Das Mädchen und der Star: My Week with Marilyn

„Liebst du mich, Colin?“, fragt die junge blonde Frau. Aufgelöst in ihrer eigenen Verunsicherung. Betäubt von den ewigen Tabletten. Und so offensichtlich alleine, dass es einem nach dem Herzen greift. „Ja“, antwortet der, und weiter: „Du bist wie eine griechische Göttin für mich.“ Ganz so, als ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hätte. „Ich bin keine Göttin“, flüstert sie. Dann, noch leiser: „Ich will nur wie ein ganz normales Mädchen geliebt werden.“ Und damit ergibt sich das Mädchen, das für einen kurzen Moment aufgeblitzt war hinter der Fassade des Stars, wieder in ihre Rolle – die der Marilyn Monroe.

Für die Dreharbeiten zu „Der Prinz und die Tänzerin“ reist die Schauspielerin im Sommer 1956 nach England. Laurence Olivier will seiner Komödie mit der „berühmtesten Frau“ der Welt das gewisse Etwas und sich als Hauptdarsteller einen Jungbrunnen verpassen. Und Marilyn Monroe fühlt sich, trotz der eindeutigen Genrezuordnung des Films, durch Oliviers Ruf als ernsthafte Schauspielerin gefordert – ein Missverständnis. Denn Regisseur Olivier hat erst keine Ahnung, worauf er sich mit seinem kapriziösen Star einlässt, und dann keine Nerven, um auf die Schauspielerin einzugehen. Schließlich soll die nur hübsch mit dem Po wackeln und dafür sorgen, dass er daneben gut aussieht. Stattdessen verschafft sie ihm graue Haare, weil sie regelmäßig um Stunden verspätet am Set auftaucht. Und treibt ihn in den Wahnsinn, weil sie auch dann nur spielen kann, wenn sie mit Hilfe von Paula Strasberg ihre Rolle fühlt.

Armes, reiches Mädchen: Michelle Williams als Marilyn Monroe. (Foto: Verleih)

Armes, reiches Mädchen: Michelle Williams als Marilyn Monroe. (Foto: Verleih)

So wenig Marilyn die Rolle fühlt, so sehr ist sie sonst von ihren Emotionen bestimmt. Wenn sie denn ihr gehören, die Gefühle, die scheinbar unkontrolliert durch ihren begehrten Körper rauschen – immerhin, es könnten auch einfach Reaktionen ihres Nervensystems auf die vielen Tabletten sein, mit denen sich die Schauspielerin durch den Tag hilft. Denn auf diese, wie unzählige andere Formen von Unterstützung, ist der labile Star längst angewiesen. Dass ihr dritter Ehemann Arthur Miller ihr diese entzieht, indem er während der Dreharbeiten für eine Woche zurück nach New York reist, empfindet Marilyn deshalb wie einen neuen Teil in der scheinbaren Fortsetzungsgeschichte ihres Lebens: sie wird verlassen, wieder. In ihrer tief empfundenen Verunsicherung scheint sie nach dem Augenpaar Ausschau zu halten, das sie mit der größten Bewunderung anschaut – es sind die des dritten Regisseurs, Colin Clark.

Auf dessen tagebuchartigen Veröffentlichungen über seine Woche(n) an der Seite des Stars während der Dreharbeiten zu „Der Prinz und die Tänzerin“ basiert der Film „My Week with Marilyn“ von Simon Curtis – vielleicht ist es also nicht Curtis’ Schuld, dass der inhaltlich arg belanglos daher kommt: Allein die Tatsache, dass sich ein Star darin tummelt, muss ein fremdes Tagebuch ja noch nicht interessant machen. Da ist es nur folgerichtig, dass der Regisseur sich weniger auf Clarks dünnes Geschichtchen über die angebliche Liaison verlässt als auf die Stärke der erwähnten Figuren. Die durchweg großartig besetzt sind: Julia Ormond verleiht ihrer Vivienne Leigh Würde und Kraft, Zoe Wanamaker verhindert konsequent negative Gefühle gegenüber ihrer Paula Strasberg, Kenneth Branagh als Laurence Olivier ist der personalisierte Nervenzusammenbruch auf Zeit und schließlich, zum Niederknien: Judi Dench als humorvolle, warmherzige Sybil Thorndike.

Die Stars des Films aber sind, titelgerecht, Marilyn Monroe – und die wunderbare Michelle Williams, die ihre Rolle weniger spielt als sich ihr hinzugeben. So bezaubernd der Augenaufschlag, das Lachen, der Hüftschwung. So überzeugend die Angst, das Zittern, die Verzweiflung. Ihre eigentliche Leistung aber besteht darin, in einem Film, der vermeintlich von der Fremdbestimmtheit des als Norma Jeane geborenen Stars erzählen will, diesen Trugschluss aufzulösen: Marilyn Monroe, das war nie mehr als eine Rolle. Und so unglücklich diese das Mädchen Norma Jeane auch oft gemacht haben mag, war es letztlich sie, und nur sie, die diese Rolle kontrollierte. Weil sie sich bewusst dafür entschieden hat, das Mädchen, das scheinbar niemand lieben konnte, aufzugeben für den Star, den allen bewundern. Auch wenn der Preis dafür war, selbst genau das zu tun, was sie allen anderen zum Vorwurf machte – dieses Mädchen zu verlassen.

My Week with Marilyn
Buch: Adrian Hodges
Regie: Simon Curtis
Darsteller: Michelle Williams, Julia Ormond, Eddie Redmayne
USA, 99 Minuten, FSK: 6

Take Shelter – Im Auge des Sturms

Letztlich geht es in Jeff Nichols’ Film „Take Shelter“ vor allem um eines: Vertrauen. Wem kann ich noch trauen, wenn ich mir selbst zu misstrauen beginne? Können die Menschen, die ich liebe und die mich lieben mir auch dann vertrauen, wenn ich keine Erklärung für mein eigenes Verhalten finde? Und wie weit darf oder muss dieses aus der Liebe geborene Vertrauen gehen? Nichols’ Antwort ist denkbar einfach: Vertrauen ist die Grundlage für jede zwischenmenschliche Beziehung, die er auf der Leinwand zum Leben erweckt. Und wenn man sein ambivalentes Ende denn hoffnungsvoll deuten mag, dann im Zusammenhalt seiner Figuren – die sich entschieden haben, einander vollkommen zu vertrauen.

Wem kann man noch trauen, im Auge des Sturms? (Foto: Verleih)

Wem kann man noch trauen, im Auge des Sturms? (Foto: Verleih)

Curtis laForche (Michael Shannon) hat sich seinen amerikanischen Traum erfüllt: Ehefrau, Tochter, Hund, Häuschen, Job – und für jedes Problem (wie die Gehörlosigkeit der Tochter) gibt es eine Lösung (in diesem Fall: seine außergewöhnlich gute Krankenversicherung). Diese Idylle ist echt, mag Curtis auch beim Plausch mit Kumpel und Arbeitskollege Dewart (Shea Wigham) nach dessen Prahlerei, er plane einen Dreier mit seiner Gattin und einer Internetbekanntschaft, leicht bedauern, so etwas sei mit seiner Frau nicht denkbar. Aber – diese Idylle ist auch bedroht, das spüren Curtis und die Zuschauer von Anfang an; nicht nur, weil der Regen, der auf den Familienvater herunterprasselt, eine unerklärliche, ölige Konsistenz hat.

Wem vertraue ich meine Ängste und Zweifel an, wem meine (vermeintliche) Schwäche? Es sind nicht nur seine Visionen vom öligen Regen, die Curtis zu schaffen machen, sondern auch seine Albträume. In denen unglaubliche Stürme aufziehen, Schwärme von Vögeln den Himmel verdunkeln, schließlich aus ihm heraus fallen, seine Tochter in Gefahren gerät, vor denen er sie nicht schützen kann – und die Welt aus den Fugen. Auch, weil Curtis nicht mehr weiß, wem er noch trauen darf: Es sind in diesen Albträumen gerade die Menschen, die er am meisten liebt, die ihn bedrohen, angreifen und verletzen. Und so, wie diese Visionen und Albträume ineinander übergehen und miteinander verschmelzen, greift beides in seine Realität. Wird er gerade wahnsinnig? Oder sind seine Träume Vorboten auf ein drohendes Unheil? Und wenn sie Vorboten sind, heißt das, dass er den Menschen, die ihn darin verraten, auch im Leben nicht mehr vertrauen kann?

Nichols bietet gleich mehrere mögliche Erklärungen für das, was mit Curtis passiert. Mag sein, der Vorarbeiter sieht tatsächlich Dinge, für die seine Umwelt kein Gespür hat. Oder der Familienvater ist krank, verliert den Verstand: Seine Mutter (Kathy Baker) war etwa in seinem Alter, als bei ihr psychotische Schizophrenie diagnostiziert wurde. Gerade zu ihr bemüht sich Curtis zuerst um ein gewisses Vertrauen, mit seinem Besuch in ihrem Heim; der aber scheitern muss. Dennoch, der rationale Curtis scheint sich zunächst mit der Variante, seiner Mutter in ihre Krankheit zu folgen, fast am wohlsten zu fühlen und beginnt eine Gesprächstherapie.

Obwohl der Boden, über den der Familienvater tastend geht, schwankt unter seinen Schritten, ist es immer wieder er selbst, dem Curtis vertraut, gibt er den Glauben an seine eigene Wahrnehmung nie auf. Und folgt den Warnhinweisen, die er daraus bezieht, in der festen Hoffnung, so die Menschen schützen zu können, die er liebt – auch wenn es zunächst wirkt, als würde er durch sein Handeln alles zerstören. „I’m doing this for us. I know you don’t understand.“ Zwei Sätze, in denen Curtis’ ganzes Dilemma liegt. Und die letztlich eben diesen Glauben an sich selbst ausdrücken – in dem er sich seiner Frau Samantha (großartig: Jessica Chastain) schließlich auch anvertraut. Von seinen Albträumen und Visionen erzählt. Und so ihr Vertrauen zurückgewinnt, mitten im scheinbaren Wahnsinn, der ihn dazu treibt, den Sturmbunker hinterm Haus auszubauen – obwohl doch alle Finanzen in die Gesundheit der Tochter fließen sollen.

Der Rest seiner Umwelt freilich rückt immer weiter vom scheinbar in den Irrsinn driftenden Curtis ab; zuletzt auch Dewart, der gemeinsam mit seinem Freund den Job verliert, nachdem der unerlaubt Werkzeug und Maschinen aus der Firma geliehen hat – für seinen Bunker. Auf einer Feier, zu der die Familie geht, weil Samantha „something normal“ braucht, etwas Normales, zum Luft holen, zum Kraft schöpfen, kommt es zum Eklat, als Dewart Curtis angreift – so lange, bis der explodiert. „You think I’m crazy?“, brüllt der Hüne, nachdem er einen Tisch umgeworfen hat, als sei es ein Glas Wasser. „There’s a storm coming like nothing you have ever seen and not one of you is prepared for it!“ Die Gesellschaft zittert und schweigt. Tochter Hannah (Tova Stewart) schaut den Vater aus großen Augen an – ist es Angst, die darin liegt? Wird Samantha das Kind – nun doch – an der Hand nehmen und wegführen, von hier, vom Vater, und wird das mühsam erkämpfte Vertrauen brechen?

Regisseur Nichols selbst sagt über seinen Film:

I think it’s a lot about communication. We all carry these fears and doubts. They will always be there, whether it’s fear of the government collapsing, or the environment, or you can’t pay your bills, whatever. We’ll always have something to worry about. And I think where relationships maybe get damaged is in people not sharing those fears with their significant others. That seemed like an answer to me, and an interesting ending for this problem that I’d built up in this film.

So kommt es, dass dessen Ende schließlich weniger ambivalent ist, als es zunächst scheinen mag. Die Frage, ob Curtis tatsächlich krank ist oder nicht, ob der Sturm nun kommt oder der dunkle Himmel ein falscher Alarm ist, ob die apokalyptischen Bilder des Filmes und die Visionen seiner Hauptfigur Parabeln sind auf unsere, auf die amerikanische Gesellschaft im Hier und Jetzt – all das ist letztlich nicht wesentlich. Wesentlich ist das Kleine im Großen. Wichtig sind die Beziehungen, die wir führen. Worauf es ankommt sind die Sprache, die wir wählen und der Weg, den wir gehen. Wenn wirklich ein Sturm kommt, das Ende der Welt, fehlen uns allen die Mittel, um das aufzuhalten. Aber wir entscheiden, wie wir unser Leben bis dahin gestalten. Was uns wichtig ist. Und wen wir an der Hand halten, wenn die Apokalypse uns trifft. Das mag auf dem Papier kitschig klingen, bei Jeff Nichols ist es jedoch ganz große Kinokunst.

Take Shelter
Buch & Regie: Jeff Nichols
Darsteller:  Michael Shannon, Jessica Chastain, Shea Wigham
USA, 121 Minuten, FSK: 12

Der Knoten der Distanz: Barbara

Es dauert bis kurz vor Schluss, dann vermag Christian Petzolds „Barbara“ endlich zu berühren: für einen kurzen Moment, immerhin. Die Leinwand ertrinkt in kühlem Nachtblau. Barbara (Nina Hoss), Ärztin, aufgrund eines Ausreiseantrages 1980 von Berlin in die Provinz verschickt, sitzt am Ostseestrand und blinzelt gegen die Tränen. In ihrem Schoß liegt die aus dem Jugendwerkhof Torgau geflohene Stella (Jasna Fritzi Bauer) und Barbara wird, so viel ist klar, gleich auf ihre vorbereitete Flucht in den Westen verzichten – und stattdessen das Mädchen schicken. Die Geste, so nobel und übermenschlich auf der einen Seite, ist auf der anderen alles andere als das. Lediglich ein Trotz nämlich, konsequent zumindest in der Ausgestaltung der Figur. Im Westen wartet zwar der Geliebte, das gelobte Land; aber der Traum vom Leben dort funktioniert für Barbara nicht mehr. Seit nämlich der Mann, von dem sie sich geliebt fühlte und verstanden, ihr zwischen den Laken des Interhotels zugeraunt hat, in ihrem neuen Leben brauche sie nicht mehr zu arbeiten: Als ob eine wie sie denkbar wäre ohne ihren Job.

Bitte recht unnahbar: Nina Hoss als Barbara. (Foto: Verleih)

Bitte recht unnahbar: Nina Hoss als Barbara. (Foto: Verleih)

Nina Hoss spielt Petzolds Barbara mit nur einem Gesichtsausdruck – spöttisch – dafür aber mit zwei Frisuren: Der streng gezurrte Knoten, um ihre Unnahbarkeit zu verdeutlichen und die offene Lockenpracht immer dann, wenn sie sich am Leben verletzt, Demütigung erfährt. Subtil ist anders, aber der Film ist auf eine seltsame Weise offensiv, bisweilen fast plump in seinen Aussagen. Unübersehbar brennt ihr Kollege André (Ronald Zehrfeld) für die Neue aus Berlin. Überdeutlich hält Barbara die Distanz zu allem und jedem. Für Zwischentöne ist da kein Platz und mag sein, es ist Petzolds Weg um ein Regime zu beschreiben, in dem diese gleichfalls fehlten – dem Film aber nutzt es nicht. Ebenso wenig wie die nun wirklich ausschließlich plumpe Episode über den Stasimann, der Barbara bespitzelt, quält und überwacht und dessen Frau gerade der Krebs dahinrafft. Es ist eine Aussage ohne Wert, dass der Verlust eines geliebten Menschen auch dieses kaltherzige Arschloch beutelt: Oder glaubte tatsächlich irgendwer, ein Diktator weine nicht am Grab seines Kindes?

Offensichtlich ist auch, dass Barbara Nähe zwar abblockt, aber eigentlich doch sucht, augenscheinlich sind ihre tiefen Verletzungen, die sie auf Wunden anderer mit großer Empathie reagieren lassen. Und Petzolds Film zeigt beides mit großer Eindringlichkeit: Die fast nackte Ärztin im eigenen Badezimmer, hilflos einem System ausgeliefert, dessen Durchsuchungen in der Wohnung anfangen und vor dem menschlichen Körper nicht Halt machen. Die schreiende Stella beim Abtransport zurück nach Torgau, kurz aufgefangen in den Armen der Ärztin – das sind Momente, die haften bleiben. Trotz aller Distanz und Sprödigkeit, die der Film auch in diesen Szenen bewahrt. Am Ende fügen sich die einzelnen Teile nicht zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Die nicht-angetretene Flucht gibt, so sehr der Zuschauer es besser weiß, André das Gefühl, Barbara habe sich irgendwie für ihn entschieden. Stella wird, zwar gut gemeint, aber vollkommen ohne Schutz, in ein neues Leben beinahe ausgeliefert. Und wie Barbara auch nur einen weiteren Tag in diesem System überleben will, dahinter steht das größte Fragezeichen. Unterm Strich fühlt man sich ein wenig, als habe man gerade schlicht eine mäßige Lovestory gesehen, bei der die DDR weniger Thema als Setting ist – verschenkt.

Barbara
Buch & Regie: Christian Petzold
Darsteller: Nina Hoss, Jasna Fritzi Bauer, Ronald Zehrfeld
Deutschland, 105 Minuten, FSK: 6

Komm, wir geh’n ins Kino: Ein Tick anders

Im Kino, wie eigentlich überall sonst im Leben, geht es auch ein bisschen um die Frage: Was will ich eigentlich? In diesem Fall: von einem bestimmten Film, zu einem bestimmten Thema. Und genau da fängt es ja im Prinzip schon an schwierig zu werden, weil doch irgendwie jeder etwas ganz anderes will, oder zumindest selten zwei genau das gleiche. Was also erwarte ich mir von einem Film, der eine Protagonistin mit Tourette-Syndrom in seinen Mittelpunkt stellt? Ich fürchte, das „Falsche“ – und bringe zur Erklärung eine kleinen Anekdote an, bevor ich (versprochen!) zum Film komme.

Im zarten Alter von 19 Jahren hatte ich die wahnwitzige Idee, mich als Praktikantin bei einer Daily Talkshow zu bewerben. Dafür gondelte ich sogar zu einem Bewerbungsgespräch nach München. Dankbarerweise erinnere ich weder meine Motivation für diesen Irrsinn, noch viel von dem Gespräch, nur dies: Die verantwortliche Redakteurin wollte von mir wissen, was meines Erachtens der Zweck dieser Sendungen sei? Und ich gab todernst und eben so gemeint zur Antwort: „Den Menschen, die daran teilnehmen, zu helfen.“ Offenbar hatte ich mich nicht unbedingt durch exzessives Schauen der Formate auf das Gespräch vorbereitet, das Praktikum jedenfalls habe ich – Überraschung! – nicht bekommen.

Vorsicht, diese Oma schießt scharf! (Foto: Verleih)

Vorsicht, diese Oma schießt scharf! (Foto: Verleih)

Worauf ich hinaus will… Ein bisschen etwas von diesem Ansatz geht auch immer mit mir ins Kino, wenn ich Filme schaue, die sich mit einer bestimmten Problematik auseinandersetzen. Das heißt nicht etwa, dass ich es nicht schätzen kann, wenn ein Thema humorvoll oder satirisch oder einfach unterhaltsam aufbereitet wird, es kann aber passieren, dass mich der Film etwas ratlos hinterlässt. Zum Beispiel, wenn sich am Ende von „Four Lions“ alle vermeintlichen Überzeugungstäter so ganz und gar sinnlos in die Luft gesprengt haben; nicht, dass ich der Meinung bin, das ließe sich sinnvoll anstellen…

„Ein Tick anders“ ist auf jeden Fall eines: herrlich skurril. Das trifft besonders auf die liebevoll gezeichneten Figuren zu, angefangen mit Hauptfigur Eva (Jasna Fritzi Bauer), die „dank“ ihres Tourette-Syndroms unkontrolliert flucht und Leute beleidigt. Ihr Onkel Bernie (Stefan Kurt), verhinderter Band-Star, steht Eva treu zur Seite, die kaufrauschende Mutter backt pausenlos für die Tourette-Selbsthilfe und der Vater kann seine Arbeitslosigkeit nur so lange verbergen, bis Eva ihn eines Tages im Wald beim Bewerbungen schreiben erwischt. Derweil vertreibt die Oma (Renate Delfs) sich ihre Zeit damit, Haushaltsgeräte in die Luft zu sprengen oder mit der Schrotflinte Playmobil-Figuren von der Schaukel zu schießen. Was nach Chaos klingt, gibt Eva Halt und Sicherheit – doch dann bekommt ihr Vater einen Job ausgerechnet in Berlin und das Mädchen soll mit den Eltern wegziehen aus der vertrauten Umgebung.

Weil Bewerbungsgespräche schon mal scheitern, wenn man sie mit einem lauten „Heil Hitler“ beginnt, sinnt Eva nach einem Plan B, der mit einem zwar missglückten Banküberfall beginnt, durch allerlei Verwicklungen aber doch erfolgreich und sehr gewinnbringend ist. Am Ende ist Eva finanziell unabhängig und kann dort bleiben, wo sie sich wohl fühlt – und ein bisschen verknallen darf sie sich auch noch. Diese Geschichte erzählt Regisseur Andi Rogenhagen flott, unterhaltsam, manchmal auch rührend und immer saukomisch. Und doch bleibt ein wenig von der altbekannten Ratlosigkeit darüber, wie sich eigentlich ein Betroffener fühlt, nach einem Film, in dem die Lösung für den Umgang mit seiner Krankheit darin besteht, die Schule zu schmeißen, sich zumindest ein Stück weit von den Menschen zurückzuziehen und eine Bank zu überfallen. Aber das ist natürlich überspitzt formuliert und ebenso kann man den Machern die Überzeichnung als lauten Aufruf zu mehr Toleranz auslegen. Denn immerhin, mit der Chance auf einen Job wäre zumindest der Banküberfall nicht nötig gewesen.

Ein Tick anders
Buch & Regie: Andi Rogenhagen
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Renate Delfs, Waldemar Kobus
Deutschland 2011, 92 Minuten, FSK 6

Der nette Drogendealer von nebenan

In den Siebziger- und Achtzigerjahre war der Waliser Howard Marks nach Schätzungen der US-amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) für etwa zehn Prozent des gesamten Welthandels von Haschisch und Marihuana verantwortlich. Als die DEA Marks und seine Frau Judy 1988 auf Mallorca festnehmen und an die USA ausliefern, wird er zu 25 Jahren Haft verurteilt. Der „netteste Mann, der je zu einem kriminellen Superhirn wurde“ (Trailer) kommt nach sieben, seine Ehefrau nach zwei Jahren frei. Seine Geschichte bringt der Ganove, der laut eigenen Angaben Mitte der Achtziger unter 43 Decknamen agierte, 1996 als Biographie heraus: Mr. Nice, benannt nach dem Pseudonym, das er am Liebsten trug. Und ohne Ghostwriter, denn die Vorstellung, seine Erlebnisse dauerkiffend und auf dem Sofa liegend zu diktieren habe ihm zwar gefallen, nicht aber die Tatsache, dafür 40 Prozent des Geldes abgeben zu müssen.

Der Brite Bernard Rose hat die Memoiren für die Leinwand adaptiert und unter seiner Regie und Kameraführung breitet sich das Leben des Walisers vor den Augen der Zuschauer aus. Dabei wirkt die Wahl der Stilmittel zuweilen ähnlich unbeholfen wie Marks’ erste Begegnungen mit Drogen während seiner Zeit als Student: Mit denen kommt der begabte Junge aus bescheidenen Verhältnissen zunächst völlig außerplanmäßig in Berührung, als er einer schönen Kommilitonin den Gang hinunter folgt, die zuvor durch sein Zimmerfenster geklettert kommt. Damit auch tatsächlich jeder Zuschauer ganz sicher versteht, welche Veränderungen dieser erste Joint für Marks’ Leben bedeutet, wechselt der Film in dieser Szene von schwarz-weiß auf bunt – und passend zu der Drogenerfahrung wird auch ein bisschen mit Slow-Motion gespielt.

Mr. Nice alias Howard Marks. (Foto: Verleih)

Mr. Nice alias Howard Marks. (Foto: Verleih)

Dargestellt wird Marks über einen Zeitraum von fast vier Jahrzehnten ausschließlich von Rhys Ifans, ebenfalls Waliser und dereinst Leadsänger der Super Furry Animals. Das wirkt ein wenig, als spiele der ehemalige Schmuggler sich selbst – quasi vom ersten Schultag bis zur Rente – und es entbehrt nicht einer gewissen Absurdität, wenn der Mittvierziger im Schulbus fährt oder als angeblich Anfang Zwanzigjähriger reichlich naiv und ziemlich bekifft über den Rasen Oxfords tapert. Um unter anderem das England der Siebzigerjahre zu zeigen, bedient der Film sich altem Material, in das er seine Hauptdarsteller hineinprojiziert. Wozu in etlichen Kritiken zum Film gemunkelt wird, der Produktion sei schlicht das Geld ausgegangen, erklären Marks und Ifans in einem Interview damit, Rose setze die sogenannte Rückprojektion als besonderes Mittel der Authentizität ein, da er es hasse, in anderen Filmen Einblendungen zu sehen, die auf das Jahr verweisen, in dem die Handlung gerade spielt. Ifans: „I haven’t seen it before in a movie but you really get a sense of time and place (…). You do feel that the world is changing.“ Auf den heutigen Zuschauer allerdings, der diese Technik aus Uralt-Filmen gewohnt ist, in denen die Landschaft hinter einem Auto vorbei rast, wirkt die Optik weniger authentisch als belustigend.

So schafft der Film durch die Wahl seiner Stilmittel eine Distanz, die sich in der Art und Weise seiner Erzählung eher noch intensiviert, als dass sie aufgehoben würde. Zwar spielen die Darsteller ihre Rollen mit Intensität und Witz, doch Rose gibt seine Figuren zu sehr ans Szenische verloren, als dass er sich darum bemühen würde, ihre Entwicklung aufzuzeigen. So wird kein Motiv erkennbar, warum Marks überhaupt zum Dealer wird, erfährt der Zuschauer wenige der originellen Details über seine Schmuggeleien und bleibt unklar, warum seine Frau lange nahezu kritiklos bereit ist, diese Art von Leben mit ihm zu teilen. Keine Frage, bei 700 Seiten Vorlage muss ein Film Schwerpunkte setzen, Marks ist vielleicht schlicht zum Dealer geworden, weil die Gelegenheit sich ergab und seine Frau bei ihm geblieben, weil sie ihn eben liebte – trotzdem wäre es schön, darüber auch ein bisschen etwas erzählt zu bekommen.

Verschenkte Lebenszeit freilich sind die 121 Filmminuten nicht, den auch wenn der Film dem, was bereits über Marks bekannt ist, wenig Neues hinzuzufügen weiß, ist er doch zumindest unterhaltsam. Der Soundtrack passt, die Bilder stimmen, das Tempo ist über weite Strecken hoch, Ifans und seine Filmfrau Chloë Sevigny sind ein schön anzusehendes Pärchen und vor allem dank David Thewlis, der den IRA-Mann Jim McCann spielt, gibt es ab und zu auch etwas zu lachen.

Mr. Nice
Buch, Regie, Kamera: Bernard Rose
Darsteller: Rhys Ifans, Chloë Sevigny, David Thewlis
Großbritannien 2010, 121 Minuten, FSK 12