Die Woche am Bruchweg (21/20): I think I nailed it

„Die Fans haben ein Stück weit gefehlt“, sagt Ridle Baku nach dem ersten Geisterspiel der 05er in Köln. „Wir merken auch, was diesen Job so besonders macht, das sind auf jeden Fall die Fans“, sagt Ex-05er Neven Subotic, mittlerweile in Diensten von Union Berlin, nach der eigenen Geisterspiel-Premiere einen Tag später. Die Spieler sind an diesem ungewöhnlichen 26. Spieltag unterschiedlich mit den leeren Stadien umgegangen, auch in der Bewertung. In Dortmund wurde nach dem Sieg die leere Südtribüne gegrüßt. Irgendwie eine schöne Geste, um den Fans zu zeigen, sie werden in den Stadien so sehr vermisst, wie ihnen selbst die Kurvenluft fehlt. Gegen Bakus „megageiles Gefühl“, wieder im Stadion zu sein, wirkt die Aussage in Richtung Anhänger*innen schon etwas dürr.

So ist halt das Geschäft, entscheidend ist auf dem Platz. Den Spielern kann man das letztlich in der aktuellen Situation am wenigsten verübeln, sie haben mit Unterbrechungen, halben Trainings, Maßnahmenkatalogen und Isolation, oft fern der Familie, keine einfachen Wochen hinter sich. In denen sie noch dazu oft als Buhmänner herhalten mussten, weil das Interesse der Politik an einer Fortsetzung des Spielbetriebes schon sehr übermäßig schien. Nun kicken sie also wieder und die Freude darüber ist schon verständlich.

Mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs verändern sich auch die Medienrunden, es wird nun deutlich mehr über das Spiel als über das Drumherum gesprochen. Achim Beierlorzer zeigt sich zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft, deren Zusammensetzung er selbst als gar nicht so unerwartbar bezeichnet. Aufgestellt wird, völlig überraschend, auch in Zeiten von Corona noch nach Trainingsleistung. Wobei der Coach zu dem Thema doch etwas eher Grundsätzliches zu sagen hatte, Stichwort: Vertrauen. Er gehe nicht mit, wenn Spieler sagen, sie müssten das Vertrauen des Trainers dadurch spüren, in der Startelf zu stehen. Denn da bringt er nun mal nur elf Mann unter – Vertrauen schenke er viel mehr Spielern, so Beierlorzer.

Trainer vor Taktiktafel. (Foto: Screenshot)

Die Konkurrenz im momentan bis auf Robin Zentner vollständig einsatzbereiten Kader sieht er ausschließlich positiv, nicht nur, weil nun im verkürzten Saisonendspurt auch englische Wochen anstehen. Die Siegermentalität, die für einen Startelfeinsatz notwendig ist, wolle er schließlich auch im Punktspiel auf dem Platz sehen.

So ein Stadion ist ja ohne
die Fans nur eine Hülle.”

Achim Beierlorzer, 05-Chefcoach

Aktuell hat er, wie seine Kollegen, mit dem auf fünf Spieler erhöhten Wechselkontingent noch ein paar Extramöglichkeiten, um ins Spiel, aber auch die Kaderdynamik einzugreifen. So spricht der Trainer bei der Einwechslung von Jonathan Burkardt von einer Belohnung für dessen sehr gute Trainingsleistung – die bei nur drei Wechseln entsprechend schwieriger möglich gewesen wäre. Sollten die Mehrwechsel dazu führen, dass gerade die jungen Eigengewächse nun ein bisschen Einsatzzeit sammeln können, wäre das definitiv ein positiver Aspekt dieser vorübergehenden Neuerung.

Ein großes Lob gibt’s in Richtung Taiwo Awoniyi, zu dessen Personalie Beierlorzer noch mal betont, man habe den jungen Spieler im Winter keinesfalls loswerden wollen. Da er aber im Sturm starke Konkurrenz vor sich hat, habe man ihm die Möglichkeit gegeben, zu einem Verein zu wechseln, bei dem er mehr Spielpraxis sammeln kann. Die Leihgabe wollte aber nicht schon wieder weiterziehen, sondern sich durchbeißen.

Im internen Testspiel, dessen Aufstellung und Ergebnis sich Beierlorzer nicht entlocken lassen will (eine Mannschaft hat in weißen, eine in grünen Trikots 45 Minuten gespielt, es gab Tore und auch einen Sieger), habe Awoniyi eine „sensationelle Leistung“ gebracht und sich nun gegen Köln mit einem Tor belohnt. Es hätten sogar zwei sein können, wäre der Nigerianer nicht einmal unter dem Ball weggerutscht, aber mit dem ersten Treffer im Rücken wird das für den jungen Spieler sicher leichter zu verschmerzen sein, als wenn er wieder leer ausgegangen wäre. Oder um es in seinen eigenen Worten zu sagen: „I feel very happy and I feel very glad.“ Auch Awoniyi sprach das Fehlen der Fans an, das er als „unfortunate“ bewertet, aber betont, es gehe dabei nun mal um Sicherheit.

Glücklicher Torschütze Malong. (Foto: Screenshot)

Torschütze Kunde Malong, der sich am Sonntag zum Ausgleichstreffer aueresk übers halbe Feld durchgetankt hatte, erklärt in einer kleinen Medienrunde strahlend, in dem Moment habe er über gar nichts gedacht. Im Team sei die Mentalitätsleistung wichtig gewesen, betont der Kameruner, der sich keine Sorgen darüber macht, nun wieder zuhause zu wohnen: „I don’t think it’s a problem.“ Die Spieler seien sich der Situation alle sehr bewusst (conscious).

Auf die Frage, wie wohl das Heimspiel ohne Fans ablaufen wird am nächsten Wochenende erklärt Kunde: „Now we do it for us“ und fügt hinzu: „We face the challenges like, you know, men.“ Schade eigentlich, dass solche Sprachbilder nicht in der coronabedingten Zwangspause zurückgeblieben sind. Abgesehen davon war das freilich ein sehr sympathischer Auftritt des Torschützen, sichtlich beflügelt von seiner Leistung am Vortag. Das bringt er denn abschließend auch selbst grinsend auf den Punkt: „I think I nailed it.“

Fußball und Feminismus: Das Private ist politisch

Zu irgendeinem anderen Zeitpunkt hätte ich diesen Text vermutlich mit dem Satz begonnen: Heute war ein seltsamer Tag. Aber sind gerade nicht alle Tage irgendwie seltsam? Zumindest beim Blick nach draußen, in die Welt, die sich durch Corona permanent verändert. Und mit ihr die Menschen, wir alle, auf unterschiedlichste Arten und Weisen.

Also lasse ich den Satz an der Stelle sein, weil er seine Bedeutung für den Moment verloren hat. So ist das, in einer globalen Pandemie. Manche Dinge verlieren für einen Augenblick ihre Bedeutung, manche auch länger – und das ist völlig okay. Andere aber verlieren ihre Bedeutung nicht, bekommen nur durch die Pandemie sehr viel weniger Aufmerksamkeit. Und das ist leider nicht okay. Aber der Reihe nach.

Jede*r Mensch, di*er feministisch denkt und handelt, kennt den Moment, indem si*er sich die Frage beantwortet: Möchte ich das unter diesem Begriff tun? Feminist*in? Nein, ganz so verpönt wie ehemals Emanze ist der nicht, aber schon ein Kampfbegriff und vielen daher ein rotes Tuch.

Ich habe mal in einem Interview gesagt, dass ich über die Tat zum Wort gekommen bin und genau das ist damit gemeint. Irgendwann ging es aber einfach nicht mehr ohne. Wenn mich Menschen fragen, ob ich Vegetarierin bin, sage ich: „Ich esse kein Fleisch.“ Was ich mir aber (noch) nicht abgewöhnt habe, sind Gummibärchen. Das ist zu groß, um mich mit dem Wort Vegetariern wohlzufühlen. Mit dem Feminismus ist es genau umgekehrt: Irgendwann habe ich mich ohne den Begriff nicht mehr wohlgefühlt.

Das ist bislang alles nur Vorgeplänkel. Ich könnte mich dafür entschuldigen. Aber ich habe keine Lust mehr, mich zu entschuldigen. Es ist sehr befreiend.

(Gar nicht gemeint ist damit übrigens, sich Entschuldigungen in ganz konkreten Konflikten abzugewöhnen. Sie taugen nur nicht als generelle Haltung, weil alles darin verschwimmt.)

Fußball. Ficken. Feminismus.

Gepostet von Scortesi Babelsberg am Sonntag, 6. Januar 2019

Wenn Menschen den Begriff Feminismus im Fußballkontext lesen, sorgt das bisweilen noch immer für Verwirrung. Wie passt das zusammen? Die Unsicherheit wird gern weggescherzt: „Willst du den Proleten in der Kurve Manieren beibringen, hihi?“ „Müssen wir uns jetzt auch noch im Stadion benehmen, haha?“ Schön wäre es ja. Genauso, wie ein wenig Grundbildung über Fans, deren Bild als eierkratzende, schwitzende, pöbelnde Proleten nämlich im Großen und Ganzen ziemlich aus der Zeit gefallen ist. Aber ich schweife ab.

Plötzlich gehört man also zwei Gruppierungen an, die einigen Teilen der Gesellschaft suspekt sind: Feministinnen und Fußballfans. Auch noch beides auf einmal. Da kann dem einen oder der anderen schon mal der Kopf platzen im Gespräch. Und nicht nur das. Ich für meinen Fall widme mich dem Fußball zudem als Journalistin: in der Zeitung, im Podcast „FRÜF – Frauen reden über Fußball“ und hin und wieder in meinem eigenen Blog. Da ist für manche schon die Grenze zur Zumutung überschritten.

Persönlich habe ich mich in all der Zeit mit dem Thema vor allem gewundert über so manche Reaktion. Darüber, wie wenig andere offenbar zusammenkriegen, was für mich so natürlich Hand in Hand geht. Aber letztlich ist der Blick von außen nicht mein Problem – oder doch?

An dieser Stelle wird es kompliziert, auch, weil wir mit Gewohntem brechen.

Ich habe ein Shirt und ich werde es benutzen.

Obwohl wir Frauen immer Teil der Fußballwelt waren und sich das weit in die Vergangenheit zurück belegen lässt, scheinen viele Männer den Bereich noch als eine Oase zu empfinden, in der sie gerne ihre Ruhe hätten vor den Weibern. Und auch davor, dass dieser Satz mit seiner eindimensionalen Betrachtung schon jede Menge Widerspruch auslöst. Männer und Frauen? Schwarz und weiß?

Wie stark wollen wir eigentlich themenübergreifend noch in Geschlechtern denken? Sind es nicht vielmehr männlich gelesene und weiblich gelesene Personen? Sind Zuschreibungen wie männlich und weiblich überhaupt weiterhin sinnvoll? Wo finden sich Enbys wieder, wenn in solchen Kategorien gesprochen und geschrieben wird?

Wurde es zunächst einfach kompliziert, regt sich nun bein manchen auch echter Widerspruch. Der kommt in ganz unterschiedlichen Gewändern daher. Völlige Ablehnung. Totale Zustimmung. Und dann der diffuse Zwischenraum, in dem Menschen die Wichtigkeit dieser Themen eigentlich für sich erkannt haben, aber mit ihrer Umsetzung zu kämpfen haben.

In diesem Zwischenraum bewegen wir alle uns von Zeit zu Zeit. Probleme im Umgang mit diesen Themen anzusprechen, heißt nicht etwa, selbst perfekt darin zu sein. Es bedeutet aber, sie wichtig genug zu nehmen, um etwas daran verbessern zu wollen. Auch, wenn es häufig zu metaphorisch blutigen Nasen führt, weil andere sich davon genervt fühlen.

Gendergerechter Sprache und ähnliches möchten nicht wenige Fans am liebsten von „ihrem Fußball“ fernhalten. Für andere ist der erste Affront schon, dass Frauen sich überhaupt zum rollenden Ball äußern. Sprechen wir an dieser Stelle der Einfachheit halber von Blasen – ich versuche sonst, das zu vermeiden – so habe ich natürlich keine Menschen in meiner Social-Media-Blase, die so denken (und in meinem Offline-Umfeld sowieso nicht). Das bedeutet aber nicht, dass mir ihre Meinung nicht aus Leserbriefen entgegenschlägt oder in Kommentaren zu meinen Beiträgen landet, die ja nicht nur Menschen lesen, mit denen ich im persönlichen Austausch stehe. Der Ton, der da meist angeschlagen wird, ist geringschätzig und belehrend.

Natürlich ist es lachhaft, wenn nicht-männlich gelesene Personen darauf hingewiesen werden, sie hätten im Fußball vermeintlich nichts zu suchen. Trotzdem findet dabei ein gewisser Abnutzungsprozess statt, den Männer auf diese Art schlicht nicht erleben. Sie werden eben nicht daran erinnert, doch bitte bei ihren Leisten zu bleiben oder gleich die Fresse zu halten. Sie können – prominente Beispiele beweisen das – ihren Senf zum Fußball noch so unqualifiziert äußern, trotzdem gehören sie irgendwie dazu, und sei es als Folklore. Den Widerstand, den nicht-männlich gelesene Menschen auch heute noch oft erleben bei dem Thema, kennen sie nicht und können seine Wucht deshalb selten nachvollziehen.

Männer lesen Magazine, in denen andere Männer wiederum andere Männer zum Fußball befragen. Damit meine ich natürlich nicht die Spieler oder Funktionäre, die im Fußball der Männer eben genau das sind. Ich meine die Männer, die ihre Geschichten von prägenden Fußballmomenten erzählen, ihre Meinung und Sicht auf die Dinge vor Publikum ausbreiten, als könnte sich kein*e andere*r dazu äußern. In den letzten Monaten habe ich – bis auf den ballesterer – tatsächlich alle Fußballmagazine gekündigt, die ich teilweise für lange Jahre abonniert hatte. Einfach, weil es mich nicht mehr interessiert, immer diese ausschließlich männliche Perspektive darin vorgesetzt zu bekommen. In der Singularität langweilt mich das. Ich will das nicht mehr, oder besser: Ich will eben mehr.

Damit meine ich nicht nur die Stimmen von Frauen, ich mein eine generell höhere Diversität. Männer, Frauen, Enbys, Weiße, Schwarze, Behinderte, Hetero- und Homosexuelle. Ich habe die Nase voll davon, Interviews mit Behinderten nur zu lesen, wenn es um ihre Behinderung geht, mit nicht-deutsch Gelesenen primär zu Rassismus, mit Juden zu Antisemitismus, mit Frauen zu Familie, Pflege und Homeschooling. Ich möchte, dass all diese Menschen zu Wort kommen. Ich will nicht am Bild einer Muslimin mit Kopftuch erkennen, dass es im Text um Religion geht, sondern möchte sie über Basketball sprechen hören. Ich möchte, dass Juden von ihrer Liebe zum Kino erzählen, Schwarze über Homeschooling sprechen, Männer über Pflege. Ich habe es satt, in Schubladen gesteckt zu werden oder Texte zu lesen, die innerhalb dieser Schubladen gedacht sind. Und ich bin nun wirklich nicht die Einzige.

Damit sind wir zurück an dem Punkt, dass manche Themen in dieser Krise an Bedeutung verlieren – und andere nicht. Das Thema Diversität verliert garantiert nicht an Bedeutung. Dennoch versuchen viele Menschen, uns gerade das Gegenteil zu erklären. Und „uns“ meint in dem Fall auch ganz konkret: uns Feministinnen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mir zuletzt die Frage gestellt wurde, ob ich auch in dieser Situation „mit dem Thema kommen“ wolle. Als hätte Corona nun alles abgeschafft oder der Bedeutung beraubt, Diversität, Feminismus, Sichtbarkeit. Die Antwort ist also klar: ja, ich will auch jetzt mit diesen Themen kommen. Weil ich und wir alle es müssen. Weil es keine Alternative gibt.

Und hier wird nun der große Bogen, den ich mit diesem Text geflogen bin, wieder kleiner, komme ich zurück zum Thema Fußball und der Sichtbarkeit von Frauen bei ganz konkreten Projekten, egal, wie klein oder groß sie sind.

Manch eine*r wird sich fragen, wieso wir diese große Schleife geflogen sind, um zu einem vermeintlich einfachen Thema zu kommen: Warum kritisiert eine Handvoll Frauen, wenn Blogger, die sie sehr schätzen, eine öffentliche Leserunde unter sich ins Netz stellen?

Die Frage nach der Schleife lässt sich für mich am besten so beantworten: Weil die meisten nicht-männlich gelesenen Menschen, die im Fußball unterwegs sind, Teile davon permanent fliegen. Weil sie ihren, weil wir unseren Umgang mit Fußball für uns als das Selbstverständlichste der Welt empfinden, aber von Teilen dieser Welt immer wieder aufs Neue gespiegelt bekommen, das sei nicht unser Tanzbereich. Weil es uns als jammern ausgelegt wird, das anzusprechen. Und weil uns das inhaltlich zwar auf der einen Seite am Boppes vorbeischwirrt – es aber trotzdem nervt. Abnutzt.

In der Konsequenz haben sich Frauen, die im Fußball unterwegs sind, in den letzten Jahren verstärkt zusammengetan. Das ist bei „F_in – Frauen im Fußball“ ebenso passiert wie bei „FRÜF“ und vielen anderen Stellen. Diese Bande sind auch deshalb wichtig, weil sie die Selbstverständlichkeit, die wir empfinden, betont und nach außen trägt. Und es ist zum Glück auch nicht so, als würde sich gar nichts bewegen. Es ist nur noch lange nicht genug.

Die Antwort auf das „Warum“ in Bezug auf die Leserunde ist vielschichtig. Der erste Teil ist im Grunde ein Kompliment: Von vielen der Beteiligten hätten wir mehr erwartet. Weil wir mehr von ihnen gewohnt sind und sie zu der Blase gehört, die nicht nachfragt, ob Menschen sich weiblich oder männlich identifizieren. Leider ist das nicht gleichbedeutend damit, sich mit Geschlecht nicht auseinanderzusetzen. Überall, wo Ungleichheit herrscht, muss am Status quo geschraubt werden. So zu tun, als wäre daran irgendein Teil privat, ist schlicht und ergreifend Quatsch. Das Private ist längst politisch.

Natürlich steckt auch Verärgerung darin, darauf aufmerksam zu machen. Grund dafür ist auch die beschriebene Schleife. Die Abnutzung, der Frust darüber, denselben Themen immer wieder zu begegnen. Und damit, ja, irgendwann die Geduld zu verlieren. Ungläubig zu sein darüber, wie sich alles wiederholt. Auch bei Leuten, bei denen gegenseitige Wertschätzung da ist. In dieser Konstellation nervt und schmerzt es ehrlich gesagt besonders.

Negativer Höhepunkt, wie sich auch hier „Argumente“ wiederholen. Es waren keine Frauen zu kriegen, wir haben doch gefragt. Ihr beschwert euch ja auch nicht, dass keine Behinderten oder Ausländer dabei sind. Nervt nicht. Ihr macht uns alles kaputt. Hände hoch, wer das so schon erlebt hat. Die Kritiker*innen werden gleichzeitig zu Täter*innen („Ihr macht uns alles kaputt“) und Opfern („Jammert nicht“) gemacht. Alles innerhalb dieser Schleife wiederholt sich. Wieder. Und wieder. Und wieder. Es ist einfach unfassbar ermüdend.

Ja, wenn von 100 Menschen, die sich zu Fußball äußern, 90 Männer sind, dauert es länger, Frauen für eine Runde zu finden. Damit haben wir alle bei unseren Projekten Erfahrungen gemacht. Es bedeutet, eben länger und intensiver suchen zu müssen.

Aber das ist doch nur ein privater Gig. Ja, das ist auch wunderbar, aber wenn er am Ende im Internet steht, ist es eben doch eine öffentliche Veranstaltung. Die nächste, bei der nur eine Menge weißer Männer über Fußball spricht. Ganz ehrlich, wollt ihr Teil davon sein?

Aber ihr wart schon auch pampig. Möchte ich gar nicht ausschließen. Wir haben bei dem Thema ein gewisses Standgas. Wir gehen in unserer Blase aber auch davon aus, es ansprechen zu können, ohne dass Beteiligte die beleidigte Schildkröte geben – und in ihrem Panzer verschwinden, aus dem heraus sie dann mosern.

Dazwischen ganz viel Schweigen, das laut dröhnt. Von Menschen, die sich das leisten können, weil ihr Alltag nicht aus diesen Widerständen besteht.

Nichts davon ist schön. Zumal, weil im konkreten Fall eben Menschen aufeinandertreffen, die sich in weiten Teilen gegenseitig kennen und schätzen. Wenn Kommunikation und Verständnis in dieser Konstellation schon so schwierig sind, was sagt das dann über unser Gesellschaft als Ganzes? Vielleicht lieber gar nicht drüber nachdenken. Und die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben.

Keine*r von uns steht morgens auf und nimmt sich vor, der Stachel im Fleisch der Gewohnheit anderer Menschen zu sein. Manchmal ist so ein Stachel aber das Einzige, was uns alle dazu bringt, innezuhalten. Weil irgendwas unangenehm ist. Weil wir deutlicher spüren als sonst, diese Gewohnheit funktioniert so nicht mehr. Weil wir im Angesicht des Stachels eben Dinge hinterfragen, die bis dahin ohne Gegenworte durchgerauscht sind. Weil uns allen Dinge durchrutschen. Weil wir alle von Zeit zu Zeit diese Stachel spüren müssen, um unseren Trott aufzubrechen.

Es gibt keine Veränderung, ohne Widerstand.

Die Woche am Bruchweg (19/20): Eine neue Situation

Die Bundeliga ist zurück – oder zumindest fast. Am 16. Mai wird der Spielbetrieb wieder starten, so hat es die DFL verkündet. Gerne hätte man bereits am Freitagabend gekickt, was aber nicht möglich ist, da die Politik einen Start erst in der zweiten Maihälfte erlaubt hatte. Derlei Feinheiten sind wichtig in Tagen, in denen der Fokus der Politik auf den Fußball nicht überall für Begeisterung sorgt. Manch eine*r springt dabei freilich zu kurz und lässt Frust ausgerechnet in Richtung der Fans ab, von denen sich so viele gegen die Wiederaufnahme – auf diese Art und Weise und zum jetzigen Zeitpunkt – positioniert hatten. Nun denn. Die Entscheidung ist also gefallen und natürlich ist das Aufatmen der Vereine verständlich. Sie stehen nun in der Verantwortung, zu beweisen, dass ihre Konzepte auch in der Praxis funktionieren.

Seit Donnerstag dürfen sich die Spieler wieder so nahekommen. (Foto: Archiv)

Der 1. FSV Mainz 05 gehörte mit Werder Bremen zu den Vereinen, die einen späteren Termin für den Wiedereinstieg favorisiert hatten. Trainer Achim Beierlorzer hatte von Beginn der Krise an betont, er sehe es als erforderlich an, vor einem Neustart der Liga zwei Wochen Zeit für den regulären Trainingsbetrieb zu haben. Nun sind es also anderthalb – das Team ist seit dem heutigen Donnerstag wieder im Mannschaftstraining. Beierlorzer und Sportvorstand Rouven Schröder standen den Journalist*innen am Nachmittag zur mittlerweile schon fast gewohnten Skype-Runde zur Verfügung. Der Coach erklärte, am Montag stehe der Umzug ins Mannschaftshotel an. Auch für die Zeit dort gibt es natürlich strenge Regelungen in Sachen Hygiene, das geht schon damit los, wer Spieler und Staff beim Essen überhaupt bedienen darf. Einer muss nicht umziehen: Jeffrey Bruma wohnt als Leihspieler aktuell sowieso im Favorite Parkhotel.

„Als Sportler freuen wir uns, jetzt wieder loszulegen“, brachte Schröder die Stimmung auf den Punkt. Das aus 05-Sicht sehr frühe Einstiegsdatum habe man als Teil des Großen Ganzen zu akzeptieren. Beierlorzer sieht für die Vereine der Liga grundsätzlich dieselben Voraussetzungen gegeben. Er betonte: „Wir wollen optimal in Köln die Restsaison starten.“ Fragen zu einer erhöhten Verletzungsgefahr nach der langen Pause begegnete der Coach mit der Feststellung: „Eine Pause hatten die Spieler überhaupt nicht.“ Es habe keine Woche gegeben, in der sie nicht etwas tun mussten. Prinzipiell geht es für Beierlorzer, der schon zu anderen Zeiten betont hat, ein absoluter Optimist zu sein, vor allem um eins: „Die Situationen, die da kommen, zu 100 Prozent anzunehmen und das Beste daraus zu machen.“

Schon ein vertrautes Bild: Sportvorstand und Coach via Skype. (Foto: Screenshot)

Natürlich zu rundherum veränderten Bedingungen, die im DFL-Konzept alle minutiös aufgelistet sind. Die ausfallenden Handshakes, eine reduzierte Zahl von Balljungen oder der veränderte Jubel werden aber sicher weniger ins Gewicht fallen, als die Spiele vor leeren Rängen. Auf die veränderte Akustik werde man sich mit Training im Bruchwegstadion vorbereiten, sagte Beierlorzer. Schröder erklärte, es sei eine Situation, die niemand wolle, aber: „Wir müssen uns dauerhaft an dieses Thema gewöhnen.“ Glücklicherweise wirkt man in Mainz dem Eindruck entgegen, Fans würden sich rund um die Partien künftig mit unvernünftigem Verhalten übertreffen. Die Anhänger*innen wissen hoffentlich, dass auch darin eine Verantwortung liegt – diesmal für sie. Geisterspiele bleiben für Fans aber eine absolute Notlösung, viele lehnen sie vollständig ab. Die sich hier auftuenden Risse zu kitten, wird eine langfristige Aufgabe sein, für die vor allem die Vereine gefordert sind.

Die nächste Runde der PCR-Tests steht bei den 05ern nach den ersten beiden am Donnerstag und am Montag nun am Freitag, 8. Mai an. Bislang seien alle Ergebnisse negativ, so Schröder. Sofern es vor einem Spiel je zu einem positiven Text komme, sei es aber grundsätzlich so, „dass wir das der Öffentlichkeit nicht mitteilen“. Er gehe aber davon aus, die fände das so oder so heraus, sagte er – und wirkte da kurz ein wenig genervt. Die letzten Wochen dürften am Sportvorstand auf eine ganz neue Art und Weise gezerrt haben, aber Schröder ist keiner, der meckert, sondern einer, der macht und das ist sehr angenehm. Wie der Fußball sich durch die Krise verändere, in diese Kristallkugel wollte er abschließend nicht zu tief schauen. In vielen Aspekten gelte es gerade, die Entwicklung auch ein Stück abzuwarten.

Ein Stück Geschichte: Heile, heile Gänsje aus Mainz

In Mainz grüßen aktuell „Gänsje“ von Brücken, Gebäuden und dem Balkon des Staatstheaters. Während in der goldenen Stadt die Symbolkraft des possierlichen Tieres nicht erklärt werden muss, runzeln andere erstaunt die Stirn. Dies umso mehr, nachdem Q-Block und Supporters ein Merchpaket mit dem Gänsje aufgelegt haben, dessen Erlös dem Verein Armut und Gesundheit in Deutschland, Kochen für Helden Mainz und Ärzte ohne Grenzen zugute kommt. Damit auch alle Auswärtigen wissen, was es mit dem Gänsje eigentlich auf sich hat, hier der Grund Nummer 6 aus „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“.

Das Staatstheater Mainz hat den Balkon schön. (Bild: Rheinhessen on Tour)

Am 27. Februar 1945 wurde die Mainzer Innenstadt in Schutt und Asche gebombt. Sieben Jahre später, die Stadt lag immer noch in Trümmern, sang zur Fastnacht der Dachdecker Ernst Neger (Annäherung zur einzig zulässigen Aussprache: „Ännst Nejschä“ mit einem langen e und einem sehr weichen sch) das alte Fastnachtslied „Heile heile Gänsje“ um eine neue Strophe erweitert.

„Wär’ ich emol de Herrgott heit, dann wüsste ich nur eens. Ich nähm’ in meine Arme weit mein arm’ zertrümmert’ Meenz. Ich streichelt’ es ganz sanft und lind und sagt: Hab nur Geduld! Ich bau dich wieder auf geschwind, ei, du warst doch gar nit schuld. Ich mach’ dich wieder wunderschön. Du kannst, du derfst nit unnergehn!“ Der Saal war vollständig in Tränen aufgelöst, Ernst Neger augenblicklich unsterblich – und Mainz endlich wieder am Leben.

Tu Gutes und quake darüber. (Bild: Supporters Mainz e.V.)

1955 begann die Fernsehfastnacht. 1964 brach der ganze Sendeplan zusammen, verantwortlich war wieder Ernst Neger: Sein Lied „Das Humbta Täterä“, ein Gassenhauer über Blasmusik mit der wunderbaren Zeile „Und schießt bei uns der Sportverein am Sonntag mal ein Tor, steht alles auf dem Kopf, denn das kommt selten vor“, war ein Riesenerfolg, das Publikum stand auf den Stühlen, verlangte die Zugaben im Dutzend, beruhigte sich erst nach einer Stunde wieder einigermaßen.

Wer sich schließlich das „Gebt mir ein H“-Spiel fürs Fußballstadion ausgedacht hat, darüber streiten sich die Gelehrten. Uns ist das letztlich egal, denn wir wissen, wer die ältesten Rechte daran hat. Ernst Neger wäre 2009 hundert Jahre alt geworden. Vor dem Fastnachtsspiel gegen Hansa Rostock, ein paar Wochen nach seinem runden Geburtstag, bekam er von den 05-Ultras verdienterweise seine eigene Choreographie. Und als Einlauflied gab’s ausnahmsweise „Das Humbta Täterä“.

Die Woche am Bruchweg (15/20): Abstand halten

Zu Beginn der Runde, die Mainz 05 den Medienvertreter*innen an diesem Mittwoch via Skype anbietet, klingt Achim Beierlorzer tatsächlich ein bisschen, als kehre er gerade aus dem Urlaub zurück. Er habe die Tage mit der Familie genossen, erzählt der Trainer, Zeit mit seinen jüngeren Kindern (17 & 22) verbracht, sich um den Garten gekümmert. Aber natürlich hatte er auch zu tun und da der alte „Lehrerschreibtisch“ quasi mit der Verbeamtung aufgelöst worden ist, musste er innerfamiliär den seiner Frau anmieten.

Trainiert nun wieder ohne seinen Nachwuchs: Jeremiah St. Juste. (Foto: Mainz 05)

Es sei im Trainerteam darum gegangen, die Spieler zu beschäftigen, sie auch in dieser ungewohnten Situation weiterzuentwickeln. Aber eine „Vorbereitung auf das, was vielleicht kommt“ sei weder im Homeoffice noch nun zurück auf dem Platz möglich: „Zu unsicher.“ Was das Geschehen im Training, das die 05er in enger Absprache mit den Gesundheitsbehörden am Dienstag wiederaufgenommen haben, angeht, ist Beierlorzer ganz offen: „Das ist kein direktes Fußballtraining.“ Die gemeinsame Bewegung, an der frischen Luft zu sein und natürlich wieder mit dem Ball zu arbeiten – um solche Dinge geht es aktuell.

Auch der leiseste Anflug von, oh, ich fühle mich heute nicht so gut, muss dazu führen, dass der Spieler daheim bleibt.

Achim Beierlorzer

Damit ein gemeinsames Training jetzt überhaupt möglich ist, folgt der Club strengen Auflagen. „Entscheidend ist die Distanz“, betont Beierlorzer. Die soll immer zwei Meter betragen, weshalb die Akteure bei der Auftaktrunde „mehr als eine Armspanne“ auseinanderstehen. Kopfbälle sind verboten, die Spieler fassen die Bälle nicht an, das Trainerteam trägt Handschuhe, wenn es Geräte berührt. Von Vorteil sind die aneinandergrenzenden Plätze, die insgesamt mehr Raum bieten für die Übungen. Die wieder gemeinsam durchführen zu können, empfindet der Coach als richtige Entscheidung, schließlich sei Fußball ihr aller Beruf. In den Kabinen der Jugendteams sind die Spieler zu sechst beisammen, auch da „mit großem Abstand“, geduscht wird nach der täglichen Einheit (jeweils um 15 Uhr) erst in den eigenen Wohnungen. „Hätten wir eine Hallensportart, wären wir weiter zuhause“, ist Beierlorzer sicher.

Körperlich auf Abstand, kommunikativ ganz nah: Coach Beierlorzer. (Foto: Mainz 05)

Apropos Zuhause, in die Wohn- und Lebenssituationen der Spieler hat er in den letzten Wochen ungewöhnliche Einblicke bekommen. Und erzählt, dass er jeden einmal pro Woche angerufen habe („nicht bloß angeschrieben“), um nachzuhören, wie es seinen Jungs geht. Er weiß nun, wer mit der Familie zuhause war, wer Hunde und Katzen als Mitbewohner hat und auch, wer die Wochen im Homeoffice alleine verbracht hat. Vereinsamt sei da aber niemand. „Das wurde nicht als Problem geäußert“, erzählt der Coach, der zudem sicher ist: „Da brauchen wir auch keinen Psychologen.“ Vielmehr seien die „Mannschaftskameraden“ aus ganz eigenem Antrieb sehr viel füreinander da und hielten den Kontakt untereinander von sich aus intensiv. Er spüre, nicht nur im Verein, eine große Solidarität, sagt Beierlorzer: „Ich glaube, dass so eine Krise insgesamt zusammenbringt.“

Das Training läuft also wieder, wie aber sieht es aus mit den ausstehenden Partien? „Wir brauchen doch nicht darüber reden, dass wir den Fußball über die Gesellschaft stellen“, wischt der Trainer alle Gedankenspiele weg, in denen Fußball privilegiert behandelt werden könnte. Dennoch sieht er kein Problem damit, sämtliche Szenarien gedanklich durchzuspielen, auch solche, wonach Profis regelmäßig getestet würden, um spielen zu können. Niemand wisse eben, wie die Pandemie sich weiterentwickelt. Sprich, sollten Tests irgendwann problemlos verfügbar sein, verändert sich die Bewertung. Den Profisport aber gesondert zu behandeln, das sei „moralisch klar nicht vertretbar“, unterstreicht er.

Medienrunden in den Zeiten von Corona. (Foto: WP)

Wenn Beierlorzer über die Fußballblase in Zeiten nach Corona sagt: „Ich sehe keinen Grund, wieso sich da was verändern sollte“, mag das erstmal seltsam klingen. Schließlich besteht bei dem einen oder der anderen doch eine leise Hoffnung, das Profigeschäft, das gerade in Puncto Finanzen völlig übergeschnappt scheint, würde sich durch die Pandemie ein wenig selbst regulieren. Andererseits, wie realistisch ist es, dass dieses System durch einen Schreckmoment – egal, wie intensiv der auch ist – eine tatsächliche Änderung erfährt? Und ist Beierlorzer nicht einfach nur ehrlich?

Entsprechend verweist der direkt darauf, es wüssten schließlich alle, dass die Gespräche über die neuen Fernsehgelder schon vor der Tür stehen und schließt das Thema mit einem Satz, aus dem sein Kopfschütteln fast schon herauszuhören ist: „An der Blase an sich wird sich nicht viel ändern.“ Zu sehen gab es den Trainer in der Gesprächsrunde übrigens nicht, Beierlorzer hatte die Kamera dabei ausgelassen, ebenso wie die meisten Journalist*innen. Einblicke ins jeweilige Homeoffice blieben also aus.