Ein dunkler, ruhiger Ton in der Melodie meiner Tage

Als mein Paps noch lebte, ist mir selten bewusst geworden, dass ihn das Alter zu verändern begann. Meine Eltern waren 20 Jahre auseinander und erzählten uns oft die Geschichte, dass sie sich beieinander um jeweils 10 verschätzt hatten, als sie sich trafen: Mein Vater wirkte immer deutlich jünger, als er war, meine Mutter als junge Frau reifer. Wenn ich heute Fotos aus seinen letzten Tagen betrachte, fällt mir auf, dass er, ganz unbemerkt, älter geworden war. Wie hätte er wohl als alter Mann ausgesehen? Das haben wir Kinder uns unmittelbar nach seinem Tod oft gefragt.

Was sich aber erkennbar veränderte in den letzten Jahren seines Lebens, war, wie er seinen Körper hielt in der Welt. Mein Paps hatte es nicht mehr eilig und seine Bewegungen verrieten das. Ich erinnere mich an den letzten Besuch bei ihm, die Zeit in der kleinen Küche, in der er sich zwischen Tisch und Anrichte bewegte. Die Ruhe, die er ausstrahle, obwohl er innerlich noch mit den Veränderungen dieser Zeit zu kämpfen hatte. Meinen Eltern war im Herbst zuvor nach zunehmend quälenden Jahren die Trennung gelungen und er hatte ein Häuschen gekauft, es entkernt und von Grund auf renoviert. Das war einfach sein Ding: bauen.

Mein Vater als kleiner Junge mit seiner Schwester und den Eltern.

Seine zwei Jahre ältere Schwester war Architektin, aber für meinen 1936 geborenen Paps kam keine längere Schullaufbahn und erst Recht kein Studium infrage. Er beendete die Volksschule und machte eine Lehre in der Firma, in der auch sein Vater tätig war. Später arbeitete er viele Jahre als Handelsvertreter und ohne, dass ich mit ihm darüber groß gesprochen habe, glaube ich, dass er daran vor allem die vielen Begegnungen mit anderen Menschen mochte.

So lange ich mich erinnern kann, hat mein Vater immer Pläne gezeichnet. Ich könnte heute gar nicht mehr im Detail sagen, wofür. Mal ging es um den Ausbau unseres Dachbodens, dann träumte er von einem Häuschen im Süden und plante es so liebevoll, als sei es beschlossene Sache. Uns Kinder konnte er mit derlei Luftschlössern immer begeistern und es störte uns kein bisschen, wenn es bei diesen Träumereien blieb.

Mit nur 48 Jahren hatte mein Paps beim Tennis den ersten Herzinfarkt. Zum Glück wussten wir da nicht, dass ihn der letzte 20 Jahre und sieben Monate später umbringen sollte. Im Krankenhaus irritierte uns Mädchen, wir waren damals fünf und drei Jahre alt, der Rollstuhl, schließlich hatte er doch ein kaputtes Herz und keine kranken Beine.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie groß und voller Liebe das Herz meines Vaters war, wie unbezwingbar und stark. Es war wie das letzte Zuhause, dass er sich geschaffen hat: nicht für sehr viele Menschen gedacht, aber alle, denen er darin Platz machte, hatten den sichersten Ort der Welt gefunden. Ihn aber konnte sein Herz nicht schützen: ein seltsamer Widerspruch. Vielleicht würde er mir zuflüstern, dass auch er nicht gut darauf aufgepasst hatte und ich wüsste, das stimmt: Schließlich war ich es, die ihm über die Jahre zärtlich fluchend seine geliebten Zigaretten in die verschiedenen Krankenhäuser schmuggelte.

Meine Schwester und ich mit meinem Paps und einem Eis im Krankenhaus.

1984 also der erste Herzinfarkt und mir fällt zum ersten Mal auf, dass sein Alter und die Jahreszahl sich spiegeln lassen, 84:48. So, wie sein Geburtsjahr und das seines ersten Kindes, meiner älteren Schwester, 36:63. Die Liebe zu solchen Zahlenspielen habe ich von ihm.

Ich schweife ab.

Der erste Herzinfarkt und die große Angst. Das Krankenhaus, der Rollstuhl, die Tränen meiner Mutter, die so jung ist, zwei kleine Kinder hat und der die Ärzte sagen, ihr Mann werde es wohl leider nicht schaffen. Sie verabschiedet sich alleine von ihm, wir Mädchen sitzen ahnungslos bei den Nachbarn, die tiefen Ringe unter ihren Augen, als sie uns abholt.

Mein Vater lebt einfach weiter, sitzt lachend im Krankenhausbett und wünscht sich ein Eis. Er hat früher nie Eis gegessen und plötzlich möchte er nichts Anderes. Mein Mann und ich haben in den ersten Wochen des Jahres 2021 Twin Peaks geschaut und die Szenen der dritten Staffel, in denen Dougie mit dieser seligen Zufriedenheit Kuchen isst, haben mich an meinen Paps und seine Eisbecher erinnert. Dieser absolute Frieden. Das war selten in unserer Familie.

Mein Vater erklärte, Eis essend, im Krankenhaus, wenn er diesen Mist ganz und gar überlebe, wolle er eine Sonnenbank kaufen und ein Haus bauen. Sonnenbänke waren damals der letzte Schrei und weil man noch nicht wusste, wie ungesund sie sind, lagen meine Schwester und ich viele Stunden fasziniert blinzelnd im lilafarbenen UV Licht und sonnten uns.

Ein halbes Jahr nach dem Herzinfarkt stand ein knallgelbes Puppenhaus mit leuchtend rotem Dach unter dem Weihnachtsbaum, das mein Vater gebaut hatte. In jedem Raum lag Teppich, die Wände waren tapeziert und die Lampen daran verkabelt und spendeten echtes Licht. Ich war begeistert. Drei Jahre später zog unsere Familie ebenfalls in ein gelbes Haus mit rotem Dach. Mein Paps hat seinen Traum verwirklicht. Das glückliche Zuhause auf Lebenszeit wurde es aber nicht für ihn, bei einer der Trennungen meiner Eltern ließen wir es alleine am Hang zurück. Wenn ich von früher träume, bewege ich mich bis heute durch diese Räume, obwohl wir danach noch an vielen Orten gemeinsam oder getrennt voneinander lebten.

Das gelbe Puppenhaus mit dem roten Dach.

Wenn ich aber an meinen Vater denke, sehe ich ihn in seinem Häuschen. Es war das erste Mal, dass er ein Zuhause nur für sich plante. Bei unserem letzten Telefonat nur wenige Tage vor seinem Tod erzählte er mir, nun hinge auch die letzte Lampe und ich musste an die schaukelnden Lichtkörper im gelben Puppenhaus denken. Mein Paps war sehr gut darin, Orte zu schaffen, an denen Menschen sich wohlfühlen.

In jenem Telefonat erzählte er, das Gästestübchen unterm Dach sei eigentlich meins, weil ich von den vier Kindern doch am weitesten wegwohnte. Wir schmiedeten Pläne für Besuchstage, für Rotweinabende auf dem Sofa, für alles, was er neu entdecken würde und er wollte sich so gerne noch einmal neu verlieben, wenn der Sommer kommt.

Doch als der Sommer kam, war er nicht mehr da und mein Herz wirft bis heute eine große, traurige Falte darüber, dass er nicht noch einmal so geliebt wurde, wie er es verdient hatte. Dann denke ich daran, wie tief bewusst ihm in den letzten Monaten seines Lebend die große Liebe seiner Kinder war und das tröstet mich ein bisschen, aber mein Herz ziept auch im Vermissen. Ich hätte gerne viel mehr Zeit mit ihm gehabt; so ist das vermutlich immer. Vor allem frage ich mich, wie sich unser Verhältnis mit den Jahren verändert hätte und daran gewachsen wäre, wie wir beide uns ins Leben entwickeln.

Die Ehe mit meinem Paps hat meine Mutter zur Stiefmutter seiner älteren Kinder gemacht, doch das war mir als kleinem Mädchen nur vage bewusst. Die Beziehung zwischen meinem Bruder und unserer Mutter war eng, wir Mädchen sind oft eifersüchtig darauf gewesen. Es schien, als mildere er ihren Frust darüber, selbst keinen Sohn, sondern nur uns Töchter bekommen zu haben. Wie hat mein Paps das empfunden? Was würde er zu mir in der Rolle als Stiefmama sagen, welchen Rat würde er mir geben? Könnte er verstehen, dass es mich ärgert, wie sehr diese Rolle häufig von Fremdzuschreibungen bestimmt ist, verletzt, wenn Leute sich ein Bild davon machen, ohne mich zu kennen? Ich vermute, mein Paps würde sagen, was scheren dich die Gedanken der anderen. Ihn hat so etwas nie bekümmert.

Ich würde ihn fragen, wie es für ihn als Vater war, die großen Kinder, die neue Ehe und der Wunsch, all das zusammenzuführen. Das ist nicht immer so gelungen, wie er es sich gewünscht hat; weil er eine große Offenheit hatte in diesen Dingen, würde er mir davon erzählen. Mein Vater war ein großer Geschichtenerzähler und vielleicht wird mir das gerade zum ersten Mal so bewusst. Aber ja: Er war ein großer Erzähler und ich konnte ihm stundenlang zuhören, wie er Anekdoten aus seinem Leben wiedergab. Er war außerdem sehr witzig, konnte schallend über sich selbst lachen und andere zum Lachen bringen. Das war schön.

Die Liebe meines Vaters bleibt, auch wenn er nicht mehr hier ist.

Mein Vater war auch ein komplizierter Mensch, stur und rechthaberisch. Sich mit ihm zu streiten, war schlimm. In seiner Wut konnte er sehr unfair werden und wir haben einander bisweilen schlimme Dinge an den Kopf geworfen. Aber mein Paps konnte sich entschuldigen und dabei machte es keinen Unterschied, ob er sich mit Erwachsenen oder uns Kindern gefetzt hatte. War er im Unrecht, sah er das ein, wenn sein Zorn verraucht war – und gab es zu. Und egal, wie heftig wir gestritten hatten, war undenkbar, dass wir ohne eine Umarmung ins Bett mussten: Man geht nicht im Groll aufeinander schlafen, so lautete sein Credo. Daran hat er sich immer gehalten und es war eine wichtige Konstante für uns Kinder.

Je häufiger er krank wurde, umso mehr fürchtete ich seinen Schlaf und den Tag, an dem er nicht mehr aufwachen würde. Größer als meine Angst, ihn zu finden, war nur die, nicht bei ihm zu sein, wenn er diese Welt verlässt. Ihm nicht die Hand zu halten. Nie zu erfahren, ob er friedlich gehen durfte. Doch mein Paps ist nicht im Bett gestorben, sondern auf dem Weg von der Tanzfläche einfach umgefallen. Sein bester Freund hatte ihn an diesem Abend mitgenommen, weil seine Frau kurzfristig passen musste. Vielleicht haben die beiden gescherzt, ob mein Vater sich bei dieser Feier neu verlieben würde.

Ich weiß es nicht, weiß aber, dass sie einen schönen Abend hatten, dass der Mann mit dem großen Herzen, mein Vater, glücklich gewesen ist in diesen letzten Momenten, seine Schritte beschwingt. Das bedeutet so viel. Der erste Infarkt in jener Januarnacht hat sein Herz aus dem Takt gebracht und ihn zu Boden stürzen lassen, wo herbeieilende Ärzte versuchten, sein Leben zu retten. Der zweite hat ihn mit sich hinfortgeholt. Zwischen den beiden ist meine Schwester blind vor Tränen in die große Halle gestolpert, weil Gäste der Feier sie, die nahebei wohnte, angerufen hatten.

Auch wenn sie seine Hand nicht halten konnte, war sie doch bei ihm und so schwer diese Momente für sie gewesen sein müssen, so tröstlich ist doch das Wissen darum. Mein Vater hat alle seine Kinder von Herzen geliebt, er kannte da keine Unterschiede. Mit seiner Jüngsten hatte er dennoch eine besondere Verbindung, die sich nicht erklären lässt, die einfach da war, wie ein warmes Licht. Ich bin unendlich dankbar im Wissen darum, dass sie im Moment des Abschieds bei ihm war.

Seine Hand habe ich Tage später im Leichenschauhaus gehalten. Ungläubig über ihre Kälte und untröstlich über diesen Abschied, habe ich ihm meine Liebe an diesem seltsamen Ort flüsternd mit auf die letzte Reise gegeben. Die Dunkelheit und Schwere dieses Raumes haben mich lange nicht losgelassen. Der Tod meines Vaters hat mich verändert und es gab Zeiten, in denen ich dachte, ich könne nie wieder frei atmen. Doch irgendwann hat der Schmerz begonnen, sich zu verändern.

Heute ist das Vermissen ein dunkler, ruhiger Ton in der Melodie meiner Tage. So ist mein Paps immer bei mir. Und ich entdecke ihn in den Kindern meiner Schwestern. Vor allem in den Jungs, auch wenn ich glaube, das ist Zufall. Es ist dann, als würde er uns durch sie zuwinken von dort, wo er jetzt ist. Seine Zuneigung lebt weiter in jener, die wir, seine Kinder und Enkel, miteinander teilen. Sein großes Herz hat Räume in unseren Herzen gefüllt. Die Liebe bleibt. Und das ist schon sehr viel.

4 thoughts on “Ein dunkler, ruhiger Ton in der Melodie meiner Tage

  1. Wunderschön geschrieben mit so viel Liebe! Mein Papa ist vor acht Jahren gegangen und ich finde mich in so vielen Facetten des Vermissens wieder, die du beschreibst. Vielen Dank. 🖤

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.