Dein letzter Tanz

Niemals werde ich die Stille der Nacht vergessen, in der du gestorben bist. Wenn ich die Augen schließe rieche ich den Schnee – und alles ist wieder da. Ich war noch nicht lange Zuhause, als das Telefon klingelte. Nachts um zwei, ein gutes Zeichen ist das selten. Es war die Nummer meiner kleinen Schwester, die mir aus dem Display des Handys entgegenfunkelte, doch als ich das Telefon abnahm, grüßte mich die Stimme ihres Mannes. Spätestens da wusste ich, dass etwas passiert war, sein musste; konnte nur noch nicht ahnen was. Ob mit meiner Schwester alles in Ordnung sei, wollte ich wissen, gepresst verließ die Frage meinen Mund, ängstlich. Ja, alles gut.

Aber? „Dein Vater hatte einen Herzinfarkt.“ Fast erleichtert war ich in diesem Moment, was seine Worte bedeuteten habe ich nicht begriffen. Denn dein Herz schlug unruhig, seit einundzwanzig Jahren. Mit der Regelmäßigkeit von Schaltjahren, muckte der lebensstiftende Muskel immer wieder auf – und ich habe nicht verstanden, warum mein Schwager so schrecklich ernst klang. Kannte er denn deine Krankenakte nicht? Bis dann seine Antwort auf meine Frage fiel, wo ich hinkommen sollte, in welchem Krankenhaus an deinem Bett sitzen. Schimpfen, liebevoll. Dir die Zigaretten aus dem Nachttisch klauen. „Du brauchst nirgendwo hinkommen. Er ist tot, Mara.“ Und ich unendlich langsam begriff, dass dein Vaterherz sich diesmal nicht bloß verschlagen hatte, nicht nur aus dem Takt gekommen war – sondern Stille eingekehrt war in deiner Brust.

Dein letzter Tanz

Solange ich denken kann, bist du immer wieder krank gewesen. Dass du irgendwann sterben musst, stand für uns trotzdem nie zur Debatte. Wir Kinder hatten gelernt, mit deinen Krankheiten zu leben, weil alles andere bedeutet hätte, daran verrückt zu werden. Du, der unverbesserliche Optimist, hattest uns beigebracht, ihnen lachenden Auges entgegenzutreten. Deswegen wussten wir, dass du alles überleben kannst. Mochte dein Herz auch eine organische Schwäche haben, sie wurde zig Mal ausgeglichen durch seine liebende Größe. Denn wie kann ein Herz, das so tief und aufrichtig liebt, dermaßen schwach sein und schließlich brechen. Wie kann der Ort, der dich so lebendig macht, der gleiche sein, der dich tötet?

Die Menschen, die auf dem Fest waren, das dein letztes werden sollte, wussten hinterher viele Geschichten über deinen Tod zu erzählen. Die schönste war, du hättest einen Witz erzählt, Zigarette in der einen Hand, Bier in der anderen, bevor du plötzlich einfach umgefallen bist. Keine davon erwies sich als wahr, doch sie trugen in sich die positiven, frohen Bilder, die alle, die dich gekannt haben, von dir hatten. Dein bester Freund hatte dich eingeladen an jenem Abend. Auf deiner Beerdigung stand er vor uns, die Tränen in seinen Augen dunkel und feucht. „Es tut mir so leid!“ Doch es gab nichts, wofür er sich zu entschuldigen hatte. Vielmehr schuldeten wir ihm Dank, dafür, dass er dich auf das Fest gebracht hatte.

Denn du hast zwar keinen Witz erzählt, als du gestorben bist. Doch dein Herz ist froh und ausgelassen gewesen. Du hast getanzt und Rotwein getrunken, gefeiert und viel gelacht. Als dein Freund das Fest verlassen wollte, kamen just zwei junge Frauen an euren Tisch, um euch aufzufordern. „Den nehmen wir noch mit!“, hast du da gesagt. Es sollte dein letzter Tanz werden. Die Ärzte, die zu dir geeilt kamen, als du beim Verlassen der Tanzfläche umgekippt bist, konnten dich nicht retten. Dein warmes, liebendes Herz war zu müde geworden zum Kämpfen, und hat in dieser Nacht für immer aufgehört zu schlagen. Zuvor aber ist es tanzen gewesen. Und so durftest du sterben, wie du immer gelebt hast: lachend, liebend – und irgendwie glücklich.

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