Der Vater meiner Kinder

Der Film „Der Vater meiner Kinder“ ist auch eine Hommage: An den französischen Filmproduzenten Humbert Balsan, mit dem Regisseurin Mia Hansen-Løve an ihrem erstes Langfilm-Drehbuch, Grundlage ihres späteren Regiedebüts „Tout est pardonné“, zusammenarbeitete. Und es ist wohl nicht zuletzt dieser persönliche Zugang zu den Figuren, aus dem der ungewöhnliche Film seine erzählerische Kraft schöpft. In unaufgeregten, regelmäßigen Bahnen zirkuliert er in seiner ersten Hälfte um den fiktiven Filmproduzenten Grégoire Canvel (großartig: Louis-Do de Lencquesaing). So gewinnend, wie Hansen-Løve ihren frühen Mentor Balsan in Interviews beschreibt, setzt sie auch Lencquesaing in Szene: Sanft, mit einer gewissen Leichtigkeit, streift er als enthusiastischer Produzent Canvel durchs hektische Paris und scheint dabei durch nichts aus der Ruhe zu bringen.

Ein Mann, der in sich ruht – zumindest auf den ersten Blick.

Ein Mann, der in sich ruht – zumindest auf den ersten Blick.

Aber sicher, einer der Regisseure, mit denen er aktuell zusammenarbeitet, ist eine Diva. Permanent überzieht dieser die anberaumten Drehtage und kostet Canvels Produktionsfirma so Zehntausende Euro – täglich. Mag sein, Canvels persönliche Assistentin Valérie sieht vor lauter finanziellen Bäumen den sicheren Wald nicht mehr, die asiatische Filmdelegation kommt mit mehr als doppelt so vielen Leuten wie angesagt, und weil alle festen Mitarbeiter gebunden sind, muss Canvel sie mit einem ungeübten Praktikanten losschicken. Der Produzent aber scheint von all dem seltsam unberührt, schwebt sogar noch über den Dingen, als die Polizei ihn, dauer-rauchend und dauer-telefonierend, aus dem Verkehr zieht, weil sein Punktekonto die zugelassene Schallgrenze überschritten hat – und er dennoch viel zu schnell unterwegs war.

Die Familie hält Canvel in der Spur
All dies scheint den Produzenten jedoch im Innersten nicht zu erschüttern und dem Zuschauer wird schnell klar, was ihn bei Laune und in der Spur hält im Chaos seiner Arbeitstage: die Familie des passionierten Arbeitstieres, seine drei bezaubernden Töchter und die liebende Frau, zu denen er abends heimkehrt. In warmen, in ihrer Wirkung unglaublich authentisch sich entfaltenden Bildern, erzählt die Regisseurin von diesem Familienleben, vollgepumpt mit Glück. Wie ein Echo klingt das Lachen der Mädchen noch Minuten später nach, schwirren die unbekümmert in die Luft gestreckten Kinderbeine einem durchs Gedächtnis, brennt sich Canvels Aufforderung an seine Älteste ins Bewusstsein: „Es wäre schön, wenn du versuchst, glücklich zu sein.“

Zumindest die Wochenenden versucht der nimmermüde Produzent, sich für seine Frau und die Mädchen Zeit zu nehmen – und wagt sogar eine kurze Urlaubsreise, die jedoch erste Brüche offenbart: Mit dem unvermeidlichen Handy am Ohr setzt er sich aus den Erholungsmomenten ab, „immer das Gleiche“, weint seine Frau, versucht, die gemeinsamen freien Tage abzubrechen, aus hilfloser Wut. Canvel telefoniert indes mit seinen Angestellten und den unzähligen, an internationalen Sets verstreuten Regisseuren, Produktionsassistenten und sonstigen Verantwortlichen, um die Balance seiner Firma „Moon Films“ zu halten.

Denn diese steht längst nicht mehr kurz vor, sondern mitten im Ruin – und im Rückblick lässt sich spekulieren, dass der als lebensechte Vorlage dienende Balsan Gläubiger, Banken und Kopierwerke mit seinem übermittelten Charme bei Laune hielt und ihnen klar machte, der nächste Film würde, endlich, an der Kasse so einschlagen, dass er all seine Schulden mit einem Schlag los wäre. Und sie müssen ihm, dem gewinnenden Mann mit seinem vor Hoffnung und Begeisterung schier platzendem Strahlen, zweifelsohne geglaubt haben…

Die Familie gibt Schutz und Halt – zumindest für eine Weile. (Fotos: Verleih)

Die Familie gibt Schutz und Halt – zumindest für eine Weile. (Fotos: Verleih)

Auf einen Schlag scheint alles verloren
Solange er diese Fassung zudem für sich selbst aufrecht erhält, bleibt auch die Filmfigur Canvel der unberührte, smarte, charismatische Kerl, der durch den Bauch seiner Stadt mit einer Sicherheit gleitet, die einem den Wunsch vermittelt, nur ein kleines Stück an seiner Seite, in seiner Hosentasche gar, durch die Hektik der uns umgebenden Tage zu reisen. Mit beinahe sturer Zuversicht führt er die Gespräche mit Bänkern, ermuntert seine Angestellten und scheint dazwischen die Zeit mit Frau und Töchtern, die Reise nach Italien und das Abtauchen in die Kulturgeschichte Europas, aufrichtig zu genießen. Bis der Moment kommt, in dem Canvel erstmals selbst klar wird, er hat sich verzockt. Die Erkenntnis, dass es so nicht weitergeht – und damit er im Umkehrschluss in diesem Geschäft vermutlich vorerst ausgespielt hat – trifft ihn und den Zuschauer, der seinem Charme wider die Vernunft erlegen war, mit derselben unvorbereiteten Wucht. Wie ein Kartenhaus fällt alles zusammen, woran Canvel geglaubt hat; und erst dieser Zusammenbruch macht deutlich, wie sehr er sich an der scheinbaren Gewissheit festgehalten hatte. Auf einen Schlag scheint alles verloren, der Glaube an die eigene Zukunft, der Mut für seine Projekte, auch und vor allem aber die unbeschwerten Momente mit seiner Familie, aus denen er stets Kraft zu schöpfen vermochte.

Die unerschütterliche Hoffnung, bislang fest in seinem Gepäck eingeschnürt, entgleitet dem Produzenten: Während seine Frau verreist ist und er die Verantwortung für die Töchter trägt, bringt Canvel sich um. Hansen-Løves Förderer hat sich im Alter von 50 Jahren in seinem Büro erhängt, in ihrem Film lässt die gerade 29-jährige Regisseurin ihren Protagonisten zur Waffe greifen und sich in den Straßen von Paris erschießen. Damit endet der Film aber keinesfalls, sondern geht gerade erst in seine zweite Hälfte – und erspart dem Zuschauer so nicht, was nach dem Schuss passiert. Der Film bleibt nah an seinen Figuren, während sie den Verlust des Vaters und Ehemanns zu verkraften haben. Dabei agiert die Regisseurin niemals exhibitionistisch, überzogen oder mit Voyeurismus, sondern entlässt ihr Publikum schlicht nicht aus den Fragen, dem dumpfen Schmerz und dem unvermeidbaren Loch, in das dieser Tod die Betroffenen reißt. „Er hat nur an sich gedacht“, weint die mittlere Tochter Valentine nach dem überraschenden Tod ihres Vaters. „Denk immer daran, wie lieb er dich gehabt hat“, bittet dessen bester Freund das Kind – doch wie soll diese Erkenntnis ihr nun, da er sich aus ihrem Leben geschlichen hat, Trost spenden? Und doch, der Film fällt kein Urteil über den Selbstmord, richtet nicht den Vater und Ehemann, der seine Familie zurückgelassen hat, sondern schildert diesen Tod als etwas, was ihm alleine gehört, worüber niemand außer ihm zu entscheiden oder zu urteilen hat.

Ein positiver Blick auf das Leben
Und der Zuschauer lässt seine erste Wut so sanft los, wie ein Ballon in den Sommerhimmel steigt, und gesteht Canvel seine Entscheidung zu, wider dem Horror, den seine Familie danach zu durchlaufen hat; beinahe scheint es, als seien diese beiden Komplexe gänzlich getrennt voneinander – und sind sie das nicht? So unaufgeregt, wie der Film in seiner ersten Hälfte den zunehmenden Druck auf seine Hauptfigur geschildert hat, verabschiedet er sich nun von Canvel und richtet den alleinigen Fokus auf seine Familie und darauf, wie sie mit seinem Tod zurechtkommt: Seine Frau, die versucht, die Firma im Andenken ihres Mannes zu retten. Seine älteste Tochter, die Verstörendes aus der Vergangenheit des Vaters erfährt und beinahe in einem Nebensatz die erste Liebe erlebt. Die jungen Töchter, deren altersbedingte Unbeschwertheit sie trotz der schrecklichen Vorkommnisse einholt und erneut so tapfer wie munter durchs Leben stapfen lässt.

So entfaltet der Hansen-Løve in der zweiten Hälfte, nach dem massiven Schock durch Canvels Tod, einen unerwartet positiven Blick auf das Leben, kitzelt gar etwas Lebensbejahendes aus den Zuschauern, das in den ersten, erschrockenen, mit der Familie geteilten Tränen, nicht zu erwarten war. Die Regisseurin versucht den Tod ihres Mentors, ihrer Hauptfigur, nicht zu erklären, sondern begleitet sein Umfeld durch einen Abschied, der in all seinem Schmerz eine Unaufgeregtheit in sich trägt, die wie ein erleichterndes Geschenk daherkommt. Ein großer Film.

Der Vater meiner Kinder
Buch & Regie: Mia Hansen-Løve
Darsteller: Louis-Do de Lencquesaing, Chiara Casseli, Eric Elmosnino
Frankreich & Deutschland, 110 Minuten, FSK 12

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