als TSG-Fan nicht immer leicht, aber da erzähle ich ja nichts Neues. Anders als viele andere, sehe ich manche Dinge rund um die TSG auch kritisch und bin wachsam wenn die Stimmung mal wieder am Kippen ist. Unterm Strich denke ich, dass die TSG eine absolute Bereicherung ist und viele gute Geister in ihrem Umfeld weiter an der Medientauglichkeit des Vereins arbeiten.

Mit Mäzen Dietmar Hopp im Rücken hat die TSG sich von der Kreisliga bis in die Bundesliga hochgearbeitet und dort etabliert. Diese finanzielle Unterstützung wurde von vielen Seiten kritisiert. Wie hast du das damals empfunden?
Gute Frage… Habe ich vorher noch nie gehört! ;) Ganz ehrlich? Ich denke, jeder Verein hätte diese Unterstützung angenommen. Wie sonst sollte ein Verein heute noch nach oben kommen? Gäbe es diese Unterstützer nicht, würden wir wohl bis ans Ende unserer Tage mit denselben Vereinen in Liga 1 und 2 spielen. Wäre das nicht langweilig? Ich denke, die lautesten Kritiker waren die, die bedauern, nicht selbst für ihren Verein eine ähnliche Unterstützung zu haben.

Kannst du mit Begriffen wie Retortenclub oder Traditionsverein etwas anfangen? Wie viel Romantik gestehst du dem Fußball selbst zu? Und wie positionierst du dich in Diskussionen um das Image deines Vereins?
Wir sollten aufhören, zu träumen. Wie in jeder „Branche“ hat sich auch im Profifußball sehr viel verändert. Alle Vereine sind Unternehmen, die unterm Strich Geld verdienen müssen. Geld für die Spieler, Geld für den Komfort im Stadion, Geld für die Mitarbeiter im Verein und so weiter. Ja, es muss sogar Geld dafür her, um den Fans das Gefühl von Tradition zu vermitteln. Geld gehört zum Profi-Fußball heute einfach mit dazu. Fans wünschen sich auch Jahr für Jahr den einen oder anderen TOP-Transfer. Wie soll der denn kommen, ohne das passende Kleingeld? Die TSG geht offen mit ihrem Standing als Ausbildungsverein um. Das ist kein Fehler – und wir Fans sollten schon früh damit umgehen können, dass Spieler bei uns nur auf einer Durchgangsstation sind.

Golden Moments

Kritisiert wurde in den Jahren des Aufstiegs vor allem, dass die bis dahin gute Jugendarbeit der TSG zugunsten einer raschen Entwicklung in den Hintergrund geraten sei. Wie siehst du diesen Vorwurf und wo steht die TSG in Sachen Jugendarbeit heute?
Dem kann ich so nicht zustimmen. Wir sind ganz klar die Nummer 1 in der Bundesliga, was den Durchsatz an Jugendspielern zum Profi angeht (https://www.transfermarkt.de/tsg-1899-hoffenheim/jugendarbeit/verein/533). Jahr für Jahr führen wir Jugendspieler an die Profis ran. Nicht selten schaffen es welche davon in den Stammkader für die Bundesliga.

An welchen Spielern lässt sich das Engagement in diesem Bereich verdeutlichen?
Blicken wir zurück auf einen Süle und schauen in diesem Jahr auf einen Geiger, werden alle erkennen, dass die TSG hier absolut vorbildliche Arbeit leistet.

Mit Julian Nagelsmann steht der jüngste und zugleich einer der begehrtesten Trainer der Bundesliga an der Seitenlinie in Hoffenheim. Ist das Interesse anderer Vereine an eurem Trainer der Fluch des Erfolges oder Bestätigung und Segen?
Das Thema ist mittlerweile schon langweilig geworden. Es ist doch klar, dass ein Trainer – wenn er erfolgreich ist – das Interesse anderer Vereine weckt. So war es bei Julian keine Ausnahme. In den letzten – weniger erfolgreichen – Wochen, hat sich das ja schon wieder normalisiert. Ich denke, dass keiner davon ausgeht, dass Julian bis an sein Karriereende bei der TSG bleibt, aber ein Abgang zum Ende der aktuellen Saison halte ich ebenso für ausgeschlossenen. Je eher hier Ruhe einkehrt, umso besser ist das für alle.

Spieler

Du sprichst es ja an: Wie sehr nerven die Meldungen zu angeblichen Abwerbeversuchen und glaubst du, Nagelsmann wird in seiner Arbeit dadurch beeinflusst, gar gestört?
Spurlos geht das an keinem vorbei.  Sicher macht man sich da so seine Gedanken. Es wäre seltsam, wenn nicht. Julian ist ein junger intelligenter Mann, der natürlich auch an seine Zukunft denken muss. Manche Chancen bekommt man nicht mehrfach im Leben. Er ist jedoch auch Profi genug, um sich durch die Nebengeräusche nicht von der Arbeit ablenken zu lassen.

Was würdest du Julian Nagelsmann empfehlen, wenn du sein Berater wärst?
Mich früher als seinen Berater geholt zu haben! Nein, im Ernst, ich schätze Julian klug genug ein, um durch diese Lebensphase selbst zu segeln. Die eine oder andere Welle wird ihn kentern lassen, aber er hat immer wieder die Kraft, das Boot auf Kurs zu bringen. Auf jeden Fall rate ich ihm zur Vorsicht, wenn die falschen Berater mit „guten Ratschlägen“ kommen.

In der vergangenen Saison hat die TSG sich mit dem 4. Platz der Liga fürs internationale Geschäft qualifiziert. In den Playoffs verpasste man die Qualifikation für die Champions League, auch in der Europa League konnte man nicht überwintern. Wie beurteilst du im Nachhinein die europäische Erfahrung, musste man da einfach Lehrgeld zahlen?
Die Quali war natürlich ein Traum und das Heimspiel gegen Liverpool hätte mit ein wenig mehr Glück auch ganz anders laufen können. Ab dann war es eigentlich ein „nice to have“. In der Europa League hat man natürlich viel Lehrgeld bezahlt. Spiele, die man deutlich gewinnen muss, verliert man aufgrund fehlender Cleverness und Erfahrung. Bekommen wir irgendwann mal wieder die Chance auf die Teilnahme, werden wir uns sicher besser anstellen und die gewonnen Erkenntnisse in die Waagschale werfen.

Aktuell steht Hoffenheim auf dem 9. Tabellenplatz und ist von der Relegation (8 Punkte) ähnlich weit entfernt wie vom internationalen Geschäft (5). War diese Saison – auch durch die europäischen Spiele – so zu erwarten, oder hinkt die TSG den Erwartungen hinterher?
Viele Fans haben sicher gedacht, dass man das Level aus der letzten Saison nun immer halten kann. Ich nicht! Wir haben die Abgänge nicht 1:1 ersetzen können, die Stürmer laufen nicht so rund wie in der letzten Saison und ganz ohne Verletzungspech sind wir auch nicht geblieben. In einigen Spielen haben wir – mal wieder – ohne Not Führungen verspielt und so kommt es eben, dass man da steht, wo man steht. Und eine Tabelle lügt bekanntlich nicht.

USM

Wie ist die Stimmung derzeit im Umfeld? Hast du das Gefühl, die Fans erwarten die erneute Qualifikation für Europa oder gesteht man dem Team einen Entwicklungsprozess zu?
Hier teilt sich das Lager wohl auf. Wie gesagt gehen viele Fans davon aus, dass man mit dem Kader auch in Europa spielen muss. Für mich sieht es ganz klar nach einer weiteren Entwicklungsstufe aus. Der Verein muss durch ein kleines Tief, um von dort wieder gestärkt angreifen zu können. Aktuell scheint es mal wieder so, dass man sich eigene interne Querelen schafft.

Mit Eugen Polanski trägt in dieser Saison erneut ein ehemaliger 05er eure Kapitänsbinde. Welche Rolle spielt er für das Team?
Leider aktuell keine mehr. Eugen ist Muster-Profi, der für jeden Verein von großer Bedeutung sein kann. Ganz gleich, ob er spielt oder nicht. Als Profi will er jedoch auch mehr Einsatzzeiten und so ist es bedauerlich, dass er nicht in das System-Nagelsmann auf den Platz passt. Zu euch würde er jetzt sehr gut passen.

Nach zuletzt zwei Pleiten gegen Bayer und die Bayern konnte die TSG in Berlin in einer hart umkämpften Partie einen Punkt entführen, mit ein bisschen Glück wäre auch der Sieg drin gewesen. Was für einen Auftritt erwartest du im Heimspiel gegen den FSV?
Es ist die Chance für die TSG, den Bock umzustoßen. Blickt man auf die letzten drei Spiele, muss ich sagen, dass in keinem Spiel ein Sieg verdient gewesen wäre. Leverkusen war deutlich besser, in München muss man nicht nach einer 2:0 Führung noch 5 einfangen und bei der Hertha muss man eben 90 Minuten Vollgas geben, wenn man drei Punkte mitnehmen will. Gut möglich, dass Mainz nun der genau richtige Gegner ist, um den lang ersehnten Dreier einzufahren.

Support

Die Auswärtsbilanz der Mainzer ist katastrophal. Wie motiviert man sein eher heimstarkes Team als Trainer vor einer solchen Begegnung?
„Wenn nicht gegen Mainz, gegen wen dann?“ Die starken Zeiten der Mainzer liegen auch schon länger zurück: Es gab Spielzeiten, da hatte ich richtig Angst vor den Spielen gegen Mainz. Aktuell sehe ich uns aber in der deutlichen Favoritenrolle und die werden wir auch ausspielen.

Im Spiel gegen die Berliner hat sich Kerem Demirbay erneut verletzt. Wie schwer trifft euch seine Verletzung? Und wer kann ihn auf dem Feld ersetzen?
Ja, es läuft aktuell echt unglücklich für Kerem. Ich denke mit Zuji haben wir eine gute Alternative gesehen und mit Amiri und Rupp könnte das ein sehr gutes Mittelfeld werden.

Hast du die Saison der 05er unter Sandro Schwarz verfolgt? Und traust du ihnen den Klassenerhalt zu?
Auf jeden Fall, denn Köln und der HSV sind einfach zu schlecht in dieser Runde. Mit ein wenig Glück, lasst ihr auch noch Wolfsburg hinter euch!

Was ist dein Tipp für die Partie am Wochenende?
Sorry, aber das wird ein 3:0 für uns. Unter anderem macht Szalai ein Tor!

|| Mit herzlichstem Dank an Meenzer on Tour für die tollen Fotos. ||