I saw God and he dyes his hair

Nick Cave sieht aus, als sei er aus Lakritz. Entwirrt aus einer großen, schwarzen Schnecke, deren beide dürre Fäden man voneinander gelöst hat, um seine Arme und Beine daraus zu bauen. Unfassbar lange Arme und Beine, die immerzu in Bewegung sind, hüpfen und springen, sich dehnen und Entfernungen überwinden, die einen. Beschreiben, aufzeigen, wirbeln oder sich um Warren Ellis wickeln, wenn der seiner Geige wieder Überirdisches wie selbstverständlich entlockt hat, die anderen. Lakritzmännchen.

Eine Bühne voller Lakritzmännchen.

Eine Bühne voller Lakritzmännchen.

Als kleines Mädchen habe ich Lakritze geliebt, längst aber die Begeisterung an ihrem seltsamen Geschmack, der sich nicht beschreiben lässt, verloren. So, wie man unterwegs diese strahlende Weihnachtsbaumbegeisterung verliert, die kindliche, absolut ungetrübte, die den vorangegangenen Moment schon vergessen hat und noch nichts weiß von dem, der folgen wird. Eine offen daliegende, schutzlose Emotionalität, verwundbar und naiv, erkennbar bloß an den weit aufgerissenen Augen der Kinder, die sie durchflutet; Augen, die das auslösenden Moment tief und ganz und gar in sich aufnehmen wollen.

Dieser Abend schenkt mir Weihnachtsbaumbeigeisterungsaugen, aus deren weiten Wänden ich in die Dunkelheit der Stadthalle Offenbach schaue und die fließenden Bewegungen des Lakritzmännchens verfolge. Seiner Stimme lausche, die mal zart durch den Saal fließt, um sich dann wieder mit zitterndem Druck in jedes Ohr zu pressen. Jede Bewegung, jeder Song sinkt ein in die staunende Begeisterung, macht sich auf die Reise durch meinen Körper, mein Bewusstsein, als willkommener Gast, dessen Präsenz noch lange nach seiner Verabschiedung in der eigenen Wohnung zurück bleibt.

Nick The Bat Cave in Aktion. (Fotos: WP)

Nick The Bat Cave in Aktion. (Fotos: WP)

Wie den Schatten einer Fledermaus wirft die Bühnenbeleuchtung Caves Bild an eine Wand der Halle, während der sich neben der aktuellen Platte vor allem durch seine älteren Stücke singt, stöhnt und schreit, die ihre Reise über Jahre und Jahrzehnte allesamt gut überstanden haben und scheinbar nicht nur ihre eigene Geschichte erzählen, sondern auch die der Zeiten, die sie hinter sich gebracht haben. Jedes Stück kommt richtig und passend; eigene Lieblinge fehlen, aber so ist das immer, und deswegen nimmt Cave sogar Wünsche entgegen, ganz der charmante Gastgeber, der die DJs dieser Welt niemals sein wollen. Anderthalb Stunden, ein Blinzeln, ein glückliches. Eingeflossen in die vielen Moment der Vorfreude auf dieses Konzert, verlängert durch eine Zugabe und danach sicher im Herzen nach Hause getragen. „And some people say that it’s just rock’n’roll. Oh, but it gets right down to your soul.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.