05-Gegnerbetrachtung: Alte Dame in neuem Glanz

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal erzählt Henry Cieslarczyk vom Podcast „Damenwahl Berlin“ von der Saison der Hertha.

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Hallo Henry, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Ich habe gelesen, du bist zur Hertha gekommen, weil du im Herbst 1996 mit Kumpels Fußball schauen wollest und ein Spiel im Olympiastadion das Beste war, was der Abend hergab. Erzähl uns von diesem ersten Stadionbesuch und warum du wiedergekommen bist.

HenryHm, was habe ich da denn erzählt? Naja, ganz falsch ist es ja nicht. Vereinsfußball fand für mich in Berlin Anfang bis Mitte der Neunziger praktisch nicht statt. Der BFC, zu dem ich manchmal in den 80ern noch gegangen bin, war für mich nicht mehr erträglich, zu Union hatte ich noch nie eine Beziehung, und der Rest der Berliner Vereine war irgendwie nicht wahrnehmbar.
Aber anders als deine Frage andeutet, bin ich schon gezielt ins Stadion gegangen. Ich weiß allerdings nicht mehr, wer der Gegner war. Was ich allerdings noch weiß ist, dass Hertha gewonnen hat und dass vielleicht 10.000 Zuschauer im Stadion waren. Vielleicht nur zur Erinnerung die Namen von zwei, drei Spielern, die auch überregional noch einen kleinen Bekanntheitsgrad haben könnten: der Stürmer Axel Kruse, der Keeper Christian Fiedler und der zum Verteidiger umgeschulte Jolly Sverrisson. Sowie ein gewisser Michael Preetz.
Offensichtlich war es kein sonderlich erinnerungswürdiger Kick. Aber immerhin hat er dafür gesorgt, dass ich wiederkommen wollte. Und das tat ich dann auch, regelmäßig. Und ich konnte zusehen, wie sich die Besucherzahl Schritt für Schritt immer weiter erhöhte. Das Ganze gipfelte dann in der für alle Herthaner inzwischen legendären Partie gegen den 1. FC Kaiserslautern, einem Montagsspiel, bei dem auch lange nach Anpfiff dem Ansturm der Massen folgend Block um Block geöffnet wurde, bis das Stadion restlos gefüllt war. 74.000 sahen einen 2:0 Heimsieg, der die Tür zum Aufstieg weit aufstieß. War eine geile Saison.

Herthaner würden die alte Dame wählen. (Foto: HS)

Herthaner würden die alte Dame wählen. (Foto: HS)

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Zusammen mit Steffen und Micha betreibst du den Podcast „Damenwahl Berlin“. Als Grund hast du mal in einem Interview angegeben, du warst es leid, die herablassenden Berichte über den Hauptstadtclub in überregionalen Medien zu lesen. Wie berichtet ihr über den Club? Und woher kennt ihr Drei euch ursprünglich?

Wir berichten so, wie sich Fußballfans auch am Stammtisch unterhalten: mal analytisch, mal emotional, mal ganz sachlich, dann wieder extrem subjektiv, mal ruhig, mal aufgeregt. Hoffentlich jedoch nie langweilig. Aber eigentlich ist es wohl öfter als notwendig so eine Art Schmerztherapie. Gegenseitiges Wundenlecken und Rückenkraulen.
Kennengelernt haben Steffen und ich uns auf dem Twitterstammtisch Berlin, dem #tpber. Zuerst waren Steffen und ich alleine, etwas später ist Michael dazu gestoßen. Auch er war vorher ein ständiger Gast auf dem Twitterstammtisch. Dazu laden wir uns regelmäßig Gäste ein: andere Herthaner, Fans anderer Vereine, aber auch Journalisten und Vereinsvertreter.

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In der Fußnote eurer Homepage steht das wunderbare Zitat: „Irgendwann wird mich dieser Verein noch ins Grab treiben“ – anonymer Fußballfan. Wunderbar, weil es auf jeden Club übertragbar ist. Und dann finde ich „treiben“ auch so viel deutlicher als „bringen“. Warum geht es trotzdem nicht ohne die alte Dame und den Fußball?

Wat willste machen? Nützt ja nüscht. Muss ja. Ohne Hertha isses ja ooch scheiße.

Dárdai als Spieler der Hertha. (Foto: Steindy / CC BY-SA 3.0)

Dárdai als Spieler der Hertha. (Foto: Steindy / CC BY-SA 3.0)

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In den 2010er Jahren ging es im Hauptstadtclub noch eher turbulent zu: Auf- und Abstiege, das wohl bekannteste Relegationsspiel der Neuzeit und öffentlicher Zoff zwischen Manager Michael Preetz und diversen Trainern. Seit Pál Dárdai als Trainer übernommen hat, scheint Ruhe eingekehrt zu sein. Was macht der Trainer richtig? Und was hat sich im Hintergrund verbessert, wie haben die Verantwortlichen sich gefangen?

Eigentlich gab es nur mit einem Trainer richtig Zoff. Das war Markus Babbel. Diese Koryphäe der Trainerzunft kann seine überragenden Qualitäten nun in der australischen Liga unter Beweis stellen. Über die Umstände des Machtwechsels von Manager Dieter Hoeneß zu Preetz im Sommer 2009 und die dramatische finanzielle Schieflage, die der Manager hinterlassen hat, ließen sich Bände füllen. Holprig waren der Übergang und die ersten Jahre auf jeden Fall. Der alte Manager hat kein geordnetes Haus übergeben und dem neuen Manager, der damals auch zielsicher in einige Fettnäpfchen trat, fehlten zu Beginn Erfahrung und Mittel, das Desaster abzuwenden. Es dauerte zwei Abstiege und zwei Aufstiege, bis sich das System wieder gefangen hatte.
Pál Dárdai kam dann zum genau richtigen Zeitpunkt. Dárdai, im Januar 1997 mit gerade mal 20 Jahren nach Berlin gewechselt, steht wie kaum ein anderer derzeit für Hertha BSC. Nach seiner aktiven Karriere begann er seine Trainerlaufbahn. Er befolgte den Rat seines Vaters, der auch Trainer war: „Beginne mit den Kindern.“ Also startete er seine Trainerlaufbahn in der Jugendabteilung von Hertha BSC. Zum Zeitpunkt seines Wechsels zum Cheftrainer stand er gerade dem Jahrgang vor, der derzeit die Augen vieler Herthaner leuchten lässt: den 99ers. Und die zieht er jetzt Schritt für Schritt hoch in den Männerbereich. Im Hintergrund hat Preetz nach der One-Man-Show Hoeneß die Strukturen verändert, ein neues Betriebsklima geschaffen, andere Verantwortlichkeiten gesetzt. Das war ein andauernder Prozess, der eigentlich auch nie ein Ende findet.

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Bei der Mitgliederversammlung im November konnte Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller sowohl den ersten Gewinn nach Steuern seit 2014 verkünden, als auch, dass der eingetragene Verein Hertha BSC den Finanzinvestor KKR ausbezahlt hat und nun wieder 100 Prozent der Anteile der Hertha BSC & Co. KGaA hält. Was bedeutet die Loslösung vom Investor für den Verein und wie ist die finanzielle Stabilisierung gelungen?

Der Investor KKR war für Hertha ein Glücksgriff. Vom ersten Tag bis zum endgültigen Ausscheiden war von KKR nicht ein einziges Wort in der Öffentlichkeit über das Engagement bei Hertha zu hören. KKR hat geholfen, als die Hilfe nötig war, und sie sind mit dem verzinsten Einsatz ihres Investments wieder aus der Teilhaberschaft entlassen worden. Was will man mehr? Diese Jahre konnte Finanzchef Schiller nutzen, die finanzielle Sanierung des Vereins fortzusetzen. Einfach ist das nicht, und es werden derzeit auch wieder Schulden gemacht. Wollen wir mal hoffen, dass nicht wieder der alte Schlendrian einreißt.
Derzeit gehören wieder alle Anteile der KGaA dem Verein Hertha BSC. Die Geschäftsführung ist aber auf der Suche nach einem neuen Investor, der dann für das neue Paket einen wesentlich höheren Preis zahlen müssen wird, als es KKR damals getan hat.

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Beim Auswärtsspiel in Dortmund im Dezember wurden im Fanblock Bengalos abgebrannt. Die Polizei ist in den Block gegangen, was sehr ungewöhnlich ist, es kam zweifellos zu unschönen Szenen, die aber ebenso zweifellos im Nachhinein extrem hochgespielt wurden. Der Verein hat sich, so das Gefühl vieler Fans, damals gegen die Szene gestellt und im nächsten Heimspiel Fahnen und Banner verboten. Wurde die Geschichte aufgearbeitet und wie ist die Stimmung zwischen Verein und Fans aktuell?

Nach jenem Wochenende droschen sich beide Seiten, Vereinsführung und Fans, erstmal ihre gegenseitige Abneigung um die Ohren. Es waren keine schönen Tage. Aber nicht lange später taten sie das einzig Vernünftige: Sie trafen sich an einem ruhigen Ort und redeten miteinander. Seitdem hat sich die Stimmung wesentlich gebessert. Es hat auf beiden Seiten ein Einsehen gegeben, dass es keine Lösung sein kann, gegeneinander zu agieren. Zum Wohle des Vereins haben sie sich zusammengerauft.

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Die Hertha ist richtig gut in die Saison gestartet: In den ersten fünf Spielen gab es drei Siege, ein Unentschieden und erst am fünften Spieltag eine Niederlage gegen Bremen. Dann gelang ein Sieg gegen die Bayern, auf den mit einer Serie von Unentschieden und Niederlagen eine Delle folgte. Erst am 13. Spieltag gab’s wieder einen Dreier. Was lief in der Phase schief?

Zu Beginn der Saison konnte Hertha über das Zentrum ein sehr druckvolles Spiel aufbauen. Das wiederum entlastete die beiden Außen, die anders als in den Jahren zuvor nicht die Hauptlast der Offensive zu tragen hatten. Somit boten sich tolle Optionen im Angriffsspiel über die beiden Flügel.
Später konnte diese Spielweise nicht aufrechterhalten werden. Mangels Dominanz im Zentrum genügte es der gegnerischen Verteidigung meist, die Außen zuzustellen und damit das Angriffsspiel von Hertha wirksam zu behindern. Nicht zufällig fiel die Verletzung von Marko Grujic genau in diese Phase.

Blauweiße Berliner erwarten rotweiße Mainzer. (Foto: HS)

Blauweiße Berliner erwarten rotweiße Mainzer. (Foto: HS)

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In der Rückrunde gab’s eine Niederlagen gegen Wolfsburg, Siege in Nürnberg und Gladbach, das Unentschieden gegen Bremen und nach dem Aus gegen die Bayern im Pokal nun auch in der Liga eine Niederlage, die aber vermeidbar schien. Wie bewertest du die bisherige Saison insgesamt? Sehen wir da ein Team in der Entwicklung oder eines, das bisweilen unter seinen Möglichkeiten bleibt?

Wir sehen ein Team in der Entwicklung, aber mit manchmal stotterndem Motor. Es hängt noch zu viel davon ab, ob alle Leistungsträger an Bord sind. Hertha ist – wie die meisten Mannschaften der Liga – nicht oder nur eingeschränkt in der Lage, Verletzungsausfälle kompensieren zu können.
Leider hängt aber auch viel davon ab, ob auf der anderen Seite des Platzes die Spitzenteams stehen oder die Schlusslichter. Gegen die Ligaführenden tut sich Hertha in dieser Saison wesentlich leichter. Muss eine Kopfsache sein.

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Aktuell steht Hertha BSC mit 32 Punkten auf Tabellenplatz zehn und damit zwei Zähler und eine Position vor Mainz 05. Wie zufrieden ist das Umfeld mit dem oft als Niemandsland der Tabelle ausgerufenen hinteren Mittelfeld und wo will Dárdai mit dieser Mannschaft hin?

Das Ziel war ein einstelliger Tabellenplatz. Nicht ausgesprochen, aber sicher angestrebt, möchte die Mannschaft sicherlich auch gerne einen Europapokalrang erreichen. Machbar ist das sicherlich. Das Umfeld scheint mir angesichts der deutlichen spielerischen Entwicklung dieses Jahr die Situation weitaus wohlwollender zu begleiten als in früheren Spielzeiten. Die spielerischen Ausschläge sind größer. Und es sind eben regelmäßig echte Highlights zu erleben. Das wird honoriert.

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Im Spiel gegen Mainz 05 am Samstag muss Dárdai auf Karim Rekik verzichten. Der hatte im Spiel gegen die Bayern Robert Lewandowski geschubst, nachdem der ihn zuvor mit dem Fuß am Kopf getroffen hatte. Lewandowski hat darauf mit der leider üblichen Theatralik reagiert. Wie sehr nervt einerseits dieser Reflex, sich sofort das Gesicht zu halten, als würden sonst alle Zähne auf den Rasen fallen? Und wie schwer wiegt die Sperre des Verteidigers?

Wir drei vom Podcast haben Lewandowski via Twitter gute und schnelle Genesung ob seiner schweren Gesichtsverletzung gewünscht. Hoffentlich werden sich keine dauerhaften Schäden einstellen. Come back stronger, Robi! Für ein Spiel werden wird Rekiks Ausfall hoffentlich kompensieren können. Aber der Mann ist eine Wucht. Leider wird wohl auch Jordan Torunarigha fehlen. Nicht schön, aber auch nicht zu ändern.

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Auch wenn es für die Hertha zuletzt eine Niederlage setzte, am Samstag stehen sich in Berlin zwei Mannschaften gegenüber, die aktuell gut drauf sind. Mainz kommt mit dem Rückenwind vom Sieg gegen Schalke und neun Punkten aus fünf Rückrundenspielen, die Berliner haben es gegen München gut gemacht, haben daheim aber seit dem 8. Dezember nicht mehr gewonnen. Was für ein Spiel erwartest du und wer wird als Sieger vom Platz gehen?

Ich erwarte nicht gerade einen fußballerischen Leckerbissen, sondern eher einen zähen Brocken. Die beiden Mannschaften haben in ihren Spielen gegeneinander Fußball immer mehr gearbeitet als zelebriert. Am Ende gewinnt natürlich Hertha. Es wird einfach mal wieder Zeit.

KOMPAKT
Die Hertha ist der beste Club der Welt, weil … Wer auf so eine Frage eine schlüssige Antwort weiß sammelt auch Briefmarken.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe… sind die Erinnerungen, die ich damit verbinde.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Marcelinho. Über den Tellerrand gesehen wohl Zinedine Zidane.
Wer Berlin besucht, sollte unbedingt … den Marco-Polo-Reiseführer mit den „Geheimtipps“ verbrennen und einfach drauflosstiefeln.
Besonders lecker essen Gästefans … bei meiner Mutter. Aber ich sage nicht, wo sie wohnt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle als Clowns nach Berlin! (Quelle: Q-Block)

Alle als Clowns nach Berlin! (Quelle: Q-Block)

LETZTE WORTE
Für den FSV Mainz 05 hat es quasi schon Tradition: An Fastnacht spielen die 05er in aller Regel auswärts. Das hält natürlich niemanden davon ab, sich zu verkleiden. Erlaubt ist, was gefällt, der Q-Block ruft aber launig alle dazu auf, als Clowns nach Berlin zu kommen.
So oder so, wir sehen uns im Block!

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