Die Woche am Bruchweg (22/33): In Zahlen geliefert

Es gab zuletzt mehrere Pressekonferenzen, in denen 05-Trainer Bo Svensson durchblicken ließ, dass er wenig von der manchmal recht eindimensionalen Bewertung seiner Stürmer hält. Schließlich sind diese nicht nur durch ihre Tore wertvoll für die Mannschaft. Dennoch wird oftmals an Scorer-Punkten alleine festgemacht, ob ein Offensivspieler positiv auf sich aufmerksam machen kann – oder eben nicht.

Karim Onisiwo kann davon ein Lied singen. Gerade der kritische Blick aus Teilen des Fanlagers auf den Österreicher wirkt häufig sehr getrübt. Auch die Leistung von Marcus Ingvartsen ist oft besser, als eine oberflächliche Draufsicht das erahnen lässt. Doch seine Startelfeinsätze in Spielen, die durchaus kompliziert sind für die Offensive – wie vergangene Saison gegen Wolfsburg oder letzte Woche gegen Union Berlin – mögen dazu beitragen, dass Ingvartsens Wert für sein Team von außen vielfach unterschätzt wird.

Umso schöner für Onisiwo, dass der neuerdings auch zuverlässig mit Zahlen glänzen kann. Dank seiner nun bereits drei Treffer in den ersten Spielen der neuen Saison hat er in der Vereinschronik Yunus Malli in Sachen Scorerpunkten in der 1. Liga überflügelt – und liegt jetzt auf einem alleinigen ersten Platz. Schöne Grüße an die Kritiker.

Sicht aufs Spielfeld aus dem Aussichtsblock. (Foto: Oliver Heil)

Das Tor zum 1:0 nach langem Abschlag von Robin Zentner und Doppelpass mit Angelo Fulgini unterstrich den guten Riecher sowie den unbedingten Willen des Österreichers. Und „Wille“ war für das Spiel gegen Augsburg ohnehin ein gutes Stichwort, den davon zeigten die 05er unbändig viel.

Während Onisiwo einen neuen Rekord aufstellte, gab Aarón Martín einen aus der Hand, den der FSV seit 36 Strafstößen gehalten hatten: Zum ersten Mal seit 2013 Ádám Szalai gegen Raphael Schäfer scheiterte wieder ein 05er vom Punkt. Ein bisschen weh tat das schon, zumal auch Onisiwo den Ball gerne geschossen hätte. Einen Vorwurf wollte Aarón hinterher aber niemand machen, was wiederum für dieses Team spricht.

Der Kommentierung, wonach der Siegtreffer ein wenig aus dem Nichts gekommen sei, kann ich mich deswegen nicht anschließen. Ich hatte bis zum Schluss das Gefühl, dass dieses 2:1 noch sehr deutlich in der Luft lag. Wie schnell Delano Burgzorg schaltet und wie aufmerksam Jae-Sung Lee vollendete, war dann wunderschön anzusehen.

Ob der Ball vor Burgzorgs schnell ausgeführter Ecke nun völlig still lag oder nicht, ist dabei rückblickend quasi unerheblich, wie Alex Feuerherdt von Collinas nach dem Spiel sowohl bei sky als auch auf Twitter geduldig erklärte. In den Regeln steht, dass der VAR in diesem Falle nicht eingreift, weil es sich nicht um eine „mach changing decision“ handelt. Die Augsburger, deren Coach sich in der Pressekonferenz nach dem Spiel als schlechter Verlierer zeigte, hätten da vielleicht mehr spielen und weniger meckern sollen. Edit: Ein bisschen Regelkunde hierzu von Lutz Wagner in der Allgemeinen Zeitung.

Was der Siegtreffer auch zeigt ist, die 05er sind mit ihrer Offensivbesetzung in dieser Saison insgesamt flexibler und variabler als im Vorjahr. Diese Tatsache kann in den nächsten Monaten noch zu einem Faktor werden, gerade, wenn es darum geht, mit Wechseln nicht nur frischen Wind zu bringen, sondern die Gegner auch vor überraschende neue Aufgaben zu stellen. Insgesamt war dieser erste Sieg in Augsburg seit gefühlter Ewigkeit zwar fußballerisch noch kein echter Leckerbissen (hust), hat aber durchaus Spaß gemacht und Lust auf mehr.

Zwei Siege in der Fremde nach der Pestserie diesbezüglich in der Vorserie sind ebenfalls eine schöne Momentaufnahme. Stefan Bell hat in der vergangenen Saison mal richtigerweise angemerkt, zuhause laufe vieles zusammen, auswärts fehle das entscheidende Quäntchen Glück. Sowohl gegen Bochum als auch in Augsburg lief es in den entscheidenden Momenten auch mal für Mainz. Sowas kennt man schon gar nicht mehr, aber gerne mehr davon.

Fußballerisch etwas geboten war auch beim Auswärtssieg der U23, die ebenfalls den dritten Spieltag absolvierte. Die #SCHOTTgoes05-Frauen gehen am Sonntag um 17 Uhr hingegen ins letzten Vorbereitungsspiel auf die neue Saison, Gegnerinnen sind die Frauen vom OFC. Es gilt wie immer, support your local Lieblingsverein. Bald ist das auch wieder im Tischtennis und Handball möglich.

„Wolfgang Frank“ nominiert zum Fußballbuch des Jahres

Die Deutsche Akademie für Fußballkultur kürt jährlich das „Fußballbuch des Jahres“ und erstellt dafür im Vorfeld zunächst eine Shortlist mit elf Finalist*innen. Diese werden derzeit nach und nach bekannt gegeben. Seit dem 19. August steht fest: „Wolfgang Frank. Der Fußball-Revolutionär“ steht auf der magischen Liste.

Wie viel mir das bedeutet, vermag ich wirklich kaum in Worte zu fassen. Ich erinnere mich so intensiv an die einzelnen Schritt auf der Reise, die dieses Buch für mich bedeutet. Von Nicole Selmers Anfrage, ob ich für den ballesterer über Frank schreiben würde, über das erste Gespräch mit dessen älteren Sohn Sebastian (es gab Pommes) hin zu meiner Anfrage an Dietrich Schulze-Marmeling, ob er das Buch beim Verlag die Werkstatt sieht.

Die vielen, vielen Gespräche, die ich für das Buch geführt habe. Die Tränen, die dabei geflossen sind im heftigen Vermissen um Frank, der 2013 viel zu früh gestorben ist. Lange Gespräche über das Erlebte mit meinem Mann in unserer Küche. Mit der Besten im Feld. Frank ist überall dabei. Die Begegnung mit seinem jüngeren Sohn Benjamin, Austausch mit Basti und Benny gemeinsam. Nächtelange Recherchen, immer neue Quellen, immer neue Erkenntnisse.

Das Gerüst vor unserem Haus, Schreiben ohne Tageslicht. Der Januar, die Woche rund um den Todestag meines eigenen Paps’, das intensive Gefühl, dies ist auch ein Vaterbuch. Zweifel, wie sie jede*r kennt beim Schreiben. Schaffe ich das? Ist es der richtige Weg? Das richtige Wort? Gewichte ich so, wie ich sollte? Immer wieder die wichtigste Frage: Werde ich ihm gerecht? Überforderung, Schlafmangel. Erschöpfung. Und endlich: ein Buch.

Über das die wunderbare Stefanie Fiebrig jetzt schreibt:

Mit Mara Pfeiffers Buch wird ein Trainer herausgehoben, dessen fortgesetzte Wirkung über seinen Tod hinaus bisher kaum wahrgenommen wurde. Es wird ein Mensch vorgestellt, der im besten Sinne für den Fußball gelebt hat. Es ist kein unkritisches Buch, denn natürlich werden ganz grundsätzliche Fragen aufgeworfen, wird dem ‚Früher-war-alles-besser‘-Mythos eine klare Absage erteilt, wird Veränderung dokumentiert. Es ist keine Heldengeschichte, denn niemand ist ohne Fehler – auch nicht Wolfgang Frank. Es ist eine warmherzige Würdigung eines talentierten Unvollendeten. Die hat bis dahin gefehlt. Hier nun ist sie endlich!“

aus der Würdigung von Stefanie Fiebrig

Ich freue mich einfach unfassbar. Und ich bin sehr, sehr dankbar. Vor allem natürlich all den Menschen, die dieses Buch mit möglich gemacht haben. Das hier ist für euch.

Willi Löhr: Herzbube an der Gitarre

Wie auch an anderen Fußballstandorten, hat es rund um Mainz 05 immer wieder Fanzines gegeben – und nach einer Pause sind in den letzten Jahren famoser Weise einige nachgewachsen. Nils Friedrich hat sich ihnen in einem beeindruckenden Almanach gewidmet, in dem auch die unvergessene TORToUR verzeichnet ist.

Was von ihr definitiv bleiben wird, ist die Erinnerung an ihre Gimmicks, die sie quasi zum YPS-Heft unter den Fanzines machte. Das konnten Sticker von Spielern ebenso sein wie ein am Cover angeheftetes Tütchen mit Sand der damals vorm Abriss stehenden Gegengerade oder ein Adventskalender zum Selberbasteln. Und einmal war es ein (aufpreispflichtiges) Kartenspiel, auf dem statt der klassischen Figuren 05-Spieler abgebildet waren.

Zu ihnen gehört auch Willi Löhr. Der 1947 in Lahnstein geborene Abwehrspieler kommt 1971 vom 1. FC Nürnberg nach Mainz. Weil die Vereine sich nicht über die Höhe der Ablöse einig werden, schießt er selbst einige Tausend Mark zu, damit die Nullfünfer ihn aus dem Vertrag rauskaufen können. Obwohl seine vier Serien in Mainz von anderen Spielern leicht getoppt werden, gab es für Löhr nur eine mögliche Karte: den Herzbuben.

Der gelernte Radio- und Fernsehtechniker, der in der Endphase seiner Karriere in Mainz schon stundenweise bei den Stadtwerken in der Kommunikationstechnik arbeitet, verliebt sich nicht nur in seinen Verein, sondern auch Hals über Kopf in die Stadt und ihre Menschen – und diese Liebe wird hier bis heute innig erwidert.

Löhr ist deshalb nach den vier Jahren am Rhein so verwurzelt, dass er bleibt, als Trainer bei kleineren, umliegenden Vereinen arbeitet und später als Coach im Juniorenbereich zum Verein zurückkehrt, für den er bis heute im Scouting tätig ist. Auch, wenn er nicht ununterbrochen in offiziellen Ämtern war: Willi Löhr ist seit 50 Jahren Nullfünfer mit Herz und Seele und steht wie wenige andere für diesen Club, mit dem er so viel erlebt hat.

Wer das Haus der Löhrs betritt, biegt in der Regel links in den Wohnbereich ab. Es gibt aber auch einen anderen Weg, der geradeaus in einen ganz speziellen Raum führt. Die Wände sind hier – wie könnte es auch anders sein – rot und weiß gestrichen und geziert von Erinnerungen an die Zeit als 05-Spieler: Schwarz-Weiß-Fotografien, Geburtstagsgrüße, Wimpel, Collagen und jede Menge Bücher zur Vereinsgeschichte.

Löhr zeigt mit verschmitztem Lächeln auf bestimmte Details und erzählt Anekdoten wie Lausbubenstreiche. Dabei lacht er, es klingt wie ein Glucksen, und seine Augen leuchten bei der Erinnerung an Zeiten, „die mit heute einfach gar nicht mehr vergleichbar sind“. Zumindest ist schwer vorstellbar, dass die Spieler ihren Übungsleiter mit den Worten „Trainer, noch ein Bierchen!“ dazu bringen, die Sperrstunde im Trainingslager nach hinten zu verschieben.

Löhr hat alles miterlebt, die Südwestmeisterschaft, den freiwilligen Rückzug aus der 2. Liga, Trainerwechsel im Minutentakt. Er hat Guido Schäfer aus dem Trainingslager abhauen sehen, um sich in der Stadt eine nächtliche Theke zu suchen, war dabei, als Torjäger Gerd Klier von Trainer Uwe Klimaschefski rückwärts mit Medizinbällen im Arm über die Aschenbahn gejagt wurde und ist auf der Suche nach Talenten um die Welt gereist, aber nicht in jedes Stadion reingekommen.

Als er nach tagelanger Anreise zur Beobachtung eines Spielers einmal vor verschlossenen Toren steht, weil zum Spiel keine Zuschauer*innen zugelassen sind, rät Christian Heidel ihm per SMS, es doch mit Bestechung zu versuchen. „Das habe ich schon“, antwortet Löhr und als er davon erzählt, lacht er Tränen. Heidels entspanntes Fazit: „Dann kannst du dich nur noch besaufen.“ Gesucht wurde damals übrigens ein Innenverteidiger. Weil das im Sande verlief, kam der junge Niko Bungert zu seinem ersten Einsatz – der Rest ist Geschichte.

Wenn Fans sich heute beschweren, weil es nicht so läuft, wie sich das vorstellen, hat Willi Löhr dafür kein Verständnis. Er spricht dann vom Zusammenhalt der alten Truppe, und das hat nichts Belehrendes, sondern weckt Sehnsucht danach, diese Nähe aufleben zu lassen, weiterzutragen, wie an einem wärmenden Lagerfeuer darum zusammenzukommen.

aus: Fußballfibel / CULTURCON

Die alten Nullfünfer tun ja auch bis heute genau das, treffen sich in einem Seniorenkreis. Das klingt ein bisschen, als kämen Rentner*innen aus der Umgebung zusammen, um 05-Spiele zu schauen. Tatsächlich aber wäre die Runde mit Legendentreffen besser beschrieben, schließlich sitzen da regelmäßig etliche aus den alten Garden beieinander.

Willi Löhr und Gerhard Bopp, der ehemalige Trainer und Spieler Horst Hülß, der einstige Kapitän Norbert Liebeck und viele mehr. Weil diese Treffen – wir sprechen hier von Zeiten vor Corona – in geschlossenen Räumen stattfinden, brennt da natürlich kein Lagerfeuer, die Stimmung ist aber ganz ähnlich und dazu trägt auch eine Gitarre bei: Die hat Willi Löhr locker auf dem aufgestützten Oberschenkel liegen und spielt Evergreens nach dem Wunsch der klatschenden und johlenden Runde.

Dabei strahlt er, das kommt bei ihm aus dem tiefsten Inneren, er lacht gluckernd über die Zurufe seines Publikums und spielt jedes Lied, das ihm angetragen wird. Er ist, auch in dieser Runde, ganz klar: der Herzbube.

Die Woche am Bruchweg (22/31): Summer’s almost over

Schon lustig. Nach der letzten Saison habe ich gen Sommer geschaut und gedacht, wochenlang kaum Fußball. Das wird auch mal schön. Dann kam die Nations League, die mich zwar nicht allzu sehr interessiert, aber bei deutscher Beteiligung doch wieder vor den TV gelockt hat, raschelten erste Gerüchte über Wechsel durch den Blätterwald und begeisterte die EM in England, während hierzulande schon der DFB-Pokal ausgetragen wurde.

Und nun ist die Sommerpause so richtig vorbei, am Wochenende startet auch die 1. Liga, für Mainz 05 geht es nach Bochum. Passenderweise gab es am Mittwoch eine Medienrunde mit Maxim Leitsch, der es als ein wenig schicksalhaft beschrieb, im ersten Ligamatch für die 05er zu seinem alten Verein zu reisen. Vom legendären 6:2, das Mainz dort einst erzielte, hat der Ex-Bochumer übrigens auch schon gehört.

Ich werde die richtige Kabine finden.“

Maxim Leitsch über die Partie in Bochum

Ganz so hoch wird das Ergebnis am Samstag wohl nicht ausfallen, aber wie schnörkellos sich die 05er gegen einen komplizierten Gegner im DFB-Pokal durchsetzten, war schon ein zarter Fingerzeig, dass auch mit prominenten Abgängen nicht alles auseinanderbrechen wird bei Mainz. Nichtmal in der Abwehr.

Dort wird natürlich besonders Moussa Niakhaté fehlen und ich bin ehrlich, ein wenig hatte ich zum Ende der letzten Saison gehofft, ein Jahr werde er noch ranhängen bei 05. Übel nimmt ihm den Wechsel hier sicher niemand, schade aber, dass Nottingham in der Saisonvorbereitung bei Union Berlin spielte und nicht in Mainz. So eine Verabschiedung wäre eine feine Sache gewesen und für einen Spieler, der hier so gereift ist und sich in Verein und Verantwortung eingebracht hat, auch durchaus verdient.

Bevor ich heute den schnellen Kehraus mache noch einige Tipps. Zum einen hat Nils Friedrich mit einigen Mitstreiter*innen zum 40. Jubiläum der Amateurmeisterschaft ein wirklich tolles Heft auf die Beine gestellt, das ich netterweise vorab lesen durfte. Ihr solltet es unbedingt bestellen. Jede historische Aufarbeitung rund um den Verein sollte unterstützt werden, auf ein Museum warte ich noch.

Zweitens sind die Frauen des TSV SCHOTT Mainz, bekannterweise ab dieser Saison per Kooperation mit dem FSV verbandelt, in der Saisonvorbereitung. Infos zu Spielen sollen bald auch auf der 05-Homepage eingebunden sein, einstweilen findet ihr sie hier. In die Saison starten die Frauen am Sonntag, 20. August, zuhause gegen die Wormatia. Sie haben Unterstützung verdient.

Gleiches gilt für die Handballerinnen, denen im Herzschlagfinale der letzten Saison der Klassenerhalt in der 2. Liga gelungen ist. Infos zum Kader, Spielen und mehr findet ihr hier. Und dann wären da noch die Tischtennis-Spieler der 05er, die in dieser Saison in der 1. Liga antreten. Klar, alle Teams zu unterstützen wäre ein Vollzeitjob – zumal in Sachen Fußball die U23 ebenso wie sämtliche NLZ-Teams sehenswert aufspielen – aber eine feste Station neben der Ersten Mannschaft darf es schon sein.

Als kleinen Bonus gibt es hier heute den Text über das angesprochene 6:2 in Bochum aus 111 Gründe, Mainz 05 zu lieben. Das Buch ist in der 2. Neuauflage erhältlich. Viel Spaß.

So ganz zu verstehen ist es nicht, warum sich Peter Neururer vor dem Spiel seines VfL Bochum gar so ekelhaft auf den Gegner aus Mainz einschießt. In Bochum gibt’s in dieser Saisonphase freilich nichts zu lachen, im Spätherbst noch hatte der Verein die europäische Bühne bespielt, dann war aber zuerst Schluss mit dem Europapokal und inzwischen hat man es sogar mit dem Abstiegskampf zu tun.

In selbigem stecken selbstverständlich auch die Bundesliganeulinge aus Mainz, nur dass uns dabei die Würde nicht derart abhanden kommt wie Peter Neururer, der vor dem Spiel bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hinweist, man werde Mainz schlagen, natürlich hoch, und überhaupt so tut, als seien die Verhältnisse erst wieder hergestellt, wenn Mainz zurück ist in Liga zwei, Bochum hingegen gerettet.

Die ganze Albernheit gipfelt in einem leidlich originellen Comic im Stadionheft, der Neururer vor einer Anzeigetafel mit der Aufschrift „Bochum – Mainz 6:2“ sagen lässt: „Und alle sechs Jahre schießen wir mal sechs Tore in einem Spiel.“ Sehr viel origineller ist aus Mainzer Sicht das Spiel selbst, in dessen Verlauf tatsächlich acht Tore fallen, und auch die prophezeite Verteilung stimmt – Endstand 6:2. Nur halt nicht für Bochum, sondern für den FSV, der damit schon so gut wie sicher seinen Verbleib in der 1. Liga feiern kann.

„Es ist super, wenn der Trainer des Gegners so spricht, als würde er gegen eine F-Jugend antreten“, bedankt sich Michael Thurk im Fernsehinterview später indirekt bei Peter Neururer für dessen großzügige Aufbauhilfe. Da feiern die Mainzer noch lange in ihrem Block und sogar von den Rängen des VfL kommt Applaus für dieses Spiel. Alle paar Jahre kassiert Bochum eben auch mal sechs Tore.

Sc(h2o)wimmbad: Liebe

Sechs Bahnen. An diesen Rat erinnere ich mich, nicht aber daran, wer ihn mir gegeben hat. Sechs Bahnen am Stück, so lange braucht es demnach, um beim Schwimmen in den eigenen Rhythmus zu kommen. Sechs Bahnen, die an guten Tagen verfliegen und die es an schlechten durchzuhalten gilt: gegen Widerstände, Ängste, Müdigkeit. Danach, so das Versprechen, werde alles leichter.

Kurze Bahnen? Lange Bahnen? Auch das weiß ich nicht mehr. Woran ich mich erinnere, sind die Nachmittage im Hallenbad. Das Schwimmtraining, den Geruch von Chlor. Das Gefühl, im kalten Wasser einzutauchen und wie der ganze Körper darauf reagiert.

Als kleine Kinder haben wir nach dem Training in der dunklen Schwimmbadkneipe Cheeseburger aus Styroporboxen gegessen. Bis irgendwer uns fragte, ob uns das nicht sehr unsinnig vorkäme, Kalorien erst mühsam im Becken zu verbrennen – und dann wieder in uns reinzustopfen.

Von der Luft zärtlich erschlagen

Wir wussten damals nicht, was Kalorien sind, aber plötzlich war da dieses Wort – und damit eine Verbindung: Ein Grund, um zu schwimmen, konnte es demnach sein, an Gewicht zu verlieren. Oder zumindest, kein neues hinzuzugewinnen. Wir aßen die Burger danach weiter, aber sie schmeckten nie mehr so gut wie vor dieser übergestülpten Erkenntnis.

Die Diskussionen ums Föhnen nach dem Training, unter den blauweißen Hauben, die sich an der Wand hochschieben und runterziehen ließen. Als Kind habe ich nie gefroren. Ich wollte aus dem hitzigen Vorraum der Schwimmhalle raus an die kalte Luft und von ihr zärtlich erschlagen werden, ohne zu föhnen, die nassen Haare unter der Schlauchmütze.

An den Wochenenden fuhren wir in kleinen Bussen zu den Wettkämpfen. Bevor ich an der Reihe war, musste ich jedes Mal auf die Toilette, meine nervöse Blase ausschütteln. Es ist vorgekommen, dass ich dort noch saß, wenn mein Name aufgerufen wurde, aber immer schaffte ich es rechtzeitig auf den Block. Ich war eine gute Brustschwimmerin und fand meinen Namen am Tag danach in der Zeitung wieder. Aufregend war das und spaßig.

Bei der Staffel disqualifiziert

Die anderen Stile und ich, wir fanden nicht zusammen. Auf dem Rücken irrte ich kreuz und quer durchs Becken, beim Kraulen wurde es mir vom Hin und Her des Kopfes schwindelig und ich war zudem viel zu langsam, für einen ordentlichen Delfin bekam ich die Arme nicht weit genug aus dem Wasser und wurde dafür bei der Staffel disqualifiziert.

Es frustete mich, dass sich nicht überall Verbesserung einstellte, obwohl ich mich so sehr abmühte. Aber wenn ich in meiner Disziplin unterwegs war, fühlte ich mich auf eine Art leicht und richtig, die ich nur im Wasser kannte. Alles, was sich an Land schwer anfühlte, widerständig und mühsam, ließ ich dort zurück, wenn ich untertauchte. Auch darüber, ob mein Körper nach allgemeinem Maßstab richtig war, dachte ich nicht nach.

Irgendwann verkündete die Trainerin, sie nehme mich nicht mehr mit auf Wettkämpfe, weil sich das nicht lohne für eine Disziplin. Ich war betrübt, denn ich mochte diese Ausflüge – aber fügte mich. Als ich zuhause davon erzählte, waren meine Eltern enttäuscht, dass ihre Tochter als Einzige nicht gut genug war, um weiter anzutreten. Tatsächlich hatten alle, die zuvor bereits aussortiert worden waren, das Schwimmen danach aufgegeben.

Die Körpervorstellung der Anderen

Meine Mutter bewegte außerdem eine andere Frage. Schon als ich ein Kleinkind war, so erzählte sie, sei ihr mein breites Kreuz aufgefallen. Vielleicht wäre Schwimmen ja nicht wirklich ideal für mich, denn sicher wollte ich das nicht fördern. Da war sie wieder, diese Verbindung, die mit den Cheeseburgern angefangen hatte. Doch ich schüttelte sie ab.

Bald darauf trat ich aus dem Verein aus und kam nicht mehr ins Training. Ich schwamm nun für mich alleine – und es war mir egal, was das mit meinem Kreuz machte. Lediglich die besondere Stimmung bei Wettkämpfen vermisste ich, die kleinen bunten Fahnen über dem Becken, den Austausch mit anderen, die meine Leidenschaft teilten.

Als ich die elfte Klasse in den USA verbrachte, trat ich dort ins Swimteam ein und für einen kurzen Moment half mir das, in dem fremden Land anzukommen. Dann erklärte mir unser Coach, für die Wettbewerbe müssten wir unsere Arme und Beine rasieren und ich hörte von einem Moment auf den anderen auf.

Ich hatte keine Lust mehr auf die ständigen Vorschriften und Eingriffe, was ich mit meinem Körper zu tun, und wie er auszusehen hatte. Zwar konnte ich die Verunsicherungen, die dadurch in mir ausgelöst wurden, nicht komplett abschütteln, ich konnte aber gewisse Grenzen ziehen. Das zu realisieren, half mir ungemein.

Ich fand mich unter Wasser

Wer schwimmt, macht sich nackt; zwar nicht vollständig, aber es geht eine gewisse Preisgabe des Körpers damit einher. Im Erwachsenwerden und manchmal noch darüber hinaus musste ich einen Umgang damit finden. Im Becken aber hörten sämtliche Gedanken daran auf. Meine Mutter fand mich zu dick, mein Vater fand mich zu dünn, ich fand mich unter Wasser; auch in Phasen, in denen ich überall sonst verloren war.

Doch diese Sicherheit entglitt mir, als mein Leben in der Mitte des Studiums an zu vielen Stellen zugleich aus den Fugen geriet. Während Panikattacken mir die Luft aus der Lunge pressten, war ans Schwimmen zunächst nicht zu denken. Das lange, tiefe Becken, das in seiner Mitte ins schier unendliche Dunkel abkippten, schien unüberwindbar.

Da erinnerte ich mich an die sechs Bahnen. Strampelnd und angstvoll arbeitete ich mich durchs Nass. Eins. Schluckte Wasser. Zwei. Kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Drei. Überwand mich. Vier. Löste mich aus der Hektik. Fünf. Fand meinen Rhythmus. Sechs. Und von vorn.

So schwimme ich seither, in abgezählten Sechserpaketen, auch wenn diese Zeit zwei Jahrzehnte zurückliegt. Ich habe meinen Rhythmus gefunden.

Die kindliche Faszination für Hallenbäder ist mir mit den Jahren ein wenig verloren gegangen und ich habe eine gesunde Arroganz gegen 25-Meter-Bahnen entwickelt. „Mein“ Freibad hat tolle 50-Meter-Bahnen, es ist von Mai bis September ein Ort, an dem ich auftanken kann und wo alles, was mich beschäftigt, vor der Tür bleibt – oder mindestens am Beckenrand.

Alles ist im Fluss

Was nicht bedeutet, dass ich mir beim Schwimmen keine Gedanken mache, aber wie mein Körper sind auch sie dann weniger schwer. Unter Wasser schlägt mein Herz besonders zart, fühle ich mich versöhnlich, lasse ich hinter mir, was lange her ist, was ich nicht ändern kann. Unter Wasser lerne ich, loszulassen und zu verzeihen.

Die kühle Feuchtigkeit hüllt mich ein wie eine federleichte Decke, sie umarmt mich wie eine gute Freundin, hält und wiegte mich. Im Wasser ist: alles im Fluss; das klingt wie eine Phrase, aber es fühlt sich wahr an.

Ich weiß nicht, woher es kommt, dass Menschen sich in unterschiedlichen Elementen wohlfühlen, ob es ein Zeichen dafür ist, woher wir kommen – oder wohin wir gehen. So lange ich bleibe aber, möchte ich schwimmen.