Zauberworte auf harmonischem Niveau

Es ist unmöglich, im Blog von Andrea Harmonika länger als ein paar Momente zu verweilen, ohne sich in die Autorin zu verlieben. Diese Einleitung in meine Besprechung ihres Buches „Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne“ darf gut und gerne als Warnhinweis verstanden werden. Von einer wie dieser Harmonika, die im echten Leben übrigens ganz anders heißt, kommt man nicht mehr los. Und frau sowieso nicht. Sie ist witzig, warmherzig, klug und schafft es, dem überstrapazierten Modewort authentisch seine einstmals positive Bedeutung zurückzugeben. Sie ist offen und nahbar, ohne sich auf eine Art zu entblößen, die akutes Fremdschämen auslöst, sie ist meinungsstark und politisch, ohne den moralischen Feigezinger* zu heben und steht zu den Pleiten und Verfehlungen ihres alltäglichen Lebens, ohne sich dafür zu schämen, denn wieso sollte sie?

Die Autorin in einer typischen Alltagspose. (Foto: Bastian Sander)

Die Autorin in einer typischen Alltagspose. (Foto: Bastian Sander)

Kurz, in einer von Instagram-Filtern dominierten und doppelt belichteten Onlinewelt ist Andrea Harmonika genau das, was fehlte – zumindest bis 2014. Seither veröffentlicht sie Texte in ihrem Blog, wobei dessen selbstgewählte Einordnung „Unterhaltung auf mittlerem Niveau“ natürlich eine irreführende Koketterie ist. Und wer nun mit den Augen rollt, weil er oder sie das Internet für eine überflüssige Erfindung hält, die sich nicht durchsetzen wird, hat dennoch Grund zur Freude, denn neuerdings gibt es alles, was Frau Harmonika die Herzen seit Jahren im Netz zufliegen lässt, wie erwähnt auch endlich zwischen zwei Buchdeckeln.

In meinem Exemplar beginnt die Wortzauberei mit einer wunderbaren Widmung, die ich allerdings für mich behalte. Da steht nämlich „für Mara“, nicht „fürs ganze Internet“ und manche Zauber sollte man behüten. Verraten kann ich aber, dass sich ein wirklich hervorragender Musikgeschmack der Autorin daraus ablesen lässt, die mit ihren beiden Söhnen sowie dem Ehemann – und neuerdings einer tierarztintensiven Katze – in Norddeutschland lebt. In ihrer spärlichen Freizeit beklebt sie gerne Alltagsgegenstände mit Wackelaugen oder geht schwimmen, was besonders hervorzuheben ist, weil sie erst im hohen Alter das Seepferdchen nachgeholt hat. Und das nach einem Sprung vom Einmeterbrett, für den sie drei Jahrzehnte Anlauf brauchte – was die „Arschbombe“, wie der Text zum Erfolgserlebnis heißt, umso schöner macht.

Wackelaugen-Challenge. (Fotos: Andrea Harmonika)

Wackelaugen-Challenge. (Fotos: Andrea Harmonika)

Wie viele seiner kurzweiligen Kollegen ist der herrlich komisch, aber eben nicht nur das. Daneben steckt auch viel Weisheit in Harmonikas Worten, darüber nämlich, wie Kinder zweifeln und Erwachsene verzweifeln, sich dabei munter abwechseln und wie die Dötze angstfrei lernen, ohne das Gefühl zu bekommen, irgendwer nimmt ihnen am Ende immer alles ab, worauf sie keinen Bock haben. Das parabelt sie ganz wunderbar um ihre eigene, fiese Sportlehrerin und die souveräne Schwimmtrainerin ihres Sohnes herum und nimmt dabei jeden mit, der irgendwie mit Kindern zu tun hat, seien es eigene oder angeheiratete oder die, denen man im Berufsalltag begegnet.

Sowieso bleibt ihre Kinderbetrachtung nicht ausschließlich bei der eigenen, mütterlichen Sicht, sondern blickt sie als „Fisimatante“ auch zurück auf die Juxereien mit den Neffen, bevor sie selbst Mama wurde, und lässt ihre LeserInnen teilhaben an der Beziehung zu ihrer Mutter und nach und nach dem ganzen Familienclan. Wobei die Frauen durchaus eine besondere Rolle spielen, denn schreiben soll man schließlich über das, was man kennt. Und obwohl die Autorin zuhause lediglich katzenseitig weibliche Unterstützung hat, ist sie eben selbst eine Frau und glücklicherweise eine, die sich mit den Themen, die ihre Geschlechtsgenossinnen beschäftigen, auseinandersetzt.

Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne. (Foto: WP)

Jedem Anfang wohnt ein verdammter Zauber inne. (Foto: WP)

Der Text „Deine Mudda – Ein Pressedrama“, in dem sie sich bereits im Blog mit den Anforderungen an Frauen im Allgemeinen und Mütter im Speziellen beschäftigte, ist einer der stärksten auf den 252 Seiten ihres Buches. Doch auch die leisen Töne beherrscht Andrea Harmonika, zum Beispiel, wenn sie über die Tochter schreibt, deren Herz in der 14. Schwangerschaftswoche aufgehört hat zu schlagen – und sie ganz entschieden daran erinnert, dass Familienplanung Privatsache ist, kein Smalltalk-Thema. Oder wenn sie sich dem Gefühl der mütterlichen Überforderung widmet, über das Frauen endlich miteinander sprechen, statt sich in ihren Versagensängsten noch gegenseitig aufzuputschen.

Nach den leisen Tönen kommen natürlich wieder laute, im Zweifelsfall aus der geneigten Leserin, die auf dem Sofa begeistert prustet bei der Lektüre der „Pfadfinder-Leistungskategorieren“, angepasst ans Leben mit Kindern, beim neu aufgelegten „Krieg und Frieden“, diesmal zwischen Geschwisterkindern, oder dem Wiedereinstieg ins Partyleben unter dem herrlichen Titel „Nicht ganz bei Prost“. Insgesamt gibt’s für den verdammten Zauber eine verdammte Leseempfehlung mit Sternchen und wieder und weiter ganz viel Liebe für die wunderbare Andrea Harmonika.

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*Das muss natürlich Zeigefinger heißen, aber ich fand, der Verschreiber hat einen gewissen Charme, darum habe ich ihn erhalten.

Ich werde mein Leben lang üben…

Heute vor 13 Jahren hast du morgens zum letzten Mal die Augen aufgeschlagen. Wenn ich meine schließe, dann kann ich dich in dem lichtdurchfluteten Schlafzimmer mit der Schräge unterm Dach deines Häuschens sehen. Hier wolltest du, der so mutig war, mit 68 einen neuen Anfang zu wagen, noch einmal glücklich sein – doch das Leben hatte andere Pläne. Und statt ein paar Tage später mit dir zu feiern, dass nun endlich alles einen Platz gefunden hatte im neuen Zuhause, räumten wir Geschwister kurze Wochen nach dem Umzug deine Sachen in Kisten und teilten das, was dir am liebsten gewesen waren, als Erinnerungen unter uns auf.

Grab

In den ersten Jahren nach deinem Tod wuchs dieser Tag, an dessen Ende du neben einer Tanzfläche zusammengebrochen bist, wo die Ersthelfer dich nicht retten konnten, sich zu einer vollen Woche, manchmal dem ganzen Januar aus in seiner Bedeutung. Er schlich sich an, besprühte uns mit seinem eisigen Nebel und wickelte uns ein mit seiner Dunkelheit. Er stach Kummer wie kleine Eiszapfen in unsere Herzen, die verstummten im Angesicht deines Todes. Wir Geschwister waren füreinander da, fanden Trost in den Armen der anderen, die ohne dich nicht in der Welt wären. Doch spürten auch schmerzhaft das Fehlen der zweiten Hälfe: Von all dem Scheitern, das wir in den Beziehungen zu unseren Müttern erlebten, war keines größer in seiner Hilflosigkeit, als nicht gemeinsam um dich zu weinen.

Mit den Jahren lernen wir, diesen Tag kommen und gehen zu sehen, ohne daran immer aufs Neue zu brechen. Der laute Ton der Trauer im Verlust ist zu einer Melodie geworden, die im Hintergrund flüsternd spielt. Ein dunkler, ruhiger Ton im Klang der Tage, der nur noch selten anschwillt und alle Aufmerksamkeit fordert. Das vergangene Jahr war so voller Wunder und voller Abschiedskummer, dass mein Herz noch überquillt von seinen gewaltigen Momenten. Und vermutlich liegt es daran, dass sich die Tonfolge dieses speziellen Tages gerade heute mit solchem Fortissimo in mein Herz spielt. Ein letzter Morgen, ein letztes Frühstück. Ein letztes Lachen, ein letzter Tanz. Ein letzter Schritt, ein letzter Atemzug. Vor 13 Jahren. Eine Zahl und darin eine Ewigkeit an Momenten, die wir ohne dich erlebt haben.

Foto Paps

Deine kalte, starre Hand in der einsamen Stille der Leichenhalle. Dich zu sehen, deine Hülle, dich schon zu vermissen, dein Herz, das nicht mehr schlug unter dem Hemd, das dir fremde Hände übergestreift hatten für die letzte Reise. Die dich für immer von uns fort führte und uns doch nicht trennen kann von der Liebe, die dein Herz angetrieben hat, auch durch die langen Jahre deiner Krankheit. Der du ins Gesicht gelacht hast, als sei nichts dabei. Als sei das nicht die größtmögliche Ironie, dass dieses Organ so stark ist in seiner Liebe, aber von schwacher Konstitution. Doch eine solche Denke war dir fremd. Du hast dich nie bestimmen lassen von der Krankheit, bist ihr mutig entgegengetreten und hast uns aufgefordert, es dir gleichzutun.

Manchmal habe ich diese Kompromisslosigkeit gehasst, an der wir wachsen, die uns stark machen sollte. Ich wollte noch nicht stark sein, mich lieber hinter deinem Mut verstecken, dich die Kämpfe austragen lassen, die das Leben mir ausrichtete. Du hast mir den Rücken gestärkt und meine Hand gehalten, wenn der Moment neu und bedrohlich schien. Du hast die Hand kopfschüttelnd hinterm Rücken versteckt, mir Mut zugeflüstert und den einen Schubs gegeben, den es brauchte, damit ich Herausforderungen alleine meistere. So, wie du vor keiner Aufgabe zurückscheutest, hast du auch uns alles zugetraut. Und mal war das Fluch, aber viel öfter war es Segen, den ich noch heute spüre, wenn das Leben mich fordert.

Muemling

Beziehungen werden vom Leben geformt, nicht dem Tod. Du bist Konflikten und Streit nie aus dem Weg gegangen. Mir hat das auch Angst gemacht, in unserer Rohrspatzverwandtschaft, wenn wir miteinander in den Ring gestiegen sind. Was, wenn wir uns nach dem Kampf nie wiedersehen? Du hast das nicht gelten lassen, weil die Liebe sich doch nicht definiert über einen letzten geteilten Moment. Uns hat das Leben beschenkt mit einer liebevollen letzten Umarmung, gemurmelten Dankesworten und einem unverhofften Telefonat, nur Stunden vor deinem letzten Atemzug.

Und doch hat mein Herz diese Scheu vor Konflikten nie ganz abgelegt, den Moment der Furcht, ein gestrittenes Wort könnte den letzten Punkt setzen. Nach deinem Tod habe ich in Endlosschleife „Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst“ gehört und die Zeile ist mir geblieben mit ihrem einfachen, ernsten Wunsch, Liebe zu den Herzmenschen immer zu pflegen, wachsen zu lassen und sorgsam zu behüten.

Couchpotatoes

Ich bin gewachsen an deinen Erwartungen. Du hast mich stark gemacht mit deinem Mut. Und doch durfte ich immer schwach sein bei dir. Deine Liebe hat keine Forderung gestellt. Jede Träne hast du aufgefangen mit deinen großen, weichen Händen, von denen eine ganz besondere Wärme ausging. Jedes Glück hast du vermehrt mit deiner ganz besonderen Art, dich zu freuen, die ganz ruhig war, beinahe still, aber ein Feuer entfachte, das hell brannte.

Ich vermisse diese Hände. Ich vermisse dieses Feuer. Und ich vermisse dich. Deinen klugen Witz, deinen Rat. All die Momente, die uns nicht geblieben sind. Und weiß doch, ich kann dich niemals verlieren. Weil die Erinnerung an dich als neues Feuer in mir brennt. Und ein Echo deiner Liebe in jedem Schlag meines Herzens klingt. Ich bleibe immer deine Tochter.

Casablanca: Liebeserklärung beim Poker

Als meine jüngere Schwester und ich kleine Mädchen waren, gab es beim Sonntagsfrühstück ein Spiel, an dessen Entstehung sich niemand aus der Familie erinnern kann: Wer zuletzt an den Tisch kam, lief im Kreis von Stuhl zu Stuhl und gab den anderen einen Kuss. Wir Mädchen machten uns einen Sport daraus, dass dies unser Paps war. Unter fadenscheinigen Gründen lockten wir ihn zurück in die Küche, wenn er bereits saß, nur um dann an ihm vorbei ins Esszimmer zu stürmen, uns hinzusetzen und lautstark zu fordern, er müsse die Kussrunde abhalten.

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Natürlich war ihm klar, was wir da trieben, doch er ließ sich immer darauf ein und hatte vermutlich ebensoviel Spaß wie wir. Ich erinnere mich daran, wie er bei einer dieser Kussrunden scherzhaft nach meinem Kinn griff und mit verstellter Stimme sagte: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Was? Er wiederholte den Satz, meine Schwester und ich sahen uns über den Tisch hinweg achselzuckend an: Was meint er? Mein Paps fiel aus allen Wolken: „Was, ihr kennt Casablanca nicht? Dann müssen wir den unbedingt schauen!“

Ich mag damals zehn, elf Jahre alt gewesen sein, meine Schwester entsprechend sieben oder acht und meine Eltern entschieden, sie war noch zu klein, um den Klassiker anzusehen. Ich aber sollte ihn kennenlernen und wir schauten ihn am nächsten Wochenende. An den Film erinnere ich mich weniger als an das gemeinsame Erlebnis und daran, dass ich absolut hingerissen war, wenn Rick (Humphrey Bogart) seiner Ilsa (Ingrid Bergman) den berühmten Satz so lässig zumurmelte.

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Meine Mutter freute es jedes Mal, wenn Sam „As Time Goes By“ spielte – und mein Vater war dem Glanz seiner Augen nach zu urteilen verknallt in Ingrid Bergman. Dass die am Ende mit Victor Laszlo (Paul Henreid) in den Flieger stieg, statt bei Bogart zu bleiben, war mir allerdings absolut unverständlich – wer steigt in irgendeinen Flieger, wenn die Alternative lautetet, mit Mister Superlässig zu leben?

Es sollten viele Jahre vergehen, bis ich den Klassiker erneut sah. Dabei feststellte, das gezeigte Casablanca wurde hauptsächlich im Studio zusammengebastelt. „As Time Goes By“ ist auf Dauer nicht halb so romantisch wie nervtötend – und viele Dialoge wirken arg zusammengeschustert. Eigentlich lebt der Film tatsächlich nur von der berühmten Zeile: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“ Und das gilt nur für die deutsche Fassung, denn das berühmte Zitat verdankt „Casablanca“ seinen Übersetzern – und einem Zufall.

Im englischen Original spricht Rick nämlich nicht davon, Ilsa in die Augen zu sehen, sondern sagt lediglich: „Here’s looking at you, kid“, ein Satz, den Bogart häufig benutzte, als er Bergman in den Drehpausen Poker beibrachte – und der erst nach einem improvisierten Take im Film landete.

(Aus: 111 Gründe, an die große Liebe zu glauben)

Schreiben für Kinder | Always Team Toni

Gelegentlich schreibe ich für „Kruschel – Deine Zeitung“, die Kinderzeitung der Verlagsgruppe Rhein Main. Für einen Beitrag über Blutkrebs hatte ich kürzlich mit der DKMS zu tun. Im Nachgang meldete sich Julia Runge, die mir dort meine Fragen rund um Leukämie beantwortet hatte, um zu fragen, ob ich anlässlich des Weltkindertags am 20. September einen Gastbeitrag für den DKMS-Blog schreiben könnte. Darin sollte ich meine ganz persönliche Herangehensweise beim Schreiben für Kinder darlegen. Ich schätze die Arbeit der DKMS sehr und habe das deshalb gerne getan. Mein Text findet sich hier. Im Blog veröffentliche ich ihn für Tonis Familie auf Englisch.

Toni with her mom and dad and her brother Kam. (Foto: The Marino Family)

Toni with her mom and dad and her brother Kam. (Foto: The Marino Family)

There’s this saying: Be who you needed when you were younger. Like for many quotes, the internet identifies different sources so I can’t say exactly who it is from. But to be the person you needed when you were younger seems like a good thing to do when writing for kids, too. As I think it’s generally a good idea to remind us of the times we ourselves were children with oh so many questions. Back then, nothing was more annoying than a grown up telling us we were too little to understand.

I once attended a workshop on writing for children and the teacher back then explained to us, when doing so it’s really not WHAT but HOW that matters most. Which is to say, as a journalist you can offer children pretty much every topic. The important thing is how you deal with said topic. Which pretty much matches the childhood memory of always wanting to know everything.

Of course, this also means there’s quite a margin of judgement. But this, on the other hand, is true for the profession in general: The chief editor has to decide which topics to cover, the head of local news can only make so many appointments and every journalist decides each and every time anew how to deal with a certain subject. So, the margin of judgement is not only at work when writing for kids but rather part of the job itself.

Tonis Geschichte in der Kinderzeitung Kruschel. (Quelle: VRM/Kruschel)

Tonis Geschichte in der Kinderzeitung Kruschel. (Quelle: VRM/Kruschel)

When my nephew who is now eleven years old asks me about something I will probably answer his question somewhat different from how I did a couple of years ago. If he asks me again in four years my answer will yet again differ. Of course, not in its substance but in the way I talk to him and explain things. I might be more detailed every time and with growing age tell him things I once held back to protect him. In our day-to-day routine we handle these things very intuitively and I believe we should keep this intuition at heart when writing for kids as journalists.

How did grandpa find his way to heaven? Why does war exist? Why do people detonate bombs on their body? Why do children have to die? Kids have so many questions and some of them might scare us as adults. It’s a natural reflex to want to protect them from all of this. But protecting them from these topics means protecting them from the world we – they! – live in.

We can’t find explanations for everything but we can try, open doors, talk about things and with that take some of the fears away that children experience. And it’s okay to write that there’s not an answer to everything and that sometimes when sad or stressed its best just to hug your dad or cuddle up to your little sister. War, terror, illnesses, misery – all of this is real and exists all around us. It is important, not to keep this knowledge from children. But it is just as important to handle these topics in a way that assures them rather than scares them.

Yes, there’s a deadly war going on in Syria and that’s quite scary. Families run off and leave everything behind that’s dear to them. We can’t change anything about that. But we can tell children how it’s possible to help these refugees in our countries, how they can collect toys and games for them or be extra niece to the new girl in their class. Yes, it is unsettling how Mum cries all day. But she has an illness called depression. It’s like a broken bone in her soul. She’s sick and it’s never ever the child’s fault. She still loves her kids, she just can’t show it. Yes, cancer is scary, especially if it’s a kid who fights it. But one learns to live with it because there’s no other way. And as a family it’s even possible to grow with the situation, against all odds.

The one and only Toni Macaroni. (Foto: The Marino Family)

The one and only Toni Macaroni. (Foto: The Marino Family)

Whenever I write for children I imagine a child I’m explaining something to. A lot of times it’ll be my nephew. He once asked his mom why it is that not everybody donates their organs. That way death would still be very sad but at least everyone dying would help another person to live. This show’s that sometimes children have the best explanations after all. Because of that it’s very important for a journalist to be a good listener.

This is how I stuck with Toni’s story. I met her mom Lacy when spending a year in the US in my teens. Shortly before her 9th birthday Toni was diagnosed with leukemia. In the children’s newspaper “Kruschel – Deine Zeitung” her story reads like this:

A short while before her ninth birthday, the doctors diagnosed Toni Marino with leukemia. This happened in October 2013 and was a real shock for her family. Luckily, at first the chemotherapy destroyed the cancer-cells in Toni’s body. But unfortunately, she didn’t stay in remission very long. The cancer returned in the summer of 2014. It was then that her little brother Kam did something really heroic: He became a donor for his sister! Toni was brave and a bold fighter. She did miss her friends and the school, though. And the stupid cancer kept returning… Toni died on December 26th, 2016. Her family is very sad and misses her so much! But they’re also very thankful for what Kam did. He says: “I was scared to give my bone marrow, but it didn’t hurt that bad. I was glad that we had that option to help my sister, Toni. We were able to make a lot more memories because I donated my bone marrow.” They think about Toni very often and when Kam misses her most, he cuddles with Smokey, the dog Toni rescued from a shelter.

Of course, it’s unbelievably sad that Toni had to die. But there’s also so much hope in her story because her family pulled through and grew stronger while a lot of families in similar situations fall apart under the painful pressure. To show this hope in the story is the matter of HOW I was writing about earlier. If we succeed in doing this as journalists we don’t overburden children but rather help them along their way of finding out that the world’s made up of good and bad, joy and sorrow, laughter and tears.

Zwölfvierdrei: Brief an meinen Vater

Zwölf Jahre, vier Monate und drei Tage. So lange ist das nun schon her. Oder besser: zwei Tage. Denn mag dein Totenschein auch eine 30 zeigen, es ist doch die 29, vor der sich mein Herz jedes Jahr in Wehmut verneigt. Es war kurz vor Mitternacht, als du von der Tanzfläche ins Foyer der Halle gingst, die später über viele Jahre keins von uns Kindern betreten wollte; konnte.

Ich stelle mir vor, dass du gelacht hast. Vor Vergnügen über diesen letzten Tanz des Abends, in jenem ausklingenden Januar. Hast du es gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist, als du einen Schritt vor den nächsten setztest? Hast du den Boden gesehen, im Fallen, so wie wir später, im Angesicht der Nachricht deines Todes?

Ich hoffe, stelle mir vor und habe mit den Jahren begonnen zu glauben, das, was du zuletzt bewusst wahrgenommen hast, waren die Bewegungen jenes Tanzes. Im Arm eine junge Frau, die dich noch aufgefordert hatte, als du schon dabei warst, zu gehen. Bevor du tatsächlich gehen musstest. Und ich glaube, auch das hast du in den Tagen zuvor leise gespürt.

Du warst ein guter und vor allem sehr intuitiver Tänzer. Als ich dir bei der Hochzeit meiner kleinen Schwester ein ums andere Mal auf die Füße getreten bist, konntest du es kaum fassen. „Mädel, das ist doch bloß ein Walzer“, hast du da gelacht. Damals habe ich mich schrecklich unbeholfen gefühlt. Auf meiner eigenen Hochzeit hätte ich mir gern von dir auf die Füße treten lassen.

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Ich hatte immer Angst davor, was deine Abwesenheit an diesem Tag mit mir machen würde, auch noch nach all der Zeit. Weil es der eine Moment war, den ich mir nach deinem Abschied nie wieder vorstellen konnte. Bis er tatsächlich da war und mich vollkommen überwältigte mit seinem Glück. Und mein Vermissen? Hat mir diesen Tag geschenkt, sorgsam verpackt und liebevoll überreicht. Ich habe dich gespürt und auch die Freude, die du mit dem Ereignis und der Art und Weise, wie wir es gefeiert haben, empfunden hättest. Es wäre ein Tag ganz nach deinem Geschmack gewesen; dieses Wissen hat warm jeden Anflug von Kummer aus meinen Herzkammern gespült.

Trotzdem habe ich seitdem besonders oft an dich gedacht. Natürlich bist du immer da, und doch ist die Intensität dieses Gefühls im Fluss. Ich denke an dich in Momenten, in denen ich gerne mit dir reden würde über Dinge, die mein Herz beschäftigen. Manches davon erzähle ich heute anderen Menschen, andere Gedanken bleiben ungeteilt: Weil ich sie nur dir anvertraut hätte, nur deinen Rat angenommen, deinen Trost gewollt.

Du fehlst, wenn ich aufbrause und mich später dabei ertappe, übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Eine Disziplin, die ich eindeutig von dir habe – und nur bei dir könnte ich so schimpfen: ohne mich auch nur ein klitzekleines bisschen zurückzunehmen. Rohrspatzverwandter.

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Ich erinnere dich so voller Zärtlichkeit. In den ersten Jahren durfte kein böses Wort über dich gesprochen werden in meiner Gegenwart und ich konnte mich zu keinem Konflikt bekennen, den wir miteinander ausgetragen haben. Irgendwann machte die Heldenverehrung Platz für einen Rückblick ohne Weichzeichner, in dem Liebe und Streitigkeiten, Nähe und Abstoßung, Glück und Wut gleichermaßen ihren Platz haben. Unsere Beziehung war nie perfekt, weil du und ich nicht perfekt sind, und das ist völlig okay. Wenn wir uns stritten, flogen nicht nur die Fetzen, sondern Funken, ganz besonders, als ich ein wütendes Pubertier war, mit Gedanken, die zu bedeutend waren für meinen Kopf, und Gefühlen, die keinen Platz fanden in meinem aufgewühlten Herzen. Du hast nie zurückgezogen, mich nie geschont. Ich bin gewachsen an dir. Und immer wusste ich, dass wir nicht im Streit miteinander schlafen gehen würden. Das Ende jeden Tages brachte eine Versöhnung oder mindestens einen Waffenstillstand.

Der Streit geht, aber die Liebe bleibt. Diese Lektion bringt mein Herz manchmal noch heute nur stotternd hervor, weil sie bei uns zuhause zwischen den Erwachsenen nicht gelebt ward. Aber ich wusste immer, deine Liebe bleibt, und das brachte mich sicher durch eine unruhige Kindheit und Jugend. Als ich an diese Wahrheit, die wie ein Fluss ist, ruhig und klar, zum ersten Mal seit deinem Tod wieder von Herzen glauben konnte, vermochte es mein Herz, JA, für immer zu sagen zu dem Mann, mit dem ich sie gelernt habe und mit dem ich mein Leben teilen möchte. Seitdem fühlt sich alles so anders an… Sogar deine Abwesenheit.

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Früher war ich mir sicher, dürfte ich noch einmal eine Stunde mit dir verbringen, ich würde sie mit niemandem teilen mögen. Natürlich würde ich es wollen, dass du meinen Zauberneffen und meine Zaubernichte kennenlernst, aber in meiner Vorstellung bekämen wir vier Geschwister jeder eine Stunde zuerkannt – und sicher möchte ihre Mama dir die Kinder selbst vorstellen. Oder vielleicht wollte ich meine kostbaren Minuten mit dir auch einfach für mich alleine haben. Heute würde ich die Stunde mit dir und meinem Mann verbringen, weil mein Herz eine große Falte des Bedauerns daran wirft, dass ihr beide einander verpasst habt.

Es geht mir gut, Paps. Du hast meine Hand erst losgelassen, als meine Füße den Weg bereits finden konnten. Du hast mich, hast uns tatsächlich gerüstet für dieses wilde, heftige, schöne, traurige und wunderbare Leben. Wir würden es immer noch so gerne mit dir teilen. Aber wir finden uns alleine zurecht. Das ist dein größtes Geschenk.