Ich habe eine Wassermelone getragen

Im Oktober des Jahres 1990 setzten meine Eltern mich in einen Zug in Richtung Osten. Die Deutsche Wiedervereinigung war gerade abgeschlossen und ich wollte meine Brieffreundin in Eisenach besuchen, mit der ich seit zwei Jahren, zuerst noch über die innerdeutsche Grenze hinweg, Nachrichten tauschte. Ihre Familie veranstaltete mit den beiden Töchtern regelmäßig Filmabende, und so kam es, dass ich mit zwölf Jahren in einem ostdeutschen Wohnzimmer zum ersten Mal in die kristallblauen Augen von Patrick Swayze sah: Ich war hingerissen. In meiner Erinnerung haben wir Mädchen Dirty Dancing in den folgenden Tagen sicher sechs, sieben Mal gesehen – für mich der Ausgangspunkt einer andauernden Faszination.

Als Dirty Dancing 1987 in die Kinos kam, senkte der Filmkritiker und Pulitzerpreisträger Roger Ebert den Daumen und vergab nur ein mageres Sternchen. Begründung: „Idiotischer Plot – vorhersehbare Liebesgeschichte zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft“. Gleichzeitig aber übte die absolute Low Budget Produktion auf viele Zuschauer eine solche Faszination aus, dass sie nach dem ersten Kinobesuch auf dem Absatz kehrt machten, um den Film direkt ein zweites Mal zu sehen. Dabei waren die Erwartungen der Produktionsfirma so gering gewesen, dass sie kurzerhand den Beschluss gefasst hatte, den Film nach nur wenigen Tagen im Kino direkt auf DVD herauszubringen. Co-Produzentin Eleanor Bergstein, die auch das Drehbuch geschrieben hat, stellte im Kinosaal fest, dass am Tag fünf etliche Leute um sie herum beim Themensong der Hotelangestellten kurz vor dem Finale mitsangen – und sich als so textsicher erwiesen, dass offensichtlich war: Sie hatten den Film bereits mehrfach gesehen. Da begann Bergstein zu ahnen, welchen Erfolg Dirty Dancing haben würde.

Ich habe eine Wassermelone getragen.

Ich habe eine Wassermelone getragen.

Oberflächlich betrachtet mag Ebert mit seiner Kritik Recht haben, tatsächlich aber beschränkt sich der Film nicht auf die klassische Geschichte (poor) Boy meets (rich) Girl, sondern spannt den Bogen weiter, wobei die Erzählung von der fabelhaften Musik angetrieben und getragen wird. Nach dem Dreh sollte diese an vielen Stellen ausgetauscht werden, da die Lizenzen für die von Bergstein geplanten Klassiker sehr teuer waren: Sie sollten lediglich der Untermalung beim Shooting dienen. Letztlich setzte Musikproduzent Jimmy Ienner sich dafür ein, die meisten Songs zu behalten und den Soundtrack durch Musik speziell für den Film nur zu ergänzen; für Bergstein ein Grund zum Jubeln, da sie sich die Szenen ohnehin nicht mit anderen Liedern vorstellen konnte als denen, die sie ihnen ursprünglich zugedacht hatte.

Was nun die Story der jungen Frances „Baby“ Houseman (Jennifer Grey) betrifft, die mit ihren Eltern (Jerry Orbach, Kelly Bishop) und der älteren Schwester Lisa (Jane Brucker) in den Sommerurlaub fährt, sich in Tänzer Johnny (Patrick Swayze) verguckt und für ihre Liebe kämpft, auch gegen die Wertvorstellung der Familie, so symbolisiert diese ein übergeordnetes Thema des Films: Das Kräftemessen zwischen dem Geldadel und dem Proletariat, in diesem Fall dargestellt durch die Tänzer – mit einem bessere Ende für die unterdrückten Künstler, die sich in der Schlussszene ihren Tanzraum zurückerobern. Wie es in Dirty Dancing überhaupt immer wieder um Räume geht, darum, wer wo hin gehört, sich wo aufhalten darf – und wie man private Bereiche schützt. Das gilt physisch für die Bungalows der Tanzcrew ebenso wie für den Bewegungsradius, den Johnny so definiert: „This is my dancespace, this is your dancespace.“ Denn der Tanz, wie eine Beziehung, kann nur funktionieren, wenn jeder den Bereich des anderen achtet, es aber andererseits Momente gibt, in denen Zwei ihre Grenzen bereitwillig aufgeben, um sich in einem neuen, gemeinsamen Bereich zu treffen.

Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich.

Mein Tanzbereich – dein Tanzbereich.

Es ist dies vielleicht der perfekte erste Liebesfilm, den ein Mädchen sich anschauen kann; das liegt auch an der fast greifbaren Unschuld seiner Protagonistin. Babys Naivität offenbart sich nicht nur in der beinahe kindlichen Annäherung zu Johnny, sondern auch dem festen Glauben an das Gute in der Welt, die sie retten will, und in die Menschen, denen sie helfen möchte. Sie kennt noch keine Enttäuschung und keinen Schmerz, aber sie erkennt Ungerechtigkeiten und geht selbstverständlich und intuitiv dagegen an. So wie Johnny ihr Lehrer wird, der Baby alles über das Tanzen zeigt, bringt sie, die viel jünger und unerfahrener ist, ihm bei, sich fallen zu lassen bei einem anderen Menschen, in der Liebe füreinander da zu sein und aufzustehen. Auf der Leinwand wird jeder Tanz zum Teil dieser Geschichte, in deren Verlauf Baby zu Frances heranreift und auch Johnny sich weiterentwickelt, die beiden miteinander wachsen und sich füreinander strecken. Nebenbei behandelt der Film das Thema ungewollte Schwangerschaften und Abtreibung, wie als eindringlicher Fingerzeig an seine jungen Zuschauer(innen), dass es da ein Thema gibt, mit dem sie sich künftig noch beschäftigen müssen: Verhütung.

Zitatklassiker wie „Baby’s gonna change the world“ – „Lisa’s gonna decorate it“, „I carried a watermelon“ und „Nobody puts baby in a corner“ stehen heute für den andauernden Erfolg von Dirty Dancing und sind im Original oft treffender als in der Übersetzung. Wenn Johnny Frances da nämlich vor dem Finale mit den Worten „Mein Baby gehört zu mir“ aus der Ecke holt, wird ihr das nicht gerecht: Sie ist niemandes Baby mehr, sondern erwachsen geworden – und das Finale betont diese Entwicklung. Ursprünglich wollten die Produzenten das Paar da nämlich einen neuen Tanz aufführen lassen, schwenkten aber kurzfristig um: So ist es erneut der Mambo, den Johnny und Frances auf der Bühne vorführen. Und während sie beim ersten Auftritt noch unsicher war und sich führen ließ, ist es nun ihr gemeinsamer Tanz, sind sie einander ebenbürtig geworden und schließt diese Szene ihre Entwicklung ab. Ganz abgesehen von der inhaltlichen Bedeutung ist dieses Ende, bei dem sich die anderen Tänzer ihren Raum ebenso zurückerobern wie Johnny sich seine Liebste, einfach verdammt romantisch. Das gilt auch dann, wenn man es schon 23 Mal gesehen hat. Ich weiß, wovon ich rede…

Hinweis Buch

Saša Stanišić: Konzert der Wörter

Eigentlich sollte der Auftakt zur neuen Saison im Wiesbadener Literaturhaus Villa Clementine am Donnerstag mit der Neueröffnung des Cafés einhergehen. Anfang der Woche musste diese aber verschoben werden, unter anderem, weil die Küche im Keller nicht fertiggeworden war. Wein und Häppchen gab es aber trotzdem, wobei Häppchen eindeutig ein unzutreffender Begriff ist für die ausgefallenen kleinen Köstlichkeiten, die Betreiberin Lee Perron auf die Tabletts zauberte. Dem Café der Konditorin in der Langgasse, das sie auch nach der Eröffnung in der Villa weiter betreibt, werde ich demnächst definitiv einen Besuch abstatten.

Kultur gab es natürlich auch: Saša Stanišić las aus seinem neuen Erzählband „Fallensteller“, der im Mai 2016 bei Luchterhand erschienen ist, ebenso wie aus früheren Werken. Der 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren Schriftsteller erzählte von der Flucht seiner Familie 1992 nach Deutschland, vom Aufbrechen und Ankommen und davon, wie erstaunt er heute noch manchmal ist, wenn er feststellt, was ihm alles gelingt in einer Sprache, die nicht seine erste, ursprüngliche war. Während das Thema Flucht ihn häufig in die Vergangenheit führt, ist es in dem Land, in dem er lebt, Deutschland, ein sehr aktuelles und Stanišić ist einer, der Stellung bezieht, sich einbringt, wie als Deutschlehrer für Geflüchtete, denn: „Sprache ist der Schlüssel zur Integration.“ Das klingt aus dem Munde eines Mannes mit seiner Geschichte nicht nach Phrase, sondern Lebensrealität, und die freundlich, aber sehr bestimmt in den Saal geworfene Aussage „Das erwarte ich von Ihnen allen auch“ – Geflüchteten helfend zur Seite zu stehen also – war nachdrücklich als Appell gedacht.

Unbeding live erleben: Saša Stanišić.

Unbeding live erleben: Saša Stanišić.

Dann las Stanišić, und wie. Es war ein Erzählen und Ergreifen, ein Tanzen und Sehnen, es war ein Durchdringen mit Worten und Formulierungen, ein Verbinden mit dem Publikum, ein Lachen und Weinen, eine sprachliche Leichtigkeit und poetische Schwere. Es waren Momente, in denen nichts existierte als Stanišićs Texte, die durch den unfassbar heißen Saal schwebten, in dem der letzte Abend dieses Sommers zu Ende gehen sollte. Wie ein Konzert ohne Musik, aber mit unglaublichem Tempo, mit Klang und Worten, die wie Töne nachhallen. Als wären sie gerade für diesen Moment geschrieben, für uns alle, die ihn miteinander verbringen. Und am Ende war dieses Gefühl gar nicht so falsch, aber das zu erläutern, würde den Genuss bei künftigen Lesungen schmälern. Und die sind tatsächlich genau das: ein Genuss.

So klug, so witzig, so poetisch, mutig und humorvoll ist dieser Saša Stanišić, ihr sollten ihn alle unbedingt live erleben. Und natürlich seine Bücher lesen, diese wunderbaren Schätze.

Thomas Hirschhorn // SPERR

Noch bis zum 4. September läuft in Wiesbaden die Biennale, und dabei werden auch öffentliche Plätze bespielt. So reibt sich der eine oder die andere vermutlich seit einiger Zeit verwundert die Augen über die vermeintliche Ansammlung von Ramsch und Sperrmüll auf dem Faulbrunnenplatz, tatsächlich handelt es sich dabei aber um das Projekt SPERR von Thomas Hirschhorn.

Inmitten dieser ausrangierten Habseligkeiten sitzen 24 Stunden am Tag reglos und stumm zwei Personen als Teil der Skulptur. Wenn man dort länger verweilt, jene Skulptur, die vorbeieilenden Menschen, anfahrende Busse und schlafende Obdachlose beobachtet, verschwimmen die Grenzen zwischen Installation und Umfeld mehr und mehr. Ein spannendes Projekt.

Kunst ist Leben ist Kunst.

Kunst ist Leben ist Kunst.

Müdes Europa, muntere Künstler

Am Donnerstag hat unter dem Motto „This is not Europe“ die Wiesbaden Biennale begonnen. Bis zum 4. September dauert das Festival, bei dem zum einen Gastspiele im klassischeren Sinne dargeboten werden, zum anderen unter dem Slogan „Das Asyl des müden Europäers“ Performances, Ausstellungen, Musik und mehr. Unter anderem bespielt wird das Alte Gericht, und zwar von Thomas Bellinck aus Belgien. Er lässt die Besucher durch ein Museum wandern, das aus einer Zukunftssicht aufs heutige Europa zurückschaut und sein Scheitern nacherzählt.

Wiesbaden ist nicht der erste Ort, an dem Bellinck seine Exponate ausstellt, Ausstellung und Gebäude ergänzen sich aber wunderbar und man wünscht sich beim Durchstreifen der Räume einmal mehr eine permanente kulturelle Nutzung des spannenden Gemäuers. Am Ende dieser „Geisterbahn der europäischen Zukunft“ erwartet einen der Künstler höchst selbst zum Dialog über das Gesehene und Erlebte. Ein Angebot, das im ersten Moment allerdings eher als eine Aufgabe anmutet, denn die Eindrücke dieser Wanderung in der Zukunft sind absolut intensiv.

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Das liegt freilich an der schneidenden Aktualität des Themas, daran, dass die Vorstellung, das Ideal von Europa, von offenen Grenzen und Gemeinschaft zu verlieren, eine sehr reale und bedrohliche ist. Mich hat mehrmals ein beklommenes Gefühl beschlichen und immer wieder die Frage, was wir alle tun können, um die aktuelle Tendenz zu Mauern in den Köpfen und Herzen vieler Menschen wieder umzukehren. Mehr noch, dem Schwachsinn, den AfD & Co. verbreiten, den Nährboden zu entziehen und die Menschen, die auf Hass und Abgrenzung setzen, ihren unsäglichen Irrtum klarzumachen. Dabei geht es mir nicht darum, zu behaupten, die europäische Idee sei eine ohne Schwächen. Aber wie derzeit an vielen Stellen die Errungenschaften eines gemeinschaftlichen Europas, auch der Friede, in dem wir alle das Privileg hatten, aufzuwachsen, so leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, führt der Rundgang schmerzhaft vor Augen – dieses Gefühl hallt lange nach.

Eine weitere spannende Idee des Festivals ist Die Kirche, ein Projekt des Niederländers Dries Verhoeven, bei dem jeden Tag um 18 Uhr eine Beerdigung stattfindet. Am ersten Festivaltag wurde die multikulturelle Gesellschaft zu Grabe getragen, nicht ohne zuvor bei einem ungewöhnlichen Gottesdienst von ihr Abschied zu nehmen. Der war in seinen Ritualen zwar stark an katholische Messen angelehnt, allerdings mit durchaus bizarren Ausprägungen – so wurde beispielsweise als Predigt eine Stelle aus Thilo Sarrazins Pamphlet „Deutschland schafft sich ab“ vorgetragen sowie der monokulturellen Gesellschaft und den deutschen Werten gehuldigt. Gerade nach den frischen Eindrücken aus dem Alten Gericht fiel all das auf sehr fruchtbaren Boden. Und warf die Frage auf, was genau stellen sich jene eigentlich vor, die eine Abkehr von der multikulturellen Gesellschaft fordern, in der wir leben? Und, so naiv das auch klingen mag, wo ist eigentlich das Problem, sich auf einander einzulassen, voneinander zu lernen und gemeinsame Wege zu finden?

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Mit Angst, Zukunft und Angst vor der Zukunft beschäftigt sich auch Julian Hetzel in seinem Stück „Sculpting Fear“, das beinahe mehr als Tanzperformance denn Theater daherkommt. Aber was in der Politik gilt, bewahrheitet sich für die Kunst umso mehr – wozu Grenzen ziehen, wenn die Übergänge letztlich doch immer fließende sind. Es gehört bei einer Aufführung, die derart viele Fragen aufwirft, vielleicht sogar zur Folklore, dass eine Handvoll Zuschauer nicht bis zum Ende durchhalten, sondern das Erlebnis im Malsaal abbrechen. Aber wieso eigentlich darf die Performance dem Publikum nicht ähnlich viel abverlangen wie den Künstlern? So viel nur, es lohnte sich definitiv, bis zum Ende zu bleiben – von durchhalten kann ohnehin keine Rede sein.

Abschließend sei gesagt, für mich waren das sicher nicht die letzten Eindrücke, die ich auf der Biennale gesammelt habe. Allen kulturell und politisch Interessierten kann ich nur eine absolute Empfehlung aussprechen, in den kommenden zehn Tagen ebenfalls Zeit dort zu verbringen.


Noch mehr Futter zur Biennale gibt es in diesem Video des Wiesbadener Kurier.

Interview – Zwillinge: Einer schreit immer

Für ihren wunderbaren Familienblog Zwillinge: Einer schreit immer hat Anne mir ein paar Fragen zu meinem Buch Unzertrennlich – 20 Geschichten von Zwillingen gestellt. Da ich gerade in dessen Entstehungspase viel in ihren Texten geschmökert habe und sie zu den Zwillingsbloggern gehört, die ich im Anhang des Buches empfehle, hat mich diese Begegnung besonders gefreut.

Woher kommt dein Interesse am Thema Zwillinge?
Das ist ehrlich gesagt vielschichtig. Zum einen fasziniert mich Familie ganz allgemein, nicht nur als, nennen wir es mal Lebensmodell, sondern auch die ganzen inneren Zusammenhänge. Ich habe selbst keine Kinder, bin aber mit Leib und Seele Tante. In den Kindern meiner zwei Schwestern – jeweils ein Junge und ein Mädchen, in der Reihenfolge – sehe ich zum Beispiel viel von meinem Vater. Dann schauen sich die beiden Cousinen auf Kinderbildern so ähnlich. Meine große Schwester hat andererseits viel von unserer Tante. Das finde ich wunderbar.

Zwillinge: Einer schreit immer (Screenshot)

Zwillinge: Einer schreit immer (Screenshot)

Zwillinge wiederum haben schon eine Faszination auf mich ausgeübt, als ich noch ein Kind war. Mit mir in die Klasse gingen Zwillingsmädchen, mit denen wollte ich immer spielen – wahrscheinlich habe ich die Armen damit total genervt. Und meine Patentante, die ein ganz wichtiger Mensch für mich war, hatte einen Zwillingsbruder. Er ist im Krieg gefallen und sie hat nicht oft von ihm gesprochen, aber wenn, war diese besondere Bindung total spürbar. Vor drei Jahren schließlich ist meine beste Freundin Mama von Zwillingen geworden und in die beiden Dötze bin ich total verliebt.

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