Die Woche am Bruchweg (12/20): Solidarisch handeln

Den Ton für eine spezielle Pressekonferenz des 1. FSV Mainz 05 in diesen ungewöhnlichen Zeiten gibt Vereinsvorsitzender Stefan Hofmann gleich zu Beginn vor – in zweierlei Hinsicht. Zum einen, indem er auf Solidarität als das Gebot der Stunde verweist: „Wir werden es alle nur überstehen, wenn wir lernen – und ich glaube, wir müssen es tatsächlich wieder lernen – solidarisch zu sein.“ Die Coronakrise habe „extreme Auswirkungen auf unser Leben, auf die Gesellschaft und natürlich auch den Sport.“ Wichtig sei, „dass jeder seinen Beitrag leistet.“

Ungewöhnliche Pressekonferenz in ungewöhnlichen Zeiten.

Zum anderen macht Hofmann in der gestreamten Pressekonferenz ohne Livepublikum deutlich, der Verein werde sich in dieser ganz neuen Situation nicht von der Linie abbringen lassen, die der Vorstand für sich in den vergangenen Tagen gemeinsam gefunden hat. „Schon gar nicht lassen wir uns hinreißen zu irgendwelchen populistischen Aussagen.“ Permanente Wasserstandsmeldungen werde es definitv nicht geben, wohl wissend, dass Schweigen dem einen oder der anderen Raum für Interpretationen biete, spielt Hofmann auf einige Boulevardberichte der letzten Tage an. „Wir Drei führen diesen Verein nicht darüber, dass wir in der Glaskugel lesen.“

Ein Thema für Hofmann ebenso wie Sportvorstand Rouven Schröder ist das aus ihrer Sicht völlig unselige Schlagwort „Fußballmillionäre“. Schröder erinnert, jeder Fußballprofi sei in der aktuellen Situation erstmal Mensch, vielfach mit Familie, als solcher also von Sorgen und Ängsten ebenso betroffen wie alle von uns in diesen Zeiten. Die Frage nach eventuellen Änderungen am Gehalt der Spieler oder freiwilligen Leistungen der Profis gefällt Schröder primär in der gestellten Tonalität nicht, das wird bei seinen gewohnt emotionalen Worten deutlich. Signale von den Spielern habe es längst gegeben, bevor diese Fragen von außen an sie herangetragen worden seien. „Das müssen wir aber nicht groß rumposaunen, weil es nicht darum geht, das als Statement zu machen.“

Schröder macht in der von Pressesprecherin Silke Bannick besonnen und professionell geleiteten PK klar, es sei der Wunsch aller, die Saison nach einer Pause bis zum 30. Juni zu Ende zu spielen. Vertragsangelegenheiten liegen aktuell auf Eis, weder können auslaufende Verträge verlängert, noch neue Spieler verpflichtet werden. Die Situation sei natürlich schwierig, andererseits gehe es da allen Vereinen gleich. Der Sportvorstand äußert sich auch zum Thema „Homeoffice“, das bei den Profis natürlich nicht als Arbeit am Schreibtisch zu verstehen ist. Die Spieler haben ihre Pulsuhren mitbekommen, absolvieren Lauf-, Kraft- und Mobilisationsprogramme, speisen ihre Ergebnisse in eine Cloud und sind in engem Austausch mit Trainerstab, Physios und medizinischer Abteilung.

Besonnen und professionell: Pressesprecherin Silke Bannick. (Fotos: WP)

Auch über sportliche Themen hinaus ist die Kommunikation laut Schröder eng, jeder sei für jeden da, alle sind jederzeit für Alltagsprobleme, Ängste oder Austausch erreichbar in dieser Situation, die ja auch für die Psyche ungewohnt ist. „Das viel belastete Wort ‚Familie‘ gilt eben für Mainz 05. Wir können uns alle immer gegenseitig anrufen. Ich finde, das ist der beste Psychologe“, beschreibt er den Zusammenhalt im Verein.

Fragen zur wirtschaftlichen Situation beantwortet der kaufmännische Vorstand Jan Lehmann, der betont, kein Unternehmen der Welt könne langfristig überleben, ohne sein Produkt zu produzieren – so gehe es natürlich auch dem Fußball. Von möglichen Szenarien für den weiteren Verlauf sei ein Abbruch der Saison finanziell am schwierigsten, da 50% der Erlöse (ohne Transfers sogar 60%) über die Medieneinnahmen kommen. Bei einem Abbruch zum jetzigen Zeitpunkt würden dem Verein allein hier rund 15-16 Millionen fehlen. „Das würde uns schon sehr schwer treffen.“

Ticketing und Hospitality schlagen mit 14% zu Buche, weshalb auch Spiele ohne Zuschauer*innen anspruchsvoll wären, aber allemal besser als ein Abbruch der Saison. Zumal angesetzte Spiele auch bedeuten würden, die Verträge mit Sponsoren und Partnern (15%) zumindest teilweise einhalten zu können – wobei da das Thema höhere Gewalt eine Rolle spielen könnte. Generell gebe es von den Partnern bislang positive Signale, Hauptsponsor Kömmerling habe beispielsweise im Telefonat am Morgen die eigene wirtschaftliche Stabilität auch in diesen Krisenzeiten betont. Das alles stimme den Verein zuversichtlich.

Jobs und Gehälter sieht Lehmann für den Moment nicht in Gefahr, auch wenn natürlich in alle Richtungen gedacht und geplant werden müsse, was Einsparpotential betrifft. Er signalisiert hier klar, der Vorstand werde im Zweifel „voran gehen“, man werde definitiv „nicht erst fordern und dann leisten“, legt also nahe, auch eigene Verzichte sind möglich.

Fest steht derweil bereits, dass die Handballsaison der Frauen abgebrochen wird – ohne Auf- und Absteigerinnen. Für die Meenzer Dynamites bedeutet das einen Klassenerhalt der seltsamen Art, sie treten nächste Saison wieder in der 1. Liga an. Keine hundertprozentigen Aussagen will Stefan Hofmann zu den Bauplänen für die neue Geschäftsstelle am Bruchweg treffen. Man versuche, die Planungen so gut wie möglich weiterlaufen zu lassen. „Ich würde mir wünschen, dass wir Ende des Jahres oder zu Beginn des neuen Jahres Baurecht haben.“

Abschließend betont der Vereinsvorsitzende noch einmal das Thema Solidarität. Für den Verein sei es sehr positiv, zu sehen, wie viele Fragen auch von den 05-Fans kommen. „Das zeigt ja, es ist wichtig für die Leute.“ Nicht nur deshalb werde man die Kommunikation definitiv aufrecht halten, aktuell über die sozialen Medien des Vereins. Für alle Verantwortlichen bei Mainz 05 gehe es nun darum, in dieser Phase „solidarisch zu sein, die Ärmel hochzukrempeln, anzupacken.“ Nur so sei diese Krise zu meistern. Insgesamt legt der Verein mit dieser PK, für die Journalist*innen Fragen vorab einreichen konnten, einen sehr besonnen Auftritt hin. Und das ist ein gutes Signal.

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