Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Hertha BSC

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem zweiten Auswärtsspiel der Mainzer in Folge habe ich mit Marc Schwitzky von Herthabase 1892 gesprochen.

1510502834853Hallo Marc, vielen Dank, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du bist erst 22, aber rund um Hertha BSC schon länger in den sozialen Netzwerken unterwegs, als der Verein selbst. Erzähl doch mal, wie es dazu kam.
Hallo Mara, es freut mich sehr, dass ich mich nun auch zu der elitären Gruppe deiner Vorberichtsgäste zählen darf! Wie du schon sagst, bin ich ja noch recht jung, weshalb ich mit dem Aufstieg von Social Media aufgewachsen und bereits ein Drittel meines Lebens (völlig verrückt) auf Facebook angemeldet bin. Dort suchte ein Hertha-Fan-Portal einen neuen Redakteur, wodurch ich erstmals auch online Texte schreiben konnte. Im nächsten Schritt gründeten Marcel und ich „Hertha BASE 1892“ und schafften damit unseren eigenen Blog. Mit der Zeit vertrieb es mich (privat) von Facebook zu Twitter, wo ich meine digitale Heimat gefunden habe und mich mit unzähligen Fans und Co-Bloggern anderer Vereine austauschen kann. So lernten wir uns ja auch kennen.

Mit eurem Portal erreicht ihr heute allein auf Facebook fast 10.000 User. Wie stemmt ihr den täglichen Arbeitsaufwand und wie groß ist euer Team aktuell?
Momentan haben wir sieben Teammitglieder, wovon aber nur fünf regelmäßige Aufgaben übernehmen. Wir versuchen, mindestens drei Artikel pro Woche zu veröffentlichen, zuzüglich zu den alltäglichen Aufgaben der Social-Media-Betreuung und unserem zweiwöchentlich erscheinenden Podcast. Das lässt sich nur durch ein motiviertes und verlässliches Team erreichen, das an einem gemeinsamen Strang zieht. Wir sind nicht nur „Kollegen“, sondern echte Freunde geworden und das macht das Zusammenspiel wesentlich einfacher, da wir Hertha BASE neben unseren Jobs oder dem Studium betreiben.

Was kannst du über den Kontakt mit dem Verein sagen: Nimmt man euch da so ernst, wie ihr euch das vorstellt, oder steht ihr hinter den klassischen Medien an?
Ich glaube schon, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir wurden vor eineinhalb Jahren vom Vereinssender interviewt und kennen den einen oder anderen Mitarbeiter in der Presseabteilung Herthas persönlich. Dennoch sind noch ein paar Meilensteine zu gehen, wie die Akkreditierung für Pressekonferenzen oder die Pressetribüne im Stadion. Grundsätzlich ist es aber schön, zu sehen, dass wir auf dem Radar des Vereins sind.

Obligatorische Frage, wie bist du zum Fan der „alten Dame“ geworden?
Und dazu die wohl obligatorische Antwort. Ich bin Berlin geboren und mein Vater ist Hertha-Fan. Seitdem er mich erstmals ins Olympiastadion mitnahm, bin ich Hertha verfallen. Bin ich nicht im Stadion, ist es eine absolute Tradition, jedes Spiel zusammen mit meinen Eltern zu gucken.

Auf eurem Portal habt ihr die Köpfe der Journalisten auf Spielerkörper gesetzt. Du verschmilzt mit Arne Friedrich. Was schätzt du an ihm besonders?
Zwischen den brasilianischen Paradiesvögeln wie Marcelinho, Gilberto oder Alex Alves gab es mit Arne Friedrich jemanden, der wie kein anderer für Professionalität und Konstanz stand. Er strahlte sowohl auf, als auch neben dem Feld aus, wie ein Musterprofi auszusehen hatte. Mit seiner hohen Disziplin und der nötigen Eloquenz füllte er sechs Jahre lang das Kapitänsamt bei der „alten Dame“ sehr gebührend aus. Hertha BSC war damals durchaus mit (erfolgreichem) Chaos gleichzusetzen, eine echte Diva, doch Arne Friedrich schien immer mehr in diesem Verein zu sehen. Er hätte sicherlich viele Optionen gehabt, den Verein in all den Jahren zu verlassen, um sich sportlich wie finanziell zu verbessern, jedoch blieb er, solange es ging. Hertha war irgendwann zu „seinem“ Verein geworden und nur wenige konnten diesen so lenken, wie er es tat. Es erfüllte den Hertha-Fan stets mit Stolz, solch einen renommierten Spieler auf dem Feld zu wissen. Mit Joe Simunic bildete er jahrelang eines der besten Innenverteidiger-Duos der Liga und als Frontmann der Mannschaft ging er immer voran.

Wenn ich an Hertha BSC denke, laufen immer Bilder der Relegation unter Otto Rehagel vor meinem inneren Auge ab. Ich hätte niemals mit dem sofortigen Wiederaufstieg gerechnet, geschweige denn mit der Etablierung im Oberhaus. Wie wurde das geschafft?
Die Relegation gegen Düsseldorf ist die schlimmste Wunde im blau-weißen Herzen seit sehr langer Zeit – sie schien einem Weltuntergang gleichzukommen. Michael Preetz traf recht zügig die Entscheidung, Jos Luhukay als Trainer zu installieren, der bereits viel Erfahrung im Aufsteigen hatte. Diese Personalie sollte sich auszahlen. Nach stottrigem Start war die Mannschaft nicht mehr zu besiegen, man fühlte sich wie der FC Bayern der zweiten Liga und brach auf dem Weg ins Oberhaus einige Rekorde. Die Euphorie trug den Verein auch im zweiten Jahr von Luhukay, es wurde überraschend souverän die Klasse gehalten. Im Jahr darauf fanden die Ideen des Niederländers jedoch keinen Anklang mehr, die Mannschaft wirkte plan- und motivationslos und so übernahm Pál Dárdai nach der Winterpause das Amt. Was seitdem passiert ist, ist kaum in Worte zu fassen. Zusammen mit Michael Preetz schuf er Kontinuität und ein klares Konzept, was den gesamten Verein durchzieht. In den vergangenen drei Jahren entwickelte sich Hertha BSC zu einem sehr ambitionierten Erstligisten, der durch einen festen Stamm an Leistungsträgern und vielen hoch veranlagten Talenten nur Gutes für die Zukunft erahnen lässt.

Es gab mal eine Zeit, da war Michael Preetz ein Mann, über den unter Fans viel und gerne gelacht wurde und man erwartete jederzeit seinen Rücktritt. Heute agiert er sehr ruhig im Hintergrund und scheint auch bei den Fans angekommen. Wie ist ihm das gelungen?
Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass er nach der Hoeneß-Ära ins kalte Wasser geworfen wurde und einen finanziellen Scherbenhaufen als Erbe antreten durfte. Die Kluft zwischen sportlichem Anspruch und tatsächlichen Mitteln war riesig und es musste zunächst einmal erreicht werden, den Verein zu konsolidieren. Preetz tat es sicherlich gut, mit Präsident Werner Gegenbauer einen großen Verbündeten zu haben, der vorbehaltslos auf ihn vertraute, denn in einer anderen Konstellation wäre er heute sicherlich nicht mehr unser Sportdirektor. Es ist wahr, Preetz hat in seiner Anfangszeit Fehler begangenen, vor allem auf dem Trainerstuhl, jedoch wurde ihm die Zeit gegeben, sich zu entwickeln und aus diesen Fehlern zu lernen. In diesem schnelllebigen Fußballgeschäft eine absolute Seltenheit, aber eben auch der Beweis dafür, dass Vertrauen sich auszahlen kann. Preetz überzeugt durch ein klares Konzept und hat mit Pál Dárdai einen Trainer gefunden, mit dem er es auch kontinuierlich umsetzen kann. Er schafft es nicht nur seit Jahren konstant starke Transferphasen hinzulegen, sondern auch, Hertha BSC ein neues Gesicht zu geben und den Verein für die Zukunft aufzustellen.

In der vergangenen Saison habt ihr es Mainz 05 gleichgemacht und die Quali für Europa in den Sand gesetzt. Diesmal wart ihr direkt dabei, konntet aber nicht europäisch überwintern. Was überwiegt, die Freude über die zurückliegenden Spiele oder die Enttäuschung?
Eine Mischung aus beidem. Sportlich lief es zwar nicht zufriedenstellend und besonders in solch einer „einfachen“ Gruppe hätte die K.O.-Phase erreicht werden müssen, aber die Europa League war dennoch wichtig und gut für die Mannschaft. Spieler, die sonst eher in der zweiten Reihe stehen – wie Thomas Kraft oder Fabian Lustenberger – konnten sich dank guter Leistungen nachhaltig für die Bundesliga empfehlen. Und auch unsere jungen Spieler wie Maxi Mittelstädt oder Jordan Torunarigha haben in diesem Wettbewerb Erfahrungen sammeln und sich dem Trainer anbieten können. Ohne die Europa League gäbe es nicht den gleichen Konkurrenzkampf, wie wir ihn aktuell haben.

Die bisherige Saison der Hertha unterlag mächtigen Schwankungen. Gerade scheint sich das Team zu stabilisieren, zuletzt konnte sogar Leverkusen geschlagen werden. Ist da irgendwo ein sprichwörtlicher Knoten geplatzt oder war das eine beständige Entwicklung?
Um ehrlich zu sein: keins von beidem. Vor dem beeindruckenden Sieg gegen Leverkusen gab es drei Unentschieden, die aber verschiedener kaum hätten sein können und eher die von dir erwähnten Schwankungen erkennen ließen. Der Dreier gegen die Werkself könnte der Startschuss für eine heiß ersehnte Beständigkeit sein – das Spiel gegen Mainz wird es zeigen und hat daher eine entscheidende Rolle für Herthas weiterem Saisonverlauf.

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In einem Beitrag Ende Januar beschäftigt ihr euch mit den Offensivschwächen des Teams. Kannst du eure Ergebnisse für uns zusammenfassen? Was macht Hoffnung darauf, dass es bei diesem Thema Besserung gibt?
Die geringe Torgefahr ist an sich nichts Neues bei Hertha. Seit mittlerweile drei Saisons haben wir die ligaweit geringste Anzahl an Schüssen – der Unterschied in diesem Jahr ist nur, dass die gewohnte Effizienz etwas verloren gegangen ist. Am Saisonanfang steckten Herthas Torjäger Salomon Kalou und Vedad Ibisevic in einem Formloch der Marke Mariannengraben. Als dann noch Neuzugang Mathe Leckie seine starke Torquote nicht halten konnte, hatte Hertha ein Problem. Pál Dárdai hat dieses Jahr zwei klare Ziele gesteckt: Talente an die Startelf heranzuführen und Herthas Offensivspiel attraktiver zu gestalten. Das Zweite mag sich paradox anhören, jedoch ist in einem solchen Umbruchsjahr und den taktischen Neuheiten nicht zu erwarten, dass die Mannschaft den neuen Offensivfußball sofort und konstant auf den Rasen bringen kann. Die Rückrunde zeigt bereits, dass die Spieler es immer besser verinnerlichen und so hätte man außer gegen Bremen jede Partie auch gewinnen können. Wenn die Chancenverwertung wie gegen Leverkusen gehalten wird und Spieler wie Ondrej Duda und Mitchell Weiser wieder in einen Spielrhythmus kommen, verspreche ich mir eine sichtliche Verbesserung.

Mit Langkamp, Stocker und Haraguchi habt ihr im Winter drei Spieler abgegeben, aber es gibt keine Neuzugänge. Ist das Team in der aktuellen Zusammensetzung stark genug?
Absolut, davon bin ich der festen Überzeugung. Der Kader ist so stark wie gefühlt noch nie und es war sogar notwendig, diese drei Spieler abzugeben. Alle drei hatten keine wirkliche Perspektive mehr und mussten dem bereits angesprochenen Weg, Talenten Chancen zu geben, weichen. Stocker und Langkamp waren menschlich absolute Stützen im Verein, sportlich waren ihre Abgänge aber nicht zu umgehen.

Im Sommer ist das Team an einigen Stellen verstärkt worden. Dabei fällt auf, dass neben prominenten Namen wie Davie Selke auch vier Spieler aus der eigenen U19 zu den Profis aufgerückt sind. Wie gut ist eure Jugendarbeit?
Herthas Jugendarbeit floriert. Nahezu jede Altersklasse ist sehr erfolgreich und mit dem „goldenen 1999er Jahrgang“, aus dem Arne Maier, Palko Dárdai, Julius Kade, Florian Baak und einige andere vielversprechende Eigengewächse stammen, etabliert sich das so langsam im Profi-Kader. Dazu kommen bereits geläufige Namen wie Maxi Mittelstädt und Jordan Torunarigha, die bereits sehr nahe an der Startelf sind. Bei Hertha spielen aktuell so viele Jugendnationalspieler, man kann sie kaum noch zählen. Und Pál Dárdai ist gewillt, allen eine faire Chance zu geben.

Wie zufrieden bist du generell damit, wie die Neuen in dieser Saison angekommen sind?
Wie bereits gesagt, hat die Europa League ihren Teil dazu beigetragen, dass junge Spieler auf ihre Einsatzzeiten kamen und teilweise wirklich auf sich aufmerksam machten. Mittelstädt konnte eine Zeit lang Salomon Kalou aus der Startelf verdrängen, Torunarigha lässt in den letzten Partien jeden Herthaner staunen und Arne Maier ist mit seinen 19 Jahren einfach ein Phänomen. Er spielt seine erste Profi-Saison und war bereits mit 18 Jahren nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken. Ein hochmoderner „Sechser“, der über alle körperlichen, technischen und strategischen Fähigkeiten verfügt, um in ein paar Jahren zu den großen Namen in Deutschland zu gehören. Er ist ein Talent, was man nur selten findet. Ich bin unglaublich zufrieden, wie sehr bei Hertha BSC auf die eigene Jugend gesetzt wird und so ist unser diesjähriger Slogan „Die Zukunft gehört Berlin“ kein billiger Marketinggag.

Mein Eindruck ist, dass die Hertha von vielen Fußballfans anderer Vereine als große, aber eben graue Maus wahrgenommen wird. Wie ist die Selbstwahrnehmung der HBSC-Fans? Welche Eigenschaften sind „typisch Hertha“?
Vor ein paar Jahren hat uns noch die selbstironische Arroganz ausgezeichnet. Der Herthaner hat überspitzt von Meisterschaften und anderen Pokalen erzählt, durch die bodenständigen Michael Preetz und Pál Dárdai hat sich dieses Bild gewandelt. Es ist schwierig zu sagen, was typisch Hertha ist. Genau daran – am Image – arbeitet der Verein gerade, durch zahlreiche Marketing-Kampagnen und einen generalüberholten Social-Media-Auftritt. Hertha kann auf keine großen Titel und wenige „magische Europa-Nächte“ zurückblicken und so ist es das Ziel, die größten Zeiten erst kommen zu lassen. Während Bundesliga-Vereine wie Hamburg, Bremen oder Stuttgart mit der Gegenwart hadern und sich nach den glorreichen Zeiten sehnen, arbeitet Hertha mit Hochdruck daran, genau solche Jahrzehnte in der Zukunft haben zu können. Deshalb wird so sehr auf die eigene Jugend gesetzt, deshalb wird sich gerade für ein eigenes Stadion stark gemacht und deshalb wird in jeder Saison ein kleiner Baustein in der spielerischen Weiterentwicklung gesetzt. Ich persönlich glaube, dass Hertha aktuell einer der spannendsten Vereine der Bundesliga ist und den Status der grauen Maus bald ablegen wird.

Welche Erwartungen hat das Umfeld daran, wo die Hertha am Ende der Saison in der Tabelle stehen wird? Und was ist deine persönliche Einschätzung?
Nach den vergangenen zwei Spielzeiten, haben einige Fans die Erwartung oder vielmehr Hoffnung, dass es auch diese Saison mit Europa klappt. Der Großteil der Anhänger wünscht sich wohl einen einstelligen Tabellenplatz und da würde ich mitgehen. Die laufende Saison ist von einer spielerischen Weiterentwicklung, von Umbruch und Talentförderung gezeichnet, daher ist der Tabellenrang tatsächlich eher nebensächlich. Erst im kommenden Jahr wird die Mannschaft daran gemessen.

Mainz reist in einer schwierigen Situation nach Berlin. Zu der eklatanten Auswärtsschwäche kommt nun der schwelende Stress zwischen Verein und Fans. Wie beurteilst du die Situation der 05er von außen? Und wie ernst nimmt man bei der Hertha diese Begegnung?
Mainz ist nicht mehr Mainz – so ist zumindest das Gefühl von außen. In der laufenden Saison oder im gesamten Jahr 2017 ist der Verein von Krisen, sportlich wie strukturell, gebeutelt und droht zu zerreißen. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Verein wie der FSV im Abstiegskampf steckt, es ist aber erstaunlich, dass Mannschaft, Trainer und Umfeld es nicht schaffen, eine Einheit zu formen. Mainz hatte immer den Vorteil, sich voll auf den Abstiegskampf einlassen zu können, da es keine Nebengeräusche gab. Nun wirkt der Verein teils zerfahrener als der HSV oder Stuttgart und gibt ein grausames Bild ab. Dennoch nehmen alle Herthaner die Partie äußerst ernst, so sagte ich im Vorfeld des Spiels gegen Leverkusen, dass mir die Begegnung gegen Mainz mehr Sorgen bereitet. Die Spiele gegen Mainz sind seit Jahren die schlimmsten überhaupt und treiben jeden Hertha-Fan in den Wahnsinn. So kommt es nicht von ungefähr, dass Mainz die letzten beiden Aufeinandertreffen für sich entschied. Mit ihrer „dreckigen“ Spielweise, dem fast schon provokativen Hinten-Reinstellen und Spielertypen wie Donati oder De Blasis erzeugt Mainz 05 Hassgefühle in mir. Das ist nicht beleidigend gemeint: Wenn Mainz 90 Minuten lang tiefe Frustration in mir auslösen kann, müssen sie etwas richtigmachen.

Worauf müssen sich die Mainzer für die Begegnung einstellen? Und was erwartest du dir insgesamt vom Spiel am Freitagabend?
Ich erwarte keinen fußballerischen Leckerbissen. Mainz scheint sehr zu wanken und wird sich in einem Auswärtsspiel zu keinem Offensivfußball hinreißen lassen, sodass es an Hertha sein wird, das Spiel zu gestalten. Ich kann mir vorstellen, dass Pál Dárdai aus dem Hinspiel gelernt hat und sein Team mutiger in die Partie schicken wird. Auch der Sieg gegen Leverkusen wird Rückenwind geben. Je länger die Partie geht, desto schwieriger wird es für Hertha werden, ein Tor zu schießen. Sollte Hertha noch in der in der ersten Halbzeit in Führung gehen, könnte man ins Rollen kommen. Andersherum wäre eine Mainzer Führung wohl ein großes Problem für die „alte Dame“. Mainz sollte vor dem aktuell überragenden Valentino Lazaro gewarnt sein, der selbst tiefstehende Gegner durch Einzelaktionen knacken kann. Zudem ist Herthas Standardstärke ligaweit gefürchtet.

Dein Tipp fürs Ergebnis?
Ein 2:0 für Hertha.

Danke für das Gespräch!

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei der TSG Hoffenheim

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Im Vorfeld der für Mainz 05 sehr wichtigen Partie gegen die TSG Hoffenheim habe ich mit deren „guten Geist“ Marco Ripanti gesprochen.

Hallo Marco, danke, dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du lebst mit deiner Familie in Weinheim, hast aber italienische Wurzeln. Gibt es auch einen Verein in Italien, für den dein Herz besonders schlägt?
Hallo Mara, ich danke Dir dafür, dass ich mich hier zum Spiel äußern darf. Natürlich gibt es auch in Italien einen Verein der meine Emotionen bewegt. Mit Inter Mailand habe ich hier einen Verein der – wie die TSG – viele Höhen und Tiefen erlebt hat.

Marco Ripanti

Wie würdest du aktuell die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der italienischen und der deutschen Liga beschreiben?
Die italienische Liga hat in den letzten Jahren viel von ihrer Größe verloren. Die glorreichen Zeiten, in denen Vereine wie AC Milan und Juventus Turin in Europa regiert haben, liegen lange zurück. In diesen Jahren wurde bei vielen Vereinen der Umbruch versäumt. Ein wenig habe ich die Hoffnung, dass man dies seit letzten Jahr in viele Vereinen erkannt hat und man sich langsam aber sicher wieder auf eine starke Serie A einstellen kann. Die Leistungsdichte in der Liga ist enger und auch die jetzige Pause in Sachen WM kann dem italienischen Fußball nur guttun. Eine Chance die man jetzt nur noch nutzen sollte.

Erzähl uns doch mal, seit wann du die TSG Hoffenheim als Fan verfolgst und wie der Verein dein Herz gewonnen hat.
Es war in der Saison 2007/08. Ein Verein quasi vor der Haustür, noch ohne historische Schrammen schickt sich an die Bundesliga zu meistern. Das klang interessant. Die offensive Spielweise und der attraktive Fußball schafften es dann schnell, mich zu fesseln. Spätestens nach der ersten Vorrunde in der Bundesliga war es dann passiert. Ich war Hoffenheim-Fan.

Bekenne Farbe

In deiner Twitter-Biografie beschreibst du dich selbst als „Guter Geist der TSG Hoffenheim“. Wie ist das gemeint? Und warum braucht die TSG einen guten Geist?
Nun, ich denke jeder Verein braucht einen „guten Geist“, oder? Es ist als TSG-Fan nicht immer leicht, aber da erzähle ich ja nichts Neues. Anders als viele andere, sehe ich manche Dinge rund um die TSG auch kritisch und bin wachsam wenn die Stimmung mal wieder am Kippen ist. Unterm Strich denke ich, dass die TSG eine absolute Bereicherung ist und viele gute Geister in ihrem Umfeld weiter an der Medientauglichkeit des Vereins arbeiten.

Mit Mäzen Dietmar Hopp im Rücken hat die TSG sich von der Kreisliga bis in die Bundesliga hochgearbeitet und dort etabliert. Diese finanzielle Unterstützung wurde von vielen Seiten kritisiert. Wie hast du das damals empfunden?
Gute Frage… Habe ich vorher noch nie gehört! ;) Ganz ehrlich? Ich denke, jeder Verein hätte diese Unterstützung angenommen. Wie sonst sollte ein Verein heute noch nach oben kommen? Gäbe es diese Unterstützer nicht, würden wir wohl bis ans Ende unserer Tage mit denselben Vereinen in Liga 1 und 2 spielen. Wäre das nicht langweilig? Ich denke, die lautesten Kritiker waren die, die bedauern, nicht selbst für ihren Verein eine ähnliche Unterstützung zu haben.

Kannst du mit Begriffen wie Retortenclub oder Traditionsverein etwas anfangen? Wie viel Romantik gestehst du dem Fußball selbst zu? Und wie positionierst du dich in Diskussionen um das Image deines Vereins?
Wir sollten aufhören, zu träumen. Wie in jeder „Branche“ hat sich auch im Profifußball sehr viel verändert. Alle Vereine sind Unternehmen, die unterm Strich Geld verdienen müssen. Geld für die Spieler, Geld für den Komfort im Stadion, Geld für die Mitarbeiter im Verein und so weiter. Ja, es muss sogar Geld dafür her, um den Fans das Gefühl von Tradition zu vermitteln. Geld gehört zum Profi-Fußball heute einfach mit dazu. Fans wünschen sich auch Jahr für Jahr den einen oder anderen TOP-Transfer. Wie soll der denn kommen, ohne das passende Kleingeld? Die TSG geht offen mit ihrem Standing als Ausbildungsverein um. Das ist kein Fehler – und wir Fans sollten schon früh damit umgehen können, dass Spieler bei uns nur auf einer Durchgangsstation sind.

Golden Moments

Kritisiert wurde in den Jahren des Aufstiegs vor allem, dass die bis dahin gute Jugendarbeit der TSG zugunsten einer raschen Entwicklung in den Hintergrund geraten sei. Wie siehst du diesen Vorwurf und wo steht die TSG in Sachen Jugendarbeit heute?
Dem kann ich so nicht zustimmen. Wir sind ganz klar die Nummer 1 in der Bundesliga, was den Durchsatz an Jugendspielern zum Profi angeht (https://www.transfermarkt.de/tsg-1899-hoffenheim/jugendarbeit/verein/533). Jahr für Jahr führen wir Jugendspieler an die Profis ran. Nicht selten schaffen es welche davon in den Stammkader für die Bundesliga.

An welchen Spielern lässt sich das Engagement in diesem Bereich verdeutlichen?
Blicken wir zurück auf einen Süle und schauen in diesem Jahr auf einen Geiger, werden alle erkennen, dass die TSG hier absolut vorbildliche Arbeit leistet.

Mit Julian Nagelsmann steht der jüngste und zugleich einer der begehrtesten Trainer der Bundesliga an der Seitenlinie in Hoffenheim. Ist das Interesse anderer Vereine an eurem Trainer der Fluch des Erfolges oder Bestätigung und Segen?
Das Thema ist mittlerweile schon langweilig geworden. Es ist doch klar, dass ein Trainer – wenn er erfolgreich ist – das Interesse anderer Vereine weckt. So war es bei Julian keine Ausnahme. In den letzten – weniger erfolgreichen – Wochen, hat sich das ja schon wieder normalisiert. Ich denke, dass keiner davon ausgeht, dass Julian bis an sein Karriereende bei der TSG bleibt, aber ein Abgang zum Ende der aktuellen Saison halte ich ebenso für ausgeschlossenen. Je eher hier Ruhe einkehrt, umso besser ist das für alle.

Spieler

Du sprichst es ja an: Wie sehr nerven die Meldungen zu angeblichen Abwerbeversuchen und glaubst du, Nagelsmann wird in seiner Arbeit dadurch beeinflusst, gar gestört?
Spurlos geht das an keinem vorbei.  Sicher macht man sich da so seine Gedanken. Es wäre seltsam, wenn nicht. Julian ist ein junger intelligenter Mann, der natürlich auch an seine Zukunft denken muss. Manche Chancen bekommt man nicht mehrfach im Leben. Er ist jedoch auch Profi genug, um sich durch die Nebengeräusche nicht von der Arbeit ablenken zu lassen.

Was würdest du Julian Nagelsmann empfehlen, wenn du sein Berater wärst?
Mich früher als seinen Berater geholt zu haben! Nein, im Ernst, ich schätze Julian klug genug ein, um durch diese Lebensphase selbst zu segeln. Die eine oder andere Welle wird ihn kentern lassen, aber er hat immer wieder die Kraft, das Boot auf Kurs zu bringen. Auf jeden Fall rate ich ihm zur Vorsicht, wenn die falschen Berater mit „guten Ratschlägen“ kommen.

In der vergangenen Saison hat die TSG sich mit dem 4. Platz der Liga fürs internationale Geschäft qualifiziert. In den Playoffs verpasste man die Qualifikation für die Champions League, auch in der Europa League konnte man nicht überwintern. Wie beurteilst du im Nachhinein die europäische Erfahrung, musste man da einfach Lehrgeld zahlen?
Die Quali war natürlich ein Traum und das Heimspiel gegen Liverpool hätte mit ein wenig mehr Glück auch ganz anders laufen können. Ab dann war es eigentlich ein „nice to have“. In der Europa League hat man natürlich viel Lehrgeld bezahlt. Spiele, die man deutlich gewinnen muss, verliert man aufgrund fehlender Cleverness und Erfahrung. Bekommen wir irgendwann mal wieder die Chance auf die Teilnahme, werden wir uns sicher besser anstellen und die gewonnen Erkenntnisse in die Waagschale werfen.

Aktuell steht Hoffenheim auf dem 9. Tabellenplatz und ist von der Relegation (8 Punkte) ähnlich weit entfernt wie vom internationalen Geschäft (5). War diese Saison – auch durch die europäischen Spiele – so zu erwarten, oder hinkt die TSG den Erwartungen hinterher?
Viele Fans haben sicher gedacht, dass man das Level aus der letzten Saison nun immer halten kann. Ich nicht! Wir haben die Abgänge nicht 1:1 ersetzen können, die Stürmer laufen nicht so rund wie in der letzten Saison und ganz ohne Verletzungspech sind wir auch nicht geblieben. In einigen Spielen haben wir – mal wieder – ohne Not Führungen verspielt und so kommt es eben, dass man da steht, wo man steht. Und eine Tabelle lügt bekanntlich nicht.

USM

Wie ist die Stimmung derzeit im Umfeld? Hast du das Gefühl, die Fans erwarten die erneute Qualifikation für Europa oder gesteht man dem Team einen Entwicklungsprozess zu?
Hier teilt sich das Lager wohl auf. Wie gesagt gehen viele Fans davon aus, dass man mit dem Kader auch in Europa spielen muss. Für mich sieht es ganz klar nach einer weiteren Entwicklungsstufe aus. Der Verein muss durch ein kleines Tief, um von dort wieder gestärkt angreifen zu können. Aktuell scheint es mal wieder so, dass man sich eigene interne Querelen schafft.

Mit Eugen Polanski trägt in dieser Saison erneut ein ehemaliger 05er eure Kapitänsbinde. Welche Rolle spielt er für das Team?
Leider aktuell keine mehr. Eugen ist Muster-Profi, der für jeden Verein von großer Bedeutung sein kann. Ganz gleich, ob er spielt oder nicht. Als Profi will er jedoch auch mehr Einsatzzeiten und so ist es bedauerlich, dass er nicht in das System-Nagelsmann auf den Platz passt. Zu euch würde er jetzt sehr gut passen.

Nach zuletzt zwei Pleiten gegen Bayer und die Bayern konnte die TSG in Berlin in einer hart umkämpften Partie einen Punkt entführen, mit ein bisschen Glück wäre auch der Sieg drin gewesen. Was für einen Auftritt erwartest du im Heimspiel gegen den FSV?
Es ist die Chance für die TSG, den Bock umzustoßen. Blickt man auf die letzten drei Spiele, muss ich sagen, dass in keinem Spiel ein Sieg verdient gewesen wäre. Leverkusen war deutlich besser, in München muss man nicht nach einer 2:0 Führung noch 5 einfangen und bei der Hertha muss man eben 90 Minuten Vollgas geben, wenn man drei Punkte mitnehmen will. Gut möglich, dass Mainz nun der genau richtige Gegner ist, um den lang ersehnten Dreier einzufahren.

Support

Die Auswärtsbilanz der Mainzer ist katastrophal. Wie motiviert man sein eher heimstarkes Team als Trainer vor einer solchen Begegnung?
„Wenn nicht gegen Mainz, gegen wen dann?“ Die starken Zeiten der Mainzer liegen auch schon länger zurück: Es gab Spielzeiten, da hatte ich richtig Angst vor den Spielen gegen Mainz. Aktuell sehe ich uns aber in der deutlichen Favoritenrolle und die werden wir auch ausspielen.

Im Spiel gegen die Berliner hat sich Kerem Demirbay erneut verletzt. Wie schwer trifft euch seine Verletzung? Und wer kann ihn auf dem Feld ersetzen?
Ja, es läuft aktuell echt unglücklich für Kerem. Ich denke mit Zuji haben wir eine gute Alternative gesehen und mit Amiri und Rupp könnte das ein sehr gutes Mittelfeld werden.

Hast du die Saison der 05er unter Sandro Schwarz verfolgt? Und traust du ihnen den Klassenerhalt zu?
Auf jeden Fall, denn Köln und der HSV sind einfach zu schlecht in dieser Runde. Mit ein wenig Glück, lasst ihr auch noch Wolfsburg hinter euch!

Was ist dein Tipp für die Partie am Wochenende?
Sorry, aber das wird ein 3:0 für uns. Unter anderem macht Szalai ein Tor!

|| Mit herzlichstem Dank an Meenzer on Tour für die tollen Fotos. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Bayer Leverkusen

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem Spiel bei Bayer 04 Leverkusen habe ich mit Kevin Scheuren gesprochen, der regelmäßig für MeinSportradio.de am Mikrofon steht.

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Hallo Kevin, erstmal schön, dass du dir Zeit für mich nimmst. Du begleitest Bayer Leverkusen sowohl mit dem Fanherzen als auch aus der Expertensicht zum Beispiel für Mein Sportradio. Wie schwierig fällt dir der Spagat und wann bleibst du lieber mal weg vom Mikrofon?
Schwer fällt mir dieser Spagat eigentlich nie, weil ich meine Mannschaft immer besonders kritisch sehe und kein gutes Haar an ihr lasse, wenn es sein muss. Ich versuche immer, einen möglichst objektiven Blick auf Bayer 04 zu behalten und schaffe das meistens auch. Klar, manchmal gehen die Pferde mit mir durch, aber das sind die wenigsten Momente meines Fan-/Moderatorendaseins. Weg geblieben vom Mikrofon bin ich, was die Bayer 04-Sendung „Werkskantine am Wasserturm“ auf meinsportradio.de angeht, im Laufe der letzten Saison. Ich glaube, ich hätte mich 60 Minuten einfach nur aufgeregt und diese Art von Podcast will ich nicht machen. Also habe ich mir selbst gesagt, dass ich da erstmal Pause mache und sehe, wie es weitergeht. Durch BuLiSpecial, Starting Grid und Co. ist die Sendung aber leider generell etwas hintenübergefallen, soll aber bald reaktiviert werden.

Ein beliebtes Format bei Mein Sportradio ist das Bundesligaspecial. Vor jedem Spieltag sprecht ihr mit Experten über alle anstehenden Begegnungen. Wo findet ihr die und wie motiviert ihr sie dazu, bei dem Format mitzumachen?
Twitter ist manchmal ein Teufelswerk, aber mir hilft es bei der Expertensuche mächtig. Mittlerweile hat man ja viele Fans von vielen Vereinen in der Timeline und kann so immer mal wieder direkt Leute ansprechen, ob sie Lust und Zeit haben, mitzumachen. Mainzer sind da manchmal etwas schwieriger, also wenn ihr donnerstags zwischen 19 und 21 Uhr Zeit habt, meldet euch bei mir. Die Motivation der Leute kommt mittlerweile glaube ich daher, dass sie wissen, es wird eine gute Sendung. Bei mir wird jeder fair behandelt, bringt ja keinem was, wenn er runtergeputzt wird. Es macht Spaß, sich vor dem Spieltag mit anderen Fans auszutauschen und die verschiedenen Sichtweisen auf die Vereine zu erleben. Und manchmal ist eine Vorschau schöner als eine Nachschau, vielleicht ist das auch ein Grund.

Podcasts sind als Format in den letzten Jahren fast explodiert, nicht nur bei Mein Sportradio. Du bist zum Beispiel auch noch für „Beat Yesterday“ am Mikrofon, ein Podcast rund um die Themen Bewegung und Ernährung. Wie erklärst du dir die Beliebtheit?
Man hat keine nervigen Radiosingles nebenbei! Haha, nein Quatsch, ich glaube einfach, dass die Leute neugierig auf die Interessen anderer Menschen sind. Wir teilen auf vielen Ebenen viele Interessen, und wenn man dann Lust hat, sich eine Stunde oder mehr zu einem Thema anzuhören, lädt man sich eben einen Podcast runter. Ich habe früher nur Musik in der Bahn gehört, mittlerweile nur noch diverse Podcasts. Vielleicht ist die Musik schlechter geworden, ich weiß es nicht. Das Format ist sehr frei, man hat kaum Restriktionen und kann sich wunderbar austoben. Und für den ein oder anderen springen auch noch ein paar Euro mittlerweile raus, was mich für die sehr freut, denn es steckt ja auch Arbeit dahinter.

Kevin Scheuren

Und was ist für dich als Produzierender der Reiz?
Das direkte Feedback, wenn es denn kommt, ist wunderbar. Egal, ob positiv oder negativ, irgendwas finden die Leute an deinen Sendungen, was sie dazu nötigt, zu kommentieren. Mir ist immer lieber, dass die Hörer fünf miese Kommentare schreiben, damit kann ich ja auch arbeiten. Dann mag ich es, noch aus Uniradio-Zeiten hier in Bonn, dass man sich Mühe gibt und ein tolles Projekt veröffentlicht, was sich andere eben auch anhören. Zugegeben, meine Podcasts hören heute mehr Leute als meine Arbeit beim Bonner Uniradio, aber im Grunde ist es das Gleiche. Am Ende sitze ich lange Zeit an einer Sendung, die dann hochgeladen wird und runtergeladen werden kann. Das ist schon toll.

Kommen wir zum Fußball und da erstmal zu deiner Fangeschichte: Wie hat Bayer Leverkusen dich für sich gewinnen können?
Mein Vater hat mich 1997 zum sagenumwobenen 4:2 gegen die Bayern mitgenommen. Es war das Spiel, in dem Ulf Kirsten drei Mal traf und was soll ich sagen? Der Schwatte ist seitdem mein Idol und Bayer 04 meine Mannschaft. Ich komme aus dem Münsterland, da ist alles voll von Schalkern, Dortmundern und Bayern-Fans. Wenn man dann noch andere Farben vertreten kann, umso besser! Die Spielweise von Bayer sagt mir auch zu, ebenso die familiäre Situation im Verein und der Fanszene. Seit 2005/2006 bin ich auch in der aktiven Fanszene dabei – Bayer Leverkusen ist einfach ein geiler Club.

Lange Jahren waren Wolfsburg und Bayer als die beiden Werksclubs für dieses Image nicht bei jedem Fan anderer Vereine wohlgelitten. Heute sind Clubs wie die TSG aus Hoffenheim oder Rasenballsport Leipzig in der Liga, ähnliche Konstrukte drängen nach. Wie empfindest du das, hat sich euer Image dadurch positiv verändert?
Ich bin immer Jemand, der im gleichen Atemzug bei den sogenannten Traditionsvereinen fordert, dass hinterfragt wird, warum Unternehmen aus der Region nicht bereit sind, zu investieren und voranzutreiben. Mit Sicherheit gilt das nicht für Leipzig, aber Hoffenheim, Wolfsburg und eben auch Leverkusen sind aus einem Regionalsponsoring entstanden. Fußballfans mögen es eben nicht, wenn es eine Person ist oder ein Konzern. Das ist dann halt so. Was Bayer angeht – ich denke, wer uns immer noch in eine Schublade mit Leipzig oder Hoffenheim steckt, der macht das bewusst und vergisst die Erfolge des Vereins, die Langlebigkeit in der Bundesliga und die Spieler, die wir entwickelt haben, von denen auch der deutsche Fußball profitiert. Aber ich glaube, dass man Bayer 04 mittlerweile vielerorts mit anderen Augen sieht. Meines Erachtens sind wir per Definition auch ein Traditionsverein. Aber die „Lex Leverkusen“ wird in den Hearts and Minds of Fußballfans immer leben. So be it!

Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler ist ein Phänomen. Die einen werfen finden ihn eher unprofessionell, weil er seine Emotionen nicht immer im Griff hat. Die anderen lieben ihn gerade dafür, dass er öfter mal einen raushaut. Wie siehst du ihn?
Ich mag ihn nicht, er steht für mich für Stillstand und muss weg. Mehr sage ich dazu nicht.

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In der aktuellen Wintertransferphase hat Leverkusen bisher mit Andre Ramalho, der letzte Rückrunde noch an Mainz ausgeliehen war, einen Spieler abgegeben. Geholt wurde bislang niemand. Nach der beeindruckenden Vorstellung gegen die TSG am Wochenende erübrigt sich die Frage fast, aber: Ist das Team wirklich so stark?
Du hast es richtig gesagt: das TEAM ist so stark! Heiko Herrlich hat aus der Trümmertruppe von Roger Schmidt wieder eine Einheit geformt, die zusammensteht und füreinander kämpft. Damit haben wir schon viele Spiele, die wir letzte Saison verloren hätten, zumindest mit einem Punktgewinn abgeschlossen. Ich denke, dass es okay ist, dass wir nichts mehr nachholen, es gibt auch nicht mehr so viele schwere Verletzungen, damit sollte es bis zum Ende der Saison auf jeden Fall klappen. Finde es übrigens schade, dass es mit Andre nicht geklappt hat, positiver Typ, viel Glück für ihn in Salzburg!

Die letzte Saison wurde für Bayer Leverkusen in ihrem Verlauf immer unruhiger. Anfang März musste Roger Schmidt gehen, für ihn kam Tayfun Korkut, der aber nur die Saison zu Ende bringen durfte. Die Verpflichtung von Heiko Herrlich, der gerade Jahn Regensburg in die 2. Liga geführt hatte, kam für viele überraschend. Wie war deine erste Reaktion?
Als er vorgestellt wurde – und dann auch noch als dritte oder gar vierte Wahl – dachte ich: „Oh mein Gott.“ Aber mit der Zeit hat sich das echt gewandelt. Herrlich bringt einen unfassbaren Arbeitseifer mit, er hat der Mannschaft Disziplin vermittelt und scheint den richtigen Ton zu treffen. Was ich höre, sind im Vergleich zu Schmidt alle Spieler zufrieden mit Herrlich und haben Spaß. Natürlich stimmen die Ergebnisse, das gibt ihm Recht. Meine erste Reaktion ist mittlerweile nicht mehr vorhanden, ich bin verhalten optimistisch und sage, dass er genau der richtige Trainer für uns ist.

Der Start in die Saison war eher holprig, vor allem in Sachen Punktausbeute. Mit vier Zählern aus den ersten fünf Spielen kehrte zumindest im Umfeld zunächst keine Ruhe ein. Wie hast du in der Phase die Verantwortlichen und ihren Umgang mit der Situation wahrgenommen?
Positiv! Im Gegensatz zu Schalke 04 haben wir jetzt sogar einen Vorteil: die Krise ist bereits hinter uns. Das könnte im Saisonendspurt noch sehr wichtig werden. Ich bin der Meinung, dass man nicht mehr länger hätte warten KÖNNEN, es aber richtig war zu warten und dann den Turnaround zu schaffen. Ich glaube, dass auch noch ganz viel alter Ballast von Schmidt unterwegs war und sich das erstmal einpendeln musste. Von daher war die Reaktion der Vereinsoberen sehr professionell und dennoch mahnend, hat gefruchtet und nun gibt’s keinerlei Diskussionen mehr und alle ziehen an einem Strang.

Trikots

In einem Interview auf der Vereinshomepage sagt Herrlich selbst:

Ich habe nicht erwartet, dass ich hierherkomme und alles sofort funktioniert. Ich bin kein Zauberer. Wir haben uns Schritt für Schritt verbessert, das ist auch ein Prozess, für den ständige Überzeugungsarbeit nötig ist.

Wie beurteilst du nach der ersten gemeinsamen Hinrunde seine Arbeit?
Hat er gut gemacht. Taktisch variabel, er sieht Fehler bei sich auch mal ein, er wechselt gut durch, die Ergebnisse geben ihm recht. Alles besser als unter Schmidt. Schlechter ging es ja auch nicht mehr – spielerisch und in Sachen Stimmung. Ich mag Herrlich, er hat eine Art an sich, die sicher auch polarisiert und macht Sachen, die verwundern (Stichwort Mönchengladbach), aber er entschuldigt sich dann und gut ist. Er will gewinnen, er ist ein Getriebener und das finde ich positiv. Er hat Spieler besser gemacht, allen voran Leon Bailey, aber auch Kevin Volland. Er gibt den Leuten Vertrauen, er ist umgänglich. Bitte mehr davon und am Ende hoffentlich die Qualifikation für das internationale Geschäft und das Pokalfinale in Berlin!

Der Spieler aus dem Bayer-Kader, dessen Name aktuell jeder in der Liga kennt ist – du hast ihn gerade genannt – Leon Bailey. Was macht den Jamaikaner so stark? Und auf welche Spieler sollten die Mainzer außerdem achten in der Vorbereitung aufs Spiel?
Leon ist pfeilschnell, stark am Ball und schließt ab wie ein erfahrener Mittelstürmer. Er ist das komplette Paket und wird den Verein irgendwann für viel Geld verlassen. Diese Unbekümmertheit macht ihn glaube ich auch aus. Ein Spieler, den man nur einmal in seiner Generation bekommt. Faszinierend! Ansonsten hoffe ich sehr auf Karim Bellarabi, der immer stärker wird und bald hoffentlich seine Abschlussstärke wiederfindet. Er spielt derzeit bemüht, es klappt aber noch nicht so ganz. Unsere gesamte Offensivreihe mit Bailey, Volland, Bellarabi, Havertz und Brandt ist natürlich immer gefährlich und gerade bei Heimspielen haben wir in dieser Saison vieles richtiggemacht. Das klingt jetzt sicher fies, aber an einem guten Tag hat Mainz 05 keine Chance gegen uns.

Nach dem überzeugenden Auftritt gegen Hoffenheim sind zahlreiche Bayer-Spieler in den diversen Aufstellungen zur „11 des Tages“ vertreten. Kein idealer Zeitpunkt, um die Reise nach Leverkusen anzutreten. Was macht euch aktuell so stark?
Dass wir auch aus schlechteren Spielen das Maximum herausholen und ein bisschen Effizienz entwickelt haben. Die ging uns etwas ab zuvor. In Hoffenheim hat das gut funktioniert, obwohl die TSG – so ehrlich muss man sein – sehr schnell die Köpfe hat hängen lassen. Zuhause sind wir eigentlich wirklich stark, da lassen wir recht wenig zu, aber bin gespannt, die Mainzer machen uns das Leben gerne schwer und durch Sandro Schwarz kommt eine gewisse Grundaggressivität dazu, die uns schon im Hinspiel das Genick gebrochen hat. Schweres Spiel!

Du sagst es: Die Bilanz der Mainzer gegen Bayer ist nicht schlecht. Letzte Saison war der sehr überraschende Auswärtsdreier einziger Lichtblick in einer düsteren Mainzer Phase. Warum schaffen es die 05er unter quasi jedem Trainer, euch durchaus Probleme zu bereiten?
Weil wir uns gegen stark kämpfende, kompakt stehende und gut konternde Teams sehr gerne mal schwertun, alle Aspekte treffen auf die 05er zu. Das wird gelebt, das kann man gegen Bayer gut spielen. Damit tut ihr uns weh. Wenn ihr dann, wie im Hinspiel, effektiv eure Konter ausspielt, dann gewinnt ihr das auch völlig verdient. Aber das können wir alles selbst verhindern. Spiel machen, Tore schießen, Zahn ziehen – das muss das Ziel sein. Euch gar nicht erst in den Kampf kommen lassen. Mission: K.O. in Runde 1.

Stadion 2

Du verfolgst ja die gesamte 1. Liga. Wie war dein Eindruck von Mainz 05 in den ungewohnt chaotischen letzten 18 Monaten? Und glaubst du, die zuletzt häufigeren Schwächephasen der Mannschaft hängen am Ende auch mit derlei Unruhen zusammen?
Das lässt weder das Umfeld, die Fans, noch die Mannschaft kalt. Ist doch vollkommen klar. Ich finde es immer etwas schade, wenn ich auf Mainz schaue und sehe, in welche Richtung sich das alles entwickelt hat. Man baute jahrelang mühsam alles auf und dann reißt man es sich mit dem Arsch ein. Ich hoffe, dass unter dem neuen Führungsteam alles besser wird, sonst wird es sehr eng, denn sportlich braucht es durch die neue Ruhe im Verein auch die konstanten Punktgewinne. Ich sagte es dir ja in der BuLiSpecial-Saisonvorschau: Mainz 05 ist mein Abstiegskandidat Nummer eins. Dazu stehe ich nach wie vor, denn die Kölner werden jetzt rankommen. Das macht es für euch nochmal schwerer. Ich bin auch ganz ehrlich: ich mag Sandro Schwarz nicht. Seine Art, wie er sich nach außen gibt, das ist einfach einer, der mir nicht zusagt. Seine Art, Fußball zu spielen, die sehr nickelig und aggressiv ist, ist auch nicht ganz meine Art. Finde ich nicht ehrlich. ABER – ihr habt tolle Offensivspieler in euren Reihen, die alle für sich hervorragend kicken können. Sprich, ihr müsstet nicht da unten stehen. Wenn alles gut geht, dann ist jetzt die Ruhe im Verein, die er verdient hat (denn die gute Arbeit ist geleistet worden), das spiegelt sich auf Fans und Mannschaft wider und ihr holt euch die nötigen Punkte für den Klassenerhalt.

Nach Leverkusen kommen die Mainzer aber mit dem Rückenwind eines stark erkämpften Dreiers und einer erfolgreichen Präsidentenwahl. Was ist Bayers Rezept für das Spiel?
Wir spielen in der BayArena, also müssen wir das Spiel in die Hand nehmen. Wenn uns das gelingt und wir früh treffen, dann sehe ich kein Land für Mainz 05. Im Idealfall ist das Spiel schon zur Halbzeit entschieden, aber das ist der absolute Idealfall. Mainz wird es uns schwermachen, wird eng stehen, da müssen wir erstmal durch. Aber ich hoffe, dass wir das aus einer guten Defensive mit gutem Zusammenspiel zwischen Außenbahn und Spielern an und in der Box schaffen. Und wenn alle Stricke reißen, zieht Leon einmal durch und haut das Ding rein.

Und wie lautet dein Tipp?
Ich gehe aufs Ganze und sage, Bayer gewinnt mit 4:1. Aber für die Spiele danach wünsche ich euch wieder alles Gute und danke für die Einladung!

Ich danke für das Gespräch.

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Hannover 96

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Über Hannover 96 habe ich mit Klaas Reese gesprochen, der beim Deutschlandfunk arbeitet und mit Alex Feuerherdt den Podcast Collinas Erben betreibt.

Klaas (links) und Alex prosten ihren Hörern zu. (Foto: Collinas Erben)

Klaas (links) und Alex prosten ihren Hörern zu. (Foto: Collinas Erben)

Hallo Klaas. Du bloggst, wenn auch aktuell nicht sehr regelmäßig, unter Reeses Sportkultur, bist ein Teil des Schiedsrichter-Podcasts „Collinas Erben“ und blickst für „11 Freunde“ unter dem Motto „GIF mich die Kirsche“ auf jeden Spieltag in GIFs zurück. Da steckt deutlich mehr Fußballbegeisterung drin als die Liebe zum eigenen Verein. Wie hat die sich entwickelt?
Die Fußballbegeisterung wurde schon in ganz frühen Jahren geweckt. Mein Bruder war hier schon früh das große Vorbild und wir waren früher fast täglich draußen und haben mit den Kids aus der Nachbarschaft gespielt und auch später im Verein die komplette Jugend durch gespielt. Mit dem Studium in Köln wuchs dann merkwürdiger Weise die Begeisterung für 96, weil auch mein Bruder und ein paar Freunde an den Rhein zogen und wir fortan fast alle Spiele der Roten in der Umgebung besuchten – natürlich inklusive der Europapokalhighlights in Brügge, Kopenhagen und Sevilla. Leider ist die Leidenschaft für den Club Hannover 96 etwas geschwächt aktuell, weil ich mit dem Gebahren der Vereinsführung um Martin Kind meine Probleme habe. Aber die Begeisterung für den Fußball an sich ist geblieben und mit meinen GIF-Kolumnen versuche ich, das Fußballgeschäft etwas aufs Korn zu nehmen, denn oft sind mir die Diskussionen um das Spiel Fußball viel zu ernsthaft und zu dogmatisch.

Für die Deutsche Akademie für Fußballkultur sitzt du außerdem in der Jury für den Deutschen Fußball Kulturpreis in der Sparte „Fanpreis“. Was sind besonders spannende Projekte, die du dadurch in den letzten Jahren kennenlernen durftest?
Das sind tatsächlich zu viele, um sie hier alle aufzuzählen, aber ich bin nach wie vor ein großer Fan des „Textilvergehen“, einem Podcast- und Blogprojekt rund um Union Berlin. Außerdem find ich das Projekt zur Erinnerung an „Das Kreuzlinger Grenzland-Stadion“ von Daniel Kessler toll. Der Fußballhistoriker hat ein umfassendes Archiv zur Geschichte der einstigen Spielstätte seines Lieblingsvereins FC Kreuzlingen erstellt – und das, obwohl es das Stadion schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

War es sozusagen von langer Hand geplant, dass der Fußball mal einen so großen Teil deines Lebens einnehmen würde? Oder hat sich vieles davon auch zufällig ergeben?
Der Sportjournalismus hat mich schon immer interessiert. Dass ich jetzt beim Deutschlandfunk in der Sportredaktion arbeiten darf, ist aber dennoch immer wieder ein Grund, mich zu kneifen. Ich sehe es als großes Privileg an, in einer Redaktion zu arbeiten, die nicht nur 1-zu-0-Berichterstattung betreibt, sondern sich auch den unbequemen Themen der Sportwelt widmet – wie Doping, Korruption oder sexuellem Missbrauch. Ich finde es auch prinzipiell wichtig, dass sich unsere Sendungen nicht nur mit Fußball beschäftigen, sondern auch viel Raum für andere Sportarten bietet.

collinas erben

Du bist – wie ich – ein großer Fan des sozialen Netzwerks Twitter. Obwohl sich das Vorurteil eines „Quatschmediums“ hartnäckig hält, finden sich hier – gerade zum Thema Fußball – Leute, die mit viel Interesse, Sachwissen und Leidenschaft den Austausch suchen. Was glaubst du, wieso passen Fußball und Twitter so gut zusammen?
Das Schöne an Twitter ist, dass selbst das langweiligste Fußballspiel der Welt mit diesem Sozialen Netzwerk auf dem Second Screen unglaublich unterhaltsam sein kann. Dazu ist der große Vorteil aus meiner Sicht, dass ich mich nicht stündlich durch alle möglichen Sportseiten klicken muss, die oft eh nur immer wieder dasselbe bieten von unglaubwürdigen Transfergeschichten oder verbalen Ergüssen von irgendwelchen Pseudoexperten. Durch Twitter bekomme ich oft Hinweise auf spannende Geschichten abseits des Mainstreams und außerdem ist das Medium viel schneller als jede Nachrichtenapp. Das gibt einem die Möglichkeit, sich in die Medien zu stürzen, birgt aber auch immer die Gefahr, lange am Tablet, Rechner oder Smartphone hängen zu bleiben.

Privat bist du Fan von Hannover 96. Nach einem Jahr Abstinenz ist dein Verein zurück in der 1. Liga. Wie zufrieden bist du unterm Strich mit eurer Hinrunde?
Sportlich äußerst zufrieden. Ich habe 96 ehrlich gesagt als Abstiegskandidaten Nummer 1 bis 2 zusammen mit dem FC Augsburg gesehen, weil ich dachte, dass der Kader zu schwach für die 1. Liga sei. Natürlich ist 96 noch nicht durch und kann noch in Abstiegsgefahr geraten, aber die Hinrunde hat gezeigt, dass die Mannschaft mithalten kann, dass sie den Teamspirit aus der 2. Liga mit ins Oberhaus gerettet hat und dass André Breitenreiter es versteht, seine Mannschaft taktisch schlau und variabel aufs Feld zu schicken. Ich bin da tatsächlich positiv überrascht worden.

Ist es hinderlich für euch, dass Hannover in der Wahrnehmung der anderen Vereine kein klassischer Aufsteiger ist? Was macht das mit der Erwartungshaltung im Umfeld?
Ich habe das Gefühl, dass die meisten in diesem Jahr schon demütig genug sind, um nicht zu hohe Erwartungen an das Team zu stellen. Den allermeisten ist bewusst, dass 96 gegen jedes Team in der Liga verlieren kann und die meisten sind froh, dass Hannover überhaupt wieder in der 1. Liga spielt.

Die Mainzer Kurve in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Die Mainzer Kurve in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Gegen Ende der Hinrunde kam mächtig Unruhe in den Verein, weil Hannover plötzlich Horst Heldt an den Ligakonkurrenten Köln zu verlieren drohte. Heldts Kommunikation wirkte dabei auf Außenstehende nicht immer schlüssig. Wie siehst du seine Rolle in der Causa?
Seine Aussagen waren ja eindeutig und ich denke, dass er nicht damit gerechnet hat, dass Martin Kind hier sein Veto einlegt. Ich war nicht sonderlich begeistert, als die Verpflichtung von Heldt in Hannover bekannt wurde, muss aber zugeben, dass er einen ordentlichen Kader auf die Beine gestellt hat. Dass solche Arbeit Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen auslöst ist normal, vor allem, wenn man sich in einer solchen Krise befindet wie der 1. FC Köln. Wie die ganze Sache dann in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, war kein Ruhmesblatt – für keinen der Beteiligten –, passt aber zur Außendarstellung beider Vereine in dieser Saison.

Und wie beurteilst du Heldts Rolle im Verein? Bist du froh, dass ihr ihn gehalten habt?
Im Endeffekt ja, denn mitten in der Saison einen neuen Sportdirektor zu präsentieren ist nicht leicht, auch wenn ich nichts gegen eine Rückkehr von Jörg Schmadtke gehabt hätte…

Als Daniel Stendel im März 2017 bei Hannover 96 beurlaubt wurde und André Breitenreiter seinen Platz einnahm, kam das fürs Umfeld nicht mehr überraschend. Aus der Ferne wirkte die Art und Weise wie eine unnötige Demontage. Wie hast du das damals wahrgenommen?
Martin Kind und Horst Heldt haben damals wohl befürchtet, dass 96 unter Stendel die Luft ausgehen würde und der Aufstieg gefährdet werden könnte. Die Verpflichtung von Breitenreiter war nicht ohne Risiko, aber schlussendlich haben die Verantwortlichen wohl alles richtig gemacht. Nichtsdestotrotz war der Umgang mit Stendel nicht in Ordnung. Er hatte 96 in einer Phase im Abstiegskampf übernommen, die aussichtsloser nicht sein konnte. Damals wollte wohl kein anderer Coach 96 trainieren und Stendel ging das Risiko ein, sich mit diesem Engagement seinen Namen zu ruinieren. Er hat dann sogar dafür gesorgt, dass 96 mit positiven Emotionen und einigen Achtungserfolgen aus der Saison gekommen ist. Sein Anteil am Wiederaufstieg ist deshalb nicht von der Hand zu weisen.

Arbeitsplatzsituation: All Cats Are Beautiful… (Foto: Collinas Erben)

Arbeitsplatzsituation: All Cats Are Beautiful… (Foto: Collinas Erben)

Welches Ansehen genießt André Breitenreiter bei den 96-Anhängern?
Ich denke, dass er bei den meisten mittlerweile wohlgelitten ist. Nicht nur, weil er der Aufstiegstrainer ist, sondern auch, weil er aus Hannover kommt und sich komplett mit Stadt und Verein identifiziert. Er hat seine Chance bei 96 genutzt und zeigt, dass er über mehr taktisches Verständnis und Talent zur Mannschaftsführung verfügt, als im viele Experten innerhalb und außerhalb von Hannover zugetraut haben.

Das Verhältnis zwischen der aktiven Fanszene und Präsident Martin Kind war in den letzten Monaten nicht gerade rosig. In der Saison 2014/15 blieben die Ultras zeitweise den Spielen der 1. Mannschaft fern, letztes Jahr gab es erneut einen Stimmungsboykott. Wie beurteilst du die Auseinandersetzung und kannst du etwas zum aktuellen Stand sagen?
Der aktuelle Stand ist, dass sich vor Kurzem mehrere hundert Fans trafen und entschieden haben, dass der Stimmungsboykott fortgesetzt wird. 96 hat es einfach in den letzten Jahren geschafft, das Verhältnis zur aktiven Fanszene nachhaltig zu zerstören. Es gibt keinerlei Vertrauen in die Aussagen von Martin Kind, weil er in der Vergangenheit wiederholt mit Beschimpfungen und Aussagen gegenüber der Fanszene deutlich gemacht hat, wie unwichtig ihm die Meinung der Fans ist. Er zieht sein Ding, die Übernahme des Traditionsvereins Hannover 96, durch – und erwartet, dass Fans nur ins Stadion kommen, um für Stimmung zu sorgen. Eine kritische Teilhabe am Vereinsleben ist nicht gewünscht. Oft wird – das haben 96 und Mainz 05 wohl gemeinsam – von außerhalb recht harsch über die Fans von 96 geurteilt und schnell auf die Ultras als einzig Verantwortliche für die schlechte Stimmung im Verein gezeigt. Dass der Auslöser dieser Konflikte im Präsidium des Vereins sitzt wird dabei zu oft unterschlagen und eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesamtproblematik findet zu oft nicht statt.

Ohne Fans verliert der Fußball seine Seele. (Foto: Meenzer on Tour)

Ohne Fans verliert der Fußball seine Seele. (Foto: Meenzer on Tour)

Die DFL wird vermutlich auf ihrer nächsten Sitzung über den Ausnahmeantrag Kinds von der 50+1-Regelung entscheiden. Der Präsident möchte Hannover 96 komplett übernehmen. Wie würde das den Verein aus deiner Sicht verändern? Und was wären die Auswirkungen auf das Umfeld, gerade auch im Hinblick auf die Fans?
Ich kann das nur schwer einschätzen, weil ich nicht in Hannover wohne, kann mir aber gut vorstellen, dass eine Übernahme dazu führt, dass viele Fans 96 den Rücken kehren, um einen eigenen Verein zu gründen. Vorbilder für diesen Prozess gibt es ja in Manchester und Hamburg. Außerdem würde sicherlich prozessiert und die Gerichte müssten dann entscheiden, ob alles rechtens gewesen ist bei der Übernahme, die der Präsident Kind ja mit dem Käufer Kind quasi selbst verhandelt hat und deren Vorteile für den Club fraglich sind. Der größte Teil wird das aber einfach hinnehmen und irgendwann werden auch wieder Fans in der Kurve stehen, die die Kommanditgesellschaft auf Aktien lautstark unterstützen. Richtig unruhig würde es dann, wenn Kind entgegen seiner Versprechen den Verein doch irgendwann an einen Investor verkauft. Es wird also auf Dauer spannend bleiben an der Leine und es wird stets vom sportlichen Erfolg abhängen, wie laut die Debatte geführt wird.

Der Kroate Josip Elez ist der einzige Winterzugang der 96er. Ist der Kader wirklich so ausgewogen, dass es keine weitere Verstärkung braucht, oder siehst du das kritisch?
Oft ist es ja ein schlechtes Zeichen, wenn im Winter viele Transfers getätigt werden müssen, weil das zeigt, dass der Kader vor der Saison nicht ordentlich zusammengestellt war oder dass es viele Verletzungen gab. Der 96-Kader hat in der Hinrunde weitestgehend überzeugt und ich denke, dass es richtig ist, den Spieler das Vertrauen für die Rückrunde zu geben.

Hannover 96 beginnt die Rückrunde mit einem Heimspiel. Bei der Partie in Mainz hattet ihr einen Verbündeten im schweigenden Videoassistenten. Was erwartest du dir am Samstag vom Rückspiel?
Ich denke, der Videoassistent wird das auch im Rückspiel wieder regeln…Scherz beiseite: ich erwarte ein ausgeglichenes Spiel und bin vor allem gespannt auf die Mainzer Neuverpflichtungen. De Jong und Ujah sind ja alte Bekannte, die dem Mainzer Spiel geben können, was in der Hinrunde etwas gefehlt hat: eine gewisse Körperlichkeit in den Zweikämpfen und eine extrovertierte Leidenschaft. Dennoch denke ich, dass 96 aufgrund des Heimvorteils leicht favorisiert in die Partie geht.

Die Mainzer im Februar 2016 beim Auswärtsspiel in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Die Mainzer im Februar 2016 beim Auswärtsspiel in Hannover. (Foto: Meenzer on Tour)

Worauf müssen sich die Mainzer bei der Partie einstellen?
Auf eine Mannschaft, die das Spiel des Gegners quasi kopiert und eine aggressive Manndeckung spielt. 96 kommt mit einer hohen Laufbereitschaft auf den Platz und lässt dem Gegner wenig Raum, um sein eigenes Spiel zu entfalten.

Wie intensiv hast du dich mit der bisherigen Saison der 05er beschäftigt? Und wie schätzt du sie unter dem neuen Trainer Sandro Schwarz ein?
Ich habe wenige Spiele über die komplette Spielzeit gesehen, bin aber beruhigt, dass Mainz unter Schwarz weniger lange Bälle in die Spitze spielt als im letzten Jahr. Das hat sicherlich mit dem Abgang von Jhón Cordoba zu tun und es bleibt abzuwarten wie Ujah jetzt eingebaut wird und wie man ihn in das Spiel einbinden will. Ich denke, dass es prinzipiell gut ist, dass Mainz wieder mehr spielerische Lösungen sucht, denn der Fußball der letzten Saison war deutlich unansehnlicher als unter dem neuen Coach. Auf lange Sicht wird sich dieser Weg sicher eher auszahlen als das Spiel mit dem „langen Hafer“.

Was ist dein Tipp fürs Spiel?
Ich tippe auf ein 3 zu 1.

Vielen Dank für das Gespräch!
Sehr gern.

|| Mit großem Dank an Meenzer on Tour für die zur Verfügung gestellten Fotos. ||

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Werder Bremen

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Diesmal spreche ich mit Johanna Göddecke, deren Herz grün-weiß angestrichen wurde, als sie vom Sauerland nach Bremen zog.

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Liebe Johanna, schön, dass du Zeit für die Gegnerbetrachtung hast. Du beschreibst dich selbst als „Leuchtturm aus dem Sauerland, nach Bremen versetzt | Grün-weiße Werder-Seele“. Seit wann lebst du in Bremen und wie hat Werder dein Herz gewonnen?
Die Zeit nehme ich mir sehr gerne! Ich wohne seit Juli 2013 in Bremen. Werder-Fan bin ich seit 2006. Nach der WM hatte ich Bock, weiter Fußball zu schauen und kam dann durch Klose, Borowski und Co. zum SV Werder. Es war wahrscheinlich mein Glück, dass Diego, Mertesacker, Fritz usw. in dem Sommer zu Werder wechselten und die Mannschaft einfach einen wunderbaren Fußball gespielt hat.

Neugierige Nachfrage: Leuchtturm wegen deiner Größe? Wir haben uns beim Auswärtsspiel eurer Buben in Mainz mal kurz getroffen und zu dir muss ich fast hochsehen. Passiert mir bei Frauen eher selten!
Ich wurde tatsächlich schon oft wegen meiner Größe und den roten Haaren als Leuchtturm bezeichnet. Das ist sehr hilfreich, wenn meine Leute uns in der Ostkurve oder den Gästeblöcken der Republik suchen. :D Ich fand es übrigens auch angenehm, mal nicht zu jemandem runter schauen zu müssen. :D

Du bist im Weserfunk-Team für meinsportradio.de am Podcast-Mikrofon. Wie oft nehmt ihr die Sendung auf? Was motiviert dich, Zeit in ein solches Projekt zu stecken?
Wir versuchen schon, regelmäßig wöchentlich aufzunehmen. Es macht einfach Spaß, mit den drei Jungs, mit denen ich den Weserfunk zusammen mache, und unseren Gästen über Werder und alles drumherum zu fachsimpeln. Vor allem, wenn man positive Resonanz bekommt.

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Außerdem bist du Mitglied im Fanclub WFC TWERDER. Aus euren Reihen wurde die Aktion „Green White Wonderwall“ gestartet, mit der Werder im Kampf um den Klassenerhalt so spektakulär unterstützt wurde, dass es dafür sogar eine 11Freunde-Trophäe gab. Was war da genau los?
Das fragen wir uns bis heute, was da eigentlich los war. Wahnsinn! Wir hatten damals einfach das Gefühl, irgendwas machen zu müssen, um die Fans wieder komplett hinter die Mannschaft zu bekommen, da die Stimmung kippte. Was dann wochenlang in der Stadt abging, war unglaublich. Im Endeffekt haben wir den Klassenerhalt geschafft, das Ziel war erreicht. Unvergesslich.

Es gehört zum Geheimnis einer jeden Fanseele, den eigenen Verein, aber auch die eigenen Supporter, für etwas Besonderes zu halten. Werder ist aber, so scheint mir, ein Verein, auf den sich – außerhalb der norddeutschen Rivalitätshochburgen – viele einigen können. Was hat Bremen also, was andere nicht haben?
Die Sympathien reichen bestimmt noch aus den Jahren des tollen Offensivfußballs her. Hier gab es nie Skandale, wir sind hanseatisch cool außerdem ist Bremen einfach Werder und Werder ist Bremen. Die Verbindung zwischen Fans, Stadt und Verein ist schon sehr besonders. Ob es wirklich so einzigartig ist, wie es uns vorkommt, mag ich nicht zu beurteilen, dafür habe ich zu wenig Einblick bei den anderen Vereinen.

Du bist unglaublich viel auswärts unterwegs. Organisierst du den Fußball in dein Leben oder dein Leben um den Fußball? Und wie hast du deine Werder-Familie gefunden, mit der du on tour gehst?
Ich muss gestehen, dass ich mein Leben um den Fußball organisiere. Natürlich vor allem an den Wochenenden bestimmt Werder den Ablauf. Aber da meine Freunde genau so verrückt sind, stellt das selten ein Problem dar. Tatsächlich kennen wir uns alle größtenteils über Twitter. Auch etwas verrückt.

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Als in der Abschiedsphase von Christian Heidel bei Mainz 05 die ersten Gerüchte aufkamen, Rouven Schröder könnte sein Nachfolger werden, warst du alles andere als glücklich. Welche Rolle hat Rouven, auch im Umgang mit den Fans, in Bremen gespielt und wie stark schmerzt sein Abschied nach wie vor?
Zu Rouven hatte ich einen besonderen Bezug, weil er auch aus dem Sauerland stammt. Deswegen haben wir das ein oder andere Mal geschnackt. Er war immer sehr fannah, direkt, offen und kam an sich menschlicher, nahbarer rüber als Thomas Eichin. Schmerzen tut der Abschied nicht mehr, das wäre das falsche Wort. Etwas vermissen tue ich ihn trotzdem. Ich möchte doch einfach nur meinen Quoten-Sauerländer wiederhaben!

Gibt es im Verein sowas wie einen menschlichen Nachfolger?
Da dieser besondere Bezug nur auf unserer Herkunft beruht, braucht es da gar keinen menschlichen Nachfolger in dem Sinne. Aber wir haben ja zum Glück genug tolle Menschen im Verein.

Apropos menschlich: Ein Grund, warum ich deine Beiträge auf Twitter so schätze ist, dass du Fußball ähnlich emotional angehst wie ich. Die Trainerwechsel der letzten Jahre haben dich immer nicht nur sportlich getroffen, sondern auch menschlich. Welche Spuren haben Viktor Skripnik und Alexander Nouri hinterlassen und wo fehlen sie heute?
Oh, das ist ja lieb von dir. Manchmal denke ich, ich bin fast zu emotional dabei. Skripnik ist einfach Werderaner durch und durch. Da berührt es einen schon sehr, wenn er – nach insgesamt 20 Jahren im Verein – gehen muss. Alex Nouri war erfrischend anders. Redegewand, egal, um welches Thema es sich handelte. Hinzu kam natürlich die verdammt gute, erste Saison unter ihm. Ob die beiden jetzt irgendwo fehlen, weiß ich nicht. Man vermisst vielleicht die eine oder andere Eigenart, aber da das Fußballgeschäft einfach so schnelllebig ist, gewöhnt man sich fix um.

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Aktuell zahlt Werder drei Cheftrainern Gehalt, auch wenn es in den Verträgen von Nouri und Skripnik Klauseln geben soll, nach denen ihre Bezüge mit einer Beurlaubung deutlich sinken. Trotzdem keine optimale Situation für einen Club, oder?
Das ist schon ziemlich dumm gelaufen, ja. Und wirft natürlich auch ein komisches Bild ab.

Klar, rückblickend weiß man immer mehr. Dennoch die Frage: Wie hätte Werder sich diese Situation aus deiner Sicht ersparen können?
So doof es vielleicht klingen mag, aber man hätte den Vertrag mit Skripnik nie verlängern dürfen. Völlig ohne Not. Ich glaube, Baumann wollte damals ein Zeichen setzen, was er danach ja selbst bereut hat.

Bei Nouri hatte man von außen betrachtet das Gefühl, seine Entlassung kam am Ende eine Woche zu früh. Seit Max Kruse wieder fest auf dem Platz steht, fallen wieder die dringend benötigten Tore. Das wäre auch ohne den Trainerwechsel passiert. Stimmst du zu oder ist das zu einfach gedacht?
Definitiv zu einfach gedacht. Klar, Max kam erst unter Kohfeldt und eben mit der Spielpraxis in Fahrt, aber er hat auch unter Nouri seine Spiele gemacht in dieser Saison. Dafür hat sich auch generell zu viel unter Kohfeldt geändert.

Im Boulevard hieß es dagegen, der Haussegen zwischen Nouri und einigen Spielern – unter anderem Kruse – habe schiefgehangen. Was gibst du auf solche Gerüchte?
Da gebe ich gar nichts drauf. Spannungen kann und wird es immer geben. Und ja, wahrscheinlich waren einige mit der defensiven Spielausrichtung unter Nouri nicht zufrieden, aber die Stimmung war trotzdem immer gut. Zudem hat Kruse letzt nochmal klargestellt, dass an all diesen Sachen nichts dran ist. Aber da soll jeder für sich selbst entschieden, wie viel er/sie davon glaubt.

Mit Florian Kohfeldt sitzt nun der ehemalige U23-Trainer auf der Profibank. Einen Mann aus dem Verein zu befördern ist eine Lösung, die wir Mainzer gut kennen und auch in Bremen ist das nicht neu. Gerade deswegen gab es aber auch Kritik, man hätte diesmal einen anderen Weg gehen müssen. Wie siehst du das Thema generell?
Auch wenn die Lösung jetzt im Endeffekt zweimal nicht geklappt hat, sollte man nicht vergessen, dass man sich sowohl unter Skripnik als auch unter Nouri zweimal fast für die Europa League qualifiziert hat. Es lief also nicht alles schief mit dieser Fahrweise. Ich find es auch zu einfach, das alles zu vergleichen. Und vor allem wird man Florian Kohfeldt nicht gerecht damit. Er genießt so ein hohes Ansehen im Verein, warum sollte man ihm dann nicht die Chance geben?

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Wie beurteilst du Kohfeldt grundsätzlich? Was hat er seit seinem Amtsantritt in der Mannschaft verändert?
Ich halte viel von ihm und halte ihn auch für die richtige Lösung für den Posten. Ich hätte ihn zwar auch gerne noch etwas länger mit der U23 in der 3. Liga gesehen, aber da sind wir wieder beim schnelllebigen Fußballgeschäft. Gefühlt hat sich schon ziemlich viel unter ihm geändert. Alleine die offensivere Ausrichtung bereitet mir endlich wieder Spaß, Fußball zu schauen. Es sind auch Kleinigkeiten. Er vermittelt den Jungs, dass ein Ballverlust nicht schlimm ist, weil sie sich den Ball dann eben wiederholen. Scheinbare Banalitäten, die aber zeigen, was wichtig ist. Warten wir mal die Wintervorbereitung unter ihm ab.

Frank Baumann wirkt von außen betrachtet immer leicht verunsichert. (Warum) Ist er dennoch der richtige Mann für Werder? Und wie ist sein Standing bei den Fans?
Baumann war noch nie der große Redner und wird es wahrscheinlich auch nie werden. Meiner Meinung nach macht er einen guten Job. Um den ich ihn wirklich nicht beneide. Baumi ist der ewige Kapitän bei Werder, der ein sehr hohes Ansehen hat. Deswegen werden Fehler auch schneller verziehen, vor allem, wenn er sie zugibt und doppelt so viel gute Dinge macht.

Wie geht es dir eigentlich, wenn du Pizarro im Kölner Dress siehst?
So oft konnte man ihn ja noch nicht darin bewundern. :D Scherz beiseite. Es war schon ein Stich ins Herz, ihn im fremden Trikot und nicht mit dem W zu sehen. Dennoch war es die richtige Entscheidung, ihm keinen neuen Vertrag zu geben. Sein Körper möchte einfach nicht mehr so, wie er will.

Und wie oft vermisst du Thomas Schaaf?
Gar nicht so oft, wir sehen ihn ja glücklicherweise oft genug hier. Aber wenn man ihn sieht, geht einem das Herz auf. Und sollte er tatsächlich bald in den Verein zurückkehren, schmeiße ich die nächste Balkonparty!

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Die Tendenz bei Bremen ist zuletzt eindeutig positiv: Sieg gegen Hannover, verschmerzbare Niederlage gegen Leipzig, Siege gegen Stuttgart und Dortmund, doofe Niederlage gegen Leverkusen. Seid aus dem Gröbsten raus? Gelingt der Klassenerhalt diesmal früher?
Gefühlt sind wir besser, als der Tabellenplatz es vermuten lässt. Aber wir stehen nun mal dort, wo wir stehen. Deshalb ist es zu früh gesagt, dass wir aus dem Gröbsten raus sind. Die Saison ist noch lang und wir haben in den letzten Jahren zu viel erlebt, als das wir uns auf irgendwas ausruhen. Na, letzte Saison haben wir den Klassenerhalt ja ziemlich früh geschafft, das würde ich gerne wieder nehmen. ;)

Ist Max Kruse eigentlich so unverzichtbar, wie er scheint?
Es scheint fast so, ja. Er ist einfach der Ausnahmespieler bei uns. Es ist ja bestimmt auch statistisch bewiesen, dass wir mit ihm mehr Punkte holen, als ohne ihn.

Was erwartest du dir vom letzten Spiel der englischen Woche? Und worauf sollten die Mainzer sich einstellen?
Da wir mit einem Sieg die Abstiegsränge verlassen könnten, wird das bestimmt noch mal Motivation mehr sein, gewinnen zu wollen. Das Weserstadion wird nochmal alles geben und Grün und Weiß nach vorne peitschen. Bei bestem Bremer Wetter, wie es scheint.

Was erwartest du umgekehrt von den 05ern? Und wie schätzt du sie diese Saison ein?
Gefühlt habe ich noch gar nicht so viele Spieler der Mainzer gesehen diese Saison. Aber ihr plagt euch ja auch mit einigen Verletzten rum, habe ich gehört. Mainz 05 ist für mich immer eine Wundertüte. Bei euch kann es gefühlt jederzeit in jede Richtung gehen.

Was glaubst du, wo beide Teams stehen werden, wenn wir uns in der Rückrunde wieder treffen? Klappt der doppelte Klassenerhalt auch diese Saison?
Ich hoffe sehr stark, dass wir beide mit einer schönen Weinschorle anstoßen können. Und zwar auf den doppelten Klassenerhalt, den beide Vereine schon frühzeitig unter Dach und Fach gebracht haben!

Danke für das Gespräch!