Eine neue Zeitrechnung

Im April 2017 kassierte Mainz 05 im Spiel gegen den SC Freiburg die fünfte Niederlage in Folge. Groß waren da die Fragezeichen hinter der weiteren Zukunft des damaligen Trainers Martin Schmidt. Sportdirektor Rouven Schröder vermied zunächst ein klares Bekenntnis. Am Morgen danach stellte er sich vor die Presse und verkündete, man werde die Saison mit Schmidt weitermachen. Mainz sicherte sich an deren Ende mit 37 Punkten auf Platz 15 den Klassenerhalt. Erst dann trennten sich die Wege von Trainer und Verein.

Bruchweg: The Times They Are-A-Changing. (Foto: WP)

Ich erinnere mich sehr gut an die damalige Situation, weil sie für mich einen Grundstein gelegt hat in meinem eigenen Verständnis. Die Auftritte der Mannschaft in den besagten fünf Spielen hatten bei mir die Überzeugung reifen lassen, es brauche den berühmten neuen Impuls von außen, um die Klasse noch zu halten. Schröders Entscheidung, die dem Vernehmen nach nicht zuletzt geprägt war von der Haltung des da noch amtierenden 05-Präsidenten Harald Strutz, war für mich schwer nachvollziehbar. Klar hatte man an Kloppo immer festgehalten, aber war das nicht eine gänzlich andere Situation? Ich weiß aber ebenso genau, dass ich im Verlauf des Tages sinngemäß schrieb: Entscheidung gefallen, egal wie, jetzt müssen sich alle wieder hinter den Verein stellen. Schon damals war dies meine feste Überzeugung, dass es zur Natur der Anhängerschaft gehören muss, hinter ihrem Verein zu stehen. Was sollte sonst ihre Rolle sein?

Prägend war dieser Apriltag aber aus anderen Gründen, die sich erst in der Nachbetrachtung herauskristallisierten. Aus dieser heraus hatten Rouven Schröder und die weiteren beteiligten Verantwortlichen nämlich die richtige Entscheidung getroffen, weil Mainz 05 die Klasse hielt – ohne sich dem zu unterwerfen, was gemeinhin als die „Regeln des Geschäfts“ betitelt wird. Dieser Moment war deshalb so wichtig, weil man unter neuer Regie den alten, in den vergangenen zwei Jahrzehnten etablierten inneren Gesetzen treu geblieben war – und damit Erfolg hatte. Für mich bleibt es deswegen einer, der viel aussagt über das Wesen des Vereins zu diesem Zeitpunkt, auch über Rouven Schröder, weil er bereit war, das Risiko einzugehen, sich in diese Tradition zu stellen. Und der dafür belohnt wurde. Das Credo, der Verein steht über allem, bedeutet demnach, die für den Verein definierten Werte stehen über allem – und zu diesen Werten gehört es, sich nicht kirre machen zu lassen von Erwartungen, die von außen an einen herangetragen werden. Im Zweifel: Die Regeln des Geschäfts zu ignorieren.

Rouven Schröder äußert sich im Vereinskanal zur Trennung von Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Man kann das anachronistisch finden, romantisch, verklärt. Es ist aber die Herangehensweise, die ich in jenem April 2017 für mich verinnerlichte als eine, die den Mainzer Weg weiter ausmachen würde – daran hat sich nichts geändert. Geändert hat sich aber, was seitens der Verantwortlichen als aktueller Weg angesehen wird und als Resultat gaben diese am Tag nach der Niederlage gegen Union Berlin die Trennung von Chefcoach Sandro Schwarz bekannt. Vorerst wird nun Co Jan-Moritz Lichte das Training leiten, gesucht wird derweil ein neuer Trainer, zu dessen Profil Rouven Schröder am Sonntag noch nicht viel sagen wollte, nur dies: Er werde vermutlich von außen kommen. Dies ändere nichts daran, dass man von den Trainern im Verein überzeugt sei, erklärte der Sportvorstand, aber es sei der Zeitpunkt gekommen, auch mal anders zu schauen, als es zuletzt üblich gewesen ist. Dieser Ansatz ist, da man den Trainer nun mal entlässt, sicher nachvollziehbar: Wenn schon anders, dann auch ganz und gar – und nicht bloß die halbe Strecke.

Schröder wirkte in der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz sichtlich niedergeschlagen, wie die meisten Vereinsmitarbeiter*innen, die bei Ankunft der Presse am Bruchweg waren. Natürlich sei das eine Situation, die „emotional auch weh tut“, sagte der Sportvorstand. Ein „sehr gutes, emotionales und einvernehmliches Gespräch“ sei der Entscheidung vorausgegangen, in dem Sandro Schwarz klar signalisiert habe, diesen Weg mitzugehen. Die Nachfragen blieben natürlich nicht aus, ob der Coach den Schritt von sich aus angeboten habe oder die Entscheidung vom Verein gekommen sei. Dazu sagte Schröder: „Es ist kein Frage-Antwort-Spiel. Es ist grundsätzlich so, dass wir als Verein natürlich den Takt vorgeben, dass wir die Verantwortung auch haben, zu sagen: So, es ist das Gefühl, dass wir uns trennen.“ Mehrfach betonte er, dieser Schritt sei eine Niederlage, die alle Verantwortlichen betreffe, nicht zuletzt die Mannschaft, die er sehr deutlich in die Pflicht nahm. „Wir wollten definitiv nicht diesen Mechanismus bemühen. Und trotz allem war es jetzt für uns in letzter Instanz der richtige Schritt.“

Bis zuletzt den Verein gelebt und geliebt: Sandro Schwarz. (Quelle: Mainz 05)

Einer, der – das war deutlich herauszuhören – auch dem Gefühl geschuldet ist, das Umfeld in der aktuellen Konstellation nicht mehr weiter hinter den Verein bringen zu können: „Nach und nach bekommst du ein Gefühl für die Situation. Sind wir noch in der Lage, in der Konstellation weiter zu arbeiten. Bekommen wir diese Geschlossenheit – auch im gesamten Umfeld – wieder hin. Auch mit negativen Erlebnissen, das ist ja wichtig, gibt’s da eine Toleranzgrenze oder ist das grundsätzlich negativ behaftet.“ In Teilen des Umfelds war, das muss man leider so klar sagen, die Personalie Sandro Schwarz von Anfang an negativ behaftet. Bemühungen, dies zu ändern, wurden einerseits unternommen – Beispiel die Gesprächsrunde mit Trainer und Fans – blieben aber andererseits Strohfeuer. Mit der Reaktion der Fans beim Spiel gegen Union Berlin scheint nun der Punkt erreicht, an dem die Sorge, das Umfeld vollständig zu verlieren für den gemeinsamen Weg, bei den Verantwortlichen zu groß wurde. Das ist, gerade für Mainz, schon ein bemerkenswerter Vorgang. Spannend ist dabei vor allem die Frage, wer nun derjenige sein soll, der dieses Umfeld von der Seitenlinie aus wieder hinter den Verein bringen soll.

„Ich verstehe das so in meinem Beruf, dass man seinem Trainer bedingungslos zur Seite steht und mit ihm in guten wie in schlechten Zeiten die Dinge bestreitet.“
Rouven Schröder

Zumal Schwarz im Verein selbst, bei den Menschen, die täglich mit und unter ihm arbeiteten, eine sehr hohe Anerkennung genossen hat. Das wird in Gesprächen immer wieder deutlich, weil diese Leute es deutlich machen, betonen, wie groß sein Anteil war an ihrer Entscheidung, sich Mainz 05 anzuschließen. Seine Entlassung berührt viele Punkte, die von außen gar nicht sichtbar sind und inwiefern das Nachbeben bedeutet, bleibt abzuwarten. Schröder jedenfalls hielt am Sonntag ein letztes Plädoyer für seinen Trainer: „Viele im Umfeld glaube ich wissen es immer noch nicht, wie leidenschaftlich Sandro diesen Verein gelebt und geliebt hat. Seine Spieler gelebt und geliebt hat. Jeden Tag sich den Arsch aufgerissen hat für die Nummer. Und es ist einfach so, dass mir das auch nahegeht, weil einfach der eine oder andere Spieler das in der Form nochmal deutlicher auch hören musste von meiner Seite, dass es für uns alle eine Niederlage ist. Das ist ein Punkt, wo sich jeder noch mal deutlich hinterfrage muss, wie die Reise weitergeht. Denn der Charakter wird entscheidend bleiben, auch für die Zukunft.“

Diese Zukunft zu gestalten ist nun sein dringlichster Auftrag. Erste Berater*innen hätten ihre Trainer nur Sekunden nach der Mitteilung über das Aus von Sandro Schwarz bereits bei ihm angeboten, sagte Schröder, ein Seufzen im Blick. So ist nun mal das Geschäft. Und mit der Entscheidung vom Sonntag ist Mainz 05 fürs Erste ein ganz normaler Bestandteil dieses Geschäfts geworden. So kam nach den emotionalen Einblicken von Rouven Schröder in die Vorgänge seit dem Abpfiff vom Samstag denn auch seine deutliche Ansage: „Es gilt jetzt, den Blick nach vorne zu richten, denn das ist unsere Aufgabe, und im Sinne des Vereins eine gute Lösung zu finden.“

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