Blick nach vorn: Es gibt nur ein‘ Christian Heidel

Halbzeit am 34. Spieltag – nach dem Zwischenstand in den Stadien dieser Republik erreiche ich meine persönlichen Saisonziele: Mainz 05 fährt nach Europa und der HSV kann dank der übergroßen Blödheit von Braunschweig und Nürnberg den Relegationsplatz halten. Vor mir liegen bis zum Relegationsauftakt am Donnerstag ein paar Tage, in denen in Sachen Fußball erstmals seit Wochen Entspannung herrscht, Feiermomente und Jubelberichte: juche. Zeit für ein Halbzeitbier. In der Schlange ein kurzer Blick aufs Handy, SMS von einem befreundeten Kollegen: „Heute angeblich letztes Spiel von Tuchel bei Mainz. Morgen PK. Sorry!“ Äh?

Auch dafür danken wir Tuchel zum Abschied: Europa, wir kommen! (Foto: WP)

Auch dafür danken wir Tuchel zum Abschied: Europa, wir kommen! (Foto: WP)

Nun, 24 Stunden nachdem sich die Arena in den Bretzenheimer Feldern für das letzte Spiel der Saison gefüllt hatte und der Anpfiff für den Kampf um Europa bevorstand, ist diese so überraschend angekündigte Pressekonferenz beendet und die Spekulationen, die gestern schnell um sich griffen, sind in Teilen bestätigt: Thomas Tuchels Zeit bei Mainz 05 ist beendet. Was bleibt, ist ein surreales Gefühl – und ein Satz, den Christian Heidel mehrfach gesagt hat, beschwörend, versichernd: Man werde von ihm kein böses Wort über Tuchel hören.

Man muss kein Prophet sein um voraussagen zu können, dass die nächsten Tage gerade auch medial für Mainz 05 von einer ungewohnten Unruhe geprägt sein werden. Klar ist auch, dass der Verein eine solche Situation sicher gerne vermieden hätte. Andererseits darf getrost davon ausgegangen werden, dass Christian Heidel wie schon so oft in der Lage sein wird, die äußere Unruhe auszublenden, um intern eine Lösung voranzutreiben. Diese Arbeitsweise von Heidel und Mainz 05 gehört zu den Pfeilern, auf denen der Erfolg des Vereins ruht.

Anderswo treibt diese Unruhe indes unschöne Blüten. Wenn ich mir die Kommentare in diversen Foren, auf Zeitungsauftritten, bei Facebook und so weiter heute anschaue, gibt es jede Menge Anlass, um zusammenzuzucken: Erschreckend, wie schnell einige Anhänger des Vereins bereit sind, Tuchel zur Hölle zu wünschen, wie sie ihn verurteilen und über ihn herziehen – und gleichzeitig das Ende des Mainzer Erfolges herbeischreiben, den aus ihrer Sicht offenbar allein der Trainer herbeigeführt hat, über den sie derart herfallen. (Nach dem Motto, man kann ja unsympathisch sein und trotzdem erfolgreich.)

Dazu möchte ich an eine andere wichtige Sache erinnern, die Christian Heidel aus meiner Sicht in der PK gesagt, nämlich, dass jetzt erstmal die Emotionalität aus dieser Situation raus müsse. Ein sicher schwieriger Punkt, immerhin geht es um Fußball, und der ist schließlich hochemotional. Gleichwohl aber ein immens wichtiger, den sich hoffentlich alle Mainz-Fans für die kommende Zeit zu Herzen nehmen werden, um einmal mehr zu beweisen, dass bei uns andere Gesetze gelten, als im Geschäft Bundesliga sonst üblich.

Es ist natürlich emotional unfassbar bedauerlich, dass Thomas Tuchel den Verein nun ein Jahr früher verlässt, als wir alle das erwartet haben (dass er sich wiederum nach Mai 2015 neue Aufgaben suchen würde, schien doch recht klar). Es ist auch keine schöne Erkenntnis, dass er offenbar einem sofortigen Wechsel zugeneigt war und diesbezüglich auch Gespräche geführt hat. Das ist es vor allem deshalb nicht, weil es zeigt, dass Tuchels Verhalten in diesem Punkt nicht hundertprozentig zu Mainz 05 passt, wo diese Dinge eben anders gehandhabt werden.

Zentral an der ganzen Situation ist aber eine andere Personalie, sind andere Punkte – nämlich Christian Heidel und die Tatsache, dass es ihm und dem Verein Mainz 05 gelungen ist, die Angelegenheit über einen derart langen Zeitraum nicht öffentlich werden zu lassen. Das ist so aus meiner Sicht für keinen anderen Verein vorstellbar und zeigt erneut, was Heidel zu leisten im Stande ist, welch unfassbares Glück Mainz 05 mit diesem Manager widerfahren ist und ja, wie besonders unser Verein sich zu recht fühlen darf: Es ist hier weit mehr als eine Floskel, zu sagen, „wir machen das eben anders“ – es beschreibt vielmehr die Realität.

Dass Thomas Tuchel diesen Weg nicht weiter mitgehen wollte, tut natürlich weh, auch die Art und Weise hätte man sich, siehe oben, ganz sicher anders gewünscht. Aber es kann eben nicht jeder Trainer den Verein mit der emotionalsten Abschiedsrede aller Zeiten verlassen… Und es ist nunmal so, dass Menschen sich in ihren Vorstellungen manchmal auseinander entwickeln – so geht es nun offenbar auch Thomas Tuchel, der nicht mehr zu glauben scheint, in Mainz noch etwas bewegen zu können. Wir Fans mögen und dürfen das anders sehen, so wie es ja auch Christian Heidel ganz offensichtlich anders bewertet und sich deshalb Tuchels Verbleib gewünscht hätte. Wichtig(er) ist aber: Dies ist nicht das Ende der Welt. Mainz 05 ist nicht per Definition ein „Trainerverein“, sondern wenn man so will ganz klar ein „Managerverein“.

Die Wege, die Heidel & Co. in den letzten Jahren a. grundsätzlich und b. gerade bei der Besetzung des Trainerpostens gegangen sind waren immer ungewöhnlich, sind oft genug belächelt worden – und haben die Zweifler am Ende doch zum Schweigen gebracht. Und darauf können wir uns auch diesmal verlassen: Das ist das Positive an dieser seltsamen und unerwarteten Situation. Das heißt nicht, dass nicht auch mal eine Personalie schief gehen kann, aber die Erfahrung mit den letzten drei Trainern (denn auch Jörn Andersen war für den Moment, in dem er zu Mainz 05 kam, eine gute Wahl und hat dem Verein eine erfolgreiche Saison beschert) spricht doch eine eindeutige Sprache.

Wichtig fände ich es, Christian Heidel den immensen Respekt, den er verdient hat für seine Ruhe und Besonnenheit selbst in dieser komplizierten Situation, auch dadurch zu zollen, dass wir es ihm gleich tun – und jetzt nicht über unseren ab heute ehemaligen Trainer herfallen. Lässt man wie von Heidel gefordert die Emotionalität außen vor, gilt es viel mehr, Thomas Tuchel zum Abschied DANKE zu sagen für fünf großartige, erfolgreiche Jahre. Dafür, dass er in dieser Zeit die Visionen von Mainz 05 geteilt und den Verein mitgeformt hat. Wie gesagt, die Art und Weise tut für den Moment sicher weh. Andererseits gehört vielleicht auch Mut zu einem solchen Schritt, dazu, sich dem zu erwartenden Gewitter zu stellen, das zwangsläufig folgen wird. Es bedeutet, dass Tuchel sich sehr sicher sein muss mit seiner Entscheidung – und diese Sicherheit vorausgesetzt, Mainz 05 nicht weiter trainieren zu wollen, wäre mit seinem Verbleib niemandem gedient gewesen. Auch deshalb sollten wir unsere Enttäuschung nicht damit verarbeiten, jemanden zu beschimpfen, der für einige Zeit Teil unserer so besonderen Fußballfamilie war, sich nun aber entschlossen hat, andere Wege zu gehen.

Unterm Strich darf (und sollte) es uns als Mainzern ab heute auch zweitrangig sein, wohin Tuchels Weg ihn führen wird. Seine Ära bei Mainz 05 ist beendet, unsere eigene Zeit mit dem Verein aber geht weiter: ein Leben lang. Wir stehen gemeinsam vor neuen, spannenden Jahren mit großen Abenteuern, emotionalen Momenten und ja, hin und wieder sicher auch Enttäuschungen. Das ist es, worauf wir uns freuen und konzentrieren sollten. Thomas Tuchel ist ab heute ein Teil der Vergangenheit von Mainz 05. Wir Fans aber bleiben Teil der Zukunft unseres Vereins. Und die hat, mal wieder, gerade erst begonnen.

1 thoughts on “Blick nach vorn: Es gibt nur ein‘ Christian Heidel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..