Hör mein Lied, Violetta

du wurdest tot geboren
bist langsam nur erwacht
Gott hat dich auserkoren
in jener schwarzen Nacht

der Krieg begann, da warst du drei
deine Kindheit ging daran vorbei
Tränen im Luftschutzbunker
Kinderspiele im Garten
Mutti versetzt die Klunker
ihr findet Handgranaten
die Deutschen habt ihr schon bald erkannt
die Englische aber – hat einen verbrannt…
Kinderspiele im Krieg
Hitler glaubt noch an Sieg
und in der großen Stadt
wird lange keiner satt

im Kinderzug nach Bayern
da wirst auch du versendet
in heißen Tränen brennt die Frage
wann dieser Krieg nur endlich endet

Ketten
rasseln
Kettenhund
Brüste
schwingen
Muttermund

das Heimweh zersetzt
dein zitterndes Ich
Angst, Hund, Mutter, Sehnsucht
– erinnerst du dich?

nach dem Krieg noch jahrelang Katzen gefressen
die Schrecken der Jahre doch niemals vergessen

der Vater landet im fernen Russland
ein deutsches Schicksal viel zitiert
„heut kommt er wieder!“, glaubt deine Mutter
– deine Angst, dass sie den Verstand verliert

da steht er plötzlich in der Tür
„Violetta es zog mich zurück zu dir;
hörst du mein Lied, Violetta, sag“
– und schließlich doch zu früh ins Grab

Foto: gino73/pixelio.de

Foto: gino73/pixelio.de

es endet ein Krieg
doch nicht das Sterben
und noch immer liegt
die Welt in Scherben

mit dem Schlitten im Schnee gewesen
unter erste Röcke geschaut
Kind-Seele versucht zu genesen
und auf ein neues Glück gebaut

das Glück kam langsam und in Dosen
es wächst keine Dorne ohne Rosen

Berlin verlassen
zurückgekehrt
Frauen gekostet
Glück vermehrt

Leder
Roller
so verwegen
Klage
Richter
Kindersegen

wie sehr hast du diese Jahre genossen
für kurze Zeit wurde nirgends geschossen

geliebt schließlich die eine
sie liebte viel zu viel
Hochzeit Kinder Ehekrieg
Scheidung Trauerspiel

du willst dich rächen, an allen Frauen
dafür, wie dein Herz hier bricht
das große Herz aber sehnt sich nach Heimat
Rache? nein, das kannst du nicht

eine neue Liebe dir gefunden
das Glück nur kurz bewahrt
dein Herz hat den Schock nie überwunden:
ihres war kalt und hart

zwei Kinder hat auch sie dir geboren
die wurden, wie du einst, auserkoren

die Liebe deiner Kinder
ist dir wie ein neues Land
doch ihre Mutter bricht dein Herz
mit ruhiger und geschickter Hand

die Ehe
ein Kühlschrank
und festgefroren
die Kinder
sie wärmen
nur halbverloren

gefesselt und geknebelt
in einem Bett blind weiß
für deine große Liebe
zahlst du hier den Preis
wie kannst du den Krieg überwunden haben
nun soll’n wir dich in diesem Bett begraben
und dann die Frage
hat der, der nur gibt
sich nach all der Zeit
einfach tot-geliebt

die Wahrheit hat sich feige versteckt
doch ich habe sie ausgemacht
mit ihrer kalten, toten Liebe
hat sie dich leise umgebracht

gestorben bei Waffenruhe
als echtes Sonntagskind
Tränen an deinem frischen Grab
sag mir, wie Frieden klingt?

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