Der Neue: Achim Beierlorzer beim FSV Mainz 05

Wenn Achim Beierlorzer „kurios“ sagt, donnert das rollende „R“ darin wie auf Schienen die Wände hoch und hallt lange im Raum nach. Er verwendet das Wort mehrfach bei der Pressekonferenz, in der er als der neue Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05 vorgestellt wird. „Kurios“ sei natürlich, „wie schnell das jetzt geht“. Schließlich war der Mittelfranke vor zehn Tagen noch Trainer des 1. FC Köln. Er sei „absolut froh, diese Stelle antreten zu können“, betont der Neue, der eigentlich vorgehabt hatte, mit seiner Frau am Mittwoch in den Urlaub zu fliegen. Wann er den gebucht habe, möchte ein Reporter wissen und daran anknüpfend, wann der Kontakt zu Mainz 05 zustande gekommen ist innerhalb dieser kurzen Chronologie.

Achim Beierlorzer bei seiner Antrittspressekonferenz.

Der Tag, an dem der FC Köln und Achim Beierlorzer sich trennten, markiert zugleich das letzte Spiel von Sandro Schwarz an der Seitenlinie der Mainzer: Samstag, 9. November. Ob er bei der Nachricht über besagte Trennung schon darüber nachgedacht habe, Beierlorzer im Falle einer Niederlage gegen Union Berlin zu kontaktieren, wird Rouven Schröder gefragt und muss erkennbar an sich halten. „Frech“ findet er die Frage, obschon der Reporter sie wohl stellen müsse. Der Sportdirektor beteuert abermals, vor diesem 2:3 keinerlei Gedanken an einen Plan B verschwendet zu haben. Die Lösung, nun Achim Beierlorzer zu verpflichten, sei fürs Umfeld vielleicht auf den ersten Blick eine Überraschung, für Mainz 05 aber inhaltlich logisch. „Sowas entwickelt sich ja über Jahre“, sagt Schröder im Hinblick auf das Bild, was er in seiner verantwortlichen Position von der Arbeit verschiedener Trainer habe. Beeindruckt habe ihn gerade die Zeit in Regensburg, wo Beierlorzer „aus wenig viel gemacht“ habe.

Wir haben auch in der Vergangenheit bewiesen, dass wir überzeugt sind von unseren Trainern.

Rouven Schröder

Persönlich bekannt sind die beiden Protagonisten sich aus der gemeinsamen Zeit bei Greuther Fürth, wo Beierlorzer im Nachwuchs (U17) und Schröder in sportlicher Verantwortung tätig war. Etwa zwei Jahre überschnitt sich ihr Wirken dort. „Aufgeweckt, offen für Neues“, das sind die ersten Worte, mit denen Schröder seinen neuen Trainer beschreibt. Das gelte für Fußball ebenso wie das Leben an sich. „Der inhaltliche und menschliche Trainer Achim Beierlorzer ist sehr gut und passt perfekt zu uns.“ Das Thema Köln, wo der Coach mit seiner Idee, Fußball zu spielen, nicht den erhofften Erfolg hatte, könne man zwar nicht wegdiskutieren. Für ihn, Schröder, aber ändere der Kurzeinsatz nichts an der Einschätzung des Trainers.

Zwei mit einer gemeinsamen Vergangenheit: Schröder und Beierlorzer.

Natürlich wird der Sportvorstand der 05er diesbezüglich auf erste Reaktionen des Umfelds zur Neuverpflichtung angesprochen, die teilweise verheerend sind. So, wie einige Sandro Schwarz von Anfang an als Fehler betrachteten, weil er zuvor mit der U23 abgestiegen war, irritiert nun viele jener Anhänger*innen, die sich online lautstark äußern, warum ein Trainer kommt, den sie in ihrer emotionalen Blitzbewertung als Gescheiterten einsortieren. Er beschäftige sich nicht mit den Reaktionen des Umfelds, versucht Rouven Schröder eine Tür wieder zu schließen, die er selbst geöffnet hatte mit den Aussagen, zur Entlassung von Sandro Schwarz habe letztlich auch das Gefühl beigetragen, in dieser personellen Konstellation das Umfeld nicht mehr hinter sich vereinen zu können. Denn nein, eben jenes Umfeld wird sich wohl nicht befrieden lassen mit einem Coach, der in der bisherigen Saison noch weniger Punkte gesammelt hat als Schwarz. Umso wichtiger ist es, dass Schröder die Entscheidung aus seiner Überzeugung heraus so getroffen hat, denn es wäre verheerend, wenn sich der Eindruck verfestigt, in Mainz würden sportliche Entscheidungen nun plötzlich von einem recht diffusen Umfeld mitbestimmt. Mit diesem Trainer erobert Schröder die Deutungshoheit zurück – das ist wirklich ein sehr gutes Zeichen.

Ich habe ganz, ganz großen Respekt vor Sandro Schwarz und werde auf jeden Fall den Kontakt suchen.

Achim Beierlorzer

Sportlich gesehen ist der Trainer Achim Beierlorzer sehr nah an seinem Vorgänger, was er so auch benennt. „Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ Er fordere von seinen Mannschaften eine hohe Laufbereitschaft, dass sie aktiv nach vorne verteidigen, erklärt der Coach. „Mainz spielt diesen Spielstil und stand auch schon immer dafür.“ Letztlich sei die aktuelle tabellarische Lage, die er übernimmt, Nuancen geschuldet. Die Niederlage in Freiburg zieht er dafür als Beispiel heran. „Die Qualität, die in der Mannschaft steckt, ist aber unbestritten.“ Er habe in Köln selbst festgestellt, „dass man Ergebnisse nicht immer trainieren kann.“ Die Ironie darüber, wie ähnlich die Gründe für die Trennung vom Trainer an beiden Standorten ist, entgeht ihm natürlich ebenso wenig wie den Journalist*innen. Er habe „ganz, ganz großen Respekt vor Sandro“ und werde „auf jeden Fall den Kontakt suchen“.

„Es wird keinen kompletten Umbruch geben. Und das ist ja schön so.“ (Fotos: WP)

Dazu, wie die Theorie vom Beierlorzer Fußball in der Praxis funktioniert und wie das aussehen kann, habe ich zwei Kollegen befragt. Thomas Reinscheid ist Chefredakteur bei EFFZEH.COM und begleitet den Verein frei dem Motto „FC ist, wenn man trotzdem lacht“ seit vielen Jahren. Stefan Dillinger podcastet rund um Jahn Regensburg und hatte Beierlorzer in der Sendung auch schon zu Gast.

Stefan, für welchen Fußball steht Achim Beierlorzer aus deiner Sicht? Wie hat er den in Regensburg umgesetzt? Und ist er ein Trainer mit Plan B, wenn A nicht greift? 

SD: Er kommt ja aus der Leipziger Fußballschule, daher spielt hohes Pressing eine große Rolle. Wir waren und sind in der 2. Liga natürlich immer noch keine etablierte Mannschaft, deshalb spielen Kampfgeist und Laufbereitschaft eine große Rolle und daher musste er sich natürlich schon auf unsere spezielle Situation einstellen. Ein großes Plus war, dass unsere Mannschaft im Kern über zwei, drei Jahre zusammengeblieben ist. Bei uns hat der Plan A eigentlich immer ganz gut funktioniert. Er ist jetzt auch kein Guardiola der ständig umstellt, allerdings ist er ein Trainer der flexibel auf den Gegner reagieren, die Aufstellung anpassen und durch Auswechselungen nochmal Akzente setzen kann.

Ist er aus deiner Sicht ein Trainer, der eine Mannschaft weiterentwickeln kann?

SD: Ich würde sagen: ja. Bei uns kamen zu jeder Spielzeit relativ viele (Leih-)Spieler hinzu. Er schaffte es, ein Kollektiv zu formen und nicht nur eine Mannschaft aus 11 Spielern zu haben, sondern 15/16 Spieler, die bereit waren, ins Team zu kommen und Leistung zu bringen.

Hat dich überrascht, dass es in Köln nicht besser funktioniert hat? Traust du ihm die 1. Liga grundsätzlich zu? 

SD: Ja, ich traue ihm die 1. Liga grundsätzlich zu. Er neigt nicht zur Hektik und arbeitet sehr gewissenhaft. Auch funktionieren ähnliche Systeme in anderen Vereinen. Dass es in Köln jetzt nicht geklappt hat, beziehungsweise, dass er jetzt gehen musste, liegt wohl eher an Köln und der Trennung von Veh als an ihm. Man hätte ihm noch bis zur Winterpause Zeit geben können, denn der Spielplan war jetzt nicht der einfachste–  und die Spiele die man gewinnen musste (Freiburg, Paderborn), hat man ja auch gewonnen.

Thomas, welchen Fußball lässt Beierlorzer nach deiner Beobachtung spielen?

TR: Eine schwierige Frage, denn der Fußball, den er beim Jahn spielen ließ und der, den der FC in dieser Saison auf den Platz brachte, unterscheiden sich schon enorm. Beierlorzer steht im Grunde in der Tradition einer Spielweise, die gerne bei einer Marketingabteilung im Osten des Landes praktiziert wird, legt also Wert auf aggressives und laufintensives Gegenpressing, das für die entscheidenden Umschaltmomente sorgen soll. In jeder Situation will er ein aktives Team auf dem Platz haben, das die Initiative ergreift, wenn es die Chance dazu sieht. Aber, wie gesagt: Von all dem, was Beierlorzer sich als Spielidee ausgemalt hat, war in Köln wenig zu sehen.

Worin lag es, dass er Schwierigkeiten in Köln hatte?

TR: Zuallererst passten vor allem die Ergebnisse nicht. Der FC ist 17. mit lediglich sieben Punkten auf dem Konto, dazu peinlich aus dem Pokal ausgeschieden. Das ist viel zu wenig. Aber auch die Spielweise ließ wenig Hoffnung auf Besserung aufkommen. Es scheint, als passte Beierlorzer schlichtweg nicht zum Kader. Den laufintensiven, kampfstarken Fußball, den Beierlorzer spielen wollte, den bekamen die FC-Fans nur ganz selten zu sehen. Das ist nicht ausschließlich seine Schuld, denn die Verhältnisse in Köln waren in diesem Sommer ganz besonders kompliziert. Aber: Überzeugt hat er mich als Trainer beim FC nicht, auch wenn er menschlich wohl top zu sein scheint.

Überrascht er dich als Kandidat in Mainz?

TR: Mich hatte die Trennung von Sandro Schwarz überrascht – aber als der Job auf der Mainzer Trainerbank frei wurde, war ich nicht geschockt, dass Beierlorzer ein Kandidat für die Nachfolge war. Die kurze Pause zwischen seinem Engagement in Köln und seinem neuen Posten verwundert zwar, aber wenn sich die Chance bietet, muss man in diesem Geschäft wohl zugreifen.

„Ich weiß, welche Stärken ich habe, ich weiß, was ich kann. (…) Es geht um die Trainerpersönlichkeit Achim Beierlorzer. Wofür stehe ich. Und das passt, wie ich finde, sehr gut zu Mainz.“

Achim Beierlorzer

Rouven Schröder hebt bei der Pressekonferenz unter anderem hervor, Beierlorzer habe „super unter Beweis gestellt“, wie gut er junge Spieler aus dem In- und Ausland entwickeln könne. Für den Trainer selbst ist klar: „Die Fans honorieren die Art und Weise, Fußball zu spielen.“ Diese Einschätzung ist für seinen neuen Standort sicher richtig, schließlich war die Frage, ob die Spieler sich eigentlich noch genug reinhauen auf dem Platz, zuletzt allgegenwärtig. Damit seine Aussage greift, muss Beierlorzers Idee vom Fußball allerdings besser funktionieren als zuletzt in Köln.

Und wie beurteilen die Kollegen aus Köln und Regensburg den Trainer Achim Beierlorzer im Umgang mit seinen Spielern und in der Wirkung auf die Fans?

Thomas, wie schätzt du sein Verhältnis mit den Spielern ein?

TS: Er wirkte auf mich wie jemand, der viel von seinen Spielern fordert, aber auch immer ein offenes Ohr für das Team hat. Es hat sich aber, auch aufgrund der äußeren Umstände, wohl kein allzu enges Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer gebildet. Öffentlich wirkte er stets etwas distanziert zu seinen Schützlingen, aber mit der nötigen Empathie. Verwundert haben mich allerdings manche Interview-Aussagen über Ersatzspieler wie Vincent Koziello oder Nachwuchsspielern wie Darko Churlinov.

Wie war in der kurzen Zeit das Verhältnis mit den Fans?

TS: Er kam definitiv gut an beim FC-Anhang, wirkte durch seine positive Art recht erfrischend nach dem eher mürrischen und abweisenden Markus Anfang. Selbst in der sportlichen Krise wirkte er immer nahbar und sympathisch, auch wenn die Erfolge ausblieben. Eine richtige Beziehung hat sich auch hier allerdings kaum aufbauen können, dafür war Beierlorzer einfach zu kurz beim 1. FC Köln.

Stefan, wie beurteilst du sein Umgang mit den Spielern, gerade mit jüngeren, von denen ihn in Mainz viele erwarten?

SD: Ich finde den Umgang sehr gut. Ein Beispiel ist hier auch Adrian Fein. Anfangs kam er zu Kurzeinsätzen und wurde im Training an die Mannschaft herangeführt. Nach und nach bekam er immer mehr Spielzeit (weil er auch gut spielte) – und am Ende, bis zu seiner Verletzung, war er dann eine verlässliche Größe im Mittelfeld. Jetzt dürfte das bei Mainz natürlich nochmal eine ganz andere Sache sein, ich fand seinen Umgang mit jungen Spielern, Ersatzspielern und Spielern, die von einer Verletzung zurückkamen, aber immer sehr gut und für alle Seiten nachvollziehbar.

Und wie war sein Verhältnis zu den Fans? 

SD: Sehr gut. Er ist ja eh ein sehr eloquenter, netter und freundlicher Mensch. Er kam immer zu den Fans nach dem Spiel und stand sogar für unseren Podcast für ein Interview zur Verfügung. Dafür nahm er sich nach dem Training auch Zeit und war nicht gehetzt. Das mag jetzt an der Regensburger Medienlandschaft liegen, ich lege es ihm aber positiv aus.

Neu im Trainerteam: Ex-Kapitän Niko Bungert. (Foto: Malino Schust)

In der Arbeit mit der Mannschaft dürfte ein entscheidender Faktor auch die Erweiterung des Trainerteams um Niko Bungert sein. Bereits in der letzten Saison hatte der häufig verletzte Kapitän in den Trainingseinheiten oft wie ein Mitglied des Trainer-Staffs gewirkt. Die Idee, ihn nun offiziell zu berufen, ist so logisch, dass die Frage im Raum steht, warum sie erst jetzt kommt. Aber letztlich ist nur wichtig, dass in einer Situation wie der aktuellen jede*r bereit und in der Lage ist, dazuzulernen und das, was benötigt wird, in die Waagschale zu werfen, damit Ruhe einkehrt und auch über diese Ruhe die Ergebnisse wieder stimmen.

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