Kris Kristofferson in Frankfurt: Help me make it through the Night

Yeah, alright: „Don’t judge a book by its cover“, so heißt es. Und das ist ja auch richtig, aber ganz ehrlich – da kommt dieser kahlrasierte Typ in die Frankfurter Jahrhunderthalle. Arme tätowiert, Hände tätowiert, am Hals hochtätowiert bis zu den Ohren. Und sagt ehrfürchtig zu seiner Begleitung: „Ich hab’ schon am ganzen Körper Gänsehaut.“ Worauf der Kumpel stumm nickt und wiederum der Tätowierte spricht: „Ich glaub’, den Abend krieg’ ich nicht rum, ohne zu heulen.“ Äh? Der Mann, der solche Reaktionen bei seinem Publikum hervorruft, noch bevor er jemals die Bühne betreten hat, ist Kris Kristofferson – und die Runde, vor der er in Frankfurt spielen wird, mit illuster gut beschrieben: Zwischen die obligatorischen Cowboyhüte und -stiefel in Braun, Schwarz und Gold mischt sich eine Gruppe, die ausschaut, als komme sie gerade von einem Date mit Elvis Presley. Alte Damen, wackelig und gebückt an Stöcken auf dem Weg zu ihren Sitzen, nehmen Platz neben Popcorn kauenden Kerls, und Damen mit schweren Perlenketten sitzen bei Altrockern mit langem Silberschweif.

Mit seinen alten Hits und dem neuen Album auf Tour: Kris Kristofferson.  (Foto: KK Records)

Mit seinen alten Hits und dem neuen Album auf Tour: Kris Kristofferson. (Foto: KK Records)

Silber ist mit seinen 76 Jahren längst auch der Mann auf der Bühne – dazu bei allem Glauben auch abergläubig: Seit Jahren beginnt er jedes seiner Konzerte mit „Shipwrecked in the Eighties“; bringt Glück. Irgendwie könnte er aber auch den Titelsong der Teletubbies singen (haben die einen Titelsong?), das Publikum ist so oder so von der ersten Sekunde an verliebt. Und ja, es gibt etliche Künstler, die mit ihrem Publikum umgehen können, aber nein, verliebt ist trotzdem nicht zu hoch gegriffen – es könnte einem vielmehr schon fast unheimlich werden dabei, wie sehr hier gemeinsam geschwelgt wird. Und mit dem beschleunigten Herzschlag dieses Abends ließe sich ohne Probleme über einen sehr kalten Winter kommen. Als der Texaner mit „Here Comes that Rainbow again“ seinen gerademal vierten Song anstimmt, wird im Auditorium schon erstmals schüchtern mitgesungen und gebrummelt. So anrührend die Story, angesiedelt in einem Truck-Stop, so ehrlich der Vortrag; in den kurzen Pausen, die Kristofferson macht, vernehmliches Schneuzen, gemischt mit verzückten Seufzern. Das klingt übertrieben? Und ist doch erst der Anfang.

Bei Klassikern wie „Help Me Make it through the Night” oder „Nobody Wins” („But Obama won, which means: We all win!“) wird der ergraute Musiker auf der Bühne von einer Welle der Zuneigung und Euphorie umspült. Die Reaktion auf neuere Stücke wie „Closer to the Bone“ fällt kaum weniger begeistert aus. Dazu immer wieder murmelnde Anerkennung für die Textnetze, die Kristofferson mit leichter Hand über seinem Publikum auswirft: „One more Rainbow for the Road“ (This Old Road)… „I may never get to Heaven, but I’ve seen a lot of Stars“ (The Heart) – und die trockene Feststellung des gläubigen Christen: „You don’t have to be as good as Jesus – you just have to ask yourself: ‚How would Gary Cooper handle it?‘!“

In der Pause („Do whatever you do in an intermission, they asked me to give you one! “) – noch mehr Cowboystiefel und strahlende Gesichter. „Das tut mick so wunnebah!“, erklärt ein Native-English-Speaker seinem Sitznachbarn, der erwidert: „Da hätte man echt was verpasst, wenn man heute nicht hier gewesen wäre.“ Dazwischen unzählige „Ohs“ und „Ahs“ und immer wieder die simple Feststellung: „Der ist einfach so toll.“ Einer, der mit 76 Jahren nichts verlernt hat. Den das Leben ruhiger gemacht hat, ohne sein Feuer ausgehen zu lassen. Der spürbar erfüllt ist von einer tiefen, ehrlichen Dankbarkeit darüber, wohin dieses Leben ihn getragen hat. Und der in der Lage ist, in anderen so viele Gefühle zu wecken, weil er sie in sich trägt – der nichts tut, als seinen Herzschlag zu übertragen auf die Menschen um sich herum. „Like a Bird on a Wire, like a Drunk in a Midnight Choir, I have tried in my Way to be free“ – diese Songzeile Leonard Cohens will Kristofferson dereinst als Inschrift auf seinem Grabstein wissen. An diesem Abend steht ein Mann auf der Bühne, der seine Freiheit gefunden hat – und sein Glück.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.