Komm, wir geh’n ins Kino: Ein Tick anders

Im Kino, wie eigentlich überall sonst im Leben, geht es auch ein bisschen um die Frage: Was will ich eigentlich? In diesem Fall: von einem bestimmten Film, zu einem bestimmten Thema. Und genau da fängt es ja im Prinzip schon an schwierig zu werden, weil doch irgendwie jeder etwas ganz anderes will, oder zumindest selten zwei genau das gleiche. Was also erwarte ich mir von einem Film, der eine Protagonistin mit Tourette-Syndrom in seinen Mittelpunkt stellt? Ich fürchte, das „Falsche“ – und bringe zur Erklärung eine kleinen Anekdote an, bevor ich (versprochen!) zum Film komme.

Im zarten Alter von 19 Jahren hatte ich die wahnwitzige Idee, mich als Praktikantin bei einer Daily Talkshow zu bewerben. Dafür gondelte ich sogar zu einem Bewerbungsgespräch nach München. Dankbarerweise erinnere ich weder meine Motivation für diesen Irrsinn, noch viel von dem Gespräch, nur dies: Die verantwortliche Redakteurin wollte von mir wissen, was meines Erachtens der Zweck dieser Sendungen sei? Und ich gab todernst und eben so gemeint zur Antwort: „Den Menschen, die daran teilnehmen, zu helfen.“ Offenbar hatte ich mich nicht unbedingt durch exzessives Schauen der Formate auf das Gespräch vorbereitet, das Praktikum jedenfalls habe ich – Überraschung! – nicht bekommen.

Vorsicht, diese Oma schießt scharf! (Foto: Verleih)

Vorsicht, diese Oma schießt scharf! (Foto: Verleih)

Worauf ich hinaus will… Ein bisschen etwas von diesem Ansatz geht auch immer mit mir ins Kino, wenn ich Filme schaue, die sich mit einer bestimmten Problematik auseinandersetzen. Das heißt nicht etwa, dass ich es nicht schätzen kann, wenn ein Thema humorvoll oder satirisch oder einfach unterhaltsam aufbereitet wird, es kann aber passieren, dass mich der Film etwas ratlos hinterlässt. Zum Beispiel, wenn sich am Ende von „Four Lions“ alle vermeintlichen Überzeugungstäter so ganz und gar sinnlos in die Luft gesprengt haben; nicht, dass ich der Meinung bin, das ließe sich sinnvoll anstellen…

„Ein Tick anders“ ist auf jeden Fall eines: herrlich skurril. Das trifft besonders auf die liebevoll gezeichneten Figuren zu, angefangen mit Hauptfigur Eva (Jasna Fritzi Bauer), die „dank“ ihres Tourette-Syndroms unkontrolliert flucht und Leute beleidigt. Ihr Onkel Bernie (Stefan Kurt), verhinderter Band-Star, steht Eva treu zur Seite, die kaufrauschende Mutter backt pausenlos für die Tourette-Selbsthilfe und der Vater kann seine Arbeitslosigkeit nur so lange verbergen, bis Eva ihn eines Tages im Wald beim Bewerbungen schreiben erwischt. Derweil vertreibt die Oma (Renate Delfs) sich ihre Zeit damit, Haushaltsgeräte in die Luft zu sprengen oder mit der Schrotflinte Playmobil-Figuren von der Schaukel zu schießen. Was nach Chaos klingt, gibt Eva Halt und Sicherheit – doch dann bekommt ihr Vater einen Job ausgerechnet in Berlin und das Mädchen soll mit den Eltern wegziehen aus der vertrauten Umgebung.

Weil Bewerbungsgespräche schon mal scheitern, wenn man sie mit einem lauten „Heil Hitler“ beginnt, sinnt Eva nach einem Plan B, der mit einem zwar missglückten Banküberfall beginnt, durch allerlei Verwicklungen aber doch erfolgreich und sehr gewinnbringend ist. Am Ende ist Eva finanziell unabhängig und kann dort bleiben, wo sie sich wohl fühlt – und ein bisschen verknallen darf sie sich auch noch. Diese Geschichte erzählt Regisseur Andi Rogenhagen flott, unterhaltsam, manchmal auch rührend und immer saukomisch. Und doch bleibt ein wenig von der altbekannten Ratlosigkeit darüber, wie sich eigentlich ein Betroffener fühlt, nach einem Film, in dem die Lösung für den Umgang mit seiner Krankheit darin besteht, die Schule zu schmeißen, sich zumindest ein Stück weit von den Menschen zurückzuziehen und eine Bank zu überfallen. Aber das ist natürlich überspitzt formuliert und ebenso kann man den Machern die Überzeichnung als lauten Aufruf zu mehr Toleranz auslegen. Denn immerhin, mit der Chance auf einen Job wäre zumindest der Banküberfall nicht nötig gewesen.

Ein Tick anders
Buch & Regie: Andi Rogenhagen
Darsteller: Jasna Fritzi Bauer, Renate Delfs, Waldemar Kobus
Deutschland 2011, 92 Minuten, FSK 6

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