05-Gegnerbetrachtung: Kontinuität meets Kontinuität

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal verrät mir Gisela Schneider ihren Blick auf Borussia Mönchengladbach.

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Liebe Gisela, danke, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du schreibst im Blog Teilzeitborussin auch und vor allem über dein Verhältnis zu den Fohlen. Deine Liebe zum Verein kam erst fast per Geburt, ruhte dann lange und entflammte neu. Erzähl mal!

TZB_GravatarDie passendste Beschreibung für die Art, wie sich die Borussia in mein Leben geschlichen hat, ist wohl Osmose. Ich erinnere nicht, dass mir als Kind jemand aktiv von der Borussia – oder auch vom Fußball generell – vorgeschwärmt oder mich sonstwie zu missionieren versucht hätte. Beide waren nur einfach immer da. In der Vereinskneipe, die mein Großvater führte. Im Dorf, in dem jeder Nicht-Borussiafan namentlich bekannt war und sich beim sonntäglichen Frühschoppen entsprechende Frotzeleien anhören durfte. In den Gesprächen, im Radio, im (damals noch limitierten) Fernsehprogramm. Wir Kinder waren alle beim Fußball dabei und wir waren alle Borussiafans. Es gab einfach keinen anderen Verein.
Als Teenager war ich öfter mit meinem Vater im Stadion, konvertierte dann jedoch zu seinem Erschrecken zum VfB Stuttgart – hauptsächlich, weil ich leidenschaftlicher Fan von Asgeir Sigurvinsson war. Die Meisterschaft 1984 war damals das Größte für mich. Danach ebbte mein Fußballinteresse jedoch ab. Das Niveau des Spiels insgesamt sank, die Nationalmannschaft, für die ich mich auch immer interessiert hatte, riss nichts mehr, ich zog zu Hause aus und meine studienbedingte neue Heimatstadt dümpelte in der damaligen Oberliga vor sich hin. Das alles ließ mein Interesse am Fußball ziemlich erlahmen.
Wiederbelebt wurde das erst, als ich nach dem Studium wieder an den Niederrhein zog und damit auch wieder den Bezug zur Borussia und die ständige Begegnung mit ihren Fans hatte. Mittlerweile gab es das Pay-TV und so hockte ich Spieltag um Spieltag mit meinem Vater vor dem Fernseher und schaute mir das Gladbach-Spiel an. Das war etwa Anfang der Nullerjahre, als die Borussia gar nicht gut dastand. Vermutlich kam dadurch auch meine Schwäche für Underdogs ins Spiel und ich hatte das Gefühl, man müsse dem Verein jetzt den Rücken stärken. Das steigerte sich mit dem zweiten Abstieg 2007 noch mal. Ab ungefähr dieser Zeit würde ich mich als ernsthaften Borussia-Fan bezeichnen. Zum Glück berappelte sich der Verein dann schnell und ich hatte das Glück, seitdem einige sehr schöne Jahre mit meinem Club erleben zu dürfen.

Blog

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Dein Blog heißt Teilzeitborussin und auch auf Twitter bist du mit diesem Namen unterwegs. Was bedeutet er für dich?

Ursprünglich eine spontane Eingebung bei der Suche nach einem Namen für ein Tippspiel, hänge ich mittlerweile tatsächlich sehr an diesem Namen und betrachte ihn ein bisschen als mein Leitbild. Das drückt auch meine Formulierung „Nicht nur, aber auch Fußballfan“ aus, die in meiner Twitter-Bio zu finden ist. Der Name drückt für mich perfekt die verschiedenen Rollen in meinem Leben – und gewissermaßen auch Facetten meiner Persönlichkeit – aus. Mein Büroalltag an der Kö in Düsseldorf ist sehr weit weg von meinem Stadion-Ich und fängt mich wieder ein, wenn ich mich am Wochenende zu sehr über den Fußball aufgeregt habe. Und der Stadionbesuch oder der Fußballschnack am Stammtisch erden mich, wenn ich Gefahr laufe, die Kö für das wahre Leben zu halten. Von allem etwas, aber nichts im Exzess – diesen Spagat mag ich und versuche ihn für mich positiv zu leben.

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Von den Aufs und Abs deines Vereins hast du in den letzten Jahrzehnten fast alle irgendwie mitgemacht, manche intensiver, manche aus größerer Entfernung. Was hat dich und dein Verhältnis zu dem Verein besonders geprägt?

Mich haben wie oben beschrieben erst die letzten circa zehn Jahre so richtig geprägt, ich bin auch erst vor relativ wenigen Jahren in den Verein eingetreten. Das Wichtigste für mich war dabei weniger der Erfolg als vielmehr die Kontinuität – im Personal, in der Vereins- und Spielstrategie und in den Werten. Zu wissen, mit welchen Akteuren ich es auf Vereinsseite zu tun habe und in etwa einschätzen zu können, wie sie agieren werden, gibt mir ein beruhigendes Gefühl. Trainerkarussells, Aktionismus, unberechenbar zwischengrätschende Investoren – das sind Dinge, die mich nervös machen.

Borussia Mönchengladbach ist ein Verein, bei dem sich das Trainerkarussell selten dreht. (Foto: WP)

Borussia Mönchengladbach ist ein Verein, bei dem sich das Trainerkarussell selten dreht. (Foto: WP)

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Im Blog schreibst du, die Borussia schaffe es, „aus eher suboptimalen Standortfaktoren (relativ kleine Stadt, Grenzgebiet, große etablierte Konkurrenz in unmittelbarer Nähe) viel herauszuholen und kontinuierlich auf Erst- oder Zweitliganiveau zu agieren. Mit Vereinen wie Uerdingen oder Essen und Duisburg in der Nachbarschaft sieht man immer wieder, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.“ Was ist in deinen Augen das Geheimnis dieses Erfolges?

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Natürlich kann ich die üblichen Verdächtigen ins Feld führen: der rechtzeitige Stadionneubau, geschicktes Agieren der sportlichen Leitung und der Geschäftsführung, kluge Außendarstellung durch prominente Vorstandsfiguren, die stets ein geschlossenes Bild präsentieren. Aber ich kenne die anderen genannten Vereine zu wenig, um ihnen diese Dinge pauschal abzusprechen und ich möchte auch nicht der Versuchung erliegen, unsere Erfolgsstory vom Ende her zu interpretieren. Es hätte auch bei uns alles anders kommen können – nicht zuletzt 2011, als Stefan Effenberg mit der ‚Initiative Borussia‘ eine Revolution anzetteln und den Einstieg von Investoren ermöglichen wollte. Vielleicht hatten wir ja auch nur Glück. Oder genügend veränderungsunwillige Mitglieder, wie ich es heute bin, die diese Aktion nicht mittragen wollten.

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Ein Thema, mit dem du dich zuletzt häufiger intensiv beschäftigt hast, ist der Videobeweis. Hast du für dich ein Fazit oder eine persönliche abschließende Meinung dazu gefunden?

Auf diese Frage habe ich zwei Antworten. Zum einen war, bin und bleibe ich gegen den Videobeweis, unabhängig von seiner konkreten Umsetzung. Das hat mit dem eigentlichen Videobeweis gar nichts zu tun, sondern mit meiner großen Begeisterung dafür, was ich die „Echtzeit“ nenne. Damit meine ich das unmittelbare Liveerlebnis – üblicherweise im Stadion – und die flüchtige Unwiederbringlichkeit des Augenblicks. Den Moment nicht zurückholen, eine Entscheidung nicht revidieren und in keiner Weise nachkarten zu können, das hat für mich einen ganz besonderen Zauber, über den ich auch schon mal gebloggt habe. Man muss halt in diesem einen Moment hinschauen und Acht geben, wenn es keine Wiederholung geben kann. Und man muss den vergangenen Moment abhaken und weitermachen – ganz so, wie die Spieler selbst ja auch. Ich wurde schon mal darauf hingewiesen, dass ich damit strenggenommen auch gegen jegliche Wiederholung und Zeitlupe sein muss, und ja: das bin ich. Ich hasse die ewige Wiederholung von Szenen im TV und das nicht enden wollende Diskutieren und Nachkarten auf den ‚Experten‘-Sofas oder in einem Medium wie Twitter. Wann immer ich merke, dass eine solche Debatte eskaliert, versuche ich, mich da so zügig wie möglich rauszuziehen.
Die zweite Antwort lautet, dass mir der arme kleine Videobeweis mittlerweile fast schon leidtut. Die Last an Erwartungen, die diese Einrichtung auf ihren Schultern tragen muss – daran kann sie doch nur scheitern. Mehr Gerechtigkeit, mehr Eindeutigkeit, keine Fehler mehr – was wurde nicht alles zuvor geschrieben und hernach geschimpft. Gerade in der letzten Saison hatte ich das Gefühl, dass umstrittene Entscheidungen mit Videobeweis noch hasserfüllter als zuvor diskutiert wurden. Vielleicht ist es mal an der Zeit, dass jemand eine Lanze bricht für den armen Videobeweis. Er ist nicht perfekt, aber auch nicht der Untergang des Abendlandes.

Die Fans des FSV haderten in Spielen gegen Gladbach zuletzt häufiger mit dem VAR. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Die Fans des FSV haderten in Spielen gegen Gladbach zuletzt häufiger mit dem VAR. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Die vergangene Saison hat Gladbach mit 47 Punkten auf Platz 9 außerhalb der europäischen Ränge beendet. Vor dem 8. Spieltag lag man mit 11 Punkten auf Rang 7. Aktuell reichen 14 Punkte für Platz 3, als Bonbon wurde das Spiel gegen die Bayern gewonnen. Hättest du so einen guten Auftakt von der Mannschaft erwartet?

In Sachen Punkte und Tabellenplatz hatte ich gar keine Erwartung formuliert. Der Tabellenplatz scheint in den letzten Jahren mehr davon abzuhängen, was der Wettbewerb macht, als von uns selbst. Und diese Art von Ausbeute ist mir persönlich auch ziemlich unwichtig. Wichtiger ist mir, wie wir spielen, womit ich sowohl die Schönheit des Spiels und den Stil als auch die wahrgenommene Einstellung der Mannschaft und einen erkennbaren Plan des Trainers meine.
Ich war vor der Saison sehr neugierig auf das neue System und auch auf unsere Neuzugänge, aber auch etwas unsicher, ob daraus neuer Schwung entstehen kann. Ich glaube, ich kann mich über keinen der genannten Aspekte beklagen. Es wirkt, als hätte Dieter Hecking die ganze Mannschaft einmal durchgewirbelt und abgestaubt; nicht nur die Neuen haben klasse eingeschlagen, auch die etablierten Spieler spielen zum Teil neue Rollen und zeigen ganz neue Facetten. Es ist wie eine Frischzellenkur für alle. Bislang gefällt es mir meistens großartig.

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Die guten Jahre mit Trainer Lucien Favre lassen einen, finde ich, manchmal vergessen, dass er Gladbach 2011 vom letzten auf den Relegationsrang führte und den Abstieg verhinderte. Wie nimmst du das im Umfeld wahr, sind die Erwartungen in dieser Zeit gestiegen und wird ein Tabellenplatz vorausgesetzt, der den europäischen Wettbewerb bedeutet?

Mein Umfeld ist diesbezüglich sehr heterogen und ich nehme eine große Bandbreite von Meinungen wahr. Der eine Teil ist ziemlich geerdet und erwartet keine Wunderdinge von einer Mannschaft, die sich kontinuierlich erneuert, Jahr um Jahr große Abgänge klug kompensieren muss und immer auch mit jungen Spielern agiert, die noch Fehler und Formschwankungen zeigen.
Aber es gibt auch einige, die die Tiefstapelei satt haben und fordern, man solle endlich selbstbewusster, auch aggressiver seine Ziele formulieren. Ich kann diese Position auch verstehen, obwohl ich ihr selber nicht anhänge. In der letzten Saison glaubte man doch eine gewisse Bräsigkeit in der Mannschaft zu erkennen, ein Einlullen und Zufriedengeben mit dem Minimalziel angesichts widriger (Verletzungs-)Umstände. Ich kann nachvollziehen, dass der Eine oder Andere glaubt, man könne das Team mit mehr Aggressivität in der Zielsetzung vielleicht mehr kitzeln.
Und dann gibt es noch die ewigen Grantler im Dorf und auf der Gegengerade, die auch nach dem Bayernsieg gemeckert haben und vermutlich sogar noch ein Haar in der Suppe finden würden, wenn diese in einer Meisterschale serviert würde. Für sie ist das Meckern wohl Lebensphilosophie, entsprechend gleichmütig versuche ich sie zu nehmen. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

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Nach Favres Rücktritt wurde André Schubert Gladbach-Trainer, auf ihn folgte im Dezember 2016 Dieter Hecking. Aus der Entfernung wirkte er lange wie eine Interimslösung, vielleicht, weil man bei ihm oft das Gefühl einer gewissen Distanz zu seinem Team vermutet. Tue ich ihm damit unrecht? Wie schätzt du ihn ein, was seine Leidenschaft und Arbeit angeht?

Trainer Dieter Hecking ist schwer einzuschätzen. (Foto: Jan Heimerl - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Trainer Dieter Hecking ist schwer einzuschätzen. (Foto: Jan Heimerl – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Ich finde Dieter Hecking auch schwer einzuschätzen, er kommt oft verschlossen rüber und seine Äußerungen in den Medien oder in Pressekonferenzen gehen selten über Vorhersagbares hinaus. Ihm fehlt auch die Strahlkraft anderer Trainer, auf die sich die Medien gerne stürzen.
Man hört, er soll im persönlichen Umgang ganz anders sein, aber da kenne ich ihn leider nicht. In einem Podcast-Interview, das ich gehört habe, wirkt er tatsächlich deutlich offener, sehr persönlich und humorvoll und vor allem ehrlich, zielstrebig und geradeaus. Das sind für eine Führungskraft und Lehrperson ja keine schlechten Eigenschaften. Wenn er diese im direkten Umgang mit den Spielern zeigt, dann ist mir sein Auftreten in der Öffentlichkeit im Vergleich dazu auch ziemlich wumpe.

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Max Eberl feiert am 19. Oktober sein zehnjähriges Jubiläum als Sportdirektor bei der Borussia. Und das, obwohl er mit fast jedem Verein in Verbindung gebracht wird, bei dem diese Stelle vakant ist. Wie wichtig ist diese Kontinuität für den Verein? Und welcher Transfer war für dich in all der Zeit sein größter Coup?

Ich bin persönlich großer Fan von Max Eberl und habe ja schon erläutert, wie wichtig mir persönlich Kontinuität ist. Am Ende einer Saison zu wissen, man wird mit demselben Personal auch in die nächste gehen, das ist total beruhigend. Man kann Pläne schmieden fürs nächste, fürs übernächste Jahr: was wird Eberl machen, wenn Raffael aufhört, wenn Hazard oder Sommer weggehen sollten? Es macht mich ungemein froh, mich darauf verlassen zu kennen, dass er solche Themen mit einem längerfristigen Plan verfolgt und zum richtigen Zeitpunkt da ist, um Maßnahmen zu ergreifen.
Sein größter Coup war für mich kein Ein- sondern ein Verkauf, nämlich der von Granit Xhaka. So viel Geld auf einen Schlag für einen einzelnen Spieler: der Wahnsinn. Was du davon alles bezahlen kannst – und dabei denke ich weniger an neue Spielereinkäufe, sondern vor allem auch an die Infrastrukturmaßnahmen am Stadion und das Abbezahlen der Schulden vom Stadionbau. Wir werden in absehbarer Zeit diese Schulden getilgt haben und selbst Eigentümer des Stadions sein. Und das, auch ohne dass die Namensrechte verkauft wurden. Das finde ich eine große Sache.

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Wie zufrieden bist du mit euren Transfers in der Sommerpause? Auf welche Spieler sollten die Mainzer am Sonntag besonders achten und wer könnte den Unterschied machen?

Ich fände es gar nicht so übel, wenn ihr auf gar keinen Spieler besonders achtet. Nein, Scherz beiseite, natürlich muss Alassane Pléa hier zuerst genannt werden, weil er sicher unser auffälligster Neuzugang und immer für ein Tor gut ist. Was dabei zuletzt auch sehr beeindruckt hat, ist die Unvorhersehbarkeit seiner Tore und Torschüsse. Es gelingt ihm immer wieder, Gegner damit zu überraschen. Auf diesen Effekt hoffe ich natürlich am Sonntag auch. Mehr Unberechenbarkeit war eines der Dinge, die ich mir vor der Saison gewünscht hatte, und die bringt er auf jeden Fall mit. Auch sehr gefreut hat mich die Rückkehr von Florian Neuhaus aus der Leihe in Düsseldorf, und dass er sich nahtlos ins Team eingefunden hat. Er spielt schon ganz schön abgebrüht im offensiven Mittelfeld.
Zwei neue Gesichter, die mich besonders gefreut haben, die in den Medien aktuell aber keine so große Rolle spielen, sind die beiden jungen Außenverteidiger, Jordan Beyer und Andreas Poulsen. Auf beiden Seiten, rechts wie links, waren wir jahrelang schlecht aufgestellt und ich bin froh, dass wir dort jetzt junge neue Spieler sehen. Aber über die müsst ihr euch für Sonntag sicherlich keine Gedanken machen, dort spielt aktuell noch das etablierte Personal. Wie oben schon kurz erwähnt, sind diese Saison aber nicht nur die Neuzugänge ein veränderter Faktor, sondern auch, dass Spieler, die schon länger dabei sind, in anderen Rollen oder mit veränderter Interpretation ihrer Aufgaben unterwegs sind. Wer das ist und wie sie das lösen, verrate ich aber nicht.

Was erwartet Mainz 05 im Borussia Park? (Foto: Meenzer on Tour)

Was erwartet Mainz 05 im Borussia Park? (Foto: Meenzer on Tour)

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Welche(s) System(e) lässt Dieter Hecking aktuell spielen? Wie flexibel stellt er um? Hat die Mannschaft schon verinnerlicht, was der Trainer von ihnen will? Und wird die Partie wieder vom VAR geprägt? Hust… Im Ernst, was für ein Spiel erwartest, welches Ergebnis tippst du?

Wir haben ja vor Beginn der Saison auf das 4-3-3-System umgestellt und es erscheint über weite Strecken schon ziemlich gut eingespielt. Da scheinen Spieler und Trainer ihre Hausaufgaben in der Sommerpause gemacht zu haben. Größere Umstellungen dieses Systems habe ich bislang noch nicht gesehen, es scheint eher so, dass die Spielweise innerhalb desselben Systems immer wieder anders interpretiert wird, entweder durch den Einsatz anderer Spielertypen (vor allem im Mittelfeld) oder dadurch, dass der gleiche Spieler seine Position anders wahrnimmt. Am auffälligsten war das wohl im Bayern-Spiel, wo wir trotz gleicher Formation auf dem Papier ganz anders gespielt haben als in den Spielen zuvor.
Die beiden nächsten Spiele – gegen Mainz und Freiburg – sind für mich echte Prüfsteine. Beides sind Clubs, gegen die wir in den letzten Jahren schon echt alt ausgesehen haben und mit deren Spielweise wir uns oft schwer tun. Zu sehen, ob das neue System und der neue Schwung daran etwas ändern, ist mir wirklich wichtig. Erst danach würde ich mir eine Erwartungshaltung für den Rest der Hinrunde zutrauen. Diese Spiele sind mir wichtiger als das Bayern-Spiel.
Am Sonntag erwarte ich ein Spiel ähnlich wie das gegen Augsburg, mit einem Gegner, der extrem unangenehm zu bespielen ist und versucht, genau das schnelle, präzise Passspiel zu unterbinden, das wir am liebsten spielen. Wie wir diese Aufgabe lösen, wird bestimmen, wie es ausgeht. Ich denke, dass es sehr eng wird und das Spiel in die eine wie in die andere Richtung kippen kann. Ich bin auf jeden Fall gespannt wie ein Flitzebogen.

KOMPAKT
Die Borussia ist der beste Club der Welt, weil … sie genauso unaufgeregt mittelmäßig und stabilitätsorientiert ist wie ich.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … die Lautstärke, die sich dort entwickeln kann. Die Akustik, gerade auch die Reflektion des Schalls auf das Spielfeld, wurde beim Bau berücksichtigt und das merkt man. Wenn die Bude brennt, knallt es dir das Trommelfell weg.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … kein Borusse. Asche auf mein Haupt.
Wer Gladbach besucht, sollte unbedingt … die Stadt links liegen lassen, sich ein Rad mieten und die schönen flachen Rad- und Feldwege am Niederrhein erkunden.
Besonders lecker essen Gästefans in … jedem Lokal, in dem es Muscheln rheinische Art gibt.

Vielen Dank für das Gespräch!

LETZTE WORTE
In dieser Woche feiern zwei ihre Geburtstage, die in der vergangenen Saison teilweise ordentlich einstecken mussten, sich dabei aber nicht aus der Ruhe bringen ließen: Coach Sandro Schwarz (40) und Sportvorstand Rouven Schröder (43). Alles Gute den beiden und es gilt auch weiterhin: Immer mit der Ruhe auf dem Mainzer Weg.

|| Vielen Dank an Rheinhessen on Tour und Meenzer on Tour für die Fotos. ||

05-Gegnerbetrachtung: (K)Ein Aufbaugegner für Schalke

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal beantwortet Nele Hüpper meine Fragen zum FC Schalke 04.

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Liebe Nele, herzlichen Dank, dass du dir die Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Du studierst in Marburg und arbeitest nebenher bereits als Sportjournalistin, unter anderem für das Magazin Philipp und die Webseite des DFB. Wann war dir klar, dass du diesen Weg gehen möchtest?

Nele HuepperSehr gerne doch! Über Bekannte habe ich die beiden Gründerinnen des Philipp-Magazins kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt habe ich Germanistik auf Lehramt studiert, da lag es nahe, mich an dem Projekt zu beteiligen. Ich mochte Wörter, Katha und Leo mochten, wie ich schrieb – und so wurde ich Teil einer wunderbaren studentischen Redaktion. Über die Monate entwickelte sich ein unfassbar tolles Projekt, noch viel wichtiger war aber der Umstand, dass ich mich mit beiden sehr gut anfreundete, mit Katha zog ich schließlich auch zusammen. In meinem dritten Semester bekam ich mehr und mehr Probleme mit meinem Lehramtsstudium und haderte damit, mein Leben komplett im Bildungsbetrieb zu verbringen. Angetrieben durch das Philipp-Magazin schrieb ich inzwischen auch für Handball-World, ein Handball-Online-Magazin. Katha, die schon immer den Wunsch hegte, Journalistin zu werden, weckte irgendwas in mir, wenn sie von ihren Praktika erzählte. Also entschied ich mich, mein Lehramtsstudium hinter mir zu lassen und in Marburg Kulturwissenschaft zu studieren. Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft, um genau zu sein. Durch Glück, Zufall, Karma oder was auch immer bekam ich ein Jahr, nachdem ich mein Lehramtsstudium geschmissen hatte, ein erstes journalistisches Praktikum beim Radiosender NDR 1 Niedersachsen. Während der Olympischen Spiele 2016 habe ich den gesamten August im Landesfunkhaus in Hannover verbracht, und wenn ich nicht zu diesem Zeitpunkt schon verrückt genug nach „irgendwas mit Sportmedien“ gewesen wäre, spätestens nach diesem Praktikum war es um mich geschehen.

Arena auf Schalke: keine Waffen, keine Nazis. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Arena auf Schalke: keine Waffen, keine Nazis. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Frauen gelten im Sportjournalismus immer noch als Exotinnen, obwohl sich da in den letzten Jahren für mein Empfinden einiges getan hat. Du hast zur WM 2018 an einem Workshop der taz teilgenommen, der sich speziell an Frauen im Sportjournalismus richtete. Was hast du in dieser Zeit für dich mitnehmen können?

Das ist interessant, dass sich deiner Ansicht nach in dem Punkt etwas getan hat. Die „nackten Zahlen“ sagen etwas anderes: Beim Verband Deutscher Sportjournalisten sind laut JournalistInnenbund 10 Prozent der Mitglieder weiblich. Ein Wert, der sich von 2004 bis 2018 nicht verändert hat. Männer schreiben nun mal über Männer. Und Fußball. Was ich beim Workshop der taz gelernt habe (und was sich wahrscheinlich mit deiner Einschätzung deckt): Es geht vor allem um Sichtbarkeit und darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Egal, ob als Frauen oder Männer. Ich habe das Gefühl, dass Sportjournalistinnen mehr in die Öffentlichkeit gehen, einfach sichtbarer werden und sich dadurch die Wahrnehmung verändert. Außerdem habe ich neben diesen Erkenntnissen neun andere, großartige Journalistinnen an verschiedenen Punkten ihrer Laufbahnen kennenlernen dürfen. Allein dafür hat der Workshop sich gelohnt. Über unsere Erfahrungen und Biographien zu reden war fast noch ein bisschen interessanter, als das Schreiben der Sonderbeilage. Natürlich war es auch schön, mal wieder ein Printprodukt zu produzieren.

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In Sachen Verband stellt sich natürlich die Frage, ob alle Frauen, die über Sport schreiben, auch Mitglieder werden. Aber gehen wir einen Schritt weiter: Wie würdest du deine Erfahrungen im Job bislang beschreiben? Empfindest du den Sportjournalismus tatsächlich als Männerdomäne? Wie gehen KollegInnen mit dir um, wie die Vereine, Auftraggeber oder Interviewpartner?

Tatsächlich habe ich noch nie wirklich schlechte Erfahrungen gemacht. Es fühlt sich komisch an, bei Pressekonferenzen die einzige Frau zu sein. Sportjournalismus ist eine Männerdomäne. Punkt. Was auch daran liegt, dass der Großteil des, ich sag mal, „interessanten“ Sports von Männern betrieben wird. Wenn wir über die Nationalmannschaft schreiben, meinen wir die der Männer im Fußball. Ich nehme mich da nicht raus, obwohl mein Interesse am Sportjournalismus ja eigentlich auch aus einer Randsportart kommt.
Von allen Kollegen wurde ich in meinen bisherigen Praktika stets mit Respekt behandelt. Auch von den Kolleginnen. Egal ob im Verein oder bei Interviews: Schlechte Erfahrungen habe ich noch nicht bewusst wahrgenommen. Oh, doch, da fällt mir etwas ein: Nach einem Handball-Bundesligaspiel wollte ich einen O-Ton von einem Nationalspieler holen, wie nach jedem Spiel. Ein älterer Print-Kollege stand schon da und hat fleißig mitgeschrieben, Fragen gestellt und Antworten bekommen. Bevor ich meine Frage stellen konnte, hat der Spieler mir auf die Schulter geklopft und ist einfach abgehauen. In der Situation habe ich mich vor allem über mich selbst geärgert, dass ich nicht etwas resoluter darauf gepocht habe, auch eine Frage stellen zu können. Solche Erfahrungen gehören dazu, daran muss man wachsen. Ein Kollege einer anderen Zeitung hat mir im Nachhinein erzählt, dass er ebenfalls von diesem Spieler stehengelassen wurde, am selben Spieltag wie ich.

Vier Tage, zehn Frauen: Journalistinnen-Workshop bei der taz. (Foto: Screenshot)

Vier Tage, zehn Frauen: Journalistinnen-Workshop bei der taz. (Foto: Screenshot)

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Deine Auslegung in Sachen „interessanten“ Sports finde ich total ungewöhnlich. Ich empfinde das anders und glaube, das hat viel mit Gewohnheit zu tun. Wer legt denn fest, was interessant ist und was nicht? Letztlich geht es auch da um Wahrnehmung. Und was die betrifft, steht die Bundesliga der Männer hoch im Kurs. Da gehört deine Liebe dem FC Schalke 04. Wie ist die Verbindung entstanden und was macht für dich den besonderen Reiz aus?

04 Worte zu Schalke: Heimat. Nordkurve. Familie. Bottrop. Okay, vielleicht noch ein paar Worte mehr: Schalke hat diesen tollen Werbeslogan. „FC Schalke 04. Wir leben dich.“ Das passt einfach, zum Verein und zum Umfeld. Meine Familie ist tief im Ruhrgebiet verwurzelt, obwohl ich mich selbst immer als „norddeutsches Kind“ bezeichne. Aus Hannover, wie ein Freund an dieser Steller gern zu sagen pflegt, aber für mich zählt das zu Norddeutschland. Genauso zählt für mich die Geschichte meiner Familie. Meine Großeltern wurden in Essen geboren, ein Großteil der Verwandtschaft wohnt in Bottrop. Die sind Schalke-Fans. Ich würde gern sagen, dass ich keine andere Wahl hatte, aber ich bin die einzige aus dem „Niedersachsen-Teil“, die sich überhaupt für Fußball interessiert. Als Kind mochte ich die Farbe blau am liebsten, also wurde ich Schalke Fan, weil ich wusste, ein Teil meiner Familie ist es auch. Meine Oma fand das gut, weil mein Opa RWE-Sympathisant war. So banal kann das manchmal sein.
Wirklich „angefixt“, es gibt kein besseres Wort dafür, wurde ich dann 2013. Ich weiß nicht mehr, welches Spiel das genau war, ich weiß nur noch, es war März und arschkalt. Ich saß mit zwei Freundinnen aus München (beide Bayern-Fans, aber Fußball generell nicht abgeneigt) im Oberrang, schräg gegenüber der Nordkurve, es hat gezogen wie Hechtsuppe. Der Nordkurve beim Singen zuzusehen, war fast noch toller, als zu versuchen, die kleinen Menschen auf dem Rasen zu identifizieren. Ich glaube, an dem Punkt war es endgültig um mich geschehen. Schalke hat dieses gewisse „je ne sais quoi“, von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt kann man in einer Saison alle Emotionen mitmachen. Oder auch in einem Sommertransfer-Fenster. Mehrfach. Ich lebe diesen Verein. Mal mehr, mal weniger. Auch die Reise zum Europa League-Spiel nach Nizza 2016 gehörte dazu. Ich hab eine Karte ergattert, meine Freunde konnten oder wollten nicht mit. Also bin ich alleine nach Nizza. Aber so kitschig es klingen mag: Als Schalke- und als Fußball-Fan ist man niemals allein. Vor allem nicht bei Auswärtsfahrten.

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Schalke galt über Jahre als Synonym für Chaos. Als bekannt wurde, dass man den Mainzer Christian Heidel nach Gelsenkirchen holen will, gab es neben Zustimmung auch Gelächter, nach dem Motto: Was hat der schon geleistet. In Mainz wussten wir natürlich, diese Stimmen sind ahnungslos. Aber wie hast du das damals empfunden?

Schwierig. Ich war sehr überrascht. Genauso überrascht war ich übrigens, als Jens Keller im Oktober 2014 entlassen wurde. Ein sehr großer Fehler, zumindest empfinde ich das immer noch so. Vor allem wegen Roberto Di Matteo… Nun ja. Mit Christian Heidel konnte ich nicht viel anfangen, als er 2016/2017 zu Schalke gekommen ist. Wahrscheinlich, weil ich die Entwicklung von Mainz 05 so gut wie gar nicht auf dem Schirm hatte. Doch wenn man sich die unter Heidel anschaut, kann man mitnichten davon sprechen, dass er nichts erreicht hat.
Heidel entpuppte sich meiner Ansicht nach als Glückstreffer für S04, vor allem nach den doch erfolgreichen Jahren mit Horst Heldt. Auf „Hotte“ halte ich übrigens immer noch große Stücke, aber manchmal ist Veränderung richtig, für beide Seiten. Es kommt mir vor, als ob das alles gerade erst gestern passiert ist. Und doch fühlt es sich so an, als wäre Heidel schon immer da und würde alles in die richtigen Bahnen lenken. Heidel regelt halt.

Schalke-Vorstand Christian Heidel. (Foto: Karsten Rabas - Own work, CC BY-SA 3.0)

Schalke-Vorstand Christian Heidel. (Foto: Karsten Rabas – Own work, CC BY-SA 3.0)

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Das Gerücht wurde Realität und Heidel sagte Schalke zu. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, André Breitenreiter zu entlassen und Markus Weinzierl zu verpflichten, der nach nur einer Saison wieder gehen musste. Beerbt wurde er von Domenico Tedesco. Wie sortierst du die schnellen Wechsel nachträglich ein?

Uff. Wie nennt man dieses Karussel? Schalkig? Es passt zum Chaos-Mythos. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass alles gutgegangen ist. Wobei ich schon traurig über die Entlassung von Breitenreiter war. Er ist ein guter Trainer, der meiner Ansicht nach auch gut zu Schalke gepasst hat. Sehr offen, ehrlich im Umgang mit Medien und Spielern. Zumindest sah es von außen so aus. Der erste „Heidel-Trainer“ Markus Weinzierl macht aktuell durch Nachtreten gegen Schalke auf sich aufmerksam. Nun ja. Auch Weinzierl ist mit fünf Niederlagen in seine Bundesliga-Saison gestartet und er musste am Ende der Saison gehen. Es wäre schön, wenn sich mal so etwas wie Kontinuität auf dem Schleudersitz namens Trainerstuhl auf Schalke einstellt. Ich denke, mit Tedesco haben wir diese Kontinuität gefunden, trotz der fünf Bundesliga-Niederlagen zu Beginn.

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In der ersten Saison unter Tedesco wurde Schalke Vizemeister. Die blauweiße Welt schien in Ordnung und viele bescheinigten Heidel, er ernte nun die Früchte seiner Arbeit. Aber wie gut waren die Transfers wirklich? Und wurde der zweite Platz nicht auch dadurch möglich, dass alle anderen unfassbar patzten?

Zu Beginn war ich super kritisch. Wie Fußball- und insbesondere Schalke-Fans es halt sind. Naldo? Zu alt. Stambouli? Bankdrücker bei PSG. Embolo? Schweizer Talent. Mehr auch nicht. Burgstaller? Zweitligastürmer, wie soll der uns in der Bundesliga helfen? Tja. Ich wurde und werde immer noch eines besseren belehrt. Die Entwicklung dieser Spieler, die ich jetzt exemplarisch genannt habe, hat mich sehr beeindruckt. Und ich hoffe, denke, bete, dass sich die Transfers der Saison 18/19 ähnlich entwickeln. Hamza Mendly und Suat Serdar passen in das Profil von Tedesco: jung und hochtalentiert. In der meiner Ansicht nach guten Mischung mit gestandenen Profis wie Oczipka, Naldo und Sané liegt die Stärke der Mannschaft von 18/19. Ich finde es auch ziemlich gut, dass Baba nach seiner Verletzung noch mal auf Leihbasis eine Chance auf Schalke bekommt. Natürlich merkt man wegen dieser Verletzten und wegen des Abgangs von Goretzka, dass irgendwas bei Schalke nicht mehr stimmt. Auch ein Thilo Kehrer fehlt. An dieser Stelle kann man durchaus auch Heidel und Tedesco kritisieren, dass der Kader vielleicht doch nicht breit genug ist.
In der Saison 2016/17 landete RaBa Leipzig mit insgesamt 67 Punkten, also 15 Punkten Abstand hinter den Bayern, auf dem zweiten Tabellenplatz, 2013/14 wurde der BVB mit 71 Punkten und 19 Punkten Abstand Zweiter hinter den Bayern. Ich denke, dass Schalke in der vergangenen Saiso, als man mit 63 Gesamtpunkten und 21 Punkten Abstand Vizemeister wurde, natürlich auch von Ausrutschern der Gegner profitierte. Wie alle anderen Vizemeister zuvor. Das ist einfach eine Entwicklung in der Bundesliga, an der nicht die Schalker Schuld sind, aber bei 04 wird es so hochstilisiert. Das mag an der Art und Weise gelegen haben, also wenig Offensivfußball und dreckige 1:0-Siege. Aber hey, mal wieder einen Titel zu gewinnen tut uns Schalkern gut. Auch wenn es nur die Vizemeisterschaft und „der schlechtester Zweiter aller Zeiten“ ist.

Mainzer Fans in der Arena auf Schalke. (Foto: Rheinhessen on Tour)

Mainzer Fans in der Arena auf Schalke. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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In der neuen Saison läuft es bisher maximal schlecht für den Verein. Nach fünf Spieltagen ist man mit null Punkten Tabellenletzter. Worin siehst du die Gründe für den Fehlstart? Wie viel Pech ist dabei, wie viel eigenes Unvermögen? Hat sich das in Vorbereitung irgendwie abgezeichnet, dass diese Saison Tedesco vor besondere Probleme stellen könnte?

Das ist jetzt nichts, was man nicht kennen würde, zum Beispiel aus der Weinzierl-Saison. Ich bin wirklich überfragt, warum es schon wieder nicht funktioniert. Die guten Menschen von FUMS haben zum Spiel in Freiburg getwittert Green Day habe angerufen: Wir sollten die Schalker mit aufwecken, wenn der September vorbei sei. Und sie haben einfach Recht. Natürlich ist da viel Pech dabei, trotzdem stimmt es in der Defensive nicht mehr, unsere eh nicht so stark besetzte Offensive kann das im Moment nicht auffangen. Wir haben in den ersten fünf Spielen so einige Treffer nach Standards kassiert. In der vergangenen Saison undenkbar. Und dann gegen Freiburg… Ralf. Ralle. Der ewige Fährmann, der Schalke im Blut trägt und der bei den Fans so hoch im Kurs steht, ausgerechnet dieser Ralf Fährmann, der Schalke in der vergangenen Saison so manches Mal den Hintern gerettet hat, der patzt. Und das in einer Situation, die wirklich unnötig war. Nicht nur aus dem Spiel heraus, auch in der der Gesamtsituation betrachtet. Ein 0:0 in Freiburg wäre nicht gut gewesen, aber besser als diese Niederlage.

Im Nachhinein ist es einfach, aus der Sommerpause dieses und jenes abzuleiten, ich bin kein Fan davon. Die Euphorie bei vielen Schalke-Fans (und bei mir persönlich) war mehr als vorhanden, inzwischen nehme ich alles mit Galgenhumor. Ganz wie Ikarus sind wir Fans einfach zu hoch in Richtung Sonne geflogen. Doch genug der Jammerei. Wenn jemand den Turnaround schafft, dann das Gespann Heidel/Tedesco. Davon bin ich fest überzeugt. Dass sie es mit dieser Mannschaft können, haben sie letzte Saison bewiesen, eine gute Platzierung werden sie auch diesmal schaffen. Und auch Ralf Fährmann wird gegen Mainz trotz des Patzers wieder im Tor stehen und gut sein. Wie immer, unser Ralf halt.

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Liegt eine Mannschaft erstmal derart am Boden, wird auch der Kopf zum massiven Problem. Was muss Tedesco deiner Meinung nach tun, um die Spieler wieder aufzurichten? Traust du ihm diese Aufgabe zu? Was hältst du davon, dass einige Medien nun bereits schreiben, er sei „entzaubert“ und über seine Entlassung unken?

Domenico Tedesco (Foto: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Domenico Tedesco (Foto: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Wer, wenn nicht Tedesco? Der vor-der-Mannschaft-kniende-Derby-Unentschieden-Gewinner (Ich hätte Karten bekommen können und bin nicht hingegangen, ich ärgere mich heute noch) ist der Trainer, den Schalke braucht. Dass Tedesco entzaubert sei, halte ich für absoluten Quatsch. Ihn zu entlassen würde den Verein nur in Zeiten zurückwirbeln, die sich keiner wünschen kann. Ich bin trotz aller Unkenrufe überzeugt von Tedesco und der Mannschaft. Ich glaube nicht, dass in diesem Fall der Kopf das Problem ist. Wieder muss ich sagen: Es sieht von Außen nicht so aus, als würde in dieser Mannschaft etwas nicht stimmen. Keine Ahnung, was sich im inneren der Mannschaft und des Vereins abspielt. Die Mannschaft funktioniert als Ganzes neben dem Platz, das hat man im Trainingslager gesehen, als ein Fan Franco Di Santo beleidigt hat und die Mannschaft daraufhin reagiert hat. Auch der Ausraster von Di Santo nach dem Bayern-Spiel wurde intern aufgearbeitet und ist abgehakt. Jetzt muss diese positive Energie auch wieder auf dem Platz in Tore und Ergebnisse umgewandelt werden.
Die vergangene Saison hat gezeigt, dass Team und Trainer zusammenwachsen, ja sogar großartigen Offensivfußball spielen können, wie in Dortmund. Mentalität ist vorhanden und ich denke, Tedesco ist an dieser Stelle absolut richtig und gut für den Verein. Natürlich muss kritisch hinterfragt werden, warum dieser Fehlstart so (schon wieder) passiert. Und wenn sich nichts ändert müssen Konsequenzen gezogen werden. Doch der Auftritt gegen Porto und auch das Spiel in Freiburg mit vielen Chancen aber dem fehlenden Glück im Abschluss stimmen mich positiv. Schalke spielt wieder in der Champions League. Auch im DFB-Pokal sind wir nicht in der ersten Runde rausgeflogen. Natürlich kann das nicht der Anspruch eines Vereins wie Schalke 04 sein. Und trotzdem glaube ich, dass da von dieser Mannschaft noch einiges zu sehen sein wird.

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Am Samstag ist Mainz zu Gast auf Schalke. Die 05er sind mit sieben Punkten aus drei Spielen gut in die Saison gestartet, mussten dann in Leverkusen eine Niederlage verkraften und haben sich zuhause gegen Wolfsburg ein Unentschieden erackert. Was für ein Spiel erwartest du von Schalke? Worauf müssen Sandro Schwarz und seine Jungs sich einstellen?

Vor allem auf eine volle, laute, kochende Veltins-Arena. Außerdem sollten die Mainzer sich auf eine kämpferische Schalker Mannschaft einstellen. Teams, die vermeintlich am Boden liegen (oder im Fall von Schalke auf dem letzten Tabellenplatz stehen) sind am gefährlichsten, denn sie haben am wenigsten zu verlieren. Ich denke nicht, dass es die spielerisch schönste Begegnung beider Mannschaften wird, ganz im Gegenteil. Ich rechne mit viel Kampf im Mittelfeld und zwei Mannschaften, die sich sehr beackern werden. Ich hoffe und bete, dass Tedesco irgendwas aus dem Hut zaubert, damit Schalke gewinnt.

Flutlichtspiel der Mainzer auf Schalke in der Vorsaison. (Foto: Meenzer on Tour)

Flutlichtspiel der Mainzer auf Schalke in der Vorsaison. (Foto: Meenzer on Tour)

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Wie ist dein Tipp fürs Spiel? Und wie der für den weiteren Saisonverlauf: Wird Schalke 04 die Liga überraschen und genug Geduld aufbringen, um mit Tedesco die Wende zu schaffen?

Weil ich ein positiver Mensch und Berufsoptimistin bin, tippe ich auf einen befreienden 3:0-Sieg, ähnlich wie am sechsten Spieltag 2016/17 gegen Gladbach. Da haben wir übrigens auch Zuhause gespielt. Ja, ich bin hoffnungslos optimistisch. Ikarus, Sonne und so. Zum weiteren Saisonverlauf: Wer, wenn nicht Tedesco?! Ein klares Ja. Ohne Einschränkungen. Diesen Vertrauensbonus haben er und die Mannschaft sich redlich erarbeitet. Jetzt müssen sie liefern. Und das werden sie.

KOMPAKT
Schalke 04 ist der beste Club der Welt, weil … Hey, es ist Schalke. Da stellt sich die Frage gar nicht.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es bald komplett dem Verein gehört. Zumindest rechtlich ab Anfang 2019, wenn die letzte Rate bezahlt ist. Außerdem: Wie cool sind bitte die beweglichen Teile wie Rasen, Dach oder Südtribüne?
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Benedikt Höwedes. Oder Ralf Fährmann. Nein, beide!
Wer Gelsenkirchen besucht, sollte unbedingt … zur Zeche Nordstern fahren und sich den Nordsternpark angucken. Ich habe dort erst richtig verstanden, was „Glück Auf!“ für die Region und die Stadt der 1.000 Feuer bedeutet.
Besonders lecker essen Gästefans im … Süden der Stadt, im Steakhaus Witte. Aber auch rund um den Schalker Markt gibt es die ein oder andere kulinarische Entdeckung zu machen. Und sei es ein Veltins im Schalke-Ambiente.

LETZTE WORTE
Kaum startet dein Verein gut in die Saison, wird nach Abpfiff schon wieder auf deutlich höherem Niveau gemeckert. Gut und wichtig, dass Trainer Sandor Schwarz und seine Mannschaft nach dem torlosen Unentschieden gegen Wolfsburg unter der Woche in die selbstkritische Analyse gehen. Die Fans dürfen sich aber ruhig freuen über das Wissen, letzte Saison hätte man eine derartige Partie vermutlich in einem unachtsamen Moment verloren. Oder wie Jürgen Klopp einst eine Weisheit des ewigen Wolfgang Frank an seinen Spieler Schwarz übermittelte: Wenn man eine Partie schon nicht gewinnen kann, darf man sie zumindest nicht verlieren.

Gewonnen hat am Mittwochabend ganz offensichtlich ein junger Mann, der von Klaus Hafner während des Spiels aufgerufen wurde: Er ist Vater geworden. Glückwunsch an die ganze Familie!

|| Vielen Dank an Rheinhessen on Tour und Meenzer on Tour für die Fotos. || 

05-Gegnerbetrachtung: Die Krise in Leverkusen verlängern

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins. Diesmal beantwortet Bastian Hahne meine Fragen rund um Bayer 04 Leverkusen.

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Bastian HahneHallo Bastian, danke, dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Verrate den Lesern doch bitte erstmal etwas über dich: Was hast du für eine Verbindung zu Bayer Leverkusen? Und wie lange existiert die schon?

Ich bin seit Mitte der 90er Leverkusen-Fan. Das ist damals aus räumlicher Nähe (Bergisch Gladbach) und über Freunde so gekommen. Mein erstes Spiel im Stadion war das 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern am letzten Spieltag der Saison 1995/96. Und das hatte es bekanntlich in sich. Nach dem 1:0 von Pavel Kuka war der Bayer abgestiegen, doch Markus Münch rettete uns mit seinem Ausgleichstreffer in der 82. Minute. Grenzenloser Jubel, Platzsturm nach dem Spiel – das hinterlässt einen bleibenden Eindruck auf einen Teenager. Seitdem haben der Verein und ich einiges erlebt. Einen weiteren Fast-Abstieg, haufenweise Vize-Titel, zwei verlorene DFB-Pokalendspiele und ein verlorenes Champions-League-Finale. So bitter das auch klingen mag, waren es doch unvergessliche und schöne Zeiten.

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Stichwort Werksclub: Leverkusen ist ein Verein, der außerhalb der eigenen Fankreise nicht gerade als spannend gilt. Interessiert dich dieses Image? Gibt’s in deinen Augen überhaupt Vereine in der Bundesliga, die grundsätzlich elektrisieren? Und gab es die je?

Das kommt ganz drauf an, in welchen Kreisen man verkehrt. Klar sind wir vielen Fans der sogenannten Traditionsvereine ein Dorn im Auge durch den Bayer-Konzern im Rücken, der natürlich einen gewissen Vorteil darstellt. Auch wenn es längst nicht vergleichbar mit RB Leipzig oder 1899 Hoffenheim ist. Ein Traditionsverein sind wir dagegen auch, immerhin ist kein aktueller Bundesligist außer Bayern und Dortmund länger am Stück in der 1. Bundesliga als Leverkusen. Und das sind jetzt immerhin schon 40 Jahre. Zudem bekommt man von den reinen Fußball-Liebhabern immer wieder Anerkennung für den guten Fußball, der in Leverkusen gespielt wird. Diesen Ruf hat man sich damals unter Christoph Daum erarbeitet und den haben wir bis heute, auch wenn Spielzeiten mit ganz fiesem Fußball dazwischenliegen.

Dimitar Berbatow im Mai 2016. (Foto: Biser Todorov – Eigenes Werk, CC-BY 4.0)

Dimitar Berbatow im Mai 2016. (Foto: Biser Todorov – Eigenes Werk, CC-BY 4.0)

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Die Faszination für den eigenen Verein zu beschreiben, ist keine einfache Sache. Irgendwas mit Liebe – und die lässt sich schwer erklären. Ich bin trotzdem neugierig: Wie hast du dich in Bayer verliebt, was fasziniert dich am Verein? Und was macht eure Fankultur aus?

Das kam durch zuvor beschriebenes prägendes Spiel gegen Kaiserslautern. Außerdem begeistert und identifiziert man sich als Jugendlicher ja mit Spielern, die man toll findet. Das fing mit Ulf Kirsten an, ging über Erik Meijer, Carsten Ramelow und Dimitar Berbatov bis Stefan Kießling, der wohl die größte Vereinsidentifikation aller Spieler gelebt hat, die ich begleiten durfte. Unsere Fankultur unterscheidet sich wahrscheinlich nicht groß von der anderer Vereine. In der Struktur sind doch alle sehr ähnlich, nur in der Größe nicht. „Klein, aber Oho“, würde ich sie nennen. Es hat auch durchaus Vorteile, keine riesige Fangemeinde zu haben. Man ist bei Auswärtsspielen, vor allem international, unter sich. Man kennt die Leute und man muss sich nicht auf dem Schwarzmarkt um Tickets bemühen. Das soll nicht heißen, dass Bayer-Fans nicht in der Lage sind, größere Massen zu mobilisieren. Beim DFB-Pokalfinale 2009 gegen Werder Bremen hat uns das Kartenkontingent im Berliner Olympiastadion nicht ausgereicht.

Als Fan geht man eher noch kritischer mit dem eigenen Verein um als aus neutraler Sicht. Und das ist auch gut so. Bastian Hahne

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Du arbeitest beim WDR und schreibst als Leverkusen-Experte bei Spiegel Online. Wie gehst du als Journalist mit „deinem“ Verein um? Und ist das in deinem Jobumfeld je Thema?

Eigentlich nur bei Frotzeleien unter Kollegen, wenn es gegen den Klub des anderen geht oder der eigene Verein gerade ziemlich schlecht (wie jetzt gerade) spielt. Es hat Vorteile, wenn man sich mit einem Thema auskennt, wenn man darüber schreiben muss. Als Fan geht man eher noch kritischer mit dem eigenen Verein um als aus neutraler Sicht. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Und das ist auch gut so.

Mainzer Fans bei der Auswärtspartie in Leverkusen. (Fotp: Rheinhessen on Tour)

Mainzer Fans bei der Auswärtspartie in Leverkusen. (Foto: Rheinhessen on Tour)

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Am 4. Spieltag empfängt Bayer Leverkusen als Tabellenletzter mit 0 Punkten Mainz 05. Der FSV reist mit 7 Punkten an. Eine Konstellation, die so vor der Saison sicher nicht zu erwarten war. Oder? Wie war dein Gefühl bezüglich der neuen Saison in der Sommerpause?

Kurz nach Saisonende war schon eine gute Portion Vorfreude auf die kommende Saison da. Die Mannschaft hat im letzten Saisonspiel gegen Hannover (3:2) alles gegeben, um es sogar noch in die Champions League zu schaffen. Das hat nicht geklappt, aber der Einzug in die Europa League war nach der verkorksten Vorsaison immerhin das Minimalziel. Es blieb allerdings der Beigeschmack, dass deutlich mehr drin war und man im Laufe der Saison sehr viele Punkte unnötigerweise liegen gelassen hat. Die Vorbereitung hat dann leider nicht gerade Mut gemacht. Wenig überzeugenden Testspielen folgten ein schwacher Pokalauftritt und dann der katastrophale Saisonstart. Das hatte sich angekündigt.

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Auf Twitter hast du während des Spiels gegen München am letzten Samstag geschrieben: „Wenn morgen (16. September) nicht die Notbremse gezogen wird, verstehe ich die Welt nicht mehr.“ Und in der Vorschau aufs Spiel hast du die schwache Rückrunde der Vorsaison angesprochen. Ist eine Trainerentlassung wirklich die beste Lösung?

Im Moment sehe ich keine Alternative. Natürlich würde ich mich gerne irren und Heiko Herrlich das Ruder herumreißen sehen, aber ich sehe das nicht kommen. Die letzten Ligaspiele waren ein Offenbarungseid. So schwach habe ich den Bayer schon sehr lange nicht mehr spielen sehen, was im krassen Gegensatz zu den mutigen Vorsätzen von Spielern, Funktionären und Trainer steht. Jetzt steckt die Truppe in einer Negativspirale, die zur Kopfsache wird. Und da hilft meistens nur ein Neuanfang, in diesem Fall durch einen Trainerwechsel.

7
Nach dem Spiel wurde das Foul von Karim Bellarabi heftig diskutiert. Glaubst du, eine solche Aktion ist auch ein Zeichen dafür, dass etwas in der Mannschaft nicht stimmt? Oder ist diese Interpretation Unsinn?

Bellarabi geht gerne mal etwas übermotiviert zur Sache und hat ein durchaus verbesserungswürdiges Zweikampfverhalten. In diesem Fall ist ihm eine Sicherung durchgebrannt und die Strafe (vier Spiele Sperre und Geldstrafe) ist angemessen. Völlig daneben waren allerdings die Äußerungen von Uli Hoeneß („geisteskrank“, „wollte ihn vorsätzlich verletzen“, „gehört drei Monate gesperrt“) zu dem Thema. Aber das ist ein Thema für sich.

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Aus der Ferne wirkte die Verbindung zwischen Leverkusen und Heiko Herrlich ehrlich gesagt sehr gut. Letzte Saison spielte das Team den viertbesten Offensivfußball der Liga, Platz 4 und damit die Champions League Quali wurde nur ganz knapp verpasst. Was läuft diese Saison so viel schlechter? Oder brodelte es in der letzten schon und das wurde nur nicht sichtbar?

„Brodeln“ ist wahrscheinlich nicht der passende Begriff, aber es war schon letzte Saison nicht alles Gold, was glänzt. Wie das Verhältnis zwischen Trainern und Spielern sich entwickelt hat, ist von außen schwer zu sagen. Sicher ist aber, dass die Mannschaft derzeit nichts von dem umsetzt, was der Trainer ankündigt. Und das ist alarmierend. Das 3:2 in der Europa League gegen Ludogorets Rasgrad war aber immerhin ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

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Bayers Sportdirektor Rudi Völler hat, so mein Gefühl, bei einer Hälfte der Fußballfans für immer ein Stein im Brett, die andere kann ihn nicht ausstehen. Wie siehst du ihn und wie beurteilst du seine Arbeit im Verein? Ist er Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Definitiv ein Teil des Problems. Das zeigt alleine schon Völlers Trainer-Quote. Zehn Trainer in den letzten zehn Jahren. Abgesehen von Jupp Heynckes hat keiner davon nach seiner Zeit in Leverkusen noch Bäume ausgerissen. Da ist Bruno Labbadia noch der Erfolgreichste. Zudem verpasst Völler gerne den richtigen Zeitpunkt für einen Trainerwechsel. Zuletzt hielt er viel zu lang an Roger Schmidt fest und fand mit Tayfun Korkut alles andere als einen passenden Ersatz. Heiko Herrlich war jetzt dritte Wahl, nachdem laut Völler zwei andere Kandidaten abgesagt hatten. Und möglicherweise zögert er auch jetzt wieder zu lange.

An diesem Wochenende geht es für die 05er nach Leverkusen. (Foto: Meenzer on Tour)

An diesem Wochenende geht es für die 05er nach Leverkusen. (Foto: Meenzer on Tour)

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Am Sonntag wird („Stand jetzt“) weiterhin Heiko Herrlich auf der Bank sitzen. Auf was für ein System muss sich Mainz 05 einstellen? Wie wird er versuchen, den Knoten auf dem Platz zu lösen? Und erwartest du, dass es ihm am Wochenende bereits gelingt?

Nachdem Herrlich in München überraschenderweise mit einer Fünferkette und nur drei Offensivspielern sprichwörtlich den Bus vor das eigene Tor gefahren hat, wage ich keine Prognosen mehr zur Aufstellung. Er wird um seinen Job kämpfen, aber ob das gelingt, ist mehr als ungewiss. Der Sieg im Europapokal hat ihm erstmal etwas Luft verschafft

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Wie ist dein Tipp fürs Spiel? Und wie der für die weitere Saison: Ist Herrlich an Weihnachten noch Trainer? Wenn du dir einen möglichen Nachfolger wünschen würdest, wer wäre das?

Mit einem Tipp tue ich mich sehr schwer. Es ist alles möglich, ein Mainzer Sieg erscheint derzeit noch am wahrscheinlichsten. Aktuell ist es schwer vorstellbar, dass Herrlich bis Weihnachten Trainer bleibt. Über Ersatzkandidaten möchte ich aber nicht spekulieren, solange er noch im Amt ist.

KOMPAKT
Bayer Leverkusen ist der beste Club der Welt, weil … er mein Club ist. Ganz einfach.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es mein zweites Zuhause ist.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Dimitar Berbatov. Der wohl talentierteste Spieler, der je das Bayer-Trikot getragen hat.
Wer Leverkusen besucht, sollte unbedingt … drei Punkte da lassen.
Besonders lecker essen Gästefans in … einem der zahlreichen Imbisse entlang der Bismarckstraße. Wir Heimfans haben mit der Schwadbud und dem Stadioneck noch andere Möglichkeiten, die für Gäste aber eher ungeeignet sind.

LETZTE WORTE
Mit breiter Brust treten die Mainzer den Weg nach Leverkusen an. Kein Wunder, nach sieben Punkten aus drei Spielen und dem Weiterkommen im Pokal. „Es soll keinen Spaß machen, gegen uns zu spielen“, sagt Trainer Sandro Schwarz. Umso mehr Vergnügen wünschen sich die eigenen Fans bei der Partie.

05-Gegnerbetrachtung: Der Glubb ist wieder da!

Die Gegnerbetrachtung ist zurück. Vor jedem Auswärtsspiel des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit PodcasterInnen, JournalistInnen oder BloggerInnen aus dem Umfeld des gastgebenden Vereins.
In der Auftaktfolge zur neuen Saison ist das Florian Zenger von Clubfans United.

1
Hallo Florian, danke dass du dir Zeit für die Gegnerbetrachtung nimmst. Verrätst du den Lesern zuerst ein bisschen etwas über dich? Wichtigste Frage, seit wann bist du Club-Fan – und was war dein prägendstes Erlebnis mit dem 1. FC Nürnberg?

346 Richtiger Fan bin ich wahrscheinlich erst seit der Abstiegssaison unter Klaus Augenthaler (2002/03), da hatte ich das erste Mal eine Dauerkarte. An der waren Vater und Brüder meiner damaligen Freundin schuld, die hatten schon länger eine und da bin ich dann mit. Wer richtig rechnen kann (und mein Geburtsjahr kennt), merkt schnell, dass ich damals schon zwanzig war, also war ich quasi Fußballfan, bevor ich Club-Fan wurde. Meine formativen Jahre in Sachen Fußball waren also ohne echte Vereinszugehörigkeit. Ich war zwar immer Sympathisant, fast logisch, wenn man seit 1992 in der Stadt wohnt, aber so richtig gefunkt hat’s nicht, wenn man nur so ab und zu ins Stadion ging. Jetzt gehe ich in die siebzehnte Saison mit Dauerkarte und fühle mich plötzlich sehr alt, wenn ich das so sage. Mit der damaligen Freundin bin ich inzwischen verheiratet und habe zwei Kinder, also auch das hat gehalten und geht in seine siebzehnte „Saison“. Im „echten Leben“ bin ich Oberstudienrat an der Fachoberschule einer Nachbarstadt von Nürnberg, die im Fußballzusammenhang nicht näher erwähnt wird, und unterrichte da Englisch, Sozialkunde, Geschichte und Theater.
Wie für alle Clubfans „meiner“ Generation dürfte der prägendste Moment sicher der Pokalsieg 2007 gewesen sein. Dass der Club je einen Titel holen würde, schien völlig unvorstellbar, deshalb war diese Nacht im Mai in Berlin eine besonders prägende und in Verbindung mit dem Abstieg im darauffolgenden Jahr wiederum eine besonders club-eske Erfahrung.

2
Du hast gesagt, du warst Fußballfan, bevor du Club-Fan wurdest. Inwiefern hat das dein Verhältnis zu diesem Sport geprägt oder andersrum gefragt, wie hat es sich durch die Liebe zu einem bestimmten Verein verändert?

Ich finde die erste Formulierung der Frage tatsächlich einfacher zu beantworten. Einer meiner besten Freunde meint, ich hätte deshalb ein eher nüchternes Verhältnis zum Fußball und würde die emotionale Komponente eher als weniger wichtig erachten. Das stimmt insofern, als dass ich tatsächlich eher ein Faible für die „rationale“ Seite des Sports, also Taktik, Statistik, Metrik entwickelt habe. Aber, was es nicht heißt, ist, dass ich während eines Spiels ruhig bleibe. Jubeln, fluchen, zetern, das passiert bei mir schon auch. Wobei mich tatsächlich – wobei das auch eine Berufskrankheit sein kann – Unwissen und Unfähigkeit der um mich herumsitzenden mehr nervt als ein einzelner Fehlpass.

3
Heute ist deine Beziehung zum Verein auch eine professionelle: Du schreibst als freier Journalist unter anderem für die Sportredaktionen der Nürnberger Zeitung und der Nürnberger Nachrichten. Wie schaffst du es, die Rolle als Fan und die als Journalist zu trennen? Wo ist diese Trennung für dich besonders wichtig und wann erlaubst du dir vielleicht auch mal den Blick durch die Fan-Brille?

Ich muss in meinem Hauptberuf ja auch zwischen Sympathie und Bewertung trennen können (und es soll sich niemand erzählen lassen, dass Lehrer keine Sympathien oder Antipathien gegen Schüler haben, wichtig ist, dass sie die Notengebung nicht beeinflussen), von daher bin ich da eh relativ geübt, das zu trennen.
Andererseits liegen meine Tätigkeiten im Printbereich ja vor allem bei den Jugendmannschaften, wo es viel drum geht zu erkennen, ob ein Spieler Potential für den Profifußball hat – und dann Stärken und Schwächen aufzuzeigen. Da ist es verhältnismäßig egal, ob man das jetzt mit Fanbrille macht oder nicht. Aber ich schreibe jetzt nicht einen Spieler besser oder schlechter, weil ich will, dass geht oder bleibt. Die Tätigkeit im Jugendbereich ergibt natürlich Konstruktionen, wie dass ich Michael Köllner eben schon vor seiner Zeit als Profitrainer kannte, aber mehr oder weniger kritisch bin ich deshalb nicht, nur weil er mir schon mal auf dem Vereinsgelände zuruft, was ich „da wieder geschrieben hab“.
Das, was ich zur Profimannschaft mache, läuft ja meistens dann auf Clubfans United oder im Podcast unter Total Beglubbt, da ist die Fansicht durchaus eher erlaubt. Wobei ich wahrscheinlich da auch vielen noch zu nüchtern bin, weil ich eben vor allem über die Taktik- und Metrik-Schiene komme.
Was ich mir allerdings nicht nehmen lasse, ist zu sagen, ich bin Vereinsmitglied, ich möchte mitbestimmen. Schließlich ist es – bei allen Distanzgeschichten, die es beim Umgang mit Spielern und Trainern braucht – eben dennoch „mein“ Verein.

Harte Liebe: Fans sind immer auch kritisch mit ihrem Verein. (Foto: Meenzer on Tour)

Harte Liebe: Fans sind immer auch kritisch mit ihrem Verein. (Foto: Meenzer on Tour)

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Ich selbst habe oft die Erfahrung gemacht, dass die Rolle als Fan von außen als unkritisch mit dem Verein charakterisiert wird. Persönlich würde ich da widersprechen. Wie siehst du das?

Da stimme ich Dir vollumfänglich zu. Als Fan ist man an der Entwicklung des Vereins ja besonders interessiert, das heißt, Fehlentwicklungen gegenüber ist man besonders sensibel. Ich glaube, niemand ist kritischer seinem Verein und den Verantwortlichen gegenüber, als der mündige und engagierte Fan. Das sieht man ja auch in Frage der Kommerzialisierung und der Fankultur, da sind die organisierten Fans diejenigen, die ihren Vereinen Paroli bieten.

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Du hast es schon angesprochen: Im Hauptberuf bist du Lehrer. Für das Fußballmagazin Clubfans United hast du zum Ende der letzten Saison Jahreszeugnisse an alle Spieler vergeben. Wer hat dich besonders überzeugt? Von wem warst du enttäuscht? Auf wen sollten wir diese Saison ein Auge haben?

In der letzten Saison waren die herausragenden Spieler sicher Hanno Behrens und Eduard Löwen. Der eine ist als Kapitän vorangegangen, hat 14 Tore erzielt und die Mannschaft auf dem Platz und daneben angeführt. Der andere hat jede Position außer Torwart gespielt, dabei – allen dem jungen Alter geschuldeten Leistungsschwankungen zum Trotz – immer wieder seine Klasse gezeigt, drei Traumtore in zwei Spielen gegen Duisburg geschossen und war ein wenig das Sinnbild der jungen Generation an Clubspielern, die versuchen, ihren Weg zu gehen.
Enttäuscht war ich zum einen von Spielern, die gar nicht mehr da sind. Zum einen Marvin Stefaniak, der im Winter als Hoffnung kam und im Sommer gescheitert ging. Da hatte man immer das Gefühl, er wäre lieber in Dresden als in Nürnberg. Zum anderen darüber, dass sich einige Spieler dann entschieden haben, den Weg nicht weiterzugehen – also Teuchert, Kammerbauer während der Saison und Möhwald danach – obwohl es für die Entwicklung wahrscheinlich klüger gewesen wäre, zu bleiben.
Sollten die oben genannten Behrens und Löwen wirklich fit sein, wären das sicher Kandidaten für die auffälligen Spieler, ich befürchte aber, sie werden durch ihre muskulären Probleme behindert. Daher empfehle ich jetzt einfach Neuzugang Yuya Kubo, der in Berlin schon angedeutet hat, was er drauf hat – und nach einer weiteren Woche Training mit der Mannschaft jetzt noch mehr Bindung zum Spiel haben sollte.

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Für Clubfans United schreibst du seit etwa vier Jahren. Das Fanzine gibt es in verschiedenen Formen bereits seit 1995. Kannst du uns ein bisschen was erzählen über die Schwerpunkte eurer Arbeit, das Team und wie ihr euch organisiert?

Wir sind letztlich vier Mann, die alle so ihre Steckenpferde haben. Stefan macht die Technik und Spielberichte, Alex macht Vereinspolitik, insbesondere Kommunikation des Vereins und auch Spielberichte, Michael ist unser Feuilletonist, der besondere Geschichten schreibt und ich mache die Jugend und die Taktikanalyse. So decken wir eigentlich fast alles ab, was der Verein bietet, außer den originären Kurvengeschichten. Da lassen wir meistens auch die Finger von, weil da einfach keiner von uns (mehr) steht.
Die Aufgabenverteilung ist recht klar und unter der Woche wird sich dann einfach per Onlinekommunikation abgestimmt, wer wann was macht, z.B. auch, wer von uns zu Total Beglubbt, unserem Podcastpartner, in die Sendung geht.

Podcastpartner von Clubfans United ist Total Beglubbt. (Logo: TB/MS)

Podcastpartner von Clubfans United ist Total Beglubbt. (Logo: TB/MS)

7
Nach vier Serien in der 2. Liga stand für Nürnberg am 33. Spieltag der Vorsaison die Rückkehr in die 1. Bundesliga fest. Hast du vor der Saison damit gerechnet, dass der FCN im Kampf um den Aufstieg eine Rolle spielen würde?

Jein. Vor der Saison, der ersten vollen von Michael Köllner als Chefcoach, war mein Gefühl: „Es wird entweder großartig oder großartig scheitern.“ (Ein Gefühl, das ich jetzt übrigens wieder habe.) Es gab ein paar Fragezeichen, im Prinzip die gleichen wie vor dieser Saison: Haben wir einen Stürmer, der trifft? Können wir auf den offensiven Außen tauglichen Fußball präsentieren? Wie stabil ist die defensive Zentrale? In der 2. Liga hat sich schnell gezeigt, dass es reicht. Die Initialzündung war damals der Derbysieg in der Nachbarstadt, zum ersten Mal seit 39 Jahren wieder ein Sieg, da hatte man dann das Gefühl, es geht wirklich was.

8
Der Kampf um den Aufstieg schien lange relativ offen, erst gegen Ende der Saison konnten sich Düsseldorf und Nürnberg etwas von ihren Verfolgern absetzen. Was waren aus deiner Sicht die entscheidenden Stellschrauben und entscheidenden Personen für den Erfolg?

Wie erwähnt, es war vor allem der Derbysieg als Initialzündung, der war die Krönung einer englischen Woche mit neun Punkten binnen acht Tagen. Danach war man absolut elektrisiert in Nürnberg und hat sich auch nicht wirklich aus der Ruhe bringen lassen, als es phasenweise holperte. Was auffällig war, ist, dass bei der Mannschaft in jeder Länderspielpause – also immer, wenn das Team länger zusammenarbeiten konnte, ohne den Druck eines Pflichtspiels – eine Weiterentwicklung erkennbar war. Das war nicht unbedingt gleich etwas Zählbares, aber schon etwas Spürbares. Da hat das Trainerteam wohl die richtigen Stellschrauben gefunden.
Die Personen, die wichtig waren, habe ich fast alle schon genannt: Hanno Behrens, Eduard Löwen, Michael Köllner, Mikael Ishak wäre mit seinen zwölf Toren 2017 und seiner Fähigkeit, Räume für die Mitspieler zu reißen, zu erwähnen, Enrico Valentini könnte man mit seinen vielen Torvorlagen noch nennen. Ich würde aber gern jemanden herausheben, der vielleicht an der Stelle kaum genannt wird, nämlich den Co-Trainer. Boris Schommers kam zu Beginn der Saison 2017/18 aus Köln und hat sich als absoluter Glücksgriff erwiesen. Die Stärke bei Standards kommt von ihm, für das Training ist er zuständig, er kann Gegner sehr gut lesen und tut wohl – so hört man – der Stimmung im Team auch gut. Quasi ein bisschen ein unbesungener (oder wenig besungener) Aufstiegsheld.

Trainingsauftakt beim Nürnberger Club (Foto: Florian Zenger)

Trainingsauftakt beim Nürnberger Club (Foto: Florian Zenger)

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In die neue Saison ist der Club nun mit einer knappen Niederlage gestartet. Im Spiel gegen Hertha BSC wurde zudem ein Elfmeter verschossen. Was war, auch abseits vom Ergebnis, dein Eindruck vom Team? Wie hoch ist der Druck vor dem ersten Heimspiel und was traust du der Mannschaft diese Saison zu?

Ich war einerseits tatsächlich überrascht, dass der Unterschied zu einem „gestandenen“ Bundesligisten, der Hertha ja ist, doch nicht so groß war, wie ich es erwartet hatte. Das war sicher der Spielweise der Hertha geschuldet, aber man hat schon eine Struktur im Aufbau und auch im Abwehrverhalten erkennen können, die mich etwas positiver gestimmt hat. Über das Remis hätte sich am Ende Hertha nicht mal wirklich beschweren können, auch wenn man beim Club in der Offensive schon klar erkannt hat, dass es da noch deutliche Mängel gibt, vor allem auf den Außenbahnen gibt.
Der Druck ist bei einem Verein wie dem 1.FC Nürnberg irgendwie immer da, jede Niederlage wird vom Fan ja sofort als Beweis der These „der Glubb is a Depp“ gesehen. Außerdem ist das eigene Selbstverständnis der Fans des FCN eben immer noch das eines neunmaligen Deutschen Meisters, auch wenn der letzte Titel 50 Jahre zurückliegt.
Dennoch denke ich, viele verstehen, dass der Klassenerhalt nicht zu erwarten ist bei diesen finanziellen Verhältnissen. Der Club war jetzt vier Jahre zweitklassig, da hat er viel an Boden verloren gegenüber allen anderen Bundesligisten. Seit dem Abstieg 2013/14 waren 12 der 17 anderen Bundesligisten (alle außer Düsseldorf, Leipzig, Freiburg, Stuttgart und Hannover) ununterbrochen erstklassig. Den Rückstand auf die Vereine aufzuholen, erscheint mir unmöglich, da fehlen vier Jahre TV-Gelder. Wenn man sieht, dass Mainz für Jean-Paul Boetius 3,5 Millionen Euro ausgeben kann und der Club insgesamt für acht zu besetzende Planstellen 4 Millionen Euro zur Verfügung hat, sieht man, wie weit der Verein hinterherhinkt. Daher bleibt mein Eindruck trotz des Spiels gegen der Hertha: Wenn der FCN in der Liga bleibt, bin ich überrascht.

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Wie zufrieden bist du mit den Transfers? Wurde die Mannschaft auf Erstligatauglichkeit hin verstärkt? Auf wen bist du besonders neugierig und auf welche Spieler, die schon länger an Bord sind, darf die Liga sich besonders freuen?

Zwischen Verfassen der Zeilen und Publikation wird sich meine Meinung dazu wahrscheinlich noch einmal ändern, denn im Endspurt wird Andreas Bornemann noch zwei Spieler für die Offensive verpflichten. Da ich aber nicht weiß, wer das sein wird, kann ich nur bedingt sprechen. Bisher fehlen starke offensive Außenspieler, das lässt sich nicht leugnen, und das Spiel in Berlin hat das mit einer grandios schlechten Leistung von Edgar Salli auch noch mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Solange diese nicht da sind, bin ich auch nicht zufrieden und sehe nur eine eingeschränkte Erstligatauglichkeit.
An sich sind die Transfers angesichts des Budgets wohl ganz in Ordnung. Yuya Kubo ist auf jeden Fall jemand, der die offensive Qualität erhöht, hat Ideen, sorgt auch selbst für Torgefahr. Zu sehen, wie er sich entwickelt, wenn er mehr Bindung zur Mannschaft hat, wird sicher spannend. Robert Bauer ist ein recht junger, aber schon erfahrener Bundesligaspieler, der in der Defensive alles spielen kann und daher sicher helfen wird. Für Christian Mathenia gilt ähnliches, auch wenn er das Duell um die Nummer Eins erstmal gegen Fabian Bredlow verloren hat. Die restlichen Transfers (Goden, Tillman, Knöll) sind erst einmal eher welche für die Zukunft, die möglicherweise funktionieren – oder aber eben auch nicht. Wobei ich Törles Knöll tatsächlich zutraue, dass er zu einigen Minuten kommen wird. Tillman ist schon auch spannend, weil er ja als Megatalent galt, den sogar Barca wollte, aber der muss noch ordentlich körperlich zulegen.
Die Liga kann sich auf Eduard Löwen freuen, weil der sicher wieder wie in der 2. Liga jede Position außer Torwart bekleiden wird und als Typ einfach ein wenig anders ist als der durchschnittliche Jungprofi (z.B. sehr religiös, keine Tattoos). Michael Köllners Pressekonferenzen sind immer ein Highlight, nicht nur, weil der geneigte Zuhörer wahrscheinlich nicht alles versteht aufgrund des dicken Oberpfälzer Akzents, sondern auch, weil er Dinge bringt, die mit dem Spiel wenig zu tun haben – vor dem Spiel gegen Hertha driftete er dazu ab, dass er Ärger mit seiner Lebensgefährtin habe, weil er ihr keine Karte für das Spiel besorgt hatte. Das ist nicht immer sonderlich passend, aber für den Außenstehenden sicher etwas, worauf man sich freuen kann. Mein persönlicher „Geheimtipp“ für alle, die es mit deutschen Talenten halten, ist es, mal ein Auge auf Lukas Mühl zu werfen. Er ist Kapitän der U20-Nationalmannschaft und spielt jetzt in der Innenverteidigung, weil Ewerton verletzt ist, aber ich kann mir gut vorstellen, dass er sich festspielen wird und Georg Margreitter, der momentan noch neben ihm spielt, dann auf die Bank weichen muss.

Der Trainer ist beim Club schon eine weiter Strecke gegangen. (Foto: Florian Zenger)

Der Trainer ist beim Club schon eine weiter Strecke gegangen. (Foto: Florian Zenger)

11
Mit welcher Taktik geht euer Trainer Michael Köllner in die Saison? Wie variabel ist sein System? Und worauf müssen sich Mainz 05 in der ersten Auswärtspartie einstellen?

Die Standardformation von Michael Köllner beim 1. FC Nürnberg, egal ob in der ersten oder zweiten Mannschaft, egal ob in Liga Eins, Zwei oder Vier, war immer das 4-1-4-1. Das wird mal eher als 4-3-3 interpretiert, aber letztlich ist es so, dass der Club standardmäßig mit Viererkette, einem Sechser, zwei Achtern/Zehnern, einem Neuner und zwei Außenspielern agiert. Das Ziel ist, die drei zentralen Offensivspieler, als Stürmer und Zehner, durch Zuspiele in den Strafraum zum Abschluss zu bringen. Das ist auch der Grund, warum Behrens und Möhwald, die beiden Stammzehner der letzten Saison, zu 20 Treffern kamen. Das war kein Versehen, sondern wirklich so geplant und strukturiert.
Gleichzeitig hat Michael Köllner letztes Jahr schon öfter ein 3-5-2 spielen lassen (z.B. beim 4:1 gegen Aue, 1:0 bei Union, 4:3 bei Darmstadt und 6:1 in Duisburg) und das auch jetzt in der Vorbereitung getan. Aber da wackelte es defensiv (z.B. beim 0:2 im Heimderby, beim 1:2 gegen Ingolstadt) doch immer mal und auch in der Vorbereitung rumorte es dann etwas, weil den Spielern das 4-1-4-1 anscheinend etwas mehr taugt. Aber als Variante hat der FCN das definitiv drauf, und zwar nicht nur, weil Dreierkette grad der „neueste Scheiß“ ist, sondern, weil das durchaus seine Vorteile hat, gerade, wenn es ermöglicht, mit zwei Spitzen zu spielen.
In beiden Grundformationen geht es schon darum, den Ball in den eigenen Reihen zu halten, möglichst wenig hohe und lange Bälle zu schlagen. Das kann an guten Tagen aussehen wie gegen Duisburg oder Aue letztes Jahr, wo die Bälle von außen so in den Strafraum kommen und die Angriffe mit so viel Tempo gespielt werden, dass der Gegner Probleme hat, hinterher zu kommen. Das kann an schlechten Tagen aber so ideenlos aussehen, dass es an die Nationalmannschaft in Russland erinnert, wo einfach der Ball hin- und herläuft und dann irgendwann die Geduld verloren wird und ein ziemlich unsinniger Ball in die Tiefe kommt, der niemanden erreicht. Diesen Stil wird der Club wahrscheinlich auch in der 1. Liga nicht ablegen, obwohl er öfter auf Gegner treffen wird, die selbst das Spiel machen wollen.
Letztlich ist es auch das, worauf sich der Gast am Samstag einstellen muss, eine Mannschaft, die fußballerisch daherkommt, die sicher keinen klassischen Aufsteigerfußball spielt und die an guten Tagen mehr als mithalten kann, an schlechten Tagen aber die eigenen Fans völlig verzweifeln lässt, weil sie gar keine Mittel findet.

KOMPAKT
Der 1. FC Nürnberg ist der beste Club der Welt, weil … es halt „der Club“ ist, heißt ja schon so.
Was ich an unserem Stadion besonders liebe, ist … dass es keine Einheitsbreibude ist, sondern – trotz Laufbahn – einen eigenen Charme hat.
Mein ewiger Lieblingsspieler ist eindeutig … Horst Leupold, obwohl ich ihn nie spielen habe sehen. Aber er ist zum einen der „Erfinder“ des modernen offensiven Außenverteidigers, zum anderen einfach der zuvorkommendste, höflichste und sympathischste Fußballer, dem ich je begegnet bin.
Wer Nürnberg besucht, sollte unbedingt … länger als nur fürs Spiel bleiben und sich Zeit für die Museen in der Stadt nehmen, geschichtliche Bildung ist in diesen Zeiten nicht zu vernachlässigen.
Besonders lecker essen Gästefans in … vielen Restaurants in der Innenstadt. Wobei die einzig richtige Club-Empfehlung natürlich das „Valentini“ in Zabo, also ungefähr einen Kilometer vom Stadion entfernt, ist. Das heißt nicht nur wie der Verteidiger des FCN, es gehört auch seinen Eltern.

Manchmal ist auswärts die bessere Alternative... (Foto: Mainz 05)

Manchmal ist auswärts die bessere Alternative… (Foto: Mainz 05)

LETZTE WORTE
Unbedingt erwähnt werden muss an diesem Spieltag die Hammer-Aktion des 1. FSV Mainz 05, der mit einer tollen Kampagne in der lokalen Tageszeitung und auf sämtlichen Onlinekanälen ganz klar Stellung zu den eigenen Werten bezieht. Hut ab und ganz viel Applaus!

Gegnerbetrachtung: Mainz 05 beim BVB

Neu im Blog: die Gegnerbetrachtung. Vor den Auswärtsspielen des 1. FSV Mainz 05 spreche ich mit Journalisten, Podcastern und Bloggern darüber, was die 05er in der Fremde erwartet. Für die letzte Folge der laufenden Saison habe ich mit Maurice Morth von Schwatzgelb.de gesprochen.

Maurice von Schwatzgelb.de ist der Junge mit dem Ball. (Foto: privat)

Maurice von Schwatzgelb.de ist der Junge mit dem Ball. (Foto: privat)

Hallo Maurice, danke, dass du dir die Zeit für meine Fragen nimmst. Du schreibst regelmäßig für schwatzgelb.de, das BVB-Online-Fanzine, das weit über die Vereinsgrenzen bekannt ist. Wie organisiert ihr euch untereinander und wie viele Redakteure und Freie machen mit?
Aktuell sind wir an die 50 Mitglieder bei Schwatzgelb.de. Fest besetzt werden bei uns im eigentlichen Sinn nur die Vor- und Spielberichte. Wem etwas auf der Seele brennt, der kann in die Tasten tippen und sich so gut wie sicher sein, dass sein Text auch auf der Homepage erscheinen wird. Wir profitieren davon, dass ein größerer Teil der Mitglieder sich kennt und/oder in Dortmund und Umgebung miteinander vernetzt ist. Organisiert sind wir aber grundsätzlich über das Online-Tool „Slack“.

Du kommst ja aus Hessen, also nicht dem direkten Dortmunder Einzugsgebiet. Wie bist du selbst zum BVB-Fan geworden – und gibt es eine Saison, die dich mit deinem Verein bisher besonders geprägt hat?
Ich weiß noch ganz genau, dass mir im Alter von drei Jahren die Farbe Gelb sehr gut gefallen hat und das in meinem Heimatort der Großteil der Kinder Fans des FC Bayern waren. Da hat das als Pendant damals ganz gut gepasst. Sich eine besondere Saison herauszupicken ist schwer, prägend war für mich aber besonders mein erster Besuch im Westfalenstadion. 1997 in der Champions League gegen Auxerre. Ich war stolz wie Oskar, dass meine Mutter Karten besorgen konnten und für mich war die Fahrt in den Ruhrpott damals wie eine halbe Weltreise. Die Borussia gewann danach den Pokal und um mich war es allerspätestens nach dem Spiel geschehen.

Hinter dem BVB liegen bewegte Jahre mit zwei ehemaligen Mainzer Trainern. Wie oft denkst du noch an Jürgen Klopp? Verfolgst du seine Arbeit mit Liverpool? Und war die Lücke, die er emotional gerissen hat, größer als gedacht? (Für Mainz würde ich das definitiv bejahen.)
Ich denke mittlerweile sehr selten an Jürgen Klopp. Speziell die erste Meistersaison 2011 liegt allerdings gut konserviert zum Abruf bereit, sollte ich mal einen schlechten Tag haben. Wehmut empfinde ich dann allerdings nicht mehr. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie erfolgreich er nun auch in Liverpool arbeitet – die Champions League würde ich ihm von Herzen gönnen. Mit der emotionalen Lücke ist das aber eine schwierige Sache. Klopp hat eine Benchmark gesetzt, die Aufgrund seiner stark ausgeprägten Attribute wohl einzigartig ist. Das macht es natürlich für seine Nachfolger schwierig. Ich vergleiche das manchmal mit dem Ende einer Beziehung – erst, wenn du nicht mehr vergleichst, bist du richtig bereit für was Neues. Ich glaube, in Dortmund könnte diese Phase nach Jahren der Entwöhnung jetzt so langsam starten.

In einem eurer aktuellen Artikel sprecht ihr an, dass auch in der Mannschaft die emotionalen Antreiber und Identifikationsfiguren fehlen. Inwieweit haben die Bosse da Fehler gemacht?
Im Erfolg macht man die größten Fehler. Ich glaube, es wurde zu lange auf Pferde gesetzt, mit denen man sich aufgrund ihrer Geschichte emotional verbunden sah, die aber ihre beste Zeit bereits hinter sich haben. Zusätzlich wurden wiederum teurere Spieler verpflichtet, die längst nur noch von ihrem Namen, aber nicht mehr von ihrer Leistung profitieren. Insgesamt eine schwierige Gemengelage beim BVB, die bei uns auf der Homepage ja schon massenhaft Seiten gefüllt hat. Den Ursprung des Verlangens nach Identifikation finde ich selbst seltsam. Liegt es daran, dass der große Menschenfänger Klopp nicht mehr da ist? Fühlen sich die Leute in der immer rasanteren Internationalisierung verloren? Schwierig. Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass jemand in der Zeit unter Thomas Doll groß nach Identifikation schrie.

Wie viel Identifikation braucht der Fußball? Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Dortmund. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie viel Identifikation braucht der Fußball? Mainzer Fans beim Auswärtsspiel in Dortmund. (Foto: Meenzer on Tour)

Die Ära Thomas Tuchel zerfällt in mehrere Puzzleteile. Lass uns zunächst auf den Sport schauen. Wie hat Tuchel den BVB deiner Meinung nach weiterentwickelt? Welche guten Entscheidungen sind unter seiner Ägide getroffen worden?
Er hat es innerhalb weniger Monate geschafft, den Fußball des BVB umzukrempeln. Ich mochte seine Idee des Ballbesitzfußballes, denn ich hatte persönlich den Eindruck, dass sich dieser raidkale Pressingansatz unter Klopp zumindest in der Bundesliga in den letzten Jahren etwas abgenutzt hatte. Lösungen wurden im letzten Spielfelddrittel deutlich weniger gefunden und tiefstehende Gegner bereiteten weitaus größere Probleme als beispielsweise noch 2012. In der ersten Tuchel-Saison zahlte sich die Umstellung zum kleinteiligen Kurzpassspiel aus, der BVB wurde der beste Zweitplatzierte der Geschichte und sezierte die Gegner phasenweise in seine Einzelteile. Nach den Abgängen von Gündogan, Hummels und Mkhitaryan wurde es nach dem Sommer dann natürlich schwierig. Hier hat gerade Dembélé viel dazu beigetragen, dass sich die Saison nicht zu einem fußballerischen Offenbarungseid entwickelt, wie wir sie aktuell erleben (immer daran gemessen, wie viel Geld man investiert).

Neben dem Platz war es für und mit Tuchel in Dortmund, so schien es, von Anfang an eher schwierig. In Mainz gab es zwischen Kloppo und Tuchel natürlich auch eine Art emotionalen Bruch, weil beide sehr unterschiedlich sind. Bei euch schien mir das aber tiefer zu gehen.
Auf der einen Seite der Menschenfänger Klopp und auf der anderen Seite Thomas Tuchel, dem etwas Klinisches und Wissenschaftliches anhaftet. Ich habe ja eben schon angesprochen, vor welche Probleme Nachfolger von Klopp gestellt werden. Das konnte auf Dauer einfach nicht gut gehen. Gerade die Nähe zu den Fans war vielen Leuten unter Klopp sehr wichtig. Tuchel konnte das durch seine distanzierte Art schlicht nicht bieten – wollte es vielleicht auch gar nicht.

Ende Legende: Jürgen Klopp ist beim BVB längst Vergangenheit. (Foto: Christopher Neundorf/Wikipedia)

Ende Legende: Jürgen Klopp ist beim BVB längst Vergangenheit. (Foto: Christopher Neundorf/Wikipedia)

Wir beide haben schon mehrfach festgestellt, dass wir beim Thema Thomas Tuchel recht weit auseinanderliegen. Vielleicht haben wir ihn unterschiedlich erlebt, sicher hat er auch hier und dort nicht identisch agiert. Woher kommt deine kritische Haltung?
Gleich vorab zwei Dinge: Sportlich bin ich von Thomas Tuchel absolut überzeugt. Ein toller Taktiker, der sich bis zum Zerreißen Gedanken darüber macht, in welcher Variation er seine elf Spieler jeden Spieltag aufstellen sollte. Wir von schwatzgelb.de sind in Dortmund eben auch ganz gut vernetzt. Intern sind Dinge vorgefallen, die nicht den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben und auch nicht finden sollten, als Ausnahme sei zum Beispiel die Causa-Mislintat genannt, dem Tuchel den Zugang zum Trainingsgelände verwehren wollte. Innerhalb des Vereins machen sich Manche mittlerweile Vorwürfe, im Fall Tuchel nicht viel früher die Notbremse gezogen zu haben – weit vor dem Anschlag. Intern wurde die Trennung von dem Großteil der Mitarbeiter mitgetragen – also von den Leuten, die Tuchel täglich erlebten. Ich finde da einen Aspekt ganz wichtig: Je näher die Leute am Verein dran sind, desto mehr Verständnis besteht für die Trennung von Tuchel. Dass der BVB mittlerweile mehr Leute hat, die ihm aufmerksam folgen und dadurch die Entlassung nicht nachvollziehen konnten, ist eben dem Erfolg und Wachstum des letzten Jahrzehnts geschuldet.

Du hast das Ereignis gerade schon angedeutet: Vor etwas mehr als einem Jahr wurde auf den Mannschaftsbus des BVB ein Anschlag verübt. Der beschäftigt den Verein auf verschiedenen Ebenen noch heute. Zunächst abschließend zu Tuchel: Glaubst du, der finale Bruch zwischen ihm und dem BVB wäre auch ohne das, was um den Anschlag herum passiert ist, gekommen? Oder wäre er dann zu verhindern gewesen?
Das kann ich knapp beantworten: Ja, der Bruch war schon weit vor dem Anschlag da.

Damals musste sehr schnell entschieden werden, wann das Champions League-Spiel gegen AS Monaco stattfindet und es fiel die Entscheidung, es bereits am Folgetag, dem 12. April, nachzuholen. Wie kam das damals bei den Fans an und wie beurteilst du es heute?
Ich hätte jedenfalls nicht in der Haut der Entscheider stecken wollen. Es bestand keine Klarheit, ob es sich um einen islamistisch motivierten Anschlag handelte oder nicht – dementsprechend der Druck auch aus den obersten Regierungsreihen der Bundesrepublik. Da wurde dann davon gefaselt, dass man ein Zeichen gegen den Terror setzen müsse. Nur so als Beispiel. Dazu Spieler, die in diesem Moment sicherlich nicht einmal selbst wussten, was für sie das Beste ist. Und das wiederum in einem Business, in dem Schwäche nicht toleriert wird. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wir hätten einfach nicht antreten und ausscheiden sollen – statt die Spieler dieser absurden Situation auszusetzen.

Aktuell läuft in der Angelegenheit der Prozess. Die wie ich finde sehr offenen und mutigen Aussagen von Spielern wie Weidenfeller oder Schmelzer offenbaren, was eigentlich jedem empathischen Menschen hätte klar sein müssen, nämlich, dass der Anschlag längst nicht verarbeitet worden ist. Aus der Ferne wirkt es, als böte der Verein seinen Profis da wenig Hilfe an, auch die Kommunikation ist dürftig. Was glaubst du, woran das liegt?
Der Anschlag hat im Jahr 2017 einen Präzedenzfall geschaffen. Es gibt kein Beispiel dazu, wie man den Leistungsbetrieb aufrechterhält und gleichzeitig den Opfern die beste Betreuung bietet. Die Kommunikation des Vereins mag sicherlich nicht optimal sein – vielleicht ist es auch schlicht etwas Hilflosigkeit. Intern wird aber jedem Einzelnen Hilfe angeboten, es liegt an den Menschen, diese Hilfe anzunehmen oder die Sache mit sich zu klären.

Schwatzgelb.de bietet einen intensiven Blick auf die Borussia. (Foto: Schwatzgelb.de)

Schwatzgelb.de bietet einen intensiven Blick auf die Borussia. (Foto: Schwatzgelb.de)

Ihr habt kürzlich einen sehr interessanten Artikel darüber veröffentlicht, dass dieses Thema natürlich auch die Fans betrifft: Wie geht man mit der Mannschaft um, wie kann man sie am besten unterstützen. Seid oder kommt ihr darüber, vielleicht auch von schwatzgelb.de, auch in einen Dialog mit Spielern?
Mir ist kein solcher Dialog bekannt. Wenn man sich die neuerliche Reaktion auf die Druck-Aussage von Per Mertesacker ansieht, dann verwundert das aber nicht weiter. Im Fußball ist keine Schwäche erlaubt. Würde ein Spieler offen zugeben, dass er der Belastungssituation, jeden Spieltag im Bus sitzen zu müssen, nun nicht mehr standhält, dann wäre seine Karriere mit einem Schlag vorbei. Wer würde ihn nach dem Auslaufen seines Vertrages noch verpflichten? Marc Bartra wurde bei dem Anschlag schwer verletzt. Er hat vor Gericht zugegeben, dass er noch Probleme habe, nach dem Gerichtstermin revidierte er seine Aussage schleunigst per Social Media und teilte mit, dass er falsch zitiert worden sei. Er sei nur gewechselt, weil Stöger ihn so wenig eingesetzt hätte. Dabei ist es in dem Fall auch einfach naheliegend, dass eine räumliche Veränderung erwünscht war.

Auch wenn der Anschlag nun ein Jahr zurückliegt, wird man das Gefühl nicht los, der Verein insgesamt müsste sich nochmal mit dem Thema auseinandersetzen, quasi den erneuten Neustart in vielen Belangen auch abseits des Platzes. Wie siehst du das und was könnten Maßnahmen sein, die da helfen?
Ich bin leider kein Psychologe und Traumaspezialist. Dementsprechend schwer fällt es mir auch, etwas zu diesem Thema zu sagen. Welch schwerer Schlag den gesamten Verein getroffen hat, das wird man vielleicht erst in einigen Jahren ganz genau sehen. Eine psychologische Betreuung ist aber sicherlich im jetzigen Moment das A und O.

Kredit verspielt, ja. Kredit aufgebraucht, mitnichten: Michael Zorc. (Foto: Tim Reckmann/CC-BY-SA-3.0)

Kredit verspielt, ja. Kredit aufgebraucht, mitnichten: Michael Zorc. (Foto: Tim Reckmann/CC-BY-SA-3.0)

Wie stehen aktuell eigentlich Aki Watzke und Michael Zorc bei den Fans da? Hat sich die Sicht auf die beiden im vergangen Jahr verändert? Und welche Fehler haben auch sie aus deiner Sicht gemacht?
Beide haben Fehler gemacht, beide haben aber auch durch ihre vorherigen Leistungen einen ordentlichen Kredit. Sie sind sicherlich wieder mehr in die Schussbahn geraten, als es noch unter Klopp der Fall war, die Kritik erfolgt meiner Meinung nach aber in geregeltem Maße. Ich hatte mich vor nicht allzu langer Zeit in einem Artikel ausführlich mit den Fehlern und fehlerhaften Entwicklungen auseinandergesetzt. Das würde an dieser Stelle etwas den Rahmen sprengen. So viel sei aber gesagt: Borussia musste über eine Dekade kontinuierlich die besten Spieler abgeben, irgendwann konnte man den Leistungsverlust mit den Zukäufen nicht mehr gänzlich abfangen. Eben steigende Kaderkosten bei stagnierender und/oder fallender Leistungsfähigkeit. Hohe Ablösesummen für Spieler, die die beste Zeit hinter sich haben, wurden auch gezahlt. Und nach Klopp hat der der Verein keinerlei Idee mehr ausgearbeitet, für welchen Fußball der Verein Borussia Dortmund allumfassend stehen möchte. In den Zusammenhang fällt dann auch der Zuwachs an spielerischer Armut.

Zur neuen Saison kam Peter Bosz, der wirkte, als könne er gleich zwei Paar Schuhe füllen, also emotional an die Zeiten unter Kloppo anknüpfen und sportlich an Tuchel. Letztlich war die Aufgabe aber zu groß und er musste bereits im Dezember gehen. War Bosz einfach ein Missverständnis? Oder ist er (auch) an den Langzeitwirkungen des Anschlags gescheitert?
Bosz’ Idee vom Fußball benötigt Spieler, die bis auf den letzten Mann gewillt sind, den Weg mitzugehen. Während der radikalen Umsetzung dieses Spielsystems hat Bosz die Mannschaft ab einem gewissen Zeitpunkt verloren. Man glaubte nicht mehr daran, mit diesem System erfolgreich zu sein. Inwieweit da der Anschlag eine Rolle spielte, das kann ich nicht sagen und darüber möchte ich auch nicht spekulieren. Ich war zu Saisonbeginn schon skeptisch, ob sich dieser Spielstil so implementieren ließe, aber als Konsequenz des totalen Einbruchs war die Trennung vom sympathischen Bosz dann leider folgerichtig.

Die Verpflichtung von Peter Stöger, der kurz zuvor bei Köln gehen musste, hat dann viele überrascht und inzwischen ist auch klar, dass er nicht über die Saison hinaus bleiben wird. War er für dieses halbe Jahr trotzdem die richtige Idee? Warum? (Oder eben, warum nicht?)
Auf dem Trainermarkt war im Winter sehr wenig zu holen. Erst recht niemand, der eine langfristige Lösung für Borussia Dortmund gewesen wäre. Ich bin Peter Stöger sehr dankbar, dass er direkt nach dem harten Niedergang mit Köln bei uns anheuerte, glaube aber auch, dass er keine langfristige Lösung der Probleme bewerkstelligen wird. Entweder macht die Mannschaft nicht das, was er möchte, oder der Fußball, die Flexibilität und die Vorgaben sind arg limitiert.

Entscheidend ist auf dem Platz. Aber damit es da klappt, müssen die Bedingungen stimmen. (Foto: Meenzer on Tour)

Entscheidend ist auf dem Platz. Aber damit es da klappt, müssen die Bedingungen stimmen. (Foto: Meenzer on Tour)

Was ist aus deiner Sicht nun besonders wichtig bei der Suche nach einem neuen Trainer? Und wie kann es gelingen, generell wieder Ruhe in den Verein zu bringen?
Meiner Meinung nach muss ein Trainer gefunden werden, der Flexibilität verkörpert. Der aber gleichzeitig auch ein Spielsystem mitbringt, in dem sich der Kader wiederfindet und das allen Spielern wieder mehr Sicherheit auf dem Feld gibt, zum Beispiel durch klar einstudierte Laufwege. Ruhe wirst du in den Verein nur bekommen, wenn wieder Erfolg eintritt. Das ist leider die negative Seite, wenn einmal langfristig am Erfolg geschnuppert wurde.

Sportlich ist der BVB in dieser Saison sicher hinter den Erwartungen, auch den eigenen, zurückgeblieben. Weil die Liga insgesamt schwächelt, steht man trotzdem auf dem 3. Platz. Inwieweit kann das Erreichen der Champions League der erste Schritt sein, um wieder zurück in die Spur zu finden?
Es ist einfach ein wichtiger Faktor, um Spieler nach Dortmund zu locken. Der Verein und sein Stadion haben immer noch genügend Strahlkraft, aber gerade für jüngere Spieler ist es doch toll, wenn man sich bereits in dem Alter auf dem höchsten internationalen Niveau beweisen kann. Mit der Europa League dürfte das etwas schwieriger werden.

Über die Bedeutung des Anschlages haben wir gesprochen. So wichtig da eine Aufarbeitung ist, hat der sportliche Schluckauf sicher auch andere Gründe. Welche siehst du und wie kann eine Wiederholung eventueller Fehler vermieden werden?
Ich hatte es schon erwähnt: Der gesamte Verein braucht endlich eine klare Vorstellung davon, wie er wieder Fußball spielen möchte. Dementsprechend müssen dann auch Veränderungen im Kader vollzogen werden. So lange man sich nur darüber im Klaren ist, dass die einzige Idee der Erfolg ist, wird es in Dortmund nicht in Ruhe weitergehen.

Mainz 05 und den BVB verbindet die Unruhe der letzten beiden Jahre und der Wunsch nach neuer Konstanz. (Foto: Meenzer on Tour)

Mainz 05 und den BVB verbindet die Unruhe der letzten beiden Jahre und der Wunsch nach neuer Konstanz. (Foto: Meenzer on Tour)

Wie zufrieden warst du mit den Transfers vor und innerhalb der Saison und welche Mannschaftsteile müssen aus deiner Sicht im Sommer besonders verstärkt werden?
Viele Spieler waren langfristig verletzt, haben allerdings gute Ansätze gezeigt. Genannt werden können hier vor allem Maximilian Philipp und Jadon Sancho. Vielversprechend sind auch die Leistungen von Akanji gewesen. Großes Problem ist aber das zentrale Mittelfeld des BVB. Julian Weigl findet sich seit seiner schweren Verletzung nicht richtig zurecht, Dahoud ist neu und zeigt vielversprechende Ansätze, Castro und Sahin fehlt es an Geschwindigkeit. Gemeinsam mit dem Sturm, wo der ausgeliehene Batshuayi bis zu seiner Verletzung gute Leistungen zeigte, wird das zentrale Mittelfeld eine der größten Baustellen werden.

Das Rückspiel im Derby hat der BVB auf Schalke mit 0:2 verloren. Natürlich tun im Kampf um die internationalen Plätze die verlorenen Punkte weh. Wie sehr bitter ist es darüber hinaus aber auch emotional, nach der Schalker Aufholjagd im Hinspiel diese Partie zu verlieren bzw. wie viel Rückenwind hätte umgekehrt ein Sieg für den Saisonendspurt gebracht?
Die Mannschaft tritt in dieser Saison insgesamt so verunsichert auf, dass auch ein Sieg im Derby keinen großen Unterschied gemacht hätte. Beim BVB geht es in dieser Rückrunde ganz stark darum, mit welchen Mitteln auch immer, die Champions League zu erreichen. Aus diesem Grund hat mir die Niederlage auch nicht bedeutend mehr weh getan als andere.
Richtige Antworten wurden dann aber nach dem Derby in den Spielen gegen Leverkusen und Bremen gegeben. In beiden Spielen zeigte der Kader endlich wieder, zu welchem Fußball er eigentlich fähig ist. Dementsprechend zuversichtlich gehe ich auch in die letzten zwei Saisonspiele.

Aus den beiden genannten Spielen hat der BVB vier Punkte geholt. Mainz hat in Augsburg verloren, am Sonntag aber eine starke Partie gegen Leipzig gezeigt und drei Punkte geholt. Wie erwartest du den BVB nach diesen beiden Leistungen im letzten Heimspiel der Saison am Samstag gegen die 05er und was erwartest du von Mainz?
Mit einem Sieg im Heimspiel gegen Mainz wäre der BVB sicher für die Champions League qualifiziert und es wäre fatal, sollte er diese Chance nicht wahrnehmen. Der Sieg der Mainzer gegen Leipzig sollte ihnen zwar für die letzten Partien Aufwind geben, geht der das Spiel mit der nötigen Ernsthaftigkeit an, gibt es für mich aber nur einen logischen Spielausgang.

Danke für das Gespräch!

|| Mit großem Dank an Meenzer on Tour für seine tollen Fotos im Saisonverlauf! ||