Bevor ich mich uffresch ist es mir lieber egal – or is it?

In der letzten Woche habe ich mit mehreren Leuten darüber gesprochen, ob nach dem bisherigen Saisonverlauf die Karten bei den Schiedsrichtern besonders locker sitzen, wenn es um Bo Svensson geht. Meinungen dazu gingen auseinander, persönlich vermute ich jenen Effekt, den manche von uns womöglich aus der Schule erinnern oder wiederum bei ihren Kindern beobachten: Wer einmal negativ aufgefallen ist, kommt aus der Schublade schwerlich wieder raus. Nicht ganz zufällig wurde das Thema dann auch bei der Pressekonferenz unter der Woche diskutiert, an der ich wegen eines parallelen Drehtermins nicht teilnehmen konnte.

Es scheint jedenfalls kaum vorstellbar, dass Svensson nicht mindestens Gelb, wenn nicht gar Gelb-Rot gesehen hätte, wäre er an der Seitenlinie am Freitagabend ähnlich ausgerastet wie Florian Kohfeldt, dessen massives Einfordern einer Roten Karte absolut unsportlich war. Die Erkenntnis ist ärgerlich, Svensson weiß aber selbst am besten, wie schwierig es für ihn sein wird, seine Rolle da wieder loszuwerden.

Ich glaube, dass ich mittlerweile bei den Schiris einen Ruf habe, das habe ich mir selbst erarbeitet.“

Chefcoach Bo Svensson zu seinen Gelben Karten

Insgesamt bin ich durchaus der Meinung, auch die Entwicklung mit den Karten für Trainer darf mal allgemeiner diskutiert werden, sprich: Was ist mittlerweile die Intention? Wenn es nicht darum geht, Respektlosigkeiten zu unterbinden und ahnden, sondern jede negative Emotion, jedes Widerwort abgestraft wird, kann man das durchaus kritisch ansprechen. Jürgen Klopp hätte mit dem derzeitigen Verfahren in seiner Bundesligazeit wohl jedes fünfte Spiel verpasst. Ist das die Idee?

Ein echter Nackenschlag in Wolfsburg

Die Partie am Freitag in Wolfsburg hallt natürlich ins Wochenende nach. Ganz überraschend kommt der Nackenschlag aus meiner Sicht nicht. Die „Auswärtswoche“ hat Mainz 05 Körner gekostet, vor allem in Sachen Selbstzutrauen. Mit einer bisher insgesamt ergebnisschwachen Auswärtsbilanz in der Saison nun drei Spiele am Stück auf unterschiedliche Arten ärgerlich und in Teilen auch etwas unglücklich zu verlieren, kann an einem Team kaum spurlos vorbeigehen, das war schon gegen Stuttgar zu sehen. Noch so eine ärgerliche Erkenntnis, keine Frage.

Eine Frage, die aus meiner Sicht aber gestellt werden muss, ist, wie ein guter Umgang damit ausschaut. Persönlich kann ich nur wiederholen, dass ich erschrocken bin darüber, wie wenig Kredit Trainer, Team und Staff offenbar in einigen Teilen des Umfeldes genießen. Es ist eine Sache, sich zu ärgern und das zu formulieren, auch Kritik ist vollkommen okay: Die sich wiederholende Behauptung, in Mainz sei es verboten, zu kritisieren wird nicht wahrer, je öfter man sie aufstellt. Aber es ist schon eine Frage des „Wie“ und eine der Grundhaltung in Sachen Erwartung.
Ein Thema, das wir auch in der Gästekurve gestreift haben:

Christian Heidel hat seinerzeit bei der PK zur Verpflichtung von Bo Svensson als Coach etwas gesagt, woran ich oft denke: In Mainz machen die Verantwortlichen Leute zu Trainern, von denen sie glauben, diese haben das Talent für die Bundesliga. Und: „Wir wollen mit Bo ein neues Projekt bei Mainz 05 starten.“ Wie gut sind bitte diese beiden Sätze? Menschen, die bei Mainz 05 arbeiten, dürfen sich entwickeln. Sie dürfen Fehler machen, auch mal in Entscheidungen danebenliegen. Man gibt ihnen den Raum, um besser zu werden. Sie dürfen lernen und wachsen.

Niederlagenserien mit Jürgen Klopp

Kann sich eigentlich niemand mehr erinnern, wie schlecht einige Saisonphasen in den Zeiten mit Jürgen Klopp waren? Und wie ist der zu dem Trainer geworden, der er heute ist? Weil Menschen ihm vertraut und an ihn geglaubt haben. Ohne wäre das so nicht möglich gewesen. Wenn ich in Interviews danach gefragt werden, wie es sein kann, dass Trainergrößen wie Klopp und Tuchel gerade aus Mainz kommen, muss ich immer genau daran denken: Weil sie sich entwickeln durften.

Es gab Zeiten, in denen auch weite Teile des Umfeldes diese Entwicklung mitgetragen haben, zu der Rückschläge dazu gehören. Gemeckert wurde immer, ist doch normal, Fußball ist emotional. Aber der Ton blieb so, dass man sich wieder in die Augen schauen konnte – und beim nächsten Spiel standen natürlich alle hinter ihrem Team. Ist das noch so? Persönlich halte ich es für keine gute Entwicklung, wenn der Verein das Gefühl hat, nach einer Niederlage – und sei sie noch so heftig – mit einer Nachricht wie dieser reagieren zu müssen.

Bo Svensson spricht über die Niederlage in Wolfsburg. (Foto: Screenshot Mainz 05)

Grundtugenden bei den Fans

Einige haben gestern bei Kigges darüber philosophiert, am Ende der Saison drohe die Relegation, während andere scheinbar genussvoll das Eintreffen ihrer negativen Prophezeiungen feierten. Ich habe das diese Woche schon mal angesprochen, aber: Wie kann es sein, dass dieser Club die Klasse hält – und Fans es teilweise nicht mal mitbekommen? Diese scheinbare Lust am Untergang, die bei einigen herrscht, ist mir einfach unbegreiflich.

Wenn die Spieler kommen und gehen, wenn Verantwortliche irgendwann weiterziehen, dann ist die Art und Weise, wie die Menschen im und um den Verein miteinander umgehen das, was Mainz 05 im Kern ausmacht. Es wird sportlich gerne von Grundtugenden gesprochen, die von dem Team in jedem Spiel erwartet werden. Stimmen die Grundtugenden derzeit bei den Anhänger*innen noch? Vielleicht ist gerade ein guter Zeitpunkt, um darüber mal nachzudenken – und sich selbst neu zu justieren im Saisonendspurt.

Die Woche am Bruchweg (22/16): Stiller Klassenerhalt

Diese Woche habe ich in der Frankfurter Rundschau in einem Artikel, in dem es vermeintlich um den Zustand von Borussia Mönchengladbach ging, die Behauptung gelesen, es sei „kein Wunder, dass sich manch einer die nicht lange zurückliegende Zeit zurückwünscht, in denen Fußballspiele in Geisterhäusern ausgetragen wurden. Keine Atmosphäre, aber auch kein testosterongetriebenes Alphatiergehabe.“ Viel mehr muss man nicht darüber wissen, wie diese Gesellschaft Fans sieht – und dass sich daran vermutlich auch nichts mehr ändern wird.

Ehrlich gesagt finde ich das ziemlich frustrierend. Egal wie viele Stunden Anhänger*innen von Vereinen in soziale Projekte beispielsweise während der Corona-Pandemie stecken, in Hilfe für Hochwasseropfer, kostenlose Bildungsarbeit rund um Diskriminierungen oder in ganz konkrete Hilfsangebote beispielsweise für Betroffene von sexualisierten Übergriffen, die sehr heterogene Gruppe wird immer wieder reduziert auf eine Handvoll Fans, die sich an Spieltagen nicht im Griff habt, die negativ auffallen oder aus der Reihe tanzen.

Danke an die Fanprojekte!

Noch dazu wird bei dieser eindimensionalen Betrachtung alles in einen Topf geworfen und vermischt: Pyrotechnik, Alkohol, Fangesänge, Gewalt, gruppendynamische Prozesse. Also Themen, die wirklich kritisch sind und über die geredet werden muss mit Punkten, die einige schlicht als persönlich störend empfinden. Unfair ist das, nervig: ein echtes Dilemma.

Spezialist für Fans, Fanbelange und Fanarbeit: Thomas Beckmann. (Foto: Felix Ostermann)

Ein Hoch auf die Fanprojekte, die sich dieser Auseinandersetzung inhaltlich Tag für Tag stellen, die so wichtige Jugend- und Sozialarbeit leisten, ein Hoch auf Menschen in Vereinen, die ihren Anhang differenzierter sehen und offen sind für Dialog, ein Hoch auf die wenigen Medienvertreter*innen, die Szenen nicht aburteilen sondern offen und kritisch begleiten. Eure Arbeit und euer Engagement ist von unfassbarem Wert. Danke, dass es euch gibt.

Live in Mainz: U23 und SCHOTTgoes05

Wie kriege ich jetzt die Kurve zu Mainz 05? Vielleicht mal mit der trockenen Feststellung, dass dieser Verein sicher keine Sehnsucht nach Geisterspielen hat: zum Glück. Wer es nicht schafft, die Profis am Freitag nach Wolfsburg zu begleiten, sei hier auf gleich zwei tolle Chancen hingewiesen, Fußball auch an diesem Wochenende live in Mainz zu sehen: Am Samstag um 14 Uhr tritt die U23 auf der Bezirkssportanlage Mombach im Stadtderby gegen TSV SCHOTT Mainz an, am Sonntag, ebenfalls um 14 Uhr, spielen die #SCHOTTgoes05-Frauen am Kunstrasenplatz in Mombach gegen den SV Dirmingen. Letzteres ist eine tolle Chance, um dem Team schon jetzt zu zeigen, dass sie im Verein herzlich willkommen sind – darüber habe ich diese Woche auch in meiner Kolumne für die Allgemeine Zeitung geschrieben.

Aufsteiger. (Foto: Mainz 05)

Apropos U23: In die oberste Ausbildungsmannschaft der Mainzer rücken zur nächsten Saison mit Leon Hoffmann, Finn Müller, Keanu Kraft, Lasse Wilhelm, Marlon Roos Trujillo und Danny Schmidt gleich sechs Spieler aus der U19 auf. Am längsten aus diesem Sextett ist Lasse Wilhelm im Verein, der 2010 in die U8 wechselte. Diese kontinuierliche Entwicklung von jungen Spielern bleibt ein wichtiger Baustein für die Arbeit des Vereins.

Die innere Erregung regulieren

Wie schwer es manchmal dennoch ist, sich bei den Profis durchzusetzen, zeigen derzeit Beispiele wie Paul Nebel oder David Nemeth, auf die Bo Svensson nach seinem großen Interview in der Allgemeinen Zeitung bei der Pressekonferenz angesprochen wurde. Der Coach hatte erklärt, einige der jungen Spieler entwickelten sich nicht ganz so, wie er das gehofft habe. Er wollte sich aber vor dem Ende der Saison nicht mehr dazu äußern, wohin bei den entsprechenden Spielern derzeitige Überlegungen gehen. Persönlich sehe ich derzeit die Gefahr, dass dieses Thema unter Druck von mehreren Seiten deutlich zu heiß gekocht wird und kann mich nur wiederholen: Allein die Einsatzminuten bei den Profis sind hier überhaupt kein Gradmesser.

Muss manchmal auch ein bisschen grinsen: Bo Svensson. (Foto: Screenshot Mainz 05)

Schwierige Phasen bei den Nachwuchsspielern sind zudem völlig normal, Burkardt und Barreiro können aus ihrer eigenen Vergangenheit ein Lied davon singen. Und selbst in einem Verein wie Mainz 05 wird es nicht jedes Talent dauerhaft im Profibereich schaffen. Es ist imho bedenklich, wenn sowohl Christian Heidel als auch Bo Svensson erneut die hohe Erwartung im Umfeld des Clubs thematisieren, wobei der eine auf mich eher amüsiert, der andere eher mahnend wirkt.

Zeit für Entwicklung

Heidel hatte schon bei seiner Rückkehr in den Club vor anderthalb Jahren viel Zeit auf dieses Thema verwendet. Eventuell muss man ja in einer Saison, in der so früh und ungefährdet der Klassenerhalt geschafft wurde (die Lizenz gibt es übrigens ohne Auflagen), nicht zwingend lauter Stressschauplätze aufmachen – aber das ist nur meine bescheidene Meinung, andere können sich da gerne auspowern.

Sportvorstand. (Foto: Ostermann)

Bo Svensson selbst hat in der PK am Donnerstag dazu Folgendes geäußert: „Wir sind immer noch Mainz in der Bundesliga. Wir kommen aus einer Phase, wo es jahrelang hier nicht besonders stabil lief, und wir sollen jetzt erwarten, dass wir in jedem Spiel 90 überlegene Minuten abliefern. Da sind die Erwartungen sehr hoch.“ Braucht übrigens, auch das wurde bei seiner Antwort klar, niemand glauben, dass er selbst nicht sehr ehrgeizig wäre. Aber wie soll sich bitte etwas entwickeln, wenn einem Team die Zeit für Entwicklung abgesprochen wird?

Ja, in den Auswärtsspielen kommen wenige Punkte rum, fast jede dieser in Sachen Ausbeute ärgerlichen Spiele hat aber sogar in sich eine Entwicklung gezeigt. Manchmal frage ich mich, was hier los wäre, wenn Mainz 05 für ein paar Jahre zurück in der 2. Liga kicken müsste. Aber darüber müssen wir zum Glück nicht nachdenken, weil der Klassenerhalt wieder mal gelungen ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass es darüber größeren Jubel gegeben hätte – und wenn wir aufhören, in Mainz den Klassenerhalt zu feiern, dann aber gute Nacht.

Jetzt aber erstmal ein gutes Spiel. In Wolfsburg. Und ein schönes Wochenende.

Mainz 05: Spielentwicklung unter Bo Svensson

Wer nach Abpfiff der Partie des 1. FSV Mainz 05 gegen den SC Freiburg in die Gesichter der Mainzer Spieler schaute, konnte ihre Freude über den späten Siegtreffer von Robin Quaison gar nicht übersehen. So, wie vieles an der Entwicklung der nun knapp drei Monate unter dem neuen Chefcoach Bo Svensson nicht zu übersehen ist. Der gute Teamgeist dieser einst abgeschriebenen Truppe. Die kämpferische Einstellung, zu der auch überragende Werte in Sachen Laufleistung gehören. Eine neue Giftigkeit in den Zweikämpfen. Der entschlossene Kampf um die zweiten Bälle, die Bereitschaft, immer füreinander einzustehen.

All das ist deutlich erkennbar und gibt in der Summe die berechtigte Hoffnung, bis zum Schluss um den Klassenerhalt mitzuspielen. Aber inwieweit lassen sich die positiven Eindrücke auch durch Zahlen belegen – und wo zeigen diese vielleicht noch Luft nach oben auf?

Mit Fußballdaten aller Art beschäftigt sich Mats Beckmann und Quirin Sterr, die Gründer von CREATE FOOTBALL. Mit dem Start-up möchten sie das hierzulande noch eher vernachlässigte Thema Datenscouting vorantreiben. Sie erheben die Zahlen nicht selbst, sondern beziehen sie von Anbietern wie InStat oder Wyscout* und interpretieren sie für Beiträge in ihrem Podcast, Blog und bei Instagram. Um einen genaueren Blick auf die Entwicklung der Mainzer Mannschaft zu werfen, habe ich ihnen einen Fragenkatalog zu den Spieldaten der 05er zukommen lassen, die sie daraufhin für mich zusammengetragen haben. Wichtig war mir, nicht nur im Vergleich mit den Spielen unter Jan-Moritz Lichte auf kurzfristige Effekte seit dem Dienstantritt von Bo Svensson zu schauen, sondern auch den Vergleich zu ziehen mit der Zeit unter Achim Beierlorzer.

Etwas überraschend ist zunächst vielleicht die Feststellung, dass die Passgenauigkeit unter Bo Svensson schlechter geworden ist. Lag sie mit Achim Beierlorzer an der Seitenlinie noch bei 78 Prozent und war unter Nachfolger Jan-Moritz Lichte mit 78,5 nahezu identisch, liegt sie derzeit im Schnitt bei 73 Prozent. Besonders schlecht war sie beispielsweise bei der Heimniederlage gegen Wolfsburg mit lediglich 64,3 Prozent. Allerdings zeigen die Vergleiche direkt, dass Statistiken im Fußball nun mal nicht alles sind: Auch bei der Partie gegen Borussia Mönchengladbach lag die Mainzer Passquote mit 67 Prozent niedrig – gewonnen haben die 05er dennoch. Zum Vergleich, die Passquote der Gladbacher lag bei 85,7 Prozent.

In Sachen Pässe spielt eben nicht nur die Genauigkeit eine Rolle, sondern auch, wo und wohin auf dem Feld sie gespielt werden, also was nach dem – bestenfalls gelungenen – Pass geschieht. Der niedrige Wert hat aber auch mit Svenssons Spielansatz zu tun, der gefährliche Pässe durchaus in Kauf nimmt, weil, vereinfacht gesagt, auch davon immer mal einer ankommt; und womöglich der entscheidende. Etwas ruhiger war das Spiel übrigens zuletzt mit Boëtius statt Latza eben gegen den SC Freiburg, was die verbesserte Passquote und der vergleichsweise hohe Ballbesitz belegen.

Auch bei der Interpretation des Spielstils können die Daten Aufschluss geben und hier sticht besonders der Wert der Balleroberungen ins Auge. Der lag unter Beierlorzer bei 81,3 pro Spiel (Lichte 78,5), seit Amtsantritt von Svensson liegt der Durchschnittswert hier bei 93,5 pro 90 Minuten. Zum Vergleich, bei Union Berlin liegt dieser Wert in der bisherigen Saison bei 85,4 und Arminia Bielefeld weist ein Balleroberungsmittel von 79 pro Spiel auf. In den letzten drei Spielen lag Mainz beim Balleroberungswert in den Top Fünf in der Liga, gegen Schalke sogar auf Rang 2.

Mit diesem Werten lässt sich bestätigen, was auch auf dem Feld erkennbar ist: Svensson setzt stark auf das Spiel gegen den Ball. Dafür spricht auch der so genannte PPDA-Wert, bei dem die Anzahl der gegnerischen Pässe erfasst wird, bevor Mainz 05 Druck auf den Ball beziehungsweise Gegenspieler erzeugt. Er liegt in Svenssons Amtszeit bei 11,5 Pässen – unter Beierlorzer lag er bei 14, unter Lichte sogar bei 15,3 Pässen. Die Mainzer Spieler bauen also deutlich früher Druck auf ihre Gegner auf, seit Svensson am Ruder ist.

Lohnenswert ist in Sachen Daten auch der Blick auf die Entwicklung einzelner Spieler. Moussa Niakhaté steht aktuell zwar in einzelnen Werten etwas schlechter da als unter Beierlorzer oder Lichte, bei dem er im Schnitt 2,4 erfolgreiche Tacklings hatte (aktueller Wert: 1,7). Allerdings weist er unter Svensson die deutlich beste Zweikampfquote von 75% auf – unter Beierlorzer lag diese fast 10 Prozent niedriger (66%). Spielmacher Kevin Stöger konnte den Wert der von ihm kreierten Torchancen unter Svensson von 0,4 (Lichte) auf 0,88 mehr als verdoppeln. Seine erfolgreichen Schlüsselpässe liegen nun bei 0,29 (0 unter Lichte).

Spannend ist auch die starke Entwicklung der Leihspieler aus Frankfurt, verglichen mit den Werten beim abgebenden Verein. So kommt Danny da Costa bei Mainz 05 im Vergleich zu den Einsätzen bei der Eintracht auf 28 (22,2) erfolgreiche Aktionen und 0,87 (0,56) kreierte Torchancen pro Spiel. Dominik Kohr glänzt mit 10 (5,8) Balleroberungen sowie 12,5 (6,5) erfolgreichen Zweikämpfen.

Bestätigen lässt sich mit den Zahlen zudem der Eindruck, dass Stefan Bell auf seine alten Tage die Saison seines Lebens spielt – zumindest fast. Lediglich 2017/18 wies Bell seit Beginn dieser Form der Datenaufzeichnung 2013/14 bessere Werte auf als in der laufenden Saison. Gemessen an den Top-5-Ligen sind seine Werte allesamt überdurchschnittlich, besonders auffällig sind die im Schnitt 14,2 Balleroberungen pro Spiel und die 3,7 Klärungsaktionen. (Für letztere weist opta sogar einen noch höheren Wert auf.) Und es gibt noch einen weiteren 05er, der bei dieser Kennzahl auffällig ist: Alexander Hack. Auch die neugewonnene defensive Stabilität des Teams unterstreichen die Zahlen demnach deutlich. Weiteren Nachholbedarf hat Mainz hingegen in der Qualität des Angriffsspiels. Zwar spielt 05 unter Svensson nach vorne aktiver, kann aber zu selten Nutzen daraus ziehen.

Fußball ist ein Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt, auf dem Feld ebenso wie in der Bewertung. Der Eindruck einer positiven spielerischen Entwicklung der Mainzer unter Svensson lässt sich anhand der Daten zu den Spielern und Partien bestätigen. Das ist gerade dann ein gutes Zeichen, wenn die Punkte mal ausbleiben sollten. Das Ziel, mit dem Team zum einen kurzfristig zu punkten, zum anderen aber eine spielerische Entwicklung zu schaffen, ist eines, dem sich die 05-Mannschaft gemeinsam mit dem Trainerteam Schritt für Schritt nähert.

*Bekannt ist vielen als Quelle für Daten sicher opta, deren Zahlen beispielsweise sky, DAZN oder der kicker nutzen. Vergleicht man die Daten, weichen die absoluten Zahlen bei den drei Anbietern durchaus voneinander ab, die Tendenzen sind aber vergleichbar.
**Quellen für die Fotos: Bo Svensson: 1. FSV Mainz 05 | Achim Beierlorzer, Jan-Moritz Lichte & Michael Falkenmayer: Malino Schust für Wortpiratin rot-weiß | Danny da Costa, Dominik Kohr: 1. FSV Mainz 05

Feministisches Couchgespräch in der Landesschau

Am Weltfrauentag 2021, dem feministischen Kampftag am 8. März, war ich in der Landesschau Rheinland-Pfalz eingeladen. Im „Couchgespräch“ mit Holger Wienpahl ging es unter anderem um meinen 05-Krimi „Vergiftete Hoffnung“ und meine Arbeit als Sportjournalistin, aber auch um mein Verständnis von Feminismus und wieso der für mich einen festen Platz im Fußball hat.

Die Kolleg*innen arbeiten dort nun schon seit vielen Monaten unter Corona-Bedingungen mit ungewohnten Abläufen und machen das wirklich famos. Special Shoutout an Annette Dany, die vom Vorgespräch über den Einspieler und die Betreuung vor Ort ganz wunderbar war.

Und natürlich herzlichen Dank für die Einladung!

1. FSV Mainz 05 Fußballfibel: Liebe ist ein Tuwort

Dieses Buch führt zu den Wurzeln des 1. FSV Mainz 05. Es erzählt Geschichten über Orte, die mit dem Verein bereist wurden, über Personen, die ihn geprägt haben und über Spiele, die die Fans nicht vergessen. Es sind Geschichten von Freude und Trauer, von Liebe und Freundschaft – und der tiefen Verbundenheit der Menschen mit einer Stadt, die ohne ihren FSV nicht komplett wäre.

Als wir dem Verlag im September 2019 die Zusage gaben, die Fußballfibel zum FSV Mainz 05 zu machen, saß Sandro Schwarz auf der Trainerbank, die Mannschaft hatte gerade zuhause Hertha BSC geschlagen und nach einem grauenhaften Start in die Saison schien es, als wäre das Schlimmste bald geschafft. Einige Probleme, mit denen der Verein zum Zeitpunkt der Abgabe im November 2020 kämpft, hatten sich da schon angedeutet, mit der Trainer-Entlassung wenig später waren sie brutal offensichtlich geworden. Bis dahin hatten wir uns die Zuversicht erhalten, es würde sich schon alles finden. So, wie es das bei Mainz 05 immer getan hat.

Die Neuerscheinungen der Fußballfibel zum Jahresbeginn. (Foto: CULTURCON)

Und mit „immer“ meinen wir natürlich: in den letzten 20 Jahren, in denen die unglaubliche Erfolgsgeschichte dieses Vereins geschrieben wurde. Denn auch wenn in der Saison 2020/21 die Stimmen lauter werden, die beklagen: „So schlimm stand es noch nie um Nullfünf!“, hat es schlechte und sehr schlechte Phasen, sportliches Gewürge und sich abwendende Fans immer wieder gegeben. Statt aber die letzten 20 Jahre als das Privileg zu begreifen, das sie sind – und Kraft daraus zu ziehen für den Weg durch dieses Tal – zerlegten sich die Beteiligten im und um den Verein in der jüngeren Vergangenheit in loser Reihenfolge selbst.

Wie soll man denn da eine Liebeserklärung schreiben? Ist eine Abrechnung nicht die bessere Alternative? Ein frustgeschwängertes Pamphlet, nach dem früher doch alles besser war? Wenn früher bedeutet vor Corona, war eines in Sachen Fußball tatsächlich besser, nämlich, dass wir ihn gemeinsam im Stadion erleben konnten. Die Krise schmerzt auch deshalb besonders, weil wir uns hilflos fühlen, nicht näher heranrücken können, zum Zusehen verdammt sind. Wir vermissen unseren Block, vermissen jene Menschen, mit denen wir die Spiele gemeinsam sehen, nach Abpfiff mit einem Bier in der Hand besprechen, mit denen wir Frust und Begeisterung teilen. Die Corona-Pandemie hat uns gezwungen, die Begegnung zu verlegen – statt in der Kurve haben wir uns auf Papier getroffen und diese Fibel geschrieben.

Herausgeber Oliver Heil und Herausgeberin Mara Pfeiffer (Foto: privat)

Viele haben wir dafür angesprochen, einige konnten in der aktuellen Situation ihre Muse nicht finden. Die meisten aber hatten Lust, sich auch und gerade jetzt mit dem Verein zu beschäftigen. Dem nachzuspüren, was sie einst zu Mainz 05 und ins Stadion gebracht hat, nachzudenken, wo Brüche waren, Menschen einen Text für die Fibel zu widmen, ohne die der Verein nicht da wäre, wo er ist – zwölf Spielzeiten hintereinander in der Ersten Liga, als einer von 18 Clubs im Oberhaus.

Wir haben Anhänger*innen aus dem Block gefragt und solche, mit denen wir vor Jahren das Fanzine DIE TORToUR geschrieben haben, wir haben Journalist*innen um Beiträge gebeten, die den FSV schon lange begleiten, haben Verantwortliche aus seinem direkten Umfeld angeschrieben und Menschen, die wir persönlich mit dem Verein verbinden. Dabei sind ganz unterschiedliche Beiträge herausgekommen, die uns in die Vergangenheit des Clubs führen, an Orte, die wir mit ihm bereist haben, zu Personen, die ihn geprägt und Spielen, die wir nicht vergessen haben. Als roter Faden schimmert durch die Texte eine unerschütterliche Zuneigung zum Verein.

Als wir im Corona-Frühling 2020 mit der Arbeit an der Fibel anfingen, waren wir uns nicht sicher, wie es mit Mainz 05 weitergehen würde in dieser herausfordernden Zeit. Die Frage können wir selbst jetzt, da das Buch erschienen ist, nicht beantworten. So viel aber ist gewiss: Wir werden den FSV weiter auf seinem Weg begleiten, wohin auch immer er führen mag. Weil wir gar nicht anders können. Liebe ist ein Tuwort.

Die Fibel ist erschienen bei Culturcon medien im Buchhandel sowie online erhältlich.