Thomas Hirschhorn // SPERR

Noch bis zum 4. September läuft in Wiesbaden die Biennale, und dabei werden auch öffentliche Plätze bespielt. So reibt sich der eine oder die andere vermutlich seit einiger Zeit verwundert die Augen über die vermeintliche Ansammlung von Ramsch und Sperrmüll auf dem Faulbrunnenplatz, tatsächlich handelt es sich dabei aber um das Projekt SPERR von Thomas Hirschhorn.

Inmitten dieser ausrangierten Habseligkeiten sitzen 24 Stunden am Tag reglos und stumm zwei Personen als Teil der Skulptur. Wenn man dort länger verweilt, jene Skulptur, die vorbeieilenden Menschen, anfahrende Busse und schlafende Obdachlose beobachtet, verschwimmen die Grenzen zwischen Installation und Umfeld mehr und mehr. Ein spannendes Projekt.

Kunst ist Leben ist Kunst.

Kunst ist Leben ist Kunst.

Müdes Europa, muntere Künstler

Am Donnerstag hat unter dem Motto „This is not Europe“ die Wiesbaden Biennale begonnen. Bis zum 4. September dauert das Festival, bei dem zum einen Gastspiele im klassischeren Sinne dargeboten werden, zum anderen unter dem Slogan „Das Asyl des müden Europäers“ Performances, Ausstellungen, Musik und mehr. Unter anderem bespielt wird das Alte Gericht, und zwar von Thomas Bellinck aus Belgien. Er lässt die Besucher durch ein Museum wandern, das aus einer Zukunftssicht aufs heutige Europa zurückschaut und sein Scheitern nacherzählt.

Wiesbaden ist nicht der erste Ort, an dem Bellinck seine Exponate ausstellt, Ausstellung und Gebäude ergänzen sich aber wunderbar und man wünscht sich beim Durchstreifen der Räume einmal mehr eine permanente kulturelle Nutzung des spannenden Gemäuers. Am Ende dieser „Geisterbahn der europäischen Zukunft“ erwartet einen der Künstler höchst selbst zum Dialog über das Gesehene und Erlebte. Ein Angebot, das im ersten Moment allerdings eher als eine Aufgabe anmutet, denn die Eindrücke dieser Wanderung in der Zukunft sind absolut intensiv.

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Das liegt freilich an der schneidenden Aktualität des Themas, daran, dass die Vorstellung, das Ideal von Europa, von offenen Grenzen und Gemeinschaft zu verlieren, eine sehr reale und bedrohliche ist. Mich hat mehrmals ein beklommenes Gefühl beschlichen und immer wieder die Frage, was wir alle tun können, um die aktuelle Tendenz zu Mauern in den Köpfen und Herzen vieler Menschen wieder umzukehren. Mehr noch, dem Schwachsinn, den AfD & Co. verbreiten, den Nährboden zu entziehen und die Menschen, die auf Hass und Abgrenzung setzen, ihren unsäglichen Irrtum klarzumachen. Dabei geht es mir nicht darum, zu behaupten, die europäische Idee sei eine ohne Schwächen. Aber wie derzeit an vielen Stellen die Errungenschaften eines gemeinschaftlichen Europas, auch der Friede, in dem wir alle das Privileg hatten, aufzuwachsen, so leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, führt der Rundgang schmerzhaft vor Augen – dieses Gefühl hallt lange nach.

Eine weitere spannende Idee des Festivals ist Die Kirche, ein Projekt des Niederländers Dries Verhoeven, bei dem jeden Tag um 18 Uhr eine Beerdigung stattfindet. Am ersten Festivaltag wurde die multikulturelle Gesellschaft zu Grabe getragen, nicht ohne zuvor bei einem ungewöhnlichen Gottesdienst von ihr Abschied zu nehmen. Der war in seinen Ritualen zwar stark an katholische Messen angelehnt, allerdings mit durchaus bizarren Ausprägungen – so wurde beispielsweise als Predigt eine Stelle aus Thilo Sarrazins Pamphlet „Deutschland schafft sich ab“ vorgetragen sowie der monokulturellen Gesellschaft und den deutschen Werten gehuldigt. Gerade nach den frischen Eindrücken aus dem Alten Gericht fiel all das auf sehr fruchtbaren Boden. Und warf die Frage auf, was genau stellen sich jene eigentlich vor, die eine Abkehr von der multikulturellen Gesellschaft fordern, in der wir leben? Und, so naiv das auch klingen mag, wo ist eigentlich das Problem, sich auf einander einzulassen, voneinander zu lernen und gemeinsame Wege zu finden?

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Mit Angst, Zukunft und Angst vor der Zukunft beschäftigt sich auch Julian Hetzel in seinem Stück „Sculpting Fear“, das beinahe mehr als Tanzperformance denn Theater daherkommt. Aber was in der Politik gilt, bewahrheitet sich für die Kunst umso mehr – wozu Grenzen ziehen, wenn die Übergänge letztlich doch immer fließende sind. Es gehört bei einer Aufführung, die derart viele Fragen aufwirft, vielleicht sogar zur Folklore, dass eine Handvoll Zuschauer nicht bis zum Ende durchhalten, sondern das Erlebnis im Malsaal abbrechen. Aber wieso eigentlich darf die Performance dem Publikum nicht ähnlich viel abverlangen wie den Künstlern? So viel nur, es lohnte sich definitiv, bis zum Ende zu bleiben – von durchhalten kann ohnehin keine Rede sein.

Abschließend sei gesagt, für mich waren das sicher nicht die letzten Eindrücke, die ich auf der Biennale gesammelt habe. Allen kulturell und politisch Interessierten kann ich nur eine absolute Empfehlung aussprechen, in den kommenden zehn Tagen ebenfalls Zeit dort zu verbringen.


Noch mehr Futter zur Biennale gibt es in diesem Video des Wiesbadener Kurier.

Interview – Zwillinge: Einer schreit immer

Für ihren wunderbaren Familienblog Zwillinge: Einer schreit immer hat Anne mir ein paar Fragen zu meinem Buch Unzertrennlich – 20 Geschichten von Zwillingen gestellt. Da ich gerade in dessen Entstehungspase viel in ihren Texten geschmökert habe und sie zu den Zwillingsbloggern gehört, die ich im Anhang des Buches empfehle, hat mich diese Begegnung besonders gefreut.

Woher kommt dein Interesse am Thema Zwillinge?
Das ist ehrlich gesagt vielschichtig. Zum einen fasziniert mich Familie ganz allgemein, nicht nur als, nennen wir es mal Lebensmodell, sondern auch die ganzen inneren Zusammenhänge. Ich habe selbst keine Kinder, bin aber mit Leib und Seele Tante. In den Kindern meiner zwei Schwestern – jeweils ein Junge und ein Mädchen, in der Reihenfolge – sehe ich zum Beispiel viel von meinem Vater. Dann schauen sich die beiden Cousinen auf Kinderbildern so ähnlich. Meine große Schwester hat andererseits viel von unserer Tante. Das finde ich wunderbar.

Zwillinge: Einer schreit immer (Screenshot)

Zwillinge: Einer schreit immer (Screenshot)

Zwillinge wiederum haben schon eine Faszination auf mich ausgeübt, als ich noch ein Kind war. Mit mir in die Klasse gingen Zwillingsmädchen, mit denen wollte ich immer spielen – wahrscheinlich habe ich die Armen damit total genervt. Und meine Patentante, die ein ganz wichtiger Mensch für mich war, hatte einen Zwillingsbruder. Er ist im Krieg gefallen und sie hat nicht oft von ihm gesprochen, aber wenn, war diese besondere Bindung total spürbar. Vor drei Jahren schließlich ist meine beste Freundin Mama von Zwillingen geworden und in die beiden Dötze bin ich total verliebt.

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Fußballnippes dringend gesucht!

Kennt ihr die Pralinenfabrik? Dort entstehen in einem Hinterhaus in der Mainzer Neustadt keine Köstlichkeiten für dem Naschteller, sie ist vielmehr das Domizil für drei sehr unterschiedliche Künstler. Zwei von ihnen, Henry J. Wintherberg und Ansgar Frings, gehören zu den teilnehmenden Kunstschaffenden der anstehenden Millerntor Gallery #6. Die Gallerie ist „ein internationales Kunst-, Musik- und Kulturfestival für kreatives Engagement. Initiiert von Viva con Agua und dem FC St. Pauli, ist sie eine soziale Kunstgalerie und ein Kulturfestival im Millerntor-Stadion. Über die universellen Sprachen Kunst, Musik und Fußball werden Impulse gegeben, um die Besucher zu gesellschaftlichem Engagement zu inspirieren.

An vier Tagen im Jahr wird das Stadion zu einer Plattform für Dialog und Austausch, auf lokaler sowie auf internationaler und interkultureller Ebene. Durch genre-übergreifende Kunstwerke sowie vielfältige Musik-, Kultur- und Bildungsprogramme wird sich mit der Frage beschäftigt, wie die Welt positiv gestaltet werden kann. Dabei lassen Interaktionsmöglichkeiten die Besucher zu Teilnehmenden an gesellschaftlichen Veränderungsprozessen werden.“ Die Künstler stellen 70% ihrer durch den Kunstverkauf erzielten Erlöse der Arbeit von Viva con Agua e.V. zur Verfügung, 30% gehen an die Kunstschaffenden selbst.

Henry + Ansgar

Bereits bei der Millerntor Gallery #5 gehörte Henry J. Wintherberg zu den Teilnehmern, für die Nummer sechs werden er und sein Atelierkollege Ansar Frings nun mehrere Skulpturen live vorm Stadion von St. Pauli bauen. Dafür brauchen Sie eure kleinen alten Fußball-Dinge und den schönen und häßlichen Fußball-Nippes, der in euren Kellern und auf euren Dachböden schlummert, sprich: alles, was mit Fußball zu tun hat. Zum Beispiel: Fußballschuhe, egal welche Größe, komplett oder defekt, im Paar oder einzeln — Bälle, alte, neue, kleine, große, kaputt, ganz, auch in Mini vom Kicker oder Tipp-Kick — Miniatur-Kram, Fußball in klein, kleine Tore, kleine Bälle, Tipkick — Fahnen — Wimpel — Schienbeinschoner — Stulpen — Torwarthandschuhe — Ballnetze — Trainingshütchen — oder auch größer, defekte Tore, Netze, Trainingskram… — Pokale — … Alle Sachen können auch kaputt sein und die Farbe ist egal, weil später alles lackiert wird.

Wer helfen kann und möchte, wendet sich direkt an die Pralinenfabrik. Danke!

Große Stimme, kleine Bosheiten: Sophie Hunger

Am morgigen Freitag, 30. Oktober, spielt die Schweizer Künstlerin Sophie Hunger im Schlachthof Wiesbaden. Ich hatte schon mehrfach das Vergnügen, sie zu sehen, unter anderem im Februar 2013 in der Centralstation Darmstadt. Ein Konzertbericht.

Draußen ist es dunkel und nass, in der ausverkauften Centralstation jedoch steht die Schweizerin Sophie Hunger im ärmellosen Kleid auf der Bühne. Diese ist in ein warmes Rot getaucht, verziert mit gelb-orangenen Glühbirnen. Dazu wiegt sich im Saal eine körperlose Masse, zur Einheit verschmolzen in der Hitze des Raumes und dem Glück über die Musik der feenhaften Miss Sophie: so zart, so natürlich – so wunderbar. Und das am Valentinstag!

Mit ihrem neuen Album Supermoon ist Hunger jetzt auf Tour. (Pressefoto)

Mit ihrem neuen Album Supermoon ist Hunger jetzt auf Tour. (Pressefoto)

„Ich denke an die Pärchen im Saal“, sagt Hunger leise. „Die sich anschauen und denken, es wäre für immer. An all die Pärchen, die heute hier sind: Dies ist der Anfang vom Ende.“ In die bass erstaunte Stille lächelt sie erneut ihr undurchsichtiges Lächeln, dann zurück zum Piano, dem nächste Song: „First We Leave Manhatten“ – und nein, die Anlehnung an Leonard Cohen ist nicht zufällig: Hungers Vorbilder sind groß, doch sie muss sich in ihrem Angesicht nicht verstecken.

Es geht etwas Rätselhaftes aus von dieser jungen Frau, die zugleich so uneingeschränkt einnehmend wirkt, dass selbst die kurz geschockten Paare nach dem Konzert gerne ein Bier mit ihr trinken würden. Ist es der Schalk, der in ihren Augen sitzt, wenn sie das Publikum mit Blicken beinahe seziert – oder gar eine kleine Bosheit? Und „hat sie“, flüstert eine junge Frau ihrem Liebsten verstört ins Ohr, „das mit dem Anfang vom Ende tatsächlich Ernst gemeint?“

Ernst und wahrhaftig sind zumindest ihre Texte, die sich oft mit Veränderung beschäftigen. Dem Wandel, dem wir unterworfen sind und der Frage, wie wir damit umgehen, wenn er uns schlicht überkommt; wir ihn nicht gewählt haben. Ihre Songs drückt sie mit mehr aus als Worten und Tönen, stets ist Hungers ganzer Körper im Einsatz: Sie gönnt sich keine Pause, wirft sich sprichwörtlich in die Tasten, schlägt, zupft und spielt ihre Gitarre. Es sind ihre Hände, die besonders faszinieren, mit ihnen schreibt sie Botschaften in die Luft, greift, gestikuliert, lädt ein und verschränkt sich; immer sind sie in Bewegung, haben sie etwas zu sagen, zu erzählen.

Atemlos – aber nicht außer Atem, bestimmt – aber nie unhöflich, mit eigenem Kopf – aber niemals ignorant: so jagt, tanzt und spielt Hunger sich durch das Konzert. Dabei beeindruckt nicht zuletzt ihre Stimme, die mühelos zwischen samtigen Untiefen und klaren Höhen changiert. Vor allem aber beeindruckt Hunger selbst: als Künstlerin, als Mensch, als Eine, die weiß, was sie will – und die es erreicht. Auch an diesem Abend.