Tage wie dieser

Heute habe ich dich gesehen. Es war das erste Mal seit längerer Zeit, erkannt habe ich dich trotzdem sofort. Es muss etwas mit dieser Körperhaltung zu tun haben, die so typisch für dich ist; es scheint, als ob du immer ein wenig zu breitbeinig stehst. Darüber der Oberkörper, ein wenig zu kurz, in einem Hemd, das etwas zu locker in der Hose steckt. Leicht vorgebeugt stehst du neben dem Auto, hältst etwas dabei in der Hand – ich vermute, es sind deine Zigaretten. Und muss schmunzeln, kann mich nicht wehren gegen die Welle der Zärtlichkeit, die mich durchrollt. Ich möchte böse sein mit dir für die Unvernunft mit den verdammten Dingern, aber du verteidigst sie mit so viel Leidenschaft, dass ich den Widerstand aufgegeben habe. Dich so stehenzusehen, in deinem hellblauen Hemd, die dünner werdenden Haare leicht vom Wind angehoben, weckt Erinnerungen an ähnliche Momente, oder besser – Tage: Zufall ist es sicher nicht, gerade an einem auf dich zu treffen, der wie ein erster Vorbote des Frühlings über uns gekommen ist.

Spring is in the Air. (Foto: Marieke Stern)

Spring is in the Air. (Foto: Marieke Stern)

Du und ich, in meiner Heimatstadt, in diesem kleinen Gässchen zwischen der Hauptstraße und – wo führt es überhaupt hin? Die handvoll Spatzen am Rande einer Pfütze, die mit vorschnellenden Köpfchen über aufgeplusterten Körpern daraus trinken. Du, der im Laufen innehält, die Zigarette in der Hand. Lachst, forderst mich auf, ebenfalls stehenzubleiben, den Spatzen zuzuschauen. Bist völlig begeistert und fasziniert von ihrem alltäglichen Schauspiel. Ich, die ich mich sträube, innerlich kopfschüttelnd. Was kann einen erwachsenen Mann minutenlang an diesem Bild faszinieren? Bis ich mich ergebe, der absurden Schönheit des Moments, und – ja: dir. Dabei feststelle, wie die Sonne sich durch die Gasse stiehlt, in einem Fenster bricht und das Spatzenbild erleuchtet, als wolle sie dich dabei unterstützen, mir diesen Moment ins Bewusstsein zu tragen. Wo er geblieben ist, gemeinsam mit dem Wissen, es machte ja keinen Sinn, dich antreiben zu wollen. Du hattest es längst nicht mehr eilig.

Du, an dein Auto gelehnt, vor meiner alten Wohnung. In meiner Erinnerung spielst du an deinem Handy, zugleich weiß ich, das sicher geglaubte Bild trügt. So muss es doch wieder die Zigarette gewesen sein, die du in deinen Fingern drehst, mit beinahe gespitzten Lippen daran ziehst und sie schließlich mit deiner Hand fast aus dem Mund fallen lässt, der sich zu einem breiten Lachen öffnet, als ich aus der Tür trete. Du winkst und lachst und lachst und winkst und ich kenne niemanden, der sich so offensichtlich freut darüber, einen anderen Menschen zu sehen. Frage mich, ob das immer so war, ob du dasselbe Strahlen auch schon ausgesandt hast, als wir vor langer Zeit noch Tag für Tag am selben Tisch gesessen haben. Du, der du im Hang neben unserem Garten herumkletterst, Unkraut zupfst, Sträucher beschneidest, kurz: Dinge tust, von denen ich keine Ahnung habe – und die bei anderen Menschen Anstrengung vermuten lassen, nicht aber bei dir. Wieder dieses Strahlen und wieder die Zigarette. Wieder winkst du, bewegst dich, wie mit einem Ausfallschritt, ein Stückchen auf mich zu. Ich lache nun auch und winke zurück, bekomme Lust auf eine Zigarette, obwohl ich nicht rauche; bis heute möchte ich mir zu diesen Erinnerungen eine Zigarette anstecken – verrückt, findest du nicht?

Ich will dein Winken nicht so fern wissen, möchte dein Lachen aus der Nähe sehen. Ich wünschte, du würdest mir und meinen Teenagerfreunden mitten in der Nacht Spaghetti Bolognese kochen. Mit einem Eimer Kirschen aus dem Baum klettern, mich zu einem Eis einladen, dorthin, wo du zu den süßen Kugeln und dem Cappuccino italiano noch rauchen darfst. Du könntest es nicht glauben, wenn sie dir das heute verbieten würden – bei der Vorstellung muss ich grinsen und kann deine Entrüstung fast spüren. Da stehst du also auf diesem Parkplatz. Und ja, es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass ich dich so sehe, mitten im Tag, ohne einen bestimmten Anlass. Aber es ist das falsche Auto, an dem du lehnst. Und in der Hand ruht nicht die ewige Packung mit den Zigaretten, sondern ein Smartphone. Das Blau des Hemdes ist zu hell – oder zu dunkel, jedenfalls nicht richtig und die Haare: nein, deine sind anders. Weniger licht, dafür dünner, auch die Farbe ist falsch, alles ist falsch; ich kann es selbst auf diese Distanz erkennen. Und doch: Magst du auch nicht mehr hier sein und der Schmerz darüber nie vergehen. Bist du doch nah. Spüre ich deine Gegenwart an manchen Tagen so lebendig wie einst. Wird mein Herz dich nie loslassen und deines mich nie allein. Und werden wir uns immer wieder begegnen, an Tagen wie diesem; wenn ich dein Strahlen auch nur noch aus der Entfernung spüren kann.

Scars

Ich habe ein paar alte Narben, die nun, wo ich braungebrannt in der Flughafenhalle stehe, besonders gut zu sehen sind. Eine kleine, auch jetzt kaum sichtbar, nur ein dünner, weißer Streifen auf dem Gelenk meines Mittelfingers an der linken Hand. Eine alte, etwas größere, auf der Innenseite meines rechten Arms, die zwar noch zu sehen ist; aber nicht mehr zu spüren. Während ich sie mit dem Finger sanft berühre, fahre ich mir mit der Zunge neugierig über die Oberlippe und schiebe den feuchten, schmalen Muskel noch ein Stück weit darüber hinaus, so nah an die Nase heran, wie ich kann, denn auf dem Weg dorthin befindet sich eine weitere Narbe. Klein, kreuzförmig und verwachsen. Ein schmaler, unsauberer Kreuzstich in meinem sonnenverbrannten Gesicht.

Es war so wahnsinnig heiß und schwül in diesen Urlaubswochen, ohne das kleinste barmherzige Lüftchen, so dass ich fast den ganzen Tag auf meiner Luftmatratze auf dem Meer getrieben bin; nun spannt jeder Millimeter meiner Haut. Ich versuche mir vorzustellen, wie viel früher die Falten in meinem Gesicht zu tiefen Schluchten werden, dank dieser Zeit, dank der Hitze, der Sonne. Und muss an den vorwurfsvollen Gesichtsausdruck meiner Schwester denken, als diese mir kürzlich beinahe wütend verkündete, sie habe trotz ihrer jüngeren Jahre bereits mehr Falten als ich. Ich taste mit einer Hand vorsichtig über den Stoff meiner Jeans, vornübergebeugt, mit der zweiten Hand auf meinem Koffer aufgestützt, wobei ich bete, dass dieser kein Übergewicht hat. Dort, wo meine Hand vorsichtig und ein wenig ungelenk entlangfährt, in der Mitte des linken Knies, befindet sich noch eine Narbe. Ich kann meine umgekrempelte Jeans nicht weit genug hochschieben, um sie zu sehen, aber ich weiß, sie ist da. Eine tiefe, kraterförmige Schlucht, von fast brutaler Zerschlagenheit; und wunderschön.

Think of me and I'll be there. (Foto: M. Braun)

Think of me and I’ll be there. (Foto: M. Braun)

Ein Stück weiter das dünne, lange Bein hinunter weiß ich um eine weitere Narbe, die sogar unter der Arbeiterhose hervorblitzt, doch ich habe mich bereits wieder aufgerichtet und beachte sie nicht. Ihre Form kann ich sehen, wenn ich die Augen schließe, ihre Farbe ist weißer als weiß, und sie erscheint fast frisch. Sommer. Meer. Urlaub. Lanzerote. Riff. 1998. Ein anderes Leben. Noch ein Stück tiefer, auf dem rechten Bein aber, die nächste – doch erst noch im Werden. Wie eine rittlings umgestürzte Schweinsbohne mit 1000 dünnen Ärmchen und Beinchen. Rot und blutig, die Entzündung gerade abgeklungen, aber noch erkennbar in dem verhärteten Eiter, der gelb und ätzend durch die ansonsten dunkle Kruste hindurchschimmert. Ein aufgekratzter Mückenstich, der mir dreckige Nägel, meine Wut auf die Mücken, das Jucken, und mich selbst, irgendwie, der mir den Sand und das Meer und ständiges wieder an-ihm-herumpulen erheblich übler genommen hat, als ich es zunächst erwartet konnte.

Die Narbe am linken Knie ist von einem Sturz mit dem Fahrrad. Ich weiß, dass ich noch ein Kind war, blond, pausbäckig, mit großen, durstigen Augen. Unsere Straße, in der wir damals das Haus Nummer 4 bewohnten, später dann die Nummer 2, hatte eine Seitengasse: sehr steil und von einer scharfen Kurve in zwei ungleiche Hälften aufgeteilt. Oben wohnten nur zwei Familien. Die eine hatte zwei Söhne und viele, viele Katzen, von denen mich eine, die wildeste, als Kind angriff und mit wütenden Bissen verletzte. Ich erinnere mich daran, und auch an die Wut auf meine Mutter, weil sie mir nicht glauben wollte, dass sich das Katzengebiss so sehr in meinen Schenkel verkeilt hatte, dass es auch nichts nützte, als ich laut schreiend und wild umherhüpfend damit durch die Luft wedelte, das Tier wollte nicht von mir lassen, und irgendwann glaubte ich zu erkennen, dass es sogar das Maul geöffnet hielt, aber trotzdem nicht von meinem Bein abfiel, weil sich die Zähne so tief in mein Fleisch gebohrt hatten. Hinterher hatte ich jahrelang Angst vor Hunden, ohne dass ich dafür eine vernünftige Erklärung hätte abgeben können.

Mein Vater war damals mit mir oben bei den Nachbarn, zur Gegenüberstellung, und beim Anblick der Katze sprang ich mit einem Satz auf seinen Arm und begann laut und jämmerlich zu heulen. Die Katzenbesitzerin, eine mächtige Doppel-D, die sich Jahre später zum Entsetzen meines Vaters die Brüste chirurgisch verkleinern ließ, hörte auf, ihre Unschuld zu beteuern und schwenkte um auf Bedauern. Ich hasste sie dennoch in diesem Moment, die Katze aber tat mir leid, nun, da ich erfahren hatte, dass sie nicht im Haus schlafen durfte, sondern nachts in den Hof verbannt wurde. So wurde das Tier für mich unschuldig und es war, als hätte mich an seiner statt die Besitzerin gebissen. Die Familie gegenüber hatte ebenfalls zwei Kinder, aber viel ältere. Das Mädchen, soviel weiß ich noch, hieß Annette. Ich mochte sie, zumindest meistens. Eigentlich nur dann nicht, wenn wir fein eingeladen waren, bei Snob-Freunden meiner Mutter, denn dann musste Annette mir einen französischen Zopf flechten, was ziepte, meine Mutter nicht konnte – und ich nicht leiden.

Meine jüngere Schwester, Annette und ich haben manchmal gemeinsam mit ihrem großen Bruder süße Erbsen aus ihren Hüllen gepult und im Sichtschatten einer Hecke gegessen, während die Erwachsenen im Sommer an lauen Abenden auf der Terrasse hinter dem Haus grillten. Von Annettes Vater durfte ich die alten Goofy Comics leihen, Hefte, in denen es nur um den sympathischen, trotteligen Hund im roten Pullover ging, und die ich nicht gekannt hatte, bevor ich sie eines Tages bei ihm entdeckte. Annettes Vater ist vor ein paar Jahren an seinem Geburtstag gestorben. Beim Kaffeetrinken vom Stuhl gekippt, einfach so, den Kuchen noch auf der Gabel. Herzinfarkt. „Zu früh, der arme Kerl“, hat mein Vater damals gesagt, denn für ihn kam der Tod fast immer zu früh, und mit traurigem Gesicht und ungläubigem Kopfschütteln rechnete er an manchen Samstagen das Alter der Verstorbenen aus den Todesanzeigen aus und schien ehrlich darunter zu leiden. Und dann sagte er noch, „aber ein schöner Tod, so beim Feiern, und Kuchen zum Abschied!“ – oder zumindest wünsche ich mir das.

goodbye my friend it’s hard to die
when all the birds are singing in the sky
now that the spring is in the air
pretty girls are everywhere
think of me and i’ll be there
[Terry Jacks: Seasons in the Sun, 1973]

Land of Milch and Horror

Foto:  Jürgen Hüsmert/pixelio.de

Foto: Jürgen Hüsmert/pixelio.de

when ihr so eine
weapon habt
then shoot you
in the fuß
of blood
the letzte gruß

denn soon
wird sie euch
weggeschnappt
who wäre wohl
so dreist
the Gott der
father heißt.

Youth is wasted on the Young

Jung
„Close your eyes so you don’t feel them
they don’t need to see you cry
I can’t promise I will heal you
but if you want to I will try.“
[Robbie Williams: Eternity]

A Cold War Kid

A Cold War Kid
„And in that bright October sun
We knew our childhood days were done
And I watched my friends go off to war
What do they keep on fighting for?“
[Billy Joel – Leningrad]