Club der toten Väter

„Es gibt da einen Club. Den Club der toten Väter. Und du kannst nicht Mitglied werden, bevor du nicht dazugehörst. Ich meine, natürlich kannst du versuchen, es zu verstehen. Du kannst mitfühlen. Aber – bevor du diesen Verlust nicht selbst erlebt hast… Es tut mir so leid, dass du jetzt dazugehören musst.“
„Ich weiß einfach nicht, wie ich in einer Welt ohne meinen Paps existieren soll.“
„Ja, das ändert sich auch nie wirklich.“
[Frei übersetzt aus Grey’s Anatomy – 3. Staffel]

Ich konnte das nicht begreifen: Es war zu groß für mich. (Foto: Marieke Stern)

Ich konnte das nicht begreifen: Es war zu groß für mich. (Foto: Marieke Stern)

Im Herbst 2002 war ich mit meinem damaligen Freund, meiner Besten und einigen guten Bekannten im Sonnenurlaub in Spanien. Das Wetter verwöhnte uns, es war heiß und trocken, die Abende lang, lau und lustig. Wir tranken spanisches Bier aus kleinen, braunen Flaschen und spielten Karten, jeden Abend, als seien wir auf Klassenfahrt. An einem dieser Abende zeigte mein Handy eine neue SMS an. Sie war von einer guten Freundin, die, so glaubte ich, daheim ungeduldig auf meine Rückkehr wartete: Bereits im letzten Jahr hatten wir gemeinsam zwei Kurzfilme verwirklicht, nach meiner Rückkehr sollte der dritte folgen und wir tauschten täglich aufgeregte Nachrichten aus.

In der SMS ließ meine Freundin mich wissen, dass sie leider ausscheren müsse aus den Plänen, was sie sehr bedaure. So heftig betonte sie diesen Umstand, sich entschuldigen zu wollen für ihre Absage, dass ich einen langen Moment brauchte, um zu verstehen, was doch eigentlich nur zählte: Ihr Vater lag im Krankenhaus, bei ihm war Krebs festgestellt worden. Er starb am Ende des folgenden Winters. Ich erinnere mich an meine Ohnmacht, wenn ich nie die richtigen Worte fand, um sie hinter ihrem abwesenden Gesichtsausdruck zu erreichen. An die riesige Wut auf Gott und die Welt, wenn sie am Telefon immer nur neue Hiobsbotschaften zu verkünden hatte. Und erinnere mich besonders an eine Feier bei mir Zuhause, das hilflose Gefühl, als sie leeren Blickes mitten im Trubel abwesend auf meinem alten Sofa saß – wie sie darin zu versinken schien. Immer schmaler wurde. Und mein Herz warf eine große, traurige Falte, als er schließlich gehen musste. Die intensivste Erinnerung die ich habe aber ist, dass ich es nicht verstehen konnte. Wie das sein muss, seinen Vater zu verlieren. Ich konnte das nicht begreifen: Es war zu groß für mich.

Im Sommer des folgenden Jahres war ich mit einer Freundin auf der Autobahn unterwegs, als wir das Ausfahrtsschild Bad Nauheim passierten. Ich schreckte zusammen, wie man als Kind zusammenzuckt, wenn man gegen die Warnungen der Eltern an einen Zaun greift, der leicht unter Strom steht. „Alles o.k.?“, fragte jene Freundin in mein blasses Gesicht. „Ja. Ich wusste bloß nicht, dass – dieses Schild gerade. Das hat mich etwas erschreckt.“ „Bad Nauheim?“, hakte sie nach und fügte hinzu: „Ja, das finde ich auch immer erschreckend.“ Sie lachte rau. „Wieso?“, war es nun an mir, nachzuhaken. „Mein Vater ist dort gestorben“, entgegnete sie leise; ihr Blick schweifte in eine Ferne, die mir unbekannt war. Mein Vater war auch in Bad Nauheim gewesen, nach seinem Herzinfarkt; doch er hatte überlebt.

Im Sommer 2004 bereiste ich mit meinem damaligen Freund die Südstaaten der USA. Es war der letzte, ernsthafte Versuch, unsere Beziehung noch zu retten – und ausgerechnet er, dessen Planeten sonst nur um seine eigene Sonne kreisten, hatte vorgeschlagen, dass wir mein Mississippi bereisen sollten, wo ich vor fast zehn Jahren die elfte Klasse besucht hatte. Eine Woche von vieren verbrachten wie bei einer lieben Freundin, mit der ich ein Jahrzehnt zuvor die Highschool gemeinsam durchlitten hatte. Und sie: hatte noch mehr gelitten, als ich schon längst wieder in der Heimat weilte. Schwanger mit siebzehn, war sie durch eine Hölle aus Ablehnung und prüder Entrüstung gegangen – doch hatte überlebt. Und wohnte nun mit ihrem Lebensgefährten, dem Sohn und ihren beiden Schwestern im Haus ihres Vaters. Allerdings – ohne den Vater, der kurz zuvor an Krebs gestorben war.

Ich erinnere mich an unsere vielen Gespräche am Tisch in der großen Küche. Sehe die Muster des dunklen Holzes vor mir, zu dem ich herabstarrte, auf meiner verzweifelten Suche nach den richtigen Worten. An meine Tränen, die mit einem leisen Platschen auf das Holz klatschten, und wie töricht ich mir vorkam – wo doch sie es war, die den Vater verloren hatte. Doch wieder überstieg die Situation meine Vorstellungskraft. Ich wollte für sie da sein, ihr Trost spenden – und hatte doch das Gefühl, dabei nie übers Stammeln hinauszukommen. „Guck doch mal“, wisperte ich meinem Freund zu, wenn wir vor den Familienfotos standen, „das war an Ostern. Und sechs Wochen später, zack, ist er tot. Wie soll man das verstehen, ohne wahnsinnig zu werden?“ Er zuckte mit traurigem Gesicht die Schultern – da standen wir: wortlos, hilflos, ahnungslos. Weil es Dinge gibt, die man nicht begreifen kann, bis man sie nicht selbst durchgemacht hat. Und Situationen, in denen man auch dann immer hilflos bleiben wird, wenn man sie schon erlebt hat. Weil es Erlebnisse gibt, in denen kein Wort passt, sondern nur stumme Gesten gegen die lärmende Stille sprechen.

„Es gibt da einen Club. Den Club der toten Väter. Und du kannst nicht Mitglied werden, bevor du nicht dazugehörst. Ich meine, natürlich kannst du versuchen, es zu verstehen, du kannst mitfühlen. Aber – bevor du diesen Verlust nicht selbst erlebt hast…“ An einem 30. Januar wurden meine Geschwister und ich Mitglied im Club der toten Väter. Überraschend. Über Nacht. Und, wie immer: viel zu früh. Ich weiß jetzt, wie sich das anfühlt. Aber „ich weiß einfach nicht, wie ich in einer Welt ohne meinen Paps existieren soll.“ „Ja, das ändert sich auch nie wirklich.“

My personal Diana

Am 31. August 1997 starb in einer sternenklaren Nacht, auf dem Weg von Erbach im Odenwald ins niederländische Edam, die Prinzessin von Wales. Ich hatte damals den ersten ernstzunehmenden Liebeskummer meines Lebens und war noch einige Jahre entfernt von der Erkenntnis, dass durchfeierte Nächte Probleme nur kurzzeitig verschwimmen lassen, nicht etwa lösen. Auch, dass der Konsum von rund dreißig Zigaretten am Tag nicht meine Stimme sexy werden, sondern das Krebsrisiko ansteigen lässt, ignorierte ich erfolgreich. Zumal der schmerzlich vermisste Ex die kleinen Glimmstängel hasste – und sie deswegen umso besser in meine Spätteenagerlogik passten. Meine Schwester war mit unserem Paps verreist in jenem Sommer, unsere Mutter war zur Kur. Und ich nutze meine ungewohnte Freiheit ausgiebig: Tage verschlafen, Nächte durchfeiern, Frühstück im Bett, Liebeskummerheulkrämpfe in jeder Ecke der Wohnung. Fernseher auf dem Zimmer, Papis Zigaretten im Kirschbaum. Dauertelefonate im Liegestuhl auf der Terrasse.

Erinnerungen an die Prinzessin und ihren Lebensgefährten. (Foto: Bobak Ha'Eri – CC 3.0)

Erinnerungen an die Prinzessin und ihren Lebensgefährten. (Foto: Bobak Ha’Eri – CC 3.0)

Außerdem lud ich permanent alle Menschen ein, die ich kannte, dazu etliche, die ich nicht kannte, versaute meinen Eltern 20 Jahre Nachbarschaftspflege binnen weniger Nachtstunden – und gab das Geld aus meinen Ferienjobs für billiges Bier und Tiefkühlpizzen aus. Als ich an einem dieser Partyabende mit meinen Mädels hinterm Haus in der Wiese lag und Sternschnuppen zählte, kam uns die Idee, zu verreisen. Einfach abhauen, das klang so unglaublich verwegen, dass wir uns in den Plan verliebten, noch bevor er zu Ende geschmiedet war. Am nächsten Abend, einem Samstag, wollten wir los. „Holland“, schlug ich vor. Und nannte, weil ich das auf eine Weise romantisch fand, einen kleinen Zeltplatz, von dem ich wusste, der vermisste Ex hatte ihn kürzlich erst bereist. Das wussten natürlich auch meine Mädels, doch weil dieses Alter seine eigene Logik hat, in der wir uns alle einig waren, äußerte niemand Protest oder machte einen Gegenvorschlag. Am nächsten Abend packten wir meinen blauen Golf voll mit Zelten, Taschen und Bier und hinterließen unseren Eltern Zettel an den Kühlschränken, die verkündeten: „Wir sind dann mal in Holland.“ Unterwegs sammelten wir eine Freundin von einer Party ein, die auf der Rückbank sofort tequilaseliger Schlaf übermannte – und los ging das Abenteuer. Es war der 30. August 1997.

„Mach mal lauter!“, erklang es plötzlich vom Rücksitz. Ich kann mich noch an den Streckenabschnitt erinnern, auf dem wir unterwegs waren. Ich sehe die Bäume am Wegrand neben uns vorbeiziehen in der sternenklaren Nacht, die viel zu hell war. Julia erwachte aus ihrem Schnapskoma, Sanne drehte am Radio und Nadine schob ihren Kopf in die Lücke zwischen Fahrer- und Beifahrersitz und erklärte: „Irgendwas hat der gesagt mit Lady Di.“ Das, was der Sprecher im Radio gesagt hatte, war, dass Lady Diana, Princess of Wales, und ihr Lebensgefährte, Dodi al Fayed, in einem Tunnel in Paris verunglückt waren. Genauere Einzelheiten waren noch nicht bekannt, lediglich von überhöhter Geschwindigkeit und einem eintreffenden Krankenwagen war die Rede.

Im Auto hing atemlose Stille. Von uns vier Mädchen hatten drei Mütter oder Omas mit starkem Hang zur Klatschpresse, wir waren mit den Bildern der Prinzessin aufgewachsen. Als sie 1981 den englischen Thronfolger geheiratet hatte, war meine Schwester geboren worden, als im darauf folgenden Jahr ihr erster Sohn auf die Welt kam, hatte meine Mutter mir die Bilder gezeigt. Beim zweiten Kind konnte die erste von uns schon die Bildunterschriften lesen. Es gab keine öffentliche Person, von der wir uns über die Jahre eingebildet hatten, mehr zu wissen als Lady Di. Sie war bereits länger das Gesicht des englischen Königshauses als Kohl deutscher Kanzler – daran hatte auch die Scheidung nichts geändert. Wir kannten die Prinzessin. Jede von uns.

Die nächsten Stunden klebten wir am Radio. Alle dreißig Minuten verkündete uns der Sprecher Neuigkeiten über den Zustand der Unfallbeteiligten. So erfuhren wir sehr schnell, dass Dodi den Unfall nicht überlebt hatte und es flossen die ersten Tränen, um die traurige Prinzessin, deren Schicksal ihr das Glück dieser neuen Liebe nicht gönnte. Diana war indes ins Krankenhaus gebracht worden und wurde operiert. Wir dachten an die kleinen Prinzen, an den untreuen Ehegatten, seine Geliebte – und fieberten mit, als säßen wir vorm Operationssaal. Der Diana-Glorifizierungsmodus hatte uns bereits ergriffen, als die Prinzessin noch zwischen Leben und Tod schwebte. Dieser Zustand hielt mehrere Stunden, bis sie schließlich, kurz vor der niederländischen Grenze, ihren Verletzungen erlag. Wir saßen bizarr berührt miteinander vor dem Radio, draußen flog die Landschaft vorbei und die ersten Hände fielen in Handtaschen und fingerten im Dunkel nervös nach Zigaretten, die wir auf den Schock rauchen mussten.

Summer of 97

Die Tatsache, dass wir, zwar nicht vor Ort, aber dennoch irgendwie live dabei gewesen waren, irritierte uns: Es war, als hätten wir gegenüber dem Rest der Welt einen Wissensvorsprung – einen, der uns quälte. „Krass“, sagte Julia nach einer gefühlten Ewigkeit und ihr Schnapsatem entleerte sich mit einem Rülpsen, bevor sie wieder einschlief. Nadine fing an zu heulen, ich stellte mir die ganze Zeit vor, wie Charles mit hängendem Kopf ins Schlafzimmer seiner Söhne schlich und musste trocken schlucken, beim Gedanken an die fremden Jungs. „Ich frag mich ja bloß, wer jetzt auf die Titelseiten von diesen ganzen Zeitschriften soll?“, wunderte sich Sanne und Nadine schluchzte noch lauter. Wir fühlten uns, als hätten wir einen Freund verloren.

Inzwischen ist der Hype um die Prinzessin kleiner geworden, doch regelmäßig zu ihrem Todestag taucht das immer noch vertraute, junggebliebene Gesicht in den Medien auf. Ich feiere wider besseres Wissen immer noch die eine oder andere Nacht durch und Charles hat seine Camilla geheiratet. Das Rauchen habe ich bereits dreimal aufgegeben, zuletzt vor drei Jahren – und bin guter Hoffnung, diesmal wird es halten. Aus den kleinen Prinzen sind erwachsene junge Männer geworden. Mein Herz hat andere Männer geliebt, verstoßen oder vermisst und die Mädels, neben denen ich heute im Sommer in der Wiese liege und Sternschnuppen zähle, sind andere geworden – ebenso wie die Gesichter auf den Magazincovers.

Ein Ereignis wie der Tod der Prinzessin bleibt uns nicht selbständig im Gedächtnis, sondern gekoppelt an die Situation, in der wir zu dem Zeitpunkt steckten. Das Gesellschaftsgeschehen verbindet sich mit der individuellen Vita, schon allein das ist Grund dafür, warum eine den Prinzessinentod im Gedächtnis behält, ein anderer eher den Absturz einer Boeing, zwei Tage vor dem eigenen achtzehnten Geburtstag. „Das war die WM als ich mit Jochen zusammen war!“, oder: „Bei der Beerdigung hat Bine mich begleitet!“ – so strukturieren wir Erinnerungen. Das kollektive Gedächtnis hält Stützpfeiler für das persönliche, emotionale bereit.

Der Sommer in dem Lady Di starb, war unser letzter Schul- und Jugendsommer, bevor wir uns aufmachten in die Welt. Er war der Sommer meiner ersten Liebesversuche und der, den wir gefühlt zu 67 Prozent in meinem blauen Golf verbrachten. Der Sommer, in dem Julias Schwester nach England zog, wir Sanne ein um Monate verspätetes Geburtstagsgeschenk machten – und Nadine zum ersten Mal das Meer sah. Es war der Sommer, in dem wir noch mal intensiv Zeit miteinander verbrachten, bevor uns im darauffolgenden Jahr das Abitur im Hier und Jetzt verschluckte, und an ganz unterschiedlichen Enden der Welt wieder auftauchen ließ. Und auch dafür steht der Tod Dianas in unserer Erinnerung, wie ein Symbol für das Ende der gemeinsamen Stunden.

Freddy aus Berlin

Heute habe ich Post von einem Toten bekommen. Der Brief kam von Freddy, Freddy aus Berlin. Er war der beste Freund meines Papas. Sein Leben lang mit der Steuererklärung beschäftigt. Und er konnte sich meinen Namen nicht merken. Deshalb war die cremfarbene, quadratische Karte auch an ‚Maja Braun’ adressiert, nicht Mara – darüber musste ich lächeln, als ich begriff, dass sie von ihm war. Lächeln musste ich, bevor ich zu heulen begann, darüber, dass der Brief von einem Toten kam. Der Tote Freddy war. Und all meine Fragen an ihn nun unbeantwortet bleiben würden.

Ich erinnere mich gut an Freddy. Obwohl ich ihn in meinem Leben kaum öfter als fünf, sechs Mal gesehen habe – und was ist das schon. Aber ob ein Mensch uns zu berühren vermag, entscheidet sich eben nicht durch die Anzahl von Stunden, die wir mit ihm verbringen. Mein Papa und Freddy haben früher zusammen in Berlin gearbeitet. So lange ist das her, die Bilder über ihre gemeinsamen Jahre tanzen in schwarz/weiß durch meine Vorstellung. Dabei aber nie blass, sondern voller Leben. Ich glaube, ihr Hunger nach Leben hat die beiden verbunden, als sie junge, erfolgreiche Männer waren, die mit offenen Herzen durch die Welt stürmten, auf der Suche nach dem Glück und der richtigen Frau. Mein Vater glaubte zweimal, sie gefunden zu haben; doch nie: für immer. Freddy fand: die Eine. Doch etwas verhinderte ihr Glück. Und so blieb er für sich, und doch im Herzen nie alleine.

Freddy aus Berlin

Als ich ein kleines Mädchen war und mein Vater sein Büro noch im Untergeschoss unseres Hauses hatte, stand ich manchmal stundenlang voller Faszination vor dem Faxgerät. Aus dem beschriebene Buchstabenblätter purzelten, deren Herkunft ich mir nicht erklären konnte. Unbedingt wollte ich auch einmal so einen Wunderbrief verschicken, und weil er der erste war, auf den mein Papa kam, verschickten wir gemeinsam ein Fax an Freddy. Nur kurze Zeit später knitterte eine Antwort aus der kleinen Maschine, für mich, nur für mich! Ein Wunderbrief, aus Berlin, binnen Minuten. Mit lustigen Reimen, einer liebevollen Skizze, einem kleinen Scherz und: Liebste Grüße, dein Freddy aus Berlin. Wann immer mein Papa mit Freddy sprach, erzählte der von seiner Steuererklärung. Immer gab es da Post, die er beantworten musste, immer Formulare, die es auszufüllen galt. Immer war er mit dem Papierkram Jahre hinterher. So wurde es zu einem geflügelten Wort bei uns, dass Freddy „über der Steuer sitzt“. „Papi, wann besuchen wir mal wieder den Freddy, in Berlin?“ „Da muss ich ihn erst fragen, wie weit er mit seiner Steuererklärung ist.“

Manchmal besuchte er uns auch und dann kniete er im Garten vor der Terrasse, nachdem mein Papa den Rasen gemäht hatte, und schnitt mit einer Nagelschere die Grashalme nach. „Nicht alle, nur die am Übergang zur Terrasse!“ – als könne man darüber stolpern. Er hatte seinen eigenen Kopf. Beim Abendessen aß er mit gutem Hunger und durchschaute uns alle mit einem einzigen Blick. Auf den Kopf sagte er mir und meiner kleinen Schwester im Heranwachsen jeden Wesenszug unserer noch im Entwickeln begriffenen Seelen voraus – und kaum etwas davon ist über die Jahre nicht eingetreten. Als Teenie in Latzhosen besuchte ich ihn einmal mit meiner besten Freundin in Berlin. Kaum fünf Minuten in der großen Stadt, hatte ich den Schlüssel zu seiner Wohnung verloren – und Angst vor einem Donnerwetter. Das nicht kam, einfach ganz und gar ausblieb, weil doch der Schlüssel nun einmal verloren war und was nutzte es da, sich aufzuregen.

Als mein Papa starb, sprachen wir am Telefon und es war traurig, ihn so weit weg zu wissen und doch tröstlich, diesen Kummer mit ihm teilen zu können. „Mädchen, nimm es mir nicht übel, ich werde nicht kommen, ich kann mich schlecht bewegen, das hätte er nicht gewollt.“ Damals war er 79 und ich wusste, er hatte recht – und dass die beiden sturen Männer sich in genau diesen Dingen einig waren, und ähnlich. Sie sprachen sich selten und schrieben sich nie, aber ihre Herzen hätten einander nie verleugnet. In den folgenden Jahren schrieb ich Freddy, wie zuvor, zwei Mal im Jahr: zu Weihnachten und zum Geburtstag. Wann immer ich nach Berlin reiste rief ich ihn an, um mich mit ihm zu treffen. Ich wollte die Geschichten seines Lebens noch einmal hören. Vom jüdischen Vater, der sich wenige Jahre vor Kriegsbeginn umgebracht hatte. Seiner Mutter, die den Krieg überlebte. Und über die Jahre, die er Seite an Seite mit meinem Paps verbracht hatte, wie sie das Leben geliebt, die Arbeit geteilt und in der Berliner Frühlingsluft den Mädchen nachgepfiffen hatten.

„Mädchen, wie schön dich zu hören, ein anderes Mal gerne – ich sitze an meiner Steuer!“, lachte er in den Hörer, wann immer ich mit meinen Reiseplänen anrief. Meldete ich mich an seinem Geburtstag, fragte er jedes Jahr aufs Neue ehrlich überrascht: „Wer erinnert dich denn an so was, wie kannst du dir den Geburtstag eines alten Mannes merken?“ Nun hat er Abschied genommen. Als „letzter seiner Sippe“ mit einem Brief, den er für diesen Anlass vorbereitet hatte. Ich kann ihn sehen, wie er über den klugen, liebevollen letzten Worten sitzt. Die dazugehörige Adressliste pflegt. Zwischen Faxgerät und Steuererklärung. Das Bild ist schwarz/weiß, doch voller Wärme. Im Hintergrund läuft leise Musik. Bye bye, Freddy.

Sheriff meines Herzens

Mein Papi hat alte Western geliebt. Und ich fand es wundervoll, sie mit ihm anzuschauen – wie es überhaupt schön war, Dinge nur mit ihm zu teilen. Schon als ich noch recht klein war, begannen mich seine staubigen Cowboystreifen zu faszinieren. So wurden es unsere Western, seine und meine – und gemeinsam haben wir im Lauf der Jahre wohl sämtliche Streifen gesehen, in deren Titel das Wort „Colt“ vorkommt. Ich mochte die dreckigen Helden der Filme, mochte, dass die Guten und die Bösen hier einfach auseinander zu halten waren. Ich fand es cool, wie die Männer mit wettergegerbten Händen ihre Zigaretten hielten, so, wie ich es auch von meinem Paps kannte. Mir gefiel die Musik der Filme, die immer ein wenig fremd klang. Und ich war fasziniert von der Weite des Landes, in dem die Cowboys umherritten. Eines aber beschäftigte mich und ich erinnere mich daran, wie ich das Thema irgendwann aufbrachte, ein wenig unsicher: Was mich an den Filmen besonders beeindruckte war, wie selbstverständlich sich diese Männer vor ihre Familie stellten, wenn Gefahr im Verzug war. Wurde auf einen Menschen geschossen, den sie liebten, sprangen sie mit verzerrtem Gesichtsausdruck und auf eine mir damals noch unverständlich langsame Art und Weise vor den Bedrohten, laut schreiend fingen sie mit ihrem Körper die Kugeln ab und mussten anschließend – meist qualvoll und stark blutend – sterben; nicht ohne zuvor ein paar letzte liebende Worte gurgelnd aus ihrer Kehle gestoßen zu haben.

Du fehlst in jedem Lachen, jeder Träne. (Foto: Andre Müller/pixelio.de)

Du fehlst in jedem Lachen, jeder Träne. (Foto: Andre Müller/pixelio.de)

Mein Vater erklärte mir, es sei selbstverständlich, was diese Cowboys taten – sich zu opfern, wenn es um die Menschen geht die man liebt. „Würdest du dich denn auch vor mich stellen, wenn jemand auf mich schießt?“, fragte ich ihn damals und mein Paps nickte ernsthaft. „Na klar. Vor dich, die anderen drei, vor deine Mami. Auf jeden Fall.“ Und obschon Schießereien zwischen Cowboys im Odenwald der Achtzigerjahre nicht an der Tagesordnung waren, dieses Bild hat mich nie mehr losgelassen und schon damals begriff mein kleines Kinderherz, welche Bedeutung in den Worten meines Vaters lag; dass ich geliebt wurde und beschützt. Umso mehr litt ich darunter zu wissen, ich könnte dasselbe nicht für ihn tun: Für niemanden wollte ich mir Kugeln durch den Körper jagen lassen und so grauenvoll verenden, wie die Cowboyväter in den Filmen, die ich mit meinem sah. Immer wieder erklärte er mir dann geduldig, dass ich das auch nicht musste, denn ich war doch ein Kind, von mir wurde kein Heldenmut gefordert. Das zu wissen tat unglaublich wohl und es erwuchs mir eine warme Zuversicht daraus und aus dem Wissen, dass er mich retten würde – jederzeit.

Heute weiß ich, dass er genau das getan hat, über all die Jahre. Als mein Vater zum ersten Mal krank wurde, hatten alle Ärzte erwartet, er würde sterben. Aber er hat sich ins Leben zurück gekämpft, ist bei uns geblieben – und für uns. Sein Überleben all die Jahre ist auch der Willenskraft zu verdanken, die er hatte. Seinem Kampf, den er immer gegen die Krankheit gefochten hat. Seinem Glauben daran, zu überleben und bei seinen Kindern zu bleiben. Weil wir seines Schutzes bedurften. Wir vier wären ohne ihn nicht zu den Menschen geworden, die wir heute sind. In all dem Chaos, das über die Jahre immer wieder um sich griff war er es, der dafür gesorgt hat, dass unsere Herzen weich blieben. Weil er sie gepflegt hat, uns Liebe beigebracht, Vertrauen und Glück.

Manchmal scheint es fast, als habe er den Zeitpunkt seines Todes gewählt, als habe er in der Zeit zwischen dem ersten Infarkt und seinem Tod, schließlich, immer wieder mit Gott verhandelt, ihm immer neu klar gemacht, dass er noch nicht gehen könnte. Er hat seine Hand über unsere Herzen gehalten und ist so lange an unserer Seite geblieben, bis wir einen Punkt erreicht hatten, an dem wir alleine weiterkommen konnten, ohne ihn; trotz des unendlichen Schmerzes über den Verlust. Er hätte tausend Jahre später gehen können, doch keinen Tag früher.In jener Nacht, bevor er gestorben ist, hat er sich in unsere Träume geschlichen, um uns jedem einen Schutzumhang dazulassen, genäht aus den Fasern seines Herzens. Der hält das Böse von uns fern, nun, da er an einem anderen Ort ist. Den Umhang kann man natürlich nicht sehen. Aber manchmal, wenn ich ganz aufmerksam bin, spüre ich, wie er sanft über meine Schulter streift. Und fühle mich sicher in seinem Schutz.

220 km/h

Als ich ein kleines Mädchen war, erschien mir alles so groß. Mein Bett war groß, so groß, dass ich es mit ungezählten Plüschtieren anfüllen musste, um mich darin nicht einsam zu fühlen. Für andere mochte es aussehen, als sei zwischen all den Tatzen und Schnauzen und Fellbäuchen kein Platz für mich, doch ich passte direkt in ihre weiche Mitte. Meine Eltern waren groß. So groß, dass ich beim Reden zu ihnen hinaufschauen musste. Weil mir das nicht gefiel, redete ich mit ihnen am Liebsten dann, wenn wir zu Tisch saßen, denn im Sitzen war der Größenunterschied nicht so auffällig: da in unserer Familie lange Beine zur Standardausrüstung gehören, sind wir Sitzzwerge. Unser Haus war groß, so groß, dass ich meinen Eltern von morgens bis abends die Ohren volljammerte, es sei eine Verschwendung, hier nicht mit mehr Menschen zu leben. Dahinter versteckte sich allerdings keineswegs ein nobler Plan, sondern mein Wunsch nach mehr Geschwistern – oder wenigstens einem Haustier.

Mein Bett war groß, so groß, dass ich es mit ungezählten Plüschtieren anfüllen musste, um mich darin nicht einsam zu fühlen. (Foto: CFalk/pixelio.de)

Mein Bett war so groß, dass ich es mit Plüschtieren füllen musste, um mich nicht einsam zu fühlen. (Foto: CFalk/pixelio.de)

Unser Auto war groß, so groß, dass ich am Liebsten darin gewohnt hätte. Mein Vater fuhr es oft aus der Garage und verschwand damit in die Welt, denn er war beruflich viel unterwegs. Wenn das Auto einmal da war, besuchte ich es gerne in der Garage. Es war dunkelblau und sehr edel. Ich mochte den leichten Schimmer seines Lacks und fuhr gern mit den Fingern sanft darüber. In seinem großen Bauch hatte es schwarze Sitze aus glattem Leder, die im Sommer von der Garage angenehm kühl blieben und im Winter mit einem magischen Knopf angewärmt werden konnten. Manchmal, wenn mein Vater den größten Teil des Tages im Büro gearbeitet hatte und erst am Nachmittag zu einem Kunden fuhr, der noch dazu in der Nähe wohnte, durfte ich ihn auf seiner Fahrt begleiten – natürlich nur, wenn meine Hausaufgaben erledigt waren und ich Zuhause nicht gebraucht wurde. Dann verschwand ich mit ihm im großen Bauch des blauen Autos und wir fuhren zusammen die schmalen Gassen und einspurigen Straßen aus unserem Heimatfleck hinaus. Dazu hörten wir hr4, wünschten uns, wie Gitte Haenning, einen Cowboy als Mann – oder gingen mit Peter Maffay über sieben Brücken.

Wenn wir etwa eine halbe Stunde gefahren waren, erreichten wir die Autobahn. In meinem Bauch machte sich eine bizzelnde, warme Aufgeregtheit breit, von der mir immer fast ein wenig schwindelig wurde. „Papi, fährst du ganz schnell?“, bettelte ich, sobald wir die mehrspurige Straße unter unseren Reifen hatten. Mein Vater erklärte mir dann, dass er nicht einfach drauflos rasen konnte, sondern wir einen Streckenabschnitt abwarten mussten, der gut einzusehen und wenig befahren war – und ich ließ mich ungeduldig in meinen Sitz zurückfallen. Doch irgendwann kam so ein Abschnitt immer. „Jetzt!“, rief mein Vater, und trat aufs Gaspedal. Ich zuppelte aufgeregt an meinem Gurt, saß erst ganz aufrecht, juchzte vergnügt, drückte mich dann tief in meinen Sitz und genoss mit geschlossenen Augen das kribbelnde Gefühl, das die Geschwindigkeit in meine Magengrube pflanzte. Nur leider war der Rausch immer sehr schnell vorbei, weil mein Vater sich weigerte, die ganze Strecke durchzurasen: „Das ist viel zu gefährlich!“ – aber ich liebte unsere kleinen Sprints.

Irgendwann erreichten wir die Kunden meines Vaters. Es gab solche, bei denen er nur kurz etwas abgeben musste, dann saß ich eine Weile im Auto und wartete auf ihn. Ich drückte meine Backen gegen die schwarzen Sitze, sog den Geruch des Leders ein und begann anschließend, am CD Player herumzuspielen. Dann war mein Vater auch schon zurück am Auto und die Reise ging weiter. Bei anderen Kunden durfte ich mit aussteigen. Sie hatten Probleme mit ihren Computern oder Druckern, die sie bei meinem Paps gekauft hatten, also half er ihnen, sie zu reparieren. Einen dieser Kunden besuchte ich besonders gern, er hatte einen Hund so groß wie ein Pony und so weiß wie Schnee, mit dem ich gern durchs Büro tobte, während die Männer mit ernsten Mienen am Schreibtisch saßen und an Druckern und PCs herumschraubten. Wenn ich mich mit dem Hund ausgetobt hatte suchten wir uns eine Stelle unter den vielen, riesigen Schreibtischplatten, die nicht mit Computerhardware, Mülleimern und Papierboxen vollgestellt war, und legten uns schlafen. Ich drückte mein Nase in das weiche Fell des Hundes, so wie zuvor in die Sitze unseres Wagens – und war bald eingeschlafen.

Wenn mein Vater und der Computerbesitzer alle Probleme gelöst hatten, trennte mein Paps mich auf den Knien rutschend von dem großen, weichen Hund. Er verabschiedete sich dann flüsternd von dem Mann und trug mich zurück zum Wagen, wo er mich auf die Rückbank packte, anschnallte und dann ums Auto herum zum Fahrersitz schlich. Die Heimfahrt verschlief ich meistens, manchmal wurde ich auch wach, stellte mich aber weiter schlafend. Denn wenn ich noch schlummerte, sobald wir am Haus meiner Eltern ankamen, weckte mich mein Paps auch hier nicht, sondern trug mich an meiner spielenden Schwester und meiner lesenden Mutter vorbei in mein Kinderzimmer, wo er mich zwischen all meinen plüschigen Gefährten ins Bett rutschen ließ. Bevor er sich anschließend hinaus schlich, schlang ich einmal meine Arme fest um ihn und küsste ihn gute Nacht. Er lächelte dann, hielt mich fest in seinen starken Papa-Armen und nickte, wenn ich schlaftrunken und flüsternd fragte, ob ich bald wieder mit ihm ausfahren dürfe. Ja, als kleines Mädchen war ich von vielen großen Dingen umgeben. Am größten von allem aber war – mein Paps.