Eigentlich ein Winterkind…

Vielleicht ist es der Schnee, warum ich derzeit so oft an dich denke. Solange ich mich erinnern kann, habe ich den Schnee geliebt. Obwohl ich doch eigentlich ein Sommerkind war: Freibadnixe, Sonnenanbeterin, Frostbeule. So, wie ich dich geliebt habe – obwohl ich doch eigentlich zuallererst ein Mamakind war: Waffenträgerin, Schmeichelkatze, Zaunprinzessin. Eigentlich… Zehn Buchstaben, und darin eine ganze Welt. Die mich immer wieder aufs Neue schmerzt, im Vermissen. Der Schnee macht alles leise, hüllt die Welt in ein Schweigen, in dem das Pochen meines Herzens klingt wie dumpfe Schläge gegen Höhlenwände. Niemals liegen Friede und Aufruhr so nah beieinander wie in diesen weißen Wochen. Wenn der strahlende Schnee Schritte und Lachen ebenso verschlucken kann wie unbändige Freude und Energie freisetzen. Wenn die Tage angefüllt sind mit zärtlichem Erinnern und dem wieder aufbrechenden Schmerz über einen Verlust, den ich niemals ganz begreifen werde. Wenn du überall bist – und doch nie wieder hier.

Überall wo wir sind, doch niemals mehr hier. (Foto: Péronne vd Ham/pixelio.de)

Überall wo wir sind, doch niemals mehr hier. (Foto: Péronne vd Ham/pixelio.de)

Die Wochen vor Weihnachten, das war auch damals: Friede und Aufruhr, Freude und Terror in ungewohnter Nähe. Wir wurden eine Kirchenfamilie und ich liebte, wie dort die Sonntage im Advent begangen wurden, schmetterte inbrünstig, „macht hoch die Tür, die Tor’ macht weit“ – und träumte vom Christkind und dem Heiligen Abend. Wir wurden eine Streitfamilie und ich hasste, wie Kleinigkeiten ausuferten im Advent, wollte mich nicht in harte Bandagen wickeln, um mitzukämpfen – und scheute mich vor dem Heiligen Abend, wenn die Auseinandersetzungen in trauter Runde und Regelmäßigkeit ihren Höhepunkt erreichten. Ich konnte Weihnachten kaum erwarten und fieberte dem Ende der Feiertage entgegen, die im Rhythmus der Jahre mal in der erwartbaren Katastrophe endeten, dann aber überraschend ein Licht in uns entzündeten, das weit über das Ende dieser Tage leuchtete. Der Schnee stiehlt sich in meine Erinnerung an die Bilder dieser Zeit, obwohl er vielleicht nur in den Jahren zu Gast war, die wir Weihnachten im Winterurlaub feierten. Er war dein Element, ohne als solches durchzugehen. Du auf Skiern, diese Bewegung erschien beinahe natürlicher als die Schritte, die du sonst in die Welt gesetzt hast. Der Schneeanzug, das war deine zweite Haut, und die erste ewig sonnenverbrannt. So trugst du auch im tiefsten Winter den Geruch des Sommers in jeden Raum.

Als du gestorben bist, rochen alle Innen- und Außenräume nach Schnee. Weich ist er auf den harten Boden gefallen, in den sie mit Gewalt eine Grube schlagen mussten, dich zu verschlucken. Und es lag ein Klirren in der Luft, von dem ich nicht sagen kann, ob es der Klang der brechenden Kälte war oder das Geräusch, das unsere Herzen machten im Abschied.

Was schlimm ist
Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.
Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.
[Gottfried Benn]

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