Fare thee well, Elkin Soto

Es kann einen an skurrile Plätze verschlagen, dem Gesprächspartner die Wahl für den Ort zu überlassen, an dem der gemeinsame Termin stattfinden soll. Nicht so im Fall Elkin Soto, mit dem man auf diese Weise im „Hintz & Kuntz“ landet, einem der von den Brüdern Kamil und Özür Ivecen in Mainz betriebenen Läden, und beliebter Treffpunkt in der Stadt. Vorm Lokal Szenen, die ganz mühelos jenes Bild bestätigen, das sich 05-Fans in zehn Mainzer Jahren vom Publikumsliebling gemacht haben: Freundschaftlich umarmen sich Soto und sein längst zum Gefährten gewordenen Übersetzer Martin Heininger. Heiter zwinkert die lange verletzte #19 einem Buben zu, der ihn mit offenem Mund anstarrt. Drinnen bestellt er in flüssigem Deutsch sein Getränk, auch die Fragen im Gespräch versteht Soto. Und doch, die Antworten möchte er lieber übersetzt wissen: „Damit ich mich so ausdrücken kann, wie ich das gerne möchte.“

Bis Ende Juli ist Elkin Soto noch in Mainz*, dann ziehen er, seine Frau und die zwei Töchter nach Kolumbien. „Es wird eine neue Erfahrung, wir haben noch nie als Ehepaar dort gelebt.“ Die Vorfreude ist groß, auch wenn Soto weiß: „Ich werde fortan immer Heimweh haben. In Mainz vermisse ich Kolumbien, dort fehlt mir Mainz. Und auch das deutsche Essen.“ Soto hat, so scheint es beim Blick in die Zeitungen, in den letzte Tagen alle Interviews zum Ende seiner Zeit in Deutschland gegeben, das Kapitel ist abgeschlossen. Wir möchten mit ihm nun über die Copa América sprechen, bei der er als Nationalspieler 2011 selbst dabei gewesen ist.

Im Gespräch mit Elkin Soto.

Im Gespräch mit Elkin Soto.

„Die Copa hat für uns eine immense Bedeutung“, betont Soto. „Fußball ist in Kolumbien nach wie vor Sport Nummer Eins, auch wenn wir viele andere gute Sportler haben. WM und Copa waren gerade in meiner Kindheit schwer vergleichbar, weil wir uns ein paar Mal nicht für die WM qualifiziert haben. Das hat den Wert der Copa noch gesteigert.“ Ganz intensiv erinnert er sich an das Turnier 2001 im eigenen Land. „Damals wurde viel für die Infrastruktur sowohl der Städte als auch der Stadien getan, davon profitiert man bis heute. Und die Stimmung war natürlich sensationell.“ Er sagt das wohlgemerkt über ein Turnier, in dessen Vorfeld es auch schwere Unruhen und Entführungen gab, Argentinien blieb darauf lieber gleich zuhause, die Lage war angespannt. Doch die Copa selbst blieb letztlich friedlich – und der Gastgeber holte sich den erträumten Titel. „Wir waren uns der besonderen Rolle bewusst“, erinnert sich Soto. „Es war einfach an der Zeit. Es war der größte denkbare Triumph, und er ist gelungen.“

Das Nationalteam habe, sinniert der 35-Jährige, lange Zeit von der Strahlkraft des Teams um Carlos Valderrama gezehrt. „Inzwischen ist mit der Generation Falcao ein neues, großartiges Team herangewachsen, von dem wir uns viel erhoffen.“ Das galt auch für die Copa in den USA, zu der viele Kolumbianer anreisten. „Die Euphorie ums Turnier war riesengroß.“ Dass es außerhalb der 4-Jahre-Routine stattfand und erstmals in Nordamerika ausgetragen wurde, habe der Begeisterung in Kolumbien keinen Abbruch getan. „Im Gegenteil. Man sagt nicht umsonst Copa América, schön, dass dem Namen nun mal Rechnung getragen wurde.“

In Sotos fußballbegeisterter Familie wurden nicht nur die Spiele des Nationalteams geschaut und dessen Siege gefeiert, sondern auch die Schuhe geschnürt: Sein Vater spielte als junger Mann für Once Caldas, Heimatverein Manizales’, der Ort, an dem Soto und die Geschwister aufwuchsen. Die Schwester kickte nicht, der Bruder entschied sich nach kurzer Karriere doch fürs Studium und arbeitet als Tierarzt. Und Elkin? Begann als Steppke von etwa acht Jahren, mit der Familie ins Stadion zu gehen, verliebte sich in die Atmosphäre und den Sport, wurde Profi und holte mit Once Caldas 2004 die Copa Libertadores de América.

Das Cover des Magazins.

Das Cover des Magazins.

„Die Stimmung in den kolumbianischen Stadien ist der in Deutschland ähnlich“, erzählt Soto, dessen Lieblingsarena bis heute die in Manizales ist. „Aber sie sind häufig überdimensioniert, dann wirken sie sehr leer.“ Neu für ihn als Spieler war in Deutschland die räumliche Nähe zu den Fans. „Auf dem Zaun zu feiern, das würde es nicht geben, nicht zu meiner Zeit. Da hätte die Polizei Bedenken.“ Die einst üblichen „Käfige“ um die Fanblocks gehören aber heute der Vergangenheit an. In Deutschland gefalle ihm die Arena in Wolfsburg besonders, sagt Soto, und verteidigt die Begeisterung tapfer gegen das Entsetzen bei Übersetzer und Journalistin. „Ein tolles, großes Stadion, mit schönem Licht.“ In Sachen Stimmung, schiebt er immerhin nach, sei natürlich Dortmund etwas ganz Besonders. „Und Mainz.“ Ja.

Eine sichtlich aufgeregte Frau nähert sich dem Tisch. „Entschuldigung, sind Sie Elkin Soto?“ Der Angesprochene nickt lächelnd. „Ich dachte mir das. Ich habe Sie erkannt. Wir sind bei jedem Spiel!“ Aufgeregt fingert sie einen Kalender hervor und bittet schüchtern: „Würden Sie das für meinen Sohn signieren? Der ist ein riesiger Fan. Wir haben so die Daumen gedrückt, dass sie nach der schweren Verletzung vergangene Saison am letzten Spieltag noch mal dabei sind.“ Soto nickt freundlich, als er den Kalender entgegennimmt, dabei nicht einfach seinen Namen signieren, sondern fragt: „Wie heißt Ihr Sohn?“ „Jonah. Mit ‚h‘ am Ende.“ Soto nickt wieder, setzt den Stift an und schreibt mit weichem Schwung: „Für Jonah, dein Elkin“, bevor er sich mit derselben Freundlichkeit und Konzentration wieder dem Gespräch zuwendet.

Wo sieht er fußballerische Unterschiede zwischen Kolumbien und Deutschland? „Auffällig ist natürlich die Geschwindigkeit, das enorme Hin und Her. In Kolumbien verlangsamt der sehr technische Ansatz das Spiel.“ Welcher europäische Fußball dient als Vorbild? „England“, so die spontane Erwiderung. „Zumindest in meiner Gegend. Der Kolumbianer Juan Osorio, aktuell Nationaltrainer Mexikos, war einige Jahre Assistenztrainer bei Manchester City. Dann trainierte er Once Caldas, wurde mit ihnen Meister. Er hat viel von der englischen Spielweise eingebracht. Die Premier League wird in Kolumbien intensiv verfolgt, die Bundesliga hat aber aufgeholt.“ Das weckt auch früh das Interesse junger Spieler am Ausland, einen Nachteil für die Liga sieht Soto darin indes nicht. „Dadurch kommen in heimischen Vereinen Talente früher zum Zug. Und man darf nie vergessen, nicht jeder Spieler macht im Ausland Karriere.“

Der Artikel im Magazin Zeitspiel.

Der Artikel im Magazin Zeitspiel.

Sotos eigene Karriere verlief in vielen Bereich „großartiger, als ich es mir erträumen konnte. Ich habe immer alles gegeben und in meinen Vereinen wunderbare Zeiten erlebt.“ Was nach Fußballerfloskel klingen könnte, bekommt bei dem vielgereisten Spieler direkt Futter: „Es ist für kolumbianische Spieler nicht einfach, sich im Nationalteam zu etablieren. Ein Grund dafür sind die häufigen Trainerwechsel und die mangelnde Konstanz. Aber ich habe meine Chance immer wieder bekommen und auch genutzt.“ Die vielen Flugstunden waren für ihn dabei nie Strapaze. „Man war körperlich platt, ja, aber emotional stark. Es hat sich immer gelohnt, auch wenn man mal nur auf der Bank saß.“ Sein erstes Spiel im Dress Kolumbiens hat er natürlich nie vergessen: „Es war mit 21, bei einem Freundschaftsspiel in Japan. Ein tolles Gefühl.“

Die Teilnahme an einer WM hätte die Nationalmannschaftskarriere krönen können, doch fürs Turnier 2014 in Brasilien wurde Soto aus dem vorläufigen Kader noch gestrichen. „Natürlich ist das nicht schön, so nah dran war ich nie. Aber die Qualifikationen für 2006 und 2010 zu bestreiten war toll, auch die Teilnahme an der Copa 2011. Leider sind wir da im Viertelfinale gegen Guerreros Peruaner rausgeflogen.“ Bei der Erinnerung ans Aus gegen den Kollegen aus der Bundesliga kann Soto längst lachen. Wie nimmt er kurz vor der Heimkehr seine eigene Rolle in Kolumbien wahr? „In Manizales bin ich schon eine Identifikationsfigur. Den Respekt zu spüren ist ein schönes Gefühl. Das bedeutet mir viel.“ Dabei lächelt er, nickt, und es fällt schwer, ihn zum Abschluss nicht kurz in den Arm zu nehmen. Dafür ein Dankeschön, für das offene Gespräch. Und alles Gute für die Zukunft, Elkin Soto. Möge sie dir gewogen sein.

*Das Gespräch mit Elkin Soto habe ich im Juni geführt. Ursprünglich erschienen ist dieser Artikel in der Ausgabe #5 von Zeitspiel – Das Magazin für Fußball-Zeitgeschichte.

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