05-Gegnerbetrachtung: Die Krise in Leverkusen verlängern

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal beantwortet Bastian Hahne meine Fragen rund um Bayer 04 Leverkusen.

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Bastian HahneHallo Bastian, danke, dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Verrate den Lesern doch bitte erstmal etwas über dich: Was hast du für eine Verbindung zu Bayer Leverkusen? Und wie lange existiert die schon?

Ich bin seit Mitte der 90er Leverkusen-Fan. Das ist damals aus räumlicher Nähe (Bergisch Gladbach) und über Freunde so gekommen. Mein erstes Spiel im Stadion war das 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern am letzten Spieltag der Saison 1995/96. Und das hatte es bekanntlich in sich. Nach dem 1:0 von Pavel Kuka war der Bayer abgestiegen, doch Markus Münch rettete uns mit seinem Ausgleichstreffer in der 82. Minute. Grenzenloser Jubel, Platzsturm nach dem Spiel – das hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf einen Teenager. Seitdem haben der Verein und ich einiges erlebt. Einen weiteren Fast-Abstieg, haufenweise Vize-Titel, zwei verlorene DFB-Pokalendspiele und ein verlorenes Champions-League-Finale. So bitter das auch klingen mag, waren es doch unvergessliche und schöne Zeiten.

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Stichwort Werksclub: Leverkusen ist ein Verein, der außerhalb der eigenen Fankreise nicht gerade als spannend gilt. Interessiert dich dieses Image? Gibt’s in deinen Augen überhaupt Vereine in der Bundesliga, die grundsätzlich elektrisieren? Und gab es die je?

Das kommt ganz drauf an, in welchen Kreisen man verkehrt. Klar sind wir vielen Fans der sogenannten Traditionsvereine ein Dorn im Auge durch den Bayer-Konzern im Rücken, der natürlich einen gewissen Vorteil darstellt. Auch wenn es längst nicht vergleichbar mit RB Leipzig oder 1899 Hoffenheim ist. Ein Traditionsverein sind wir dagegen auch, immerhin ist kein aktueller Bundesligist außer Bayern und Dortmund länger am Stück in der 1. Bundesliga als Leverkusen. Und das sind jetzt immerhin schon 40 Jahre. Zudem bekommt man von den reinen Fußball-Liebhabern immer wieder Anerkennung für den guten Fußball, der in Leverkusen gespielt wird. Diesen Ruf hat man sich damals unter Christoph Daum erarbeitet und den haben wir bis heute, auch wenn Spielzeiten mit ganz fiesem Fußball dazwischenliegen.

Dimitar Berbatow im Mai 2016. (Foto: Biser Todorov – Eigenes Werk, CC-BY 4.0)

Dimitar Berbatow im Mai 2016. (Foto: Biser Todorov – Eigenes Werk, CC-BY 4.0)

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Die Faszination für den eigenen Verein zu beschreiben, ist keine einfache Sache. Irgendwas mit Liebe – und die lässt sich schwer erklären. Ich bin trotzdem neugierig: Wie hast du dich in Bayer verliebt, was fasziniert dich am Verein? Und was macht eure Fankultur aus?

Das kam durch zuvor beschriebenes prägendes Spiel gegen Kaiserslautern. Außerdem begeistert und identifiziert man sich als Jugendlicher ja mit Spielern, die man toll findet. Das fing mit Ulf Kirsten an, ging über Erik Meijer, Carsten Ramelow und Dimitar Berbatov bis Stefan Kießling, der wohl die größte Vereinsidentifikation aller Spieler gelebt hat, die ich begleiten durfte. Unsere Fankultur unterscheidet sich wahrscheinlich nicht groß von der anderer Vereine. In der Struktur sind doch alle sehr ähnlich, nur in der Größe nicht. „Klein, aber Oho“, würde ich sie nennen. Es hat auch durchaus Vorteile, keine riesige Fangemeinde zu haben. Man ist bei Auswärtsspielen, vor allem international, unter sich. Man kennt die Leute und man muss sich nicht auf dem Schwarzmarkt um Tickets bemühen. Das soll nicht heißen, dass Bayer-Fans nicht in der Lage sind, größere Massen zu mobilisieren. Beim DFB-Pokalfinale 2009 gegen Werder Bremen hat uns das Kartenkontingent im Berliner Olympiastadion nicht ausgereicht.

Als Fan geht man eher noch kritischer mit dem eigenen Verein um als aus neutraler Sicht. Und das ist auch gut so. Bastian Hahne

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Du arbeitest beim WDR und schreibst als Leverkusen-Experte bei Spiegel Online. Wie gehst du als Journalist mit „deinem“ Verein um? Und ist das in deinem Jobumfeld je Thema?

Eigentlich nur bei Frotzeleien unter Kollegen, wenn es gegen den Klub des anderen geht oder der eigene Verein gerade ziemlich schlecht (wie jetzt gerade) spielt. Es hat Vorteile, wenn man sich mit einem Thema auskennt, wenn man darüber schreiben muss. Als Fan geht man eher noch kritischer mit dem eigenen Verein um als aus neutraler Sicht. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Und das ist auch gut so.

Mainzer Fans bei der Auswärtspartie in Leverkusen. (Fotp: Rheinhessen on Tour)

Mainzer Fans bei der Auswärtspartie in Leverkusen. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Am 4. Spieltag empfängt Bayer Leverkusen als Tabellenletzter mit 0 Punkten Mainz 05. Der FSV reist mit 7 Punkten an. Eine Konstellation, die so vor der Saison sicher nicht zu erwarten war. Oder? Wie war dein Gefühl bezüglich der neuen Saison in der Sommerpause?

Kurz nach Saisonende war schon eine gute Portion Vorfreude auf die kommende Saison da. Die Mannschaft hat im letzten Saisonspiel gegen Hannover (3:2) alles gegeben, um es sogar noch in die Champions League zu schaffen. Das hat nicht geklappt, aber der Einzug in die Europa League war nach der verkorksten Vorsaison immerhin das Minimalziel. Es blieb allerdings der Beigeschmack, dass deutlich mehr drin war und man im Laufe der Saison sehr viele Punkte unnötigerweise liegen gelassen hat. Die Vorbereitung hat dann leider nicht gerade Mut gemacht. Wenig überzeugenden Testspielen folgten ein schwacher Pokalauftritt und dann der katastrophale Saisonstart. Das hatte sich angekündigt.

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Auf Twitter hast du während des Spiels gegen München am letzten Samstag geschrieben: „Wenn morgen (16. September) nicht die Notbremse gezogen wird, verstehe ich die Welt nicht mehr.“ Und in der Vorschau aufs Spiel hast du die schwache Rückrunde der Vorsaison angesprochen. Ist eine Trainerentlassung wirklich die beste Lösung?

Im Moment sehe ich keine Alternative. Natürlich würde ich mich gerne irren und Heiko Herrlich das Ruder herumreißen sehen, aber ich sehe das nicht kommen. Die letzten Ligaspiele waren ein Offenbarungseid. So schwach habe ich den Bayer schon sehr lange nicht mehr spielen sehen, was im krassen Gegensatz zu den mutigen Vorsätzen von Spielern, Funktionären und Trainer steht. Jetzt steckt die Truppe in einer Negativspirale, die zur Kopfsache wird. Und da hilft meistens nur ein Neuanfang, in diesem Fall durch einen Trainerwechsel.

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Nach dem Spiel wurde das Foul von Karim Bellarabi heftig diskutiert. Glaubst du, eine solche Aktion ist auch ein Zeichen dafür, dass etwas in der Mannschaft nicht stimmt? Oder ist diese Interpretation Unsinn?

Bellarabi geht gerne mal etwas übermotiviert zur Sache und hat ein durchaus verbesserungswürdiges Zweikampfverhalten. In diesem Fall ist ihm eine Sicherung durchgebrannt und die Strafe (vier Spiele Sperre und Geldstrafe) ist angemessen. Völlig daneben waren allerdings die Äußerungen von Uli Hoeneß („geisteskrank“, „wollte ihn vorsätzlich verletzen“, „gehört drei Monate gesperrt“) zu dem Thema. Aber das ist ein Thema für sich.

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Aus der Ferne wirkte die Verbindung zwischen Leverkusen und Heiko Herrlich ehrlich gesagt sehr gut. Letzte Saison spielte das Team den viertbesten Offensivfußball der Liga, Platz 4 und damit die Champions League Quali wurde nur ganz knapp verpasst. Was läuft diese Saison so viel schlechter? Oder brodelte es in der letzten schon und das wurde nur nicht sichtbar?

„Brodeln“ ist wahrscheinlich nicht der passende Begriff, aber es war schon letzte Saison nicht alles Gold, was glänzt. Wie das Verhältnis zwischen Trainern und Spielern sich entwickelt hat, ist von außen schwer zu sagen. Sicher ist aber, dass die Mannschaft derzeit nichts von dem umsetzt, was der Trainer ankündigt. Und das ist alarmierend. Das 3:2 in der Europa League gegen Ludogorets Rasgrad war aber immerhin ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

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Bayers Sportdirektor Rudi Völler hat, so mein Gefühl, bei einer Hälfte der Fußballfans für immer ein Stein im Brett, die andere kann ihn nicht ausstehen. Wie siehst du ihn und wie beurteilst du seine Arbeit im Verein? Ist er Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Definitiv ein Teil des Problems. Das zeigt alleine schon Völlers Trainer-Quote. Zehn Trainer in den letzten zehn Jahren. Abgesehen von Jupp Heynckes hat keiner davon nach seiner Zeit in Leverkusen noch Bäume ausgerissen. Da ist Bruno Labbadia noch der Erfolgreichste. Zudem verpasst Völler gerne den richtigen Zeitpunkt für einen Trainerwechsel. Zuletzt hielt er viel zu lang an Roger Schmidt fest und fand mit Tayfun Korkut alles andere als einen passenden Ersatz. Heiko Herrlich war jetzt dritte Wahl, nachdem laut Völler zwei andere Kandidaten abgesagt hatten. Und möglicherweise zögert er auch jetzt wieder zu lange.

An diesem Wochenende geht es für die 05er nach Leverkusen. (Foto: Meenzer on Tour)

An diesem Wochenende geht es für die 05er nach Leverkusen. (Foto: Meenzer on Tour)

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Am Sonntag wird („Stand jetzt“) weiterhin Heiko Herrlich auf der Bank sitzen. Auf was für ein System muss sich Mainz 05 einstellen? Wie wird er versuchen, den Knoten auf dem Platz zu lösen? Und erwartest du, dass es ihm am Wochenende bereits gelingt?

Nachdem Herrlich in München überraschenderweise mit einer Fünferkette und nur drei Offensivspielern sprichwörtlich den Bus vor das eigene Tor gefahren hat, wage ich keine Prognosen mehr zur Aufstellung. Er wird um seinen Job kämpfen, aber ob das gelingt, ist mehr als ungewiss. Der Sieg im Europapokal hat ihm erstmal etwas Luft verschafft

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Wie ist dein Tipp fürs Spiel? Und wie der für die weitere Saison: Ist Herrlich an Weihnachten noch Trainer? Wenn du dir einen möglichen Nachfolger wünschen würdest, wer wäre das?

Mit einem Tipp tue ich mich sehr schwer. Es ist alles möglich, ein Mainzer Sieg erscheint derzeit noch am wahrscheinlichsten. Aktuell ist es schwer vorstellbar, dass Herrlich bis Weihnachten Trainer bleibt. Über Ersatzkandidaten möchte ich aber nicht spekulieren, solange er noch im Amt ist.

KOMPAKT
Bayer Leverkusen ist der beste Club der Welt, weil … er mein Club ist. Ganz einfach.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es mein zweites Zuhause ist.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Dimitar Berbatov. Der wohl talentierteste Spieler, der je das Bayer-Trikot getragen hat.
Wer Leverkusen besucht, sollte unbedingt … drei Punkte da lassen.
Besonders lecker essen Gästefans in … einem der zahlreichen Imbisse entlang der Bismarckstraße. Wir Heimfans haben mit der Schwadbud und dem Stadioneck noch andere Möglichkeiten, die für Gäste aber eher ungeeignet sind.

LETZTE WORTE
Mit breiter Brust treten die Mainzer den Weg nach Leverkusen an. Kein Wunder, nach sieben Punkten aus drei Spielen und dem Weiterkommen im Pokal. „Es soll keinen Spaß machen, gegen uns zu spielen“, sagt Trainer Sandro Schwarz. Umso mehr Vergnügen wünschen sich die eigenen Fans bei der Partie.

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