Konzertbesucher: Eine Typologie

Bei Konzertbesuchen kann man sich eigentlich gar nicht in die Nesseln setzen: Mit etwas Glück ist die Musik gut und man genießt einen schönen, vielleicht sogar besonderen Abend. Ist der Bühnenauftritt des Künstlers wenig anregend, kann man sich die Zeit nebenher damit vertreiben, seine Umgebung zu beobachten. Über die Jahre trifft man so, in ihrer genauen Ausprägung und Anzahl abhängig vom jeweiligen Künstler und dessen Musik, auf die immer gleichen Gesichter. Eine Typologie.

Thank you for the music, Wilco. (Foto: WP)

Thank you for the music, Wilco. (Foto: WP)

Vorband-Ausraster
Für mich sind Vorbands selbst dann eine Qual, wenn ich am Ende des Konzertabends bekennen muss, dass ihr Auftritt besser war als der des Hauptacts. Und es ist mir egal, ob einige große Künstler als Warm-Up für heute längst vergessene Musiker angefangen haben; da bin ich Egoist. Daneben bin ich aber ein höflicher Mensch und klatsche deshalb freundlich, wenn die Vorgruppe einen Song beendet. Vom höflichen Klatschen hat der Vorband-Ausraster noch nie gehört. Er ist schon beim Betreten der Konzerthalle dermaßen euphorisiert, dass auch eine strickende Oma oder ein Seifenblasen pustender Junge auf der Bühne genügen würden, um ihn zu Jubelstürmen zu animieren. Vollkommen ekstatisch beklatscht, bejohlt und behüpft er ab dem Moment, in dem das erste Scheinwerferlicht den Raum erhellt, bis zum Ende des Abends jede Bewegung auf der Bühne. Das ist ein bisschen unheimlich – und sorgt schlimmstenfalls dafür, dass die Vorband eine Zugabe gibt.

Balkon-Bitches (BB)
Es muss wohl mindestens einen mir unbekannten Film geben, in dem der Bühnenstar am Ende des Abends ins Publikum deutet. Das Scheinwerferlicht folgt seinem zitternden Finger und verharrt auf einer jungen Frau in der Menge, flackert neckisch auf ihrem tiefen Dekolletee und der Künstler gesteht ihr vor allen seine Liebe – oder deutet zumindest an, sie dürfe nachher in seinem Hotelzimmer vorbeikommen. Nur so erklärt sich die Hoffnung derer, die sich – in aller Regel auf der Empore oder Galerie des Konzertsaals – am Geländer drapieren. Alleine, in engen, kurzen Kleidchen, die mehr enthüllen als sie erahnen lassen, hängen die BBs gen Bühne, schmachten, schütteln ihr Haar, lassen die Brüste wogen – und man möchte ihnen zurufen: Mal von der Bühne aus in einen Scheinwerfer geglotzt? Für den Typ da unten bist du nichts als ein Lichtklecks. Doch man schweigt. Höflich.

Plakat-Hochhalter
Nichts gegen ein hübsch gestaltetes Plakat – und es ist mir prinzipiell ja auch egal, von wem meine Banknachbarin ein Kind haben möchte. Aber ob die Werbung den Adressaten tatsächlich erreicht – siehe BBs und die Sache mit dem Scheinwerferlicht…

Getränke-Verschütter
Mir persönlich eine besondere Freude sind Gruppen von sagen wir zehn, zwölf Konzertbesuchern, die sich Stunden vorm musikalischen Anstoß ein gemeinsames Plätzchen suchen – und dann im Zehnminuten-Takt einen aus der Gruppe für alle zum Bierholen schicken. Da selten eine ausgelernte Oktoberfest-Fachkraft darunter ist, kommen von den georderten zwölf Bieren in der Regel etwa die Hälfte halbleer an, der Rest klebt auf Blusen und im Haupthaar der Umstehenden. Das ist umso witziger, wenn der unerwartete Schwall von vorne, hinten oder oben noch mit einem kichernden, „hups, sorry, hattest du heute schon geduscht?“ begleitet wird.

Sitzplatz-Steher
Man kann zu einem Thema ja bekanntlich mindestens zwei Meinungen haben – auch als eine Person. Sprich, wenn zwei dasselbe sagen ist es noch lange nicht das gleiche und ich bin beispielsweise der Meinung, wenn es das Spiel verlangt, ist im Fußballstadion zumindest vorübergehend jeder Sitz- ein Stehplatz. Aber das ist ja auch eine 14-tägig wiederkehrende Veranstaltung, bei der man irgendwann die Nachbarn kennt. Was Konzertsäle angeht, steckt doch ein verdammtes Konzept dahinter, dass Veranstalter neben Stehkarten auch solche für Sitzplätze verkaufen, die in der Regel zudem teurer sind. Denen möchte ja niemand untersagen, zwischendurch für einen Song aufzustehen oder bei der schlussendlichen Zugabe zu hüpfen. Aber wenn jemand direkt beim ersten Lied aufspringt, den Rest des Konzertes seinen Platz nie wieder einnimmt und auf höfliche Bitten der Konzertbesucher hinter sich mit Beschimpfungen dahingehend reagiert, sie sollten sich um einen Platz im Altenheim bewerben – dann kann es sich nur um ein Sitzplatz-Steher handeln.

Geschichtsschreiber
Kein Abend ist so langweilig, als dass es sich nicht lohnt, ihn mindestens achtzigfach abzulichten, zu kommentieren und weiterzuverbreiten. Was den Konzertbesuchern vor 30 Jahren die Wunderkerze, ist heute die Beleuchtung im Handydisplay: Richtig dunkel ist es eigentlich nie im Saal, weil die Generation iPhoneSamsungNokia auch in der Masse nicht alleine sein kann, und erst Ruhe gibt, wenn der letzte Ersatzakku gestorben ist.

Zwangsbegleiter
Zu erkennen am gequälten Gesichtsausdruck. Können den Künstler nicht leiden, haben die Karten aber von der Schwester ihrer Frau zum 12. Hochzeitstag geschenkt bekommen – war natürlich ein Tipp der werten Gattin. Haben aber vor Jahren mal behauptet, Caught in the Act auch toll zu finden und kommen aus der Nummer deswegen nicht mehr raus. Trinken aus Frust so viel, dass sie am Ende des Abends neben ihrer euphorisierten Gattin sofort schnarchend einschlafen.

Vorspielbegleiter
Zu erkennen an ihrem seligen Grinsen. Haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Caught in the Act grauenvoll finden – und sind trotzdem mitgekommen, ihrer Gattin zuliebe. Der haben sie die Karten zum zehnten Hochzeitstag geschenkt. Trinken in Maßen, damit sie am Ende des Abends keinesfalls einschlafen, wenn sie neben ihrer euphorisierten Liebsten auf die Matratze sinken…

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