220 km/h

Als ich ein kleines Mädchen war, erschien mir alles so groß. Mein Bett war groß, so groß, dass ich es mit ungezählten Plüschtieren anfüllen musste, um mich darin nicht einsam zu fühlen. Für andere mochte es aussehen, als sei zwischen all den Tatzen und Schnauzen und Fellbäuchen kein Platz für mich, doch ich passte direkt in ihre weiche Mitte. Meine Eltern waren groß. So groß, dass ich beim Reden zu ihnen hinaufschauen musste. Weil mir das nicht gefiel, redete ich mit ihnen am Liebsten dann, wenn wir zu Tisch saßen, denn im Sitzen war der Größenunterschied nicht so auffällig: da in unserer Familie lange Beine zur Standardausrüstung gehören, sind wir Sitzzwerge. Unser Haus war groß, so groß, dass ich meinen Eltern von morgens bis abends die Ohren volljammerte, es sei eine Verschwendung, hier nicht mit mehr Menschen zu leben. Dahinter versteckte sich allerdings keineswegs ein nobler Plan, sondern mein Wunsch nach mehr Geschwistern – oder wenigstens einem Haustier.

Mein Bett war groß, so groß, dass ich es mit ungezählten Plüschtieren anfüllen musste, um mich darin nicht einsam zu fühlen. (Foto: CFalk/pixelio.de)

Mein Bett war so groß, dass ich es mit Plüschtieren füllen musste, um mich nicht einsam zu fühlen. (Foto: CFalk/pixelio.de)

Unser Auto war groß, so groß, dass ich am Liebsten darin gewohnt hätte. Mein Vater fuhr es oft aus der Garage und verschwand damit in die Welt, denn er war beruflich viel unterwegs. Wenn das Auto einmal da war, besuchte ich es gerne in der Garage. Es war dunkelblau und sehr edel. Ich mochte den leichten Schimmer seines Lacks und fuhr gern mit den Fingern sanft darüber. In seinem großen Bauch hatte es schwarze Sitze aus glattem Leder, die im Sommer von der Garage angenehm kühl blieben und im Winter mit einem magischen Knopf angewärmt werden konnten. Manchmal, wenn mein Vater den größten Teil des Tages im Büro gearbeitet hatte und erst am Nachmittag zu einem Kunden fuhr, der noch dazu in der Nähe wohnte, durfte ich ihn auf seiner Fahrt begleiten – natürlich nur, wenn meine Hausaufgaben erledigt waren und ich Zuhause nicht gebraucht wurde. Dann verschwand ich mit ihm im großen Bauch des blauen Autos und wir fuhren zusammen die schmalen Gassen und einspurigen Straßen aus unserem Heimatfleck hinaus. Dazu hörten wir hr4, wünschten uns, wie Gitte Haenning, einen Cowboy als Mann – oder gingen mit Peter Maffay über sieben Brücken.

Wenn wir etwa eine halbe Stunde gefahren waren, erreichten wir die Autobahn. In meinem Bauch machte sich eine bizzelnde, warme Aufgeregtheit breit, von der mir immer fast ein wenig schwindelig wurde. „Papi, fährst du ganz schnell?“, bettelte ich, sobald wir die mehrspurige Straße unter unseren Reifen hatten. Mein Vater erklärte mir dann, dass er nicht einfach drauflos rasen konnte, sondern wir einen Streckenabschnitt abwarten mussten, der gut einzusehen und wenig befahren war – und ich ließ mich ungeduldig in meinen Sitz zurückfallen. Doch irgendwann kam so ein Abschnitt immer. „Jetzt!“, rief mein Vater, und trat aufs Gaspedal. Ich zuppelte aufgeregt an meinem Gurt, saß erst ganz aufrecht, juchzte vergnügt, drückte mich dann tief in meinen Sitz und genoss mit geschlossenen Augen das kribbelnde Gefühl, das die Geschwindigkeit in meine Magengrube pflanzte. Nur leider war der Rausch immer sehr schnell vorbei, weil mein Vater sich weigerte, die ganze Strecke durchzurasen: „Das ist viel zu gefährlich!“ – aber ich liebte unsere kleinen Sprints.

Irgendwann erreichten wir die Kunden meines Vaters. Es gab solche, bei denen er nur kurz etwas abgeben musste, dann saß ich eine Weile im Auto und wartete auf ihn. Ich drückte meine Backen gegen die schwarzen Sitze, sog den Geruch des Leders ein und begann anschließend, am CD Player herumzuspielen. Dann war mein Vater auch schon zurück am Auto und die Reise ging weiter. Bei anderen Kunden durfte ich mit aussteigen. Sie hatten Probleme mit ihren Computern oder Druckern, die sie bei meinem Paps gekauft hatten, also half er ihnen, sie zu reparieren. Einen dieser Kunden besuchte ich besonders gern, er hatte einen Hund so groß wie ein Pony und so weiß wie Schnee, mit dem ich gern durchs Büro tobte, während die Männer mit ernsten Mienen am Schreibtisch saßen und an Druckern und PCs herumschraubten. Wenn ich mich mit dem Hund ausgetobt hatte suchten wir uns eine Stelle unter den vielen, riesigen Schreibtischplatten, die nicht mit Computerhardware, Mülleimern und Papierboxen vollgestellt war, und legten uns schlafen. Ich drückte mein Nase in das weiche Fell des Hundes, so wie zuvor in die Sitze unseres Wagens – und war bald eingeschlafen.

Wenn mein Vater und der Computerbesitzer alle Probleme gelöst hatten, trennte mein Paps mich auf den Knien rutschend von dem großen, weichen Hund. Er verabschiedete sich dann flüsternd von dem Mann und trug mich zurück zum Wagen, wo er mich auf die Rückbank packte, anschnallte und dann ums Auto herum zum Fahrersitz schlich. Die Heimfahrt verschlief ich meistens, manchmal wurde ich auch wach, stellte mich aber weiter schlafend. Denn wenn ich noch schlummerte, sobald wir am Haus meiner Eltern ankamen, weckte mich mein Paps auch hier nicht, sondern trug mich an meiner spielenden Schwester und meiner lesenden Mutter vorbei in mein Kinderzimmer, wo er mich zwischen all meinen plüschigen Gefährten ins Bett rutschen ließ. Bevor er sich anschließend hinaus schlich, schlang ich einmal meine Arme fest um ihn und küsste ihn gute Nacht. Er lächelte dann, hielt mich fest in seinen starken Papa-Armen und nickte, wenn ich schlaftrunken und flüsternd fragte, ob ich bald wieder mit ihm ausfahren dürfe. Ja, als kleines Mädchen war ich von vielen großen Dingen umgeben. Am größten von allem aber war – mein Paps.

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