Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim HSV

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem wichtigen Auswärtsspiel beim Hamburger SV habe ich mit Tanja Hufschmidt gesprochen, die den Verein seit 30 Jahren begleitet.

Hallo Tanja, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du bloggst unter Raute22 über den HSV. In den letzten Jahren gab’s da spöttisch gesagt nicht viel Positives zu berichten. Woher nimmst du trotzdem die Motivation fürs Schreiben?
Moin Mara, moin Mainz! Ich muss gestehen, es wird immer schwerer, irgendwas zu schreiben, was nicht nur schon gesagt wurde, sondern dass auch noch nicht von so ziemlich jedem. Aber manchmal gibt es Sachen, die müssen einfach raus. Dazu gehört dann zum Beispiel auch der Hinweis auf die nicht aufgearbeitete Nazi-Vergangenheit von Kühne + Nagel, dem Unternehmen von Klaus-Michael Kühne.

Das Volksparkstadion ...

Das Volksparkstadion …

Einer der letzten Beiträge beschäftigt sich mit deinem „perversen Hobby“, es mit dem HSV zu halten. Erzähl doch mal, wann und wie sich die Raute in dein Herz gebaut hat und wo du die Heim- und Auswärtsspiele siehst. Stadion? Kneipe? Couch?
Ich bin einer der letzten „echten“ Erfolgsfans: Ich kam zum HSV beim bislang letzten Titel, dem DFB-Pokalsieg 1987, den ich live im Stadion erleben durfte. Mein erstes Spiel live vor Ort und dann so eines – wie sollte ich da noch der Raute widerstehen können? 30 Jahre später verfluche ich es so manches Mal, habe aber immer noch eine Stehplatz-Dauerkarte und verfolge auch die meisten Auswärtsspiele zumindest vorm TV auf und ab laufend. Auswärtsfahrten sind seltener geworden, aber ich habe immer noch erstaunlich positive Erinnerungen an meinen Besuch bei Mainz 05. Es war der 34. Spieltag 2014, ihr habt recht locker gewonnen und der HSV musste danach das erste Mal in die Relegation. Was ich aber vor allem in Erinnerung halte, ist, wie uns die Mainzer Fans ermuntert haben und uns viel Erfolg in der Relegation gewünscht haben. Da fiel kein böses Wort, als wir uns nach dem Spiel noch im real mit Proviant für den langen Heimweg eindeckten, keine Häme, nur aufrichtiges Mitgefühl. Das tat sehr gut, deswegen denke ich gerne an die Auswärtsfahrt zurück.

Dass der HSV schwere Zeiten durchlebt, muss man niemandem erklären. Was ich von außen betrachtet unheimlich anstrengend finde, ist das ständige Wechselbad zwischen Hoffen und Abschenken. Manche Veränderungen machen wieder Hoffnung auf eine Verbesserung, der nächste Absturz kommt aber zuverlässig. Wie steckt man das über so lange Zeit weg?
So richtig wegstecken kann ich das nicht, aber es wandelt sich: von Panik zu Angst, von Wut über Verzweiflung bis zur Resignation. Und man glaubt es kaum, aber Letzteres schmerzt am meisten, weil die Resignation so hoffnungslos ist, weil man keinen Kampf mehr in sich hat, weil die Leere sich im Fußballherz ausbreitet.

Kannst du für dich festmachen, wann die schlechte Phase der letzten Jahre tatsächlich ihren Anfang genommen hat? Und gibt es für dich einen konkreten Auslöser oder ist es mehr eine Verkettung der Ereignisse?
Es gibt meiner Meinung nach weder den einen Auslöser noch den einen Hauptschuldigen. Vielmehr ist es in der Führung ebenso wie auf dem Platz: Teilweise sieht es gar nicht so schlecht aus, aber im letzten Augenblick, vorm finalen Pass, werden die falschen Entscheidungen getroffen und so landet der Ball beim Gegner, der Angriff verpufft.

... Wohnzimmer der HSV-Fans ...

… Wohnzimmer der HSV-Fans …

Wie beurteilst du die Rolle von Investor Michael Kühne? Es gibt inzwischen ja nicht wenige Fans, die sagen, all das Geld, das er über die Jahre in den Verein geschossen hat, kann nicht aufwiegen, wie sehr er sich gleichzeitig einmischt und welchen Schaden er damit anrichtet.
Ich vergleiche KlauMi, wie wir ihn (wenig) liebevoll nennen, immer mit einem Drogendealer. Vor vielen Jahren half er erstmals bei Spielertransfers, um sich hinterher zu beschweren, dass die von ihm finanzierten Spieler gar keine Weltstars wären. Dann wollte KlauMi unbedingt Rafael van der Vaart (und dessen damalige Frau) wieder beim HSV sehen, dann ginge es bestimmt aufwärts. Den Transfer finanzierte Kühne per Darlehen, gegen den Willen des Sportchefs Frank Arnesen unter Federführung des Marketing-Vorstands Joachim Hilke übrigens. Den Transfer konnte sich der HSV eigentlich gar nicht leisten, weder finanziell noch sportlich. Und so ging es dann nach der Ausgliederung munter weiter: Der HSV lebte über seine Verhältnisse und begab sich in immer größere Abhängigkeit von KlauMi, aus der man jetzt nicht wieder herauskommt.

Am 18. Februar wurde Bernd Hoffmann zum Präsidenten des e.V. gewählt, der amtierende Jens Meier und sein Team mussten sich knapp geschlagen geben. Der ehemalige HSV-Chef ist damit auch im Aufsichtsrat, dem er mittelfristig vorstehen will. Wie beurteilst du diesen Wechsel an der Spitze?
Ich bin nach jahrelanger negativer Erfahrung ein absoluter Gegner von Rückholaktionen, und nichts anderes ist die Wahl von Bernd Hoffmann. Dieser Glaube an einzelne Heilsbringer, an die „guten, alten Zeiten“ ist in vielen HSVern offensichtlich unglaublich tief drin.

Zu Hoffmanns erster Amtszeit war die Fußball-AG noch nicht ausgegliedert. Vor seiner Wahl sagte er, die Ausgliederung sei kein Grund, Verein und AG quasi voneinander zu entkoppeln. Glaubst du, in ein paar Jahren seht ihr ihn als Vorstandsvorsitzenden? Wie schätzt du seine Ambitionen ein und als wie redlich empfindest du ihn?
Alles, was Hoffmann als „Programm“ ausgegeben hat, wird er als e.V.-Präsident gar nicht erreichen können. Der e.V. hat keinen Einfluss auf das operative Geschäft, auch nicht über den Aufsichtsrat, wo Hoffmann eh nur einer von sechs Räten ist. Er hat auf der Mitgliederversammlung einige Posten genannt, auf die es seiner Meinung nach ankommt: Trainer, Sportchef, U21-Trainer, Nachwuchsleiter, Vorstandsvorsitzender. Nur, Letzteren bestimmt der Aufsichtsrat, und auch dafür braucht Hoffmann erstmal eine Mehrheit im Rat. Der große Retter und Erfolgsbringer kann er also gar nicht sein. Und so kann ich nur hoffen, dass er bei allem Einsatz für die AG nicht den e.V. vergisst.

... und Heimat der berüchtigten Uhr.

… und Heimat der berüchtigten Uhr.

Man kann aus Hoffmanns Aussagen jetzt zumindest kein klares Bekenntnis zu Sportchef Jens Todt und dem Vorsitzenden Heribert Bruchhagen herauslesen. Zu Recht? Wie beurteilst du die Arbeit der beiden?
Schwierig. Bei Heribert Bruchhagen stören mich mittlerweile seine häufig unglücklichen Aussagen, wie zuletzt nach dem Spiel an der Weser der Ausbruch in Richtung Videoschiedsrichter, der so völlig unberechtigt war. Außerdem erzählt er viel, bringt aber sein Handeln nicht unbedingt in Einklang damit.
Der größte Vorwurf, den ich Jens Todt machen kann: Er ist auch nur wieder ein Transfer-Eintüter ohne eigenes Gesamt-Konzept. Verpflichtet wird nach Trainerwünschen und jeder weiß, dass Trainer sich bei uns nicht lange halten. Also findet jeder neue Trainer einen wild zusammengewürfelten Kader vor, der zwar einige gute Einzelspieler aufweist, aber in sich nicht schlüssig zusammengestellt ist und daher auch gar nicht funktionieren kann. Deswegen habe ich lange neidisch nach Mainz geschaut, wo Heidel sein Konzept durchgesetzt hat und als Klopp ging, konnte Andersen nahtlos übernehmen und den Wiederaufstieg schaffen. Das gleiche mit Tuchel, der vielleicht hier und da andere Impulse und Schwerpunkte setzte, aber im Großen und Ganzen sah das (zumindest von außen) sehr gradlinig aus. Und genau so etwas fehlt uns, ein durchdachtes Mannschaftskonstrukt, in dem quasi jeder ersetzbar ist.

Bei Bruchhagen hatte ich das Gefühl, er ist seit Jahren der Erste, der klar auf Distanz zu Kühne geht. Wird er daran scheitern? Wie mächtig schätzt du Kühne ein?
Das ist auch wieder so ein undurchsichtiges Konglomerat. Bruchhagen weiß natürlich, wie abhängig der HSV von Kühne ist, das wird ihm sein Vorstandskollege Frank Wettstein, der verantwortlich ist für die Finanzen, immer wieder sagen. Auf der anderen Seite hatte fast gleichzeitig mit der Verpflichtung Bruchhagens auch im Aufsichtsrat ein Umdenken stattgefunden. Der Kühne-Mann Gernandt wollte nicht mehr den Vorsitz, also hat den vorübergehend Andreas Peters, langjähriger Vorsitzender des Ehrenrats im e.V., übernommen. Und mit Peters an der Spitze hat der Aufsichtsrat vergangenen Sommer erstmals richtig Druck gemacht, endlich die Spielergehälter zu senken.
Hier kam dann wieder der große öffentliche Auftritt von KlauMi. Der hatte durchaus mitbekommen, dass einige Fans schon wieder am Grummeln waren, dass es sich so hinzog mit Neuverpflichtungen, blies dann direkt mal ins selbe Horn und wedelte – wie das so seine Art ist – mit Geldscheinen. Und da zeigte sich dann die totale Abhängigkeit: KlauMi ist befreundet mit dem Spielerberater Volker Struth. Struth berät unter anderem die Spieler Bobby Wood, André Hahn und praktischerweise auch den Trainer Markus Gisdol. Die Legende, von KlauMi höchst persönlich an die Presse verraten, geht dann so: Struth erzählt KlauMi von der Ausstiegsklausel von Bobby Wood (für 15 Millionen hätte er die AG verlassen können), und dass es total viele Interessenten gibt. KlauMi ruft beim HSV an, sie sollen doch bloß den Wood halten, man könnte doch die Ausstiegsklausel abkaufen. Kurze Zeit später hat Wood einen neuen Vertrag, ohne Ausstiegsklausel, mit doppeltem Gehalt. Gleichzeitig findet Markus Gisdol den Spieler André Hahn ganz interessant, das erfährt KlauMi und ruft beim HSV an… Ende vom Lied: Kühne finanziert den Transfer von Hahn (aber auch nur den, günstigere Alternativen hätte er nicht bezahlt!), Gisdol ist acht Monate später nicht mehr im Amt.
Das alles geschah quasi am Aufsichtsrat vorbei, weil die Gelder ja extern akquiriert wurden und der Gehaltsetat wurde am Ende nicht gesenkt, eher im Gegenteil. Erwähnte ich schon das Gleichnis vom Dealer-/Junkie-Verhältnis…?

Nicht (mehr) unumstritten: Heribert Bruchhagen (Foto: Steffen Ewald - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Nicht (mehr) unumstritten: Heribert Bruchhagen (Foto: Steffen Ewald – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Es scheint, egal, wer in den letzten Jahren die Entscheidungen getroffen hat, man lag letztlich immer daneben. Sei es, dass Dietmar Beiersdorfer Alen Halilović holt, wenn Bruno Labbadia, so sagt er, Max Kruse wollte, sei es, mit Bobby Wood zu verlängern und Michael Gregoritsch abzugeben, der nun in Augsburg trifft und trifft. Ist das Pech? Oder hat das System?
Mal davon abgesehen, dass Bruno viel erzählt, wenn der Tag lang ist (angeblich wollte er auch Dennis Aogo zurückholen), glaube ich, dass der grundsätzliche Gedanke hinter der Halilović-Verpflichtung richtiger war als Brunos Idee. Beiersdorfer wollte auf junge, entwicklungsfähige Spieler setzen, die auch noch Transfererlöse bringen (könnten). Labbadia setzt bevorzugt auf erfahrene Spieler, weil er sehr auf Sicherheit (seines eigenen Jobs) bedacht ist.
Die Causa Wood hatten wir gerade, und Gregoritsch passte definitiv nicht ins HSV-„System“. In Augsburg fand er ein für ihn passendes Konzept, eine passende Mannschaftsstruktur vor, die es bei uns nicht gibt. Daher freue ich mich für ihn, weil er bei uns auch nicht glücklich geworden wäre und die Entwicklung hätte nehmen können. Davon ab bin überzeugt, wäre Gregerl geblieben, hätte Fiete Arp bis heute nicht Bundesliga gespielt.

In diese Saison seid ihr gut gestartet. Für einen Moment schien es, als ob Markus Gisdol eine Mannschaft geformt hätte, als ob es die erste verbesserte Serie nach all den Seuchenjahren werden könnte. Was ist dann passiert?
Nicolai Müller hat gejubelt. Dann verletzte sich Filip Kostic und schließlich auch noch Aaron Hunt. Schon mit der Verletzung von Müller ging das Offensivkonzept von Gisdol zu Bruch, mit den beiden anderen setzte dann die Negativspirale ein. Es wurde zwar zwischenzeitlich etwas besser, als Kostic dann zurück war, aber letztlich fehlte da schon das Selbstvertrauen im Team.

Ist diese Jubelverletzung von Nicolai Müller symptomatisch für die Situation, in der ihr steckt? Er wird euch am Ende der Saison fast vollständig gefehlt haben.
Müller war bis zu seiner Verletzung (wie stark er da jetzt in seinem Alter wieder zurückkommen kann, bleibt abzuwarten) die Säule unseres Offensivspiels mit schnellen Gegenstößen und zusammen mit Filip Kostic in aktueller Form hätte er uns sehr geholfen. Aber der HSV hat sich in eine finanzielle und sportliche Position gebracht, in der so ein unglücklicher Ausfall dann auch nicht mehr kompensiert werden kann. Entweder kann man sich Ersatz erst gar nicht leisten oder Spieler, die machbar wären, haben kein Interesse. Insofern ist die Verletzung von Nico wirklich ein Sinnbild für den sportlichen Zustand des HSV.

Von der „letzten Patrone“ spricht man, wenn im Abstiegskampf der Trainer gewechselt wird. Das habt ihr im Januar getan, Gisdol musste gehen. Bernd Hollerbach erklärte, die Defensive stärken zu wollen. Das hat mich sehr verwundert, denn das Problem des HSV ist doch, dass die Tore fehlen. Erste Frage, warst du einverstanden mit der Gisdol-Entlassung?
Ich war lange durchaus überzeugt von der Arbeit von Markus Gisdol. Er hat junge Spieler eingebaut, er hat einige Spieler weitergebracht, indem er sie auf neue Positionen verpflanzt hat und der Wunsch, auf der Trainerposition etwas Konstanz zu bekommen, war sehr groß. Dann aber kam das Heimspiel gegen Köln am zweiten Spieltag der Rückrunde. Die Mannschaft wirkte total leblos und der Trainer hilflos. Ab da hatte ich keine Argumente mehr, warum man am Trainer Gisdol, außer aus Sturheit, festhalten sollte.

Und wie beurteilst du die Arbeit von Bernd Hollerbach? Zwei Punkte aus fünf Spielen ist in eurer Situation natürlich viel zu wenig. Hätte irgendjemand anders aus dem Kader in dieser Situation noch mehr rausholen können, oder ist es aktuell einfach vergebens?
Ich weiß immer noch nicht, was ich von Hollerbach halten soll. Was mich im Moment am meisten erschreckt, ist die fast schon apathische Mannschaft. Einer der Gründe, weshalb der Dino bis dato nicht totzukriegen war, war immer, dass die Mannschaft irgendwann angefangen hat zu kämpfen. Da wurde jeder Zweikampf angenommen und mit aller Konsequenz durchgezogen, kein Ball wurde verloren gegeben, immer nachgesetzt. Das ist nicht mehr der Fall – und ich habe keine Ahnung, warum.

Die Trainingskiebitze haben unter der Woche am Mikrofon des NDR geunkt, am besten hole man direkt wieder einen neuen Trainer. Ist da was dran, oder hältst du es für Blödsinn?
Ich wüsste nicht, wen man jetzt noch holen soll. Und Bruchhagen ist auch nicht gerade dafür bekannt, Trainer zu wechseln, wie andere ihre Unterwäsche. Daher glaube ich, wir halten noch eine Weile an Hollerbach fest. Eventuell entscheidet man dann irgendwann, dass man mit ihm nicht in die neue Saison will und überlässt dann für die letzten paar Spiele dem U21-Trainer das Feld, aber auch die Wahrscheinlichkeit ist eher gering.

Hast du noch Resthoffnung darauf, dass ihr am Ende die Klasse haltet, und sei es über den bekannten Umweg der Relegation?
Eigentlich nicht. Ich muss aber auch gestehen, dass ich nach dem ewigen Abstiegskampf der vergangenen Jahre unendlich müde bin und einfach keinen Kampf mehr in mir hab, so weh das auch tut.

Neuer Verein – der HFC Falke.

Neuer Verein – der HFC Falke.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, davon können die HSV-Fans seit Jahren ein Lied singen. Wie sehr nervt das? Ihr seid für die chaotischen Verhältnisse ja nicht verantwortlich, sondern leidet selbst darunter…
Ich kann es mittlerweile ganz gut ignorieren, wenn Leute versuchen, sich mit HSV-Witzen als besonders toll und modern zu profilieren. Es ist ja auch nichts Originelles mehr dabei, was man nicht schon x-fach gehört oder gelesen hat. In den sozialen Medien neige ich daher mitunter dann zum Entfolgen, wenn es mir zu langweilig und einseitig wird. Wirklich weh tut es nur noch, wenn es aus dem näheren Umfeld kommt und dann mit genau dem einen Ziel, mich zu „ärgern“, weil ich das als Eintreten auf jemanden, der am Boden liegt, empfinde.

Die Geschichte zwischen Verein und Fans war in den letzten Jahren nicht immer unbelastet. Die Chosen Few wurden erst aus dem Stadion verbannt und haben sich dann 2015 im Zuge der Ausgliederung aufgelöst. Ebenfalls zu dieser Zeit gründeten Fans den HFC Falke, weil sie die Entwicklung im Verein nicht mittrugen. Trotzdem schien das Band zwischen Verein und den Menschen der Stadt immer stark. Sind die Hamburger besonders leidensfähig?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit den CFHH und auch den Deerns und Jungs vom HFC Falke besser dastünden, vielleicht nicht sportlich, aber als Einheit auf den Rängen. Die Leidensfähigkeit bröckelt nämlich ganz gewaltig.

Zuletzt gab’s dann leider doch Krawalle. Die Partie am Samstag gegen Mainz ist nun zum Hochsicherheitsspiel erklärt worden. Verliert der Verein in dieser schwierigen Lage auch noch den Rückhalt der Fans?
Es scheint sehr so, als hätten Teile der Ultra-Szene aufgegeben und beschlossen, den Rest der Saison als Abschiedstournee wahrzunehmen. Hier fehlt durch die starken Umwälzungen, die es in der Szene seit der Ausgliederung gab, auch ein Korrektiv, das früher durch die erfahrenen Ultras der CFHH und die Ultra-nahe Supporter-Führung einfach noch da war. Jetzt ist es so, dass die Ultra-Gruppierungen nicht mehr den Respekt der ganzen Nordtribüne haben, sondern immer wieder Leute ausscheren und meinen, es alles viel besser zu können. Dazu kapseln sich die Ultras auch von den „Normalos“ auf den Stehplätzen gefühlt weiter ab und wollen nur noch ihr Ding durchziehen, scheißegal, ob der Rest mitmacht. Dazu die emotionslos spielende Mannschaft und du hast das jetzige Ergebnis mit relativ leerem Stadion und allgemeiner Müdigkeit.

HFC Falke: Dankbar rückwärts – mutig vorwärts. (Fotos: Tanja Hufschmidt)

HFC Falke: Dankbar rückwärts – mutig vorwärts. (Fotos: Tanja Hufschmidt)

Auch in Mainz ist die Stimmung zwischen Verein und Fans aktuell angespannt. Gräben reißen aber auch unter den verschiedenen Fangruppen auf, die teilweise volle Unterstützung für die Mannschaft fordern, teilweise wiederum den Verein in der Pflicht sehen, dazu kommen die grundsätzlich Unzufriedenen, die alle Köpfe fordern. Kann ein Verein so die Klasse halten?
Ich glaube, mittlerweile sind sehr viele Clubs innerlich so zerrissen und abhängig vom sportlichen Erfolg. Im Misserfolg tritt es dann mehr oder minder deutlich zu Tage. In Köln, in Hamburg, in Mainz. Hannover zehrt noch von der starken Hinrunde, aber auch da denke ich, dass die Unruhe im Umfeld, die sich als Stille im Stadion manifestiert, irgendwann den Fußball auf dem Rasen negativ beeinflussen wird. Und sei es, dass man einen Wunschspieler wegen der ganzen Querelen nicht überzeugen kann, zum Verein zu wechseln.

Das Sportliche tritt in der aktuellen Situation fast komplett in den Hintergrund, auch wenn das bizarr wirken mag. Trotzdem die abschließende Frage, was für ein Spiel erwartest du?
Ganz ehrlich: Es wird lausig kalt und das Spiel wird uns nicht erwärmen, kurzum erwartet uns ein Grottenkick.

Und was passiert in Hamburg am 34. Spieltag, wenn die Uhr wirklich stehenbleibt?
Ich habe keine Ahnung, wie die Ultras reagieren werden. Ich weiß auch nicht, wie viele sich dann vom Verein verabschieden. Ich weiß nur, dass ich auch kommende Saison wieder eine Dauerkarte haben werde und weiter mit HSV sämtliche Höhen und vor allem auch Tiefen durchstehen werde.

Danke für das ausführliche Gespräch.
Danke für die Einladung und auf ein schönes Spiel!

05-Liebe (7) | Krebbel in der Fastenzeit & Latza-Festspiele

Das hier ist für alle, die FÜR etwas sind – nämlich unsere 05er –, und die das auch zeigen möchten. Lasst uns das Netz mit ganz viel Liebe für den Verein fluten. Lasst uns laut sein gegen die negative Stimmung. Lasst uns wieder fest zusammenstehen. #05liebe

Das Netz mit #05liebe fluten hat die Wortpiratin gesagt. Meine hier geht durch den Magen.
#Kreppelzeit = #05erZeit
#nurderFSV
#Mainz05
#geMAINZam
#kämpfenundsiegen denn #Mainzbleibt1
#1905FinaleBerlin
[Th0ma5]

Th0ma5_twitter.com 05erTom

18. August 2003. Meine Schwestern und ich fahren spontan zum Spiel gegen den 1. FCN. Ausverkauft. Unterschiedliche Mainz-Fans schenken (!) uns Karten. Die Ordner lassen uns alle in den gleichen Block. Das erste YNWA. Da Silva schlenzt zum 1:0.
Die Humba! Ich war verliebt!
#05liebe
#dasistmainz
[Lou]

In den 70igern wollte ich unbedingt ein Spiel im Stadion sehen und mein Papa (kein Fußballfan) ist mit mir zu einem Pokalspiel gegen St. Pauli – damals Erstligist – zum Bruchweg. Wir haben gewonnen und es war um mich geschehen.
#Mainz05
#nuraufVatersSchultern
#05liebe
[E. Niemer Kronenburg]

05-Liebe (6) | (Fußball ist…) Gut gegen Heimweh

Wenn ich an Mainz 05 denke, dann denke ich an meine Kindheit. Wie ich im alten Bruchwegstadion auf rotsandiger Tribüne stehe. Dort Spieler wie Charly Mähn gegen Eintracht Bad Kreuznach oder Hassia Bingen anfeuere und mich auf die heiße Brotworscht in der Pause freue. Auch an spätere Zweitligazeiten, als ein gewisser Wolfgang Frank taktisches Neuland beschreitet und – was ich damals noch nicht weiß – den Grundstein für eine Dimension legen sollte, die ich nie für möglich gehalten hätte, vielleicht höchstens mal davon geträumt habe.

Ronald und Stend

Machen wir einen mittelgroßen Zeitsprung ins Jahr 2007. Ich bewege mich damals erstmals von meiner rheinland-pfälzischen Heimat weg nach Osthessen. Nach Hessen? Hessen? Hier sind an Autos überall diese roten Adler befestigt. Und dazwischen steht ein noch nicht angemeldetes Mainzer Auto mit 05-Aufkleber. Und da kommt schon einer und sagt anerkennend zu mir: „Endlich mol en gescheite Club.“ Muss wohl en Offenbacher sein, denk ich mir.

Recht schnell merke ich, wie weit Mainz 05 weg ist. Ich hänge immer noch am Verein. Ich gehe immer noch hin. Jetzt vielleicht sogar noch mehr als vorher. Ich war nie permanent dort, aber immer wieder. Um Höhen und Tiefen mitzubekommen. Der Verein hat sich verändert. Er ist moderner geworden. Wenn ich jetzt hingehe, sehe ich viel Neues. Und mache auch viel Neues. Mit 49 Jahren fange ich an, auswärts mitzufahren.

Eintracht im Pokal

Auswärts? Habe ich früher nie gemacht. Himmel, ich bin heutzutage „bekloppter“ als früher. Und warum? Weil mir jedes Mal, wenn ich jetzt hinfahre, der Club auch ein Stück Mainz zurückbringt, das ich am Ende des Tages mit nach Osthessen nehme. Die Schulterklopfer von Leuten, die ich mit Namen oder auch ohne kenne, sind geblieben. Man kennt sich. Auch das unterscheidet Mainz von vielen anderen. Und deshalb liebe ich Mainz noch immer. Vielleicht sogar mehr als früher….

[Text und Bilder: Ronald Willms]

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 bei Hertha BSC

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich künftig mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Vor dem zweiten Auswärtsspiel der Mainzer in Folge habe ich mit Marc Schwitzky von Herthabase 1892 gesprochen.

1510502834853Hallo Marc, vielen Dank, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du bist erst 22, aber rund um Hertha BSC schon länger in den sozialen Netzwerken unterwegs, als der Verein selbst. Erzähl doch mal, wie es dazu kam.
Hallo Mara, es freut mich sehr, dass ich mich nun auch zu der elitären Gruppe deiner Vorberichtsgäste zählen darf! Wie du schon sagst, bin ich ja noch recht jung, weshalb ich mit dem Aufstieg von Social Media aufgewachsen und bereits ein Drittel meines Lebens (völlig verrückt) auf Facebook angemeldet bin. Dort suchte ein Hertha-Fan-Portal einen neuen Redakteur, wodurch ich erstmals auch online Texte schreiben konnte. Im nächsten Schritt gründeten Marcel und ich „Hertha BASE 1892“ und schafften damit unseren eigenen Blog. Mit der Zeit vertrieb es mich (privat) von Facebook zu Twitter, wo ich meine digitale Heimat gefunden habe und mich mit unzähligen Fans und Co-Bloggern anderer Vereine austauschen kann. So lernten wir uns ja auch kennen.

Mit eurem Portal erreicht ihr heute allein auf Facebook fast 10.000 User. Wie stemmt ihr den täglichen Arbeitsaufwand und wie groß ist euer Team aktuell?
Momentan haben wir sieben Teammitglieder, wovon aber nur fünf regelmäßige Aufgaben übernehmen. Wir versuchen, mindestens drei Artikel pro Woche zu veröffentlichen, zuzüglich zu den alltäglichen Aufgaben der Social-Media-Betreuung und unserem zweiwöchentlich erscheinenden Podcast. Das lässt sich nur durch ein motiviertes und verlässliches Team erreichen, das an einem gemeinsamen Strang zieht. Wir sind nicht nur „Kollegen“, sondern echte Freunde geworden und das macht das Zusammenspiel wesentlich einfacher, da wir Hertha BASE neben unseren Jobs oder dem Studium betreiben.

Was kannst du über den Kontakt mit dem Verein sagen: Nimmt man euch da so ernst, wie ihr euch das vorstellt, oder steht ihr hinter den klassischen Medien an?
Ich glaube schon, dass wir auf einem guten Weg sind. Wir wurden vor eineinhalb Jahren vom Vereinssender interviewt und kennen den einen oder anderen Mitarbeiter in der Presseabteilung Herthas persönlich. Dennoch sind noch ein paar Meilensteine zu gehen, wie die Akkreditierung für Pressekonferenzen oder die Pressetribüne im Stadion. Grundsätzlich ist es aber schön, zu sehen, dass wir auf dem Radar des Vereins sind.

Obligatorische Frage, wie bist du zum Fan der „alten Dame“ geworden?
Und dazu die wohl obligatorische Antwort. Ich bin Berlin geboren und mein Vater ist Hertha-Fan. Seitdem er mich erstmals ins Olympiastadion mitnahm, bin ich Hertha verfallen. Bin ich nicht im Stadion, ist es eine absolute Tradition, jedes Spiel zusammen mit meinen Eltern zu gucken.

Auf eurem Portal habt ihr die Köpfe der Journalisten auf Spielerkörper gesetzt. Du verschmilzt mit Arne Friedrich. Was schätzt du an ihm besonders?
Zwischen den brasilianischen Paradiesvögeln wie Marcelinho, Gilberto oder Alex Alves gab es mit Arne Friedrich jemanden, der wie kein anderer für Professionalität und Konstanz stand. Er strahlte sowohl auf, als auch neben dem Feld aus, wie ein Musterprofi auszusehen hatte. Mit seiner hohen Disziplin und der nötigen Eloquenz füllte er sechs Jahre lang das Kapitänsamt bei der „alten Dame“ sehr gebührend aus. Hertha BSC war damals durchaus mit (erfolgreichem) Chaos gleichzusetzen, eine echte Diva, doch Arne Friedrich schien immer mehr in diesem Verein zu sehen. Er hätte sicherlich viele Optionen gehabt, den Verein in all den Jahren zu verlassen, um sich sportlich wie finanziell zu verbessern, jedoch blieb er, solange es ging. Hertha war irgendwann zu „seinem“ Verein geworden und nur wenige konnten diesen so lenken, wie er es tat. Es erfüllte den Hertha-Fan stets mit Stolz, solch einen renommierten Spieler auf dem Feld zu wissen. Mit Joe Simunic bildete er jahrelang eines der besten Innenverteidiger-Duos der Liga und als Frontmann der Mannschaft ging er immer voran.

Wenn ich an Hertha BSC denke, laufen immer Bilder der Relegation unter Otto Rehagel vor meinem inneren Auge ab. Ich hätte niemals mit dem sofortigen Wiederaufstieg gerechnet, geschweige denn mit der Etablierung im Oberhaus. Wie wurde das geschafft?
Die Relegation gegen Düsseldorf ist die schlimmste Wunde im blau-weißen Herzen seit sehr langer Zeit – sie schien einem Weltuntergang gleichzukommen. Michael Preetz traf recht zügig die Entscheidung, Jos Luhukay als Trainer zu installieren, der bereits viel Erfahrung im Aufsteigen hatte. Diese Personalie sollte sich auszahlen. Nach stottrigem Start war die Mannschaft nicht mehr zu besiegen, man fühlte sich wie der FC Bayern der zweiten Liga und brach auf dem Weg ins Oberhaus einige Rekorde. Die Euphorie trug den Verein auch im zweiten Jahr von Luhukay, es wurde überraschend souverän die Klasse gehalten. Im Jahr darauf fanden die Ideen des Niederländers jedoch keinen Anklang mehr, die Mannschaft wirkte plan- und motivationslos und so übernahm Pál Dárdai nach der Winterpause das Amt. Was seitdem passiert ist, ist kaum in Worte zu fassen. Zusammen mit Michael Preetz schuf er Kontinuität und ein klares Konzept, was den gesamten Verein durchzieht. In den vergangenen drei Jahren entwickelte sich Hertha BSC zu einem sehr ambitionierten Erstligisten, der durch einen festen Stamm an Leistungsträgern und vielen hoch veranlagten Talenten nur Gutes für die Zukunft erahnen lässt.

Es gab mal eine Zeit, da war Michael Preetz ein Mann, über den unter Fans viel und gerne gelacht wurde und man erwartete jederzeit seinen Rücktritt. Heute agiert er sehr ruhig im Hintergrund und scheint auch bei den Fans angekommen. Wie ist ihm das gelungen?
Zu seiner Verteidigung muss gesagt werden, dass er nach der Hoeneß-Ära ins kalte Wasser geworfen wurde und einen finanziellen Scherbenhaufen als Erbe antreten durfte. Die Kluft zwischen sportlichem Anspruch und tatsächlichen Mitteln war riesig und es musste zunächst einmal erreicht werden, den Verein zu konsolidieren. Preetz tat es sicherlich gut, mit Präsident Werner Gegenbauer einen großen Verbündeten zu haben, der vorbehaltslos auf ihn vertraute, denn in einer anderen Konstellation wäre er heute sicherlich nicht mehr unser Sportdirektor. Es ist wahr, Preetz hat in seiner Anfangszeit Fehler begangenen, vor allem auf dem Trainerstuhl, jedoch wurde ihm die Zeit gegeben, sich zu entwickeln und aus diesen Fehlern zu lernen. In diesem schnelllebigen Fußballgeschäft eine absolute Seltenheit, aber eben auch der Beweis dafür, dass Vertrauen sich auszahlen kann. Preetz überzeugt durch ein klares Konzept und hat mit Pál Dárdai einen Trainer gefunden, mit dem er es auch kontinuierlich umsetzen kann. Er schafft es nicht nur seit Jahren konstant starke Transferphasen hinzulegen, sondern auch, Hertha BSC ein neues Gesicht zu geben und den Verein für die Zukunft aufzustellen.

In der vergangenen Saison habt ihr es Mainz 05 gleichgemacht und die Quali für Europa in den Sand gesetzt. Diesmal wart ihr direkt dabei, konntet aber nicht europäisch überwintern. Was überwiegt, die Freude über die zurückliegenden Spiele oder die Enttäuschung?
Eine Mischung aus beidem. Sportlich lief es zwar nicht zufriedenstellend und besonders in solch einer „einfachen“ Gruppe hätte die K.O.-Phase erreicht werden müssen, aber die Europa League war dennoch wichtig und gut für die Mannschaft. Spieler, die sonst eher in der zweiten Reihe stehen – wie Thomas Kraft oder Fabian Lustenberger – konnten sich dank guter Leistungen nachhaltig für die Bundesliga empfehlen. Und auch unsere jungen Spieler wie Maxi Mittelstädt oder Jordan Torunarigha haben in diesem Wettbewerb Erfahrungen sammeln und sich dem Trainer anbieten können. Ohne die Europa League gäbe es nicht den gleichen Konkurrenzkampf, wie wir ihn aktuell haben.

Die bisherige Saison der Hertha unterlag mächtigen Schwankungen. Gerade scheint sich das Team zu stabilisieren, zuletzt konnte sogar Leverkusen geschlagen werden. Ist da irgendwo ein sprichwörtlicher Knoten geplatzt oder war das eine beständige Entwicklung?
Um ehrlich zu sein: keins von beidem. Vor dem beeindruckenden Sieg gegen Leverkusen gab es drei Unentschieden, die aber verschiedener kaum hätten sein können und eher die von dir erwähnten Schwankungen erkennen ließen. Der Dreier gegen die Werkself könnte der Startschuss für eine heiß ersehnte Beständigkeit sein – das Spiel gegen Mainz wird es zeigen und hat daher eine entscheidende Rolle für Herthas weiterem Saisonverlauf.

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In einem Beitrag Ende Januar beschäftigt ihr euch mit den Offensivschwächen des Teams. Kannst du eure Ergebnisse für uns zusammenfassen? Was macht Hoffnung darauf, dass es bei diesem Thema Besserung gibt?
Die geringe Torgefahr ist an sich nichts Neues bei Hertha. Seit mittlerweile drei Saisons haben wir die ligaweit geringste Anzahl an Schüssen – der Unterschied in diesem Jahr ist nur, dass die gewohnte Effizienz etwas verloren gegangen ist. Am Saisonanfang steckten Herthas Torjäger Salomon Kalou und Vedad Ibisevic in einem Formloch der Marke Mariannengraben. Als dann noch Neuzugang Mathe Leckie seine starke Torquote nicht halten konnte, hatte Hertha ein Problem. Pál Dárdai hat dieses Jahr zwei klare Ziele gesteckt: Talente an die Startelf heranzuführen und Herthas Offensivspiel attraktiver zu gestalten. Das Zweite mag sich paradox anhören, jedoch ist in einem solchen Umbruchsjahr und den taktischen Neuheiten nicht zu erwarten, dass die Mannschaft den neuen Offensivfußball sofort und konstant auf den Rasen bringen kann. Die Rückrunde zeigt bereits, dass die Spieler es immer besser verinnerlichen und so hätte man außer gegen Bremen jede Partie auch gewinnen können. Wenn die Chancenverwertung wie gegen Leverkusen gehalten wird und Spieler wie Ondrej Duda und Mitchell Weiser wieder in einen Spielrhythmus kommen, verspreche ich mir eine sichtliche Verbesserung.

Mit Langkamp, Stocker und Haraguchi habt ihr im Winter drei Spieler abgegeben, aber es gibt keine Neuzugänge. Ist das Team in der aktuellen Zusammensetzung stark genug?
Absolut, davon bin ich der festen Überzeugung. Der Kader ist so stark wie gefühlt noch nie und es war sogar notwendig, diese drei Spieler abzugeben. Alle drei hatten keine wirkliche Perspektive mehr und mussten dem bereits angesprochenen Weg, Talenten Chancen zu geben, weichen. Stocker und Langkamp waren menschlich absolute Stützen im Verein, sportlich waren ihre Abgänge aber nicht zu umgehen.

Im Sommer ist das Team an einigen Stellen verstärkt worden. Dabei fällt auf, dass neben prominenten Namen wie Davie Selke auch vier Spieler aus der eigenen U19 zu den Profis aufgerückt sind. Wie gut ist eure Jugendarbeit?
Herthas Jugendarbeit floriert. Nahezu jede Altersklasse ist sehr erfolgreich und mit dem „goldenen 1999er Jahrgang“, aus dem Arne Maier, Palko Dárdai, Julius Kade, Florian Baak und einige andere vielversprechende Eigengewächse stammen, etabliert sich das so langsam im Profi-Kader. Dazu kommen bereits geläufige Namen wie Maxi Mittelstädt und Jordan Torunarigha, die bereits sehr nahe an der Startelf sind. Bei Hertha spielen aktuell so viele Jugendnationalspieler, man kann sie kaum noch zählen. Und Pál Dárdai ist gewillt, allen eine faire Chance zu geben.

Wie zufrieden bist du generell damit, wie die Neuen in dieser Saison angekommen sind?
Wie bereits gesagt, hat die Europa League ihren Teil dazu beigetragen, dass junge Spieler auf ihre Einsatzzeiten kamen und teilweise wirklich auf sich aufmerksam machten. Mittelstädt konnte eine Zeit lang Salomon Kalou aus der Startelf verdrängen, Torunarigha lässt in den letzten Partien jeden Herthaner staunen und Arne Maier ist mit seinen 19 Jahren einfach ein Phänomen. Er spielt seine erste Profi-Saison und war bereits mit 18 Jahren nicht mehr aus der Mannschaft wegzudenken. Ein hochmoderner „Sechser“, der über alle körperlichen, technischen und strategischen Fähigkeiten verfügt, um in ein paar Jahren zu den großen Namen in Deutschland zu gehören. Er ist ein Talent, was man nur selten findet. Ich bin unglaublich zufrieden, wie sehr bei Hertha BSC auf die eigene Jugend gesetzt wird und so ist unser diesjähriger Slogan „Die Zukunft gehört Berlin“ kein billiger Marketinggag.

Mein Eindruck ist, dass die Hertha von vielen Fußballfans anderer Vereine als große, aber eben graue Maus wahrgenommen wird. Wie ist die Selbstwahrnehmung der HBSC-Fans? Welche Eigenschaften sind „typisch Hertha“?
Vor ein paar Jahren hat uns noch die selbstironische Arroganz ausgezeichnet. Der Herthaner hat überspitzt von Meisterschaften und anderen Pokalen erzählt, durch die bodenständigen Michael Preetz und Pál Dárdai hat sich dieses Bild gewandelt. Es ist schwierig zu sagen, was typisch Hertha ist. Genau daran – am Image – arbeitet der Verein gerade, durch zahlreiche Marketing-Kampagnen und einen generalüberholten Social-Media-Auftritt. Hertha kann auf keine großen Titel und wenige „magische Europa-Nächte“ zurückblicken und so ist es das Ziel, die größten Zeiten erst kommen zu lassen. Während Bundesliga-Vereine wie Hamburg, Bremen oder Stuttgart mit der Gegenwart hadern und sich nach den glorreichen Zeiten sehnen, arbeitet Hertha mit Hochdruck daran, genau solche Jahrzehnte in der Zukunft haben zu können. Deshalb wird so sehr auf die eigene Jugend gesetzt, deshalb wird sich gerade für ein eigenes Stadion stark gemacht und deshalb wird in jeder Saison ein kleiner Baustein in der spielerischen Weiterentwicklung gesetzt. Ich persönlich glaube, dass Hertha aktuell einer der spannendsten Vereine der Bundesliga ist und den Status der grauen Maus bald ablegen wird.

Welche Erwartungen hat das Umfeld daran, wo die Hertha am Ende der Saison in der Tabelle stehen wird? Und was ist deine persönliche Einschätzung?
Nach den vergangenen zwei Spielzeiten, haben einige Fans die Erwartung oder vielmehr Hoffnung, dass es auch diese Saison mit Europa klappt. Der Großteil der Anhänger wünscht sich wohl einen einstelligen Tabellenplatz und da würde ich mitgehen. Die laufende Saison ist von einer spielerischen Weiterentwicklung, von Umbruch und Talentförderung gezeichnet, daher ist der Tabellenrang tatsächlich eher nebensächlich. Erst im kommenden Jahr wird die Mannschaft daran gemessen.

Mainz reist in einer schwierigen Situation nach Berlin. Zu der eklatanten Auswärtsschwäche kommt nun der schwelende Stress zwischen Verein und Fans. Wie beurteilst du die Situation der 05er von außen? Und wie ernst nimmt man bei der Hertha diese Begegnung?
Mainz ist nicht mehr Mainz – so ist zumindest das Gefühl von außen. In der laufenden Saison oder im gesamten Jahr 2017 ist der Verein von Krisen, sportlich wie strukturell, gebeutelt und droht zu zerreißen. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Verein wie der FSV im Abstiegskampf steckt, es ist aber erstaunlich, dass Mannschaft, Trainer und Umfeld es nicht schaffen, eine Einheit zu formen. Mainz hatte immer den Vorteil, sich voll auf den Abstiegskampf einlassen zu können, da es keine Nebengeräusche gab. Nun wirkt der Verein teils zerfahrener als der HSV oder Stuttgart und gibt ein grausames Bild ab. Dennoch nehmen alle Herthaner die Partie äußerst ernst, so sagte ich im Vorfeld des Spiels gegen Leverkusen, dass mir die Begegnung gegen Mainz mehr Sorgen bereitet. Die Spiele gegen Mainz sind seit Jahren die schlimmsten überhaupt und treiben jeden Hertha-Fan in den Wahnsinn. So kommt es nicht von ungefähr, dass Mainz die letzten beiden Aufeinandertreffen für sich entschied. Mit ihrer „dreckigen“ Spielweise, dem fast schon provokativen Hinten-Reinstellen und Spielertypen wie Donati oder De Blasis erzeugt Mainz 05 Hassgefühle in mir. Das ist nicht beleidigend gemeint: Wenn Mainz 90 Minuten lang tiefe Frustration in mir auslösen kann, müssen sie etwas richtigmachen.

Worauf müssen sich die Mainzer für die Begegnung einstellen? Und was erwartest du dir insgesamt vom Spiel am Freitagabend?
Ich erwarte keinen fußballerischen Leckerbissen. Mainz scheint sehr zu wanken und wird sich in einem Auswärtsspiel zu keinem Offensivfußball hinreißen lassen, sodass es an Hertha sein wird, das Spiel zu gestalten. Ich kann mir vorstellen, dass Pál Dárdai aus dem Hinspiel gelernt hat und sein Team mutiger in die Partie schicken wird. Auch der Sieg gegen Leverkusen wird Rückenwind geben. Je länger die Partie geht, desto schwieriger wird es für Hertha werden, ein Tor zu schießen. Sollte Hertha noch in der in der ersten Halbzeit in Führung gehen, könnte man ins Rollen kommen. Andersherum wäre eine Mainzer Führung wohl ein großes Problem für die „alte Dame“. Mainz sollte vor dem aktuell überragenden Valentino Lazaro gewarnt sein, der selbst tiefstehende Gegner durch Einzelaktionen knacken kann. Zudem ist Herthas Standardstärke ligaweit gefürchtet.

Dein Tipp fürs Ergebnis?
Ein 2:0 für Hertha.

Danke für das Gespräch!

05-Liebe (5) | Uns’re Waffe ist der Gesang

Das hier ist für alle, die FÜR etwas sind – nämlich unsere 05er –, und die das auch zeigen möchten. Lasst uns das Netz mit ganz viel Liebe für den Verein fluten. Lasst uns laut sein gegen die negative Stimmung. Lasst uns wieder fest zusammenstehen. #05liebe

„Mainz 05 ist anders.
Mainz 05 heißt Spaß
Wir scheißen auf die Kohle
Und scheißen auf den Hass

Hehe Mainz 05 uns’re Waffe ist der Gesang
Wir für euch und ihr für uns
Wir haben diese Kraft zu siegen!“

So sang, oder besser krächzte, die Band BILDungslücke einst zusammen mit dem „schlauen Rolf“ ins Mikrofon. Ziemlich knapp und überdeutlich wurde so das Gefühl von Mainz 05 vertont, die gewonnene Identität des Besonderen unters Fanvolk gepunkt. Wir sind anders, als die anderen Vereine! Wir Fans sind das Event!

Weil man auch in schwierigen Zeiten mit positiven Gedanken in die Zukunft schauen muss! geMAINZam Stark! ❤ (Foto: Jannis Mörsdorf)

Weil man auch in schwierigen Zeiten mit positiven Gedanken in die Zukunft schauen muss! geMAINZam Stark! ❤ (Foto: Jannis Mörsdorf)

„Ob wir gewinnen, oder verlieren, wir werden immer zu dir steh’n!“ heißt es in einem Lied der Szene. So sollte es sein! Überschwemmt von Eventies und geblendet von unerwarteten Zwischenhochs tritt dieses Credo derzeit allerdings immer weiter in den Hintergrund. Leider. Dabei wird nimmermüde von offizieller Seite mahnend erwähnt: „Vergesst nicht, wo wir herkommen!“

Das ist der Punkt! Dieser Satz ist eine Mutter aller Missverständnisse! Gemeint ist nämlich nicht die Herkunft des Vereins aus den Niederungen der 2. Liga, sondern vielmehr die Frage: Wo kommen wir Fans her? Was bedeutet es, Fan von 05 zu sein? Und auch hier finden wir die Antwort im musikalischen Bereich, denn als Mainz 05 die Vorrunde der 2. Liga wieder einmal auf einem Abstiegsplatz beendete, abgeschlagen vom Rest des Feldes, so, dass niemand mehr einen Pfifferling auf sie gesetzt hatte, erschien die Mainzer Funpunk-Band „Die Frohlix“ im Aktuellen Sportstudio und sang lauthals ein: „Aufstieg jetzt!“

Das ungläubige, fassungslose Lachen des Publikums wich schon bald der puren Verwunderung, denn in der kommenden Rückrunde sicherte sich Mainz 05 nicht nur den Klassenerhalt, sondern schloss die Serie gar als bestes Team ab. Der Rest ist Vereinsgeschichte. Aber genau aus diesem Selbstverständnis der Fangemeinde, das sagte „Hey, wir sind der kleine Verein aus der Fußballdiaspora, aber wir können feiern und Party machen, selbst wenn uns das Wasser bis zum Hals steht!“, aus diesem und mit diesem Selbstverständnis waren und sind wir 05er etwas ganz Besonderes.

Lasst uns das nie vergessen. Und alle Spieler fortan (vielleicht von Hanno Balitsch mal abgesehen) wurden sofort in den Bann dieser Atmosphäre gezogen und motiviert, für diese Verrückten das eine oder andere Prozentchen mehr zu gehen. Wir sind der zwölfte Mann, Freunde! Lasst uns unseren Job wieder ernst nehmen und mit dem Team nicht gegen das Team zu kämpfen. Denn wie sang schon Dogman? „Wir sind Mainz 05 – alles andre ist der Rest der Welt!“

[Text: Michael Herzog]