Fastnacht bei Mainz 05: Den Abend in der Kurve gewonnen

Für mich ist es inzwischen üblich, dass ich ein Fußballspiel in verschiedenen Laufrichtungen lese. Zunächst vorwärtsgerichtet, in der Beschäftigung mit dem Gegner, Trainingseindrücken, mittels Pressekonferenz und dem, was man als „Gefühl rundherum“ beschreiben könnte. Das wird – Blick in den Rückspiegel – oft vom Verlauf der vorangegangenen Partie mitbestimmt. Es folgt mit dem eigentlichen Spiel das Echtzeiterlebnis, wobei diese Eindrücke nicht nur durch die jeweilige Partie variieren, sondern auch davon beeinflusst werden, ob ich diese im Block, auf der Pressetribüne oder vorm Fernseher verfolge. Wie isoliert gerade der TV-Eindruck in vielerlei Hinsicht ist, wie es die Wahrnehmung des Spiels beeinflusst, wenn der Blick gelenkt wird durch Kamerawechsel und -perspektiven, wird mir oft bewusst, wenn ich das Spiel im Nachgang von Band erneut ansehe.

Kolumne

Im Spielverlauf kommt mit der parallelen Beobachtung der Partie in den sozialen Medien – vor allem Twitter – eine zweite Ebene wie ein Filter hinzu. Die erhält nach Abpfiff, wenn ich zuhause Kommentare und Einschätzungen nachlese, nochmal eine besondere Bedeutung. Dann mute ich mir auch Kommentare bei Facebook zu und lese die Partie im Kigges-Forum nach. Dabei ändert sich auch wieder die Richtung der Betrachtung, die aus der Echtzeit in den Rückblick springt. Oft geht es mir dann schon so, dass ich mich frage, warum viele KommentarschreiberInnen nicht für sich in Erwägung ziehen, erst dann die eigene Meinung für die Nachwelt ins Internet zu tackern, wenn sich die unmittelbaren Emotionen wieder beruhigt haben. Aber was weiß ich schon.

Fick dich ins Knie, Internethysterie

Zu diesem Zeitpunkt einen konstruktiven Diskurs führen zu wollen, ist vergebene Liebesmüh. Das hat mit einer Thematik zu tun, die Fußballdiskussionen keinesfalls exklusiv ist: Viele verwechseln Meinungsfreiheit mit Meinungshoheit, sprich, fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt, sobald ihnen widersprochen wird. Demnach darf man, zurück zu Mainz 05, am Verein angeblich nichts kritisieren, ohne attackiert zu werden, was aber natürlich niemanden davon abhält, es lustvoll zu tun. Schwamm drüber: Kritik ist ja auch völlig in Ordnung. Was ich nur in diesem Leben nicht mehr verstehen werde, sind die sich wiederholenden, völlig kopflosen Entlassungsforderungen, ist die komplette Fehleinschätzung dessen, was der eigene Verein zu leisten imstande ist.

Wenn nach dem bisherigen Saisonverlauf, nach der vorangegangenen Transferperiode und nach dem, was diese junge, entwicklungsfähige Mannschaft schon an Potential angedeutet hat, nach einem Spiel wie gestern nicht einfach die Kritik an dieser Partie zur Sprache kommt, sondern viele Fans sofort wieder die Köpfe von Trainer und Vorstand fordern, hinterlässt mich das schon eher ratlos. Wenn in einer hasserfüllten Innbrunst beschrieben wird, der Trainer habe sich ja komplett vercoacht, dann frage ich mich, was die Leute sich eigentlich von so einer 05-Saison erwarten.

Wer ist hier beim falschen Verein?

Nochmal, jedeR hat das Recht, zu kritisieren, was vermeintlich schiefläuft. An einem gewissen Punkt muss man dann aber auch mit der Gegenfrage leben, ob es eigentlich noch geht. Oder mit der Feststellung, offenbar beim falschen Verein angeheuert zu haben, die ich dann gerne unter solche Kommentare setze. Ich meine, wo kommen wir denn da hin, wenn sich hier jemand mit 27 Punkten aus 20 Spielen am 21. Spieltag einfach mal so vercoacht! Es ist schließlich sein Job, von dem wir hier reden und sicher liegt von jenen, die da gern schnell und hart den Stab brechen, im eigenen Job nie jemand daneben. Perrrfektion!

Lustigerweise passiert es zuletzt immer häufiger, dass mir darauf entgegnet wird, vielleicht sei ich beim falschen Verein. Darüber habe ich – reflektiert, wie ich nun mal bin – nachgedacht, Ergebnis: erstes Saisonziel Klassenerhalt und falls der frühzeitig eingetütet wird, sehen wir weiter – check. Sportliche Stoßrichtung, auf eine junge Mannschaft setzen und der Zeit und Raum für Entwicklung geben (was heißt, auch ein Ergebnis wie Freitagabend zu ertragen, denn das Spiel war ja nicht so schlecht, wie es im Nachhinein aussieht) – check. Trainer und Vorstand zutrauen, dass sie in ihrem Job keine Blinden sind, sondern wissen, was sie tun – check. Nein, ich denke, ich bin definitiv nicht beim falschen Verein. Aber. Was. Weiß. Ich. Schon.

Eine Kurve sollt ihr sein

Könnte ich mir also die Reihenfolge der Beschäftigung mit dem Spiel aussuchen, so würde ich sicher nicht mit den Onlinekommentaren aufhören. Aber meinen Zeitreiseführerschein habe ich leider nicht bestanden und so bleibt eben nur, sich am Ende auf das Echtzeiterlebnis im Stadion zurückzubesinnen. Gerade nach einem Spiel wie gestern. Denn auch, wenn es sich vermutlich in den Ohren der Fernsehzuschauer seltsam anhört, tun mir die Fans tatsächlich leid, die diesmal nicht im Stadion waren. Und nein, das soll nicht im mindesten der Einstieg in eine „Besserfan-Diskussion“ sein, die also bitte nicht hineininterpretieren. JedeR muss diesen Verein nach der eigenen Façon leben und damit glücklich werden (oder eben nicht).

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Aber wer im Stadion dabei war, wird dieses Spiel später mal nicht als Katastrophe erinnern. Es wird nicht nur abgebucht sein als die zweithöchste Niederlage nach dem einst (grauenvollen) 1:6 gegen Werder Bremen und vielleicht rücken sogar die (großartigen) Fastnachtstrikots in der Erinnerung in den Hintergrund. Was bleiben wird, das ist die Reaktion auf den Rängen, für die Trainer Sandro Schwarz in der Pressekonferenz nach der Partie lobende Worte fand und der Coach, Mannschaft und Sportchef schon durch den applaudierenden Gang in die Kurve nach dem Spiel Respekt gezollt hatten. Denn, seien wir ehrlich, das hätte richtig in die Hose gehen können. Eine Mannschaft, die im Sondertrikot abgeschossen wird, hat es auch letzte Saison gegeben, und weil das Team, der Verein und die Fans keinen gemeinsamen Umgang damit fanden, klaffte hinterher eine tiefe Lücke in den diversen Beziehungen, die über Monate unterm Verband pochte.

Ein Moment für die Ewigkeit

Eine Wiederholung dieses Zerwürfnisses ist nicht zu befürchten. Nicht nur, dass die Spiele selbst nicht vergleichbar sind, es ist seitdem auch ein Jahr ins Land gezogen, in dem zwar noch nicht alles perfekt funktioniert hat in der Kommunikation, aber unter zarter Fürsorge ein Zusammenhalt gewachsen ist, aus dem Kraft auch für schwierige Situationen erwächst. Und damit meine ich nicht die zwei Niederlagen, denn sowas passiert und wird wieder passieren, ich meine echte Krisen, die eben auch wieder kommen werden. Die Art und Weise, wie beschissene Tage und harte Zeiten hier gewuppt werden, wurde gestern stimmgewaltig und aus vollen Herzen angedeutet. Wo das Spiel nun mal zur Fastnachtspartie ausgerufen worden war, wurde es auch entsprechend begangen und gegen das Treiben auf dem Rasen lautstark mit „Am Rosenmontag bin ich geboren“ angesungen und Trost im „Heile, heile Gänsje“ gesucht. Das alles im Wunsch, Zusammenhalt zu demonstrieren – und nicht etwa, die Mannschaft zu verhöhnen oder im Stich zu lassen.

Um das unmissverständlich zu unterstreichen, folgte auf die närrischen Gesänge abermals laute Unterstützung, klang ein kraftvolles „Mainz 05, wir sind da“ aus allen Kehlen. Schwarz attestierte den Fans ein „sehr gutes Gespür für meine junge Mannschaft“, was sicher stimmt, mehr noch war das aber ein sehr gutes Gespür für Mainz 05, für das, was den Verein ausmacht, immer getragen hat und was auch in Zukunft entscheidend sein wird dafür, wohin diese gemeinsame Reise geht. Bedingungsloser Zusammenhalt gehört zur DNA des Vereins. An einem Abend wie diesem sind Zuschauerzahlen und Ergebnis letztlich sekundär. Was bleiben wird sind diese Momente, dieses Gefühl für einander, die Situation, den Verein. Das ist Mainz 05. Alles andere kann weg.

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