Zauberworte auf harmonischem Niveau

Es ist unmöglich, im Blog von Andrea Harmonika länger als ein paar Momente zu verweilen, ohne sich in die Autorin zu verlieben. Diese Einleitung in meine Besprechung ihres Buches „Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne“ darf gut und gerne als Warnhinweis verstanden werden. Von einer wie dieser Harmonika, die im echten Leben übrigens ganz anders heißt, kommt man nicht mehr los. Und frau sowieso nicht. Sie ist witzig, warmherzig, klug und schafft es, dem überstrapazierten Modewort authentisch seine einstmals positive Bedeutung zurückzugeben. Sie ist offen und nahbar, ohne sich auf eine Art zu entblößen, die akutes Fremdschämen auslöst, sie ist meinungsstark und politisch, ohne den moralischen Feigezinger* zu heben und steht zu den Pleiten und Verfehlungen ihres alltäglichen Lebens, ohne sich dafür zu schämen, denn wieso sollte sie?

Die Autorin in einer typischen Alltagspose. (Foto: Bastian Sander)

Die Autorin in einer typischen Alltagspose. (Foto: Bastian Sander)

Kurz, in einer von Instagram-Filtern dominierten und doppelt belichteten Onlinewelt ist Andrea Harmonika genau das, was fehlte – zumindest bis 2014. Seither veröffentlicht sie Texte in ihrem Blog, wobei dessen selbstgewählte Einordnung „Unterhaltung auf mittlerem Niveau“ natürlich eine irreführende Koketterie ist. Und wer nun mit den Augen rollt, weil er oder sie das Internet für eine überflüssige Erfindung hält, die sich nicht durchsetzen wird, hat dennoch Grund zur Freude, denn neuerdings gibt es alles, was Frau Harmonika die Herzen seit Jahren im Netz zufliegen lässt, wie erwähnt auch endlich zwischen zwei Buchdeckeln.

In meinem Exemplar beginnt die Wortzauberei mit einer wunderbaren Widmung, die ich allerdings für mich behalte. Da steht nämlich „für Mara“, nicht „fürs ganze Internet“ und manche Zauber sollte man behüten. Verraten kann ich aber, dass sich ein wirklich hervorragender Musikgeschmack der Autorin daraus ablesen lässt, die mit ihren beiden Söhnen sowie dem Ehemann – und neuerdings einer tierarztintensiven Katze – in Norddeutschland lebt. In ihrer spärlichen Freizeit beklebt sie gerne Alltagsgegenstände mit Wackelaugen oder geht schwimmen, was besonders hervorzuheben ist, weil sie erst im hohen Alter das Seepferdchen nachgeholt hat. Und das nach einem Sprung vom Einmeterbrett, für den sie drei Jahrzehnte Anlauf brauchte – was die „Arschbombe“, wie der Text zum Erfolgserlebnis heißt, umso schöner macht.

Wackelaugen-Challenge. (Fotos: Andrea Harmonika)

Wackelaugen-Challenge. (Fotos: Andrea Harmonika)

Wie viele seiner kurzweiligen Kollegen ist der herrlich komisch, aber eben nicht nur das. Daneben steckt auch viel Weisheit in Harmonikas Worten, darüber nämlich, wie Kinder zweifeln und Erwachsene verzweifeln, sich dabei munter abwechseln und wie die Dötze angstfrei lernen, ohne das Gefühl zu bekommen, irgendwer nimmt ihnen am Ende immer alles ab, worauf sie keinen Bock haben. Das parabelt sie ganz wunderbar um ihre eigene, fiese Sportlehrerin und die souveräne Schwimmtrainerin ihres Sohnes herum und nimmt dabei jeden mit, der irgendwie mit Kindern zu tun hat, seien es eigene oder angeheiratete oder die, denen man im Berufsalltag begegnet.

Sowieso bleibt ihre Kinderbetrachtung nicht ausschließlich bei der eigenen, mütterlichen Sicht, sondern blickt sie als „Fisimatante“ auch zurück auf die Juxereien mit den Neffen, bevor sie selbst Mama wurde, und lässt ihre LeserInnen teilhaben an der Beziehung zu ihrer Mutter und nach und nach dem ganzen Familienclan. Wobei die Frauen durchaus eine besondere Rolle spielen, denn schreiben soll man schließlich über das, was man kennt. Und obwohl die Autorin zuhause lediglich katzenseitig weibliche Unterstützung hat, ist sie eben selbst eine Frau und glücklicherweise eine, die sich mit den Themen, die ihre Geschlechtsgenossinnen beschäftigen, auseinandersetzt.

Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne. (Foto: WP)

Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne. (Foto: WP)

Der Text „Deine Mudda – Ein Pressedrama“, in dem sie sich bereits im Blog mit den Anforderungen an Frauen im Allgemeinen und Mütter im Speziellen beschäftigte, ist einer der stärksten auf den 252 Seiten ihres Buches. Doch auch die leisen Töne beherrscht Andrea Harmonika, zum Beispiel, wenn sie über die Tochter schreibt, deren Herz in der 14. Schwangerschaftswoche aufgehört hat zu schlagen – und sie ganz entschieden daran erinnert, dass Familienplanung Privatsache ist, kein Smalltalk-Thema. Oder wenn sie sich dem Gefühl der mütterlichen Überforderung widmet, über das Frauen endlich miteinander sprechen, statt sich in ihren Versagensängsten noch gegenseitig aufzuputschen.

Nach den leisen Tönen kommen natürlich wieder laute, im Zweifelsfall aus der geneigten Leserin, die auf dem Sofa begeistert prustet bei der Lektüre der „Pfadfinder-Leistungskategorieren“, angepasst ans Leben mit Kindern, beim neu aufgelegten „Krieg und Frieden“, diesmal zwischen Geschwisterkindern, oder dem Wiedereinstieg ins Partyleben unter dem herrlichen Titel „Nicht ganz bei Prost“. Insgesamt gibt’s für den verdammten Zauber eine verdammte Leseempfehlung mit Sternchen und wieder und weiter ganz viel Liebe für die wunderbare Andrea Harmonika.

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*Das muss natürlich Zeigefinger heißen, aber ich fand, der Verschreiber hat einen gewissen Charme, darum habe ich ihn erhalten.

Casablanca: Liebeserklärung beim Poker

Als meine jüngere Schwester und ich kleine Mädchen waren, gab es beim Sonntagsfrühstück ein Spiel, an dessen Entstehung sich niemand aus der Familie erinnern kann: Wer zuletzt an den Tisch kam, lief im Kreis von Stuhl zu Stuhl und gab den anderen einen Kuss. Wir Mädchen machten uns einen Sport daraus, dass dies unser Paps war. Unter fadenscheinigen Gründen lockten wir ihn zurück in die Küche, wenn er bereits saß, nur um dann an ihm vorbei ins Esszimmer zu stürmen, uns hinzusetzen und lautstark zu fordern, er müsse die Kussrunde abhalten.

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Natürlich war ihm klar, was wir da trieben, doch er ließ sich immer darauf ein und hatte vermutlich ebensoviel Spaß wie wir. Ich erinnere mich daran, wie er bei einer dieser Kussrunden scherzhaft nach meinem Kinn griff und mit verstellter Stimme sagte: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Was? Er wiederholte den Satz, meine Schwester und ich sahen uns über den Tisch hinweg achselzuckend an: Was meint er? Mein Paps fiel aus allen Wolken: „Was, ihr kennt Casablanca nicht? Dann müssen wir den unbedingt schauen!“

Ich mag damals zehn, elf Jahre alt gewesen sein, meine Schwester entsprechend sieben oder acht und meine Eltern entschieden, sie war noch zu klein, um den Klassiker anzusehen. Ich aber sollte ihn kennenlernen und wir schauten ihn am nächsten Wochenende. An den Film erinnere ich mich weniger als an das gemeinsame Erlebnis und daran, dass ich absolut hingerissen war, wenn Rick (Humphrey Bogart) seiner Ilsa (Ingrid Bergman) den berühmten Satz so lässig zumurmelte.

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Meine Mutter freute es jedes Mal, wenn Sam „As Time Goes By“ spielte – und mein Vater war dem Glanz seiner Augen nach zu urteilen verknallt in Ingrid Bergman. Dass die am Ende mit Victor Laszlo (Paul Henreid) in den Flieger stieg, statt bei Bogart zu bleiben, war mir allerdings absolut unverständlich – wer steigt in irgendeinen Flieger, wenn die Alternative lautetet, mit Mister Superlässig zu leben?

Es sollten viele Jahre vergehen, bis ich den Klassiker erneut sah. Dabei feststellte, das gezeigte Casablanca wurde hauptsächlich im Studio zusammengebastelt. „As Time Goes By“ ist auf Dauer nicht halb so romantisch wie nervtötend – und viele Dialoge wirken arg zusammengeschustert. Eigentlich lebt der Film tatsächlich nur von der berühmten Zeile: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Und das gilt nur für die deutsche Fassung, denn das berühmte Zitat verdankt „Casablanca“ seinen Übersetzern – und einem Zufall.

Im englischen Original spricht Rick nämlich nicht davon, Ilsa in die Augen zu sehen, sondern sagt lediglich: „Here’s looking at you, kid“, ein Satz, den Bogart häufig benutzte, als er Bergman in den Drehpausen Poker beibrachte – und der erst nach einem improvisierten Take im Film landete.

(Aus: 111 Gründe, an die große Liebe zu glauben)

Leseliebe: Wir Wochenendrebellen

Wenn es um das Internet geht, ist gerne mal von so genannten Blasen die Rede. Damit ist gemeint, dass jeder von uns sich online in einem bestimmten eigenen Umfeld – der Blase – bewegt. In erster Linie sind die thematisch gebunden, in zweiter Linie ergeben sich daraus natürlich Kontakte, die mit der Zeit oft bedeutsamer werden als die Themen, aus denen sie ursprünglich entstanden sind. So wird das Netz tatsächlich zu einem sozialen Ort, an dem man bei jedem Besuch Menschen wiedertrifft, denen man sich längst verbunden fühlt.

In meiner Blase ist – speziell auf Twitter – Fußball eines der beherrschenden Themen. Dabei spielt es interessanterweise gar keine Rolle, welchem Verein die Menschen, denen ich unter den Flügeln des blauen Birdys begegne, die Treue halten. Man versteht einander auch dann, wenn das beim Kontakt im Stadion vermutlich ganz anders gelaufen wäre. Fast könnte man sagen, Twitter versaue den natürlichen Abneigungstrieb gegnerischer Fans – aber nur fast.

Jason und Mirco. (Pressefoto: Sabrina Nagel)

Jason und Mirco. (Pressefoto: Sabrina Nagel)

An diesem speziellen Ort nun, der Menschen so zusammenbringt, dass ihre Vereinsfarben im Grunde keine Rolle spielen im geteilten Moment, hat es (in meiner digitalen Blase) ein Junge zu gewisser Berühmtheit gebracht, dessen Wunsch diesem Twitter-Prinzip quasi gegenläufig ist: Jason möchte herausfinden, zu welchem Fußballverein er gehört.

Diese Entscheidung kann Jason aber nicht aus dem Bauch heraus treffen, er muss dafür im Vorfeld gewissermaßen Daten erheben, weshalb er seinem Papsi nach dem eher zufälligen ersten gemeinsamen Stadionbesuch das beherzte Versprechen abgenommen hat, mit ihm „alle Stadien zu befahren und alle Vereine zu besuchen, die notwendig sind, bis er Fan eines oder besser seines Vereins“ wird. Über diese Fußballreisen von Vater und Sohn bloggt Mirco von Juterczenka, alias Papsi, seit 2011 im Blog Wochenendrebell, der 2017 in der Kategorie „Kultur und Unterhaltung“ mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.

„Krieg im Kopf: Oft habe ich alle möglichen Dinge im Kopf. Diese rasenden Gedanken überfordern mich.“

„Krieg im Kopf: Oft habe ich alle möglichen Dinge im Kopf. Diese rasenden Gedanken überfordern mich.“

Wer schon einmal in dem wunderbaren Blog gestöbert hat, weiß, dass es noch einen bisher unerwähnten Aspekt zu den Reisen von Jason und seinem Vater gibt: Der heute 12-Jährige ist Asperger-Autist. Das ist für die Geschichte der beiden einerseits ganz ohne Belang und andererseits unglaublich bedeutsam. Ohne Belang, weil Jasons Autismus „keinesfalls ein Grund (ist), in den Mitleidsmodus zu verfallen“, wie Mirco sachlich feststellt. Und: „Jegliche Form von Betroffenheit ist fehl am Platz. Wir haben den besten Sohn der Welt.“ Bedeutsam ist diese Tatsache, weil Jason auf den Fußballreisen permanent mit Dingen konfrontiert wird, die ihm aufgrund seines Asperger furchtbar zuwider sind – laute Umgebungen, unerwartete Situationen, Menschenmengen, Kinder –, er sie aber im Kontext seiner Vereinssuche und als Faktor dieser Reisen akzeptiert und darüber auch ein Stück weit lernt, damit umzugehen.

Entwicklungsstörung. Ein häufig verwendeter Fachbegriff vermeintlicher Autismus-Experten, der nicht nur meine Frau und mich ratlos zurücklässt. Wir sehen da nichts Störendes in seiner Entwicklung.

Unter dem Titel „Wir Wochenendrebellen“ haben Vater und Sohn nun ein Buch über ihre Reisen geschrieben, das bei Benevento Publishing, einer Marke der Red Bull Media House GmbH, erschienen ist. In Sachen Vermarktung passieren da, so ist zumindest mein Gefühl, gleich mehrere Katastrophen auf einmal: Fußballfans könnten sich aus gutem Grund davon abschrecken lassen, etwas in die Hand zu nehmen, was unter der Flagge von Red Bull läuft. Menschen, die mit Fußball nichts am Hut haben, könnten annehmen, ein Buch, das diesen Sport vermeintlich in den Mittelpunkt stellt, könne für sie ohne Belang sein. Grundsätzlich könnte man auch eine Art Betroffenheitslektüre vermuten, die nur für Eltern interessant ist, die ebenfalls ein Kind mit Asperger-Autismus haben. All diese Ansätze liegen völlig daneben und ich kann nur jedem offenen, interessierten Menschen raten, das Buch zu lesen.

„Andere Menschen sind sehr komisch. Deswegen habe ich beschlossen, mich auf mich zu konzentrieren.“

„Andere Menschen sind sehr komisch. Deswegen habe ich beschlossen, mich auf mich zu konzentrieren.“

„Wir Wochenendrebellen“ stellt letztlich weder den Fußball noch Jasons Entwicklungsstörung in den Vordergrund, sondern entwirft seine Erzählung lediglich vor der Kulisse eines Fußballfeldes. Der Sport dient quasi als die Leinwand, auf der von Juterczenka mit rohen, nahen und voller Liebe geführten Strichen die Geschichte seiner Familie zeichnet, zu der seine Frau, Sohn Jason, dessen kleine Schwester und in zweiter Instanz die Großeltern der Kinder gehören. Und diese Liebe, so kitschig das klingen mag, ist der Grund, warum das Buch so wahnsinnig lesenswert geworden ist. Es mag einem als naives Gutmenschentum ausgelegt werden in Zeiten wie diesen, wenn man Liebe und Verständnis, Respekt und Einfühlungsvermögen als Antworten gibt auf die Fragen, wie wir als Gesellschaft vorankommen können. Das Buch zeigt aber, was passiert, wenn man sich von genau diesen Werten leiten lässt und wenn man sie in seiner Familie lebt.

Meine Frau und ich sind es gewöhnt, eher als schwache, unfähige und freakige Eltern wahrgenommen zu werden.

Mirco von Juterczenka beschreibt eindrücklich, wie die Diagnose ihn und seine Frau aus der Bahn geworfen hat, ihnen aber auch etwas gab, woran sie sich halten konnten. Wobei ihre Hoffnung auf Orientierung zunächst nicht erfüllt wurde, im Gegenteil musste die Familie sich ihren Weg mit dieser Entwicklungsstörung nicht nur Schritt für Schritt selbst erarbeiten, sondern sich auch an Kritik aus dem Umfeld und von Fremden gewöhnen, der von ihnen gewählte Umgang mit ihrem Kind sei zu weich und nachgiebig. „Es zieht sich vermutlich wie ein roter Faden durch die Erziehung unseres Sohnes, dass wir ihm Rücksichtnahme beibringen möchten, indem wir rücksichtslos mit Teilen der Gesellschaft umgehen.“

„Es ist manchmal Behinderung und manchmal Behilflichkeit.“

„Es ist manchmal Behinderung und manchmal Behilflichkeit.“

Jasons Autismus fordert letztlich zwar niemanden mehr als den Jungen selbst, doch während er ihn längst als ebenso behindernd wie behilflich einstuft, treiben seine damit verbundenen Ausraster den Eltern mal die Schamesröte in die Wangen und sie dann in den Wahnsinn, von den gängigen Reaktionen Umstehender ganz zu schweigen. „Selten wurde uns so etwas wie Verständnis, hinnehmendes Mitleid oder völlige persönliche Ausgeglichenheit vonseiten der uns umgebenden Mitmenschen entgegengebracht“, konstatiert Juterczenka trocken. Und doch lautet sein Fazit: „Mein Sohn leidet nicht unter Autismus. Autisten leiden nicht unter Autismus. Sie sind es nur leid, dass ständig über sie und nicht mit ihnen gesprochen wird. Autisten leiden lediglich unter dem rücksichtslosen Umgang ihres Umfeldes mit ihnen.“ Was letztlich die Frage aufwirft, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen und was wir alle dazu beitragen können, dass der menschliche Umgang miteinander nicht sofort hakt, wenn unser Gegenüber gewisse Erwartungen und Konventionen nicht erfüllt, erfüllen kann.

Grundsätzlich halte ich die Erwartungshaltung an Autisten, sie müssen doch wenigstens irgendein außergewöhnliches Kunststückchen vollbringen können, für sehr anstrengend.

„Wir Wochenendrebellen“ ist ein kluges, ein aufrichtiges, ein liebevolles und empathisches Buch geworden. Es ist nachdenklich und ziemlich witzig, es ist fordernd, überraschend und erzählerisch im besten Sinne unterhaltsam. Kurz und knapp, dieses Buch ist ein Spiegelbild seiner Autoren (und der beiden starken Frauen, die ihnen die Freiheit für ihre Reisen geben). Sie sollten es wirklich unbedingt lesen.

Mirco von Juterczenka mit
Jason (Einleitung & Glossar)

„Wir Wochenendrebellen
Ein ganz besonderer Junge und sein Vater
auf Stadiontour durch Europa“
Benevento Publishing
ISBN 978-3-7109-0017-4
Hardcover, 20 Euro

Wochenendrebellen_Credits_Sabrina_Nagel_www.siesah.de_15

Anika Landsteiner: Gehen, um zu bleiben

Gehen, um zu bleiben

Über die Autorin und Bloggerin Anika Landsteiner bin ich gestolpert, weil Christoph Kessel alias Meenzer on Tour ihr Buch Gehen, um zu bleiben auf seinem Instagram-Profil vorgestellt hat.

Am 22. September kommt Anika nun in den Heimathafen. Aktuell lese ich ihr Buch und werde vor ihrem Auftritt für den Wiesbadener Kurier mit ihr darüber sprechen. Ich bin schon sehr gespannt.

Kinotipp: Kedi. | Die Liebe steckt in allen Dingen

Es war der Schriftsteller Ernest Hemingway, der einst sagte: „One cat just leads to another.“ Oder genauer: schrieb, in einem Brief an seine erste Frau Hadley Richardson. Das berühmt gewordene Zitat setzte der Dichter, der zu jener Zeit mit seiner dritten Frau Martha Gellhorn und elf Katzen auf einer kubanischen Finca lebte, in den Zeilen an Hadley folgendermaßen fort: „The place is so damned big, it doesn’t really seem as though there were many cats (until you see them all moving like a mass migration at feeding time).“

Obwohl Hemingway diese Worte natürlich schrieb, lange bevor der Film „Kedi. Von Katzen und Menschen“ entstanden ist, wirken sie doch beinahe wie eine Zitat aus der wunderbaren Dokumentation, die seit dem 8. August in deutschen Kinos zu sehen ist. Schließlich gehören die streunenden Katzen Istanbuls so selbstverständlich zum Bild der Stadt, dass sie manchmal gar nicht weiter auffallen. Dann wieder machen sie mit Nachdruck auf sich aufmerksam, sei es durch ihr Verhalten oder das Auftreten im Pulk, scheinen plötzlich überall zu sein und es ist unmöglich, sich ihrem sanften Charme zu entziehen.

Insgesamt drehten die Filmemacher um die aus Istanbul stammende Regisseurin Ceyda Torun und den in der Pfalz aufgewachsenen Kameramann Charlie Wuppermann drei Monate lang, 200 Stunden Material kamen dabei am Ende zusammen. Daraus entstanden ist eine bildstarke Dokumentation, die zwar mit ihrer zärtlichen Betrachtung der Vierbeiner sicher in erster Linie Katzenliebhaber anspricht, die aber neben der Liebeserklärung an die streunenden Tiger auch eine an die großartige Stadt Istanbul und ihre stolzen Menschen ist.

Sari

Gedreht wurde mit 19 Tieren, von denen am Ende sieben als Hauptfiguren im Film zu sehen sind. Der Film folgt den Katzen auf ihren Wegen durch die verschiedenen Viertel Istanbuls und porträtiert dabei auch die Menschen, bei denen die Katzen sich niedergelassen haben. Gerade diese behutsam eingefangenen Begegnungen zwischen Zweibeiner und Vierbeiner sind es, die „Kedi“ (türkisch: Katze) so besonders machen, ihm ihren Zauber verleiht.

Da ist die junge Frau, die davon erzählt, wie die Mutterschaft ihre Katze verändert hat. Sarı liegt nun nicht mehr faul in der Sonne, sondern widmet ihre Tage der Aufgabe, Futter für den Nachwuchs zu organisieren. Zwischendurch schaut sie bei ihren Menschen herein, lässt sich streicheln und scheint schnurrend Kraft zu tanken für die nächsten Raubzüge. Und wenn die junge Türkin die Katze krault und dabei erzählt, wie wichtig Sarı ihre Freiheit sei, scheint sie damit auch ein wenig sich selbst zu meinen.

Bengü

Da ist Bengü, die getigerte Katze, die auf das Schnalzen ihres einen Menschen erst reagiert, wenn der andere sie mit der Bürste fertig verwöhnt hat. Die Katzendame Psikopat, die eifersüchtig über ihr Viertel und ihren Ehekater wacht. Der kleine Kater Deniz, der in einer Markthalle lebt und sich, trotz festem Futterplatz, dort geschickt sein Fressen räubert. Da ist der Restaurantbesitzer, der mit seinem Viereiner beim Tierarzt anschreiben lässt. Und der ältere Mann, der von seinem Nervenzusammenbruch erzählt, und wie ihm das Leben erst zurückgeschenkt wurde, als er begann, sich um die Katzen der Stadt zu kümmern.

Die Filmemacher begegnen ihren Helden, ob tierisch oder menschlich, mit Respekt, Sympathie und Wärme. So öffnen sich Katzen und Menschen gleichermaßen, erzählen mit Worten oder schnurrend ihre Lebensläufe nach und lassen die Kamera dabei ganz nah an sich heran. Die Bilder und Geschichten, die sich dabei entfalten, sind beinahe träumerisch, aufgespannt vor der wunderschönen Leinwand, die Istanbul im Hintergrund aus Farbe und Licht zeichnet.

Deniz

Die Liebe steckt in allen Dingen, das ist die Botschaft dieses Films, der seine Protagonisten und die Stätte ihrer Geschichte so zärtlich porträtiert, das man ihm daraus in einem Punkt auch einen Vorwurf machen muss: Die gezeigten Tiere mögen liebevolle Begleiter haben, aber viele Tiere, gerade in Großstädten, leben im Elend. Die Kastration von Straßenkatzen und generell Streunern ist ein enorm wichtiger Baustein zum Tierschutz und es hätte dem Film gutgetan, nicht nur auf positive Emotionen zu setzen, sondern dieses wichtige Thema anzusprechen.

Es gibt keinen vernünftigen Grund, sich eine Katze zu halten. Sie kosten Geld, haaren alles voll, zerkratzen das Sofa und tun und lassen ausschließlich, was sie wollen. Es gibt aber auch keinen vernünftigen Grund, zu hoffen, zu glauben oder zu lieben. Hoffnungen zerplatzen, Glaube wird erschüttert, Liebe bricht uns das Herz. Das ist die eine Seite. Aber Hoffnung flüstert unseren Herzen Mut ein. Glaube gibt uns Kraft. Liebe bringt unser Herz zum Tanzen. Leben besteht aus so viel mehr als dem Offensichtlichen, den vermeintlich wichtigen Dingen oder dem geraden Weg. Es besteht aus Momenten, aus Begegnungen, aus kleinen Oasen des Glücks.

Katzen sind mit dem Verstand nicht zu begreifen, und genau das macht sie so wunderbar. Sie sind faszinierend, eigensinnig, liebevoll, mitfühlend, störrisch, anhänglich und großartig. Sie sind wie du und ich, haben ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Kopf sowieso und ein Leben ohne Katzen ist, frei nach Loriot, möglich, aber sinnlos. „Eine Katze, die zu deinen Füßen miaut und zu dir nach oben schaut, ist das Leben, das dich anlächelt“, heißt es in Kedi. Dieses Lächeln fängt der Film über 79 Minuten ein – und bringt damit die Leinwand zum Leuchten.

Filmplakat zu Kedi. Von Katzen und Menschen. (Fotos: Kedi)

Filmplakat zu Kedi. Von Katzen und Menschen. (Fotos: Kedi)

„Kedi. Von Katzen und Menschen“
Türkei, USA 2016, 79 Minuten
Regie: Ceyda Torun
Kamera: Charlie Wuppermann
Schnitt: Mo Stoebe
Musik: Kira Fontana