Das Tor zur Hölle

„Auch ein Suizid ist gedeckt durch die nicht hinterfragbare Autonomie des Menschen. Es geht uns nichts an, außer es fragt uns einer“ – so hat ein guter Bekannter von mir auf den versuchten Selbstmord des Schiedsrichters Babak Rafati reagiert. Als ich ein junges Mädchen war, haben sich die Väter gleich mehrerer meiner Schulfreundinnen das Leben genommen. Damals hätte ich die Sache mit der Autonomie so wohl nicht unterschrieben: Mein wildes Teenagerherz war voller Wut auf das Handeln dieser Männer, weil ich fand, sie hätten an ihre Familien denken müssen. Nur – wer sagt denn, dass sie das nicht getan haben? Es aber keine Unterschied machte, machen konnte?

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst,
was weisst Du von den Schmerzen, die in mir sind
und was weiss ich von den Deinen?
Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde
und weinen und erzählen,
was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle,
wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiss und fürchterlich?
Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig,
so nachdenklich, so liebend stehen wie vor dem Eingang zur Hölle.

So schreibt Franz Kafka im November 1903 an den Freund Oskar Pollak. Nach Rafatis versuchtem Suizid am Samstag schießen die Spekulationen munter ins Kraut – und jeder findet scheinbar sein Schlupfloch, um sich anzuschließen. Sei es DFB-Präsident Theo Zwanziger, der zwar darum bittet, keine Details nennen zu müssen vom Ort des Geschehens, sie aber dann doch ebenso ungefragt wie bereitwillig zur Verfügung stellt (und dazu gleich einen ersten mögliche Beweggrund: Druck). Seien es diverse Sportsendungen, deren Moderatoren betonen, man schließe sich dem allgemeinen Spekulatius nicht an – worauf Beiträge folgen, in denen stattdessen eben Weggefährten Rafatis und Fußballfans genau das tun: spekulieren. Seien es Medien allgemein – die mit den großen Buchstaben auf den Titeln augenscheinlicher als die anderen – oder seien es sportliche Amts- und Würdenträger, die – ohne Hintergründe zu kennen – vollmundig verkünden, persönliche Schlüsse ziehen zu wollen aus dem Vorfall. Und ganz abgesehen vom Sinn und Unsinn dieser Beteuerungen: Wer sich erinnert an die Wallungen, die nach Robert Enkes Selbstmord vor zwei Jahren durch die Liga gingen, vermutet in derlei Aussagen ohnehin nichts als reflexhafte Lippenbekenntnisse.

Respekt braucht keine Sympathie, funktioniert aber schweigend. (Foto: alf loidl/pixelio.de)

Respekt braucht keine Sympathie, funktioniert aber schweigend. (Foto: alf loidl/pixelio.de)

„Was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind? Und was weiß ich von deinen?“ Mehr noch: Was soll man davon wissen? So stellte Georg Fiedler, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), denn auch die Frage, „ob uns das überhaupt etwas angeht?“. In ihrer Medienempfehlung zur Berichterstattung über Suizide schreibt die DGS:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, z.B.:
• einen Suizid auf der Titelseite oder als „TOP-News“ erscheinen zu lassen oder als besonders „spektakulär“ hervorzuheben
• ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen
• den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen, bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“
• den Suizid romantisierend oder idealisierend darzustellen
• die Suizidmethode und den Ort detailliert zu beschreiben oder abzubilden
• Hinweise auf „Suizdforen“ im Internet, oder Webseiten, die den Suizid propagieren, geben

Hintergrund ist unter anderem, so schreibt die DGS auf ihrer Homepage, dass „die Mehrheit der Menschen, die einen Suizid erwägen, (…) diesem Entschluss gegenüber ambivalent“ sind; sich also in einer Situation befinden, in der so ziemlich alles, auch ein Bericht in den Medien, Impulsgeber für oder gegen den eigenen Selbstmord sein kann. Nun lässt sich im Falle Rafatis neben dem Faktor Person des öffentlichen Lebens trefflich argumentieren, wer in einer Situation versucht, sich umzubringen, in der vollkommen klar ist, die Medien sind nur einen Steinwurf entfernt, muss doch auch die Konsequenzen abkönnen. Aber ist nicht ebenso zutreffend, dass manchmal gerade der eines besonderen Schutzes bedarf, der sich dessen selbst scheinbar gar nicht mehr bewusst ist? Anders gefragt, woher kommt es, dass Theo Zwanziger in der Pressekonferenz offenbar nichts dabei findet, Art und Ort des Selbstmords eben doch klarzumachen? Was treibt ein Boulevardblatt dazu, den Namen des Hotels zu nennen, in dem sich der Vorfall ereignet hat? Und später den des Krankenhauses, in dem der Schiri liegt? Wieso gibt es Menschen, die lesen wollen, was Rafatis Vater zum Selbstmordversuch seines Sohnes zu sagen hat (und wieso gibt der wiederum Antworten – aber das steht auf einem ganz anderen Blatt…)?

Und all diese Fragen betreffen ja bei Weitem nicht nur die Medien, sie betreffen unsere Gesellschaft – und damit jeden Einzelnen von uns. Als Kinder lernen wir in der Sesamstraße, Wer nicht fragt bleibt dumm, doch im Erwachsenwerden gesellt sich zu diesem Reim irgendwann die Erkenntnis, dass es Situationen gibt, in denen unsere Fragen fehl am Platz sind, in denen wir kein Recht haben auf eine Antwort, sondern Dinge auf sich beruhen und Menschen in Ruhe lassen sollten. Worum es bei all dem übrigens nicht geht, ist, Sympathie vorzuheucheln, die nicht da ist: Wer in den letzten Jahren als Fußballfan entnervt geschnaubt hat bei der Ankündigung, sein Team werde in der folgenden Partie von Babak Rafati gepfiffen, muss nicht plötzlich so tun, als habe er schon immer ein Herz gehabt für den Referee: Respekt braucht keine Sympathie. Er ist sich selbst genug. Und äußert sich in diesem Fall am besten darin, den Mann einfach in Ruhe zu lassen.

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