Bevor ich mich uffresch ist es mir lieber egal – or is it?

In der letzten Woche habe ich mit mehreren Leuten darüber gesprochen, ob nach dem bisherigen Saisonverlauf die Karten bei den Schiedsrichtern besonders locker sitzen, wenn es um Bo Svensson geht. Meinungen dazu gingen auseinander, persönlich vermute ich jenen Effekt, den manche von uns womöglich aus der Schule erinnern oder wiederum bei ihren Kindern beobachten: Wer einmal negativ aufgefallen ist, kommt aus der Schublade schwerlich wieder raus. Nicht ganz zufällig wurde das Thema dann auch bei der Pressekonferenz unter der Woche diskutiert, an der ich wegen eines parallelen Drehtermins nicht teilnehmen konnte.

Es scheint jedenfalls kaum vorstellbar, dass Svensson nicht mindestens Gelb, wenn nicht gar Gelb-Rot gesehen hätte, wäre er an der Seitenlinie am Freitagabend ähnlich ausgerastet wie Florian Kohfeldt, dessen massives Einfordern einer Roten Karte absolut unsportlich war. Die Erkenntnis ist ärgerlich, Svensson weiß aber selbst am besten, wie schwierig es für ihn sein wird, seine Rolle da wieder loszuwerden.

Ich glaube, dass ich mittlerweile bei den Schiris einen Ruf habe, das habe ich mir selbst erarbeitet.“

Chefcoach Bo Svensson zu seinen Gelben Karten

Insgesamt bin ich durchaus der Meinung, auch die Entwicklung mit den Karten für Trainer darf mal allgemeiner diskutiert werden, sprich: Was ist mittlerweile die Intention? Wenn es nicht darum geht, Respektlosigkeiten zu unterbinden und ahnden, sondern jede negative Emotion, jedes Widerwort abgestraft wird, kann man das durchaus kritisch ansprechen. Jürgen Klopp hätte mit dem derzeitigen Verfahren in seiner Bundesligazeit wohl jedes fünfte Spiel verpasst. Ist das die Idee?

Ein echter Nackenschlag in Wolfsburg

Die Partie am Freitag in Wolfsburg hallt natürlich ins Wochenende nach. Ganz überraschend kommt der Nackenschlag aus meiner Sicht nicht. Die „Auswärtswoche“ hat Mainz 05 Körner gekostet, vor allem in Sachen Selbstzutrauen. Mit einer bisher insgesamt ergebnisschwachen Auswärtsbilanz in der Saison nun drei Spiele am Stück auf unterschiedliche Arten ärgerlich und in Teilen auch etwas unglücklich zu verlieren, kann an einem Team kaum spurlos vorbeigehen, das war schon gegen Stuttgar zu sehen. Noch so eine ärgerliche Erkenntnis, keine Frage.

Eine Frage, die aus meiner Sicht aber gestellt werden muss, ist, wie ein guter Umgang damit ausschaut. Persönlich kann ich nur wiederholen, dass ich erschrocken bin darüber, wie wenig Kredit Trainer, Team und Staff offenbar in einigen Teilen des Umfeldes genießen. Es ist eine Sache, sich zu ärgern und das zu formulieren, auch Kritik ist vollkommen okay: Die sich wiederholende Behauptung, in Mainz sei es verboten, zu kritisieren wird nicht wahrer, je öfter man sie aufstellt. Aber es ist schon eine Frage des „Wie“ und eine der Grundhaltung in Sachen Erwartung.
Ein Thema, das wir auch in der Gästekurve gestreift haben:

Christian Heidel hat seinerzeit bei der PK zur Verpflichtung von Bo Svensson als Coach etwas gesagt, woran ich oft denke: In Mainz machen die Verantwortlichen Leute zu Trainern, von denen sie glauben, diese haben das Talent für die Bundesliga. Und: „Wir wollen mit Bo ein neues Projekt bei Mainz 05 starten.“ Wie gut sind bitte diese beiden Sätze? Menschen, die bei Mainz 05 arbeiten, dürfen sich entwickeln. Sie dürfen Fehler machen, auch mal in Entscheidungen danebenliegen. Man gibt ihnen den Raum, um besser zu werden. Sie dürfen lernen und wachsen.

Niederlagenserien mit Jürgen Klopp

Kann sich eigentlich niemand mehr erinnern, wie schlecht einige Saisonphasen in den Zeiten mit Jürgen Klopp waren? Und wie ist der zu dem Trainer geworden, der er heute ist? Weil Menschen ihm vertraut und an ihn geglaubt haben. Ohne wäre das so nicht möglich gewesen. Wenn ich in Interviews danach gefragt werden, wie es sein kann, dass Trainergrößen wie Klopp und Tuchel gerade aus Mainz kommen, muss ich immer genau daran denken: Weil sie sich entwickeln durften.

Es gab Zeiten, in denen auch weite Teile des Umfeldes diese Entwicklung mitgetragen haben, zu der Rückschläge dazu gehören. Gemeckert wurde immer, ist doch normal, Fußball ist emotional. Aber der Ton blieb so, dass man sich wieder in die Augen schauen konnte – und beim nächsten Spiel standen natürlich alle hinter ihrem Team. Ist das noch so? Persönlich halte ich es für keine gute Entwicklung, wenn der Verein das Gefühl hat, nach einer Niederlage – und sei sie noch so heftig – mit einer Nachricht wie dieser reagieren zu müssen.

Bo Svensson spricht über die Niederlage in Wolfsburg. (Foto: Screenshot Mainz 05)

Grundtugenden bei den Fans

Einige haben gestern bei Kigges darüber philosophiert, am Ende der Saison drohe die Relegation, während andere scheinbar genussvoll das Eintreffen ihrer negativen Prophezeiungen feierten. Ich habe das diese Woche schon mal angesprochen, aber: Wie kann es sein, dass dieser Club die Klasse hält – und Fans es teilweise nicht mal mitbekommen? Diese scheinbare Lust am Untergang, die bei einigen herrscht, ist mir einfach unbegreiflich.

Wenn die Spieler kommen und gehen, wenn Verantwortliche irgendwann weiterziehen, dann ist die Art und Weise, wie die Menschen im und um den Verein miteinander umgehen das, was Mainz 05 im Kern ausmacht. Es wird sportlich gerne von Grundtugenden gesprochen, die von dem Team in jedem Spiel erwartet werden. Stimmen die Grundtugenden derzeit bei den Anhänger*innen noch? Vielleicht ist gerade ein guter Zeitpunkt, um darüber mal nachzudenken – und sich selbst neu zu justieren im Saisonendspurt.

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