Ein Stück Geschichte: Heile, heile Gänsje aus Mainz

In Mainz grüßen aktuell „Gänsje“ von Brücken, Gebäuden und dem Balkon des Staatstheaters. Während in der goldenen Stadt die Symbolkraft des possierlichen Tieres nicht erklärt werden muss, runzeln andere erstaunt die Stirn. Dies umso mehr, nachdem Q-Block und Supporters ein Merchpaket mit dem Gänsje aufgelegt haben, dessen Erlös dem Verein Armut und Gesundheit in Deutschland, Kochen für Helden Mainz und Ärzte ohne Grenzen zugute kommt. Damit auch alle Auswärtigen wissen, was es mit dem Gänsje eigentlich auf sich hat, hier der Grund Nummer 6 aus „111 Gründe, Mainz 05 zu lieben“.

Das Staatstheater Mainz hat den Balkon schön. (Bild: Rheinhessen on Tour)

Am 27. Februar 1945 wurde die Mainzer Innenstadt in Schutt und Asche gebombt. Sieben Jahre später, die Stadt lag immer noch in Trümmern, sang zur Fastnacht der Dachdecker Ernst Neger (Annäherung zur einzig zulässigen Aussprache: „Ännst Nejschä“ mit einem langen e und einem sehr weichen sch) das alte Fastnachtslied „Heile heile Gänsje“ um eine neue Strophe erweitert.

„Wär’ ich emol de Herrgott heit, dann wüsste ich nur eens. Ich nähm’ in meine Arme weit mein arm’ zertrümmert’ Meenz. Ich streichelt’ es ganz sanft und lind und sagt: Hab nur Geduld! Ich bau dich wieder auf geschwind, ei, du warst doch gar nit schuld. Ich mach’ dich wieder wunderschön. Du kannst, du derfst nit unnergehn!“ Der Saal war vollständig in Tränen aufgelöst, Ernst Neger augenblicklich unsterblich – und Mainz endlich wieder am Leben.

Tu Gutes und quake darüber. (Bild: Supporters Mainz e.V.)

1955 begann die Fernsehfastnacht. 1964 brach der ganze Sendeplan zusammen, verantwortlich war wieder Ernst Neger: Sein Lied „Das Humbta Täterä“, ein Gassenhauer über Blasmusik mit der wunderbaren Zeile „Und schießt bei uns der Sportverein am Sonntag mal ein Tor, steht alles auf dem Kopf, denn das kommt selten vor“, war ein Riesenerfolg, das Publikum stand auf den Stühlen, verlangte die Zugaben im Dutzend, beruhigte sich erst nach einer Stunde wieder einigermaßen.

Wer sich schließlich das „Gebt mir ein H“-Spiel fürs Fußballstadion ausgedacht hat, darüber streiten sich die Gelehrten. Uns ist das letztlich egal, denn wir wissen, wer die ältesten Rechte daran hat. Ernst Neger wäre 2009 hundert Jahre alt geworden. Vor dem Fastnachtsspiel gegen Hansa Rostock, ein paar Wochen nach seinem runden Geburtstag, bekam er von den 05-Ultras verdienterweise seine eigene Choreographie. Und als Einlauflied gab’s ausnahmsweise „Das Humbta Täterä“.

Die Woche am Bruchweg (15/20): Abstand halten

Zu Beginn der Runde, die Mainz 05 den Medienvertreter*innen an diesem Mittwoch via Skype anbietet, klingt Achim Beierlorzer tatsächlich ein bisschen, als kehre er gerade aus dem Urlaub zurück. Er habe die Tage mit der Familie genossen, erzählt der Trainer, Zeit mit seinen jüngeren Kindern (17 & 22) verbracht, sich um den Garten gekümmert. Aber natürlich hatte er auch zu tun und da der alte „Lehrerschreibtisch“ quasi mit der Verbeamtung aufgelöst worden ist, musste er innerfamiliär den seiner Frau anmieten.

Trainiert nun wieder ohne seinen Nachwuchs: Jeremiah St. Juste. (Foto: Mainz 05)

Es sei im Trainerteam darum gegangen, die Spieler zu beschäftigen, sie auch in dieser ungewohnten Situation weiterzuentwickeln. Aber eine „Vorbereitung auf das, was vielleicht kommt“ sei weder im Homeoffice noch nun zurück auf dem Platz möglich: „Zu unsicher.“ Was das Geschehen im Training, das die 05er in enger Absprache mit den Gesundheitsbehörden am Dienstag wiederaufgenommen haben, angeht, ist Beierlorzer ganz offen: „Das ist kein direktes Fußballtraining.“ Die gemeinsame Bewegung, an der frischen Luft zu sein und natürlich wieder mit dem Ball zu arbeiten – um solche Dinge geht es aktuell.

Auch der leiseste Anflug von, oh, ich fühle mich heute nicht so gut, muss dazu führen, dass der Spieler daheim bleibt.

Achim Beierlorzer

Damit ein gemeinsames Training jetzt überhaupt möglich ist, folgt der Club strengen Auflagen. „Entscheidend ist die Distanz“, betont Beierlorzer. Die soll immer zwei Meter betragen, weshalb die Akteure bei der Auftaktrunde „mehr als eine Armspanne“ auseinanderstehen. Kopfbälle sind verboten, die Spieler fassen die Bälle nicht an, das Trainerteam trägt Handschuhe, wenn es Geräte berührt. Von Vorteil sind die aneinandergrenzenden Plätze, die insgesamt mehr Raum bieten für die Übungen. Die wieder gemeinsam durchführen zu können, empfindet der Coach als richtige Entscheidung, schließlich sei Fußball ihr aller Beruf. In den Kabinen der Jugendteams sind die Spieler zu sechst beisammen, auch da „mit großem Abstand“, geduscht wird nach der täglichen Einheit (jeweils um 15 Uhr) erst in den eigenen Wohnungen. „Hätten wir eine Hallensportart, wären wir weiter zuhause“, ist Beierlorzer sicher.

Körperlich auf Abstand, kommunikativ ganz nah: Coach Beierlorzer. (Foto: Mainz 05)

Apropos Zuhause, in die Wohn- und Lebenssituationen der Spieler hat er in den letzten Wochen ungewöhnliche Einblicke bekommen. Und erzählt, dass er jeden einmal pro Woche angerufen habe („nicht bloß angeschrieben“), um nachzuhören, wie es seinen Jungs geht. Er weiß nun, wer mit der Familie zuhause war, wer Hunde und Katzen als Mitbewohner hat und auch, wer die Wochen im Homeoffice alleine verbracht hat. Vereinsamt sei da aber niemand. „Das wurde nicht als Problem geäußert“, erzählt der Coach, der zudem sicher ist: „Da brauchen wir auch keinen Psychologen.“ Vielmehr seien die „Mannschaftskameraden“ aus ganz eigenem Antrieb sehr viel füreinander da und hielten den Kontakt untereinander von sich aus intensiv. Er spüre, nicht nur im Verein, eine große Solidarität, sagt Beierlorzer: „Ich glaube, dass so eine Krise insgesamt zusammenbringt.“

Das Training läuft also wieder, wie aber sieht es aus mit den ausstehenden Partien? „Wir brauchen doch nicht darüber reden, dass wir den Fußball über die Gesellschaft stellen“, wischt der Trainer alle Gedankenspiele weg, in denen Fußball privilegiert behandelt werden könnte. Dennoch sieht er kein Problem damit, sämtliche Szenarien gedanklich durchzuspielen, auch solche, wonach Profis regelmäßig getestet würden, um spielen zu können. Niemand wisse eben, wie die Pandemie sich weiterentwickelt. Sprich, sollten Tests irgendwann problemlos verfügbar sein, verändert sich die Bewertung. Den Profisport aber gesondert zu behandeln, das sei „moralisch klar nicht vertretbar“, unterstreicht er.

Medienrunden in den Zeiten von Corona. (Foto: WP)

Wenn Beierlorzer über die Fußballblase in Zeiten nach Corona sagt: „Ich sehe keinen Grund, wieso sich da was verändern sollte“, mag das erstmal seltsam klingen. Schließlich besteht bei dem einen oder der anderen doch eine leise Hoffnung, das Profigeschäft, das gerade in Puncto Finanzen völlig übergeschnappt scheint, würde sich durch die Pandemie ein wenig selbst regulieren. Andererseits, wie realistisch ist es, dass dieses System durch einen Schreckmoment – egal, wie intensiv der auch ist – eine tatsächliche Änderung erfährt? Und ist Beierlorzer nicht einfach nur ehrlich?

Entsprechend verweist der direkt darauf, es wüssten schließlich alle, dass die Gespräche über die neuen Fernsehgelder schon vor der Tür stehen und schließt das Thema mit einem Satz, aus dem sein Kopfschütteln fast schon herauszuhören ist: „An der Blase an sich wird sich nicht viel ändern.“ Zu sehen gab es den Trainer in der Gesprächsrunde übrigens nicht, Beierlorzer hatte die Kamera dabei ausgelassen, ebenso wie die meisten Journalist*innen. Einblicke ins jeweilige Homeoffice blieben also aus.

Die Woche am Bruchweg (12/20): Solidarisch handeln

Den Ton für eine spezielle Pressekonferenz des 1. FSV Mainz 05 in diesen ungewöhnlichen Zeiten gibt Vereinsvorsitzender Stefan Hofmann gleich zu Beginn vor – in zweierlei Hinsicht. Zum einen, indem er auf Solidarität als das Gebot der Stunde verweist: „Wir werden es alle nur überstehen, wenn wir lernen – und ich glaube, wir müssen es tatsächlich wieder lernen – solidarisch zu sein.“ Die Coronakrise habe „extreme Auswirkungen auf unser Leben, auf die Gesellschaft und natürlich auch den Sport.“ Wichtig sei, „dass jeder seinen Beitrag leistet.“

Ungewöhnliche Pressekonferenz in ungewöhnlichen Zeiten.

Zum anderen macht Hofmann in der gestreamten Pressekonferenz ohne Livepublikum deutlich, der Verein werde sich in dieser ganz neuen Situation nicht von der Linie abbringen lassen, die der Vorstand für sich in den vergangenen Tagen gemeinsam gefunden hat. „Schon gar nicht lassen wir uns hinreißen zu irgendwelchen populistischen Aussagen.“ Permanente Wasserstandsmeldungen werde es definitv nicht geben, wohl wissend, dass Schweigen dem einen oder der anderen Raum für Interpretationen biete, spielt Hofmann auf einige Boulevardberichte der letzten Tage an. „Wir Drei führen diesen Verein nicht darüber, dass wir in der Glaskugel lesen.“

Ein Thema für Hofmann ebenso wie Sportvorstand Rouven Schröder ist das aus ihrer Sicht völlig unselige Schlagwort „Fußballmillionäre“. Schröder erinnert, jeder Fußballprofi sei in der aktuellen Situation erstmal Mensch, vielfach mit Familie, als solcher also von Sorgen und Ängsten ebenso betroffen wie alle von uns in diesen Zeiten. Die Frage nach eventuellen Änderungen am Gehalt der Spieler oder freiwilligen Leistungen der Profis gefällt Schröder primär in der gestellten Tonalität nicht, das wird bei seinen gewohnt emotionalen Worten deutlich. Signale von den Spielern habe es längst gegeben, bevor diese Fragen von außen an sie herangetragen worden seien. „Das müssen wir aber nicht groß rumposaunen, weil es nicht darum geht, das als Statement zu machen.“

Schröder macht in der von Pressesprecherin Silke Bannick besonnen und professionell geleiteten PK klar, es sei der Wunsch aller, die Saison nach einer Pause bis zum 30. Juni zu Ende zu spielen. Vertragsangelegenheiten liegen aktuell auf Eis, weder können auslaufende Verträge verlängert, noch neue Spieler verpflichtet werden. Die Situation sei natürlich schwierig, andererseits gehe es da allen Vereinen gleich. Der Sportvorstand äußert sich auch zum Thema „Homeoffice“, das bei den Profis natürlich nicht als Arbeit am Schreibtisch zu verstehen ist. Die Spieler haben ihre Pulsuhren mitbekommen, absolvieren Lauf-, Kraft- und Mobilisationsprogramme, speisen ihre Ergebnisse in eine Cloud und sind in engem Austausch mit Trainerstab, Physios und medizinischer Abteilung.

Besonnen und professionell: Pressesprecherin Silke Bannick. (Fotos: WP)

Auch über sportliche Themen hinaus ist die Kommunikation laut Schröder eng, jeder sei für jeden da, alle sind jederzeit für Alltagsprobleme, Ängste oder Austausch erreichbar in dieser Situation, die ja auch für die Psyche ungewohnt ist. „Das viel belastete Wort ‚Familie‘ gilt eben für Mainz 05. Wir können uns alle immer gegenseitig anrufen. Ich finde, das ist der beste Psychologe“, beschreibt er den Zusammenhalt im Verein.

Fragen zur wirtschaftlichen Situation beantwortet der kaufmännische Vorstand Jan Lehmann, der betont, kein Unternehmen der Welt könne langfristig überleben, ohne sein Produkt zu produzieren – so gehe es natürlich auch dem Fußball. Von möglichen Szenarien für den weiteren Verlauf sei ein Abbruch der Saison finanziell am schwierigsten, da 50% der Erlöse (ohne Transfers sogar 60%) über die Medieneinnahmen kommen. Bei einem Abbruch zum jetzigen Zeitpunkt würden dem Verein allein hier rund 15-16 Millionen fehlen. „Das würde uns schon sehr schwer treffen.“

Ticketing und Hospitality schlagen mit 14% zu Buche, weshalb auch Spiele ohne Zuschauer*innen anspruchsvoll wären, aber allemal besser als ein Abbruch der Saison. Zumal angesetzte Spiele auch bedeuten würden, die Verträge mit Sponsoren und Partnern (15%) zumindest teilweise einhalten zu können – wobei da das Thema höhere Gewalt eine Rolle spielen könnte. Generell gebe es von den Partnern bislang positive Signale, Hauptsponsor Kömmerling habe beispielsweise im Telefonat am Morgen die eigene wirtschaftliche Stabilität auch in diesen Krisenzeiten betont. Das alles stimme den Verein zuversichtlich.

Jobs und Gehälter sieht Lehmann für den Moment nicht in Gefahr, auch wenn natürlich in alle Richtungen gedacht und geplant werden müsse, was Einsparpotential betrifft. Er signalisiert hier klar, der Vorstand werde im Zweifel „voran gehen“, man werde definitiv „nicht erst fordern und dann leisten“, legt also nahe, auch eigene Verzichte sind möglich.

Fest steht derweil bereits, dass die Handballsaison der Frauen abgebrochen wird – ohne Auf- und Absteigerinnen. Für die Meenzer Dynamites bedeutet das einen Klassenerhalt der seltsamen Art, sie treten nächste Saison wieder in der 1. Liga an. Keine hundertprozentigen Aussagen will Stefan Hofmann zu den Bauplänen für die neue Geschäftsstelle am Bruchweg treffen. Man versuche, die Planungen so gut wie möglich weiterlaufen zu lassen. „Ich würde mir wünschen, dass wir Ende des Jahres oder zu Beginn des neuen Jahres Baurecht haben.“

Abschließend betont der Vereinsvorsitzende noch einmal das Thema Solidarität. Für den Verein sei es sehr positiv, zu sehen, wie viele Fragen auch von den 05-Fans kommen. „Das zeigt ja, es ist wichtig für die Leute.“ Nicht nur deshalb werde man die Kommunikation definitiv aufrecht halten, aktuell über die sozialen Medien des Vereins. Für alle Verantwortlichen bei Mainz 05 gehe es nun darum, in dieser Phase „solidarisch zu sein, die Ärmel hochzukrempeln, anzupacken.“ Nur so sei diese Krise zu meistern. Insgesamt legt der Verein mit dieser PK, für die Journalist*innen Fragen vorab einreichen konnten, einen sehr besonnen Auftritt hin. Und das ist ein gutes Signal.

Die Woche am Bruchweg (10/20)

Mächtig was los diese Woche in „Fußball-Deutschland“ – und das liegt weniger daran, was auf den Plätzen passiert, als daran, welche Botschaften die Kurven senden. Wobei das auf keinen Fall als Schuldzuweisung zu missverstehen ist, denn der Konflikt zwischen den aktiven Szenen und Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp hat eine lange Vorgeschichte, in deren Verlauf definitiv beide Seiten Fehler gemacht haben. Sehr gut also, dass die anfangs leider unfassbar einseitige Darstellung in vielen Medien in den Tagen seit dem Wochenende an Qualität gewonnen hat.

Empfehlen möchte ich an dieser Stelle exemplarisch die sehr guten Texte von Klaas Reese und Christian Bartlau, ebenfalls klug geäußert haben sich die Kolleg*innen von Effzeh.com sowie die des Fanmagazins Schwatzgelb mit gleich mehreren Texten. Die Sportschau veröffentlichte, nachdem sie in den sozialen Netzwerken rund um die Causa teils sehr unglücklich aufgetreten war, einen fundierten Text von Nora Hespers und für den Wiesbadener Kurier kommentierte Sportchef Tobias Goldbrunner besonnen.

Und damit zum Bruchweg, wo sich Achim Beierlorzer leider deutlich weniger besonnen zu den Plakaten und möglichen Schlussfolgerungen äußerte. Wer schon intensiver mit dem 05-Coach sprechen konnte, weiß, wie klug und differenziert sich dieser mit vielen Themen befasst. An der besagten Stelle wäre es deshalb die bessere Variante gewesen, zu sagen, man lässt sich zu dem Thema erst aus, wenn man die Hintergründe in Erfahrung gebracht hat – oder auch einfach gar nicht. Das hat, Offtopic, Jürgen Klopp unter der Woche sehr charmant zum Thema Coronavirus getan.

“I wear a baseball cap.” (Screenshot: Twitter/@RagsMartel)

Deutlich besser war die Reaktion des Gesamtvereins, der nach dem sehr guten Statement von Werder Bremen und den katastrophalen Einlassungen von Schalke 04 ebenfalls etwas zur Gesamtgemengelage sagt, was ich wichtig und richtig finde. Die klare Positionierung gegen Kollektivstrafen und der Aufruf zum Dialog sind ebenfalls sehr gut. Der erste Absatz der Erklärung ist mir persönlich zu schwammig. Da hätte ich mir mehr Mut gewünscht, sprich, den Hinweis darauf, dass der Verband Dietmar Hopp schützt, gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie aber zu oft schweigt oder auf reine Symbolpolitik setzt. Unterm Strich aber eine positive Sache, hier zu denen zu gehören, die ihre Stimme erheben.

Fußball wird natürlich auch weiterhin gespielt. Am Dienstag geschont wurden Phillipp Mwene und Ronaël Pierre-Gabriel, Mwene aus Gründen der Belastungssteuerung nach seinem ersten Einsatz im Anschluss an die lange Verletzung, Pierre-Gabriel wegen einer Oberschenkelverhärtung. Ohnehin wieder dabei ist Aarón Martín und Edimilson Fernandes, auch Jeremiah St. Juste und erstmals Alexander Hack sind im Training, was die Situation in der Innenverteidigung deutlich entspannt. Stefan Bell befindet sich laut Beierlorzer weiter „auf dem Weg der Besserung“, die Integration stehe „zeitnah bevor“, aber noch brauche es etwas Geduld.

Im Rückblick auf den Sieg gegen Paderborn lobt der Trainer erneut, wie gut sein Team die Gesamtsituation angenommen habe, inklusive des zeitweiligen Starkregens. Ein Sonderlob gibt’s für Karim Onisiwo, allerdings durch die Hintertür: „Wenn man diesen Sieg nur zugrunde legt, hat er genau die richtige Reaktion gezeigt.“ Nach zwei, drei starken Einwechslungen habe der Stürmer in dieser Partie alles gezeigt, was er als Trainer von ihm sehen wolle.

Man kann auch sagen, es ist ein Pflichtsieg, wie es Rouven gemacht hat. Ist schon so, wenn man sagt, was ist unser Ziel. Aber er war vor allem auch unheimlich wichtig.

Achim Beierlorzer, Trainer

Das kämpferisch geprägte Spiel sei auch ein wichtiges Signal gewesen an die Anhänger*innen: „Unsere Fans sind wirklich absolut klasse“, sagt Beierlorzer und betont, diese honorierten, wenn spürbar sei, wie die Spieler sich in eine Partie reinhauen. Durch das zweite Heimspiel in nur acht Tagen gibt es die nächste Gelegenheit dafür bereits am Sonntag. Interessant wird da auch, ob und wie die Mainzer Szene sich in den aktuellen Konflikt mit dem DFB einbringt. Die Mainzer Geschichte mit Dietmar Hopp aus Zeiten von Christian Heidel ist hier sicher nicht vergessen.

Spielunterbrechung: Mit zweierlei Maß


Wenn wir als eine Gesellschaft funktionieren wollen, in der Menschen vor Angriffen, Gewalt und Schmähungen geschützt werden, müssen wir alle Menschen gleichermaßen schützen. Diese Prämisse bedeutet aber nicht, dass es nicht zulässig ist, kritisch die Stimme zu erheben, wenn Schutz ausgerechnet bei besonders privilegierten Gruppen (erstmals) greift. Darauf hinzuweisen hat nichts mit dem in diesem Zusammenhang oft benannten Whataboutism zu tun, sondern ist eine notwendige Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Oder wie Stefan Buczko passend formuliert:

Being angry about double standards isn’t whataboutism.— Stefan Buczko (@StefanBuczko) February 29, 2020

Beim Spiel des FC Bayern in Hoffenheim an diesem 24. Spieltag kam es zu Unterbrechungen, weil Plakate mit Schmähungen gegen Dietmar Hopp gezeigt wurden. Bei der parallel stattfindenden Partie der Freiburger in Dortmund stand eine Spielunterbrechung wohl ebenfalls kurz bevor, weil Hopp mit Gesängen beleidigt wurde.

Ich fasse es nicht. Im Stadion wird “Hopp du Hurensohn” gesungen und der Schiedsrichter sieht das als Anlass, das Spiel kurz zu unterbrechen? Wie lächerlich soll das eigentlich noch werden? #BVBSCF— Maurice Morth (@JungeMitDemBall) February 29, 2020

Es gibt zwei Möglichkeiten, dieses Thema zu betrachten. Die eine ist, sich zunächst mit der lange zurückreichenden Geschichte zwischen Dietmar Hopp und verschiedenen Fangruppen zu beschäftigen. Diese wurde unter anderem im Fanportal Schwatzgelb.de schon mehrfach gut nachvollziehbar aufgearbeitet, gerne verweise ich deshalb auf diesen Text: klick.

In der Kritik steht dabei berechtigterweise immer wieder das Banner mit dem Fadenkreuz. Eine Auseinandersetzung damit, was genau sich dahinter verbirgt und wieso man das Motiv sehr wohl kritisieren kann, ohne mitzugehen, wenn diesbezüglich von einem Mordaufruf gesprochen wird, findet sich sehr lesenswert in diesem Thread:

Zurück zum #Fußball: Es ist viel zur Causa #DietmarHopp+#Hanau gesagt worden, z.B. von @starcaztle, aber ich fasse nochmal zusammen, warum sowohl Vorgang als auch Berichterstattung imho falsch und gefährlich sind. @DFB @sportschau @SPORT1_Dopa +TWIMC 1/xhttps://t.co/Oi3XeSpUZE— Andrej Reisin (@Andrejnalin77) February 23, 2020

Weil die Kolleg*innen die Geschichte zwischen Dietmar Hopp und gerade den BVB-Fans bereits gut beschrieben haben, möchte ich es an dieser Stelle bei den Links belassen und direkt mit den Vorfällen in Hoffenheim und Dortmund einsteigen.

Fußball wird seit einigen Jahren von so genannten Expert*innen begleitet, die im Studio sitzen und Spiele kommentieren und bewerten. Natürlich werden diese dann auch befragt, wenn Vorfälle wie heute passieren. Die Kommentator*innen und Moderator*innen hatten ebenfalls eine Menge zu sagen zu den Schmähungen gegen Hopp und der Tatsache, dass diese in Spielunterbrechungen mündeten. Die Rede war von einem „schwarzen Tag im Fußball“, bei Sky sprach man davon, etwas Vergleichbares habe es in fast zwanzig Jahren Konferenz nicht gegeben.

Didi Hamann erklärte beflissentlich, „Fußballdeutschland“ stehe hinter Hopp, man wünsche ihm und seiner Familie viel Kraft. Schnell wurde, wie bereits in der letzten Woche, die Brücke zum rassistisch motivierten Anschlag in Hanau geschlagen, eine undenkbare Verharmlosung dieses brutalen Attentats. Hierzu gibt es ebenfalls einen sehr lesenswerten Text bei den Kolleg*innen von Schwatzgelb.de: klick.

Auch abgesehen von diesem undankbaren Vergleich rubbelte man sich an den heimischen Empfangsgeräten doch reichlich verwundert die Augen. Spielabbruch? Wegen wiederholter Beleidigungen gegen den Hoffenheimer Mäzen? Interessanter Schachzug in Zeiten, in denen antiziganistische, antisemitische, rassistische und ableistische Entgleisungen in Stadien wieder zugenommen haben und achselzuckend hingenommen werden. Sexismus hat ja schon in der Vergangenheit nie wirklich irgendjemanden gestört, geschweige denn zum Handeln gebracht.

Da muss man gar nicht so weit gehen und die Würdigung des verstorbenen Nazis Tommy Haller im Heimstadion des Chemnitzer FC auszupacken, die als eine gefährliche politische Positionierung der Kurve und von Teilen des Vereins gewertet werden muss (klick), die der Verband eigentlich an Ort und Stelle hätte sanktionieren müssen. Man muss sich auch nicht in die Niederungen der Ligen begeben und zum wiederholten Male die Partie zwischen dem SV Babelsberg und Energie Cottbus ausgraben, bei der Beschimpfungen wie „Zecken, Zigeuner und Juden“ oder der Hitlergruß nicht zu einem Spielabbruch führten (klick).

Man kann es sich viel einfacher machen und beispielsweise auf das Pokalspiel zwischen Hertha BSC und Schalke 04 in diesem Monat schauen, bei dem Herthas Jordan Torunarigha von den Rängen rassistisch beleidigt wurde (klick). Konsequenzen gab es keine, obwohl der Schiedsrichter Harm Osmers darüber informiert wurde, dass Torunarigha Affenlaute von den Rängen gehört hatte. Oder wie war es vor zwei Jahren, als Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus von Fans deutlich vernehmbar als Hure beschimpft wurde (klick)? Natürlich gab es im Nachhinein Entschuldigungen, das Spiel lief zuvor aber davon unbeeindruckt weiter.

Dasselbe gilt für Vorfälle bei einem Länderspiel in Wolfsburg im vergangenen Jahr (klick). All diese Vorkomnisse werden entweder nach dem Motto „Was ich nicht höre, interessiert mich auch nicht“ weggewischt oder mit einem kurzen, pflichtschuldigen „Sorry“ zu den Akten gelegt. Häufig wird argumentiert, Rufe seien im Stadion schwieriger auszumachen als die Banner, die Fans im Block in die Höhe halten. Deswegen sei eine Spielunterbrechung bei einer deutlich beleidigenden Tapete nachvollziehbarer als bei Rufen, von wegen, man könne sich ja auch mal verhören.

Schauen wir uns also an, was in Sachen Spruchbändern in der jüngeren Vergangenheit so los war. Da gab es beispielsweise die Ansage der Dynamo-Fans ans St. Pauli Lager, sie bekämen an diesem Spieltag nichts zu essen, weil ihre Frauen zum Fußball gehen (klick).

Oder wie war das mit dem antiziganistischen Banner, das dereinst in der Canstatter Kurve hing? Das führte ebensowenig zu einem Spielabbruch wie dieses ableistisch Tapete.

Nein, damit in einem deutschen Fußballstadion eine Spielunterbrechung herbeigeführt wird, muss schon ein alter, weißer Milliardär beleidigt werden. Pun intended, denn natürlich darf heutzutage niemand von alten, weißen Männern sprechen, ohne sich fragen zu lassen, ob das nicht auch eine Form der Diskriminierung sei. Nein, ist es nicht, weil damit mal eine Gruppe beschrieben wird, die mehr Privilegien genießt als alle anderen zusammen, weshalb diese gezielte Zuschreibung mit Diskriminierung nichts zu tun hat. Ebenso wenig wie diese Diskussion – siehe den Einstieg dieses Textes – eine Form von Whataboutism ist.

Es geht dabei nämlich nicht darum, zu verteidigen, dass irgend-ein-Mensch diesen Beleidigungen ausgesetzt wird. Es geht um eine Eingriffsschwelle. Was muss passieren, damit Maßnahmen wie eine Spielunterbrechung Thema werden? Und da kann es einfach nicht sein, dass in der jüngeren Vergangenheit die antiziganistischen, rassistischen, homophoben, ableistischen, antisemitischen und sexistischen Angriffe in den Stadien (und auch ganz generell in dieser Gesellschaft) auf eine erschreckende Art und Weise zugenommen haben, aber geduldet werden – und der Angriff auf einen einflussreichen Milliardär auf diese Art und Weise hochgekocht wird.

Diesen Vorwurf zu kontern, indem man nun sagt, die Maßnahmen gegen die Hopp-Schmähung könnten doch ein Anfang sein dabei, Beleidigungen und Angriffen im Stadion entsprechend zu begegnen, ist ein absoluter Hohn. Für die vielen marginalisierten Gruppen, deren Bedürfnisse und Ängste zuletzt permanent kleingeredet und beschwichtigt wurden, muss es reichlich unerträglich sein, heute via Berichterstattung suggeriert zu bekommen, im Stadion seien undenkbare Vorfälle zu beklagen, die mit nichts vergleichbar sind, was in den vergangenen Monaten passiert ist.

Es kann und es darf nicht sein, dass wir gesellschaftlich erst dann aufwachen und aktiv werden, wenn Menschen betroffen sind, die über Macht und Einfluss verfügen. Denn eine Gesellschaft, die nicht zu allererst jene schützt, denen die Mittel fehlen, sich selbst zu verteidigen, schützt letztlich niemanden. Das gilt nicht nur im Stadion.

Nachtrag:
1. In einer früheren Version dieses Textes hieß es, das antiziganistische Banner habe „kürzlich“ in der Canstatter Kurve gehangen. Dies wurde korrigiert, da es schon einige Jahre zurückliegt.
2. Eine Spielunterbrechung aufgrund von rassistischer Entgleisungen gab es zuletzt tatsächlich in der dritten Liga. Das ist hier nachzulesen. Es wäre wichtig, dass die beiden oberen Ligen da konsequent nachziehen.